MsmeSL«- h« 9. Se-Lmörr E 9 KIM MM ! ^5g?« 5« WL. M ußt Du verpflichtet fein, so sei's dem Ehrenmann, Denn schwer ist danken dem, den man nicht ehren kann. Friedrich Rückert. Glück, erlangt durch Kampf und Schmerzen, Ist ein rasch erlosch'ner Blitz; Was Entsagung giebt dem Herzen, Bleibt für alle Zeit Besitz. Hieronymus Lorch. Die schönsten Augen. Novelle von Larl Teschner. (Fortsetzung.) Der draußen harrende Diener führte sie zum Frauenpalaste zurück. Es war ihr, als ob jeder einzelne Mann der Palastwache ihr die Chamade ansehe. Mechanisch stieg sie die Stufen hinan zu ihren Gemächern. Es war offenbar Alles bestimmt und vorbereitet. Sie war wutherfüllt. Dieser Potentat, der sich in England vor ihr fast gedemüihigt hatte, wagte es nun, nachdem er sein Opfer in Händen hatte, sie verächtlich hinauszuwerfen! Es war kein Zweifel in ihr: er betrachtete Bella als gekauft! Am liebsten hätte sie diese, um sich an ihm zu rächen, gleich wieder mitgenommen, aber sie wollte sich doch ihren Judaslohn sichern, sie wollte wieder vornehm leben können. Was lag ihr an dem deutschen Mädchen? Mochte sie doch Sclavin dieses Gewaltherrn werden! Miß Briggs trat ihr entgegen. „Wo ist Bella?" fragte die Lady mit heiserem, gedämpftem Tone. ' u //Ich sah ste oben schreiben," antwortete die Dienerin, die ihre Gebieterin verwundert betrachtete. „Ich glaube, sie hatte geweint." ' //Packe sofort meine Koffer, und schnell!" gebot die Lady m demselben Tone. „Melde ihr nichts! Geh' nicht hinauf, oder ich entlasse Dich auf der Stelle!" Brummig und voll Erstaunen gehorchte Briggs. In kaum zehn Minuten hatte sie unter den Augen Miladys i öte Sachen kraus in die Koffer geworfen. „Jetzt ruf die Neva!" befahl Lady Agnes. Letztere kam sofort und — die Lady mußte boshaft lächeln, weil ersichtlich auch diese bereits instruirt war — lie brachte vier Dienerinnen mit sich. „Lassen Sie diese Koffer hinunter tragen!" sagte die Lady rauh. Hurtig faßten die lebendigen stummen Maschinen an und erfüllten den Befehl. Lady Agnes ging zuletzt. Sie lauschte einige Momente in der Vorhalle nach oben und war beruhigt bei der Wahrnehmung, daß Bella nichts von ihrer stuchtartigen Entfernung bemerkte. Bella Kranzler, ahnungslos über die Vorgänge, schrieb an ihren Vater, nicht trübselig und hoffnungslos, nichts von ‘ ^er ^oth und ihrem sclavischen Dienste, sondern ermuthigend, fast heiter. Sie schilderte ihre Reiseeindrücke mit lebhaften Farben und versprach am Schluffe, bald weitere Nachrichten geben zu wollen, — von wo aus, das vermochte sie allerdings nicht zu sagen, da dies ganz von dem künftigen Aufenthalte ihrer Gebieterin abhängig sei. Nachdem sie ihren Brief couvertirt hatte, trug sie denselben hinab, um ihn mit der nächsten Correspondenz der Lady Agnes befördern zu lassen. Zu ihrem Erstaunen fand sie die Zimmer leer, weder von ihrer Herrin, noch von Miß Briggs ein Spur! Sie i burcf) die ganze Zimmerflucht, horchte, ging wieder zurück und wurde von einer maßlosen Unruhe ergriffen. Da erschien endlich die Aufseherin. „Wo ist Lady Agnes?" fragte Bella athemlos. „Fort," antwortete Neva. „Fort — was heißt das?" „Abgereist, sammt ihrer Dienerin." Bella erbleichte und wankte zurück. „Fort ist sie ohne mich mitzunehmen . . ." sagte ste tonlos, gebrochen, und es war ihr, als müsse sie, wie von einem betäubenden Schlage getroffen, umsinken: doch ste übersah die ganze ihr drohende Gefahr und raffte alle ihre Kraft zusammen. „Lange kann es nicht sein, daß sie fort ist," sprach sie entschlossen. „Ich will ihr rasch nach! Ich werde ste