Dienstag beit 8. April -i-s-ZZM «W Sy U« MW! LI AWgSll!!!» ein reiner Glück ist Dir beschieden, Als nach des Tages drängend Thun In Deines Hauses Abendfrieden An treuem Herzen auszuruh'n. Schreib's nicht der ganzen Menschheit an, Wenn einer Dir was Leids gethan; Du kannst ja auch nicht alle Bäume schlagen, Weil einer drunter schlechte Frucht getragen. Ihre erste Liebe Novelle von E. von Bisch darf. (Fortsetzung.) „Ja, kennen denn gnä' Frau nicht das schöne Stück von Hamlot und Ophelia? Da wird einem ja ganz kalt, wie der Geist des Vaters kommt, und der Schildwach' schreit und davonläuft, und der Geist erzählt, wie ihm sein Bruder umgebracht hat. — Und dann vom Faust, das ist noch viel schöner. Da hab' ich mir vorne aufknöpfen müssen, so hat mir’S mitgenommen. Aber den zweiten Theil hab' ich mir zwei Male ansehen müssen, damit ich Alles verstand." „Und dann war Ihnen , Alles klar, Christinchen?" „Alles, gnä' Frau. Und ich sag' immer, über's Theater geht mir nichts." Da hatte Regine die ersehnte, mitfühlende Seele gefunden, wo sie sie aw wenigsten gesucht. Das war wieder eine andere Auffassung der Klassiker! Sie lächelte müde, als sie dieselbe mit der gestrigen verglich. Die gute Alte! Christinchen in ihrem Unverstand hatte doch wenigstens Hochachtung vor den Werken der Geistesheroen. Ihre urwüchsige Begeisterung berührte Regine sympathischer, als das Bestreben der gestrigen Gebildeten, das Erhabene in das Lächerliche zu ziehen." „So ist's recht, Christinchen," sagte sie freundlich, „so erhält man sich frisch bis in das Alter," und es war, als ob sie mit der Alten von nun an ein neues Band verknüpfte. * * * Draußen sangen die Finken und blühten die Rosen - vom Hofe hörte man lustiges, reges Treiben, das Gackern der Hühner, den knarrenden Pumpenschwengel — drinnen regte sich kräftig ein junges Leben. Regine lag in ihrem stillen Zimmer und schaute mit glücklichen Augen nach der Wiege, in der ihr Knabe schlummerte- sie ward nicht müde, das kleine Wunder anzustaunen. Wie das zarte Körperchen sich reckte und dehnte, wie die Augen so schlaftrunken die fremde Welt anblinzelten und die winzigen Fäustchen sich ballten — und wie stolz blickte Felix auf seinen Erstgeborenen! Die ganze Welt war für Regine versunken- sie sah und dachte nichts mehr als ihren Sohn, baute für ihn goldene Zukunftsschlösser. Aber als sie zum ersten Male wieder hinabging in die unteren Räume, fielen ihr ihre Hausfrauenpflichten schwer auf die Seele. Was würde aus ihrer Wirtschaft geworden sein, während sie zur Unthätigkeit gezwungen war! Gewiß ging nun Alles darunter und darüber ohne sie, ihr graute ordentlich vor der Jnspizirung. Aber siehe da! Küche und Keller, Alles erstrahlte blitzblank in schönster Ordnung und das Uhrwerk des Haushaltes ging in gewohnter Regelmäßigkeit. Christinchen hatte ihren Stolz darauf gesetzt, die Hausfrau nicht vermissen zu lassen, und beruhigt konnte Regine sich wieder in ihr Heiligthum, das Kinderzimmer, flüchten, konnte sich Ruhe gönnen und auch wohl einen Blick hineinwerfen in die neu angekommenen Bücher und Zeitschriften. Es war ja gut, daß Christinchen so vortrefflich zu wirtschaften verstand, aber der Gedanke, so leicht ersetzt zu werden, hatte Reginens Eitelkeit doch ein wenig verletzt. Auch als sie sich wieder ganz rüstig fühlte und die alten Pflichten aufnahm, hatte sie nicht mehr die frühere Freude