®w M W! lücklich, wem die Tage fließen Wechselnd zwischen Freud und Leid, Zwischen Schassen und Genießen, Zwischen Welt und Einsamkeit! Bei wem bleibt Kummer gern Und will am liebsten ruh'n? Bei denen, die ihn warten Und ihm zärtlich thun. (Seibel. Logau. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Er streckte ihr seine Hand entgegen. Dieses Mal," sagte er mit gebrochener Stimme, „scheide ich wenigstens nicht mit Unwillen von Ihnen. Es war nicht Ihre' Schuld, sondern mein Unglück, daß sre mich nicht lieben konnten, Ethel. Geben Sie mir ^hre Hand — nur einen Augenblick — und nun leben Sie wohl! Der Druck, den ihre Nerven auszuhalten hatten, war zu stark gewesen. Als ihre Hand in der seinen lag, schien die mondhelle Terrasse zu verschwinden und das Zimmer im Kreise nmherzuwirbeln. Sie nannte ihn noch einmal bei seinem Namen, dann schwand ihr das Bewußtsein. Als sie wieder zn sich kam, suhlte sie sich vou starken Armen umschlungen- seine Küsse glühten wie Feuer ans ihren Wangen und er ries: „Ethel! Ethel! Ist es möglich, daß Sie mir doch gut sind?" Sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust und schluchzte: „Ich war Ihnen vom ersten Tage Ihrer Ankunft an gnt. Aber glauben Sie nicht, daß ich Sie aus bloßem Muthwillen quälte. Ich will Ihnen nichts verhehlen, ich will Ihnen die ganze elende Wahrheit sagen, wie ich sie meinem Großpapa sagte, und wenn Sie Alles wissen, werden Sie mich verachten." Seine braune Wange lehnte sich an ihre weiße. „Wie soll ich das verstehen?" fragte er. „Hören Sie, Gervase", stammelte sie, indem sie sich vergeblich aus seiner Umarmung zu befreien suchte. Und nun theilte sie ihm Alles mit, was der Leser bereits weiß. Er hörte ihr schweigend und mit großem Ernste zu- als sie endlich schwieg, drückte er sie noch inniger an sein Herz und versetzte zärtlich: „Armes Kind! Wie abscheulich Du gequält wurdest. Ach, warum tbeiltest Du mir Dein Geheimniß nicht schon damals mit? Ich hätte Dir Helsen, ich hätte Dir wenigstens einen Theil aller dieser schrecklichen Anfechtungen ersparen können. Es war die Thorheit eines Schulmädchens. Vergiß es, Ethel- wir wollen nie wieder davon sprechen. Und so liebtest Du mich also schon, als Du mich wegschicktest? Wie blind ich war, wie dumm! Jetzt aber," fuhr er freudig fort, „jetzt bin ich der glücklichste Mensch auf Erden, denn jetzt soll uns nichts mehr trennen!" Nach diesen Worten unterbrach nichts das Schweigen in der Bibliothek, als das frohe Geflüster der Liebenden. Die Pferde draußen wurden ungeduldig. Das Stampfen ihrer Hufe weckte endlich Ethel aus ihren glücklichen Träumen. „Oh!" rief sie- „die Kutsche steht noch immer draußen. Wirst Du jetzt gehen?" „Ich denke nicht," antwortete Sir Gervase lächelnd. „Ich muß Deines Großvaters Gastfreundschaft noch etwas länger in Anspruch nehmen. Meine Pläne für die Zukunft sind jetzt ganz andere geworden. Ich werde nicht nach England zurückkehren, bis ich mein Weib mitnehmen kann. Du schuldest mir eine Entschädigung, Ethel, für die Leiden, die ich in den beiden letzten Monaten ausgestanden habe- ich verlange dieselbe in Gestalt einer baldigen Trauung." Eine Hand zog in diesem Augenblick die Portiäre zurück, und