Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Caroline wurde nachdenklich, schob die kupferne Kasserolle bei Seite, an der sie noch geputzt hatte, und wischte sich die Hände an ihrer Schürze ab. „Das wäre mich denn doch zwei Mal über 'n Spaß!" sagte sie. „Aber Du bist Dich auch man bloß 'ne Bangebüchse, un eh' ich dem Geist nich selber gesehen habe, glaube ich nich an ihm." Sie griff hinter ihren umfangreichen Nähkasten, der auf dem Küchentische stand, und holte eine weiße Flasche hervor, in der eine goldhelle Flüssigkeit glänzte. Ein starker Spirituosengeruch strömte daraus hervor, als Caroline den Kork herauszog, sich von dem Kinde abwandte und einen tüchtigen Schluck in ihren Mund fließen ließ. „Ich trinke ihm nicht vor Plaisirvergnügen, Hanne," sagte sie, indem sie die Flasche an ihren Platz zurückstellte, „das mußt Du nich glauben. Sondern vielmehr einmal wegen dem schwachen Magen, dem meine Mutter mich zurückgelassen hat — auch Großmutter selig hat immer an trockene Kolik gelitten — un denn, in so 'ne Lebensmomente, da is mich das 'ne bedürftige Stärkung." „Muß ich auch mitgehen?" fragte Hannchen leise. „Wenn Du Dich alleine hier in die Küche bleiben willst," begann Caroline, doch das Kind ließ sie nicht zu Ende reden. „Nein, nein, nicht allein! Ich gehe mit Ihnen und stelle mich hinter Sie und mache die Augen zu- Wenn ich dann so recht bete, nicht wahr, dann thut er mir nichts?" „Beten is gut," sagte Caroline überlegend, „aber ob sich einem Geiste viel darum kümmert, das is mich zweifelhaft. Na, vor allen Dingen komm her, un der liebe Gott sei alle Christenmenschen gnädig!" Dienstag de« 9. Februar, »SU '//amböcff v. Ct QJIbM To enn selber vom Glück getragen, jß' Man Andere leiden sieht, Dann ist es so leicht, zu sagen: „Du bist Deines Glückes Schmied!" Doch wechselt deS Schicksals Waage Und trifft auch Dich das Leid, Dann lautet die lästernde Klage: „Das ist der Götter Neid!" Sie traten vor die Küchenthür hinaus, und in der linken Wand des Corridors, der vom anderen Ende her durch eine kleine Petroleumlampe beleuchtet wurde, zeigte sich die matt erhellte, grünliche Fläche, die das Fenster in der Thür zum Zimmer des Verstorbenen bezeichnete. Offenbar war Licht darin, denn sonst erblickte man nur die spiegelnde Fläche der Scheiben, und nach einem ersten Zögern der Ueberaschung und des Schreckens ging Caroline muthig darauf zu, von Hannchen gefolgt, die angstvoll ihre Hand umklammert hielt. Die Riffe im Vorhang erlaubten einen Einblick in das Zimmer, freilich nur in beschränktem Maße. Die Farbe des Stoffes tauchte Alles in einen grünlichen Schimmer, und das Gesichtsfeld war klein. Aber doch vermochte Caroline zu erkennen, was ihr die Kniee beben machte: dort am Schreibtisch, von den Falten des Schlafrocks aus schwarzem Sammet umwallt, saß die Gestalt eines Mannes. Nein, keines Mannes! Der wiedergekehrte Schatten des Verstorbenen war es, der die Stätte seines einstigen Lebens heimsuchte, weil ihm die Ruhe im Grabe versagt war. Sie hatte ihn gekannt und sie erkannte ihn auch jetzt. Von der matten Flamme eines Lichtes beleuchtet, saß er bewegungslos da, den Kopf halb zur Seite geneigt, so daß das Profil vor dem dahinter stehenden Licht einer schwarzen Silhouette gleich sich abzeichnete. „Du lieber Gott," flüsterte Caroline, bei der die Rührung allmälig den Schrecken überwog, „es is meinem Herrn, es is meinem