daran. Ihre Thätigkeit verlor für sie an Werth, seit sie gesehen, daß ein einfaches Geschöpf, wie Christinchen, derselben ebenso gut genügen konnte. Allmälig gewöhnte sie sich daran, Christinchen selbständig walten zu lassen. Die Begeisterung für ihren neuen Beruf war zu heftig in ihr emporgeflammt, um von langer Dauer zu sein- nun kam der Rückschlag. Die Beschäftigungen ihrer Mädchenjahre gewannen in ihren Augen höhere Bedeutung. Es wäre doch schade gewesen, ihre schönen Talente ungepflegt liegen zu lassen, um inzwischen die Wäsche durchzusehen oder das Kuchenbacken zu beaufsichtigen, was jede Andere auch gekonnt hätte. Darum blieb sie ruhig an ihrem Flügel sitzen, wenn Christinchen sie abrief. „Gehen Sie nur, Alterchen, schauen Sie selbst nach dem Rechten, Sie verstehen es ja doch besser als ich!" Christinchen ging seufzend und kopfschüttelnd, und plagte sich doppelt eifrig, um das fehlende Beispiel der fleißigen Herrin zu ersetzen, so gut es eben ging. Es hätte ihrem alten Herzen einen Todesstoß gegeben, wenn Jemand di« — 158 — Wirth schäft in Hellingsthal nicht mehr auf der alten Höhe fanb — aber ihre Schultern fingen an sich zu beugen unter der großen Last, und sie seufzte und seufzte, wenn sie die Müdigkeit in ihren Knochen spürte und daran dachte, was ohne sie einst werden sollte. Auch Felix seufzte manchmal, wenn auch ganz leise, ganz verstohlen. Es war so hübsch gewesen, Regine herum- hantiren zu sehen wie früher sein Mütterchen. Er konnte es nicht verstehen, daß ihr die Wirthschaft nicht wie dieser mit der Zeit immer mehr an das Herz wuchs. Anfangs entschuldigte er sie mit körperlicher Angegriffenheit, glaubte an eine Umkehr. Aber als er sie eines Tages anstatt mit Nadel oder Gartenscheere mit dem Pinsel beschäftigt fand, konnte er ihr sein Erstaunen nicht verbergen. „Hast Du kürzlich nachgesehen, wie die neuen, amerikanischen Ferkel gedeihen, Regine?" fragte er. „Ich bin gespannt, wie sie sich bei uns einbürgern werden." „Nein, Lix," versetzte sie, „aber ich glaube, Christinchen war heute im Schweinestall,- ihr Urtheil ist competenter als meines." „Es ist aber doch von Wichtigkeit, daß Du selbst nachsiehst, Regine. Du glaubst nicht, welch ein ganz anderer Geist die Dienstboten beherrscht, wenn sie wissen, daß das Auge der Hausfrau überall ist. Ist denn Deine Malerei so wichtig?" „Ganz ungeheuer wichtig, Lix," erwiderte sie scherzend, „sieh nur, diese herrlichen Wolkengebilde muß ich schnell skizziren, ehe sie mir enteilen. Nach den Schweinen kann ich ja immer noch sehen." „Wenn Du fertig bist und Zeit für mich hast, möchte ich Dir gerne einmal etwas zeigen," erwiderte er ernst. Sie unterbrach ihre Arbeit nun doch, und freundlich zog er ihren Arm unter den seinen und führte sie in eines der Fremdenstübchen, in welchem an der Wand eine un- vollendete Zeichnung hing, angelegt in der peinlich sorgfältigen Manier der vierzig Jahre, in der Wirkung einem Kupferstiche nicht ganz unähnlich. Sie stellte eine junge Frau dar, die dem heimkehrenden Eheherrn das jauchzende Kind entgegenhält. „Sieh, Regine," sagte er bewegt, „dies Bild hatte meine Mutter ihrem Gatten als Hochzeitsgabe bestimmt. Aber es wurde nicht rechtzeitig fertig, und als Frau hatte sie sich zum Zeichnen nie mehr Muße gegönnt- die vielen Pflichten hatten ihr den Stift für immer aus der Hand genommen. „Talente dürfen nur