Meeltei tat 7. «rplmdtt Sw® WWr^js! (J.-jIwwv ^^LLEWWü!!r i b_ « W WW RW^WW «OM- Z'lfTj nunny.MM — 7^1 WWW UMS zMDas Du an Lust und Freuden auch gewannst igyK* Im blühendsten und schönsten Erdentheile, vps Das Beste ist doch, wenn Du sagen kannst: Cs ist mein Haus, wo ich am liebsten weile. Alb. Roderich. Die schönsten Augen. Novelle von Carl Teschner. (Fortsetzung.) III. Lady Agnes begleitete ihren Gemahl aus dem Truppcn- schiffe. Sie hatte nur Bella und ihre alte Dienerin Miß Briggs mitgenommen. Die Reise ging nicht ohne Unfall von statten. Im Arabischen Meere entging der gewaltige Dampfer der Vernichtung durch ein Cyklon. Es mußte in Aden Halt gemacht werden, um Ausbesserungen vorzunehmen. Mittlerweile geleitete der Oberst auf einem Postdampfer seine Gattin nach Calcutta und von da mit einem elegant eingerichteten Küstenschiffe nach Puri, der Hauptstadt des „heiligen Landes" Orissa. Diese Stadt ist dem Hindu, was dem Mohammedaner Mekka. Dort wird seit ungedenklichen Zeiten das größte aller religiösen Feste der Brahmanen, das „Wagenfest Jagganaths, des Gottes der Welt" gefeiert. Es gießt kaum einen frommen Hindu, der nicht wenigstens einmal in seinem Leben, sei es auch auf tausende von Meilen, nach Puri wallfahrtete, viele nur zu Fuße, ja es giebt deren, welche durch fortwährendes Niederlegen den Weg mit der Länge ihres Körpers messen und mit unsäglichen Müh- salen oft erst nach Jahren das ersehnte Ziel erreichen. Bella Krauzler sah die Tausende von Pilgern, vornehme wie geringe, die in Puri alle gleich sind; den fast haushohen sechzehnräderigen Wagen des Gottes, dessen Steinbild, um- fluthet von Menschcnmassen mitj wildemGeschrei, Schlagen der Gongs und Pauken, Schmettern der Trompeten, zu seinem „Gartensitze" gefahren wird. Früher kam es vor, daß besonders Fromme sich absichtlich von den Rädern des schweren Wagens zermalmen ließen, und noch jetzt werden Manche in dem rasenden Getümmel unter die Räder gedrängt. Der schauerliche Lärm, welcher geeignet ist, Todte zu erwecken und Lebendige zu betäuben, machte auf Bella einen abstoßenden Eindruck, und doch mußte sie staunen. Angesichts dieses Fanatismus erkannte sie erst völlig die Größe der Absicht des Rajah Gora, westlicher Civilisation in seinem Lande Raum zu schaffen, während Lady Agnes dabei die Bedeutung der englischen Soldaten begriff. Außer dem Bereich der vielen Tempel und Herbergen waltete tiefste Stille. Wie Schatten bewegten sich die olivendunklen Gestalten mit den nachtfunkelnden Augensternen, in weißen Gewändern und Turbanen, hin und wieder und eine solche Gestalt war es auch, welche das isolirte Regierungshaus umschlich, in dem Lady Agnes Quartier genommen hatte. Nach mehreren Tagen meldete sich bei ihr der alte Geheimschreiber des Rajah. Sie empfing ihn allein. Er sagte ihr, daß er seit einer Woche harre, daß sein Gefolge in einer Herberge vor den Thoren eingelegt sei und daß der Rajah befohlen habe, einen Palankindienst zwischen Jeypur und Puri einzurichten. Lady Agnes erklärie sich bereit, in zwei Tagen die Reise nach der Residenz Goras anzutreten. Der Greis zog sich mit demüthigen Geberden zurück. Bald darauf hatte Lady Agnes eine geheime Unterredung mit