L-muMss öm 7. October »i äs iLM M^WW FdD ■ h"M*!>»'iVa| r"^—: WUS ■;.._ OEE nser Herz ist eine Harfe, Eine Harfe mit zwei Saiten, In der einen jauchzt die Freude Und der Schmerz weint in der zweiten. Und des Schicksals Finger spielen Kundig d'rauf die ew'gen Klänge: Heute frohe Hochzeitslieder, Morgen dumpfe Grabgesänge. Rosegger. (Fortsetzung.) rief Der Majoratsherr Roman von Nataly v. Eschstruth. schluß den Kopf. . „Meine Herren" — rief er laut — „können Sie schweigen?" „Herr Graf! — Wie das Grab!" — klang es zuruck, während die weinseligen Gesichter sich voll fiebernden Interesses über den Tisch neigten. „Ihr Vertrauen ist uns königliche Ehre!" . „Nun denn, meine Herren — Sie sehen in der Gräfin und mir die künftigen Besitzer von Schloß Niedeck! Ich habe die Ehre, mich Ihnen bekannt zu machen — last not least! . . . Ich bin Rüdiger, Graf zu Niedeck." Wie gelähmt vor Ueberraschung saßen die Herren, einen Augenblick herrschte beklommenes Schweigen, dann erhob sich der Apotheker, verneigte sich tief und schuldbewußt und stotterte: „Wir hatten keine Ahnung, Herr Graf ... ich bitte für uns alle ganz unterthänigst tausendmal um Entschuldigung, daß wir es gewagt haben, so sehr abfällig von Ihrem hochgeborenen Herrn Vetter zu sprechen!" Der Graf schüttelte lachend den Kopf, streckte dem Sprecher herzlich die Hand entgegen und drückte sie lebhaft. „Oh, gnädigste Gräfin — kaufen Sie Niedeck!" Bärning enthustastisch, und die anderen Herren grtffen stürmisch zu den Gläsern und jubelten mit weinschweren Köpfen: „Hurrah! das ist eine Idee! Herr Graf, Ste müsfen Niedeck kaufen!"" Der Fremde zuckte mit seltsamen Lächeln die Achseln. „Ein Majorat kaufen, meine Herren? Dieses Kunststuck machen Sie mir einmal vor!" Er strich langsam den spitzengedrehten Schnurrbart, dann hob er in jähem Ent- „Mein verehrter Herr,"" lachte er, „ich bitte Sie um Alles, keine Exküsen! Sie haben die volle, lautere Wahrheit gesagt, welche ich Wort für Wort unterschreibe! — Meine Herren! Ich bin für gewöhnlich nicht so schnell mit Bekanntschaften machen, aber ich muß gestehen, daß Sie alle mir einen so außerordentlich sympathischm Eindruck machen, daß ich das Gefühl habe, guten, langjährigen Freunden gegenüber zu sitzen, und daß dies noch in Wirklichkeit durch lange Jahre der Fall sein möge — darauf, meine Herren, lassen Sie uns die Gläser leeren! Meine zukünfiigen Gäste auf Niedeck, sie leben hoch!" Ein brausendes Hurrah erfüllte das Zimmer. Wie ein wahrer Rausch überkam es die geschmeichelten Herren. — Sie warfen sich in die Brust, als habe sie das Wort des Grafen allesammt zu Rittern geschlagen, — sie schüttelten und drückten ihm die Hände mit einem Enthusiasmus, als gälte es, ein einiges Deutschland zu feiern. Ein vereinigtes „Angerwies und Niedeck" schien Allen in diesem Augenblick noch tausendmal wichtiger und weihevoller. Der Assessor küßte schon zum dritten Male die Hand der Gräfin und rief leidenschaftlich: „Die künftigen Herren von Niedeck! Wann bricht aber diese goldene Zukunft für uns Alle an, gnädigste Gräfin?"" Eine athemlose Stille trat ein. „Ja, wann bricht sie an?" wiederholte der Apotheker mit sehnsuchtsvollem Seufzer. Der Graf blickte ernst in sein Glas. — „Wenn mein Better zu seinen Vätern