Schmuck, niemals Inhalt des Lebens sein," meinte sie oft lächelnd, „aber wenn das Stopfen und Wirthschaften auch nicht so amüsant ist, wie das Zeichnen, so finde ich doch mehr Segen dabei, weil es meinen Lieben zu gute kommt." Mein Vater rahmte das unbeendete Kunstwerk ein und hatte größere Freude daran als an dem schönsten Oelgemälde." „O, Lix," rief Regine eifrig, „so läßt sich das echte Talent aber nicht abspeisen. Du weißt nicht, wie einem zu Muthe ist, wenn einem ein Stückchen Erde so recht in seiner Schönheit aufgegangen ist, und es nun in allen Fingern zuckt und nicht zur Ruhe kommen läßt, bis man's auf das Papier gebracht hat!" Nein, das wußte er freilich nicht. Aber etwas glaubte er zu wissen in seiner klaren, schlichten Weise, nämlich wo Reginens Pflichten lagen, und er ließ nicht nach, sie daran zu mahnen, wieder und wieder um ihrer selbst willen- denn er liebte an ihr nicht nur ihre Schönheit. Sie nahm dann wohl einen flüchtigen Anlauf zur Befferung, aber zu dauerndem Fleiß fehlte der feste Wille, die Einsicht von der Wichtigkeit ihrer Arbeit. Langsam, aber sicher zog sich Regine so den festen Boden gesunder Tdätigkeit und strenger Pflichterfüllung selbst unter den Füßen fort und verlor dadurch in natürlicher Folge die Zufriedenheit, die allein auf diesem Grund basirt. Wohl konnte sie noch glückselige Stunden spielend mit ihrem Knaben vertändeln, aber auch seine körperliche Pflege leitete sie nicht mehr selbst wie im Anfang, sondern überließ dieselbe einer erprobten Wärterin und streifte mit einem ihrer Lieblingsbücher durch Wald und Flur. Ihre gesellschaftlichen Erfahrungen glichen alle denen, die sie an jenem Abend bei Rechows gemacht. Sie spielte meist eine etwas stumme Rolle und es gelang ihr nicht immer, ihre gute Laune zu bewahren. Bald galt sie für stolz, unnahbar und schauerlich klug, und wenn sie mit Felix in eine Gesellschaft trat, empfand sie es deutlich, wie man sie mit einer gewissen Scheu betrachtete. Anstatt sich nun zu freundlichem Eingehen auf die Interessen ihrer Nachbarn zu zwingen, von deren innerer Tüchtigkeit zu lernen und mit ihren vielseitigen Gaben neue Anregung in den kleinen Kreis zu tragen, blieb sie lieber von den ihr unsympathischen Menschen fern. Als sie sich wiederholt weigerte, mit Felix auszufahren, that er energisch Einspruch: „Es ist Dir nicht gut, Regine, daß Du so viel allein bist. Ueberwinde Deine Unlust und komme mit mir." „Ach Felix, es ist wirklich kein Genuß für mich, mit den guten Leuten eng geschaart um den Kaffeetisch zu sitzen und Korn- und Butterpreise zu besprechen. Du glaubst nicht, wie viel herrlicher es ist, wenn man sich draußen auf das weiche Moos lagert, über sich die Wolken ziehen sieht, den Worten großer Dichter und Denker nachsinnt und sie so ganz anders verstehen lernt, als im engen Zimmer. Man kann doch nicht ganz in Kleinlichkeiten untergehen." Er runzelte die Stirne. „Es that ihm weh, daß sie jenen „guten Leuten", seinen alten Freunden, die ihm werth waren, nicht näher kommen wollte. Aber er unterdrückte seinen Unmuth. „Mit dem Untergehen in Kleinigkeiten hat es bei Dir keine Gefahr, Regine," sagte er ruhig. „Du schiebst die tausend kleinen Anforderungen des Tages nur gar zu sehr bei Seite. Wenn man fleißig unter seinen Mitmenschen gearbeitet hat, thut eine stille Stunde wohl, in der man sich auf sich selbst besinnt. Aber ich habe