Oberst Colt. „Uebermorgen reise ich nach Jeypur, um den Rajah zu besuchen," sagte sie ruhig. „Aber Agnes . . ." „Nun?" „Das ist ein sonderbares, gewagtes Unternehmen! Der Weg ist weit. Es giebt dahin keine Eisenbahn. Unsere Herrschaft über den Rajah ist nur nominell. Du könntest Dich in Gefahr begeben . . ." „Wie, eine englische Soldatenfrau sollte sich fürchten?" entgegnete sie, und indem sie ihm lächelnd einen Finger vorhielt, fuhr sie fort: „Um diesen Finger, so klein er ist, wickle ich den ganzen Selbstherrscher von Jeypur! Uebrigens nehme ich meine Dienerinnen mit. Ich versichere Dir, die Reise ist zu unserem Vortheil- ich gehe mit einer Mission und hoffe, die Regierung wird Dich eines Tages dafür belohnen." Der Oberst zuckte die Achseln, er wußte, daß seine Frau stets ihren Willen durchgesetzt hatte und daß all seine Opposition fruchtlos fein würde. Als Offizier tapfer, streng und schroff, war er zu Hause ein Sclave. „Zerbrich Dir den Kopf nicht," scherzte Lady Agnes, „Deine Soldaten hätten dann einen kopflosen Führer." Ihrer Gesellschafterin sagte sie nur kurz: „Miß Bella, bereiten Sie sich vor! In zwei Tagen reisen wir in's Innere des Landes." 414 - Bella harte, ganz von ihrer Gebieterin abhängig, weder einen Willen noch eine Frage. An dem mit dem Geheimschreiber verabredeten Tage erschienen vor dem Hause drei Palankine, zwei prachtvoll ausgestattete für Lady Agnes und Bella Kranzler, ein etwas einfacherer für Miß Briggs, jeder von vier herculischen braunen Dienern getragen. Zwanzig bewaffnete Trabanten standen zur Bedeckung bereit. Vor dem Thore harrten Reserveträger, welche neben den andern zur Ablösung herschritten. Der Abgesandte des Rajah schloß in einem Palankin den Zug. Die Träger liefen fast immer im Trabe, so daß es schnell wie in Karossen vorwärts ging. An allen Herbergen der Straße waren neue Träger aufgestellt. Es wurden den Damen Erfrischungen gereicht. Die Reise ging Tag und Nacht ohne Unterbrechung vor sich. Bella, welche den ihr bekannten Geheimschreiber nicht zu Gesicht bekam, war voll Staunen über die Präciffon der Anordnungen und wurde nicht müde, die landschaftliche, oft wechselnde Scenerie von Palmen, Brodfrucht-, Drachen- und Trakholzbäumen, baumhohen Farren und Bambusgräsern, Weizen-, Flachs-, Mohn- und Reisfeldern zu beschauen. Große Flüge wilder Pfauen, kleiner grüner Papageien, Turteltauben und Reiher belebten Wald und Feld, Heerden von Büffeln und Buckelrindern grasten auf grünen Flächen. Um die Lehmhütten verstreuter Dörfer prangten Magnolien, Akazien mit duftreichen goldigen Blüthenbällen, Feigen- und Talipot- bäume. Plötzlich, nach drei Tagen und Nächten, erblickte Bella mit erschrockenem Staunen den alten Geheimschreiber, welcher an den Palankin der Lady Agnes herantrat, und an ihr Ohr schlug der Name „Jeypur". Der Alte deutete auf eine am Horizont auftauchende riesige Gruppe von Kuppeln und Thurmspitzen. Bella würde sogleich aus ihrer Sänfte gesprungen und zu ihrer Gebieterin hingeeilt sein, wenn nicht die Träger gleich Pferden, welche die heimische Krippe wittern, ihren Lauf noch mehr als bis dahin beschleunigt hätten. Was sollte das bedeuten? Warum hatte ihr die Lady das Reiseziel nicht