Dienstag beit 9. März siWE »Fr. MMN WmK 7JJ W. Die chweige! Wenn Du nicht gesprochen, Kannst Du sagen, was Dir paßt; Wenn das Schweigen Du gebrochen, Fällt Dir jedes Wort zur Last. wer ohn- oder nur u Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Es war noch in der Morgenfrühe, als ihr der hüfreiche Gedanke kam, doch sie wußte, daß sie dort oben zuseder Stunde willkommen war. Ein Paar Mal schon, leit der Geliebte sie verlassen hatte, war sie trostsuchend m den Giebel hinausgestiegen, und wunderbar gehoben, mit dem Gefühl, als hätte sie aus einer himmlischen Quelle trinken dürfen, war sie jedesmal zurückgekehrt. Und heule galt e» noch Wichtigeres, Größeres, als di- Liebesnoth eines einsamen Frauenherzens. Einen Genossen zum Feldzug gegen die Sünde wollte sie werben, — Busenius würde ihr den Beistand nicht versagen. ~. Rasch entschlossen eilte sie die Treppen hinan. Die Fenster des alten Hauses waren weit geöffnet für einen sonnigen Frühlingstag, und eine reine, kräftige Luft s rom von allen Seiten auf ihn ein. Ein gelber Schmetterling taumelte vor dem blauen Viereck eines Fensters vorüber, das den Blick in die weite Himmelsferne erschloß, und als sie einen Augenblick daran stehen blieb, sah sie die Lerchen, wie kleine, dunkle, sonnevergoldete Punkte, im hellen Licht über den grünenden Feldern schweben und horte ihrLieo, vom sanften Winde weitergetragen, zu sich heruberklmgen. Ihre Brust hob sich in Hoffnung und Muth beim Anblick dieses heiteren Bildes, beim Athmen dieser lebenerweckenden Lust, und ohne noch einmal stehen zu bleiben, stieg sie ,oyer hinauf, zu Busenius' Zimmer empor. Ec öffnete ihr selbst auf ihr hastiges Klopsen und hielt ihr die ausgestreckten Hände entgegen. „Das ist W1*', atz Sie kommen," sagte er, „ich hatte das Gefühls daß wser heilere Morgen mir etwas recht Willkommenes bringen mutz e, und da ist es ja schon." . „Dann will ich nur wieder gehen," sagte sie mit einem anmuthigen, etwas verlegenen Lächeln. „Denn ich glaube nicht, daß ich Jhncn noch länger willkommen bin, wenn Ote gehört haben, was mich zu Ihnen führt, ^ch wollte ^hren Rath erbitten und Ihnen häßliche, böse Dinge erzählen. „Es ist nichts an sich gut oder böse, unser Denken erst macht es dazu. Sie kennen Hamlets Wort, und er hat recht. Wenn man von einem hohen Berge hinunter sieht, ist auch ein wüthender Fluß, der Häuser uud Menschen mit sich fortreißt, nur ein leuchtendes «ilberband. Auf die Hohe kommt's an, auf der man steht " „Aber darum bleibt das Elend doch trt der Weit. Häuser stürzen ein, und die Menschen ertrinken!' Und wir sollen ihnen helfen, — gewiß. Aber selbst mit fortgerissen wird von solchem Strome, der ist mächtig für sich und- Andere, mag es ein Wasserstrom ein Strom der Leidenschaften sein. Von der Hohe können wir helfen und retten." „Wir stehen auf der Höhe, also helfen Sie mir „Müssen Sie darum wirklich erst bitten, um etwas, das so selbstverständlich ist? Kommen Sie her, setzen ®te sich und erzählen Sie mir." Er führte sie zu dem erhöhten Sitz am Fenster, rer jetzt in der Morgenstunde nicht von der Sonne beschienen war, aber weit hinausblicken ließ in das freie 2mtb nut Jeutem lieblichen Wechsel von Schatten und Licht. Busemu» blieb aufrecht ihr gegenüber stehen, gerade vor dem regenbogenfarbigen Streifen an der Wand mit dem goldenen Worte „Excelsior!