1897. m WWW !#■ iMr i H l' UEÖ ■W s ris M lk aäl? Jäte® »MN MW mhLj|liu,u.. 'ffimam man nichts Unrechtes thnt, Das ist schon ganz gut; Es heißt aber auch nun Etwas Rechtes thun. Alb. Roderisch. Dreisach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen, Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen, Ewig still steht die Vergangenheit. Ihre erste Liebe. Novelle von E. von Bischdorf. (Fortsetzung.) Er vermochte e-3 nicht, ihr Vorwürfe zu machen, als er ihre Angst und Reue sah. Aber er faßte doch den festen Entschluß, seine Kinder künftig unter einer zuverlässigere Oberaufsicht, als die der Mutter, zu stellen. „Hans Max ist nun bald schulpflichtig," sagte Felix bald nach jenem Vorfälle zu seiner Frau, „wie wäre es, wenn wir jetzt schon eine Gouvernante in das Haus nehmen würden, die sich mit den Kindern beschäftigen könnte, da Dir Deine Zeit dazu ja doch zu kostbar ist?" Es klang doch etwas Bitterkeit aus den letzten Worten. Regine hätte ihm gerne entgegnet, daß jener Tag ihr zur Lehre gedient habe- daß die Mutter gewöhnlich die ersten Anfangsgründe im Schreiben und Buchstabiren zu lehren pflege und daß sie mit Freuden dieses Amt übernehmen würde, — aber ein falscher Stolz hielt sie zurück. 'Die Erzieherin kam, und Regine machte es sich zur Pflicht, den Unterrichtsstunden beizuwohnen. Sie war angenehm überrascht, in ihr ein vielseitig gebildetes, begabtes Mädchen zu entdecken, das bald ein lieber Verkehr für sie wurde. Nach langer Entbehrung genoß sie wieder die Freude anregenden Gedankenaustausches. Am Abende wurden die Klassiker herausgesucht und mit frischer, beiderseitiger Begeisterung gelesen. Selbst Felix ließ dabei oft seine Zeitung fallen und hörte den Damen aufmerksam zu, ohne daß Regine es beachtete. Bald nachdem das Haus sich um diese neue Bewohnerin bereichert hatte, sollte es eine andere dafür hergeben. Christinchen ward von Woche zu Woche müder und schwächer. Noch that sie ihre Arbeit, ging auch allsonntäglich in die Kirche und nahm dort ihren alten Platz ein neben den „Hohen- rationen" des Städtchens, wie sie es nannte. Aber sie selbst sprach über die Veränderung, die mit ihr vorging. „Ich weiß nicht, was das mit mir ist," meinte sie still lächelnd. „Es ist mir so, als wollte es nun Abend werden- als ständ' ich auf einem Berge und sähe wohl Alles noch, was mich sonst gefreut und geärgert hat, aber tief unter mir, als ginge mir das Alles nicht mehr an und könnt' mir nicht mehr stören in meiner Friedlichkeit — in mir ist's immer so still, wie Feiertag's \“ Bald brach der große Sonntag wirklich für sie an. Er kam wohlverdient nach einem Werktagleben voll pflichtgetreuer Arbeit und küßte die Stirne der Alten mit verklärendem Schimmer. Es schien, als wäre der gute Geist des Hauses mit ihr zu Grabe getragen worden. Sie Alle hatten am Sarge der treuen Dienerin geweint, Felix, Regine, die Kinder. Aber wie groß die Lücke war, die ihr Tod gerissen, das begriffen sie doch erst allmälig. Niemand schien mehr zu wissen, was er zu thun habe. Es fehlte eben die rechte Leitung. Regine suchte so schnell als möglich eine neue Wirth- schasterin zu gewinnen, und es gelang ihr auch, ein wahres Prachtexemplar aufzutreiben, dessen Leistungen nach den Reden alles bisher Dagewesene überstiegen. Mit der Zeit mußte sich