ein- holen. Bitte, bitte, liebe Neva, helfen Sie mir, schnell meine Sachen einpacken, und dann nur einen Träger * eile zu Fuß fort!" a ‘ o ' j ^^Die Aufseherin betrachtete sie mitleidig, ohne sich zu „Wehalb sehen Sie mich so an? Weshalb zögern Sie?" rief Bella angstvoll. „Schnell, schnell - sonst hole ich die Lady nicht ein! Und was begänne ich hier allein? Ich wäre ganz hilflos und verlassen!" „Armes Kind!" flüsterte Neva, halb vor sich/ doch w» 418 Bella hatte die Worte gehört, die sie kaum noch im Zweifel ließen, daß mit ihr etwas Unheilvolles geplant war. „Erbarmen, liebste Mutter — helfen Sie mir!" flehte sie mit erhobenen Händen. „Wenn ich das dürste! Ich bin nur Sclavin und kann nichts thun, was mir nicht befohlen ist." „Dann eile ich ohne meine Sachen," hastete Bella. „Ich werde den Weg wiederfinden. Nur fort — fort!" Neva machte eine beschwichtigende Bewegung. „Nichts gewaltsam, Kind, nichts gewaltsam! Es ist unmöglich! Die Wächter ließen Sie nicht durch!" „Wie, ich wäre hier eine Gefangene?" „Das weiß ich nicht, mein Kind, aber eins ist gewiß: Die englische Lady hat sich auf hohen Befehl entfernen müssen und hat Sie nicht mitnehmen wollen." „Nicht mitnehmen wollen? O, sie wäre eine Ver- rätherin an mir? Ich hab' ihr doch nichts gethan! Ich war ihr so treu, folgte ihr so voll Vertrauen! Ich muß fort, ich muß!" Und abermals wollte Bella die Stufen hinunter eilen. „Versuchen Sie das nicht, bestes Kind!" bat die Aufseherin. „Beruhigen Sie sich und bleiben Sie! Welche Gefahr sollte Ihnen drohen, wenn Sie nicht wissentlich hier sind? Der Rajah ist gütig und thut mit Absicht Keinem ein Leid. Er wird Sie gewiß sicher gehen lassen, wenn Sie ihn bitten. Aber allein, ohne Schutz dürfen Sie nicht hinaus. O, Sie kennen das wilde Volk hier nicht, das alle Fremden, besonders Alles was englisch ist, haßt. Und gerade jetzt, während des Festes . . . nein, ich würde mich versündigen, wenn ich Sie gehen ließe! Fassen Sie sich, Liebe! Nein, nicht weinen! — Ach, einstmals habe ich auch so geweint, als ich hierher kam, aber das war noch eine andere Zeit. Damals, vor dreißig Jahren, herrschte ein anderer Rajah und es wohnten hier mehr als hundert Frauen . . ." „Und Sie, Neva?" fragte Bella gespannt. „Ich wurde von meiner bösen Stiefmutter heimlich verkauft, heimtückisch verschachert. Ich war von englischen Eltern, aber in Indien geboren. Mit Gewalt wurde ich hierher geführt. Für mich gab es keine Rettung. Hier bin ich alt geworden. Beim Tode des Rajah Asan wurde ich zur Aya, das heißt Aufseherin des Frauenpalastes bestellt, aber das Haus ist leer geblieben. Nein, Kind, Sie dürfen nicht verzagen, Ihr Schicksal wird nicht ein so trübes sein. Sobald : . ." Plötzlich hielt sie lauschend inne, sah sich um und ent fernte sich lautlos wie eine Fliehende. Fast unhörbar auf den weichen Teppichen nahten Tritte, und ehe noch Bella weiter über die Worte der Aufseherin nachdenken konnte, stand der Rajah Gora vor ihr. Er ging ganz in Weiß. Sein Rock, von halb europäischem Schnitte, hatte große Diamantknöpfe, seine weiten Pantalons fielen unten geschlossen auf gelbe Stiefeln. Auf dem Kopfe saß ein weißer Turban mit blitzender Agraffe. In seinem Gesicht, dessen gelbe Farbe gegen das Weiß allerdings grell abstach, lag milder Ernst. Er verneigte sich respectvoll. „Fürchten Sie nichts, Miß Bella," begann er in sanftem Tone. „Sie sind unter meinem Schutze so sicher, wie Sie in England waren . . ." „Wenn dies der Fall ist, Sahib, dann bitte ich Sie dringend, mich schnell der Lady Agnes nachreisen zu lassen!" erwiderte