“ Frau Ina wollte es scheinen, als habe er me zuvor so schön und vergeistigt ausgesehen, wie rn.dieser Stunde, und jene harmonisch zusammeMmgenden Farben umleuchteten sein Haupt wie der Strahlenschein emes Heiligen. Es wurde ihr schwer, einen Anfang zu finden, aber als sie einmal begonnen hatte, erzählte sie Alles, was ihr begegnet war: die Annäherug des Doctor Jaksch, das Gespräch mit dem Bruder, die Lösung des Rachels durch d e unerwartete Hilfe Bäsmanns, bis es ihr zur Gewißheit geworden war, daß ein Verbrecher mit ,hr unter einem Dache wohne. „Den Anarchisten hier hat man verfolgt unb gejagt; ich sage nichts dagegen, ihm ist sein Recht geschehen. Aber der Andere, der vielleicht zehnfach so schuldig ist, al» em verleiteter junger Mensch, geht frei umher und genießt die Früchte seines abscheulichen Betruges!" Mit einem Seufzer dec Befreiung beschloß sie den langen Bericht; Busenius aber antwortete nicht gleich. Er hatte das Haupt gesenkt und schaute mit starren Blicken nach unten, als hätte em Abgrun sich vor ihm aufgethan, der ihm schreckliche Dinge enthüllte. „Er geht seinen Weg," sagte er leise und schmerzlich. „Er hat das Wort vergessen, was dort steht. Nun hatte 110 er sich aufgerichtet und zur Seite gewendet und wies mit erhobenem Finger aus das „Excelsior!“ au der Wand. „Ob er es jemals gekannt hat?" fragte Frau Henninger mit gedämpfter Stimme- es war ihr, als dürfe sie kein lautes Wort sprechen in diesem Augenblick, diesem Manne gegenüber, aus dessen Augen ein wunderbares Feuer leuchtete. Auch schien er ihre Worte nicht zu hören- wie mit sich selber redend, fuhr er fort: „Nein, nicht vergessen. Ungedeutet in seinem Sinne, in dem seiner Zeit. Den Menschen von heute scheint ja ein einziger Weg nur auswärts zu leiten, der zum Erfolg und zur Macht. „Excelsior!“ rufen auch sie und spotten damit ihrer selbst. Hinauf, immer höher, immer weiter, zu immer glänzenderen Sphären der Menschenexistenz klimmen sie hinan, stoßen den Nebenmann nieder und schreiten weiter über seinen Leib. Aber die Stunde kommt für sie Alle, in der sie erkennen, daß es ein lockendes Trugbild ge wesen ist, das ihnen vorschwebte, und daß sie abwärts getaumelt sind, anstatt hinabzusteigen." Er hatte geendet, es wurde ganz still um die Beiden her. Eine große Fliege kam durch das offene Fenster surrend hereingeschossen, umkreiste einmal das Zimmer und flog wieder hinaus in die Freiheit. Nun hörte man nur noch die lauten Athemzüge der beiden Menschen. Endlich faßte Frau Henniger Muth zu einer Frage: „Was soll ich thun?" Ganz leise kamen diese Worte hervor. Busenius trat zu ihr und legte ihr seine Hand auf die Schulter, eine schlanke, blasse und feine Hand, wie Gedankenmenschen sie haben. „Thun Sie, was Sie müssen," sagte er. „Beginnen Sie den Kampf, er wird sich von selbst Ihnen bieten. Und seien Sie muthig, Sie haben Ursache, muthig zu sein. Das Reine ist in unserer Welt und in allen anderen Welten zuletzt doch mächtiger, als das Unreine, und vor der höheren Existenz muß sich die tiefere beugen. Haben Sie keine Furcht, wenn er zu Ihnen kommt —" ,/Er zu mir?" Mit einem Ton des Schreckens und des Abscheus rief sie es aus. „Er wird kommen, ich weiß es. Er hat immer noch einen Weg, den er einmal betreten hatte, bis ans Ende verfolgt. Und diesmal treibt ihn, was er Liebe nennt. Glauben Sie mir, er wird kommen." Wieder blieb er einen Augenblick sinnend stehen, dann ging er ganz langsam, als kämpfe er