Der Majoratsherr. Roman von Nataly ». Eschstruth. (Fortsetzung.) Und nun hält das Boot direct unter dem Thurmfenster, hinter welchem soeben das Licht erloschen, ein hohe Männergestalt richtet sich in dem kleinen Fahrzeug auf, — eine andere rückt seitwärts und hält die Ruder. Dann blinkt es grell auf in der Hand des Stehenden. Eine Trompete. Er hebt den Kopf und späht noch einmal nach den Frontfenstern der Villa. Sie liegen längst in tiefem Schlummer, Hellmuth weiß, daß nach der Rheinseite nur die beiden Salons der Luxors liegen und daß man die Schlafzimmer nach dem stillen Park zu wählte. Langsam bebt er die Hand und setzt die poetiste Liebesbotin an die Lippen. Weich und rein entströmt ihr der Klang, weit hinziehend durch die stille Nacht und über das ruhige Wasser. „Gute Nacht, Du mein herziges Kind!" Lauschend, mit tiefgeneigtem Haupt sitzt der Gefährte im Boot, — und droben in dem Thnrmstübchen erzittert ein Mädchenherz in unbeschreiblichem Entzücken. Mit wachen Augen hatte Pia das Köpfchen in die Kissen gedrückt, an ihn denkend und von ihm träumend, welcher ihre ganze Seele wie durch Zauberspuk zu eigen genommen. Rosige Zukunftsbilder umgaukelten sie, holde wonnige Märchen, welche seine Liebe wahrmachen soll! — Noch hatte er ihr sü wenig von seiner Familie erzählt, sie wußte kaum, ob er Eltern besaß, ja sie kannte nicht einmal den Namen seines Wohnortes, und dennoch kam es ihr nicht in den Sinn, danach zu fragen. Dies Alles war ja so nebensächlich ! Sie liebte ihn, nur allein ihn! nicht seinen Namen, seine Stellung, seine Sippe! An seiner Seite wird sie BW W tniiüiii altet die Alten in allen Ehren! Aber die Welt würd' stille steh'n, Würden die Jungen nicht weiter geh'n, Als die Alten sie können lehren. glücklich sein, gleichviel, wo und wie das Nestlein beschaffen sein wird, welches er ihrer Liebe und ihrem Glück erbaut. Viel mehr quält sie ter Gedanke, daß sie ihm gegenüber ein falsches Spiel spielt, daß sie in seinen Augen einen Namen trägt, welcher nicht der ihre ist. Daß sie ein armes Mädchen ohne Vermögen ist, weiß er, sie hat ihm erzählt, daß sie Gast in dem reichen Hause der Verwandten ist Ein paar Minuten hat.ihr Herz nach dieser Eröffnung gebebt und gezittert. Sie, die Welterfahrene, welche so manche Liebestragödie auf der g> oßen Schaubühne des Lebens gesehen, welche weiß, wie golden das Feuer brennen muß, soll es die Herzen der klugen und vorsichtig berechnenden Männer entzünden — sie hat einen Augenblick auch an ihm und seiner Liebe gezweifelt! Fränzchen, die reiche Erbin, welche ihm ihre Liebe so klar und deutlich zeigte, welche er ohne jede Mühe zu eigen gewinnen konnte, und mit ihr all die reichen Glücksgüter, mit denen sie gesegnet war, — und dagegen — sie, die Arme, welche nichts bieten konnte, wie ihre Schönheit und ihre Liebe! Die sechzehn Ahnen, welche ihre Mitgift waren, harten wohl für einen Grafen Niedeck Werth, für den Forstasfessor Hellmuth aber waren sie tobte Götzen, welchen man keine Opfer bringt. — Wie wird er nun wählen? — Mit dem Herzen oder mit dem Verstand? — Mit dem Herzen! diesem liebehe'ßen, ehrlichen, goldtreuen Herzen! — Dieses Bekenntniß halte ihr aus seinem Auge entgegengeleuchtet, hatte in seinen Küssen auf ihrer Hand gebrannt. Wie ein Rausch der Wonne, der überschwenglichsten Glückseligkeit hatte es das stolze, spröde Mädchen erfaßt! — Sie liebte und ward wieder geliebt, der Gipfel alles Glückes, welches sie nie zu schauen geglaubt, war erreicht. Und nun lag sie mit lächelnden Lippen und thränen- feuchten Augen in den Kissen und preßte ihre Hand, auf welcher seine Küssen flammten, gegen Lippen und Wange. — Nachtwache der Liebe, du gebeuedeite, du heilige, selige Zeit! — Und leise, wie ei> e Antwort auf all die seligen Fragen, welche ihr He z durchbebten, klang es von dem Fluß empor, voll zärtlicher Innigkeit und leidenschaftlicher Gewalt: — Gute Nacht, Du mein herziges Kind! Sie schließt die Augen und lauscht — — und dann überkommt es sie wie namenlose Sehnsucht — wie eine Träumende erhebt sie sich, tastet nach ihrem Morgenkleid und tritt an das Fenster. Sie will ihn sehen — nur einen — einen Blick! Unmöglich, der Kahn ist tiefer in den Schatten getrieben und hält dicht unter dem Thurm, — sie greift mechanisch nach dem Riegel und öffnet leise das Fenster. Der Mondschein taucht ihr Köpfchen in schimmernde — 670 — Sie sank ihrem Herzen: in Dich grüßen !" * Noch Perlte der „Feinslieb, ich thue . Fernab in dem Theil des Parkes, welcher sich jenseits des Kurhauses erstreckt, befand sich ein lauschiges, umwachsenes Sitzpiätzchen, welches das junge Mädchen unbemerkt zu erreichen hoffte. Kaum aber, daß sie in die schattigen Anlagen einge- treten war, klang ihr ein eiliger Schritt entgegen, und scharf um das Fliedergesträuch biegend, stand Hellmuth vor ihr, ehe sie Zeit fand, ihrer Betroffenheit Herr zu werden. Und abermals schallte ihr der Jubellaut glückseligster Ueber- raschung von seinen Lippen entgegen: „Lilian!" Sie hatte me bebende Hand auf das Herz gepreßt, einen Augenblick sanken lhre dunklen Wimpern tief auf die Wangen hernieder, ~ mehr als daß sie es sab, wie er ihr beide Hande stürmisch entgegenbot. Und nun schaute sie ihn an, — willenlos, überselig, unvermögend, die Seligkeit zu verbergen, welche sie heiß durchschauerte. Sie hatte sich niemals verstellen, niemals ihre leidenschaftliche Erregtheit zügeln können, weder im Guten noch im Bösen. Was sie fühlte und empfand, das Die Thüre, welche aus P-as Zimmer nach dem kleinen Nebengemach, in welchem Dorette schlief, führte, knarrte teste in den Angeln. s-, ®ie Alte stand mit einem Licht in der Hand auf der Schwelle, ihr runzeliches Gesicht lächelte wie verklärt! , . bp liebe Zeit! über solch eine Ueberraschung! da hat der Thurmwächter von Rheinstein den Damen ein Ständchen gebracht! Ich sagte ja gleich, der Mensch ist UnJT gnädigen Fräuleins, und wie Com- tc^e