ti ii ÄmJB’I’T'4 IIpP® NMMDDN MF^M ZW WKW !®|Ö»SW* ■ Äl MWWW M8WVMU SH1Ü ragst Du nach den größten aller Frauen? MM/ Aufwärts nicht, nein, abwärts mußt Du schauen, In des Lebens tausendfache Noth, In den Kampf um’S Dasein und um's Brod, In das Wittwenleid, die Muttersorgen, In den Gram, der neu an jedem Morgen! Frauengröße — nicht im Glückesschimmer, In des Unglücks Nächten such' sie immer! Anna Ecke. Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstruth. (Fortsetzung.) Der Kies knirschte neben, ihm, und emporzuckend starrte er in das ernste, blasse Gesicht Kränzchens. Ein wunderlicher Ausdruck lag darin, halb Schmerz und Mitleid, halb triumphirende Genugthuung. Er sprang empor und wollte hastig mit kurzem Gruß vorüberschreiten, — sie streckte den Arm aus und sperrte ihm den Weg. „Vetter Wulff-Dietrich, — bleiben Sie!" Er biß die Zähne zusammen und hob stolz fragend das Haupt. „Vetter Wulff-Dietrich?" wiederholte er mit gesulchter Stirn. „Ja, mein Vetter! ich bin Franziska Niedeck und Mr. Luxor und seine Gattin sind meine Eltern, die Erbgrafen von Niedeck." „Franziska--Onkel Willibald . . ." Er strich wie ein Träumender über die Stirn: „Ja, ja, ganz recht, nun fang ich an zu begreifen, daß sie Pia Nördlingen ist!" Kränzchen trat näher, faßte seine Hand und zog ihn zur Bank zurück. „Armer Wulff-Dietrich, wie hat sie Dir so bitter Unrecht gethan!" Sein Blick belebte sich. Er hob den Kopf. „Hörten Sie es, Cousine Fränzchen?" stieß er leise hervor. Sie nickte. „Alles- aber nenne mich nicht „Sie", wir sind ja so nahe verwandt und waren seit Anfang an so gute Freunde, seltsam, als hätte ich es empfunden, daß wir zusammen gehören." „Und Du traust mir nicht eine schlechte, ehrlose Comödie zu, wie — — wie Pia es thut?" Sie drückte ihm kräftig die Hand: „Nein, bei Gott nicht! Habe ja selber Niedeck'sches Blut in den Adern, und weiß, daß wir uns zu solch krummen Wegen nicht hergeben würden! Ich habe Dich ehrlich gern! Wulff - Dietrich, Du bist ein redlicher, braver Kerl, und — mein Wort darauf — es hat mich lange nichts so herzlich gefreut, als die Entdeckung, daß Du mein Vetter bist!" Er schüttelte finster den Kopf, aber seine Hand umschloß die ihre beinahe krampfhaft. „Seltsam, unsere Väter sind seit langen Jahren verfeindet, sie haff-n sich, und ich fürchte, Onkel Willibald hat die Gefühle, welche er gegen den Vater hegt, auch auf mich, den Sohn, übertragen!" Fränzchen schüttelte energisch den Kopf. „Nein, das hat er nicht, und wäre es auch so gewesen, jetzt, wo er Dich so gut kennen lernte, hat er Dich aufrichtig lieb gewonnen!" Wieder senkte der junge Graf die Stirn in die Hand. „Niemand hat mich in diesen Tagen wohl so gut kennen gelernt, wie sie," sagte er leise, „und doch beschuldigt sie mich so ungerecht und so falsch, und doch verurtheilt sie mich so grausam hart!" „Pia hat sich sehr albern benommen!" polterte Fränzchen in ihrem derben Ton, „aber sie hat sich nun einmal in die Idee verbissen, daß Du nicht um sie, sondern nur um ihre sechzehn Ahnen wirbst! — Na, laß sie laufen, Kopf hoch, alter Junge! Es giebt mehr Mädchen in der Welt!" Wulff-Dietrich