genannt? Was wollte diese in Jeypur? Sie preßte die Lippen zusammen und ein harter Zug fester Entschlossenheit trat in ihr edles Gesicht. O, sie wollte im rechten Augenblicke zeigen, daß sie noch nicht zu einer willenlosen Sclavin herabgekommen sei! Eine fieberhafte Spannung ergriff ihr ganzes Wesen, als bald darauf ein Reitertrupp auf den Zug lossprengte. War das der Rajah? Nein, fie sah voran dem Trupp, auf milchweißem Pferde mit reichster Beschirrung, einen jungen Mann- er trug einen rothen, taillenlosen Rock, weiße, unten geschlossene Pantalons, eine goldgestickte, perlenbesetzte Schärpe um den Leib und eine Art phrhgischer Mütze auf glattgeschorenem Kopfe. Das Gesicht dieses Reiters war stark gebräunt, die Brauen waren zusammengewachsen und gaben dem ohnehin strengen Ausdrucke etwas Finsteres. Ohne eine von den Damen anzusprechen, betrachtete er sie mit stechenden, trotzigen Blicken. So sprengte er mit den andern Reitern an ihnen vorbei und schien sich dem Zuge anzuschließen. Auch Lady Agnes war auf den jungen Ritter aufmerksam geworden, aber erst als der Zug einmal hielt, konnte sie ihre Neugier befriedigen. „Wer ist das?" fragte sie den Geheimschreiber. „Prinz Dholib, der jüngere Bruder des Rajah," antwortete der Alte. „Ein finsterer Bruder — man könnte sich vor ihm fürchten!" bemerkte die Lady, wobei sie jedoch lächelte. Der Alte wagte keine Erwiderung, sondern senkte stumm die Augen und trat hinweg. Sie lächelte auch, als Bella an sie herankam und noch ehe letztere ein Wort sprechen konnte, sagte sie leichthin: „Dieser Prinz scheint die Ehre, uns im Namen des Rajah zu empfangen und zu escortiren, eigentümlich aufzufaffen." „Gehen wir zum Rajah von Jeypur?" fragte Bella. „Gewiß, Liebe! Er lud mich ein. Gut, wir werden sehen!" Damit lehnte sie sich lächelnd in ihren weichen Sitz zurück und wehte sich mit dem Fächer Luft zu. Bella mußte ihren Platz wieder einnehmen. „Wir werden sehen!" dachte auch sie, aber mit Groll über ihre abhängige Stellung. Wer noch vor kaum einem Jahre gewagt hätte, sie zum Spielzeug einer fremden Laune zu machen! Nun mußte sie sich willenlos in die fremde Welt schleppen lassen! Die Frau, welcher sie sich an den Hals geworfen hatte, würdigte sie nicht einmal einer vertraulichen Erklärung! Je näher sie den Thoren der Residenz kamen, desto zahlreicher zeigten sich Hindu in den verschiedensten Trachten. Alle waren in geräuschvoller Bewegung. Man feierte das Durgafest zu Ehren der „Gemahlin des Gottes Siva", das wochenlang dauert und zu einer Menge von Schmausereien und Ausschreitungen dient. Dabei werden von den Priestern fortwährend Schafe und Ziegen geopfert. Viele von den Begegnenden betrachteten den Palankinzug mit feindseligen Blicken. Nach einer Weile bewegte sich der Zug durch mächtige Gitterthore und über weite Höfe. Bella sah mit verwunderten Augen eine Reihe von Palästen mit Kuppeln, Thürmen und Pavillons, hohen, vergoldeten Gittern und kunstvoll gemeißelten Marmorbalustraden. Der Unterbau der Paläste schien von rothem Porphyr oder Sandstein zu sein, alles Uebrige von weißem und farbigem Marmor. In einem der Höfe hielt der Zug. Der alte Geheimschreiber trat an die Sänfte der Lady Agnes