Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Eschstrnth. (Fortsetzung.) Dann hatte man eine feierliche, sehr schmeichelhafte und respektvolle Einladung aufgesetzt, welche zwei Herren Persönlich nach Schloß Niedeck brachten. Natürlich bekamen sie den Grafen, welcher ausgegangen sei, nicht zu Gesicht. Aber es sollte baldmöglichst Antwort geschickt werden. Heute Morgen war diese Antwort endlich eingetroffen, und als der Bürgermeister sie las, brach es wie ein Wuthgeschrei über seine Lippen. „Er kommt nicht, Lieschen! — zum Teufel, er kommt nicht!" Frau Lieschen schüttelte den Kopf. „Ich habe es gleich nicht begriffen, daß Ihr ihn eingeladen habt! So etwas ist Euch doch früher nicht in den Sinn gekommen! Da sagtet Ihr: „Wie können wir es wagen, einen hochgeborenen Reichsgrasen zu uns Ackerbauern zu invitiren!" und nun mit einmal thut Ihr, als wäre es Eures Gleichen!" Der Bürgermeister tobte mit wüthenden Schritten durch die Stube: „Schweig still! das verstehst Du nicht! Reichsgraf hin — Reichsgraf her! — zeigt es nicht unser Freund Rüdiger und seine Gemahlin, daß man mit uns verkehren ?7nn? Und die sind auch Grafen von Niedeck — und .Millionäre! Aber sie kennen keinen Dünkel und Hochmuth, wi,e der verdammte Kerl im Schafspelz! Dieser Verrückte! Dieser Geizhalz, dieser Kleidertrödler, der sich nicht schämt, einherzugehen wie ein Lump! wie ein Slowak!" Damit stürzje er zur Thüre hinaus. Unb wie Anno 48 ein dumpfes Murmeln aufrührerischen Hasses durch das Volk ging, so schlug auch jetzt die Zunge des Stadtoberhauptes als Alarmglocke an —: „Bürger heraus!" — Das lief an allen Straßenecken zusammen, schimpfte und fuchtelte, immer bedrohlicher und hitziger. 188? »TZpyll aNfchij lieblich ist das Lachen In Gottes schöner Welt; 'iM) Doch weil es oft uns Schwachen Zu kühn die Seele schwellt, Wird Schmerz ihm beigesellt. Fouque. Gevatter Handschuhmacher aber zuckte wehmüthig die Achseln. „Ruhig Blut, Kinder! Was nützt alles Gezeter'? Ein Majoratsherr ist kein König, der eine Revolution stürzen kann. Der Niedecker sitzt sicher und unantastbar im Nest, und ehe nicht Freund Hein ihn hinauswirft, nützt alles Sturmlaufen unsererseits ganz und gar nichts!" „So? muß man sich etwa einen Verrückten zum Herrn gefallen lassen? — Sagt nicht die Gräfin auch, ein Narr gehört ins Narrenhaus?" „Die Gräfin mag das schon sagen, denn sie gehört zu seiner Familie, aber uns geht das nichts an!" „Darüber ließe sich wohl reden!" trotzten etliche Stimmen: „Ein Gaudi wär's für uns, wenn es dem hoch- müthigen Schuft passirte!" „Fragt doch den Assessor! der muß es ja wissen, ob wir ihm nicht eine Suppe einbrocken können." „Laßt aber den Rüdiger nichts merken! Es mag kein Vornehmer gern einen Vetter im Tollhaus haben!" „Bah — er und die Gräfin haben ihn ja zuerst verrückt genannt!" „Ich rathe Euch, sprecht erst mit dem Assessor!" „Heute Abend sondiren wir den Graf, der Wein löst die Zunge!" „Gut, heut Abend!" Mit wetterschwülen Stirnen trollten sie heim. Die Schmach, die Graf Willibald ihnen angethan, fraß ihnen an der Ehre, und Einer hetzte den Anderen auf, wenn gar ein Wort fiel: ob's denn wahrlich ein so schwerer Schimpf sei, wenn ein Sonderling nicht gern unter Menschen gehe! Die Sonne sank — und voll fiebernden Eifers rückten die Frauen und Jungfrauen von