preßte die Lippen zusammen und schüttelte stumm den Kopf. „Hast Du sie denn wahrhaftig so furchtbar lieb?" Er stöhnte leise auf und bedeckte das blasse Antlitz secundenlang mit den Händen. Auch Fränzchen seufzte. „Du lieber Gott, ja, ich kann es so gut begreifen, rein toll vor Liebe kann einen das Mädel machen, lieber Wulff, Du rhust mir unbeschreiblich leid!" Da faßte er jählings ihre beiden Hände und blickte ihr wie ein Sterbender in die Augen. „Fränzchen, hilf mir — !" „Dir helfen? Wie das?" „Du glaubst an mich und an meine Wahrhaftigkeit, Fränzchen, — ach, überzeuget auch Pia davon!" und dann plötzlich sprang er aus, machte eine heftige leidenschaftliche Bewegung und warf stolz das Haupt in den Nacken. „Nein! nein! thue es nicht! es ist ja doch vergeblich, sie wird ja doch nicht an meine Liebe glauben, so lange ich der Erbe des Majorats bin! — und was sie mir in dieser Stunde angethan, das kann sie nicht wieder gut machen, nicht im Leben — nicht im Tode." Fränzchen sah ihn mit wunderlich flimmernden Augen an. „So verzichte um ihretwillen auf das Majorat I" Er schritt erregt vor ihr auf und nieder. „Das habe ich heute Morgen gethan, als ich den Eltern mittheilte, daß ich mich an dem heutigen Tage mit Miß Lilian Luxor verloben würde! da habe ich zu Gunsten meines Bruders auf die Erbfolge von Niedeck verzichtet. — Ich opfere Alles — um ihretwillen, und Alles vergeblich I glaube mir, Fränzchen, mein Herz hat nie an diesem unglückseligen Majorat gehangen, und heute Morgen, als ich seine fürstlichen Renten von mir warf, habe ich mich dennoch reicher gefühlt wie ein König! Nicht jener Brief, den ich schrieb, hat mich arm gemacht, sondern die grausamen Worte, welche ein Mädchenmund zu mir gesprochen, machten mich zum Bettler an allem Glück!" Mit großen starren Augen schaute Fränzchen zu ihm auf, den Kopf vorgeneigt, als habe sie nicht recht verstanden, und dann ging eine große Veränderung in ihrem Gesicht vor sich. Bewunderung, Staunen und Rührung malten sich darin, und sie hob ungestüm die Arme und schlang sie jählings um seinen Hals. „Wulff-Dietrich!" rief sie erregt: „Beim Himmel, Du bist ein braver Mensch, und Du verdienst sie! Erzwingen kann ich Dir ja Pias Liebe nicht, aber ich will Dir nicht mehr im Wege stehen, ich will nicht weniger edel sein wie Du! — laß mir kurzeZeit, das meine zu thun, — und dann komm wieder und wirb noch einmal umPia —, und ist ihre Liebe sodann so groß und wahr, wie sie sein muß, um diese Stunde an Dir zu sühnen, sollt Ihr Beide glücklich werden!" Er blickte ihr beinah streng in die Augen. „Willst Du ihr etwa sagen, daß ich verzichtet habe? nur das nicht, Fränzchen, diese Demüthigung ertrage ich jetzt nicht mehr!" Sie zuckte die Achseln. „Nein, das sage ich nicht, denn sie würde es doch nicht glauben und uns einer neuen Jntrigue beschuldigen." Eine laute Stimme rief den Namen des Assessors Hellmuth. Wulff Dietrich trat hastig auf den Gartenweg und winkte dem Hausknecht, welcher herzugelaufen kam. „Eine Depesche, gnädiger Herr!" Einen Moment herrschte tiefe Stille, die Schritte des Mannes verklangen. „Die Antwort meiner