und bat sie, mit ihrem Gefolge auszusteigen. Sie befanden sich dicht am Eingänge eines Palastes, neben welchem Bewaffnete postirt waren. Hier bemerkte Bella zum ersten Male wieder den herculischen Leibtrabanten des Rajah, der ihn in England begleitet hatte. Er schien zur Wache zu gehören. Die Damen mußten leichte vergoldete Tragsessel besteigen und wurden in den Palast getragen. Ueber eine weite luftige Marmortreppe mit einer durchbrochenen Balustrade ging es aufwärts. Auf einem Treppenabsatz standen braune Dienerinnen in blendend weißen Gewändern unter Führung einer Matrone von fast weißer Hautfarbe bereit. Alles, was Bella erblickte, war von reichster Pracht, die Wände waren mit Jaspis, Agath, Lapis-Lazuli und Karneol eingelegt, die Decken vergoldet. Zwischen langen Reihen von Säulen, deren Weiß der Farbe des Schnees glich, lagen die Eingänge zu weiten luftigen Gemächern. In einem großen Saale, wohl fünfundzwanzig Meter über dem Erdboden, wurden die Tragsessel niedergelassen und auf einen Wink der obersten Dienerin verschwanden die Träger schnell und geräuschlos. Respectvoll wendete sich die Matrone an die Damen: „Ich bin die Aufseherin des Senana" (Frauenpalastes), sagte sie in englischer Sprache/ „doch sind hier keine Bewohnerinnen, ich habe nur den leeren Palast gehütet und bin allein noch übrig von der weiblichen Dienerschaft des verstorbenen Herrschers. Alle die Dienerinnen, die Sie sehen, sind Neulinge. Ich habe Befehl, die Damen als Gäste zu bedienen und deren Befehle zu empfangen. Alle Gemächer in diesem Palaste stehen Ihnen zur Verfügung. Sie können sich Wohnung und Aufenthalt wählen, wie es Ihnen beliebt." „Ich bin entzückt," erwiderte Lady Agnes. „Kommen Sie, liebe Bella, wir wollen diesen Aufenthalt für Götter in Augenschein nehmen!" Bella folgte fast theilnahmslos und verstimmt. Die Aufseherin schritt voraus, indem sie Fragen beantwortete und Einrichtungen erklärte. Auf zwei Seiten des Palastes hatten Reihen von Gemächern offene Balkone, von denen man über weite Gärten und Palmenhaine Hinschauen konnte. Eine Flucht breiter Marmorstufen führte hinab zum „Schich - Mehal", dem Frauenbad, einem großen Pavillon ganz aus Glas; in den Gängen, Nischen und Bassinraum waren Spiegel angebracht, welche die Bilder der darin Wandelnden von allen Seiten zurückwarfen. Die Tragsäulen waren von weißem Marmor, mit Gold instruirt und mit edlen Steinen ausgelegt. Das Wasserbecken schimmerte im Reflex der Spiegel wie flüssiges Silber. Der Bade- Pavillon lag offen nach einem feenhaften, von Jasmin- und Rosenduft erfüllten Garten, in welchem Fontainen sprudelten. Hohe Mauern splossen den Garten ein, nirgends war ein Ausgang. „Das ist entzückend schön!" rief Lady Agnes. „Beneidenswerth Diejenige, welche hier lebenslang verweilen kann!" „Als Selavitt?" warf Bella hin. „Ach, wer denkt daran!" entgegnete die Lady. „Als Fürstin! Der Rajah Gora hält sich keine sclavischen Frauen. Nicht wahr, liebe ... wie ist doch Ihr Name?" „Neva," antwortete die Aufseherin. „Nein, der Herrscher hat keine Frauen- die Dienerinnen sind von ihm gekauft." Bella schüttelte sich. Im Orient konnte man weibliche Wesen kaufen! Nachdem der Palast genügend in