freilich selbst Regine überzeugen, daß hinter den großen Worten wenig steckte. Mamsell trug die neuesten Moden und las Schauerromane aus der Leihbibliothek- derweilen trieben die Mägde allerhand Kurzweil, und es war erstaunlich zu sehen, wie schnell das wohlgeordnete, festgefügte Getriebe des Haushaltes zerfiel. Regine schickte sich endlich an, selbst nach dem Rechten zu sehen. Aber beschämt gestand sie sich, das Wenige vergessen zu haben, las sie unter Christinchens Leitung in der ersten Zeit ihrer Ehe gelernt- langsam zog sie sich wieder zurück trotz ihres Mannes Bitten und ernsten Vorstellungen, um sich vor den Leuten keine Blößen zu geben durch ihre Unkenntniß, und ließ die Dinge gehen, wie sie wollten. Kaum ein Jahr war nach Christinchens Tode vergangen- einen besseren Ersatz für sie hatte man nicht gefunden, und kein Fremder hätte mehr auch nur noch einen schwachen Schimmer der ehemaligen Musterwirlhschaft in Hellingsthal entdeckt. Da sagte sich Reginens Schwiegermutter zu kurzem Besuche an- sie war seit der Taufe des Jungen nicht dort gewesen, und Regine erschrak heimlich. Was würde die 186 alte Frau sagen, wenn sie einen Einblick in die verwilderten Zustände in Küche und Keller that? Aber er blieb ihr gerade nur so viel Zeit, ein Fremdenstübchen zu rüsten. Schwiegermütterchen kam und hatte eitel Freude an ihrem Flix, an der schönen Schwiegertochter, sie konnte sich nicht satt sehen an den prächtig blühenden Enkelkindern. Aber schon das Mittagessen brachte die erste Enttäuschung. Eine Pute erschien als Braten, aber was für ein jämmerliches Ding! Haut und Knochen und Sehnen. Die schönen Puten waren ein besonderer Stolz von Hellingsthal gewesen. Regine fing den kritischen Blick auf, mit dem Frau von Helling das elende Geflügel maß, und entschuldigte sich hastig: „Die nachlässige Magd hatte im Frühlinge die kleinen Puten nicht gehütet, sondern sie im Regen herumlaufen lassen, da waren die meisten gestorben, der Rest verkümmert." Die Magd hatte wohl gewußt, daß weder von Seiten der gnädigen Frau noch der Mamsell eine Besichtigung des Geflügelstalles zu befürchten stand, da war sie auch eben ihren eigenen Vergnügungen nachgegangen, gerade wie diese beiden. Als Frau von Helling später einen stillen Musterungsgang antrat, schloß sich Regine ihr lieber gar nicht an. Sie fürchtete die Vorwürfe, die immer noch früh genug kommen würden. Aber Schwiegermütterchen sagte gar nichts, als sie von ihrer Wanderung zurückkam,- sie sah nur so niedergeschlagen aus, daß ihr Anblick Reginen weher that als alle Worte. Gern wäre Frau von Helling der Schwiegertochter mit ihrer bewährten Erfahrung zu Hülfe gekommen/ aber diese schwieg und sie war viel zu feinfühlig, um ungebeten ihren Rath aufzudrängen. Kurz vor der Abfahrt stand sie mit ihrem Sohne allein vor der Hausthür. Felix räusperte sich. „Liebe Mutter," begann er dann zögernd, „könntest Du nicht versuchen, eine tüchtige Wirthschafterin für uns ausfindig zu machen? Du hast ja selbst gesehen, wie schlecht die arme Regine damit angekommen ist." Sie nickte nur zustimmend, dann schwiegen Beide wieder. Vom Garten ließen sich die Hellen Kinderstimmen vernehmen. Frau von Helling legte leise ihre Hand auf des Sohnes Arm: „Wie viel Ursache zum Dank Du doch hast, mein Felix," sagte sie sanft