8 wrnt’KJ n KWm 7rTuY F S8WW lii3Sa liii*® W *3 M»u Hause! sei Dein Spruch, Dein Lied, Wenn Dich's in wilde Wirbel zieht; Zu Hause ist die Welt stets Dein, D'rin mach' Dir selber Sonnenschein. Arbeit ist Loos und Lust und Leid Für Alle, die hienieden wandeln; Gesegnet sei uns alle Zeit, In der wir wirken, schaffen, handeln. Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Das Haus war schon seit einem Jahre geschlossen- jetzt aber, als Dick die hübsche Eremitage erreichte, verkündete das Oeffnen der Fensterläden und das Hin- und Herhuschen der Dienstboten, daß die Rückkehr der Herrin der Billa jeden Augenblick zu erwarten war. Auf der rcbenumrankten Veranda stand ein Käfig mit dem grünen Papagei, den Miß Pamela einst der kleinen Ethel zum Geschenk gemacht hatte. Als Doctor Dick vorüberschritt, neigte der Vogel den Kopf seitswärts und rief mit heiserer Stimme: „Wo ist Polly?" Vandine fuhr unwillkürlich zusammen. Das Bild einer gewissen Polly, einer geduldigen, vielgeprüften Polly, tauchte plötzlich in seinem Geiste auf und blickte ihn mit großen, dunklen Augen an. Er zuckte die Achseln und schritt weiter, doch bis in den Schatten des Gehölzes hinein verfolgte ihn die gellende Stimme des Vogels: „Polly wartet! Polly wartet!" Endlich erreichte er einen Abhang. Er warf sich auf das duftende Gras und lauschte. Aus der Ferne drangen die Klänge der Musik matt an sein Ohr, eine Amsel sang auf einem Aste über seinem Haupte und eine kleine grüne Schlange huschte pfeilschnell an ihm vorüber durch das Gras. Lange Zeit lag Doctor Dick, die Blicke zum Himmel gerichtet, da und dachte an das strahlende Gesicht eines Mädchens mit goldenen Haaren — eines Mädchens, das zu einer Fürstin geschaffen schien, aus dessen Veilchenaugen eine Fluth von Thränen hervorbrach. Seine Stunde war gekommen- sie hatte sein Herz mit Sturm erobert. Dick, der arme Doctor von Blackport, war zum ersten Male in seinem Leben leidenschaftlich verliebt, und zwar in die reiche Erbin, in die Enkelin jenes hochmüthigen Aristokraten Godfrey Grehlock! „Und was das Schlimmste an der Geschichte ist," murmelte er vor sich hin, „sie ist für einen Anderen bestimmt. Der Henker hole den Engländer! Warum kann er nicht zu Hause bleiben und sich aus der Aristokratie seiner eigenen Insel eine Frau wählen? Ich wünschte, der Dampfer, auf welchem er herüber kommt, möchte ihn Klafter tief im Salzwasser begraben! Beim Himmel, manche Menschen sind doch geborene Glückskinder! Um wen aber weinte sie diesen Nachmittag? Sicherlich nicht um den Baronet, einen Mann, den sie nie gesehen hat. Ihre Mutter hat sie seit Jahren nicht gesehen - pflegen Mädchen von ihrem Alter um abwesende Mütter zu weinen? Bei Gott, wie reizend sie ist! Schon der erste Blick verkündet, daß sie adeliges Blut in den Adern hat. Selbst wenn kein Baronet im Wege stände, hätte ich doch keine Aussicht sie zu gewinnen!" In den halb süßen, halb bitteren Träumen eines Liebenden verloren, dessen Aussichten hoffnungslos erscheinen, lag er noch lange unter den Bäumen, während der Tag dahin schwand und das Zwielicht hereinbrach. Endlich gewahrte er, daß es rings um ihn her dunkel wurde- rasch sprang er nun auf und schritt den Pfad bis zum Saume des Gehölzes hinab. Dann sprang er über eine niedrige Mauer und gelangte auf diese Weise auf die Landstraße. Es war spät, in der „Katzen - Herberge" mochten Patienten auf ihn warten. Blackport war leider ein sehr gesunder Ort- dennoch wurden Doctor Dicks Dienste hie und da in Anspruch genommen. Am westlichen Himmel erglänzte die Mondsichel- die untergegangene Sonne hatte noch eine schwache Röthe zurückgelassen, und da und dort schwirrten einige Sumpfvögel durch die Abendluft. Ob die Gäste Godfrey Greylocks bereits aufgebrochen waren, er wußte es nicht- nirgends war eine Spur von denselben zu eutdecken. Er stieg den Hügel hinab und näherte sich den Salzgruben. Mit diesem Gebiete war nie eine Veränderung vorgegangen; kein Sommerfrischler näherte sich demselben - keine unternehmende Hand bemächtigte sich der allen Gruben- nur die Schuppen, die früher dagestanden, waren niedergerissen worden, unbekannte Hände hatten einen großen Haufen Schutt auf dem Fleck errichtet, auf welchem Robert Grehlock in jener verhängnißvollen Nacht sein junges Leben ausgehaucht hatte. Die Bewohner von Blackport mieden den Platz- seit einiger Zeit war das Gerücht in Umlauf, daß es daselbst spuke. Seltsame Gestalten waren bet Nacht hier gesehen, 306 schauerliche Wehlklagen vernommen worden. Hieran wurde Doctor Dick auf unangenehme Weife erinnert, als er bei einer Plötzlichen Wendung des Fußpfades dem Haufen sich näherte und auf dem Gipfel desselben eine Gestalt sitzen sah, die eher das Aussehen eines Gespenstes als eines menschlichen Wesens hatte,- es war eine große, schwarze, regungslose Gestalt, die man in einiger Entfernung für einen riesigen, auf Beute lauernden Raubvogel halten konnte. Obwohl Vandine ziemlich geräuschvoll heran kam, gab die Gestalt kein Lebenszeichen von sich. Der Kopf war auf die Brust herabgesunken, die Arme hingen schlaff an den Seiten nieder und der Körper war vornüber gebeugt. Die Haltung schien Schmerz und Furcht auszudrücken. So furchtlos Vandine sonst war, vermochte er sich doch beim Anblick dieser Gestalt eines geheimen Schauders nicht zu erwehren. Er machte einige Schritte vor dem Haufen Halt und rief: „Halloh !" Keine Antwort,- keine Bewegung. „Halloh! Wer da?" rief er noch lauter als zuvor. Mit einem heiseren Aufschrei sprang die Gestalt von dem Steinhaufen herab, sie näherte sich dem nächtlichen Wanderer, und er sah, daß es eine Frau war- noch einige Schritte weiter, und er wußte, wen er vor sich hatte. „Verzeihung, Miß Poole," sagte er, „ich hoffe, ich habe Sie nicht erschreckt. Meiner Treu, ich konnte Sie in der Entfernung nicht erkennen,- ich dachte, es wäre der Geist oder Spuk, der den Behauptungen der Leute von Blackport nach an dieser Stelle umgeht." Mercy Poole war von Kopf bis zu den Füßen schwarz gekleidet- sie trug einen Mannshut auf ihren Haaren, die schon stark mit Grau untermischt waren- ihr Gesicht war tief gefurcht und gerunzelt, doch mehr von inneren Kämpfen als vom Alter. Es war noch immer ein schönes Antlitz, gleich dem einer Zigeunerfürstin mit düsterem, fast unheimlichem Ausdruck. Als Vandine dasselbe näher betrachtete, entdeckte er, daß es jetzt aschfahl war. „Da Sie ein Doctor sind, so verstehen Sie sich wohl auf die Symptome des Schreckens," antwortete Mercy trocken- „ich will daher nicht leugnen, daß Sie mich erschreckt haben - ja, die Leute der Stadt meiden allerdings die alten Salzgruben bei Nacht. Die Narren! Man sollte meinen, es sei an der Zeit, daß der Gespensterglaube aussterbe. Doctor