Bella, fest und ruhig. Der Rajah machte eine abwehrende Bewegung mit der Hand. „Hören Sie mich erst, Miß Bella," fuhr er in dem gleich sanftem Tone fort. „Gerade von dieser wollte ich Sie trennen und befreien, denn sie ist Ihres Besitzes nicht würdig. Sie war eigennützig. Ich durchschaute sie. Sie wollte Geld dafür, daß sie Sie bewog, mit nach Indien zu gehen, und ich mußte es ihr verschreiben. Ich durfte mich nach ihrem Willen auch in England von Ihnen nicht verabschieden. Hier forderte sie ihren Lohn und mir gingen die Augen auf." Er zog zwei Papiere aus der Brusttasche und reichte sie Bella. „Da, die Beweise!" Bella las die Verschreibung und die Quittung, ihre ganze Gestalt begann zu beben. Lange starrte sie auf die Blätter, die Röthe des Zornes kam in ihr Gesicht und ihre Finger krampften sich unwillkürlich über den Papieren zusammen. „Sie hat mich verkauft — diese Schlange! Es ist empörend, ja, empörend!" stieß sie hervor. Dann aber kam das ganze Elend ihrer Lage über sie, sie schlug die Hände vor's Gesicht und schluchzte laut auf. „Fassen Sie sich, Miß Bella!" bat der Rajah mild. „Ich bin kein Despot, der Sklavinnen von Ihrer Art kauft. Es steht Ihnen frei, ganz frei, zu gehen, wohin Sie wollen. Ich ließe Sie geleiten. Doch, hören Sie mich! Ich sage Ihnen, was ich Ihnen schon in London angedeutet habe! ich habe Sie lieb gewonnen, ganz von Herzen. Wenn Sie meine Gefährtin sein wollen, in allen Ehren, so werde ich glücklich sein. Es wäre ein Band, das mich fester an die Reformen fesselte, die ich im Sinn habe und für mein Volk erstrebe. Für uns Indier giebt es keine gesegnetere Zukunft, als die der europäischen Aufklärung. Je zäher wir uns dagegen sträuben, desto sicherer werden wir vergewaltigt, verschlungen, ansgesogen! Ich will den Fanatismus ausrotten. In diesem Augenblick ist bereits ein deutscher Missionar auf dem Wege nach Jeypur. Wenn Indien jemals von den englischen Erpressern loskommen soll, kann es nur durch christliche Aufklärung geschehen, vielleicht in vielen Jahren! Sie wissen nun, wie ich denke. Sinnen Sie darüber nach, ob Sie bleiben oder gehen wollen! Ich lasse Ihnen Zeit. Sie sind hier Gebieterin. Kein Haar auf Ihrem Haupte soll gekrümmt werden. Darf ich morgen wieder zu Ihnen kommen und Ihren Entschluß hören?" Bella erhob ihre Augen halb scheu zu dem Sprechenden, dessen Gesicht der Ausdruck edler Gesinnung verschönte. „Sie haben die schönsten Augen, die ich je gesehen," sagte der Rajah. „Ich bekenne Ihnen, daß ich dadurch in England zuerst an Sie gefesselt wurde. Nun wäre es grausam, wenn ich Sie nicht mehr sehen sollte. Doch füge ich mich in Unabwendbares, auch wenn es grausam ist. Wollen Sie mich morgen empfangen?" Bella neigte stumm den Kopf. Das Benehmen des Fürsten flößte ihr Vertrauen ein. Sie konnte sich sagen, deß er ihr ein besserer Schutz sei als tausend Ladys von der Art ihrer feig entwichenen Gebieterin- und als der Rajah, nachdem er sich tief herabgebeugt und ihre Hand mit seinen Lippen berührt hatte, gegangen war, warf sie trotzig den Kopf zurück und ihr alter Stolz kam wieder zu seinem Rechte. Warum sollte sie nicht dem Manne, den sie geliebt und der sie verrathen hatte, durch ein außerordentliches Glücksloos die gebührende Antwort geben? Und warum sollte sie den Verrath einer habsüchtigen Frau nicht durch die Thatsache ihres Triumphes erwidern? Je länger sie über ihre letzten Lebensschicksale nachdachte, desto mehr versöhnte sie sich mit dem Gedanken an eine neue, glänzende Existenz an der Seite eines mächtigen Herrn, der sich