Augenschein genommen war und sich die Damen Zimmer gewählt hatten, entfernte sich Neva, um für Erfrischungen zu sorgen. Binnen zehn Minuten war eine Tafel ganz im englischen Stile reich besetzt. Beim Mahle lenkte Lady Agnes von Neuem das Gespräch auf die Reize des Aufenthalts und das Glück, welches einer Frau da beschieden sei. „Ich bedauere, daß ich schon verheirathet bin," sagte sie lanthin- „wie gern würde ich dies goldene Loos mit dem Aufenthalte in einer langweiligen Garnison vertauschen!" Bella schüttelte wie ablehnend den Kopf und schwieg. „Finden Sie es hier nicht schön?" fragte Lady Agnes forschend. „Ich fühle mich auch hier nur in Ihren Diensten, Mylady," antwortete Bella ausweichend. „Sie wissen doch, daß ich arm geworden bin!" versetzte Jene. „Würde es Ihnen da schwer werden, sich von mir zu trennen?" Bella zuckte zusammen. //Ich hoffe nicht, daß Sie mich von sich weisen, Mylady, in diesem fremden Lande . . ." Lady Agnes lachte. „Nun, einstweilen sind wir Gäste eines reichen Fürsten! Amüsiren wir uns! Ich erwarte, daß Sie nicht nufreundlich thun, trenn er kommt." „Er wird begreifen, daß wir uns hier nicht in einem Salon Englands befinden," entgegnete Bella mit Betonung. „Er wird, wie immer, ganz Gentleman fein, wir werden von unseren Londoner Abenden plaudern," sagte die Lady. Bella blieb indessen wortkarg und sinnend. Die Andeutung ihrer Gebieterin über eine mögliche Trennung öffnete ihr den Blick in eine trostlose Zukunft. Es blieb ihr nichts übrig, als sich an die Gunst zu klammert/, einer launenhaften und leichtsinnigen Frau dienen zu dürfen, Die bereits begann, sie als überflüssig zu bezeichnen. Was sollte ans ihr werden? Diese Frage erhielt Bella in einer ängstlichen Spannung. Die Erwartung der Lady erfüllte sich nicht- der Rajah kam nicht! Es vergingen fast zwei Tage, ohne daß die Damen, außer Neva und den Dienerinnen, Jemand zu Gesicht bekamen. Auf neugierige Fragen der Lady Agnes erklärte die Aufseherin, daß außer dem Rajah nie ein Mann den Frauenpalast betreten dürfe, und auf die Frage nach dem Beherrscher wußte die Dienerin nur mit stummem Achselzucken zu antworten. Lady Agnes fühlte sich endlich trotz des Wohllebens, das sie umgab, unruhig und unbehaglich. Sie suchte ihr Unbehagen durch wortreiche Unterhaltung mit Bella zu verscheuchen, und als Letztere darauf nicht einzugeheu vermochte, ließ sie dieselbe in ihrem Zimmer, das ein Stockwerk höher lag, allein. Endlich setzte die Lady sich hin und schrieb ein Billet an den Rajah: „Ich habe mein Wort gehalten, Sahib. Gestatten Sie, daß ich Ihnen Ihre schöne Blume präsentire! Lady Agnes Colt." Dies Billet coutiertirte sie und übergab es Neva zur Beförderung an den Herrscher. Nach mehreren Stunden kam die Aufseherin und meldete ihr, daß am Eingänge des Palastes ein Diener harre, sie zu geleiten. Mylady machte in fliegender Hast Besuchstoilette und folgte dann der Aufseherin. Der Diener geleitete sie, ohne ein Won zu sprechen, über den Palasthof nach einem anderen Bauwerke von alterthümlicher Pracht, in einen weiten Saal zu ebener Erde. Hier traf sie den alten vertrauten Geheimschreiber des Rajah, der hinter einem niedrigen, mit Papieren bedeckten Tische hockte. Bei