armen seligen Herrn!" Die Thränen quollen ihr hervor, so stark und reichlich, daß sie zur Schürze greifen mußte, um ihre Augen zu trocknen. Als sie dann aber wieder aufblickte, war das Zimmer dunkel und die Erscheinung verschwunden. Es schien ihr noch, als schwebe eine schwarze Gestalt zwischen der Thür und der matterleuchteten Fläche des einen Fensters dahin, dann aber war Alles verweht und verstoben. Auch kein Geräusch kam aus dem finster gewordenen Raume hervor, nur der Wind heulte laut um das Haus. Die Beiden gingen in die Küche zurück, besprachen wieder und wieder, was sie eben gesehen hatten, — Hannchen hatte nur ein einziges Mal die Augen aufgemacht und nichts als den Lichtschein erblickt — und redeten sich immer tiefer in eine bebende Angst hinein. Auch die muthige Köchin hatte ihre Fassung verloren und theilte der Kleinen mit, in welcher Tracht sie begraben zu werden wünschte, wenn die Erscheinung Unheil und Tod für das ganze Haus bedeuten sollte. Nach und nach fanden sich auch die drei übrigen abendlichen Insassen Ser Küche ein: das Stubenmädchen, der Kutscher und der Diener. Jedem Einzelnen wurde, nachdem 62 er das Gelübde der Verschwiegenheit geleistet Hütte, das Schreckliche erzählt, und Jeder horchte mit angehaltenem Athem. Keiner hatte die Ruhe, sich niederzusetzen, angstvoll zusammengedrängt stand die kleine Schaar um den Herd, und scheue Blicke flogen nach der Wand hinüber, hinter der das Schlafzimmer des Todten lag, hinter der er gestorben war. Dann, als der Vorfall nach allen Seiten war erörtert worden und nichts mehr hergab, kamen andere, ähnliche Geschichten an die Reihe. Johanne erzählte, daß ein Spiegel von der Wand gefallen sei in der Nacht, als sie ihre Mutter durch den Tod verloren habe, und Ferdinand Elster gab eine lange, nicht ganz klare Geschichte zum Besten von einem schattenhaften Leichenzuge, der irgendwann einmal irgendwem entgegen gekommen sei. Als man hier angelangt war, hatte sich Caroline so weit erholt, um die gewohnte Führerschaft über die Küchen- genosfen wieder zu übernehmen. „Ich sage man bloß," Hub sie an, „es giebt Vielem, was man weiß, und Vielem, was man nich weiß. Aber was mich gar nich zweifelhaft ist, das iS, daß Frau Regierungsrath dem Ding vor allen Dingen erfahren muß. Sieh, Ferdinand, wenn Du mir geheirathet hättest," — sie sagte jetzt ungenirt wieder Du, denn der neue Diener war in ihre intimen Beziehungen ein- geweiht worden, — „un Du wärest mich gestorben un kämest mich so noch mal wieder, was ich Dich übrigens nich rathen möchte, und man wollte Dich mir verheimlichen, das könnte ich sehr in übel aufnehmen. Und das mit vollen Recht. Un so ist das nu mit Frau Regierungsrath, un darum gehe ich nu zu ihr hinein, und wer mitgehen will, der kann mich's zu wissen thun." Eine vierfache Zustimmung erfolgte, und nach vorsichtigem Hinausspähen aus der Küchenthür setzte der kleine Zug sich in Bewegung. Caroline mit dem Kutscher voran, dicht hinter ihr her Hannchen, an Carolinens Kleid angeklammert, zuletzt der Diener und Johanne, die von der Angst den angenehmsten Gebrauch machte, indem sie sich an den irischen Burschen so nahe als möglich herandrängte. Der verhängnißvollen Thür blieben sie alle so fern, als der schmale Corridor es erlaubte, doch machten sie hier ein wenig Halt und sahen, Einer durch die Nähe des Anderen ermuthigt, mit halben Blicken hinüber, ob das Licht in