heimberufen wird, meine Herren, — und das möge noch Zeit und Weile haben, ich will ihm sein Leben bei Gott von Herzen gönnen, wenngleich er m seinem traurigen, geistigen Zustand ni t t viel Genuß davon hat, und auch Anderen nicht zum Glücke dient. — Ich weiß nicht, ob Sie mit unseren Familiensatzungen vertraut sind, meine Herren? — Nein? — das wundert mich, denn dieselben sind so eigenartig, daß sie als Absonderlichkeiten im ganzen Lande bekannt sind und viel besprochen werden. Der Vater meines Vetters Willibald und der meine waren Brüder. Nach Recht und Gesetz erbt der Aeltere, Willibalds Vater, das Majorat, und diesem folgte rechtmäßig sein einziger Sohn, der jetzige Besitzer. Obwohl Willibald feit Jugend auf ein absonderlicher Kauz war und den Begriff „Degenerirt"" leider stark bewahrheitete, schien doch für mich wenig Aussicht auf das Erbe, und darum hewathete ich ohne Rücksicht auf die wichtigste aller Majoratsklauseln meine schöne Frau hier. .. „Schmeichler!"" „Die vylle Wahrheit, schöne Gräfin!"" 466 „Obwohl ich dadurch für mich Persönlich jedes Recht an das Majorat aufgab." „Mein Gott, inwiefern das, Herr Graf?!" „Meine Frau tst eine geborene Bürgerliche, die Tochter eines unserer bedeutendsten Industriellen des Landes, — — wer jedoch Majoratsherr von Niedeck sein oder werden will, darf nur eine Gattin mit sechzehn Ahnen, die Tochter eines im Lande angesessenen Adelsgeschlechtes heimführen ..." „Wie absurd! — unerhört!! — lächerlich!!!" „Ja, meine Herren, die Clausel ist nicht nur lächerlich, sondern unhaltbar, denn bei unseren heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen gehört eine Dame mit sechzehn Ahnen zu den großen Seltenheiten, sie ist kaum noch im deutschen Reiche zu finden, geschweige denn in unserem kleinen Ländchen, wenn sein Adel auch als einer der exclusivesten noch gilt. Ein tadelloser Stammbaum von derartiger Höhe ist nur noch bei zwei Familien des Landes zu finden, und der Zufall wollte es, daß just für unsere Generation — ich m.ine für Willibald und mich — keine heirathsfähigen Töchter in diesen Familien vorhanden waren. Ich sah außerdem meine kleine Frau — und damit war mein Schicksal besiegelt." „Oh, wie begreiflich!" flüsterte der Assessor mit schwärmerischem Blick. „Ich Persönlich kann also niemals mehr Besitzer und Majoratsherr von Niedeck werden, sondern mein ältestes Söhnchen wird erst in diese Rechte treten, wohl aber kann ich als Vater und Vormund des Kindes das Erbe für ihn verwalten, falls Willibald vor desfen Volljährigkeit sterben sollte." Der Sprecher schwieg, — nachdenklich starrten die Herren in die Gläser. „Wie sehr traurig liegin die Verhältnisse für uns, Herr Graf!" seufzte der Apotheker, „denn ich fürchte, so krank auch der Geist des Herrn Grafen sein muß, so kerngesund ist sein Körper und läßt ihn ein sehr hohes Alter erreichen!" „Oh, das wäre gleichgültig, wenn wir . . ." rief die Gräfin sehr eifrig, verstummte aber unter dem scharfen, warnenden Blick, welchen ihr Gatte ihr zuwarf. „Wenn wir wenigstens zeitweise als Gast auf Niedeck weilen und unsere liebenswürdigen Freunde hier bei uns sehen könnten!" fiel er ihr schnell mit gewinnendem Lächeln ins Wort, „nun, die Hoffnung müssen wir aufgeben, mein Kind, denn Du