als wahrhafter Edelmann erwies. „Ich will Fürstin werden!" rief die Stimme des Stolzes in ihr. Sie nahm den an ihren Vater gerichteten Brief in die Hand, schaute sinnend auf ihn und legte ihn dann wieder hin. „Warte noch, mein guter, alter Papa," sagte sie leise, „ich hoffe Dir noch einen guten Nachsatz schreiben zu können!" Eine wohlige Ruhe kam in ihre Seele. Sie trat auf den Balkon hinaus und legte ihre schönen weißen Arme aus die kühlende Balustrade. Ihr Blick schweifte über die reizvolle Landschaft und ein liebliches Träumen erfüllte ryr ganzes Wesen. Als sie noch so traumverloren stand, kam leisen Trittes die alte Aya und brachte der Ueberraschten kostbare Stoffe, fein gewebte, duftige Gewänder und Shawis, eine Perlenkette, schöner als die, welche sie vordem tn ug 419 — land zurückgewiesen hatte, legte sie ihr lächelnd um den schneeigen Hals. „Wie herrlich das Alles!" sagte Bella leise, und ihre Hände wühlten spielend in den seinen Stoffen, während Neva sich schon wieder still entfernt hatte. Die Stunden vergingen rasch. Bella ging in die Wirthschaftsräume, sah den flink hantirenden Sclavinnen zu und plauderte dies und das mit der Aufseherin. Abends, allein in ihren luftigen Gemächern, hörte sie aus der Ferne das brausende, tosende Getöse des Volkes, welches die nächtliche Feier des Durgafestes beging. Dann wurde es still, sie ging zur Ruhe und versank bald in wirre Träume, die mit einem schrecklichen endeten. Es war ihr, als ob ein Mann, mit ganz dunklem Gesicht, mit gezücktem Dolch auf sie eindringe. Mit einem Schrei erwachte sie. Der goldene Tag schlich bereits in ihr Schlafgemach, sie schüttelte das Grauen des Traumes von sich ab und beschäftigte sich mit heiteren Zukunftsgedanken. Später machte sie sorgfältig Toilette. Die Stunde der Entscheidung war ja nahe! Aber vergeblich wartete sie — der Rajah kam nicht. Es verging der ganze Tag. Sie mochte mit der Aufseherin, die sehr ernst und einsilbig war, nicht über ihre Erwartungen sprechen, fühlte sich bedrückt und litt unter der Einsamkeit. Als aber der Abend herannahte und der Rajah sich noch immer nicht gezeigt hatte, vermochte sie ihre Angst nicht mehr zu bemeistern. Es war, als ob ein unholder Geist durch die weiten Räume schliche. Ihr schrecklicher Traum wurde ihr wieder gegenwärtig. Die Aufseherin kam, um zu fragen, ob sie etwas wünsche. „Es ist mir so einsam," sagte Bella. „Bleiben Sie doch ein wenig in meiner Gesellschaft! Der Rajah wollte heute kommen . . ." Neva schaute ihr mit sonderbarem, traurigem Ausdrucke ins Gesicht. Dann erwiderte sie mit einer wie von Leid und Furcht erstickten Stimme: „Der Rajah Gora konnte nicht kommen — kann nicht mehr kommen . . ." Bella blickte sie verständnißlos an. „Ist er krank?" fragte sie. „Er ist tobt," antwortete die Aufseherin, „in letzter Nacht gestorben." Bella wollte laut aufschreien, doch der Laut kam ihr nicht aus der Kehle, die Zunge klebte ihr am Gaumen. Sie taumelte auf einen Divan und starrte wie entsetzt auf Neva. „Nun heißt der Rajah Dholib," fügte Neva hinzu. Bella erinnerte sich des finster aussehenden Prinzen, der sie beim Kommen so feindselig gemustert hatte. '„£) mein Gott!" stammelte sie. „Wie ist nur dieser Tod so rasch gekommen?" Die Aufseherin zuckte die Achseln. „Das weiß nur der Leibarzt," antwortete sie leise, sich scheu umsehend. „Sie sagen, es sei Cholera gewesen. Darum wird der Tode schnell in Asche verwandelt. Morgen früh wird er im Palasthofe verbrannt. Preisen Sie den Himmel, daß Sie noch nicht seine Gemahlin geworden waren, man könnte