dem Zimmer nicht wieder auftauchte. Doch Alles blieb dunkel und sie schritten weiter/ vor dem Zimmer des Assessors aber blieb Caroline stehen. „Ihm müßte das auch wissen," sagte sie, „ich könnte mich das nich vergeben, wenn ich ihm so ahnungslos in die Nähe von so 'n Gespenst, wenn es auch dem Gespenst vom seligen Herrn Regierungsrath is, gelassen hätte." Kurz entschlossen pochte sie an, ein leiser Ruf antwortete ihr, und sie trat ein, von den Anderen gefolgt, die sich in der offen gebliebenen Thür zusammenschaarten. „Herr Assessor," begann die Köchin ihre Rede, „nich daß ich zudringlich erscheinen möchte, aber die Sache is andem, daß ein ungewöhnlicher Maßregel entschuldigt werden muß." Und nun berichtete sie, was Hannchen erlebt, was sie selbst gesehen hatte. Georg hatte aufrecht im Zimmer gestanden, als sie eingetreten war, und mit fragendem, düsterem, gespanntem Ausdruck hatten seine Augen auf dem Gesichte der Erzählerin geruht. Immer bleicher aber war er geworden, während sie sprach, und jetzt schien eine plötzliche Schwäche ihn anzuwandeln/ er mußte sich niedersetzen, die Arme fielen ihm schlaff am Körper herab. Dann spannten sich die Nerven von Neuem/ er streckte die Hände nach der Erzählerin aus und im Tone bebender Erwartung fragte er: „Ihn haben Sie gesehen, ihn — ihn?" „Ihm selber, ganz genau. Ich müßte mir versündigen, wenn ich anders sagen wollte." „Ihn, ihn!" wiederholte Georg noch einmal, dann ging ein beinahe irres Lächeln über sein Gesicht. „Ich danke Ihnen," sagte er/ „daß Sie eS mir erzählt haben." Zaudernd, nach einer kleinen Pause aber fügte er leise hinzu: „Weiß es die gnädige Frau bereits?" „Noch nich," gab Caroline zur Antwort, „aber der Herr Assessor haben demselben Gefühl wie ich. Un nu wollen wir gehen, un sie soll ihm erfahren." Sie ließen ihn allein und gingen weiter, den Zimmern ihrer Herrin zu. Sie saß an diesem Abend nicht im Salon, den sie mied, weil so viele schöne und traurige Erinnerungen ans den letzten Monaten an ihm hafteten, sondern in ihrem daneben gelegenen, kleineren Wohnzimmer, wo das Bild ihres Mannes von der Wand her zu ihr niedersah. Sie war bleich und nervös geworden in diesen langen Tagen des Wartens auf ein Glück, das nicht kommen wollte. Horchend auf jedes Geräusch, das durch die Thüren zu ihr drang, saß sie da, und immer wieder betrog die Erwartung sie, daß endlich der Fuß des geliebten Mannes den Weg zu ihr finden möge. Die Gesellschafterin schickte sie fort, so oft als möglich/ nur in der Einsamkeit, wo die eigenen, bald hoffenden, bald finsteren Gedanken sie umgaben, fand sie Ruhe und Geduld. Auch heute war sie allein, mit einer der Brandmalereien beschäftigt, von denen sie wußte, daß Georg sie liebte. Sie meinte ihm näher zu sein, wenn sie etwas schuf, das ihm gefallen hätte. Das Geräusch der herankommenden Tritte ließ sie den Blick zur Außenthür wenden, obwohl sie gleich erkannt hatte, daß es nicht sein Schritt war, der sich näherte. Als aber nun in der geöffneten Thür das angstvolle Häuflein der Dienstboten erschien, da glitt ein erstauntes Lächeln über ihr Gesicht. Caroline trat vor, sehr feierlich und sehr roth. „Frau Regierungsrath," begann sie, „wenn einem der Himmel ausersehen hat, einen großen Ereigniß oder sonst einen Unglück beizuwohnen —" „Ein Unglück? Was ist geschehen?" Eine heiße, jäh erwachte Angst um den Geliebten hatte sie ergriffen, sie war