weißt, daß Willibald und ich uns als feindliche Vettern gegenüber stehen. Ich huldige der Devise: Leben und leben lassen! und bin bemüht, durch mein Geld auch anderen Menschen Freude und Genuß zu verschaffen. Willibald dahingegen ist ein knickeriger Egoist, welcher kein Herz für seine Mitmenschen hat!" „Das stimmt!" klang es erbittert im Kreise. „Wird denn aber Ihr Söhnchen eine Frau mit sechzehn Ahnen finden, Herr Graf?" fragte der Postassistent schüchtern. Die Sache ging ihm gewaltig im Kopfe herum und beunruhigte ihn ersichtlich. Graf Rüdiger lachte. „Ja, mein lieber Müller, dafür habe ich schon bei Zeiten Sorge getragen. Mein ältester Junge ist jetzt zehn Jahre alt und bei dem Freiherrn von Nördlingen-Gummerbach ist vor vier Jahren ein reizendes, blondhaariges Töchterchen geboren, welches recht arm an Geld, aber desto reicher an Ahnen ist. Diese kleine Pia ist die gegebene Frau für meinen Wulff-Dietrich. Bei ihrer Taufe haben wir Väter die Sache bereits abgemacht und ich erachte das kleine Elfchen schon völlig als Schwiegertochter, denn sie muß es werden, es giebr keine andere Frau im Lande für den Niedecker. — Nun aber noch einmal an die Gläser, meine Herren! Das Wetter klärt sich auf und Papa Simmel muß uns einen Wagen beschaffen, daß wir ein wenig spazieren fahren können. Ich muß doch einmal nach dem Rechten sehen, ob die Besitzungen unter dem Regime des geisteskranken Herrn nicht allzusehr herunterkommen! — Heute Abend auf Wiedersehen, meine Herren! Sie speisen doch wohl hier?" Man rieb sich halb verlegen, halb eifrig die Hände. „Für gewöhnlich kommen wir erst nach dem Abendbrod wieder hier zusammen, aber wenn wir die hohe Ehre genießen können, mit den Herrschaften abermals zusammen zu sein —" „Natürlich! Wir wollen doch die kurze Zeit genießen, um uns recht gut kennen zu lernen!" lächelte die Gräfin wie ein Engel und reichte jedem der Herren die Hand. „Ich bin auf jeden Fall hier! Ich bin der Schatten meiner schönen Königin!" rief der Asseffor voll kühner Sect- laune. Die elegante Frau lachte amüsirt und der Graf klopfte ihm jovial auf die Schultern: „Recht so! Tragen Sie ihr die Schleppe, lieber Bärning, sie ist so sehr an Verehrer gewöhnt, daß sie sich nicht langweilen darf." Gott sei Dank, der Gatte war nicht eifersüchtig! Dem Assessor ward ganz schwindlig vor Wonne. Das Ehepa .r Simmel aber lächelte sich strahlend zu. So war es recht! Die Herrschaften sorgten auch für Abendtischgäste in der „Stadt Hamburg". * * * Drei Tage waren vergangen, seit Graf und Gräfin Niedeck in Angerwies ihren Einzug gehalten und es war, als ob diese drei Tage genügt hätten, einen völlig neuen Hauch des Lebens in das Städtchen zu tragen. Alle Gemüther befanden sich in höchster Aufregung, man lief Straß auf Straß ab spazieren, um die Herrschaften zu sehen, von welchen wahre Wunderdinge der Leutseligkeit, Freigebigkeit und Eleganz erzählt wurden. Das gräfliche Ehepaar besuchte die einzelnen Geschäfte und machte brillante Einkäufe. Alle theuren „Modellstücke", welche zum Kummer der Besitzer als ewige Ladenhüter prangten, wurden jetzt an den Mann gebracht. Man machte glänzende Geschäfte, denn da Alt und Jung den Trieb fühlte, sich über die außerordentlichen Ereignisse auszusprechen, liefen auch