Godfrey Greylock trat in das Zimmer. Er wunderte sich durchaus nicht darüber, das junge Paar in so trauter Umarmung zu finden, denn er hatte seine guten Gründe gehabt, das Zimmer so plötzlich zu verlassen. Miß Pamela schlief noch immer in ihrem Fauteuil- Sir Gervase aber führe Ethel ihrem Großvater entgegen. „Sie hat mir Alles mitgetheilt," sagte er einfach, „und sie hat versprochen, mein Weib zu werden." Iris Greylock kam am nächsten Tage von der Rosen- Villa, um ihrer Tochter zu gratuliren. Sie schlang ihre Arme um Ethel und bedeckte deren Antlitz mit Küssen. „Mein liebes Kind!" rief sie. „Welche unerwartete Wendung der Dinge! Ich bin unaussprechlich froh, daß Du Deinen romantischen, schurkischen Regnault los geworden bist. Laß Dir diese Erfahrung eine Lehre für Dein ganzes Leben sein, thörichtes Mädchen. Und nun, wann wirst Du Deinen tadellosen Freier, den Baronet, heirathen? Dein Großvater ließ mich diesen Morgen wissen, daß Alles arrangirt sei- eine solche außerordentliche Herablassung von meinem großen Feind läßt mich vermuthen, daß die Freude ihm den Kopf verdreht habe." Ethel nahm die Glückwünsche ihrer Mutter unbefangen und ohne Erröthen hin. Ihr neues, plötzliches Glück hatte eine feierliche Stimmung in ihr erweckt. Sie war so nahe daran gewesen, dieses Glück für immer zu verlieren, daß sie selbst jetzt kaum au die völlige Sicherheit desselben zu glauben wagte. „Ich soll den Baronet in der ersten Woche des Decembers heirathen, Mama," antwortete sie leise. „Er wünscht, England noch vor den Weihnachtsfeiertagen zu erreichen. Ist es nicht sonderbar, daß ich nach Allem, was vorgefallen ist, doch noch Lady Greylock werden soll?" „Du bist der Position völlig gewachsen, mein Kind," versicherte Ins. „Diese englischen Heirathen werden jetzt bei amerikanischen Mädchen von guter Familie etwas Alltägliches. In der ersten Woche des Decembers!" fuhr sie mit besorgter Miene fort. „Ich wollte, es wäre früher. Ich kann es nicht erwarten, Dein Glück für immer gesichert zu sehen." Ethel wunderte sich -m Geheimen, was ihre Mutter diesen Morgen so sorgenvoll und alt aussehen machte. Nach einer Pause platzte Iris mit der Wahrheit heraus. „Ich habe w eder einmal eine heftige Scene mit Hannah Johnson gehabt. Vor einem halben Jahre verdoppelte ich ihren Lohn,- heute hatte sie die Unverschämtheit, einen weiteren Aufschlag zu verlangen!" „Du hast sie doch sicherlich auf der Stelle entlassen?" fragte Ethel trocken. Iris warf ihrer Tochter einen Seitenblick zu und antwortete dann: „Sei nicht albern, Ethel! Ich habe Dir wiederholt erklärt, daß ich Hannah nicht entbehren kann. Ich muß sie behalten, ich habe wirklich keine andere Wahl. Du hast keinen Begriff von meinen Anfechtungen. Das Leben wird mir täglich mehr zur Last. Ich beneide Dich, weil Du bald weit weg von diesem Ort und von diesen Leuten sein wirst. Und Deine Aussichten! Welches Mädchen vermöchte sich glänzendere zu wünschen? Godfrey Greylock kann nicht mehr lange leben, und dann fällt sein ganzes Vermögen Dir zu. Ach, dann mußt Du auch an mich denken, Ethel! Du bist sicher unter einem glücklichen Stern geboren. Vergiß indessen nie, daß Du Alles, selbst Deinen hochgeborenen englischen