ihrem Eintritte blickte er durch eine große Brille auf sie, ohne seinen Platz zu verlassen. Sein Verhalten entsprach in Nichts mehr der früher gezeigten Unterwürfigkeit, sondern war streng angemessen. „Ich habe Befehl, Mylady, Ihnen diese Anweisung auf die Bank von England, zahlbar in Caleutta, zu überreichen," sprach er. „Sie können doch zwei Millionen Rupien. nicht in Gold von hier schleppen! Da Sie abzureisen wünschen, ist ein sicheres Geleit bestellt, das Sie nach Berar bringt. Von dort führt sie die Dampfbahn nach Caleutta, oder wenn Sie es vorziehen, nach Bombay." Lady Agnes war wie niedergedonnert. „Wie, ich soll den Rajah nicht zu Gesicht bekommen, nicht sprechen?" sagte sie tonlos, nach langer Pause. Der Geheimschreiber zuckte nur stumm ablehnend die Achseln. Lady Agnes griff eonvulsivisch nach der Geld- attweismig und unterzeichnete die ihr vorgelegte Quittung. „Es ist nicht gentlemanhaft, es ist die tiefste Beleidigung des englischen Namens, aber ich werde sofort abreisen!" sagte sie schneidend, und ohne weitere Worte verließ sie den Saal. (Fortsetzung folgt.) Das Nixmkleeblatt. Von Anna Seyffert. ------- (Nachdruck verboten.) „Also Fehde den Männern, den herzlosen Tyrannen, die uns Mädchen nur als einen Spielball ihrer Launen betrachten !" rief die blonde Helma und in dieser feindseligen Stimmung sah sie so eroberungslustig und siegesgewiß drein wie eine Germania. „Kühl wie die Fluth dort draußen sollen unsere Herzen sein! Wir folgen dem Zuge unserer Zeit- Freiheit, Selbständigkeit ist unsere Parole! — Einverstanden, Lola?" „Apart und bewundernswerth warst Du immer, Helma, jetzt aber bist Du großartig! . . . Ein Nixenkleeblatt, famose Idee! Wir werden es den Herren der Schöpfung beweisen, daß wir Muth und Kraft genug besitzen, ohne sie fertig zu werden!" „Ja, wir wollen ihnen trotzen, und damit uns auch ein äußeres Bundeszeichen verbindet, habe ich drei Ringe gestiftet, die unsere Hände statt des drückenden Verlobungsreifes schmücken sollen!" Die schöne Männerfeindin zog ein Schächtelchen hervor und entnahm demselben drei silberne Ringe in Form einer Schlange, deren funkelnde Augen aus winzigen Opalen bestanden. Helma und Lola waren ganz voll Begeisterung und die dritte im Bunde, die kleine, schüchterne Margot, wurde nicht um ihre Meinung befragt. Bewundernd schaute Margot jetzt wie immer zu ihren beiden, sie um Haupteslänge überragenden Freundinnen empor, gehorsam streckte sie den Finger vor, der sich jedoch die tückische Schlange nur widerwillig gefallen ließ, denn er war rund und rosig wie Margots ganzes Figü-chen. Helmas Stirn zog sich ein wenig kraus. „Hat sich mein Finger seit gestern verändert? Die Schlange ist zu groß!" Aergerlich schlenkerte sie mit der Linken, die Fingerspitze nach unten gerichtet, da flog auch schon in weitem Bogen das Ringlein auf den im hellen Sonneuglaitz saft weiß- leuchtenden Dünensand bis vor die nahestehende Cabiite. Diese öffnete sich und ein mit weißem Straudanzuge bekleideter Herr sprang, ohne die kleine Treppe zu benutzen, auf 416 die Erde, bückte sich, hob das Ringlein auf und überreichte es mit einer tiefen, ironischen Verbeugung seiner Besitzerin. „Im Namen meines