und innig, „solch' prächtige Kinder — eine so liebe Frau —" und doch standen dabei Thränen in ihren Augen. Felix zog ihre Hand an die Lippen/ so warm hatte er sie noch nie geküßt. Selbst aus dem Munde der eigenen Mutter hätte ihn ein Tadel der geliebten Frau geschmerzt. * * * Im Winter zog ein ungebetener neumodischer Gast in HellingSthal ein, die Influenza. Regine und die Kinder wurden davon ergriffen und konnten die Folgen nicht recht überwinden. Darum sprach der Arzt von Luftveränderung, als der Sommer kam, von einem Nordseebade. Lottchen Rechow schrieb begeisterte Briefe aus Sylt, wo sie mit den Knaben weilte, und Felix beschloß, Regine und die Kinder dorthin zu bringen, damit sie an den Verwandten gleich passenden Anschluß fänden. Er selbst konnte sich vorläufig nicht für längere Zeit von seinem Gute entfernen. Später nach der Ernte hatte er einem Freunde einen Besuch in Heidelberg versprochen, welches ihm infolge alter Erinnerungen lieb war/ hatte er doch dort als lebensfroher Saxoborusse einige Semester Jura studirt. Die Koffer wurden gepackt und Regine sah der Befreiung aus dem ewigen Einerlei des Landlebens freudig entgegen. Wie viel Genuß bot schon die Reise! Der Nachmittag, den man in Blankenese bei Hamburg zubrachte, versetzte sie in Entzücken. Der Anblick der eleganten Villen und Gärten, der breiten Elbe, welche mit ihrem Wechsel von Ebbe und Fluth die Nähe des Meeres schon so verheißungsvoll andeutete ; später das Herumfahren im Hamburger Hafen und Besichtigen der fremdländischen Schiffe, die von Italien, Amerika, aus den deutschen Kolonien kamen, das war alles ein so fremdes, anregendes Getriebe, und die junge Frau fühlte sich dadurch wie von neuem Leben erfüllt. Auf ihre dringende Bitte wollte man auch die Reise nach Sylt ganz zu Schiffe machen, obgleich Felix das fröstelnde Grauen, das ihn bei dem Gedanken an eine fünfzehn- bis sechzehnstündige Wasserfahrt beschlich, nicht unterdrücken konnte. Welches Hochgefühl erfüllte Regine, als sie am nächsten Morgen die Ufer der Elbe immer weiter zurücktreten sah, bis sie den Blicken endlich ganz entschwanden, und das weite, herrliche Meer mit seinen graugrünen Wogen sie auf seinen Rücken nahm und sie dahin trug. Mit vollen Zügen schlürfte sie die salzige, erquickende Luft ein und spähte den weißen Möoen nach, die das Schiff begleiteten. Was kümmerte es sie, daß die Brise immer heftiger wehte! Den Hut hatte sie längst abgenommen, um ihre Stirne in dem frischen Winde zu baden, und nun beobachtete sie mit Begeisterung das stetige Anwachsen der Wellen. Wie sie ihr Spiel trieben mit dem großen, kräftigen Dampfer, wie sie ihn auf und ab schaukelten, je nachdem ihnen die Laune stand. Eine wundersame Empfindung kam über Regine. Es war ihr, als sei sie ganz allein auf dem Schiffe, als wäre sie mit dem Schiffe eines geworden, und sie freute sich des Kampfes, den es zu bestehen hatte mit den Wogen, um sich die Bahn zu erobern, als sei sie selbst die Ringende und ihre Energie allein trage sie vorwärts. Da schlugen schöne, wohlbekannte Worte an ihr Ohr, die zu ihrer Stimmung paßten, wie keine anderen. Jemand declamirte in ihrer Nähe Byrons herrlichen: „Address to the Ocean,“ diese Unvergleiche Hymne auf das Meer. Auf Regine fiel es wie der Bann eines Zaubers/ die Stimme erinnerte