Gatten, meinen klugen Manöver» zu verdanken hast." „Ich werde cs nicht vergessen, Mama," antwortete Ethel kalt. Nach einer Pause fuhr Iris plötzlich fort: „Was ist aus Regnault geworden?" „Wie sollte ich es wissen?" sagte Ethel betroffen. „Wie? Hast Du seit jenem Stelldichein bei den Salzgruben nichts von ihm gehört?" „Nichts das Geringste." „Nun, ich hoffe, er wird Dir keine weiteren Unannehmlichkeiten bereiten- Du kannst dessen übrigens nicht so ganz sicher sein. Er ist ein Mensch ohne Herz oder Gewissen — das heißt, er muß es sein, nach der Art und Weise zu schließen, wie er Dich behandelt hat." Regnault! Nur mit Abscheu und Grauen vermochte Ethel jetzt an ihn zu denken. Wohin mochte er wohl geflohen sein? Sie wußte es nicht und wünschte es auch nicht zu wissen. So viel war sicher, daß er keine Macht mehr besaß, rhr Schaden zuzufügen, seit sie sich ihren Nächsten und Theuersten anvertraut hatte. Sie war jetzt so von Liebe und Sorgfalt umgeben, daß er es sicherlich nie wagen würde, sich ihr wieder zu nähern. , Die Herbsttage verflossen Ethel in ungetrübtem Glück. Die Wälder prangten in so wundervoller Farbenpracht, wie sie nur in Amerika zu schauen ist. Kühle Winde wehten übers Land und vom feinsten Azurhimmel strahlte die Sonne in mildem Glanze hernieder- ein goldiger Schimmer ver- : klärte die ganze Landschaft, die Ethel mit ihrem Geliebten nach allen Richtungen hin durchmandelte. Er wich nie von ihrer Seite, während im Hause Vorbereitungen zu einer Hochzeit getroffen wurden, wie in Blackport noch keine qe- feiert worden war. Wahrlich, Ethel war glücklich in diesen Tagen! Jede Wolke war von ihrem Horizont verschwunden- die Vergangenheit war vergessen, die Gegenwart schien ihr ein Paradies, die Zukunft blendete sie mit ihren goldenen Verheißungen. Doch, während sie sich ihrem Glück ganz hingab zog sich ein Sturm, schwärzer als Tod und Grabesnacht über dem Haupte der nichts ahnenden Erbin von Greblock Woods zusammen! Eines Abends spät sagte Sir Gervase seiner Braut zärtlich gute Nacht und schritt dann auf die Terrasse h-naus um vor dem Schlafengehen noch eine Cigarre zu rauchen! Es war jetzt im November, und die Nacht war frostig und kalt. Die laublosen Kastanienbäume erhoben sich wie Skelette mitten unter den Tannen uns Fichten. Das imposante Herrenhaus sah höher und dunkler aus als je. Fast schien es ihm, als ob das Haus und der Park den ihnen bevor stehenden Verlust ahnten, und als ob sie flch darum schon jetzt in Trauer gehüllt hätten. Bald sollte sie ihn nach ihrer neuen Heimath über dem Meere begleiten und all den vertrauten Scenen ihrer Kindheit und Jugend Lebewohl sagen. „Sir Gervase Greylock!" ließ sich plötzlich eine Stimme vernehmen. Die Gestalt eines Weibes, in Hut und Shawl gehüllt, erschien am Ende der Terrasse und schritt auf den Baronet zu. „Ich habe Ihnen etwas zu sagen," fuhr sie mit geheimnißvoller Geberde fort. Sir Gervase warf seine Cigarre weg und fragte: „Wer sind Sie?" „Eine Freundin," sagte die Frau. „Das ist gut, aber etwas unbestimmt. Ich muß Sie bitten, sich deutlicher auszusprechen." Als er sich der Gestalt näherte, trat dieselbe erschrocken einige Schritte zurück und stammelte: „Es thut nichts