Dick war der Ansicht, daß die Sprechende selbst große Aehnlichkeit mit einem Gespenst habe. Was hatte die Wirthin der „Katzenherberge" an diesem unheimlichen, öden Orte in dieser Abendstunde zu thun? War sie etwa selbst der Spuck, den die Leute von Blackport von Zeit zu Zeit auf dem Schauplatz der alten Tragödie erblickt hatten? „Dies ist ein schlechter Platz und eine unpassende Zeit für eine derartige Unterhaltung, Miß Poole," sagte Vandine, der die Geschichte von Robert Greylocks Tode längst schon vernommen halte- „er ruft unangenehme Erinnerungen wach. Als ich Sie zuerst erblickte, sahen Sie aus wie ein großer Habicht mit zerschmetterten Flügeln." Sie heftete ihre großen, schwarzen Augen eine Secunde lang scharf auf ihn- dann senkte sie dieselben zur Erde. Der junge Arzt war schon seit mehreren Wochen ihr Gast, und in dieser Zeit war es ihm gelungen, sich ihre Gunst zu erwerben. „Ein Habicht mit zerschmetterten Flügeln!" rief sie lachend- „kein übler Vergleich! Vor Jahren," fuhr sie fort, indem sie mit tragischer Geberde auf die Brust schlug, „kam ein Freund von mir an diesem Punkt ums Leben. Die dummen Leute von Blackport schwatzen von Geistern, die hier spuken sollen. Mein Gott! Wenn sie nur die Dinge sehen könnten, die ich hier sehe! Wenn ich sage, daß er ums Leben kam, so meine ich, daß er meuchlings ermorvet, wie ein Wild niedergeschossen wurde, ohne Erbarmen, ohne ein Wort der Warnung, in der Mitternachtsstunde, auf demselben Fleck, auf dem Sie jetzt stehen!" So ernst und feierlich klangen ihre Worte, daß Doctor Dick unwillkürlich bei Seite trat, als ob seine Füße einen Todten berührt hätten. „Ich habe immer gehört, daß er Selbstmord begangen habe," sagte er. „Natürlich," antwortete Mercy mit Hohn in ihrem Tone- „wer anders als ich nannte die Sache je beimrechten Namen? Glauben Sie mir, Doctor, ich weiß, was ich sage. Es ist schon lange her — siebzehn Jahre — und die Welt kümmert sich wenig umso alte Geschichten- doch die Gerechtigkeit lauert auf ihre Beute- früher oder später wird sie den Mörder in ihre Hände bekommen!" Plötzlich veränderte sich ihr Wesen- sie verließ den unheimlichen Platz, und Vandine folgte ihr, herzlich froh, von dem Orte fortzukommen. „Sie sind in Greylocks Woods gewesen?" fragte sie. „Ja." „Haben Sie die junge Erbin gesehen? Sie soll sehr hübsch sein — wie alle ihrer Familie." „Sie ist das reizendste Geschöpf, auf das je die Sonne schien." Mercy warf ihm einen durchdringenden Blick zu und sagte dann: „Sie gefallen mir, Doctor, und das ist mehr, als ich von den meisten Menschen, die ich kenne, sagen kann. Ich will Ihnen indessen einen wohlgemeinten Rath geben: Verlieren Sie Ihr Herz nicht an die schöne, junge Erbin- es hat noch Keinem Glück gebracht, ein Mitglied der Familie Greylock zu lieben — nichts als Kummer und Schmerz kann daraus entstehen. Ich selbst habe in meiner Jugend einen Greylock geliebt, und Gott allein weiß, wie theuer mir diese Thorheit zu stehen kam. Der Vater Ihrer schönen Ethel war höchst unglücklich in seiner Ehe, und der alte Mann da droben —" sie streckte bei diesen Worten den Arm nach dem Herrenhause aus — „der sich über alle seine Mitbürger erhaben dünkt — ich habe hundert Mal gehört, daß seine junge Frau, die bei der Geburt ihres Sohnes starb, mit Freuden aus dieser Welt schied. Ja, es bringt Unglück, einen Greylock zu