aufgesprungen und trat ganz nahe zu der Köchin heran. „Ja, einem Unglück, wenn man ihm so nennen will, un wo es doch wahrscheinlich genug is, daß er einem Unglück bedeutet. Denn wir haben ihm gesehen, was das Hannchen hier is, un denn ich selber, mit unsere offene Augen haben wir ihm gesehen." „Was haben Sie gesehen." „Einem Gespenst." „Ein Gespenst?" Sie athmete lächelnd erleichtert auf, die Angst war von ihr genommen, die so plötzlich in ihr erwacht war. „Jawoll. Aber keinem gewöhnlichen Gespenst. Dem Geist von ihm." Sie nickte dem Bilde an der Wand zu, und Ina folgte ihren Blicken mit den Augen. Sein Geist? Ein leichter Frost überlief sie doch bei diesen Worten, so frei sie sich wußte von Gespensterfurcht und Aberglauben. Aber die Erinnerung an jene Nacht stieg mit einem Male wieder vor ihr auf, als sie das bleiche Gesicht des Kranken so nahe vor dem ihren erblickt hatte, der sie anflehte, ihm treu zu sein, und seine Wiederkehr verhieß, wenn sie ihn je vergessen sollte. Sie hatte ihn vergessen, die Liebe wenigstens zu ihm war dahin, von einer neuen, größeren Liebe besiegt, und nun. „Sie haben geträumt." Beinahe hart klang ihre Stimme, indem sie diese Worte sprach. „O nein, Frau Regierungsrath, meine Kasserollen habe ich geputzt, um dem neuen Putzpulver habe ich gerade probimi wollen, un dabei schläft man doch nich. Nee, un da is die Hanne hereingekommen, un da bin ich mit sie herauSgegangen, und da haben wir ihm gesehen." „Gesehen, wo?" „In seinen Zimmer, un an 'n Schreibtisch hat er gesessen un denn is er mit einmal weg gewesen." „In seinem Zimmer?" Von einem raschen Gedanken getrieben, ging sie zu ihrem Secretär, schloß ihn auf un zog eine Schublade hervor, in der mehrere Schlüssel lagen- „Dort kann Niemand hinein, der Schlüssel ist hier, und e — 63 — Vorstellung, als treibe sie in einem kleinen Boot, das der Gewalt des Sturmes nicht mehr zu trotzen vermochte, als es umschlug und sie den Wellen preisgab, da kam die Gestalt ihres verstorbenen Mannes über das Wasser zu ihr herangeschwebt, hob die Hand gegen sie und stieß sie hinunter in die dunkle Tiefe. (Fortsetzung folgt.) Ueber die jetzt vielfach herrschende Ziegenpeter- Epidemie. Von Dr. Hans Fröhlich. (Nachdruck verboten.) Der diesjährige Winter hat sich in seiner ersten Hälfte in gesundheitlicher Beziehung keineswegs günstig gestaltet. Die Kälte war zwar stets sehr mäßig, aber die drückenden, athembeschwerendcn Nebel, die feuchtkalte Witterung, die trübe, sonnenscheinlose Atmosphäre haben namentlich die katarrhalischen, rheumatischen und Lungenleiden ganz bedeutend vermehrt und schon eine große Zahl schwächlicher, widerstandsloser, besonders alter Leute dahingerafft. In den letzten Wochen meldeten nun die Zeitungen auch noch von einer vielerorts herrschenden, schnell um sich greifenden Epidemie, der sogenannten Ziegenpeter-Epidemie, die in der Regel aufzutreten Pflegt, wenn um diese Jahreszeit kaltfeuchte Witterung sich einstellt. Die Krankheit besteht in einer Ohrspeicheldrüsen-Entzündung, welche vom Volksmunde mit den verschiedensten komischen Namen bezeichnet wird, wie Ziegenpeter, Mumps, Bauernwetzel, Tölpelkrankheit u. s. w. Den großen Einfluß der jahreszeitlichen Witterung auf diese Erkrankung ersieht man aus einer statistischen Zusammenstellung I von Professor Hirsch, wonach unter 150 solcher Epidemien 60 im Winter, 51 im Frühling, dagegen nur 18 im Sommer