zur Sache, wer ich bin. Es genüge Ihnen, zu wissen, daß ich Ihnen etwas von größter Wichtigkeit mitzutheilen habe." „Wen oder was betrifft die Mittheilung?" „Das Mädchen, das Sie zu heirathen im Begriffe sind — Miß Greylock." „Ah!" sagte der Baronet trocken. „Die Sache kommt mir viel zu geheimnißvoll vor. Ueber diesen Gegenstand kann ein Fremder mir schwerlich etwas zu sagen haben, was ich zu hören wünsche." „Seien Sie dessen nicht zu sicher, Sir." Der Baronet wandte sich um und schickte sich an, nach dem Hause zurückzukehren. Das Weib lief ihm nach. „Weilen Sie, Sir! Seien Sie nicht gar zu stolz! Nun, da Sie es durchaus wissen wollen, wer ich bin, so will ich Ihnen sagen, daß Sie mich schon früher gesehen haben, an Bord des Dampfers und in der Rosen - Villa. Ich gehöre zu Mrs. Greylocks Haushalt." Mit einigem Zögern schob sie ihre Caputze zurück. Der Baronet blickte nun in Hannah Johnsons dunkles, heimtückisches Gesicht. „Ich erinnere mich," sagte er endlich, „Sie sind Mrs. Greylocks Dienerin." „Ja, so nennt man mich. Ich habe seit vielen Jahren bei Mrs. Greylock gewohnt. Was ich über sie und Miß Ethel, weiß, ist des Wissens werth." Der Baronet blickte sie scharf an. „Ich bin von Mutter und Tochter schlecht behandelt worden," fuhr sie fort- „ich Haffe Beide. Ueberdies sehe ich nicht gern einen Menschen blindlings in eine Falle gehen. Ich bin selbst eine Engländerin und kenne den Stolz solcher Männer, wie Sie, Sir Gervase Greylock. Ich weiß, daß (a S S W na wi ®i bei mi cs Gl Wt Vc sie höi Jh Wi Gr sie Net Küs „Kc die war ohm wies seit den nur fälle wir sich besch Thä verli Sah schaf und Tres eiiigi selbf für //Wi aufb richv Dir ich k ich ii nicht gezvk muth - 863 - wandte Neuengland-Winter. Furchtbare Stürme wütheten die strenger an der Die Verletzungen, die ich durch Regnaults Dolch bei Salzgruben erhalten hatte, machten mir noch immer schaffen. Ich nahm weder an Fleisch noch an Kräften den zu zu, Küste. Nacht um Nacht lag ich in meinem Zimmer in der „Katzen - Herberge" und hörte die Dachbalken stöhnen und die alten Fensterscheiben klirren. Der Hafen von Blackport war von Eis blockirt, und eisbedeckte Schiffe segelten vorüber, ohne die Einfahrt zu versuchen. Schnee bedeckte die Salzwiesen und lag wie ein Bahrtuch über der Stadt, aus der seit dem Abgang der Sommergäste alles Leben gewichen schien. Doctor Vandine war bei jedem Wind und Wetter auf den Beinen. Seine Praxis hatte rasch zugenommen. Wo nur in Blackport und in den benachbarten Dörfern Krankheitsfälle vorkamen, wurde nach ihm geschickt. Im Gasthof sahen wir ihn nur wenig,- selbst wenn er zu Hause war, ließ er sich nur selten blicken, da er sich dann mit seinen Büchern beschäftigte. Vielleicht war diese beständige, angestrengte Thätigkeit, was ihm ein so ernstes und verändertes Aussehen verlieh. Er kam in der That fast wie ein Fremder vor. Aus Der Winter und verschwand. 