mit einem Gedanken, zu dem großen Tisch an der Wand, ergriff ein leeres Blatt Papier und schrieb ein paar Worte darauf. „Ja, es ist Zeit," murmelte er kaum vernehmbar, als er sich wieder erhob. „Lassen Sie ihn bis zu Ende reden," sagte sie, „lassen Sie ihn sein Spiel aufdecken bis zu der letzten Karte. Dann sagen auch Sie ihm Alles, was Sie wissen, stellen Sie Ihre Forderungen, und wenn er sich weigert, geben Sie ihm dies." Noch eine Secunde schien er zu zögern, bevor er das Blatt in ihre Hand legte, dann aber gab er es ihr mit einer raschen Bewegung. „Lesen Sie," sagte er, indem er es ihr reichte. Sie sah eine große, schräge, nicht völlig gleichmäßige Schrift auf dem Weiß des Papiers, die harmonisch und anmuthig war, und las die wenigen Worte, die dort standen: „Ich weiß, was Du gethan hast, und ich bin in Deiner Nähe. Erfülle die Forderungen der Frau, von der Du dieses Papier erhälst. Leopold Busse." Bevor sie ihr Staunen über die seltsamen Worte mit einer Bewegung nur äußern konnte, hörte sie ihn von Neuem sprechen. „Ich lasse Ihnen dieses Blatt, aber nur unter I ettier Bedingung. Sie müssen mir Ihre Hand darauf geben, daß Sie ihm nicht verrathen wollen, von wem es stammt, wo ich mich aufhalte, wer diese Worte geschrieben hat- Hören Sie wohl, es ist ein festes, bindendes Versprechen, das ich fordere." Ohne Zaudern legte sie ihre Hand in die seine, die warm.und trocken und merkwürdig weich war. Aber indem sie es that, weilten ihre Gedanken noch immer bei dem wunderlichen Inhalt des geheimnißvollen Papiers, bis ein Gedanke, jäh wie ein Schrecken, sie von ihrem Sih emvor- springen ließ. „Mein Gott," rief sie aus, wenn ich mir das zusammenhalte, was ich weiß, was ich Ihnen gesagt habe, und was ich hier lese, dann muß ich glauben, — ja, dann sind Sie „Sprechen Sie es nicht aus!" Mit lauter, befehlender Stimme hatte er die Worte gerufen- mehr aber noch, als der Ton seiner Rede, hielt ein Blitzen in seinen Augen sie ab, weiter zu sprechen. „Ich bin, der ich bin," fügte er sanfter, aber doch bestimmt und fest hinzu. „Ein Mensch, nichts weiter. Namen sind nur Verkleidungen." Er verstummte und lächelte, ein träumerisches, gedankenvolles Lächeln, als blicke er im Geist auf die endlose Reihe von Gestalten zurück, in denen er seinem Glauben nach auf dieser Erde schon gewandelt war, auf die ungeheuere Kette von Namen, die er getragen hatte. Dann sah er Frau Ina in die erstaunten Augen, und sein Lächeln wurde das eines guten Freundes. „Was ich zu sagen wußte, habe ich Ihnen gesagt. Und wenn Sie wieder einen Rath bedürfen, so scheuen Sie den Weg in meinen Giebel nicht." Sie wagte es nicht, seinem Gebot zu trotzen und die Gedanken in Worte zu kleiden, die ihre Seele durchflutheten. So reichte sie ihm nur die Hand mit ein Paar herzlichen Worten des Dankes. Er geleitete sie zur Thür und blieb in der Oeffnung stehen, bis sie die Treppe erreicht hatte. Noch einmal schaute sie von dort zurück. Vor dem Hellen Hintergründe des Fensters, das der Thür gegenüberlag, erhob seine Gestalt sich dunkel und hoch; sein Gesicht schien ihr bleicher in dieser Beleuchtung, und indem sie zu ihm hinüberblickte, kam ihr plötzlich das Gefühl, als sähe sie ihn zum letzten Mal. Sie wollte wieder zu ihm herantreten, aber sie schämte sich ihrer abergläubischen Empfindung und nickte nur freundlich zu ihm hinüber. Grüßend, beinahe wie segnend erhob er die Hand