Eltern," lächelte Wulff Dietrich besser- mechanisch öffnete er das Papier und überflog die kurzen Zeilen, dann rang sich ein dumpfer Laut über seine Lippen, wie vernichtet sank seine hohe Gestalt zusammen. „Mein Bruder Hartwig . . ." er konnte nicht weiter sprechen und reichte das Blait aufstöhnend der jungen Gräfin. „Hartwig beim Rennen gestürzt und soeben verschieden. Komme sofort zurück." Fränzchen preßte die Lippen zusammen und schwieg. „Nun ist der Verzicht ungültig geworden. Nun trage ich für ewige Zeit den Fluch, der Majoratsherr von Niedeck zu sein!" flüsterte Wulff-Dietrich durch die Zähne, drückte mit umflorten Augen Fränzchens Hand und schritt durch die grauwehenden Nebel davon. Schwer und kühl fielen die ersten Regentropfen. Capitel 21. Fahr wohll ich kann nicht zwei Mal knie'n — Um alles Heil der WeltI Strachwitz. Das Gewitter war nicht heraufgekommen. Fern hinter den Bergen verklang das leise Rollen des Donners und die Blitze zuckten nur selten, wie matter Flackerschein am Himmel auf. Die vordem so düstere Wolkenwand hatte sich zertheilt und hing nun als einförmig grauer Schleier auf die Berghäupter nieder, in feinen Streifen floß der Regen, langsam aber unaufhörlich, jeden Blick in die Ferne hemmend und das strahlende Landschaftsbild der letzten Tage in schmutzig-düstere Nebel tauchend, daß es bis zur Unkenntlichkeit verändert schien. „Zum Abschiednehmen just das rechte Wetter! grau wie der Himmel liegt vor mir die Welt!" Wie der leise, wehmuthsvolle Klang dieser Worte hallte es durch das Rieseln und Rauschen, und wo gestern Nacht die silberglänzenden Fluthen des Rheins ein Schifflein geschaukelt, darin der „glückseligste Mann des römischen Reiches" alle Gluthen seiner jungen Liebe in die Welt hinausgeschmettert, wo sie die duftenden Blüthen gewiegt, welche die weiße Mädchenhand dem Geliebten zu treu-innigem Gruß hinabgestreut, — da wälzten sich heute bleifarbene, trübe Wassermassen einem fernen Ziele zu, — so schwermüthig und düster, als habe nie ein Mondesstrahl hier zu süßem Liebesglück geleuchtet. Fränzchen war athemlos vor Erregung in das Zimmer ihrer Mutter gestürmt. „Ist Pia hier?" „Nein, mein Liebling, sie macht wohl noch Toilette!" „Ist Papa nebenan?" „Jawohl, — was hast Du, Kind, Du glühst ja wie im Fieber!" Fränzchen legte hastig den Finger an die Lippen. „Ich habe Euch etwas Hochinteressantes zu erzählen," flüsterte sie: „ich will erst die Thüre abschließen, und dann kommst Du mit nebenan zu Papa!" Die Gräfin erhob sich sehr überrascht, und sah, wie ihr Töchterchen mit ein paar tolpatschigen Sprüngen nach der Flügelthür eilte, sie kraftvoll zu verriegeln. Die Dielen zitterten, als sie zurückeilte. „So, nun komm, Mama, — es ist furchtbar wichtig!" Graf Willibald saß im Schaukelstuhl und las Zeitungen. Er hob befremdet den Kopf, als Fränzchen an ihm vorübersauste, um auch in diesem Zimmer die Thüre zu verschließen. „Aber, Kind, was soll denn das . . .?" „Bst! — Damit uns Niemand behorchen kann! komm her, Mütterchen! — ganz nah — setz Dich hier dicht neben uns," mit derbem Schwung ließ sich Comteßchen auf die Knie des verblüfften Vaters