die Angerwieser von einem Laden in den anderen und kauften zum Vorwand gar Mancherlei, was sie sonst nicht nöthig gehabt hätten. Ueberall hörte man begeistertes Lob über die fremden Niedecks, überall ward der Ruf laut: „Ach, warum ist nicht dieser Graf der Majoratsherr!" Ja, dieser verstand es besser, sich die Herzen zu gewinnen und den Grafen zu repräsentiren wie jener verdrehte Sonderling im Schafpelz, welcher kaum zu Weihnachten einem armen Kind fünf Pfennige schenkte! Graf Rüdiger hatte das Armenhaus besucht und volle hundert Mark in die schwindsüchtige Kasse desselben gelegt; er war mit seiner Gemahlin bei dem Krankenhaus vorgefahren und hatte auch hier vierhundert Mark deponirt. Begegnete ihnen ein Bettler, oder armer Holzleser, oder sonst ein bedürftig Aussehender, so hatte Graf Rüdiger sofort die Börse in der Hand und schenkte mit verblüffender Freigebigkeit. Was Wunder, wenn die Namen der fremden Herrschaften voll überströmenden Lobes in Aller Munde waren und aus manchem Körnlein ein Berg gemacht wurde! Wie eine Bombe schlug die Nachricht ein, daß der Graf über „Kaisers Geburtstag" in Angerwies bleiben würde und daß er sich als guter Deutscher ganz besonders freuen würde, wenn der Kriegerverein diesen Tag besonders festlich begehen wollte! Warrn doch fünf Jahre seit dem glorreichen Tage verflossen, an welchem Kaiser Wilhelm der Erste, als Einiger des deutschen Reiches, aus Frankreich heimgekehrt war! Da flammte der Patriotismus noch in Aller Herzen, und die Bürger von Angerwies, welche für gewöhnlich nur den Geburtstag ihres Landesfürsten feierten, jubelten bei der gegebenen Anregung, zwei Mal im Jahre ihren Gefühlen freien Lauf lassen zu können. Von selber waren sie nicht auf den Gedanken gekommen; erstens waren sie zu schwerfällig, um selbstständige Neuerungen zu treffen, und zweitens grollten sie immer noch ein wenig, weil man trotz ihrer wiederholten Bitten Angerwies nicht zur Garnison gemacht hatte. Wer hätte aber jetzt an so - 467 etwas gedacht, wo Graf Rüdiger mit seiner Gemahlin ihr Erscheinen auf dem Kriegerball zugesagt hatten, wo die Runde ging, der Graf habe drei Fässer Wein durch Simmel kommen lassen, um sie dem Verein als Ehrengeschenk zu machen! Eine fieberhafte Thätigkeit entwickelte sich in dem Städtchen. Die Damen wuschen die weißen Kleider, kauften Band und Spitzen, und die Schneiderinnen konnten kaum die Arbeit bewältigen, welche auf sie einströmte. Die Herren bürsteten die Fracks und ließen sich neue Stiefel anmessen. Die Väter der Stadt saßen Abend für Abend im Gastzimmer der „Stadt Hamburg", um gebläht vor Stolz und Genugthuung mit dem leutseligen Grafen zu verkehren, wie mit ihres Gleichen. Ja, die Herren stürmten das Hotel, um die Bekanntschaft zu machen. Die Damen aber mußten es voll brennender Ungeduld abwarten, bis der Kriegerverein ihnen Gelegenheit geben würde, die sagenhafte Gräfin Aug in Auge zu sehen. So ein Leben hatte Angerwies noch nie gekannt, — und mitten in die hochgradige Erregung fiel die Nachricht, das gräfliche Paar sei, gütig und friedliebend, nach Schloß Niedeck gefahren, um den verrückten Grafen zu besuchen, dieser aber habe den Vetter voll schroffen Hasses zurückgewiesen. — Dies war zu viel für die begeisterten