Angerwies die Spiegel zurecht, um endlich die Fesseln der Papilloten zu sprengen! Wenn es nur aufhören wollte zu regnen! Die Mütter konnten ja feste, rindslederne Stiefel anziehen, aber die tanzenden Töchter! je nun, man hatte sich in solcher Verlegenheit schon so ost geholfen, warum nicht auch heute? In Ermangelung einer Droschke thaten die riesenhaften Holzpantoffeln genau so gute Dienste, und darum waren sie, so lange man denken konnte, in Angerwies existenzberechtigt und genossen die Achtung, welche sich das Zweckmäßige überall erwirbt. Eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit hörte man denn auch ein unermüdliches „Klipp Klapp-Klipp-Klapp" auf dem holprigen Pflaster und dann und wann ein jungfräulich, zartes Aufkreischen, wenn eins der hölzernen Piedestale in einer Pfütze versank. — Große Regenschirme und flatternde 4 70 Umschlagtücher verhüllten den Schaaren neugieriger Gaffer die Pracht, welche sich jenseits der Hotelthür enthüllen sollte. Hie und da schwankte ein Laternchen vor einer Honoratiorendame her, und je nachdem, ob em oder zwei Lichtlein in demselben brannten, erkannte man den Grad der Würde, welchen die Nahende einnahm. Mehr und mehr füllte sich der Festsaal. Die Herren in seltsam langschößigen Fracks, mit weißen Zwirnhandschuhen an den Händen. — Der Assessor, Apotheker und Doctor, sowie etliche der „übertrieben" eleganten jungen Herren hatten Glacss angelegt! köstlich duftend nach Pomade und Moschus, die Krieger mit der Denkmüuze oder gar dem schwarz-weißen Bändchen im Knopfloch, die Nicht- Krieger mit kleinen Sträußchen an der Brust, deren Blüthen in dieser blüthenlosen Märzzeit durch Strohblümchen geschmackvoll und sinnig ersetzt wurden. Die Damen hatten ungeheuerliche Anstrengungen gemacht, zu glänzen. Die Mamas fanden sich mit Würde in entsagungsvolle Farben, schwarz, pflaumenblau, kaffeebraun, lila und grau, Nüancen, welche jedoch auf das lieblichste durch die dreieckig gelegten weißen Crepe de chin-Tücher gehoben wurden, ohne welche eine Ballmutter von Angerwics einfach undenkbar war. Die Matronen hatten ungeheuere Kopfputze, eine Art blumenumrankter, federumwallter, spitzenumnickter und bänderumflorter Sturmhauben, bei derem schwiegermütterlichen Anblick eigentlich jedem Freier, auch dem beherztesten, das Herz in die Hosen rutschen mußte, — so kriegerisch kampfesmuthig trugen die Damen dieses stattlich geschmückte Haupt auf den Schultern. Der Mittelscblag der noch nicht ergrauten Frauen lächelte unter Puffscheiteln oder Zöpfen hervor, welche als Wunder der Flechtkunst um die Ohren gelegt waren, ein paar handfeste Rosen oder Astern vervollkommneten den Liebreiz, goldene oder elsenbeingeschnitzte Kreuze oder Broschen prunkten am Halse. —Trotz manches hübschen, vollwangigen Gesichts waren diese mittelalterlichen Gattinnen die vollste Ehrbarkeit, welche nicht mehr an Tanzen und Kokettiren denkt/ der Strickstrumpf erinnerte auch jetzt in ihrer Hand an die lieben Kleinen daheim. Die holde Jugend war vollzählig und wie überall in kleineren Städtchen im Uebergewicht erschienen. Auf vier Damen kamen ein Herr, weswegen die Fräuleins ungenirt unter sich tanzten. Weiß, rosa, himmelblau, Blumenkränze, Filethandschuh, bemalte Holzsächer und ausgeschnittene Kitr- lederschuhe . . . schwarze, blonde, rothe