sie an etwas Schönes, längst Vergangenes/ sie wußte selbst nicht genau, warum dieselbe sie so berührte. Aber erst als die Verse beendet waren, wandte sie sich um und suchte den Sprecher. Wie ein heißer Schreck durchzuckte eS sie plötzlich, daß sie sich schnell zurückdrehte und, wie schwindelnd, mit der Hand die Lehne einer Bank ergriff — nein, es war kein Traum. Jener schöne, große Mann mit der weißen Stirne und den dunkeln Augen war der Gegenstand ihrer ersten Liebe, war Lothar von Lossen. Neben einem etwa siebenjährigen Knaben stand er dort, in elegantes und doch zweckentsprechendes Civil gekleidet, mit der leichten weißen Leinenmütze auf dem dunkeln Haare, deren Schirm die Augen vor dem Blenden schützte, und schien nur zu dem Kinde jene Worte gesprochen zu haben. Denn es war merkwürdig leer geworden auf Deck/ alle die zahlreichen Passagiere schienen allmälig verschwunden zu sein. Regine rang nach Fassung. Da stand er schon neben ihr und musterte sie mit einem seltsamen bewundernden Blicke: „Ich weiß nicht, meine gnädigste Frau, ob ich noch die Ehre in Anspruch nehmen darf, von Ihnen gekannt zu sein," sagte er, sich tief verbeugend, und doch sprach aus seiner Art und Weise eine gewisse, sichere Zuversicht, nicht vergessen zu sein. Das gab Regine die nöthige Haltung. / „Gewiß erinnere ich mich Ihrer noch, Herr von Lossen," sagte sie kühl und fühlte ärgerlich das aufsteigende Roth in ihren Wangen, „wir verlebten vor Jahren einige angenehme Stunden zusammen bei meinem Verwandten Palzin." Das klang nicht sehr ermuthigend. Aber eben jene Röthe des lieblichen Antlitzes stärkte Lossens Selbstvertrauen. „Darf ich fragen, welches Ihr Reiseziel ist, meine gnädigste Frau, und wie lange es mir vergönnt sein wird, die Fahrt mit Ihnen gemeinsam zu machen?" fragte er weiter. Regine mußte Rede stehen. „Wir begeben uns nach Westerland auf Sylt, wo ich einige Wochen mit meinen Kindern zuzubringen gedenke. Lossen lachte erfreut. „Das ist ja ein herrliches Zusammentreffen," rief er munter. Eben dorthin strebe ich auch mit meinem ältesten. — 167 — schulpflichtigen Jungen, um mich als treuer Familienvater meiner Frau und den kleineren Kindern anzuschließen, welche schon seit einigen Wochen dort sind." Er war sehr aufgeräumt, Lothar von Lossen. Bei dem ersten Blicke hatte er die schöne, junge Frau wiedererkannt, die ihm damals als blutjunges Mädchen solch ein ungewöhnliches Interesse eingeflößt. Bald nach seiner eigenen Verlobung hatte er die ihre erfahren, und dann war sie für ihn verschollen gewesen; nun freute er sich des Wiedersehens. Nur um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, nicht etwa zum Frommen seines wenig poesieempfänglichen Sohnes hatte er den Byron vorgetragen, und es war ihm nicht entgangen, welchen Eindruck dieser gemacht. Das Zusammensein mit ihr würde eine pikante Abwechslung in die Langeweile des Badelebens bringen. Jetzt konnte er sich ja dem Genüsse ihrer Gesellschaft mit Ruhe hingebeu- sie waren beide wohlversorgte Eheleute, und er brauchte keine weitergehenden Folgen einer kleinen Courmacherei zu fürchten. In Regine aber stritten verschiedenartige Gefühle- sie sollte wochenlang mit Losfen zusammen sein — der Gedanke war so unfaßlich - er erfüllte sie mit Freude und Angst zugleich. Gleichviel, er