Ihnen zumuthen, sich als seine Wittwe lebend in die Flammen zu stürzen, um, wie die heiligen indischen Bücher besagen, fünfunddreißig Millionen Jahre mit ihm im Paradiese zu sein. Sich freiwillig zu opfern, würde Ihnen hier Niemand wehren." „Pfui!" schrie Bella auf. „Jeder vernünftige Mensch wird solche Barbarei verdammen! Ich weiß es aus dem Munde des Verewigten, daß er dagegen war." Neva nickte zustimmend. „Eben darum hatte er so viele Feinde, selbst unter seiner nächsten Umgebung. Die Brahminen haßten ihn." (Schluß folgt.) Das Mxenkleeblatt. Von Anna Seyffert. (Schluß.) Helma war eine kühne, geübte Schwimmerin, Alles an dem jchönen Mädchen kraftvoll, eigenartig! Wie sie jetzt mit spielender Anstrengung die silberumsäumten Wogen theilte, da löste sich allgemach der Sturm und Zwiespalt in ihrer Brust. „O, Du herrliches, großartiges Meer, welche Wonne bereitest Du mir! Dir allein vertraue ich es an: ich liebe ihn, ich liebe ihn! Aber mein Stolz läßt es nicht zu, daß ich mich vor ihm beuge, nein, ankämpfen will ich gegen seine Macht bis zum letzten Athemzuge! Wie sagte er damals in dem Coups, als ich meinen Kopf zum Fenster hinausbeugte und streckenlang dem Sturm preisgab trotz Staegers Gegenvorstellungen ? — „Sie sind ein großes, verzogenes Kind, wenn ich längere Zeit in Ihrer Nähe weilte, würde ich es mir zur Aufgabe machen, Sie zum Gehorsam zu zwingen!" Die strengen, in überlegenem Ton gesprochenen Worte entfesselten einen bösen Trotz in Helma, dem hauptsächlich wohl das „Nixenkleeblatt" seinen Ursprung dankte. Und immer wieder, obgleich sie Staeger seitdem lieben gelernt, ihm sogar beipflichten mußte, bäumte sich Alles in ihr auf gegen seine „Schulmeisterei". Hätte er wenigstens einmal um Verzeihung gebeten durch Wort oder Blick — im Gegenteil ! War sein Wesen auch weicher geworden, so strahlte ihr doch aus seinen grauen Augen stets etwas kritisch Prüfendes entgegen. Wie diese Gedanken sie peinigten, sie hinaustrieben in die Einsamkeit, weiter, immer weiter! Längst schon hatte sie die letzte Barriöre überholt und noch immer trieb unverminderte Spannkraft sie vorwärts. Sie war so ganz mit sich selbst beschäftigt, daß sie nicht die Warnungszeichen vom Strande her vernahm. Dieser gleichmäßige Verbrauch an übermäßig vorhandener Kraft bereitete ihr unendliches Be- hagen. Die Wogenberge thürmten sich höher, aufjubelnd ließ sie dieselben über sich Hinwegrollen. Jetzt aber kamen mehrere sich jäh überstürzende Wellen, Helma mußte sich ernstlich anstrengen, um nickt mit fortgeriffen zu werden. Ah — der Athem war ihr ja förmlich vergangen, nun mochte es Zeit zum Umkehren sein! Zurück also — als sie sich wandte und in beträchtlicher Ferne wie einen schmalen, weißen Streifen den Strand erblickte, wurde ihr ein wenig bange. Sie hätte laut um Hilfe rufen können, aber dann kam „Er" viellcichr, um sich mit spöttisch-mitleidigem Blick an ihrer Hilflosigkeit zu weiden, sie „großmüthig" zu retten! — Nimmermehr! Jndeß galt es nun, gegen die Strömung zu arbeiten. Das war gar nicht so leicht, zudem ihre Muskelkraft zum Theil verbraucht war. Aber mmhig schwamm sie vorwärts. Jener Morgen erstand wieder vor ihrem Geist, wo sie so trotzig und herausfordernd den Männern ewige Feindschaft geschworen, nur um den beunruhigenden Herzenssymptomen ein festes Bollwerk entgegen zu richten. Und in der That, der Ring hatte ihr immer wieder neuen Muth verliehen in dem Kampf gegen die Liebe — Helma strich gewohnheitsgemäß mit dem Daumen gegen den Ringfinger an und nun durchbebte sie ein ernster Schreck — die kleine