Gemüther, — in wilden Flammen loderte die Empörung gegen Graf Willibald auf. Capitel 3. ---Gold ist's ja, das Zutritt kauft sehr oft; ja es besticht DianenS Förster, daß sie selbst das Wild dem Dieb engegentreiben. Shakespeare, Eymbeline 2. Aufz. 3. Sc. Der bedeutungsvolle Tag brach an. Als erste Nachricht, welche die Herzen der weiblichen Bewohner von Angerwies hoch ausschlagen ließ, kam die Kunde von der Post, daß für die Frau Gräfin eine mächtige Kiste aus der Residenz angekommen sei, welche sicher eine Toilette berge, wie sie seit Bestehen der Stadt noch nicht in ihren Mauern geschaut war. Da huschte es hin und her zwischen den Hausthüren, um dieses Ereigniß voll höchster Muthmaßungen zu besprechen/ — die älteren Damen wanderten ungenirt in den Morgen Hauben, deren Fülle die Haarnadeln, über welche die Scheitel festlich gewellt waren, theilweise versteckten! — Die jungen Mädchen aber hatten sich wahrhaft orientalisch verschleiert, um jedem Späherauge die Papilloten zu verbergen, in deren Ergebnissen die Hauptüberraschungen des Abends gipfelten. Es war in Angerwies selbstverständlich, daß man vor einem Ball nicht zwei Mal Toilette machte, sondern Tags über in jenem geheimnißvollen unfertigen, holdverträumten Neglige einherschwebte, welches die Deckblätter der Knospe repräsentirte, aus welchen Abends die strahlende Blüthe brach! Dieses „Nachtjacken - Lockenwickel • Morgenschuh - Idyll" gehörte nun einmal zu jeder Festvorfreude, und darum starrten die Schönen von Angerwies auch höchlichst verblüfft auf die Gräfin, welche auch heute in eleganter Promenadentoilette schon Vormittags spaziren ging, und bei Tisch sich ganz wie gewöhnlich chic und fesch gekleidet und frisirt vor den Herren der table d’höte zeigte. „Ja, die Residenzlerinnen," seufzte die Frau Bürgermeisterin, „die sind auf das Toilettenmachen ganz anders eingedrillt wie Unsereins! Die können's auch! Hat doch die Gräfin ihre französische Kammerjungfer noch nachkommen lassen, weil der alte Friseur hier sich absolut nicht auf ihre neumodische Frisur verstand. Du lieber Gott, wie soll er auch! Er legt nur Schnecken von den Haaren und kann sechzehn- drähtig breite Zöpfe flechten, das ist seine Hauptkunst! Aber die Gräfin mit all ihren kleinen Löckchen ... o es sieht ja zum toll werden schön aus, wie der Assessor sagt — und meine drei Mädels . . . heut Abend ... oh, wenn sie ahnten!" Dabei aber schlug sich die indiscrete Mutter selber mit der flachen Hand vor den Mund und kicherte: „Du lieber Gott ... ich darf ja bei Leibe nichts verrathen!" So waren die Kemnaten überreich mit dem interessanten Gesprächsstoff versehen, aber auch das Ewig-Männliche von Angerwies hatte ein Thema gefunden, welches gar nicht genug besprochen werden konnte! Ueberall auf der Straße sah man die ehrsamen Bürger zusammenstehen wie düstere kleine Wetterwolken, welche sich immer finsterer und drohender zusammenballen, um sich schließlich als Gewitter zu entladen. Obwohl der Tag kühl und regnerisch war, redeten sich die Männer doch immer mehr in die Hitze, so daß zur Mittagszeit ein jeder nach Hause dampste wie ein Kessel, welcher dicht vor dem Platzen steht. War solch eine Beleidigung, solch eine Schmach je zu überwinden, je zu vergessen? Wehe dem