immer gefunden, daß zu viel Einsamkeit gefährlich ist. Man grübelt dann über alle möglichen, unlösbaren Räthsel und verliert die rechte Liebe zu Gott und Menschen, das rechte Maß für die eigene Persönlichkeit. Komme mit mir, Regine!" Aber sein wohlmeinender Rath verhallte ungehört. So hielt er dann allein nothdürftigen Verkehr mit der Nachbarschaft aufrecht und sah sein Haus, das früher durch seine Gastlichkeit bekannt gewesen, immer mehr vereinsamen. Regine bedachte nicht, daß ihres Mannes gesellige Natur litt unter der ihr auferlegten Zurückgezogenheit, die für ihre Studien erwünschte Muße gewährte. Hätte sie sich einmal klar gemacht, wie wenig sie eigentlich nach den Wünschen ihres Gatten fragte, dann wäre sie vielleicht doch erschrocken. Tags über waren sie wenig zusammen - die gemeinsame Lectüre am Abende hatte sich im Sande verlaufen, Jedes las, was ihm zusagte. Man hatte den Jungen nach seinem Großvater väterlicherseits Hans Max benannt. Als zwei Jahre später ein kleines Mädchen in Reginens Wiege schrie, wollte Felix ihr eine besondere Freude damit machen, daß er für dasselbe den Namen seiner Schwiegermutter: „Katharine" vorschlug. Regine mußte die zarte Rücksicht anerkennen, aber innerlich bemitleidete sie daS arme Wurm, das nun als spießbürgerliches Kätchen oder Trinchen seinen Weg durchs Leben machen mußte. Da fiel ihr Jensens entzückendes Buch in die Hand und von nun an rief sie die Kleine „Karin," und zuletzt gewöhnte sich Felix, wenn auch erst brummend, ebenfalls an den fremdartigen Namen. So wuchsen die Kinder fröhlich auf- Hans Max zeigte in seinem Wesen eine wunderbare Mischung von Altklugheit und echtem Kindernnn. Karin hatte des Vaters dunkles Haar und seine schönen, tiefblauen Augen geerbt, dazu der Mutter scharfen Verstand und ihren beharrlichen Sinn. Mit Sorgfalt und Liebe geleitet, versprachen sie ein paar prächtige Menschenexemplare abzugeben. Nach Reginens Meinung begann die Erziehung — iS9 — iiber erst im schulpflichtigen Alter. Bis dahin waren ihr | die Kinder nur ein Spielzeug. Doch als Hans Max vier Jahre zählte, zeigte es sich, daß er ein unermüdlicher Zuhörer beim Geschichtenerzählen war. Das verursachte ihr Freude. Aus Gelesenem und Erdachtem, aus Weltgeschichte und I Märchen spann sich Allerlei zusammen, sprach sich das Herz frei und führte den kleinen Lauscher in ihre eigenste Welt ein. Daß sie dadurch in dem unreifen Köpfchen arge Verwirrung anrichtete und den festen Kinde-schlaf störte, beobachtete sie nicht. Felix wachte in der Stille mit offenen Augen über die körperliche und geistige Pflege seiner Lieblinge und stahl sich für sie manche Stunde ab. Es konnte Regine gereizt und empfindlich machen, wenn sie sah, wie viel zärtlicher die Kinder sich an den Vater schmiegten, als an sie. Dann eilte sie oft hinaus, suchte Ablenkung bei einer ihrer einsamen Wanderungen, die ihr zur Gewohnheit geworden waren und bei denen sie ihr Alleinsein kaum noch empfand. War sie denn aber wirklich allein? Ach nein, schon I lange nicht mehr. Etwas gesellte sich zu ihr, wandelte mit, erfüllte ihr Herz und Sinn — eine Erinnerung, ein Schatten, ihre erste Liebe. Zuerst war der Gedanke an Lossen flüchtig vor ihr aufgetaucht und schnell hinweg gescheucht worden. Der Duft der Lilien, der Äthern einer lauen Sommernacht, der Anblick von Lottchen Rechow hatten ihn plötzlich hervorgerufen, und