nieder und stieß hochathmend durch die Zähne: — „Eben kam die Bombe zum Platzen!" „Welche Bombe?!" „Na — zwischen Pia---und ... . Herrn Forstassessor Hellmuth!" „Ah wahrhaftig? — also doch?!" „Ja- ich stak im Gebüsch und hörte von A bis Z zu — ach Du liebe Zeit" — Fränzchen breitete mit eckiger Bewegung die langen Arme aus und seufzte schwärmerisch: „Es ist doch etwas Schönes um so eine Liebeserklärung, furchtbar rührend! es ging mir so auf die Nerven, daß mir ganz schwach wurde--" „Eine Liebeserklärung, jetzt — um diese frühe Stunde — — und bei solchem Wetter im Garten?" „I wo werden sie denn! — mit dem Paraplue einen Kniefall machen bei dem Dreck!! — nein, das ganze Drama spielte sich vor dem Regen ab!" „Und Du wußtest davon?" „Ich weiß Alles! seidem ich gesehen, daß er keinen Trauring trug, traute ich ihm Alles zu!" „Na — hat Pta denn etwa „Ja" gesagt?" runzelte der Graf ungeduldig die Stirn. „Feste! — ohne sich im Mindesten zu sperren! gleich ein dickes unterstrichenes Ja mit endlosen Küssen!" „Um Himmelswillen — was werden ihre Eltern sagen!" wollte Willibald entsetzt aufspringen, aber er vergaß die geliebte Last auf seinen Knien und sank kraftlos in den Sessel zurück. Die Gräfin aber faßte, aufs Höchste betroffen,Kränzchens Hände und wollte sie voll innigen Mitleids an sich ziehen. „Ich fürchtete es! O du armes, armes, geliebtes Kind!" Das Backfischchen machte eine resolute Bewegung. „Hört doch erst weiter! —der Krach kam ja doch hinterher!" „£>... inwiefern?" „Das ist ja eben das Unfaßliche . . . Märchenhafte . - • Unglaubliche . . .! Factisch, in einem Roman kann es gar nicht toller passtren! also zugehört!" 575 Die Sprecherin versetzte dem Papa, welcher sich nach seiner niederfallenden Zeitung bücken wollte, einen ungeduldigen kleinen Hieb mit der Stiefelhacke. „Es war beinah wie Elsa und Lohengrin! Nur umgekehrt. — Als sie nämlich lange genug geküßt hatten" — Fränzchens Gesicht färbte sich noch in Gedanken daran mit Zornesröthe — „sagte Hellmuth plötzlich, er müsse ihr eine Beichte ablegen, — er sei nicht Derjenige, für den sie ihn halte" — — „Kränzchen — um Alles in der Welt"-- „Na, na, Mamachen, brauchst nicht so furchtbar zu erschrecken! daß er kein Schuster oder Schneider war, merkte man ihm doch an! — Nein, etwas ganz Anderes war er! — rathet mal! Rathet doch mal, wer dieser Hellmuth ist!" — Und das Backfischchen hopste so lebhaft auf dem selbstgewählten Sitz, daß Graf Willibald mit schmerzlicher Geberde zufaßte, um den Liebling festzuhalten. „Aber, Kind, tote können wir so etwas rathen!" „Nun dann hört's und bleibt Eurer Sinne Meister! Hellmuth ist kein Anderer, als Vetter Wulff-Dietrich!" Nun sprang der Graf dennoch auf — und zwar so heftig, daß Kränzchen ein paar Schritte in das Zimmer stolperte- — aber sie war nicht übelnehmisch, sondern wandte sich den Eltern hastig wieder zu, legte die Hände auf den Rücken und beobachtete mit blitzenden Aeuglein die Wirkung dieser unvermutheten Nachricht. „Dieser Assessor . . . dieser Hellmuth ... er ist Wulff-Dietrich? Er ist ein Niedeck?" stieß der Graf athemlos hervor: „Das ist unmöglich! solch einen