und winkte ihr zu- dann trat er in das Zimmer zurück, und hinter ihm schloß sich die Thür. Unten in ihren eigenen Raumen erst überfielen die Gedanken, die durch das Gespäch mit Busenius geweckt waren, Frau Henninger mit voller Macht. Wieder und wieder fragte sie sich, ob es denn möglich sei, was mit der Bestimmtheit einer nothwendigen Folgerung plötzlich ihre Seele blitzgleich durchzuckt hatte, ob der Mann im Giebel dort oben in Wahrheit der verrathene, betrogene Freund des Doctors sei. Und was ihr im ersten Augeublick unumstößliche Gewißheit geschienen hatte, das wurde ihr jetzt bei dem einsamen Grübeln fragwürdiger und unwahrscheinlicher von Minute zu Minute. Diese beiden Männer, in demselben Hause neben einander lebend, ohne einander zu kennen oder sich zu erkennen zu geben, so nahe, nur durch ein paar Treppen und Wände geschieden, — nein, es war nicht möglich! Und doch vermochte sie nur so sich den Inhalt des geheimnißvollen Papiers zu erklären, die Macht des Einen über den Anderen, die daraus sprach. Busenius hatte ihr gerathen, das freiwillige Kommen des Doctors abzuwarten, und sie hatte beschlossen, ihm zu gehorchen. Aber sie zählte die Stunden und Tage mit wachsender Ungeduld in erregten Gedanken an den Augenblick des Kampfes, um dann doch zu erschrecken, als gegen Abend !>es dritten Tages Fräulein Tietjens hereintrat mit der Meldung, daß Doctor Jaksch um eine Unterredung mit Frau Henninger bitte. Die Gesellschafterin hatte ein grau- ames, medusenhaftes Lächeln auf dem bleichen Gesicht, aber Frau Henninger war zu sehr mit den eigenen Gedanken be- chäftigt, um darauf zu achten. Sie brauchte eine Sekunde, um sich zu fassen, drückte ihr Taschentuch an die Lippen und agte dann, indem sie sich erhob: „Er wird mir willkommen sein." Er war ihr willkommen, denn sie wollte und konnte die wachsende Unruhe nicht mehr ertragen, und sie ging ihm ein paar Schritte entgegen, als er nun eintrat. In die Hand aber, die er ihr bot, legte sie nur die Spitzen ihrer Finger, um sie gleich wieder zurückzuziehen. Er war im tadellosen, - 111 schwarzen Besuchsanzug, doch trug er einen leichten Carbolgeruch aus dem Doctorzimmer mit sich herein. Auf seinem Gesichte ging und kam die Farbe, aber er sprach die Worte der Begrüßung mit ruhiger Stimme. Sie setzten sich auf den Platz in der Ecke des Erkerzimmers, wo die Palmen standen, und indem sie sich niederließen, empfand es Frau Henninger wie eine Beleidigung, daß dieser Mann hier an derselben Stelle ihr gegenübersitzen durfte, wo der Geliebte so oft gesessen hatte. Dies Gefühl jedoch stärkte nur ihre Entrüstung und ihren Muth, und sie empfand eine heiße Kampfesstimmung in ihrem Herzen. Doctor Jaksch begann, indem er einen Brief hervorzog, aus dem Frau Inas scharfe Augen eine italienische Marke erkannten. Trotzdem fragte sie nicht, sondern wartete, bis er sprach. „Mein Neffe hat mir heute geschrieben," sagte er, „aus Mentone noch immer. Er kann sich nicht satt sehen an der italienischen Natur, die einen sehr heilsamen Einfluß auf ihn auszuüben scheint. Ich freue mich, daß meine Diagnose mich nicht getäuscht hat. Er war ein wenig Melancholiker geworden diesen Winter, hatte ja auch Ursache dazu in gewisser Hinsicht. Aber, du lieber Gott, er ist noch jung, und für die Jugend ist Ortsveränderung die sicherste Medicin. Auch bei ihm hat sich das prächtig bewährt. Der Ton seiner Briefe ist