Schlange war verschwunden. So lächerlich es klingen mag, sie dachte einen Augenblick daran, unterzutauchen, um den silbernen Reif auf dem sandigen Grunde zu suchen. Oder verwirrten sich ihre Gedanken bereits? Eine leichte Schwäche wandelte sie an. Es war ihr plötzlich, als streckten sich aus den grünlichen, sonnenüberstrahlten Wogen unzählige weiße Hände empor, die alle nach dem Ringlein haschten, um sich zu schütze» gegen — die — Liebe--- — 420 — Ein matter Hilferuf zitterte über das Wasser. Bis zum Strande wäre der schwache Laut wohl kaum gedrungen, die in einem Rettungsboot angestrengt vorwärts arbeitenden Männer aber hatte er erreicht. „Vorwärts, schneller!" commandirte Georg Staeger, indem er selbst die Ruder strammer einlegte. Und dann rief er Helma mit seinem vollen Bariton ein aufmunterndes „Muth" zu, dem man freilich nichts von der Herzensangst anhörte, die er um das geliebte Leben dort empfand. Schon längst hatte Georg die Tollkühnheit Helmas geängstigt. Als er nun heute gewahrte, daß sie sich weit über das vorgeschriebene Ziel hinausbegab, verständigte er einige Badewärter und folgte mit diesen der übermüthigen Schwimmerin. Der Nachen war bereits so nahe, daß Helma gerade in Georgs erregte Züge sehen konnte. Sie that es scheu und doch mit einem neuen, beglückenden Gefühl. Wie elegant, wie kraftvoll seine Bewegungen sind! Wie sein männlich- schönes Gesicht von Gesundheit und stolzem Selbstbewußtsein strahlt! Ja, das ist die echte, von der Natur verliehene Kraft, die der Mann dem Weibe voraus hat und unter deren Schutz es sich so sicher ausruhen läßt. Ach ja, ruhen — eine Ohnmacht wandelte sie an. Doch da war auch schon der Nachen zur Stelle. Kräftige Arme hoben Helma empor, man hüllte sie warm und wohlig ein, und trotzdem Georg jetzt mit ihr abgewendetem Gesicht in dem kleinen Fahrzeuge stand, fühlte das junge Mädchen doch klar, daß sie nur „seiner" Fürsorge ihr Leben zu danken habe. Während der Rückfahrt überließ Georg die Ruder den Leuten. Er selbst setzte sich neben die heimlich Geliebte und stützte sie fürsorglich mit seinem Arm. „Gnädiges Fräulein —" Aber ihre Augen leuchteten ihm in einem so tiefen, verklärten Glanz entgegen, daß er mit unterdrücktem Jubel fortfuhr: „Giebst Du endlich den Kampf auf, Geliebte? Willst Du Dich meiner Liebe, meiner Stärke anvertrauen?" „Damals im Coups waren Sie sehr garstig gegen mich" — Helma kämpfte vergeblich gegen heiße Thränen an. „Der Trotz und Eigenwille störten mich in Deinem süßen, bezaubernden Antlitze wenn Du ahntest, mein Lieb- l-ng, wie sehr Dich ein weicher, hingebungsvoller Ausdruck verschönt." Und jetzt schwanden wirklich alle revolutionären Empfindungen in ihr dahin wie Flammen, die der Nahrung entbehren — ihre Kraft war gebrochen und mit dieser ihr Widerstand. „Georg — ja — ich liebe Dich —“ Wie ein Hauch traf das süße Geständniß sein Ohr, aber cs machte ihn überglücklich, und nun hielt er die weiche, ein wenig schwankende Gestalt so fest, wie ein kluger Mann sein Glück hält. Mit der stolzen, thatkr ästigen Helma aber ging während dieser Fahrt eine totale Wandlung vor. Das Ohnmachtsgefühl, die unbedingte Hingabe unter einen stärkeren Willen, bereitete ihr wonniges Glück. Verweht war all' der thörichte, mühsam zusammengesuchte Krimskrams von Selbständigkeit und sonstigen emanzipirten Anschauungen. Das Herz öffnete weit die Thore, um den blühenden Liebesfrühling einziehen zu lassen. Helma erholte sich überraschend schnell von ihrer Abspannung. Lola trat ihr am Arm eines stattlichen Mannes entgegen. „Das