Sohn kann Rüdiger nicht haben, es wäre undenkbar!" Die Gräfin wechselte die Farbe und blickte angstvoll zu ihrem Mann auf. „Gott sei Lob und Dank, daß er unser Kind als Franziska Luxor kennen lernte!" Fränzchen lachte. „Den Jrrthum habe ich ihm genommen." Mit leisem Aufschrei faßte Johanna die Arme der Sprecherin: „Du — Du hast" — — „Ihm gesagt, daß ich Franziska, seine Cousine bin! — Natürlich! wäre es ihm etwa ein Geheimniß geblieben? Pia gab sich ihm in ihrer furchtbarer Erregung zu erkennen? Sie schleuderte ihm die herbsten Anschuldigungen entgegen, sie sagte ihm auf den Kopf zu, er habe ein unwürdiges Spiel getrieben, um sich ihrer sechzehn Ahnen auf krummem Wege zu versichern, — na, es war nicht lappich, was sie dem armen Kerl Alles vorwarf! — — daß Pia mit uns reist, kann sich Wulff Dietrich an den Fingern abzählen, also wäre es ja albern gewesen, wenn ich hinter den Bergen hätte halten wollen! Warum soll er mich nicht als Cousine Franziska kennen lernen, ich sage Dir, Mama, ich habe ihn gern, forchtbar gern! nach der heutigen Scene noch viel lieber wie früher! er ist ein unanständiger Mensch, ein echter Niedeck! und er hat nicht gewußt, daß er sich in Pia verliebte, dafür lege ich beide Hände ins Feuer, es war ein wunderlicher Zufall, weiter nichts. — Nicht wahr, Papa, Du magst ihn auch gut leiden? er hat Dir als Hellmuth sehr gut gefallen, das sagtest Du selbst, und wenn Du ein Mann von Consequenz und Character bist, dann wirst Du Deine Ansicht nicht ändern, bloß aus dem Grunde, weil er Onkel Rüdigers Sohn ist!" Der Graf schritt erregt im Zimmer auf und nieder. Hohe Betroffenheit und Unruhe malten sich in seinem Gesicht. — „Fatal, — ungeheuer fatal!" murmelte er. Fränzchen stellte sich ihm energisch in den Weg und hielt ihn am Arm fest. „Papa, wirst Du etwa schwenken? wirst Du ihn ungerecht verurtheilen? wirst Du gegen Deine Ueberzeugung sprechen?" Willibald schüttelte gedankenvoll den Kopf. „Nein, das kann und werde ich nicht thun, — und darum verdrießt mich die Sache doppelt!" Fränzchen lachte nervös: „Warum nicht gar! es hat so sein sollen. Ich freue mich, daß es Gott sein Lob und Dank noch einen so vortrefflichen Niedeck giebt. — In meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so gefreut, wie heute! — Die Liebe zu meinem Geschlecht ist mir angeboren, sie liegt mir im Blut. Es war mir ein, gräßlicher Gedanken, daß die einzigen Verwandten, welche wir noch haben, des Namens so unwürdig sein sollten! ich habe mich geschämt, wenn ich an die Rüdigers dachte. — Nun habe ich mich überzeugt, daß ich doch nicht einsam und verlassen stehe, daß es noch einen Niedeck giebt, auf den ich zählen und auf den ich stolz sein kann!" Willibald zuckte mißtrauisch die Achseln. „Und wenn Du Dich irrst? Wenn er dennoch in geschickter Weise unsere Reisepläne erforschte und sich Pia unter der Maske 'vergewissern wollte?" Fränzchen warf mit blitzenden Augen den Kopf in den Nacken. „Nein! tausendmal nein! und dieses „Nein!" kann ich Dir beweisen!" „Beweisen? — Ah, da wäre ich doch gespannt!" „Wulff - Dietrich hat auf das Majorat verzichtet, weil er der Meinung