schon ein ganz anderer geworden- Sie werden das auch finden, er hat Ihnen jawohl kürzlich geschrieben?" „Er hat mir nicht geschrieben," entgegnete sie kurz und hart. Ein Gefühl des Zornes wallte in ihr auf, daß Georg sie zu dieser Antwort zwang. „Nein? Ich meinte, es gehört zu haben. Nun, dann will ich um so eiliger seine Grüße ausrichten- recht herzlich läßt er Sie grüßen, gnädige Frau. Ja, wie gesagt, der Ton seiner Briefe ist ganz verändert. Er schreibt viel von einer hübschen, kleinen Französin dort im Hotel, vielleicht hat sie zu dieser Wandlung mitgewirkt." „Zeigen Sie mir den Brief, Herr Doctor," rief sie mit unwillkürlicher Heftigkeit. Aber sie bereute das übereilte Wort nicht, denn seine Entgegnung zeigte ihr, daß er gelogen hatte. „Pardon, meine Gnädigste, dieser Brief ist nicht für Sie. Ich meine damit, er enthält einige Stellen, die Sie verletzen könnten, und ich möchte nicht dazu beitragen, Ihnen wehe zu thun. Wir wissen ja, wie Sie mit meinem Neffen gestanden haben — hoffentlich liegt die Sache jetzt hinter Ihnen. Er scheint sich wenigstens an einer neuen Sonne zu wärmen. Denken Sie, er hat sogar angefangen, zu schriftstellern, und da die Herren Poeten jawohl gemeiniglich durch irgend eine kleine Herzensaffaire zu ihren unsterblichen Werken angeregt werden, so glaube ich beinahe, diese Person da, von der er schreibt, diese Französin ist ihm zur Muse geworden." Sie wußte, daß er die Unwahrheit sprach, aber ein kleiner Tropfen von dem Gifte, das er ihr eingeflößt hatte, blieb doch in ihren Adern zurück. Wenn Georg wirklich, — und sie glaubte, daß das keine Lüge war — in einer neuen, wohlthätigen Beschäftigung ein Heilmittel für Schmerz und Sehnsucht gefunden hatte, warum sagte er es ihr nicht selbst mit einem Worte, mit einer einzigen Zeile? Warum ließ er sie nicht theilnehmen an den belebenden Hoffnungen, die mit solcher Thätigkeit in seiner Seele erwacht sein mußten, und die sie vom Himmel so oft für ihn erfleht hatte? Sollte nicht doch vielleicht eine neue Liebe —? Sie dachte den Gedanken nicht zu Ende, aber ein Schmerz, heißer und gewaltiger, als alle die bitteren Leiden des vergangenen Winters, preßte ihr das Herz zusammen mit grausamer Macht. Sie fühlte, daß sie antworten mußte, doch rang sie vergeblich nach Worten. Endlich sprach sie und freute sich dabei im Stillen, daß ihre Stimme nichts von dem Aufruhr in ihrer Seele verrieth. „Es wäre schön für ihn, wenn er die Fähigkeiten für einen neuen Beruf in sich entdeckte. Zum Juristen hat er wohl niemals gepaßt." „Nein, das weiß der Himmel," sagte der Doctor lachend. „Er hat niemals Lust dazu gehabt, und meine Menschen- kenntniß hat mich wirklich einmal im Stiche gelassen, als ich hn dazu beredete. Zu Juristen sollte man nur Verstandesmenschen nehmen." „Sie hätten Jurist werden sollen, Herr Doctor." Die Ironie in ihren Worten überhörend, lächelte er höflich. „Vielleicht wäre das ganz passend gewesen. Aber der Beruf des Arztes fordert ebenso, wie der des Juristen, einen ruhigen Verstand und einen klaren Blick." „Ich habe mir freilich sagen lassen, daß es Aerzte und Juristen genug giebt, die mit dem Verstände allein auszu- kommen meinen und auch wohl in Wirklichkeit auskommen. Aber ich habe immer gedacht, gerade bei den Männern dieser Berufe sollte das Herz eine mindestens ebenso große Rolle spielen, wie der Kopf. Eine Arzt, der jemals das Mitgefühl für