Schafpelz von Niedeck, welcher so den Haß geschürt und die Rache herausgefordert hatte! Also hatte sich die Geschichte zugetragen. Obwohl Graf Rüdiger und seine Gemahlin umsonst an dem Portal von Schloß Niedeck angeklopft hatten, kannten die hochherzigen, edlen Menschen doch kein Gefühl des Zornes und der Rache, im Gegentheil, Graf Rüdiger hatte sich Abends zu den alten Freunden der table d’höte und den Vätern der Stadt gesetzt und hatte mit ihnen ehrlich und aufrichtig, wie zu seinen besten Vertrauten gesprochen. Obwohl ihn Graf Willibald jüngsthin noch auf das herzloseste gekränkt hatte, war er doch zu ihm nach Niedeck gefahren, die Hand der Versöhnung zu bieten. Nicht um seinetwillen — o bewahre! Es kann dem Millionär Rüdiger ganz gleichgültig sein, ob der Vetter ihm zürnt oder nicht, er trägt kein Begehr nach dem Majorat, welches sein Sohn ja doch einmal erben muß und wird, — nein, um der armen, vernachlässigten Anger- wieser wollte Graf Rüdiger auf Niedeck vorsprechen! Er beabsichtigte, dem geizigen Vetter einmal ernstlich in das Gewissen zu reden, daß er sich der Seinen doch besser annehmen möge! Da gab es eine neue Gemeindeschule zu bauen, welche der Majoratsherr selbstredend der Stadt zum Geschenk machen müßte, dann war es dringend nöthig, Chauffeen und Wege verbessern zu lassen, eine Ausgabe, welche er der armen Stadt auf jeden Fall abnehmen müßte! Nun und schließlich noch tausenderlei Anderes! Man sah ja, wie Handel und Wandel ausblüthen, wenn ein wirklich gräflich auftretender Niedeck nur acht Tage lang in der Stadt weilte! Hier harte sich der Sprecher allerdings seufzend unterbrochen: „Dies Letztere wird allerdings nie bei Graf Willibald zu erreichen sein, denn wo keine Frau im Hause ist, kann kein Aufwand gemacht werden, da giebt es keine Ansprüche, keine Geselligkeit! — Wie soll aber ein Verrückter heirathen? Dieser Gedanke ist ja leider ganz ausgeschlossen!" — Dann aber hatte er die jammernden Häupter getröstet, er wolle noch ein Letztes versuchen, günstig auf seinen Vetter einzuwirken. Er bäte darum, daß man dem Grafen eine formelle Einladung zum Festactus und Ball des Kriegervereins schickte! Gras Willibald habe ja freilich nie am Pulver gerochen und keinen feindlichen Franzosen je zu Gesicht bekommen, dennoch muffe er so viel Patriotismus besitzen, um an dem Feste theilzunehmen! Er könne ja die freundliche Einladung gar nicht ablehnen, ohne dadurch sämmtliche Bürger der Stadt auf das tödtlichste zu kränken und zu beleidigen. Nur Krankheit könne ihn entschuldigen, — er sei aber nicht krank. Sagte er dennoch ab, wäre es eine Schmach! Dies aber wäre so unerhört, daß es ausgeschlossen sei. Auf dem Ball aber wollte Graf Rüdiger den Vetter schon stellen, daß er ihm Gehör geben müßte, und dann wollte er schon auf jeden Fall die Schule und die Chausseebauten bei ihm durchsetzen." Welche eine Aufregung hatten diese Worte verursacht! Sie wirkten wie ein Stich ins Wespennest! Man jubelte Graf Rüdiger zu und er maß mit funkelnden Augen die Möglichkeit, daß der Majoratsherr vielleicht doch absagen könne! Bei diesen Gedanken ballten sie die Hände zu Fäusten! (Fortsetzung folgt.) 