der nächste Eindruck verdrängte ihn wieder. Dann aber, als sie immer mehr zu ihren alten Interessen zurückkehrte, ihres Mannes Antheilnahme an denselben immer schmerzlicher entbehrte, kam die Erinnerung häufiger. Zuerst noch mit dem alten, verletzenden Stachel der Demüthigung. Später trat der Gedanke an die erlittene Enttäuschung mehr zurück- Lossens glänzende Eigenschaften strahlten Heller, und Regine begann, Enttäuschungsgründe für sein Betragen zu suchen. Daß er damals bald nach ihrem Zusammensein das Commando in Berlin dennoch angetreten hatte, wußte sie nicht. Lottchen Rechow hatte seines Namens in ihrer Gegenwart nur einmal Erwähnung gethan und dann erschrocken inne gehalten bei dem Anblick von Reginens finsterem Gesichtsausdruck,' es wäre dieser auch nicht unmöglich gewesen, über Lossen zu reden. So glaubte sie nun, daß er es damals nicht hätte erreichen können, sie wiederzusehen. Der Eindruck, den sie auf ihn gemacht, war dann mit den Jahren verblaßt, und ein anderes Mädchen trat in seinen Gesichtskreis, bedeutender, ihm ebenbürtiger als sie — Constanze Pottmüller. Da war er nun ganz der rechte Mann gewesen, um nach dem Namen nicht zu fragen und, der Meinung der Welt zum Trotz, nur den Seelenadel zu suchen. Sie stattete Fräulein Pottmüller freigebig mit allen Tugenden und Vollkommenheiten aus. Nur ein Ideal an Güte und Klugheit konnte Lossen genügen, nur über ein solches konnte sie vergessen werden, damit tröstete sie sich. Anfangs schlug sie noch die Augen nieder, wenn ihre Gedanken sich viel mit Lossen beschäftigt hatten, und sie dann Felix mit seiner harmlosen Fröhlichkeit und Güte wiedersah. Aber allmälig empfand sie dieses Träumen nicht mehr als ein Unrecht gegen ihn. Die Zügel der Selbstsucht waren in ihrer Hand zu locker geworden, und wie sie sich in ihrem Thun gehen ließ, so auch in ihrem Denken. Endlich gewöhnte sie sich daran, Alles, was Felix fehlte, bei einer Jdealgestalt zu suchen, welche sie Lossen nannte, und die im Grunde ein Geschöpf ihrer Phantasie war. Lossen war der einzige Mensch, der sie jemals verstanden hatte. Wie aber war sie gereift, geistig gewachsen, seitdem sie sich damals kennen gelernt! Jetzt würde er sie seiner vielleicht würdiger erachten, eifriger um ihren Besitz ringen, wenn das Schicksal sie nicht getrennt, jene anderen nicht dazwischen geschoben hätte! So schwand die Zeit. Langjährige Gewohnheit hatte längst mit ihrer kalten, nüchternen Hand den Reiz des Neuen von ihrer Umgebung abgestreift- Welt und Leben lagen vor ihr wie in grauen, eintönigen Nebel gehüllt. Sie empfand wohl, daß sie allmälig eine einsame, unbefriedigte Frau geworden war. Warum? Weil der einzige Mann, der Alles das, was in ihr lag, zur vollen Entwickelung gebracht hätte, ihr nicht beschicken worden — das war die einzige Erklärung, die sie zu finden wußte. * * * An einem schwülen Sommerabende saß Regine in ihrem traulichen Wohnzimmer und gab sich der Lectüre eines Buches hin, das ihr besonders ans Herz gewachsen war. Sie hatte angefangen, auf eigene Hand Italienisch zu lernen und zu ihren neuesten Errungenschaften gehörten die Gedichte Ada Negris. Das war gerade das Rechte, um sie zu erfrischen! Der Schmerz und die Arbeit in ihrer adelnden Größe wuchsen vor ihr auf. Der kräftige Kampf mit dem Schicksal, das innerliche Losringen von Allem Niederen, die Fülle neuer, eigenartiger Gedanken: An Alledem hatte sie sich schon oft erquickt, heute ergriff es sie mächtiger, denn je. Sie nahm die Feder und versuchte ihr Lieblingsgedicht von der, für den studirenden Sohn unermüdlich in der Fabrik schaffenden Mutter in das Deutsche zu übertragen. — Würde wohl ihr Felix, der so viel mit dem Volke verkehrte, Verständniß haben für die tragische Größe dieses schlichten Menschendaseins? Sie bezweifelte es. So vertieft war sie in ihr Werk, daß sie nicht vernahm, wie eine Thür sich öffnete und die durch den Teppich gedämpften Schritte ihres Gatten sich ihr näherten. Erst als er die Hand auf die Schulter legte, fuhr sie herum: „Du schon zurück, Felix, wie kommt denn das? Spielst Du denn heute nicht Deine Whist-Partie in Neuenburg?" „Ich war auf dem Wege dorthin, bin aber abgehalten worden," sagte er, indem er sich müde auf den nächsten Stuhl I fallen ließ, „der kleine Fritz von der Pächterin Krause begegnete mir und erzählte auf meine Frage nach der Mutter, daß diese krank sei. Er habe Furcht vor ihr, sie rede irre und kenne ihn nicht- darum wolle er nun nach Neuenburg laufen, zum Ohm, dem Schulzen. Ich kehrte um und sah nach der Alten. Sie lag ganz allein in der dumpfigen Kammer und schien mir stark zu fiebern. Ich befahl dem Jungen bei ihr zu bleiben und ritt nach Heiligenstein, um den Doctor zu holen; der war aber zu Rechows nach Hohen- walde gefahren. Ich ritt ihm nach und habe ihm Beine gemacht- I er will hier ankommen, wenn er die Krause gesehen hat, und Bescheid bringen. Christinchen macht eben die Male fertig, daß sie mit ein bischen Bouillon und Wein zur Alten hingeht und die Nacht bei ihr bleibt." „Deshalb hast Du Deinen Abend in Neuenburg aufgegeben?" fragte Regine- es war seine einzige Zerstreuung. „Ich war zu abgehetzt nach dem Herumreiten, Reginchen, und der Alten mußte doch geholfen werden. Ihre paar Leute brachten eben den Roggen ein, die konnte ich doch nicht von der Arbeit schicken. Schlimm genug, daß der älteste Bengel jetzt seine Zeit abdient und kein Auge bei ihr nach dem Rechten schaut. In Zukunft soll mir der Jnspector manchmal zu ihr hinüber,, ich kann schon selbst das Mähen vom Rundgetreide auf dem großen Vorwerk überwachen, wenn ich mich I tummele." Regine schwieg - sie schämte sich vor ihrem Manne aus Herzensgründe. Hatte sie es doch durch die Leute am Mittag gehört, daß die alte Krause läge, und die Absicht gehabt, zu ihr zu gehen. Dann war sie in ihre Träumereien versunken, hatte unwillkürlich einen ihrer Lieblingswege eingeschlagen und Alles vergessen. Wie armselig erschien ihr jetzt I ihr schwungvolles Mitempfinden mit erdichteter Noth! Felix I machte keine gefühlvollen Verse über die duldende Menschheit - I er bedachte das Nächstliegende und half, wo er konnte, ohne Rücksicht auf die eigene Bequemlichkeit. (Fortsetzung folgt.) — 160 Eine Spazierfahrt nach dem Monde. Plauderei von F. Clemens. (Schluß.) Aber die Aera der Wunder ist noch nicht zu Ende. Mit unbegrenzter Bewunderung blicken wir zu den ungeheuren Felsen empor, die sich vor uns erheben, und sehen uns unwillkürlich nach den auf der Erde üblichen Touristen um. „Wenn eS überhaupt Seleniten gibt," will einer von uns erklären, „so müssen sie, dem Verhältniß der Masse des Mondes entsprechend, kaum so groß wie Zwerge sein." Proste Mahlzeit — er spricht, aber Niemand achtet auf ihn. Entrüstet zupft er die Andern an den