die Leiden seiner Kranken verlernt, ist in meinen Augen kein wahrer Arzt. Und mit gerade so warmem Herzen sollte der Jurist die Krankheiten der Menschenseele zu erkennen suchen, denn oft ist das sogenannte Verbrechen doch nur eine Krankheit." Sie hatte sich in Eifer gesprochen, von der Beschäftigung mit einem häufig gedachten Gedanken fortgeriffen und durch die Erinnerung an Doctor Jakschs Kaltherzigkeit dem kleinen Hannchen gegenüber noch heftiger aufgestachelt. Aber jetzt bereute sie es doch, auch nur ein Stückchen ihres Herzens diesem Manne gezeigt zu haben, und in halber Verlegenheit schaute sie nach der Seite des Zimmers hinüber, wo der entschwindende Sonnenschein durch die bunten Glasscheiben im Erkerfenster farbige Muster auf beit Fußboden zeichnete. Sie hatte ihre linke Hand, die sich bei der lebhaften Rede ein wenig geballt hatte, auf den Tisch sinken lasten, und sie lag noch dort, während Frau Henninger jetzt von ihrem Besucher abgewandt dasaßr (Fortsetzung folgt.) Der Blinde. Von Felix von Stenglin. (Fortsetzung.) „Aber hören Sie mal," sagte nun die alte Frau, „das junge Mädchen da geht schon zum dritten Mal vorüber und blickt Sie ganz verliebt an —" „Wie schaut sie aus?" „Semmelblond, blaue Augen, weißes Kleid. Wenn sie wieder zurückkommt, werfen Sie ihr eine Kußhand zu, ich werde Ihnen sagen, wenn's Zeit ift."’ Jetzt lächelte auch der Alte. „Sie verführen meinen Schwiegersohn zu allerhand Streichen —" „Nun, er wird doch noch ein junges Mädchen hübsch finden dürfen, und noch dazu ein so sauberes, dem die Herzensgüte aus den Augen strahlt —" „Ach, die Herzensgüte!" meinte der Blinde seufzend. „Sie meinen, sie kann auch zu weit getrieben werden, die Herzensgüte? Ohne Zweifel. Da muß ich Ihnen mal die Geschichte von dem guten Fritz erzählen, der bei meiner Nachbarin mit verschiedenen anderen jungen Herren zur Miethe wohnte." Und sie berichtete, wie der gute Fritz in seiner Herzensgüte kurz vor Pfingsten all' sein Geld an die Pensionatsgefährten verborgt habe, so daß er seine Stiesel nicht vom Schuhmacher abholen konnte und als Einziger zu Hause bleiben mußte. Anstatt aber den anderen jungen Leuten zu zürnen, habe er, als die Langeweile ihn in seiner Einsamkeit plagte, ihr — Kammzeug gereinigt. „Mehr kann man doch nicht verlangen, wie?" Die beiden Männer stimmten lachend zu. Dann mahnte der Schwiegervater zum Aufbruch. „Wo denkst Du hin, Papa! Ich bleibe!" sagte der — 112 - Blinde abwehrend. „Noch mehr erzählen, liebe Frau, ja?" bat er. Und sie ließ sich nicht lange bitten. Sie schwatzte über Alles, was ihr gerade in den Sinn kam, erzählte von der geizigen Professorsfrau, die sich, als der Mann auf der Reise fünfzig Pfennige Trinkgeld gegeben, fünfundvierzig habe vom Kellner herausgeben lasfen, — von dem Thüringer Bauern, der die Stadtleut' mit nachgemachten Truhen anführte, indem er diese als Futterkisten in seinen Stall stellte und von Reisenden „entdecken" ließ, — berichtete von einer Einzugsfeierlichkeit Unter den Linden, wobei man eine dicke Dame zuvorkommend auf eine Tonne gehoben, sie nachher aber habe dort stehen lassen und trotz ihrer flehenden Bitten ihr zugerufen habe: „Du Dicke, bleib man oben!" Und Alles das schilderte sie in ihrer naiven Weise mit mancherlei humoristischen Randbemerkungen. Plötzlich aber unterbrach sie sich und rief: „Halt, da kommt Ihre Anbeterin! Nun aufgepaßt —" „Soll