war, daß seine Braut Miß Lilian Luxor heiße?" „Undenkbar! — sagte er das?" „Ja, das sagte er." „Je nun, — nicht nur Papier — sondern auch die Sprache ist geduldig. Solch ein Ungeheueres glaube ich erst dann, wenn man es mir schwarz auf weiß vorlegt, und das müßte ja geschehen, wenn er zu Gunsten Hartwigs verzichten wollte!" „Hartwig ist tobt!" „Hartwig — tobt? — unmöglich!" fuhr ber Graf beinahe entsetzt auf. Fränzchen aber nickte ernsthaft vor sich hin: „Grabe, als wir barüber sprachen, baß sein Verzicht vielleicht bas einzige Mittel sei, Pia von ber Aufri.rtigkeit seiner 8 ebe zu überzeugen, kam bte Depesche, baß Hartwig beim Rennen gestürzt unb soeben verschieben sei. — Ich las bte Nachricht selbst." Mit weitoffenen Augen starrte Willibalb bie Sprecherin an, — bann sank sein Kopf tief auf bte Brust unb langsam, wie im Traum, nahm er seine Promenabe durch die Stube wieder auf. Minutelang herrschte tiefes Schweigen, nur Johanna seufzte leise auf: „Wie entsetzlich — ein Kmd so jählings, — so grausam zu verlieren!" und sie breitete die Arme in auswallendem Gefühl nach Fränzchen aus und zog sie fest und innig an die Brust. „Was soll nun werden?" flüsterte sie. „Glaubst Du, daß Pia ibn wahrlich liebt?" Das Backfischchen strich sich schwerathmend die Haare aus ber Stirn. „Ja, sie liebt ihn!" „Die Zeit heilt manche Wunbe, — ich hoffe, PiaS Stolz unb Trotz wirb bie Neigung übertotnben!" Fränzchen brückte bas Gesicht gegen bte Schulter ber Mutter unb antwortete nicht. „Wirb Wulff-Dietrich sogleich abreisen?" Die Comtesse nickte. — „Als mein Frennb!" klang es von ihren Lippen. „Es ist gut, daß Pia ihn nicht Wiedersehen wird. Jede Gelegenheit dazu ist nun wohl genommen, und die Entfernung wirkt auf die Liebe tote der Sturm auf das Feuer, — er entfacht das große, aber das ftetne löscht er aus. — Und Pias Liebe war noch nicht groß, — sie hatte kaum Wurzel geschlagen." Fränzchen hob das Gesicht. Es lag ein fremder Zug voll stolzer Energie darin. Die dunklen Augen blickten so feucht verschleiert und doch so trotzig, wie bei einem Kinde, welches weinen möchte und sich dennoch seiner Thränen schämt. „Wir wollen's abwarten, Mama!" nickte sie kurz, und dann richtete sie sich hoch auf und wandte sich zu dem Vater: „Pia ahnt nicht, daß ich sie belauscht habe, — und weiß es auch nicht, daß ich mit Wulff - Dietrich einen Freundscbaftspact als Vetter und Cousine geschloffen. Sie soll es auch nicht wissen, denn sie wäre in ihrem großen - 576 Mißtrauen und ihrer Erregung im Stande, uns für Verbündete des Vetters zu erachten. Ich bitte Euch, bleibt völlig harmlos vor ihr, und laßt Euch nicht das Mindeste merken, daß wir wissen, wer Assessor Hellmuth ist, — ich bitte Euch darum." (Fortsetzung folgt.) Gsin-rnniitzig-r. Blume« im Bouquet kann man noch einmal so lange frisch erhalten, wenn man, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, dem Wasser etwa einen vollen Theelöffel Salz hinzufügt. * * ♦ Alte Oelsarben- und Lackanstriche z« entferne«. Um alte Oelfarben- oder Lackanstriche, die selbst der stärksten Lauge widerstehen, zu entfernen, giebt es, wie der „Practische