Kleidern, spricht auf sie ein, sie sehen ihn erstaunt an, schütteln den Kopf, machen den Mund auf und zu, als ob sie reden wollten, bleiben aber stumm. Allgemeine Befremdung. Endlich löst sich das Räthsel. Jeder merkt, daß er ja den Klang seiner eigenen Worte ebensowenig vernimmt wie den der Worte seiner Gefährten — ganz natürlich, ohne Luft kein Schall, und Luft besitzt ja der Mond nach unseren irdischen Theorien nicht. Die Sache ist allerdings fatal, da sie einen flotten Gedankenaustausch unmöglich macht und uns zwingt, uns unsere Eindrücke und Absichten schriftlich zu übermitteln; indessen Reisende müssen etwas in Kauf nehmen, besonders, wenn sie noch unentdeckte Gebiete durchqueren. Scherzend erproben wir die Erscheinung noch weiter — wir schlagen an die Felsen, trampeln mit den Füßen, einer holt seine mitgebrachte Mundharmonika hervor und bläst den schönsten Strauß'schen Walzer — Alles bleibt still wie int Grabe! Schade, denken wir, daß wir nicht Alle unsere Clavierpauker hier oben einmiethen können, sie würden hier Niemand zur Verzweiflung bringen. Ein Theater im irdischen Sinne dürften wir auch kaum vorfinden, denn die Schauspieler könnten hier nur Pantomimen geben. Kein Profeffor vermöchte Vorlesungen zu halten, kein Parlament zu tagen, keine Frau ihrem Manne eine Gardinenpredigt zu octroyiren. Glückliche Selenitenmänner! Doch gehen wir ein wenig aus der Sonne. Es ist entsetzlich heiß auf dem Monde, da wir gerade während des 14 Tage währenden Tages dort eingetroffen sind. Trotz unserer aufgespannten Parapluis halten wir es nicht aus. Treten wir in den Schatten jenes steil aufsteigenden Bergkegels. Oho — plötzlich umgiebt uns tiefe Nacht. Was ist denn das wieder? Eine unerwartete Sonnenfinsterniß? Nein, denn einige Schritte weiter, so stehen wir wieder im grellsten Sonnenlichte. Licht und Finsterniß wechseln ohne Uebergang. Auch die Ursache dieser Erscheinung erklärt sich durch den Mangel einer Atmosphäre. Nur wo die Sonnenstrahlen direct hinfallen, ist es hell, wo sie fehlen, herrscht dunkle Nacht, weil die Vermittelung der Atmosphäre mangelt. Aus diesem Grunde erbiicken wir auch am Hellen Tage in Gegenden, wo keine Sonnenstrahlen Licht erzeugen, die Sterne am Himmel, denn derselbe erscheint nicht beleuchtet, sondern rabenschwarz. Seine Erleuchtung am Tage wird ja nur durch Reflexion von Sonnenlicht in unserer Atmospäre bedingt. Für die Astronomen kein schlechter Platz, der Mond. Wir aber gestehen uns — schriftlich natürlich, — daß das Fehlen jeder Sonnenbrechung und damit jeder Färbung des Himmels auf der Landschaft den Mondgegenden einen schaurigeinförmigen Character verleiht. Keine Morgenröthe, kein Regenbogen, kein Alpenglühen! Langweiliges Terrain für Touristen. Und die Hitze während dieses 14 Tage und Nächte währenden Tages, wo keine Luftschichten die infernalische Sonnengluth mäßigen. Unser Thermometer zeigt im Maximum 300 Grad — das soll der Teufel aushalten. Und nirgends ein frischer Trunk Wasser zu haben, um den höllenmäßigen Durst zu stillen. Gäbe es irgendwo ein Wasserbecken, und wäre es so groß wie der Stille Oeean, so müßte sein Inhalt in dieser Gluth in ein paar Tagen verdampfen. Aber kein Nebel, kein Wölkchen zu erblicken — ohne Luft kein Wasser. Sogenannte Meere giebt's freilich genug, aber keine Flüssigkeit darin, es sind nur eine Art weite, tiefe, mit tausend Klippen, Felsen