ganzen, Ihnen verhaßten Geschlechts acceptire ich Ihre Feindschaft, schöne Brunhilde!" rief er pathetisch. „Eine Athene will ich in Ihnen verehren, wie eine opferfordernde Nixe Sie fürchten, so lange — nun, bis eines Tages der ganze unhaltbare Bau zusammenbricht, bis Sie Ihre Schwäche und unsere —" hier klopfte er sich wie im Vorgefühl stolzer Siegesfreude die Brust, — „unsere Stärke, Ihre Unzulänglichkeit und die männliche Energie und Geistesgegenwart eingestehen und anerkennen müssen!" Wieder eine tiefe, malitiöse Verneigung und stolz wie ein Spanier schritt er davon. Helma hatte nicht einmal Zeit gefunden, ihrer Empörung anders als durch zornfunkelnde Blicke Ausdruck zu verleihen. Diese schienen aber eine ganz entgegengesetzte, belustigende Wirkung zu üben und die Erkenntniß darüber brachte sie noch mehr auf. Von Margots frischen Lippen scholl dem „Weißen" ein silb rhelles Lachen nach. Sie hatte sich köstlich bei der kleinen Secne amüsirt Beide Freundinnen zugleich näherten ihre Hände schweigen- gebietend dem Munde der kleinen Naiven. „Empörend, er hat uns belauscht!" stieß Helma hervor. „Benimm Dich nicht kindisch, Margot!" „Jatal," bemerkte Lola kleinlaut, „der Weiße wird schwatzen und die Männer werden sich an uns rächen, Helma, uns in Acht und Bann erklären! Die Aussicht, während der Saison als Mauerblümchen die Saalwände zu beleben, ist nicht gerade verlockend —" „Vor allen Dingen scheint Deine Selbständigkeit auf sehr schwanken Füßen zu stehen!" rief Helma mit sprühenden Augen. „Mich mögen diese heuchlerischen Egoisten unbeachtet lassen, ich habe dann nicht nöthig, Lästige zurückzuweisen. Dir aber scheint es dieser naseweise Hans Dampf bereits an- gethan zu haben!" „Ach nein, Helma, nein! Aber wie Du in Harnisch geräthst, man könnte sich fürchten vor Dir!" — Vier Wochen später. In einer (Sabine, in der sich gerade ein ausgewachsener Mensch bequem umdrehen kann, hockt das Nixenkleeblatt, damit beschäftigt, so gut oder so schlecht es eben geht, Badetoilette anzulegen. „Du, Helma, mir erscheint es so, als hätte der Schornsteingraf —" Der „Weiße" hatte sich längst den Eltern des Nixenkleeblattes als Fabrikbesitzer Staeger vorgestellt. „Was Du Dir für burschikose Ausdrücke angewöhnst," unterbricht Helma tadelnd, „wenn man sich auch von der althergebrachten Besangeuheit und Unterwürfigkeit den Männern gegenüber emanzipirt —" „Erröthen macht die Häßlichen so schön —" citirt Lola mit gutmüthigrm Spott, „höre, Helma, über das Wort Emau- zipatwn scheinst Du Dir doch wohl nicht klar zu sein, denn Du geräthst ja förmlich in Aufruhr über Alles, was die Person Staegers auch nur entfernt betrifft, und im Verkehr mit ihm kommst Du aus dem Roth- und Blaßwerden nicht heraus, man könnte glauben, Du seiest durch ihn hhpnotisirt — reizend steht Dir die scheue Demuth und danach der flammende Zorn, aber ich finde auch nur eine Erklärung dafür: es ist die Liebe, es ist die Liebe —" „Und ich finde, daß ich das Beobachtungsobjeet einer hinterlistigen, heuchlerischen Freundin bin, aber beruhige Dich: ich hasse ihn, von ganzer Seele — ich will es Dir beweisen." Damit war sie zur (Sabine hinaus und warf sich ungestüm in die schimmernde Fluth, die