27. Capitel. Pollys Aufzeichnungen. stellte sich früh ein, ein echt „Thue das nicht wieder, Polly!" sagte er streng. „Willst Du denn, daß die Wunde in Deiner Seite wieder aufbreche? Du darfst vorderhand keine schwere Arbeit verrichten. Mercy Poole versprach mir, daß sie es nicht von Dir verlangen werde." „Sie verlangt es auch nicht," antwortete ich. „Allein ich kann nicht vollen Lohn annehmen, ohne dafür zu arbeiten." Mercy Poole hatte mich für die ganze Zeit, während ich in Greylock Woods krank darnieder lag, voll bezahlt — nicht einen Cent hatte sie mir von meinem Wochenlohn abgezogen, und ich hielt dies für eine außerordentliche Groß- muth, denn Mercy hing sehr am Geld, und wenn sie auch ihre Dienstboten gütig behandelte, so verlangte sie von denselben die volle Arbeit, für die sie bezahlt wurden. „Laß gut sein, Polly," sagte der Doctor. „Du sollst mir keine schwere Arbeit verrichten, wenn ich es verhindern kann. Ich habe die Sache mit Mercy Poole abgemacht, das heißt," verbesserte er sich rasch, „sie weiß, daß Du der Ruhe bedarfst, bis Du Deine Kräfte wieder erlangt hast. Wenn Du so umher gehst und Dolchstiche in Empfang nimmst, die für Andere bestimmt sind und auf diese Weise zwei oder drei Monate Lohn verlierst, wie kannst Du Dir je Geld genug ersparen, um die Suche nach Deiner verlorenen Schwester zu beginnen — nach der Nan, von welcher ich Dich in der letzten Zeit nicht mehr sprechen hörte? Hat die Aufregung in Blackport sie endlich aus Deinem Gedächtniß verbannt, Polly?" Mein Herz pochte gewaltig. „Nein, o nein!" stammelte ich. „Und Du hast Deinen Entschluß, sie zu suchen, noch nicht aufgegeben?" J h antwortete nicht. Ich dachte an das, was er über meinen Lohn gesagt hatte. Plötzlich wurde es mir klar, daß er die Ursache von Mercy Pooles Generosität war und daß er, nicht sie, mir meinen vollen Lohn für die beiden Monate bezahlt hatte. Außerdem hatte er sich absolut geweigert, für seine ärztlichen Dienste auch nur einen Cent von mir anzunehmen. „Sie haben mich oft scharfsichtig genannt, Doctor Vandine," sagte ich, „und ich bin es auch, — wenigstens scharfsichtig genug, um zu sehen, was Sie gethan haben — ich kann es nicht ertragen!" Er machte eine beleidigte Miene und erwiderte: „Rede mir keinen Unsinn, Polly! Schon seit Jahren betrachte ich Dich als etwas, das mir gehört. Habe ich Dich nicht schon wiederholt von einem frühzeitigen Grabe zu bewahren gesucht? Wies ich Dich nicht in das Steele'sche Haus, wo Du Dich fast zu Tode arbeiten mußtest? Und war ich es nicht, der Djch hierher nach Blackport brachte, wo der Dolch eines Mörders Dir beinahe den Garaus machte? Sind das die Dinge, die Du nicht ertragen kannst, Polly? Armes, thörichtes Kind! Ich habe noch nie in meinem Leben etwas Rechtes für Dich gethan, Du hast so wenig Verbindlichkeiten gegen mich wie der Mann im Mond. Doch warte nur!" Sein Gesicht nahm plötzlich wieder den alten heiteren Ausdruck an. „Gott weiß es, Polly, ich hätte Dir längst schon gern zu einem besseren Stande verhelfen/ allein Thatsache ist, daß ich noch nie fünf Dollar in der Tasche, die ich ehrwürdig mein Eigen nennen konnte. In letzter Zeit jedoch hat sich meine Lage bedeutend verbessert. Das wankelmüthige, launische Glück, das so lange Zeit nur ein sauertöpfiges Gesicht hatte, lächelt mir jetzt auf das Liebenswürdigste zu. Meine Aussichten gestalten sich in der That glänzend. Und jetzt habe ich einen Plan für Dich, Polly. Nach den Feiertagen, die jetzt bald herankommen, werde ich Dich von