468 - Gemeinnützige». Jetzt ist es Zeit, Leimringe an die Obstbäume zu legen. Die bösesten Feinde unseres Obstes, die Weibchen des Frostspanners, beginnen bald ihre winzigen Schlupfwinkel in der Erde zu verlassen und an den Obstbäumen empor zu klettern, wo sie ihre Eier an der Rinde der Bäume ablegen. Da dürfte für den Obstzüchter eine Anweisung über das Anbringen solcher Leimgürtel am Platze sein, die, erläutert durch pracnsche Abbildungen, Freiherr von Schilling in der neuesten Nummer des „Praktischen Rathgebers im Obst- und Gartenbau" veröffentlicht. Die Nummer wird auf Wunsch gern kostenlos von dem Geschäftsamt des „Praktischen Rathgebers in Frankfurt a. O. zugeschickt. * Nahrungsbedarf eines Huhnes. Soll die Geflügelzucht rentabel sein, so ist eine richtige Gewichtsmenge in der Futrerzutheilung nicht ohne Belang. Richtig ist diese Futter- zutheilung aber nur dann, wenn erstens das Huhn seine vollständige Sättigung dadurch erreicht und zweitens die Menge die nöihigen Bestandtheile erhält, um neben der Erhaltung des Körpers noch so viel abgeben zu können, daß die Eier- production gefördert wird. So bedarf ein gesundes, wohl- ernäirt s Huhn als tägliches Erhaltungsfutter 85 Gramm Trockensubstanz, z. B. t00 Gramm Gerste- hierzu käme noch als Productionsfutter ca. 45 Gramm Gerste, insgesammt also 145 Gramm oder an Weizen 130 Gramm. Bekanntlich reicht aber eine reine Körnerfütterung zur Erhaltung des Huhnes nicht aus, weil dasselbe dadurch einen nicht zu verwendenden Ueberschuß an Stärkemehl erhält. Es muß daher ein Ausgleich geschaffen werden, welcher am besten durch Reickung sogenannten Weichsutters: etwa ein Gemenge aus gekochten Kartoffeln und Roggenkleie, erreicht wird. Für sieben Hühner genügt so z. B. ein Quantum von 500 Gr. Gerste als Körnerfutter, 500 Gramm Kartoffeln und 250 Gr. Roggenkteie als Weichfutter. Hierzu kommt die nöthige Beigabe von Grünfutter, wie: Gras, Salat, Kohl rc. und genügend Kalk zur Eierproduction. * * Firniß zum Poliren der Möbel. Man mische Leinöl und guten Weingeist in einer Flasche zu gleichen Quan- titären untereinander und verkorke und schüttle die Flasche. Vor der Benutzung schüttle man, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, die Mischung nochmals gut durcheinander und reibe die Möbel mit derselben nach dem Striche des Holzes vermittelst eines reinen wollenen Lappens und reibt nochmals nach, bis der behandelte Gegenstand in vollständigem Glanze erscheint. * Wass-rkaraffeu leicht und schnell zu reinigen. N chts verleidet den Genuß eines frischen Glases Wasser mehr als trübe Karaffen. Um diese immer blitzblank zu haben, braucht man die Karaffen täglich nur mit zerdrückten rohen Eierschalen, denen man, zeigt die Karaffe schon einen leichten trüben Ansatz, etwas Salz zusetzt, tüchtig zu spülen. Ist die Trübung schon stärker, so zerschneidet man einige rohe Kartoffeln in feine Stückchen, füllt sie in die zu reinigende Flasche, gießt etwas Bra ntwein darauf und läßt dies einige Stunden darin stehen. Bei ganz trüben Flaschen aber, wo auch dies sonst probate Mittel nicht hilft, kann nur Salzsäure (Gist!) die Trübung vertreiben, welche bei gutem Schütteln den Ansatz rasch löst. Vor dem Gebrauch ist mehrmaliges gutes Nachspülen mit klarem Wasser ja nicht zu vergeffen. * ♦ ♦ Ersatz der Mandeln durch Haselnüsse. Der Preis der Mandeln