und Hügeln übersäete Becken, wie wir solche erhalten würden, wenn wir aus unseren Oceanen einmal auf ein paar Stunden das gesammte Wasser abließen. Vergeblich suchen wir auf unserer Tour Kühlung und Erfrischung. Natürlich haben wir keine Lust, die hohen Berge zu erklettern, den Newton, 6898 Meter hoch, den 6098 Meter hohen Tycho oder gar den 8831 Meter hohen Curtius! Wir befinden uns durchaus nicht in der Lage, die Resultate der Mondforschung zu vermehren, denn unter solchen Verhältnissen hört ja alle Gemütlichkeit auf. Stöhnend und ächzend wandern wir, mühsam künstliche Luft aus einer Art Dudelsäcken athmend, von Süden nach Norden, schreiten das Apenninen-Gebirge in seiner ganzen Länge von 700 Kilometern ab, wandern durch Wallebenen, Ringgebirge und Meere und freuen uns, als endlich die Kühlung versprechende Mondnacht eintritt, welche ebenfalls 14 Tage und 14 Nächte andauert. Anfangs ganz angenehm, wahrlich. Nicht lange währt's indessen, da hat der Mondkörper die erst erhaltene Wärme wieder ausgeströmt, weil keine Atmosphäre sie festhält. Es fängt an, kalt zu werden. Das Thermometer sinkt schon in den ersten Stunden rapid, in Kurzem ist's auf dem Gefrierpunkt angelangt und nun geht's weiter bis zu Kältegraden herab, wie sie bei uns gar nicht vorkommen. Der Nordpol hat wahrlich das reinste Tropenklima gegen den Mond. Doch gegen die Kälte kann man sich schützen. Zünden wir ein Feuer an, wir haben ja das erforderliche Material bei uns. Der Holzhausen wird errichtet, Papier darunter gebracht, wir streichen ein schwedisches Zündholz an, es versagt. — Noch eins — wieder vergeblich. Ein drittes, viertes, fünftes — dasselbe Resultat. Vergeblich versuchen wir den Inhalt einer ganzen Schachtel — kein einziges zündet, obwohl es weder feucht noch die Reibfläche beschädigt worden ist. Wir schlagen uns vor den Kopf, wieder die alte Geschichte ! Zur Erzeugung einer Flamme brauchen wir Sauerstoff) wo ihn hernehmen ohne Luft? Arme Seleniten, die Ihr Euch gegen die tödtliche Kälte Eurer Nächte nicht einmal schützen, ihre schwarze Finsterniß nicht erleuchten könnt! Nein, lieber Mond, bleibe uns in Gnaden gewogen, ziehe stille durch die Abendwolken hin, fülle den Hain mit Silberschein und was dergleichen schöne Dinge mehr sind — wir packen unser Ränzchen, wir schütteln den Staub von den Füßen. Fort von hier nach der schönen Erde. Eben haben wir Vollerde, in der Größe von dreizehn Monden steht sie vor uns am schwarzen Himmel in feuriger Pracht) auf, zurück zur wärmenden, schützenden Allmutter! Unsere Gelehrten sind bereits auf dem besten Wege, die Hypothese von der Todtenstarre des Mondes ein- sür allemal aus dem Wege zu schaffen, sie sprechen zum Theil von der Möglichkeit einer verdünnten Atmosphäre, noch vorhandener Thätigkeit vulkanischer Gewalten, der Entdeckung muthmaßlicher Vegetationsspuren u. s. w. Wenn wir hierüber Gewißheit haben, wollen wir unsere Reise nach dem Monde wiederholen — bis dahin bleiben wir hübsch zu Hause! Humoristisches. Ein echter Griesgram. „Warum machen Sie ein o griesgrämiges Gesicht? Hat Sie denn Jemand geärgert?' — „Nee, das nicht — aber hoffentlich kommt noch Einer! * * * Feldwebel (zu einem ungeschickten Einjährigen): „Sie ind gewiß der Einjährige Müller, über den sich alle Witz- ilätter lustig machen!" Redaction: 8. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in ließen.