durfte um keinen Preis von ihrer Erregung merken. „Ich freue mich, Ihre Frau Gemahlin kennen zu lernen," sagte sie ruhig. „Wissen Sie auch, daß wir Frau Lottchen von Rechow, geborene Palzin, in Sylt antreffen werden, oder stehen Sie nicht mehr bei ihrem alten Regimente in Falkenberg?" Bei dem Namen „Falkenberg" wollte es Lossen kalt überrieseln. „Nein, Gott sei Dank," rief er in komischem Entsetzen, „dem elenden Neste habe ich seit Jahren glücklich Valet gesagt. Meine jetzige Garnison ist Frankfurt a. Main." Auch das sagte er nicht ohne leichte Bitterkeit. Ja, auf Berlin hatte er doch verzichten müssen. Constanze Pottmüller hatte sich nicht so bildungsfähig erwiesen, als er gehofft. Sie paßte nun einmal nicht in die Garde, und er mußte froh sein, nur die Versetzung nach Frankfurt erlangt zu haben, welches ihm doch einigermaßen die Möglichkeit anregenden Verkehres und großstädtischer Genüsse bot, wenn auch natürlich nicht in dem Grade, wie Berlin." „Aber Sie selbst, meine Gnädigste, welchen Ort haben Sie sich zu Ihrer Residenz erwählt?" „Wir leben auf dem Lande," sagte Regine in etwas abweisendem Tone, „meines Mannes Güter liegen in Ostpreußen." „Wo aber verbringen Sie den Winter?" „Auch in Hellingsthal," erwiderte sie mit einem verfehlten Versuche zu scherzen, „mein Mann ist ein zu enragirter Landwirth, um sich von seinem Gute zu trennen, und ich bestrebe mich, mir durch Lectüre etwas geistige Anregung zu verschaffen, um nicht ganz zu verdummen in unserem abgeschlossenen Erdenwinkel." Wider ihren Willen war doch die innere Verstimmung durchgeklungen. Des Verkehres mit Menschen zu sehr entwöhnt, hatte sie verlernt Empfindungen zu verbergen, die nicht zu der Kcnntniß Anderer zu gelangen brauchten. Nun wußte Lossen sofort, wie es stand. Sie fühlte sich vereinsamt, ihr Mann war ein simpler Krautjunker, der kein Verständniß hatte für ihre Interessen- desto empfänglicher würde sie dafür sein, wenn sie dasselbe auf anderer Seite fand. Regine spürte das Bedürfniß abzulenken. „Wie wunderbar schön ist doch die Nordsee in diesem dumpfen Grollen," sagte sie und klammerte sich fest an die Schiffsbrüstung, um einem heftigen Schwanken Stand zu halten. „Es ist das erste Mal, daß ich das echte Meer sehe, bisher kannte ich nur die zahme Ostsee. Ich kann nicht sagen, wie mich der Anblick dieser großartigen, bewegten Wassermassen ergreift." Lossen nickte. „Ja, man fühlt sich dabei so ameisenklein, und doch dehnt sich die Seele so weltenweit, wie Heine es ausdrückt," sagte er ernst. Regine war betroffen- er hatte wieder die richtigsten Worte gefunden für das, was sie empfand. „Das eigene Ich mit all seinen kleinlichen Sorgen und Mühen sinkt in nichts zusammen," sagte sie langsam, „man fühlt sich nur noch wie ein Tropfen im Meere der Unendlichkeit, und es ist, als spräche aus dem Rauschen eine vertraute Stimme, welche wir in einem früheren Leben wohl verstanden haben, die uns wieder eine Zukunft verheißt, in der sich alle Räthsel der Natur für uns enthüllen werden. Gegen Felix würde sie solche Gedanken nicht geäußert haben- bei Lossen kam es ganz natürlich. „Sie würden die rechte Frau gewesen sein für Loti's Island-Fischer," meinte dieser mit leisem Lächeln, „Sie würden Ihrem Gatten die Liebe zum Meere nachgesühlt haben und hätten es ihm