hier weg bringen und nach einer Schule schicken/ ich habe bereits die nothwendigen Schritte gethan, um Dich im besten Damen-Seminar des Staates unterzubringen." Ich stand sprachlos vor Staunen. Er ließ mir indessen keine Zeit zum Antworten, sondern fuhr fort: „Ich hatte dieses Project schon längst im Kopf, konnte es aber bis jetzt nicht ausführen. Ich fühle, daß ich vollkommen berechtigt bin, Dich einem besseren Loose entgegenzuführen. Bis jetzt hast Du ein hartes Leben gehabt, Du armes Kind. Du solltest Dich nun aber zu einer Lehrerin oder einem ähnlichen Berufe heranbilden/ um Deinen Stolz zu beschwichtigen, von dem Du eine übermäßige Portion besitzest, kannst Du mir das, was ich jetzt für Dich thun will, in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren, wenn ich alt und arm bin, und Du reich und noch immer jung, mit Zinsen zurückzahlen. Sorge zunächst dafür, daß Du etwas Fleisch auf Deine Knochen bekommst, Polly, und blicke hoffnungsvoll den besseren Tagen der Zukunft entgegen." (Forts, folgt). Sie lieber sterben als schmählich hintergangen und mit Schande und Schmach überhäuft werden wollten. Nehmen Sie daher meinen Rath an und verlassen Sie Greylock Woods gleich morgen! Kehren Sie mit dem ersten Dampfer nach England zurück!" Endlich begriff er den Sinn ihrer Worte. „Das ist genug," sagte er streng. „Ich will nichts weiter von Ihnen hören." „Sir, ich habe Ihnen eine lange Geschichte mitzutheilen/ Sie haben den Anfang noch nicht vernommen, und die Sache betrifft Sie näher als irgend einen Menschen. Lassen Sie mich daher fortfahren!" „Keine Silbe weiter!" rief er energisch. „Wagen Sie es nicht, Miß Greylocks Namen noch einmal in meiner Gegenwart zu nennen! Ich werde Ihrer Herrin rathen, Ihnen etwas schärfer auf die Finger zu sehen, denn es ist klar, daß Sie keine vertrauenswürdige Dienerin sind." Hannah Johnson wurde wüthend. „Sie wollen also keine Warnung von mir annehmen?" zischte sie. „Ganz bestimmt nicht," entgegnete er mit kalter Verachtung. „So schwöre ich Ihnen, Sir Gervase Greylock," rief sie wild, „daß die Stunde kommen wird, da Sie mich hören müssen, ob Sie wollen oder nicht! Der Tag zu Ihrer Trauung ist festgesetzt, und Alles geht Ihnen nach Wunsch/ doch merken Sie meine Worte: Nie, nie wird Ethel Greylock Ihr Weib werden!" Mit dieser Drohung sie ihm den Rücken und ich war oft sehr niedergeschlagen. Eines Tages, während ich mit einem Korb Kohlen Treppe hinaufkeuchte, wurde ich plötzlich von Doctor Vandine eingeholt. Er riß mir den Korb aus der Hand, trug ihn selbst hinauf und brachte ihn nach dem Zimmer des Gastes, für den er bestimmt war. SM - Liebe. Aon Anna Seyffert. ------- (Nachdruck verboten.) Die von rosiger Seide umhüllte Lampenkuppel verbreitet ein trauliches Licht. Durch die tiefgrünen Blätter des Weinlaubes, das sich an Spalieren üppig hinaufrankt, geht von Zeit zu Zeit, wenn vom Wasser herauf eine frische Brise weht, ein leises Flüstern. An dem Gartentisch, dessen Decke aus zierlicher Handarbeit angefertigt ist, sitzt ein Mann, Mitte der Dreißig. Ihm gegenüber, gegen die luftige Blattwand gelehnt, ein ganz junges Mädchen. Man kann sich kaum etwas Reizenderes denken, als dieses liebliche