Haare, dick und dünn, groß und klein, hübsch und häßlich, graziös und plump, Alles war vertreten. Ein Gefühl, aus Staunen, Bewunderung und Neid gemischt, beschlich aller Herzen, als die Bürgermeistenn mit ihren drei Töchtern eintrat! Die Ueberraschung war complett. Modern frisirt! — das Althergebrachte einfach über den Haufen geworfen, nach dem Muster der Gräfin hochmodern frisirt! Die Haare des halben Vorderkopfes waren kurz geschnitten und in krause Locken gebrannt. Hoch auf dem Kopfe bäumten sie sich, wie indignirt über solche Zu- muthung, gleich einem Kakaduschops, von der Stirne abstarrend und über die Ohren hinwegragend! Wie wunderlich verändert die Mädchen aussahen! Die beiden Aeltesten waren ja nie sehr hübsch — aber heute . . . W . - • oder täuschte man sich? Eine so hochmoderne Frisur muß ja gut kleiden, es war nur das Ungewohnte des Anblicks, welch-s jedes Auge stutzig machte! Em Wagen rollte heran. Oberförsters. — Nun waren die hohen Würdenträger versammelt, nun konnte das gräfliche Paar auch erscheinen/ die Getreuen von Angerwies stellten sich feierlich, mit hochklopfenden Herzen rings an den Wänden auf/ gleich dem Hofstaat, welcher die Majestäten erwartet. — Während dessen hatte Gräfin Melanie ihre Toilette beendet und die Jungfer hinaus geschickt. Es war die Zofe ihrer Schwefter, welche fie fich vom Lande hatte kommen lasfen, und welche so gut wie kein Wort verstand. Diesen Umstand lobte der Graf soeben wieder. „Es ist ein Glück, daß die Person nicht ahnt, was um sie her vorgeht, ihre Sprachunkenntniß ist der Hemmschuh für jeglichen Klatsch. Es wäre Dir doch auch sehr zu empfehlen, anstatt dieser entsetzlichen Frau Stiehl auch eine Französin zu engagiren! Denke Dir die Stiehl hierher in diese Situation! Ihre Zunge würde uns jeden Plan durchkreuzen, sowohl hier, wie in der Residenz." Die Gräfin seufzte: „Du hast ganz recht, aber sag selber, wäre cs vortheilhaft, dieses Frauenzimmer jetzt zu entlassen, damit sie uns in der ganzen Stadt herumbrmgt? Sie hat zu oft gehorcht und ausipionirt, um nicht über Mancherlei vollständig informirt zu sein. Die Klugheit gebietet energisch, sie im Hause zu behalten!" Rüdiger knurrte etwas Unverständliches, seine Gemahlin aber stand vor dem Spiegel und musterte ihre strahlende Erscheinung mit ironischem Blick. Und als sie die Brillantarmbänder anlegte, brach sie plötzlich in ein leises Gelächter aus und warf fich in das Sopha. Sie preßte das duftende Spitzentuch gegen das Gesicht, aber sehr vorsichtig, daß der Puder nicht abwischte — und lachte immer mehr und immer spöttischer. Der Gras, welcher in elegantestem Bollanzug mit Orden und Ehrenzeichen geschmückt im Zimmer auf- und abgegangen war, blieb vor ihr stehen und blickte sie mit seinen scharfen, kalten Augen überrascht an. „Bist Du von Sinnen? was soll dies Benehmen?!" herrschte er sie ärgerlich an. „Verzeih, Rüdiger — es kommt mir so namenlos komisch vor." „Was denn, wenn man fragen darf?" Ihr Blick flog musternd über seine schlanke Gestalt und sie lachte abermals! „Daß wir so fabelhafte Anstrengungen machen, um uns für dieses odiöse Krähwinkelpack zu putzen! Schade um meine schöne Schleppe!" Er zuckte nervös die Achseln: „Thun wir es etwa zum Vergnügen? Ich dächte, Du wüßtest genugsam, um was es sich handelt!" „Weiß