wie kosend ihren schlanken, wundervollen Körper umspülte. „Was wolltest Du erzählen von dem Schornsteingraf?" fragte Margot die noch zurückbleibende Lola. „Ich möchte gar zu gern wissest, ob oder was er damals von dem Erlauschten ausgeplaudert hat. Man nennt uns allgemein das Nixenkleeblatt und die Männer beobachten uns gegenüber entschieden eine besondere Taktik. Ich habe immer das Gefühl, als wage man sich nicht zu uns heran, trotzdem aber werden wir sichtlich ausgezeichnet. Mich ängstigt nachgerade die Ausnahmestellung, die wir unter den jungen Mädchen einnehmen — ich möchte den Schlangenring am liebsten versenken dort, wo das Meer am tiefsten ist." — (Schluß folgt.) Gemeinnütziges. Hasen Ragout nach englischer Methode. Einen kleinen Hasen schneidet man in Stücke und läßt dieselben mit etwas Butter und 125 Gramm Speck in einer Kasserole über lebhaftem Feuer sich bräunen. Dann fügt man Pfeffer, Salz und die nöthigen Gewürze hinzu, streut unter fortwährendem Umrühren mit einem hölzernen Löffel etwas Mehl darüber, rührt ein Glas Weißwein und einige Löffel aufgelösten Liebigs Fleisch-Extraet darunter und fügt endlich noch Petersilie, Zwiebel und gehackte Champignons bei. Sobald das Fleisch gar ist, servirt man es auf einer warmen Schüssel und gießt alsdann die Sauee darüber, der man vorher noch etwas Butter und Citroneusast beigefügt hat. * * * Morcheln. Zeit der Bereitung anderthalb Stunden. 5 Personen. Morcheln müssen besonders gut gereinigt werden. Man entfernt die Stiele von zwei Liter Morcheln, schneidet die Pilze zurecht, bürstet sie mit warmem Wasser, setzt sie in kaltem Wasser aufs Feuer und läßt sie heiß werden. Dann rührt man sie um, legt sie auf ein Sieb, stellt dies in kaltes Wasser und wäscht die Pilze gut. Man wiederholt oies mehrere Male, drückt die Morcheln aus, dünstet sie in 40 Gr. Butter, thut etwas Wasser, ein halbes Glas Roth- toein, 10 Gr. Liebigs Fleisch-Extraet, Salz, Pfeffer und wenig Museatnuß an und dünstet sie weich. Mau bindet die entstandene Brühe mit einem in Mehl gerollten Stück Butter und schärft sie mit etwas Citronensaft. Besonders passend zu Tauben und jungen Hühnern. Humoristisches. Aus „Lustige Welt", Verlag von Georg E. Nagel, Berlin SW. Abonnement 1,30 Mk. vierteljährlich. Einzelnummer 10 Pfg. — Verniedlich. Herr (der vom Barbierlehrling geschnitten wurde, zum Barbier): „Här'u Sc, mci’ Gudesder, Ihr Lehrling mißde als Bieeolo bei den Schdamm- gäsden sehr beliebd sein." Barbier: „Wieso?" Herr: „Er machd Se nämlich so scheene Schnidde!" — Wer hat recht? Schaffner: „Hier ist die Nothleine gezogen worden!" Fräulein (entrüstet auf einen ihr gegenüberfitzenden Cadetten weisend): „Ja, dieser Herr hat mich küssen wollen!" Cadett (weinerlich): „Im Gegentheil- sie mich ... ich habe die Nothleine gezogen!" — Modern. Köchin (zur Kleidermacherin) : „Jotte, so 'ne Fahne soll ick anziehen? Für die würde sich ja selbst meine Madame bebauten!" — Abgewimmelt. A.: „Du hast mir aber diesen Morgen eine nette Cigarre verehrt!" B.: „So, hat sie nichts getaugt? Na, ich dachte es mir schon . . . ich habe sie nämlich selbst geschenkt bekommen!" Redaktion: 8. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.