ich? . . ." „Ei freilich! Ich zähle bis drei. Wenn Sie die Courage nicht haben, ich bin Ihnen ewig böse. Eins — zwei — drei — Jetzt! Ach, Du gütiger Himmel, was haben Sie gemacht! Einen Posttag zu spät. Der alten Schreckschraube da haben Sie die Kußhand zugeworfen. Das wüthende Gesicht hätten Sie sehen sollen. Aber die Nacht kann sie nicht schlafen. Nein, Sie sind doch wirklich ein ge fährlicher junger Mann!" Die alte Frau bekam fast einen Lachkrampf. „Ach, und Sie sind Balsam sür mich!" rief der Blinde lachend aus. Doch der Ernst kam gleich zurück. „Wenn die Stimmungen nicht wären!" „Stimmungen! Ei ja, die hat wohl Jeder. Stellen Sie sich vor: Eine sonnige Vormittagsstunde im Winter, der Schnee liegt auf Gesimsen und Dächern, und in seinen Crystallen glitzert die Sonne. Im Zimmer ist's warm und hell. Da ist die Stimmung fertig: Sonntag in der Seele. — Und dann wieder: Ein trüber Nachmittag im Herbst. Ein Dauerregen kommt vom Himmel. Dazu die Dämmerung In den Winkeln und Ecken ist's finster, Unholde können jeden Augenblick daraus hervorspringen. Kalt ist's nicht gerade, aber warm auch nicht. Man nimmt sich ein Tuch um die Schultern und kauert sich im Sessel nieder. Und dann seufzt man tief: Ist das ein elendes Leben! Schon wieder eine Stimmung und eine ganz andere. So wirkt es von überall her auf uns ein. Am Morgen blüht die Seele nach dem stärkenden Schlaf der Nacht auf wie eine Knospe,- am Mittag gleicht sie der reifen Blume, die Frische ist fort, aber noch freut man sich des Lebens; der Nachmittag ist das Absterben, — das ist immer ungemüthlich; der Abend ist sanft und wohlthuend wie die ewige Ruhe. Stimmungen überall. Einer neigt mehr nach Weiß, ein Anderer mehr nach Schwarz, manche lieben das Grau in Grau ... Ich seh's Ihnen an, wenn Sie lachen, daß Sie eigentlich einen Schelm im Nacken haben. Unterdrücken Sie den armen Kerl nicht so- passen Sie aus, dann wird's besser mit den Stimmungen." „Ja, ja, — aber es giebt Dinge--Wenn ich zum Beispiel meinen Jungen auf dem Schooß habe und ich kann ihn nicht sehen —" „Lassen Sie nur! Sie stellen ihn sich ja viel hübscher vor, als er ist. Und es wäre manchmal ganz gut, wenn die Männer nicht sehen könnten, daß ihre Frauen altern." „O, meine Frau ist schön, das weiß ich. Und jung. Erst einundzwanzig Jahre alt." „Die arme Frau!" entfuhr es der Alten. Der Blinde hob schnell den Kopf. „Nun ja," meinte er dann zögernd. Ein Mädchen, wie eine Elsässerin gekleidet, ging mit Rosen vorüber. „Rosen gefällig, mein Herr?" sagte sie und hielt dem jungen Mann ihr Körbchen hin. „Geben Sie her!" sagte dieser eifrig und holte sein Portemonnaie aus der Tasche. „Eine recht schöne Rose für meine Nachbarin." Dann wandte er sich mit seinem Lächeln zu der alten Frau und fragte: „Eine Knospe oder eine bereits aufgeblühte Rose?" „Knospe! Ganz Knospe!" erwiderte sie scherzend. Der Blinde spürte aus dem Lachen seines Schwiegervaters und des Blumenmädchens, daß seine Freundin — wie er auch angenommen hatte — eine ältere Frau sein müsse. Doch ging er auf den Scherz ein und ließ sich eine Knospe geben, die er der Dame galant überreichte. „Ich bin glücklich," erwiderte sie, „aus solche Weise von einem charmanten junge« Herrn ausgezeichnet zu werden." Der charmante junge Herr hält es bei so vorgerückter Bekanntschaft für seine Pflicht, sich Ihnen vorzustellen. Mein Name ist Bote, Druckereibesitzer meines Zeichens, und dieser Herr — erhebe Dich von dem Sitze, Papa — ist mein armer, aber ehrlicher Schwiegervater, früher in Wein und Delicatessen, was man ihm allerdings nicht ansieht, jetzt Rentier, Kindermädchen und Bärenführer. Das Kind ist mein Sohn, der Bär bin ich." „So lieb' ich Sie!" rief die alte Frau belustigt aus. „Im Uebrigen ist mein Name Lemke." „Sehr schöner Name," sagte Boje, „Frau oder Fräulein ?" „Sie beleidigen mich I Für wie alt halten Sie mich denn eigentlich?" „Ja, das ist eine heikle Frage. Hab' ich mit dreißig zu hoch gegriffen?" „Sehr! Ich bin vor vier Wochen achtzehn geworden." (Schluß folgt.) Literarisches. Bei der Redaktion «ingegangene, zur »«vorstehende« Osterzett empfohlene »üch«r aus dem Verlag der Wupperthaler Tractat-Gesellschaft (E. Biermann) in Barmen: Co»strma«dr«stuch. Von H. Thümmel, Pastor in Unterbarmen. Gekrönte Preisschrift. 22. Auflage. Preis 40 Pfg. Etliche Sprüche uom christlichen Itbtn. Ein wenig bekanntes Büchlein Philipp Melanchthons. An dessen 400jährigem Geburtstage der evangelischen Christengemeinde dargeboten. Preis 10 Pfg. Diener und Streiter Jesu Christi. Von P. D. von Blomberg. Preis 60 Pfg., gebunden 1,20 Mark. Der Dogen in den Molken, oder Worte des Trostes in Trübsalsstundrn. 15. Auflage (in großem Druck), Preis 80 Pfg. Erinnerung an den Tag der Constrmation. Von Dr. S. Jaspis, wen. General-Superintendent der Provinz Pommern. 47. Auflage. Preis 12 Pfg. Wie wird es d»ch hernach gehe«? Betrachtungen über das Buch des Propheten Daniel von Ferdinand Herbst, Pastor. Preis 1,80 Wk., gebunden 2,60 Mk. . ., Handreichung zum leichteren Schriftoerständniß. Von Constantin Frick, Pastor an der Friedenskirche zu Barmen. Theil I: der Romerbrief. Preis 75 Pfg. Theil II: der 1. Johannisbrief. Preis 50 Pfg. Theil III: der Hebräerbrief. Preis 75 Pfg. Mein Freund ist mein. Betrachtungen über das Hohelied von Ferdinand Herbst, Pastor. 2. Auflage. Preis 1,80 Mk., gebunden 2,60 Mk. Die Distel, Gottes Wort. Von F. Magnus, Pastor in Lrbusa. Preis einzeln 30 Pfg. Größere Partien billiger. Falsche Propheten oder da» Merkmal des Göttlichen. Vortrag, gehalten in der evangelischen Kirche zu Unterbarmen am 6. August iö» von 0. Samuel Oettli, Ordentlicher Professor der Theologie m Greifswald. Preis 30 Pfg. . Was haben wir am Duche der Psalmen? Vortrag, gehalten während> o Wupperthaler Festwoche in der evangelischen Kirche zu 11«» - barmen am 8. August 1895 von D. C. von Orelli, ordentiuy Professor der Theologie in Basel. Preis 40 Pfg. . ... Darmer Ducherschah. 1. Band: Philipp Melanchthon. Ein Büchlem M das Volk von Carl Friedrich Ledderhose, evangelischer Psarr Preis 1 Mark. « Werden wir im Himmel einander kennen? sind andere Auf>°ke. m~on Ji C. Ryle, Bischof von Liverpool. 4. Auflage. Prers 75 Pfg., Goldschnitt 1,20 Mark. . Der Hüter Israels schläft noch immer -icht. Betrachtung über das »«w Esther von Ferdinand Herbst, Pastor in Barmen. 4> 1,80 Mark. Redaction: 8L Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universttäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieß < to DD Nach keinem Lau Finger, ka sie es hink Händen fe1 darauf, (s Abscheu ui dachte an 5 zu lassen, Dann ma< Hand, die Noch begann ei „Das ist Herzens, solch' eine Sie über mir. In thue Dtnc nicht im < los bin ii „Sii „Ick und versti ziemt." über die kleinen Z Ihrer Nä rasend, s reißen." Sie erfaßte i will so