lieben- es ist Tollheit, Elend und Verderben! Kein Manu oder Weib jener Familie war jemals glücklich oder vermochte Andere glücklich zu machen. Lassen Sie sich warnen, so lange es noch Zeit ist!" Ohne ein weiteres Wort zu sprechen, schritt Mercy weiter, der Doetor folgte ihr schweigend nach dem Gasthof. In letzter Zeit stiegen nur wenige Gäste in dem alten Hause ab- die meisten Besucher drängten sich nach den neuen Hotels. Dieser Umstand machte jedoch Mercy Poole wenig Kopfzerbrechen. Der alte Jke, der sich schon längst zu seinen Vätern versammelt, hatte einen hübschen Autheil an den Gütern dieser Welt hinterlassen. Mercy war wohlhabend, und es verschlug ihr daher wenig, ob das Haus leer oder voll war. Als Gast und Wirthin das Wohnzimmer miteinander -betraten, fanden sie dasselbe völlig finster. Die alte Hausmagd hatte die Lampe nicht angezündet. „Wo mag das Frauenzimmer nur sein?" sagte Mercy - „bleiben Sie stehen, Doctor, sonst treten Sie auf eines der Thiere. Ha! da höre ich schon ein Miauen- bleiben Sie stehen, bis ich ein Streichhölzchen anzünde." Ihre Warnung kam zu spät. Dicht auf ihre Worte folgte ein zorniges Zischen und dann ein Geheul, zwei Augen leuchteten phosphoreszirend in der Dunkelheit. Im nächsten Augenblick brannte eine Lampe, und siehe da, Mercy Pooles Wohnzimmer wimmelte von Katzen — gelben, weißen, schwarzen und grauen, alten und jungen, großen und kleinen, die sich auf den Stühlen, hinter dem Ofen, auf den Fenstergesimsen und auf dem Sopha niedergelassen hatten. Es waren mehr wie ein Dutzend. Mercy Poole warf sich in einen Armstuhl - sie nahm den Hut von ihrem grauen Kopfe und rief: „Pontius Pilatus!" Auf diesen Ruf kroch ein großer schwarzer Kater mit gelben Augen unter einem Schranke hervor und sprang aus Mercys Schooß. Sie streichelte ihm das glatte Fell und rief: „Robespierre!" 307 Eine zweite Katze sprang auf ihren Schooß. Jedes Thier kannte seinen Namen und gehorchte prompt, wenn man es rief. Robespierre hatte bei einem mitternächtlichen Kampfe das Ende seines Schwanzes und ein Ohr auf der Wahlstatt gelassen und hatte das Aussehen eines Raufboldes, obschon er wie die anderen kugelrund war. „Hatte der große, garstige Doctor Dich getreten?" sagte Mercy Poole, indem sie das Thier hinter dem ihm verbliebenen Ohr rieb, worauf es laut zu schnurren begann. „Wo sind Charlotte Cordah und Ravaillac und Königin Jsebel? Ah, ich sehe sie dort in dem Korbe. Nehmen Sie sich in Acht, Doctor- setzen Sie sich nicht auf jenen Stuhl! Capitän Kidd liegt dort zusammengeballt,- er hat die schärfsten Krallen von der ganzen Schaar." „Bei Gott!" sagte Vandine- „Ihre Lieblinge haben curiose Namen- Sie müssen die ganze Geschichte durchstöbert haben, um grauenhafte Namen zu finden." „Jawohl," antwortete sie lachend. „Dort unter dem Tsich liegen noch mehr. Der gelbe Kater dort heißt Eugen Aram - er ist besonders scharf hinter den Ratten und Mäusen her. Die anderen sind Nero und Marat, Lady Macbeth und Herodes- und dort ist die ganze Familie Borgia, mit Lucretia an der Spitze." Vandine lachte laut. „Beim Himmel, eine allerliebste Gesellschaft- haben Sie je Veranlassung, Ihre Lieblinge in der Finsterniß der Nacht zu rufen, Miß Poole? Wie kalt Ihnen das Blut durch die Adern rieseln muß, wenn Sie solche Name» nennen!" „Ja, das ist der Fall," sagte sie schaudernd, während ihr Gesicht