Nixenkleeblatt besteht nicht mehr, liebste Helma, ich habe meinen Ring in die Fluth geworfen, mögen ihn die Nixen holen! Die Angst um Dich hat mein Glück begründet — endlich haben wir uns gefunden Dann vorstellend: „Mein Verlobter!" „Und die arme, kleine Margot, der wir all' die krankhaften, verderblichen Dinge in den Kopf gesetzt haben, geht teer aus!" klagte Helma. Margot hängte sich mit strahlendem Gesichtchen an ihren Arm. „Klüger als das gelehrteste emanzipirte Fräulein ist die jüngste Braut, denn sie hat erkannt, daß die einzige Bestimmung der Frau ist, zu lieben und geliebt zu werden!" „Gut gesprochen, meine Anti-Nixe!" rief Georg, Margots Schulter zutraulich umfassend. „Aber was bedeutet das Alles?" fragte Helma athemlos. „Daß ich Dich ein wenig angeführt habe, meine stolze, kluge Helma, denn Dein Schornsteingraf ist — der Bruder meines Bräutigams, mit dem ich seit Monaten heimlich verlobt bin, also mein Schwager!" Und die stolze, gönnerhafte Helma wußte nichts Anderes zu lhun, als die kleine, „unbedeutende" Margot glücklich lächelnd in die Arme zu schließen. Gein-innützig-r. Rahm-Sauce zu Wildbraten re. erhält einen ganz besonders pikanten und kräftigen Geschmack durch eine kleine Zuthat von Liebigs Fleisch-Extraet, das ja heutzutage zum eisernen Bestand jeder practischen Küche gehört. Beispielsweise eine Hirschkeule von 3 Kilogr. Gewicht, mit Salz ein- gerieben und zierlich gespickt in den entsprechend geheizten Bratofen gelegt, wird unter fleißigem Begießen mit 380 Gr. bräunlicher Butter gebraten. Alle kleinen Abfälle werden gut ausgekocht und diese Brühe verwendet man in der letzten Stunde des Bratens zum Nachgießen. Die Sauce, unter Hinzufügung von 5 Gramm Liebigs Fleisch-Extract mit etwas in dicker saurer Sahne verquirltem Kartoffelmehl verdickt, schmeckt köstlich. * * * * Stockschwämmchen (Mousseron). Zeit der Bereitung 40 Minuten. 5 Personen. Man braucht diese Pilze meist nur an Sauce, die vortrefflich schmeckt und besonders zu Hammel- und Rindfleisch paßt. Man entfernt die Stiele von einem Liter Mousserons, wäscht die Pilze und dünstet sie in 25 Gr. Butter weich. Jndeß bräunt man 30 Gr. Mehl in 40 Gr. Butter, verkocht die Mehlschwitze mit kochendem Wasser, giebt Salz, feinen Pfeffer, 10 Gr. Liebigs Fleisch-Extrat, ein Glas Rothwein, etwas Citronensaft und die gedünsteten Pilze hinzu und kocht Alles noch fünf Minuten miteinander. * * * Gefüllte Tomaten. Man schneidet oben am Stiel ein Deckelchen ab, höhlt die Tomaten ziemlich aus, streicht das Mark durch ein Sieb, vermischt es mit Bratwurstfüllsel ober gehacktem gebratenem Fleisch, geweichten Brödchen und Ei, mit feingeschnittenell Zwiebeln, Petersilie und Citrouen- schale ein wenig, durchdünstet, salzt und pfeffert die Farce gehörig und füllt sie in die Tomaten. Man setzt diese dann nebeneinander in eine ausgebutterte, niedere Gratinirschüssel, überstreut sie mit geriebenem Brödchen, bäckt sie unter kohlenbelegtem Deckel oder in der Röhre und beträufelt sie mit einigen Tropfen „Maggi", bevor man sie aufträgt. * * * Tomaten-Sauce. 8 bis 10 reife Tomaten werden in Hälften geschnitten, mit einer feingeschnittenen Zwiebel und einem Schöpflöffel leichter Fleischbrühe durchdünstet, die Sauce mit gelbem Buttermehl gebunden, angenehm mit Salz und Cayennepfeffer gewürzt, aufgekocht, mit einem Glase Weißwein und zwei Theelöffelchen „Maggi" abgeschmeckt, durchpassirt und in die Sauciöre gegossen. Redaction: SL Scheyda. Druck und Berlag der Brühl'schen Univerfitäts-Puch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.