Gesichtchen, auf welchem noch der Hauch reinster Kindlichkeit liegt. Die Wangen blühen in einem gesunden Roth und von den tiefblauen Augen strahlt ein bestrickender Zauber aus. Blondes, leicht gelocktes Haar bildet den natürlichsten Goldrahmen für das in weichen, aumuthigen Linien gezeichnete Antlitz. Das junge Mädchen ist damit beschäftigt, Rosen zu zerpflücken, die, getrocknet, Verwendung für den Wäscheschrank finden sollen. Von Zeit zu Zeit aber wirft Irmgard einige der duftigen Blättchen oder auch eine Knospe zu dem Manne hinüber. Ihre Augen leuchten dann jedesmal in zärtlichem Feuer auf, über ihre Wangen huscht ein glühender Schein. Der Mann scheint von dem neckischen Spiel nicht viel zu bemerken, er ist in seine Lectüre vertieft, aber wenn das rosige Wurfgeschoß von drüben naht, so öffnet er instinctiv die Hand, wie, um es aufzufangen, und lächelt unbewußt in seinen Bart hinein. Er ist der Verlobte Hanna Wagners, der um zwölf Jahre älteren Schwester Irmgards, des lieblichen Kindes dort, dessen knospenhafte Schönheit alle Wonne des Frühlings verkörpert. Irmgard steht an der Grenze der Kindheit. Die harmlos naiven Empfindungen ihrer jungen Brust weichen mehr und mehr einem bewußten Ernst, ihr Blick vertieft sich und staunt fragend die Räthsel der Welt an. Hanna befindet sich hart vor dem Thore, das die eigentliche Jugendzeit abschließt. Sie hat die Dreißig nahezu erreicht. Seit acht Jahren ist sie Doctor Lehnhardts Braut. Wunschlos glücklich hat sie unter dem Schutze der Eltern die lange, für Viele so dornenvolle „Wartezeit" als etwas Selbstverständliches hingenommen, und da ihr Schmerz und Enttäuschung erspart blieben, so hat sich ihr schönes Antlitz blüthenrein erhalten, nur daß die Züge characteristischer geworden sind und auf der hohen Stirn Geistesklarheit und ruhiges Selbstbewußtsein ihren Thron errichtet haben. Die bräutliche Prüfungszeit ist beendet. Heinrich hat endlich eine feste Anstellung als Gymnasiallehrer erhalten, die er bei Beginn des neuen Semesters antreten wird. Ehe sein Philisterthum seinen Anfang nimmt, hat er noch einige Wochen in dem Heimathstädtchen seiner Braut Wohnung genommen, nm das langentbehrte Glück völliger Freiheit an der Seite des lieben Mädchens genießen zu können. Sobald er sich in seinem neuen Wirkungskreise eingerichtet, will er sein Weib heimführen. Im Hause herrscht eitel Glück und Sonnenschein — in der Stille aber bereitet sich etwas Unheilvolles, Tragisches vor — Irmgards Liebe zu Heinrich! — Wie sehnsuchtsvoll hatte Hanna sich in ihren Kinderjahren ein Schwesterchen gewünscht, welch' ein Jubel erfüllte sie, als sie, von einer Ferienreise heimgekehrt, von den Eltern an eine kleine, von Spitzenschleiern umwallte Lagerstatt geführt wurde. „Gott hat Dir eine Schwesterchen geschenkt," berichtete der Vater in einem so innig bewegten Ton, und die Mutter nahm das kleine, weiße Bündel aus dem Bettchen und legte es in Hannas Arm. Und das zwölfjährige Mädchen lachte und weinte vor Glück und Freude und konnte das kleine rosige Wunder mit den tiefblauen Aeuglein nicht genug anstaunen. — Irmgard war krank, der Arzt machte ein bedenkliches Gesicht. Die Eltern weinten heimliche Thränen, Hanna aber sah sie doch. Auch ihr Herz drohte zu. brechen beim Anblick des kleinen, wachsbleichen Wesens, dessen Leben dem Verlöschen nahe war. Hanna ging damals in ihr Stübchen, und mit kindlich-gläubigem Herzen flehte sie Gott unter heißen Thränen an, ihr jede beliebige Strafe aufzuerlegen, aber das geliebte Schwesterchen nicht sterben zu lassen. Irmgard genas und wuchs zu einem lieblichen Kinde heran. Hanna aber mußte in Zukunft manche Freude ent behren des Schwesterchens wegen, denn die Eltern ließen, wenn sie in Gesellschaft gingen, das kleine, verwöhnte Ding nicht gern unter der Obhut der Dienstboten allein zurück und da hieß cs denn oft genug: „Nicht wahr, meine Große, Du bleibst zu Hause?" Hanna war weich und fügsam, aber oft schlich sich doch eine große Traurigkeit in ihr junges Herz, wenn sie der Freundinnen gedachte, denen ähnliche Entsagungen nicht zugemuthet wurden. Als Hanna dann die Braut des geliebten Mannes geworden war, dachte sie oft in ihrem hohen Glück, dies sei die Entschädigung für manchen kleinen Schmerz, den sie im Laufe der Zeit der jüngeren Schwester wegen erduldet hatte. Und nun schien es, als solle ihr auch dieses Glück geraubt werden durch Irmgard, deren Dasein sie einst als ein Gnadengeschenk des Himmels begrüßt hatte! — Irmgard ist wie berauscht von ihrer Liebe. Unter dem Einfluß des süß betäubenden Rosenduftes, der traumhaften Stille, die dem Sommerabend einen so geheimnißvollen Reiz verleiht, pocht ihr Herzchen seltsam bang und sehnsuchtsvoll. Heißer wallt die Gluth in ihre Wangen, leuchtender werden die Blicke, die scheu und doch so beredt Heinrichs Antlitz streifen. Wie von einer magnetischen Kraft angezogcn, hebt er das Haupt, unverhüllte Zärtlichkeit strahlt ihm aus Irmgards Augen entgegen, über die sich jetzt langsam die langen, seidigen Wimpern senken — laut aufschluchzend birgt Irmgard das glühende Gesichtchen in den Händen. (Schluß folgt.) GeZnernirütziges. Frische Heringe. 10 Personen. Bereitungszeit eine halbe Stunde. Fünfzehn frische Heringe werden geschuppt, ausgenommen, gewaschen und gut abgetrocknet, dann bestreut man sie mit Salz, taucht sie rasch in Essig, befestigt die Schwänze im Maul und thut sie in eine leichte, kochende Bouillon aus Liebigs Fleisch-Extract, in der sie nach etwa zwölf Minuten weich geworden sein werden. — Herausgenommen, legt man sie auf eine passende Schüssel, garnirt sie mit Petersilie und geschabtem Meerrettig und giebt eine Garneelen-Sauce dazu. Es werden diese so bereiteten Heringe in England für eines der schmackhaftesten Fischgerichte gehalten. * * * Suppe von Kalbshaxen mit Reis. 10 Personen. Bereitungszeit drei Stunden. Zwei Kilo Kalbshaxen schlägt man der Quere nach in Stücke, setzt sie mit dem erforderlichen Wasser auf's Feuer, schäumt sie gut aus und giebt Salz nebst Wurzelwerk bei. Nachdem die Suppe drei Stunden gekocht hat, nimmt man die Fleischstücke heraus, fügt der Bouillon einen Theelöffel Liebigs Fleisch-Extract bei, läßt re mit diesem durchkochen, passirt sie durch ein feines Sieb und giebt sie über 125 Gramm in Brühe mit Salz und Butter weich gedünsteten Reis in die Terrine. Kedactianr A. Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m Gießen.