ich auch, mon ami," nickte sie plötzlich ernst werdend und sich erhebend, „und ich will diese schöne Toilette und noch weitere acht Tage meines Lebens gern opfern, wenn wir dadurch das Ziel erreichen können! Bis jetzt stehen die Chancen gut, und ich denke, heute Abend werden wir siegen." „Ich bitte Dich, liebe Melanie, bei der außerordentlichen Farce, welche Du zu sehen bekommst, ernst zu bleiben. Denk, Du besuchst einen Costümball — altmodische, spießbürgerliche Verhältnisse sind Vorschrift. Und nun komm und öffne der Llebenswürdigkeit alle Schleusen, um mir in die Hände zu arbeiten!" — Er bot ihr aufseufzend den Arm und schritt zur Thüre. Wie durch einen Zauberschlag verstummte das Sprechen, Lachen und Geigenstimmen im Saal, als Herr Simmel athemlos in der Thür erschien und in heimathlichen Lauten meldete: „Se kumm'n — Se kumm'n!" Und sie kamen. Der Bürgermeister hatte sich nvt dem Gedanken getragen, beim Eintritt des gräflichen Paares die National Hymne spielen zu lassen, der Doctor und Oberförster fanden diese Idee jedoch nicht ganz passend, und der Vater der Stadt ühlte sich ein wenig beleidigt. Dafür aber schritt er, von sämmtlichen Honoratioren der Stadt geleitet, den Etntretenden unter zahllosen Bücklingen entgegen, und das gefeierte Prar wußte bei ad er Liebenswürdigkeit doch so viel hoheitsvolle Würde zu zeigen, daß es den Herren und Damen von Angerwies voll traumhaft seligen Entzückens zu Muthe war, als ob sie doch einmal in ihrem Leben auf höfischem Parquet stünden, sich tief vor den Majestäten zu verneigen. 471 Der Graf drückte dem Bürgermeister die Hand. „Wollen Sie uns zu Ihrer Frau Gemahlin führen und uns mit den Damen der Gesellschaft bekannt machen?" sagte er in dem Flüsterton hoher Wichtigkeit, welcher ganz besonders zu imponiren Pflegt. Der Ausgezeichnete legte die Hand in dem baumwollenen Handschuh mit gesprechten Fingern auf die Brust und machte einen Kratzfuß, ein Benehmen, welches die hinter ihm stehenden Herren sofort copirten, bis auf den Assessor, welcher voll weltmännischer Eleganz sofort als Kammerherr an die Seite der Gräfin trat. Sie grüßte ihn lächelnd mit vertraulichem Händedruck, And Bärning erglühte vor Stolz und blickte sich rings im Kreise um, als wolle er sagen: „Welch ein Mensch bin ich!" Dann begann die Tournee. Unter feierlichstem Schweigen schritt man quer durch den Saal, zum Entzücken der Damen, welche nun so recht Don allen Seiten das Prachtkleid der hochgeborenen Frau mit den Augen verschlingen konnten! Wie geblendet starrte Alt und Jung auf die märchenhafte Erscheinnng dieser schönsten aller Gräfinnen, welche wie eine Fata Morgana glitzernd und schier spukhaft über die weißgescheuerten Dielen schwebte. Ja, sie war doch noch etwas anders frisirt wie Bürgermeisters Töchter! Wie es möglich war, das Haar derartig zu wellen, zu kräuseln, zu puffen und aufzubauen, deuchte Jedermann ein Räthsel, das fabelhafteste aber war ein breites, goldenes Diadem, dessen Mitte einen Brillantstern trug, sprühend arnd glühend in allen Farben! So also sehen die Diamanten uns, von denen Heinrich Heine singt: „Mein Liebchen, was willst Du noch mehr?" Und nicht nur der Haarreif war mit diesen funkelnden Steinen besetzt, nein, über Hals, Brust und Armen flimmerten sie wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht, wunderbar! unfaßlich! Ja, da mußte das Vermögen nach Millionen zählen, wenn man derartige Schätze unverzinst in -die Coinmode legen kann! Mit leisem Frou-frou rauschte die pfirfichblüthfarbene Seidenblüichschleppe wie ein gleißender Strom hinter der schlanken Gestalt her, und die Herren, welche folgten, und solche Toilettenpracht nicht kannten, geriethen Anfangs öfters in die Gefahr, rechts und links darüber hinwegzustolpern! Aber sie fanden sich schnell in höfische Sitte und hielten scheue Distance von der seidenglänzenden Pracht. „Sie hat auch rosa Schuhe und Strümphe an!" flüsterte schier athemlos vor Staunen im Kreise der Damen. „Und Handschuhe bis über die Ellbogen hinauf!" „Und der Atlas vorn am Kleid ist mit Gold durchwirkt!" Jetzt öffnet sie den Fächer! „Minchen, guck doch nur, er ist ganz und gar von rosa Straußenfedern!" ' „Nun kann ich mir doch vorstelleu, wie die Königin aussieht," schwärmte ein stumpfnasiges Fräulein. Die Bürgermeisterin knixte und schüttelte der Gräfin die zarte Rechte, als wollte sie das Gelenk auf seine Dauerhaftigkeit prüfen! Dann griff sie rechts und links nach rückwärts und zerrte die schämigen, dunkelroth erglühenden Töchter vor. Frau Melanie stutzte bei deren Anblick, auch über ihr Antlitz ergoß sich verrätherische Gluth, sie hob den Fächer bis an die Augen und hustete so heftig, daß die Frau Bürgermeisterin im Begriff stand, allen Respeet vergessend, sie hilfreich in den Rücken zu klopfen. Der Graf preßte den Arm der Gemahlin auch recht besorgt an sich, — da legte sich der Husten, die Gräfin lächelte wie ein Engel und reichte den jungen Mädchen die Hand, mit dem charmanten Compliment für die Frau Marn >: „Was haben Sie für frische bildschöne Töchterchen, Frau Bürgermeisterin!" Wer war beglückter als diese! Und dann wurden die nächststehenden Dame» vorgestellt, -und das gräfliche Paar hatte für jede die gewinnendsten Worte. Währenddessen gab der Graf einen Wink, daß der Tanz beginne. Er bot der Bürgermeisterin galant den Arm, — die Gräfin legte mit graziösem Lächeln ihre Hand auf denjenigen des Herrn Bürgermeisters und die große Polonaise begann. Sie tanzen sogar mit! Wie Enthusiasmus schwellte es aller Brust, selbst die Musikanten schmetterten so begeistert darauf los, daß Gräfin Niedeck manchmal schmerzhaft zusammenzuckte. (Fortsetzung folgt.) Doppelberufe?) Ein Selbstbekenntniß von Dr. jur. Emilie Kempin. In einem Vortrag habe ich unlängst darauf aufmerksam gemacht, daß die Ausübung eines Berufes für die verhei- rathete Frau nicht wohl angehe, indem entweder der häusliche oder der geschäftliche Beruf leiden müsse. Be des zu vereinen sei unmöglich. Diese durchaus nicht auf Neuheit Anspruch machende Bemerkung wurde von einigen Führerinnen der Frauenbewegung mit Hohn aufgegriffen und mir zurückgeschleudert mit der Frage: Und das sagt ■>« Frau, welche selbst Berufsfrau, Hausfrau und Mui ter ist? Es lag darin der versteckte Vorwurf der Jneoniequenz, weil ich, die ich ja selbst solche zwiefache Arbeit bewältigen mußte, damit doch die Vereinbarkeit beider Thätigkeitsarten zugegeben habe. Jawohl, das sage ich selbst, und zwar nicht trotzdem, sondern weil ich es am eigenen Leibe erfahren habe, wie unmöglich es ist, den verschiedenen Ansprüchen bei solchem Doppelberuf gerecht