W.gweiser", Würzburg, schreibt, kein besseres Mittel als eine Mischung von einem Theil Terpentinöl mit zwei Theilen Salmiakgeist. Diese beiden Flüssigkeiten werden in einer Flasche so lange geschüttelt, bis sie sich milchartig verbinden. Die so entstandene Beize bringt man mittelst etwas Werg auf den Anstrich, der sich sodann nach einigen Minuten leicht wegwischen läßt. * * * Pudding aus Reis mit Fruchtsauce. Ein halbes Pfund Reis wird in einem halben Liter Milch weich gekocht, etwas Butter, welche mit etwa 90 Gramm dicker Sahne verrührt worden ist, ferner Zucker, Gewürz und das Gelbe von sechs bis sieben Eiern hinzugethan. Darauf wird der etwas abgekühlre Reis und zuletzt das zu Schaum geschlagene mit dem Ganzen vermischt und in einer zubereiteten Form zwei Stunden lang gekocht. * * « Gespickte Niere«. Nachdem die Nieren von ihrem Fett befreit sind und zierlich, igelartig mit Speckscheiben ge- spickt sind, dünstet man sie in einem Kasserol mit Butter, einigen Speckscheiben, dem erforderlichen Wurzelwerk und Zwiebeln eine halbe Stunde und gibt sie mit Madeira-Sauce, welcher Trüffelscheibchen und Farceklöschen beizugeben sind, auf einer mit Semmel-Croutons garnirten Schüssel zu Tisch. * * * Käsesuppe. Von % Kilo fein geriebenem gutem Käse streut man eine dünne Schicht in die Suppenterrine, legt fein geschnittene, geröstete Weißbrodscheiben darauf und fährt so abwechselnd fort, Käse und Semmel zu schichten, bis der erstere verbraucht ist. Nun schmilzt man Butter und Mehl mit einer feingchackten Zwiebel hellbraun, verkocht dies mit allmählich zugegossenen zwei Liter siedenden Wassers, würzt die Suppe mit Pfeffer und Salz und gießt sie über die Käse- und Scmmelschichten. Humoristisches. Dringend. Dienstmädchen: „Sie möchten doch sofort zum Nachbar herüberkommen, Herr Doctor!" — Arzt:„Jst's so eilig?" — Dienstmädchen: „Gewiß - der kleine Junge hat ein Zehnmarkstück verschluckt — und die Leute müssen die Miethe bezahlen!" * * • Modern. Bewerber: „Wie gesagt, Herr Rath, Mitgift ist mir gänzlich Nebensache." — Rath: „Dann bedaure ich, einem Verrückten mag ich meine Tochter nicht geben." Im Eifer. Director (vor versammelter Lehrerconferenz zu einem soeben wieder mit schwerer Strafe bedachten Primaner): „Und zum Schluß will ich Ihnen nur noch dar sagen, wenn Sie fortfahren in dieser Weise gegen die Schulordnung zu freveln, so werden wir es uns sehr überlegen, ob wir ein solches räudiges Schaf noch länger unter uns dulden wollen!" • * • Verrathenes Geschäftsgehe imniß. Herr (in der Menagerie): „Warum wird denn das Zebra so häufig gefüttert?" — Aufseher: „Sehen Sie, damit eS sich nicht die schönen Streifen immer ableckt!" * * * Reminiscenz. Dame: „Diese Kastanienallee ist wundervoll! Wo stammt eigentlich die Kastanie her, Herr Lieutenant?" — Lieutenant: „Hat 'mal Jemand aus dem Feuer geholt, glaube ich." * * * Der erste Kuß. „Ella, wie kannst Du Dich nur von dem Vetter Egon küssen lassen?" — „Ach, Tantchen, ich will auch einmal Braut werden und da möchte ich mich doch beim ersten Kuß nicht gar so ungeschickt anstellen." * Die schöne Partie. Freundin: „Welcher Partie giebst