und 21 im Herbst geherrscht haben. Da sich die Krankheit bis weit in den Frühling hinein zu erstrecken pflegt, so ist es höchst wahrscheinlich, daß sie auch diesmal bei längerer Dauer der feuchtkalten Witterung noch an Umfang gewinnen wird. Schon von Alters her ist das Leiden bekannt. Bereits Hypokrates beschreibt in meisterhafter Weise eine von ihm auf Thasos beobachtete Epidemie. Aber doch wissen wir auch heute noch nichts Genaues über ihre Entstehung und Ursache, obwohl festzustehen scheint, daß irgend ein Infektionserreger (Bazillus) die Schuld an ihrer Entstehung und schnellen Weiterverbreitung trägt. Oft überzieht sie rasch ganze Städte und Landstriche, oft beschränkt sie sich in einem Orte nur auf einzelne Theile der Bevölkerung, wie Truppen, Waisenhäuser oder Kadettenanstalten. Daß sie auch eine wahrhaft erschreckende Ausdehnung annehmen kann, beweist z. B. die Statistik der konföderirten Armee im nordamerikanischen Se- cessionskriege. Dort wurden im ersten Kriegsjahre 11216, im zweiten 13429 Fälle zur Kenntniß der Militärärzte gebracht. Eine große Epidemie brach auch im Jahre 1876 im Kadettenhause zu Plön, wo sich jetzt die ältesten Söhne des deutschen Kaisers zur Ausbildung befinden, aus, in welcher von den 131 Zöglingen zu gleicher Zeit 119, also über 91 Procent, erkrankten. Ueberhaupt hat das männliche Geschlecht das wenig beneidenswerthe Vorrecht, davon mehr befallen zu werden als das weibliche- ganz kleine Kinder und alte Leute bleiben wohl stets verschont. Worin äußert sich nun die Krankheit? Zunächst tritt eine Schwellung und Entzündung der (linken) Ohrspeicheldrüse ein, welche hinter dem oberen Theile des Unterkiefers, unterhalb des Ohres gelegen ist. Die Kieferbewegungen werden beeinträchtigt und gespannt, die Geschwulst breitet sich schnell nach auswärts und vorn aus, verdrängt hinten die Ohrmuschel nach außen, und hebt das Ohrläppchen von den Weichtheilen ab. Die Haut über der Geschwulst ist glänzend und gespannt- das Gesicht erscheint gedunsen und entstellt, I die Augenlidspalte ist verkleinert. Nach abwärts reicht die giebt keinen zweiten. Sie müssen sich also getäuscht haben, | Ihre Phantasie hat Ihnen einen Streich gespielt." „Frau Regierungsrath, haben Sie jemalen gehört, daß einem Geist sich mit Schlüssels abgeben thut? Aber wenn Sie mich nich glauben wollen, un es is das erste Mal, daß mich das passirt, denn können Frau Regierungsrath ja morgen Abend selber mal nachsehen, un wenn er vor uns gewöhnliche Personen erschienen is, denn wird er vor die Frau Regierungsrath woll erst recht sich sehen lassen." Die Köchin schwieg beleidigt, Frau Ina aber blickte nachsinnend zu Boden, bis sie mit plötzlichem Entschluß den Kopf hob und sagte: „Kommen Sie mit, ich will hinein." „Wohin?" schrie Caroline voll Schrecken auf. „In meines Mannes Zimmer." „O du lieber Gott, wenn nu —" I „Haben Sie Angst, so bleiben Sie hier. Ich will sehen, was es dort giebt, ich will diesen Spuk entlarven." „Nein, nein, Frau Regierungsrath, wo Sie gehen, da geh' ich auch mit. Aber is ihm denn wirklich nöthig?" „Es ist nöthig. Kommen Sie." Mit noch bleicher gewordenen Gesichtern folgten die Dienstboten ihrer Herrin, die, von dem energischen Entschuffe getrieben, eiligen Fußes den Weg zum Zimmer des Todten zurücklegte. Erst als sie den Schlüssel hervorzog, um die Thür zu öffnen, zauderte sie einen kurzen Augenblick, aber gleich