ist ein bedeutend höherer als der der Haselnüsse, so daß ein Ersatz der ersteren durch letztere, wenn möglich, wohl lohnen dürfte. Durch Behandlung der Haselnußkerne mit einigen Tropfen Bittermandelöl gelingt es, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, diesen völlig den Geschmack der Mandeln zu geben, so daß sie in vielen Speisen, wo nicht weiße geschälte Mandeln zur Verwendung gelangen sollen, letztere sehr gut vertreten können. Der ausgedehnte Anbau von Haselnüssen ist auch aus diesem Grunde zu empfehlen. * * * Falscher Hase. Das abgetrennte Fleisch eines Hasen wird mit einem Pfund Kalb- oder Schweinefleisch und einem halben Pfund Speck fein gewiegt, mit vier Eiern, zwei aufgeweichten und wieder ausgedrückten und zwei geriebenen Semmeln, drei geriebenen Zwiebeln, einer Prise Pfeffer, ein wenig geriebener Muskatnuß, einem Tassenkopf voll saurer Sahne und dem nöthigen Salz vermengt. Nachdem man die Masse gut verührt hat, legt man die Mitte einer Bratpfanne mit recht dünn geschnittenen Speckscheiben aus, formt von der Fleischmasse ein längliches Brod mit Hilfe zweier in Wasser getauchter Holzlöffel, besteckt es oben mit kurzen, dicken Fettstreisen, schiebt es mit wenig Butter in den Ofen und brät es eine Stunde. Besser ist, wenn man die Knochen des Hasen vorher mit wenig Wasser auskocht und anstatt des Wassers diese Fleischbrühe zum Braten gießt. Eine Viertelstunde vor dem Anrichten giebt man etwas saure Sahne au den Braten und wenig mit Wasser verrührtes Weizenmehl. Dieser Braten schmeckt besonders kalt vorzüglich. • Weintrauben Gelee. Völlig reife, recht süße, weiße Weintrauben werden abgebeert, die Beeren ausgepreßt, der Saft durch ein Leincntuch fiitrirt. Den filtrirten Säst setzt man mit einem Zuckerzusatze von 300 Gramm per Liter zum Feuer und kocht ihn unter gutem Ausschäumen bis zur Geleeprobe ein. Die Geleeprobe ist dann gelungen, wenn einige Tropfen des eingekochten Saftes sich von einem kalten Teller abheben lassen, ohne Rückstände zu hinterlassen. Humoristische». Falsch verstanden. Professor: „Herr Candidat, Ihre Antworten sind nicht schlecht, aber etwas unsicher." — Student: „Mein Ehrenwort, Herr Professor, ich habe heute noch nichts getrunken." ♦ * * Schlechtes Gewissen. Köchin (die von ihrer Herrschaft zum Geburtstag blaue Strümpfe bekommen): „Hm — sollte die Gnädige es am Ende bemerkt haben, daß ich neulich meinem Schatz ein Gedicht machte?!" * * * Schwierig. „. . . Ach, Herr Baron, wir dürfen Sie also endlich auch als jungen Ehemann begrüßen?! — „Allerdings, war aber auch sehr schwierig, bessere Halste zu finden!" * » Bestechungsversuch. Richter: „Hat Sie der Angeklagte nicht zu bestechen versucht, als Sie ihn verhaften sollten?" — Zeuge (Schutzmann): „Jawohl, er hat aus meine Schwiegermutter geschimpft!" Naturphänomen. „Die Menschen werfen doch e den gleichen Schatten." — „Erlauben Sie, ich kannte einen Studenten, der hatte Schuster und Schneider als Schatten * * Aus der Töchterschule. Wie heißt also die leidende Form von „ich liebe" ? — (Keine Antwort). — Nun, Johanna, ich werde . . . „Ich werde . . . nicht geliebt!" Redaction; 8L Scheydg. — Druck und Verlag drr Brühl'schen Umverfitüts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in