einen düsteren Ausdruck annahm. Vandine lehnte sich an das Kamingesims und beobachtete seine Wirthin, die mit Robespierre und Pontius Pilatus auf dem Schooße dasaß, während Ravaillac zur Kurzweil seine Krallen an ihrem Fuße wetzte. „Warum halten Sie alle diese Creaturen um sich?" fragte er endlich- „es sind im besten Falle nur falsche und undankbare Geschöpfe." „Undankbar?" sagte sie. „Warum sollten sie das nicht sein? Dieses Laster haben die Thiere mit den Menschen gemein. Falsch? Ja, sie sind falsch, und gerade darum liebe ich sie- das ist ein Zug, der mir sie verwandt macht - ich bin selbst ein falsches Wesen." Der Doctor zuckte die Achseln und sagte: „Das hätte ich nie geglaubt." „Mehr Dinge giebts im Himwel und auf Erden, als Ihr Euch in Eurer Philosophie träumen läßt- Sie sehen, ich kenne meinen Shakespeare- in meiner Jugend habe ich viel gelesen. Doch fast hätte ich es vergessen- es ist Jemand krank im „Ocean House," auf der Anhöhe drüben- ein Bote kam herüber, ehe ich den Gasthof verließ." Doctor Vandine setzte seinen Hut auf und verließ das Haus, um den Patienten zu besuchen. 17. Capitel. Am Strande. Am folgenden Tage fuhren Godfrey Grehlock und seine Enkelin nach der „Katzen-Herberge", um Mercy Poole ihre Aufwartung zu machen. Die alte Jungfer empfing den Besuch mit der Würde einer Herzogin. Der Gebieter von Grehlock Woods, der nur ungern seine alte Bekanntschaft mit der hünenhaften Zigeunerin erneuerte, begrüßte dieselbe mit einer kalten Kopfbewegung. //Die verdanken diesen Besuch der Neugierde meiner Enkelin," sagte er- „sie ließ mir keine Ruhe, bis ich einwilligte, sie hierher zu bringen." Ethel stand in dem niederen Wohnzimmer, dessen nrupulöse Sauberkeit einen günstigen Eindruck machte- sie ieß ihre Blicke auf den altmodischen Möbeln und den Katzen ruhen. „Sehr. wahr," sagte sie lächelnd, „ich wünschte Sie sehen, Miß Poole, sowie auch Ihre Lieblinge und diesen alten Gasthof, in dem ich vor Jahren mit Mama und Hannah Johnsohn eine Nacht zubrachte und den hfj seit jener Zeit nie vergessen konnte." Der Alte runzelte die Stirn. Ein düsteres Lächeln flog überMercy Pooles dunkles Gesicht - ielbst im Hause trug sie fast beständig einen Mannshut auf ihrem eisgrauen Haare, während eine schneeweiße leinene Schürze vorn über ihrem schwarzem Kleide befestigt war. Sie nahm nur wenig Notiz von Godfrey Grehlock, erwies indessen seiner Enkelin die größte Aufmerksamkeit. „Sie sind willkommen," sagte sie freundlich zu der letzteren - „nehmen Sie Platz! So ist also Roberts Tochter jetzt zu einer blühenden Jungfrau herangewachsen. Ja, Sie find so alt wie ich war, als ich Ihren Vater kennen lernte- Sie sind hübscher als irgend ein Mitglied seiner Familie. Habe ich nicht Recht?" Mit den letzten Worten wandte sie sich plötzlich an Godfrey Grehlock. „Bitte, verdrehen Sie meiner Enkelin nicht den Kopf mit Schmeicheleien," sagte er kalt. „Capitän Kidd" sprang von einer Fenstergesims herunter und begann mit freundschaftlicher Aufdringlichkeit um Ethel herumzuschnurren. „Robespierre" mit seinem einen Ohr und verkürzten Schwanz kam aus einer Ecke und hakte sich mit seinen Krallen an ihren Mantel fest, ein Wink, daß er ebenfalls ein wenig Beachtung verdiene. Die „Borgias" und die übrigen Katzen blinzelten neugierig mit ihren runden Augen. „Das ist ja eine ganze Menagerie!" rief Ethel lachend - „wie