vielleicht sogar verziehen, daß ihm diese Liebe selbst über die zu seinem Weibe ging." „Niemals!" sagte sie hastig, „ich wäre ebenso eifersüchtig gewesen als Gaud, hätte das Meer noch bitterer gehaßt, wenn es mir ein so heiß ersehntes, kaum erlangtes Glück zerstörte!" Sie vergaß ganz, wo sie eigentlich war, mit wem sie sprach. Nur das wonnige Gefühl beseelte sie, daß da Jemand neben ihr stand, der auf ihre Ideen einging, neue in ihr anregte. Eine kleine Hand schob sich plötzlich in die ihre, und ein verängstigtes Kindergesicht blickte zu ihr empor. „Mütterchen, komm schnell," flüsterte Karin, der arme Papa will sterben!" Felix! Wo war er geblieben, wie kam es, daß sie ihn gar nicht vermißt hatte! Auf das Aeußerfte erschrocken folgte sie der Kleinen in die Cajüte, unfähig, sich die natürliche Ursache dieser Erkrankung klar zu machen. Da lag ihr unglücklicher Gatte bleich, theilnahmlos, ein klägliches Opfer der Seekrankheit. An das Sterben ging es freilich noch nicht bei ihm - aber fast wäre ihm ein Sarg auf festem Boden willkommener erschienen, als dieses bequeme Ruhesopha aus der erbarmungslos schaukelnden See. Zu helfen gab es da freilich wenig. Regine saß schweigend neben ihm und marterte sich mit heimlichen Vorwürfen, daß sie nicht seinem Wunsche gefolgt war und den Landweg genommen hatte. Erst am Tage nach der glücklichen Ankunft auf Sylt fing Felix an, sich von den Folgen der stürmischen Ueberfahrt zu erholen. Auf Karin aber hatte der Anblick seines Zustandes einen tiefen Eindruck gemacht. „Nicht wahr, Mütterchen," fragte sie ganz überwältigt von dem Erlebten, „die Seekrankheit ist doch gewiß der schrecklichste Tod?" (Fortsetzung folgt.) Herrschaften und Dienstboten. (Schluß.) Jeder Mensch, zumal der in abhängendrr Stellung, ist empfänglich für warme Theilnahmr, die man seinem nicht gerade glänzenden Geschick entgegenbringt. Ohne aufdringlich zu sein oder gerade bevormundend aufzutreten, zeige die Frau dem dienenden Mädchen, zumal dem ganz jungen, mütterliche Fürsorge, lasse sie den Pflichten ihrer Religion genügen, gewähre ihr Zeit, ihre Habseligkeiten in Ordnung zu halten, gönne ihr von Zeit zu Zeit ein bescheidenes Vergnügen, das dem jungen Blut wieder freudige Schaffenskraft gibt, und halte sie zur Sparsamkeit an - sorge auch nach Umständen dafür, daß das Mädchen ihre Sparpfennige sicher anlege und sich ein kleines Capital zu erwerben suche, das ihm in späteren Tagen eventuell zur Schließung einer Ehe, Gründung eines kleinen Geschäftes oder zur Altersversorgung verhelfen soll. Fortgesetzter Wechsel von Dienstboten oder Herrschaften lassen 188- allerdtngS solche echt menschlichen Beziehungen nicht aufkommen - denn man trennt sich schon, ehe man sich kennen gelernt hat, und dieser Umstand ist ein Krebsschaden der modernen Zeit. Von Kindern dulde man keinerlei Keckheiten gegen Dienstboten, auch haben dieselben keine Befehle zu ertheilen, sondern sich anständig und achtungsvoll, wie es Unmündigen Erwachsenen gegenüber gebührt, zu benehmen. Dasselbe, was von den Herrschaften gesagt ist, gilt auch von den Dienstboten. Auch sie treten oft mit Illusionen in die neue Stellung und manche glauben, die Herrschaft zu täuschen, indem sie sich Kenntniffe andichten, die sie nicht oder mangelhaft besitzen. Ein rechtschaffenes Mädchen möge ohne Scheu sagen, was eS leisten kann, gebe sich nicht alS Köchin aus, wenn es kaum einen richtigen Kaffee zu kochen versteht, behaupte nicht, in der Kinderpflege bewandert oder im Plätten und Flicken tüchtig zu sein, wenn dies nicht der Fall ist rc. Es bedenke, daß die Wahrheit ja doch in wenig Tagen an's Licht tritt und es dann als Lügnerin dasteht. Hat das Mädchen auch noch schwache Kenntnisse, zeigt aber dabei Eiser und guten Willen, sein Wissen zu vermehren, so wird es sich die Zuneigung der Frau erwerben und sich einen dauernden Verbleib sichern. Nie soll es in gerechten Dingen den Gehorsam verweigern und an den häuslichen Einrichtungen der Herrschaft nicht mäkeln, denn jedes Haus ist eine Welt für sich, har seine besonderen Charactere, Gewohnheiten, Verhältnisse, und ist es zwecklos, dasselbe mit anderen zu vergleichen. Ist ein Mädchen in einen geordneten achtbaren Hausstand eingetreten, in dem man Untergebene nicht als Maschinen ansieht, die man nach Kräften auszunutzen hat, sie nicht planlos von einer Arbeit zur anderen jagt, ohne daß die erste vollendet sei, nicht fortwährend poltert oder eisige Mienen aufsetzt, sondern Mitgefühl und Nachsicht zeigt, so sei dasselbe dankbar und froh, einen sicheren Hafen gefunden zu haben, sei bemüht, den Vortheil und das Interesse der Herrschaft zu wahren und lasse sich nicht verleiten, vielleicht eines höheren Lohnes willen bald wieder sein Bündel zu schnüren. In einem geregelten Hausstande wird sich ein Mädchen doch eher etwas ersparen, als in einer tollen Wirthschaft, denn daS Beispiel thut auch hier wie überall das beste. Ebenso geziemt es Untergebenen, über die Vorgänge in ihrem Diensthause zu schweigen, über dessen Verhältnisse sich kein Urtheil zu erlauben und Mitgefühl und Theilnahme zu zeigen, wenn schwere Schicksale an die Herrschaft herantreten. Die Haupt Errungenschaften während der Dienstzeit eines Mädchens soll diese stets vor Augen haben: die Erweiterung ihres Wissens, welches ihr ja in ihrem späteren eigenen Hausstande zu gute kommt, und die Erwerbung eines kleinen Capitals. Dies ist bei weitem wichtiger, als daß ein Mädchen oft schon in ganz jungen Jahren sich ein sogenanntes „Verhältniß" zulegt, welches selten einen reellen Zweck hat und nur zu häufig zum Unglück führt. Kommen die Jahre und hat sich ein Mädchen etwas erspart, dann wird sich wohl auch ein brarer Mann stnden, der Tüchtigkeit zu schätzen weiß. Ergänzen sich also in vorerwähnter Weise Herrschaften und Dienstboten, dann wird auch das frühere, schönere Ver- hältniß zwischen den beiden aufeinander angewiesenen Menschenklassen zuiückkehren und beide Theile werden sich wohl dabei fühlen. Auch ziehe die Hausfrau gerechter Weise in Betracht, daß die Dienstboten zumeist aus kleinen, untergeordneten Verhältnissen stammen, eine einfache Erziehung genossen haben, kurz, auf einer Culturstuse stehen, daß sie die leichte Faßlichkeit nicht haben können, wie die Hausfrau oder deren Töchter. Schwer ist es, einer Frau zu dienen, die wenig oder nichts vom Haushalte versteht und keinen richtigen Maßstab zur Beurtheilung der Leistungen ihrer Untergebenen hat. Sie kennt weder den Werth, noch die ungefähre Zeitdauer einer Arbeit und verlangt oft Unmögliches. Einet unserer neueren Dichter sagt irgendwo: „Ich halt' ein Glück, daS ich höher schützte Als alles Gold in Perus Ebene: Ich hatte niemals Vorgesetzte Und nümals Untergebene!" Wahrlich! Eine Ausnahmestellung, deren sich nur wenig Menschen erfreuen dürfen! Für die Andern aber sei der Grundsatz maßgebend: „Wer gute und würdige Dienstboten haben will, der zeige sich selbst gut und würdig!" Dann wird er schon finden, was er sucht! Der Bevorzugtere, namentlich die Frau, sei nach, sichtig und großmüthig, gerecht und billig und lege der dienenden Klasse nicht blos Pflichten auf, sondern respectire auch deren Rechte, dann ist das Mittel gefunden, sich gute Tienst- boten, die ja gewiß Vieles zur Wohlfahrt und Zufriedenheit des Hauses beitragen, heranzubilden und nicht in der traurigen Lage zu sein, fortwährend andere Gesichter um sich zu sehen. Mathilde Rieger. Gsineinnrrtzig-S. Verwahrloste Zwergväume. Die Zwergobftcultur wird nur in wenigen Fällen richtig betrieben. Namentlich wird in Bezug auf den Schnitt dieser Bäume viel gesündigt. Wir wollen hier nur Einzelnes herausgreifen und eine kleine Anweisung geben zum Schnitt bei solchen Zwergbäumen, die schlechtes Fruchtholz, d. h. lauter Weidenköpfe, hervorgerufen durch zu kurzen Schnitt, haben. Hierbei muß unter gänzlicher Entfernung der Weidenköpfe ein mäßiges Wachsthum an diesen Stellen hervorgerufen werden. Diese Arbeit darf jedoch nur nach und nach geschehen, da sonst immer wieder starker Holzwuchs an diesen Stellen entstehen würde, weil der Saft einmal seinen Weg dahin genommen Ejat; man verteilt die Arbeit deshalb am besten auf drei Jahre. Jedes Jahr entfernt man ein Drittel und zwar die stärksten Weidenköpfe zuerst, indem man dieselben auf Astring setzt, das heißt ungefähr 2 bis 3 Millimeter vom Ansätze am Aste stehen läßt. Es empfiehlt sich, den Schnitt bei solchen Bäumen spät im Frühjahre, wenn bereits die Saftbewegung eingetreten ist, auszuführen, damit möglichst viel Saftverlust entsteht. Von den sich an diesen Stellen im Laufe des Sommers entwickelnden Trieben läßt man nur den schwächsten stehen, entfernt die übrigen so bald als möglich und entspitzt den stehengebliebenen, sobald er eine Länge von ungefähr 10 bis 12 Zentimeter erreicht hat. Um diese Zweige baldmöglichst in Fruchtbarkeit zu bringen, ist es Hauptsache, durch Bildung eines kräftigen Verlängerungstriebes dem Safte Ableitung zu verschaffen, was man durch jährliches Zurückschneiden der Leitzweige auf eine kräflige Holzknospe erreicht. * * * Um recht schönen Galat zu ziehen, muß der Same auf gutem Boden dünn ausgesäet werden. Wenn man olle 14 Tage eine kleine Aussaat davon macht, so hat man den ganzen Sommer hindurch jungen Salat. Wenn derselbe sieben bis acht Blätter hat, muß er behutsam ausgehoben und verpflanzt werden. Dies geschieht am besten nach einem Regen, andernfalls muß man ihn tüchtig begießen, damit er anwächst. Um den Salat recht zart zu erhalten, muß man den Boden häufig anfhacken und bei trockenem Wetter recht oft begießen. * Strickzeug rein zu hatten. Um zu verhindern, daß das Strickzeug durch den Handschweiß nicht schmutzig un unansehnlich wird, räth man an, die Hände mit etwas Speck- stein einzureiben. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UuiversitütS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch » «ch°Yd«) m Ließen.