zu werden. Ich glaube nämlich, jede Frau, die das nicht selbst durchgemacht hat, spricht wie der Blinde von der Farbe oder der Gesetzgeber am grünen Tisch, und die, welche es durchgemacht haben, sind theilweise nicht fo zahlreich, andererseits vielleicht nicht so offenherzig, kurz । und gut — sie schweigen. Damit ist es aber nicht gethan. Je mehr wir anerkennen müssen, daß der Frau im Kampf um's Dasein alle 2ö-ge zu öffnen sind, daß es einfach ein Gebot der Menschlichkeit ist, ihr Können auf keinem Gebiet der Thätigkeit abzusperren, desto größer wird die Nothwendig- keit, daß wir uns gegenseitig keinen blauen Dunst vormachen und den Thatiachen gam frei in's Auge sehen. Die conservativen Elemente in der Frauenfrage haben lange schon gewarnt, die Ausübung eines Berufes seitens der Frau und Mutter führe den Ruin der Familie herbei- wir Frauenrechtlerinnen haben aber theils im Bewußtsein unserer Kraft, theils mangels jeglicher Erfahrung über diese Bedenken gelacht und sind kühn unfern Weg fortgeschritten. Soweit die Roth uns dazu btätigte, waren wir auch vollkommen im Recht. Man gebe sich darüber keinen Illusionen hin, daß eine große Zahl von verehelichten Frauen aus bitterer Noth mit ihrem Manne Seite an Seite in die Concurrenz treten muß und wir bei der heutigen Gesellschaftsordnung von diesem liebet nicht hinweg kommen, aber dieses vermehrt sich in's Ungemeffe, wenn wir uns keine Rechenschaft darüber geben, daß es ein Hebet ist, wenn wir in der Selbsttäuschung, die Interessen der Hausfrau und Berufsfrau taffen sich verewigen, weiter verharren, und ra nn wir unter Hinweis auf einige Beispiele, die das Unmögttche möglich zu machen scheinen, den Wahn weiter verbreiten. Sind wir uns dagegen auf der andern Seite bewußt, daß nur die Noth uns in diese Doppelstellung Hineinwersen kann und daß wir, sobald das Gespenst der materiellen Sorge uns auch nur einigermaßen aus oen Augen rückt, die nächstliegenden Berufspflichten erfüllen und alle anderen unbeachtet lassen sollen, so ist famit für die Volksgesundheit schon viel gewonnen. Die Etkennt- *) Wir entnehmen diesen zeitgemäßen und beherzigenswerthen Aufsatz dem soeben erscheinenden He t 3 der Halbmonatsschrift „Vom Fels zum Meer", auf deren fest lnden Inhalt und interessanten, farbenreichen Bildeischmuck wir schon bei Beiprechung des ersten Heftes des neuen (17.) Jahrganges hingewiesen haben. Nitz in allen Dingen ist bekanntlich der erste Schritt zu ihrer Besserung. Nun giebt es ja allerdings eine ganze Anzahl von Frauen, die Haus und Kinder versorgen und daneben allerlei Liebhabereien in beruflicher, gewerblicher, literarischer oder künstlerischer Beziehung betreiben, ohne daß von ihnen gesagt werden könnte, sie vernachlässigen irgend eine Familien- oder Berufspflicht. Die letztere nämlich deshalb nicht, weil ihnen der Beruf als solcher nur angenehme Aussüllung ihrer freien Zeit ift, die erstere darum nicht, weil sie vielleicht unbewußt alles Andere in den Hintergrund treten lassen, so lange in ihr etwas zu thun übrig bleibt. Zu solchen Frauen gehören alle die, welche entweder vgn ihren Männern genügend ernährt werden, sich aber noch etwas „hinzuverdienen", oder die, welche die Einnahmen ihres Vermögens etwas steigern wollen. Daß diese beiden Klassen von Frauen nicht com- petent sind, in der Frage mitzusprechen, liegt auf der Hand. Ich frage jede Lehrerin, Aerztin, Juristin, Schriftstellerin, Arbeiterin oder was immer sie sein mag, die einem Hause vorzustehen, Kinder zu erziehen hat und ihrem Beruf aus Roth oder Freude ihre ganze Zeit widmen muß, ob das Eine oder Andere, die Haushaltung oder der Beruf, oder bald das Eine, bald das Andere nicht in der Weise erfüllt werden kann, wie sie es gerne möchte. Es gab auch für mich einmal eine Zeit, in der ich über alle Bedenken hinaussprang mit der oft gehörten Rede: Man muß sich eben einzurichten wissen, Alles liegt an der Organisation- man muß den Dienstboten die Befehle richtig ertheilen und jeder Arbeit die streng geregelten Stunden zuweisen. Aber ich habe nicht gewußt, bis die große Lehrmeisterin Erfahrung kam, daß sich die Pflege und Erziehung von Kindern nicht an gewisse Stunden binden läßt und sobald man diesen gewissenhaft nachgeht, der Beruf in zweite Linie tritt. Nach solch' gewonnener Erkenntniß tröstet man sich dann wohl, daß die Kinder größer, die Haushaltung einfacher und die Erziehung demnach mit den Jahren weniger zeitraubend werden, um sich abermals getäuscht zu finden un) schwerere Conflicie als je zuvor durchzumachen. Die Ansprüche der Kinder nämlich an die Zeit und Hingabe der Mutter wachsen mit den Jahren und endigen erst, wenn die schönste Lebenszeit für eine Frau mit dem Zeitpunkt, wo sämmtliche Kinder das Haus verlassen haben, unwiederbringlich verloren ist- dann allerdings hat auch eine verheirathete Frau, sofern wenigstens ihr Mann und sie getrennte Wege gehen, Zeit für ihre Berufsarbeit, aber mit bitterem Weh wird sie an die Stunden zurückdenken, in denen sie sich ihren Kindern entzogen, diese nicht mit der Wärme ihrer stets gegenwärtigen Liebe umgeben und sich um die reinste Freude eines Frauenlebens gebracht hat. Was verstehen denn davon alle die Kinderlosen und Unverheiratheten, die in der Regel an der Spitze der Frauenbewegung stehen? Und was verstehen davon die glücklichen Frauen, die nie etwas Anderes gekannt haben, als sich an ihrem F.>milien- glück zu sonnen? Was man ununterbrochen hat, wird bekanntlich nie genug geschätzt, erst im Verlust gehen dem Menschen die Augen auf. Darum dürfte es auch wohl am Platze sein, die Hausfrauen und Mütter wieder einmal an ihre Güter zu erinnern und ihnen gegenüber den verlockenden Vorstellungen von Freiheit und Selbständigkeit in der Berufsausübung zu Gemüth zu führen, welche anderen Werthe sie damit ausgeben. Auch die öeonomische Frage, betreffend die Besserstellung der Familie infolge der Ausübung eines Berufes seitens der Ehefrau, ist nicht ohne weiteres zu bejahen- auch hierin giebt man sich colossalen Täuschungen hin. Statt Dogmen aufzustellen, citire ich ein lypisches Beispiel 'aus meinem näheren Freundeskreise: Der Mann war Telegraphenbeamter mit kärglichem Salär und großer Schuldenlast, die er von seinem verstorbenen Vater übernommen hatte, die Frau Bureau- Angestellte. In den ersten Jahren ihrer Ehe wurden die kleinen Kinder sofort nach ihrer Geburt bei Verwandten versorgt, damit die Frau weiter verdienen könne. Trotz alledem wurde das Fortkommen nicht besser, die Schuldenlast nicht kleiner, bis die Mutter bei der Entdeckung, daß ihr dreijähriges, von einer eitlen Tante in zu enge Kleider gestecktes Kind zum Krüppel werden würde, die drei Kinder sämmtlich nach Hause nahm. Mit dem Verdienen war es nun allerdings aus, allein die Tüchtigkeit der Frau, ihr vorzüglich gepflegtes Heim, die gute Küche und die Freude an den Kindern "machten dem Mann sein Haus behaglicher als je zuvor, er avaneirte und trotz Vermehrung der Familie um zwei weitere Kinder waren die Schulden nach einigen Jahren bezahlt und ein kleiner, wenn auch ganz bescheidener Wohlstand bei den Leuten eingezogen. Freilich machte die Frau auch das Unmögliche möglich an Eintheilen, Sparen, Schneidern, Flicken und dergleichen, aber es ging, und nie mehr habe ich so fröhliche Menschen in kleinlichster Einschränkung gesehen. Da plagte die Großmannssucht den Mann. Wie so viele, meinte er, was seine Frau leiste, sei eigentlich keine Arbeit, wäre sie nur Geschäftsfrau wie Andere, die jährlich Tausende einheimsten, und er nahm die dreitausend ersparten Mark, um ein Geschäft für feine Ehefrau zu kaufen. Jetzt stand die Frau den ganzen Tag im Laden, die Kinder waren in der Schule, Abends aber mochte Keines in der verödeten Wohnung zurückbleiben, sie hielten sich im Geschäft und auf der Straße auf, es tarnen Dienstboten und Näherinnen in's Haus, das Hauswesen verlotterte, der Mann war Abends im Wirthshaus, die Kinder wurden immer roher und ungezogener und die Frau starb nach zwei Jahren an Ueber- hetzung und Ueberarbeitung. Heute besteht die Familie aus lose zusammenhängenden Mitgliedern, einem vergrämten Vater, ungeratenen Söhnen und zankenden Töchtern. Kein Mensch würde glauben, daß hier einmal eine so schöne Harmonie und innige Zufriedenheit geherrscht habe. Weiter habe ich, auf die Gefahr hin, infolge dieser Warnung von den Frauenrechtlerinnen persönlich verunglimpft zu werden, nichts zu sagen, als daß meine Erfahrungen sich nicht auf mangelnde Kennintß der Haushaltungskünste zurückführen lassen. Meine vortreffliche Mutter gehörte zu den Frauen, die ihren höchsten Stolz darein setzen, ihre Töchter zu tüchtigen Hausfrauen heranzubilden, und da ich zufälligerweise Hausfrau und Mutter war, bevor ich die juristische Laufbahn ergriff, so hat die letztere mein hausfräuliches Können nicht beeinträchtigt. Humoristisches. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Abonnement 1,30 Mk. vierteljährlich. Einzelnummer 10 Pfg. — Unmöglich. „Ich sage Ihnen, Frau Gräfin, Fräulein Schultze ist reizeno. Sie hat einen so feinen Teint, daß man jedes blaue Aederchen sieht!" „Blaue Aederchen! Herr Baron! Wie können Sie nur so was sehen bei einer Schultze!" — Richtiger Schluß. Erste Tänzerin: „Wieder ein Liebesbrief?" Zweite Tänzerin: „Ja, von einem unbekannten Anbeter. Warum er nur anonym geschrieben hat?" Erste Tänzerin: „Wohl um anzudeuten, wie namenlos er Dich liebt." — Ehrliche Leute. Potz Element, hört mal, Carl ist cingesperrt worden, weil er einen Rock gestohlen hat!" „Geschieht ihm ganz recht - konnte er nicht einen Rock kaufen und ihn nicht bezahlen, wte andere ehrliche Leute es thun?" — Unverfroren. Ches: „Was wollen Sie schon wieder, Sie Unverschämter! Habe ich Sie nicht eben erst hinausbringen lassen!" — Weinreisender: „Na, das war wegen dem rothen Wein, jetzt komme ich wegen Redaction: 8L Echeyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda) in ® 6