froh bin ich, Großpapa, daß Du mich hierher brachtest!" Mercy Poole wandte sich zu dem alten Autokraten. „Erinnern Sie sich noch unserer letzten Begegnung?" fragte sie- „es war in Ihrer Bibliothek — in der Nacht nach der Beerdigung Ihres Sohnes." „Nein," antwortete er mit eisigem Tone, „ich erinnere mich nicht!" „Um Vergebung- ich glaube doch, daß Sie sich daran erinnern- solche Dinge vergißt man nie. Ich sagte Ihnen damals, daß Robert ermordet worden sei. Dieser Gedanke war Ihnen bis dahin noch gar nicht in den Kopf gekommen. Nun, seit jener Nacht haben wir uns Beide sehr verändert." Sein Gesicht nahm einen finsteren Ausdruck an. „Sie würden mich verbinden, wenn Sie in unserer jetzigen Unterhaltung der Vergangenheit nicht gedenken wollten- es macht mir kein Vergnügen, daran erinnert zu werden." „Das glaube ich Ihnen gern," erwiderte Mercy mit kurzem Lachen, indem sie „Robespierre", der plötzlich auf ihre Schulter gesprungen war, einen leichten Schlag auf sein einziges Ohr gab. Aus gewissen Zeichen, die ihr der Großvater gab, erkannte Ethel, daß er den Besuch abzukürzen wünsche. Sie blickte sich nach Doctor Vandine um, der jedoch das Haus schon vor ihrer Ankunft verlassen hatte, um seine Patienten zu besuchen. Nachdem sie noch einige Augenblicke die Katzen geliebkost hatte, erhob sie sich und verabschiedete sich mit ihrem Großvater. Unter der Thür sagte sie leise zu Mercy Poole: „Sie erlauben mir, Sie wieder zu besuchen, nicht wahr?" Mercy blickte sie zärtlich an und antwortete: „Für Ihres Vaters Tochter tst stets ein Zimmer in diesem Hause bereit- die anderen Greylocks hasse ich- aber nicht Sie — nicht Sie!" Von einer plötzlichen Eingebung getrieben, wandte sich Ethel um und drückte ihre frischen rothen Lippen auf Mercys dunkle Wangen. Dann verließ sie mit ihrem Großvater das Haus. „Was für eine seltsame Person!" sagte sie, als sie ihren Platz in dem Wagen eingenommen hatte - „was meinte sie denn damit, als sie sagte, daß mein Vater ermordet worden sei?" (Fortsetzung folgt.) 308 - ^ttmsvistisches. Sie verwechselt die Buchstaben. A.: „Sie sind gegen die Zulassung des weiblichen Geschlechts zur Ausübung des ärztlichen Berufes?" — B.: „Allerdings, denn eine Dame wird nur zu leicht confus und greift zu einer ganz falschen Therapie." — A.: „Wie meinen Sie das?" — B.: „Sehen Sie, zum Beispiel einen jungen hübschen Mann wird die Frau Doctorin gewiß in neunundneunzig Fällen zärtlich statt ärztlich behandeln!" * * » Aus der höheren Töchterschule. Lehrer: „Mariechen, sagen Sie mal, was ist eine Adresse?" „Eine Adresse? .... Wie er heißt und wo er wohnt." ♦ * * Unbedacht. Junge Frau: „Also Sie haben meinen Mann getroffen, was sagte er?" — Herr: „Ich soll Sie grüßen!" — Junge Frau (enttäuscht): „Nicht küssen?" * * * Im Kaffeekränzchen. Vorsitzende: „Meine Damen, die Frau Registrator hat sich zum Eintritt in unser Kränzchen gemeldet. Ich habe kein Bedenken gegen ihre Aufnahme; man kann der Dame durchaus nichts nachsagen!" — Chorus der Kaffeeschwestern: „Aber dann verlohnt es sich ja gar nicht!" Literarisches Jede Hausfrau weiß aus Erfahrung, wie häufig es vorkommt, daß die von ihr angeschasften Gemüse nur zum kleinen Theile verwendbar sind. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man bedenkt, welch' zahlreichen Erkrankungen unsere sämmtlichen Gemüsearten ausgesetzt sind. Für unsere Hausfrauen und ganz besonders für solche, welche sich selbst mit Gemüsezucht abgeben, ist eine möglichst genaue Kenntniß der verschiedenen Pilze und Insekten, durch deren zerstörenden Einfluß diese Krankheiten hervorgerufen werden, von großem Werthe, und es ist daher dankbar anzuerkennen, daß sich neuerdings die bekannte Familienzeit- fchrift »Das Bach für Äöt* in einem sehr sachkundig geschriebenen A-tikel mit diesem Thema beschäftigt. Von verschiedenen Pilzkrankheiten werden z. B. — wie wir dem genannten Aufsatze entnehmen — die Gurken befallen. Den Erkrankungen unserer übrigen Gemüse ist in dem Artikel dieselbe eingehende Würdigung zu Theil geworden, und wir möchten deshalb allen unfern Hausfrauen die Lectüre desselben dringend anrathen; sie werden viele practische Rathschläge darin finden, welche ihnen in der Erkenntniß und Behandlung erkrankter Gemüsesorten von weittragendem Nutzen sein können. * Die Ursache der verhängnißvollen Brandkatastrophe in Paris ist bekanntlich der Beleuchtungsapparat des Kinematographen gewesen, welcher aus einer sogen. „Molteni-Lampe" bestand. Diese Lampe finden wir in dem Heft 27 der beim Deutschen Verlagshaus Bong u. Co., Berlin W., erscheinenden großen illustrirten Familienzeitschrist »Für All, Welt* (Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.) in Wort und Bild dargestellt. Außerdem enthält dieses Heft, neben den beiden spannenden Romanen „Ich will!" von Marie Stahl und „Todtgeschwiegen" von L. Haidheim, einem reich illustrirten Artikel „Hafenpiraten und Polizei" und neben vielen kleineren Abhandlungen, Gedichten rc. in seinem äußerst geschickt redigirten technischen Theile mit vielen Bildern geschmückte Beschreibungen der Herstellung und Vorführung von „lebenden Photographien", des „Heizens und Kochens mit electrischem Strom", über „Mc. Kinleys Salonwagen", „Die Verwendung flüssiger Kohlensäure bei Seeunsällen", „Acetylen-Motore", „Geigen aus Aluminium", „Schaukelnde Entwickelungsschale", „Der größte Dampfhammer" und noch viele kleine Notizen. * * * _ J?on . Leimburgs gesammelten Romane» ««d Novelle» (Leipzig, Verlag von Ernst Keils Nachfolger) liegen die Lieferungen 55 bis 62 vor, welche einen interessanten Roman der Ver- fafierin, „Eine unbedeutende Frau", fast bis zu Ende führen. Die Heldin des Romans, Antje, die Frau des Malers Leo Jußnitz, ist eines lener Characterbilder, wie sie W. Heimburg zu zeichnen liebt: die „un- bedeutende Frau", mag Vielen, di- sie nicht näher kennen, in diesem ^cküe ^scheinen; \n Wahrheit aber erweist sie sich sehr bedeutend durch ihre sittliche Tüchtigkeit und trägt nach manchen Wirrnissen den Sieg davon über die zerfahrenen genialen Naturen, die, dicht am Abgrund stehend, von ihr zu neuer glücklicher Lebensführung gerettet werden. Dazu gehört der bizarre Gatte, der, unbefriedigt von seiner stille Häuslichkeit, auf Abenteuer ausgeht und Hilde, ein schönes Mädchen i ehrgeizig und leidenschaftlich, das aber zuletzt die Gattin eines brave» edlen Mannes wird. — Die Illustrationen von R Gutschmidt fasse» Charactere und Situationen in einer durchaus dem Geist der Dicbtuv» entsprechenden Weise auf. Des Sängers Fluch (Parodie). Es schtand entöl e Werrthshaus, 's isch noch nit gar lang her, Do Hot mer trinke tonne, je länger deschto mehr, Un in dem kleene Gärtche, deß angebaut an's Haus, Do hän als oft