faßte sie Muth, ergriff ein Licht, das Caroline getragen hatte, schloß auf und trat ein. Die Köchin blieb an der Schwelle, die Anderen wagten es nicht, den Corridor zu" verlassen. Frau Henninger, aber das Licht hoch emporhaltend, schritt in den Raum hinein, der dunkel vor ihr dalag. Dunkel und leer! Keine Spur von der Erscheinung, die zwei Menschen heute Abend wollten erblickt haben, kein Zeichen, daß dies | Zimmer war betreten worden seit jenem Tage, an dem sie selbst es verschlossen hatte, und der nun um Jahre zurücklag. Aber dort im Schlafgemach vielleicht! Die Thür stand offen, und Frau Ina trat hinein, während Caroline angstvoll die Hände nach ihr ausstreckte. Auch hier Alles leer und verlassen- nichts als die todten Möbel, die von dem Todten erzählten. Und jetzt erst empfand auch sie plötzlich jenes geheimnißvolle, eisige Erschrecken vor einer übersinnlichen Welt. Jetzt heftete auch ihr sich eine krankhafte Angst an die Fersen, und es war wie eine Flucht, als sie nun hastig die öden Räume verließ und das Zimmer verschloß. Draußen erst gewann sie die Fassung, zu den Leuten zu sprechen: „Gehen Sie jetzt schlafen. Ich habe nichts gefunden, aber wenn Sie auch morgen etwas sehen, dann rufen Sie mich." Als Frau Henninger wieder allein in ihrem Zimmer war, trat sie vor das Bild des Verstorbenen und betrachtete es lange Zeit. Und so sehr sie in ihrem aufgeklärtem Geiste jede Gespensterfurcht, jeden Glauben an das Eingreifen des Ueberirdischen in das irdische Dasein sonst verachtete, im Anschauen dieses Bildes, in dieser Stunde und unter dem Einfluß des eben Erlebten sühlte sie doch, wie ein kalter Schauder sie wieder durchrieselte. War es nicht doch vielleicht möglich? Gab es nicht Dinge, die des nüchternen Menschenverstandes spotteten? Kannte man wirklich bereits alle die Kräfte, die in uns und um uns sind, und existirten nicht außer unserer kleinen Welt noch andere fremde Welten, in denen das Uebernatürliche vielleicht zum Natürlichen wurde? Konnten nicht am Ende Brücken aus jenen Welten zu uns herüberführen und den Weg für überirdische Boten bilden, die uns Geheimnisse, dunkle, tiefe, gewaltige kündeten? Frau Henninger fragte und grübelte, und zu ihrem Fragen und Grübeln sang der Sturm die Begleitung. Er ließ die Scheiben der Fenster erdröhnen und heulte und klagte in langgezogenen Tönen durch das Haus. Losgerissene Ziegelsteine fielen krachend auf die Straße hinab und ließen die einsame Frau zusammenfahren bei dem plötzlichen Ton. Auch als sie sich endlich zur Ruhe begeben hatte, klang in den Schlaf noch der Sturmwind hinein. Er schuf ihr die 64 Geschwulst oft sackartig bis zum Schlüsselbein. Durch die hochgradige Schwellung wird der natürliche Gesichtsausdruck verzerrt, der Kopf wird schief nach der gesunden Seite, oder wenn auch dort die Ohrspeicheldrüse ergriffen ist, steif nach rückwärts gehalten, die Kranken verlieren die Möglichkeit, die mimischen Muskeln des Gesichtes zu gebrauchen, und bekommen dadurch jenen blöden, stupiden Gesichtsausdruck, welcher der Krankheit ihre höchst komischen Bezeichnungen eingebracht hat und unwillkürlich mehr ein Lächeln als das Mitleid für die Patienten erregt, zumal auch die Sprache undeutlich ist und bisweilen fast idiotenhaft klingt. Bei diesen Leidenden gilt in Wirklichkeit der Spruch: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht sorgen. Zum Glück verwandelt sich dieser leichte Spott über die Kranken nicht nachträglich in schweren Kummer und bange Sorge, denn das Leiden ist fast nie ernsterer Natur. Nur bei skrophulös angelegten Kindern giebt die Krankheit nicht selten Anlaß zu den mannigfachsten scrophulösen Vereiterungen. Deshalb ist es stets rathsam, den Arzt zur Vorbeugung schlimmer Nachkrankheiten zu Rathe zu ziehen, ebenso zur allgemeinen Linderung der Schmerzen. Zu letzterem Zwecke reibe man zunächst die Geschwulst mit warmem Oele ein und bedecke sie mit Watte. Da oft Mundentzündung und Speichelfluß eintreten, so entströmt dem Munde ein häßlicher Geruch. Hiergegen ist Reinhaltung der Mundhöhle mittelst eines des- inficirenden Gurgelwassers aus chlorsaurem oder übermangansaurem Kali geboten. Zur möglichst raschen Ausscheidung des im Körper befindlichen ursächlichen Krankheitsgiftes auch durch die Haut empfiehlt es sich, warme Bäder und morgen« ltche Ganzwaschungen von 20 Grad anzuwenden. Die Kost soll reizlos und flüssig, lau oder kühl fein; Hafermehlsuppe, Mandelmilch, Apfelmus, recht weicher Reis- oder Griesbrei, in kühle Milch getauchter Zwieback dürften genügen. Bettruhe ist nur auf Anordnung des Arztes bei schwerwiegenden Anlässen nöthig. In den bei weitem meisten Fällen wird die Erkrankung bei dieser lindernden Behandlung alsbald ohne jede Nachkrankheit heilen. Dies unser Wunsch für alle traurig-komisch aussehenden Ziegenpeter-Besitzer! Einiges über den Kleiber. Vor einiger Zeit habe ich in diesem geschätzten Blatte das Thun und Treiben des Baumläufers in der Natur mit wenigen Worten veröffentlicht^ allein da sich jetzt wieder, wie dies in jedem Winter der Fall ist, ein anderer Kletterer „der Kleiber" in unseren Anlagen in Gesellschaft von Baumläufern und Meisen eingestellt hat, so will ich hiermit die Aufmerksamkeit auf diesen auch sehr nützlichen Vogel lenken. Man kann, ohne gerade Sprachforscher zu sein, doch wohl sagen, daß der Vogel Kleiber eigentlich Kleber heißen sollte und zwar aus dem Grunde, weil derselbe die absonderliche Gewohnheit besitzt, den zu weiten Eingang in die Baumhöhle, in welche er sein Nest gebaut, so weit mit Lehm zu verkleben, gleichsam auszumauern, daß er eben nur allein noch durchschlüpfen kann. Man darf wohl annehmen, daß er dadurch die unliebsamen Besuche, die Raubvögel ihm, seinen Eiern und Jungen gerne abstatten möchten, verhindern will. Diese Verengung des Schlupfloches ist nach Dr. Gloger so geschickt und fest ausgeführt, daß man den Kunstbau nicht mit bloser Hand hinwegräumen kann, und er macht dem Namen des Kleibers alle Ehre. Als Kletterer übertrifft derselbe alle europäischen Klettervögel, denn seine Meisterschaft darin geht soweit, daß er an Stämmen und Aesten in jeder beliebigen Richtung, den Kopf nach oben oder nach unten gerichtet, mit gleicher Gewandtheit umher zu klettern versteht, ohne dabei den Schwanz zu gebrauchen. Bei diesen Wanderungen klopft er mit dem Schnabel au die rissige Rinde, und wenn ein Jnseet erschreckt hervorkommt, verspeist er es mit großem Behagen,- auch reißt er die lockeren Rindestückchen ab, um die vorhandenen Maden und Eier darunter zu fressen. In einem großen Garten, der mit vielen Obstbäumen bepflanzt ist, habe ich den Kleiber, der auch Tpechtmeise genannt wird, im Winter beobachtet, und dabei wahrgenommen, daß er nach und nach alle Bäume betritt auf die oben angegebene Weise durchsucht hat. Es ist gewiß nicht zu bezweifeln, daß er dadurch den Bäumen eine große Wohlthat erzeigt, denn er befreit dieselben von einer zahllosen Menge schädlichen Ungeziefers. Leider bleibt aber sein überaus nützliches Thnn und Treiben von vielen Menschen, welche auf solche Dinge gar nicht achten, häufig ganz unbemerkt. Die Hauptnahrung des Kleibers besteht, wie ich oben schon bemerkt, in allerlei schädlichen Kerbthieren, aber ich will auch nicht verschweigen, daß er auch Sämereien, z. B. die der Tannen, Fichten, Kiefern, ferner Eicheln und Bucheln verzehrt, was jedoch, wie ich glaube annehmen zu dürfen, nur in Nothfälleu vorzukommen pflegt. Wenn der Kleiber daran und vielleicht auch noch an anderen Gewächsen einigen Schaden verursacht, so darf ich dock gewiß behaupten, daß er durch die massenhafte Vertilgung bon schädlichen Jnsecteu unbestreitbaren Nutzen stiftet. Der Kleiber, der seines lockeren Gefieders wegen etwas größer als ein Sperling erscheint, kann zu den schönen Vögeln gerechnet werden, denn alle oberen Theile desselben sind sanft graublau; Brust und Leib gelblich rostfarben; durch das Ange zieht ein schwarzer Streifen, und bei dem Weibchen sind die Farben etwas matter. Sein kunstloses Nest legt er gern hoch oben in einem Baumloche an, dessen Eingang nach feiner Gewohnheit durch Auskleben verkleinert wird. Es ist sch I nachlässig ohne jegliche Sorgfalt aus trockenem Laube ober Kiefernschalen hergerichtet, und die 6 bis 10 Eier darin werden 14 Tage lang von dem Weibchen allein bebrütet. Die Jungen, ; die sorgsam nur mit Jnsecten, namentlich Raupen von beiden Alten ernährt werden, wachsen schnell heran. Ein jeder Naturfreund wird gewiß auch den Kleiber | (Spechtmeise) in feinen Schutz nehmen und dies um so mehr, weil er nicht nur bei Sonnenschein und Blüthenduft bei un8 wohnt, sondern auch im Winter ausdauert und dadurch mit den anderen Standvögeln unseren öden winterlichen Gegenden ein lebendigeres Aussehen gewährt. Gießen, im Februar 1897. H. Curschmann, Lehrer i. P. Gedenket der hungernden Vögel. Verlassen und hungrig, so irr'n wir umher, Und nirgends ist Nahrung zu finden. Verschneit und verweht, die Felder sind leer, D'rum thut uns vom Hunger entbinden Und streut uns Futter in unserer Noth, Sonst ist die Parole: „Der bittere Tod." Wir munteren Sänger in Wald und in Feld, Wir Amseln, wir Meisen und Lerchen, Mit uns ist's im Winter gar schlecht bestellt, Kein Obdach, wo Nachts wir uns bergen. Wir kamen geflogen vor Euere Thür, Verschließt sie uns nicht, mir danken dafür. Und sitzt Ihr bei Tische, wenn's Essen Euch schmeckt, Dann thuet auch unfrei gedenken; Die Reste, die übrig, hall' sie nicht versteckt. Und thut Euren Blick auf uns wenden. Ob Körner von Suppe, ob Fleisch oder Brod, Wir fressen sie alle in unserer Noth. Wenn der Winter vorbei, der Frühling erwacht, Mit Grün sich schmückt Wälder und Wiesen, Dann soll unser Lied mit all' seiner Pracht Jn's dankbare Herz sich ergießen. Und zwitschernd, singend stimmen Alle ein, Dies soll unser Dank für die Wohlthat sein. Gießen, im Februar 1897. Louis Roloss. Redaction: A. Scheyd». — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Als von brai herein, t Dämmer und Hera nie zuvo er sich a Und keit das Licht Wehen, Lampen zu frül Henning« sich's nie erwartet« trieb sie So nach bet meistern, schien, v stammelt rath, toe Im stockte, > ersticken weit for wind ut sie sich • - //I