Du den Vorzug — der Land- oder Wasserpartie?" — Dame: „Der Partie, die zu einer Partie führt." * * * Boshaft. A.: „Ja, ich beschäftige mich sogar prac- tisch mit dem Flugproblem." — B.: „Hab' mir'S schon gedacht, als ich Sie so oft ausreiten sah!" Literarisches Ein gutes Buch in hübscher Ausstattung ist immer eine gern gesehene Erscheinung auf dem Gabentische unter dem funkelnden Christbaum. Aber die guten Bücher sind selten und die hübschen Ausstattungen lheuer. Man thut also wohl daran, sich bei der Auswahl einem bewährten Führer anzuvertrauen. Als solcher darf die Verlagsfirma Otto Hendel in Halle a. Saale gelten. Aus ihrer mustergiltigen „Bibliothek der Gesammt-Litteratur" hat sie die schönsten Schätze ausgewählt und von ihnen Prachtausgaben zu überaschend billigen Preisen veranstaltet. Wer unter diesen Bänden wählt, der wird sehr das Richtige treffen. Für jeden Geschmack ist hier gesorgt. Da findet sich Arnim-Brentanos „Des Knaben Munberhoru" (eleg. gebund. 4. Mk.), für Freunde der modernen Dichtung Karl Busses „Uenere deutsche fgrik“ (3 Mk.) und für die Verehrer des guten Alten G. Emil Barthels „Neuer poetischer 1 Hausschah" (5 Mk.), da ist weiter für Freunde der deutschen Poesie Goethe, Schiller, Uhland, Rückert — von diesem besonders empfehlenswerth die Auswahl der Werke (geb. 4,50 Mk.) — Hebbel, Schenkendorf u. a. m. Liebhaber fremder Poesie werden sich an Becquers Spanischen Fiebern (1,50 Mk.), an Burns Fiebern nnb jlalladeu (3 Mk.), an Hacks Ungarischer Fgrik (2 Mk.), an Miltons Perl-renem Paradies 2 Mk.), an Prinzhorns trefflicher Anthologie „Nrn beiden Ufern bes Atlantik" und an Tegnörs Frithjofssage (1,20 Mk.) erbauen. Für philosophisch; und für religiöse Gemüther empfehlen sich Emersons Essays (3 Mk.), Feuchterslebens Diätetik der Seele (1,20 Mk.), Renaus Leben Jesu (1,50 Mk.), Schleiermachers berühmtes Werk „Der christliche Glaube" 4 Mk.), und Smiles treffliche Schriften „Charakter", „Selbsthilfe", „Psticht" und „Sparsamkeit",die auch der Heranwachsenden Jugend mit Nutzen in die Hand gegeben werden können. Freunde guter Belletristik und spannender Unterhaltungslectüre finden ihre Rechnung bei Bulwers „Fehlen Tagen oau Pompeji" (2,50 Mk.), Eugen Aranr (3 Mk.) und „Nie»!-" (3,50 Mk.), Bei Meister Dickens köstlichen Schöpfungen, den „Pickmickier" (3 Mk.), „flaoid Copperßelb" (4 Mk.) ujw., bei Dumas' „Drei Musketiere" (3 Mk.) und der ebenso spannenden Fortsetzung „Awansig Jahre spater" (4,50 Mk.), bei Hedenstjernas Novellen (3 Bde. ä 2 Mk.), Lottis „Islanbfahrer" (2 Mk.), W. Scotts Romane (ä 2,50 Mk.) und Tilliers „Gukel Keujamin" (1,50 Mk.). Endlich seien die ernpfehlenswerthen Jugendschriften: Grimm- Märchen (1,50 ar. 3 Mk.), Schwabs Zagen bes rlasstfchen Alterihnms (3,50 Mk.) und die Märchen aus Tanseub und eine Nacht (2,50 Mk.), sowie die spannende Erzählung „Gnbel Toms Hätte" empfehlend erwähnt. Eine von Hans Kraemer besorgte Bearbeitung der „Reden bes Fürsten Kismarck" (5,25 oder 7,50 Mk.) sei dem Politiker empfohlen. Redactisn: K. Gch-Yda. — Druck und Verlag der Brühl'schon Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m Gießen.