geschlofe die Gäscht ihre Raischel aus. D'r Werrth, en Kerl, en grower, der litt schtark an d'r Gicht, Drum macht er wie d'r Seifet de ganze Dag e G'sicht, — Jedoch fei’ Biweedämche, des war vun bessrer Art, Die Anmuth un d'r Liebreiz hän sich bei ihr gepaart. Un bei d'r letschte Kerwe, do ging d'r's luschtig zu, Do kam en Bänkelsänger in's Werrthshaus mit sei'm Bu, Die Kerl hän eem gedauert, mer sieht'n an die Noth, Es isch e altes Schbrichwort: Die Kunscht geht oft nooch Brod. Die hän d'r dann gesuage vum Blatt ganz wunnerbar „Zehn schöne, neue Lieder, gedruckt tn diesem Jahr": So lang der alte P-ter, die Petersthürm noch stehn, Un denke dir mein Liebchen, was ich im Traum geseh'n. Fischerin, du kleine, fahr' nicht in's Meer hinaus, Was braucht an Hut d'r Bauer, leb wohl, du altes Haus, Komm doch zu mir herunter, Madonna Theresa, O See, du himmelblauer, der schöne Nicola. Das ist einmal im Leben gar häßlich eingericht't, Du gehst an mir vorüber und kennest mich gar nicht; Da capo hän se g'sunge: O du Veronika, De Text hot sanft beglitte e Ziehharmonika. Beim G'sang vun bene Lieder mit leichter Melodei, Do waren d'r nadierlich die Schtammgäscht glei derbei, Es war des reinschte Gaudi, e Lache un Gekrisch, De Tact hän se g-schlage mit Gläser uf 'm Disch. Ganz sonnerbar — die Lieder, ich weeß nit wie es kam, Die sin uf's Herz geschlage d'r holde Biweedam, Sie ftehlt e menschlich Rühre, nimmt e Zehnpennigschtick Un schmeißts dem Jingling niemer, der Hot geschtrahlt vor Glick. Kaum Hot dr Werrth des g'sehe, do war 'r deifelswild, „Ihr gottverdammti Bande!" so hot'r gleich gedrillt, Der Jung war mit 'm Deller jetzt grab in seiner Näh, Bauff! ligt ber uf 'm Bobe, in Scherwe ganz erzwee. Den alte Sänger nimmt ’r un brickt ’n an bie Wand, — „Dir soll Dein G'sang verleede, du lumbiger Schnurrant!" Un wie d'r Jung kummt g'schliche, zu ziehn de Alte vor, Do haut d'r Werrth, der growe, dem aach noch e uf's Ohr. So hoscht noch nir gesehe, was jetzert isch passirt: Die Gäscht hän mit dem Zabbwerrth gewaltig rässonirt; Der Sänger nimmt sei' Musik un aach sein Liedertext, Er un sein Bub rennt weiter, als wären se behext Schnell waren se int Freie — den Alte packt die Wuth, Er war halt ganz verkrumbelt bis zum Cylinderhut. D'r Jung fangt an zu heule, die Ohrfeig brennt ihn sehr, Wu so rn Flegel hinhaut gedeiht kee G'sichtsfarb' mehr. Der Alt beginnt zu fluche: „Unseligi Bagasch, Gell, bei so arme Sänger do hoscht de noch Kurasch! Wann nor die Krenk dhätscht kriege, drinn in dei'm Sorgeeck Un dir dein Haus dhät brenne grab iroer’nt Kobb eweg. Halunk, elenbiglicher! bu Fluch bes Sängerthums, In beiner Kneip tön nie mehr e fröhlich „Wohl bekumm's! Erbärmlich sollscht verlumbe, bu un bei’ ganzes Haus. Ich prophezei b’r jetzt schun: bich schmeißt mer aach noch 'naus." D'r Alte hot's gerufe! — bo kummt en Schutzmann bei — Der nimmt die Bänkelsänger mit uf die Bolizei; Dort Hot mer nooch'm G'setzbuch se alle Zwee verhört: Zu brumme kriegt en Jeder, weil sie die Ruh geschtört. * * * Un wie d'r Alt vorherg'sagt, so traf's aach merklich ein: Des Werrthshaus isch vergantet, dort gibt's fee’ Bier un Wein, Der Werrth war angekreidelt gar schtark int Schuldebuch, Drum isch’r schnell verduftet. — Das isch des Sängers Fluch! PH. Grüneberger. Redactisn: 8. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießcn.