X «88 i L «M WM! M My MW ß-UMW elig, wem die Thräne rinnt, Dicht wie Regentropfen fallen; Ungeweinte Thränen sind Wohl die schmerzlichsten von allen. Bläst uns, o Welt, in deinem Haus Der Tod des Lebens Lichtchen aus, Wird am Geruch es offenbar, Wer Talglicht oder Wachslicht war. Prutz. Das Haus der Schatten. Roman von Robert Kohlrausch. (Fortsetzung.) Es war Nachmittag, aber noch hell, und Doctor Jaksch wollte sich eben zum Ausgehen ankleiden, um einige Besuche zu machen, als sein Diener eintrat und meldete, daß ein Kranker geschickt habe, der dringend nach dem Arzte verlange. „Riesig eilig hat er es jemacht," fügte der Diener hinzu, „als wenn er sich schon 'n Extrazug ins Jenseits bestellt hätte. Sehr wat Feines scheint es aber nich zu sein- Meyers Gasthaus am Langen Hagen, na, ersten Ranges iS det jrade nich." „Lieber Carl," sagte Doctor Jaksch sehr freundlich, „es ist mir angenehmer, wenn Sie sich auf die einfache Meldung beschränken und alle weiteren Lebensgeschichten und dergleichen für sich behalten. Und so viel sollten Sie auch bereits wissen, daß ich meine Patienten nicht danach beurthcile, ob sie „was Feines," wie Sie es nennen, sind oder nicht. Ich frage nur danach, ob einer krank ist, und ich ihm helfen kann. Und wenn Sie sich die Mühe machen wollten, so könnten Sie leicht hier in der Stadt hören, daß ich zu Anfang meiner Praxis eine Sprechstunde gehabt habe, in der ich armen Leuten völlig unentgeltlich meinen Rath ertheilte. Das hat mir viel Freude gemacht. Ich bitte Sie, sich immer dessen zu erinnern. So, nun verschließen Sie die Thüren gut, wenn ich fort bin. Ich gehe jetzt gleich nach Meyers Gasthaus." Er ging, und als er draußen war, dachte der Diener, der ein wenig beschämt zurückgeblieben war: „Es is man einmal 'n juten Herrn." Doctor Jaksch hatte nur einen kleinen Weg bis zu dem bezeichneten Gasthaus, der alterthümlich und behaglich, wenn auch klein und einfach am Langen Hagen sich erhob. Auf seine Frage wurde der Arzt nach einem hinten hinaus gelegenen Zimmer des ersten Stockwerks gewiesen, wo er den Kranken finden würde, der zu ihm gesandt habe. Er sei erst heute Mittag angekommen und habe sein Zimmer seitdem nicht wieder verlassen. Auch sein Mittagbrod habe er dort eingenommen. Erst als er die Treppe hinanstieg, fiel dem Doctor ein, daß er vergessen habe, nach dem Namen des Fremden zu fragen, und daß ein solcher auch bei der Bestellung nicht genannt worden sei. Doch zerbrach er sich den Kopf nicht darüber, sondern klopfte an die Thür, deren Nummer man ihm bezeichnet hatte. Als er sie auf das „Herein" von einer schwachen, heiseren Stimme nun aber öffnete, war er überrascht, den Fremden nicht im Bett oder auf dem Sopha liegend zu finden, sondern aufrecht mitten im Zimmer, den Rücken den Fenstern zugewandt, so daß sein Gesicht nur undeutlich zu erkennen war. „Mein Name ist Doctor Jaksch," begann der Arzt, „Sie haben zu mir geschickt, wenn ich nicht irre?" „Ich habe zu Ihnen geschickt." Es war etwas in dem Klang dieser durch Krankheit entstellten Stimme, das den Doctor verwirrte. So schwieg er einen Augenblick, dann sagte er: „Darf ich zuvor um Ihren Namen bitten?" „Sehen Sie mich an." Langsam wandte der Kranke sich dem Lichte zu, das von draußen hereindrang, und Doctor Jaksch trat ein paar Schritte vor, ihn zu betrachten. Und aus der hageren Gestalt, aus den eingefallenen Zügen, aus den erloschenen Augen, aus dem dahin schwindenden Schatten eines Menschen trat ihm das Bild eines anderen entgegen, eines Mannes, der frisch, hübsch, von jugendlichem Leben erfüllt vor ihm gestanden, und den er nie wiederzusehen gedacht hatte. Er fuhr zurück, als er ihn erkannte, dann, als die erste Ueber- raschung vorüber war, brach er zornig los. „Zum Teufel wie kommen Sie hierher? Nein, seien Sie still, ganz still, sagen Sie noch nichts." Er ging eilig, mit wiedergewonnener Geistesgegenwart zur Thür, blickte hinaus, ob kein Horcher in der Nähe sei, drückte sie wieder feft ins Schloß und schob den Riegel vor. „Wir sind allein," sagte er dann, „setzen Sie sich hierher aufs Sopha, da sind Sie am weitesten von der Thür da zum Nebenzimmer. Und lassen Sie uns leise sprechen, ganz leise - es ist im beiderseitigen Interesse, nicht wahr? Sagen Sie mir, Mensch, warum sind Sie hierher gekommen?" „Um zu sterben." Es war etwas unendlich Trauriges in dem Klang dieser gebrochenen Stimme, in dem Ausdruck dieser braunen Augen, die ein gesundes, heiteres Gesicht ehemals mit dem Glanz der Freude erfüllt haben mochten und nun zum Sterben müde aus den bleichen, vom Tode gezeichneten Züge hervorblickten. Der Mann war noch nicht alt, Anfang der Dreißig vielleicht, aber sein kurzgeschnittenes Haar war schon ergraut, die Hautfarbe gelblich, und feine, blaue Adern zeigten sich an den Schläfen. Als er den Kopf jetzt gegen die Lehne des Sophas zurücksinken ließ und die Augen schloß, als überwiege die Sehnsucht nach Ruhe alle anderen Wünsche in seiner Brust, hätte man glauben können, das Leben sei schon entflohen, und nur die zertrümmerte Hülle zurückgeblieben. Doctor Jaksch aber hielt sich mit solchen Gedanken nicht auf. „Dies Geschäft hätten Sie auch drüben abmachen können," sagte er kalt, in dem gedämpften Ton, in dem auck alles Uebrige gesprochen wurde. Der Fremde richtete sich empor- Haß und Verachtung schimmerten aus seinen Augen. „Mein Sterben ist kein Geschäft, weder für mich, noch für Sie. Nicht so wie damals —" „Schweigen Sie!" „Aber dafür ist es ein wirkliches Sterben," fnhr der Kranke fort, seine Gedanken verfolgend, ohne auf die Unterbrechung zu achten. „Wenn Sie von mir einmal hören, daß ich gestorben bin, — und es wird bald genug geschehen, — dann können Sie's glauben, daß ich sechs Fuß unter der Erde liege und nicht wiederkomme." „Was reden Sie von Wiederkommen?" „Ich dachte „Lebt er?" „Er lebt." „Woher wissen Sie's?" „Ich war in Newyork bei dem Bankier, dem er sein Vermögen zur Verwaltung übergeben hat. Von dem weiß ich, daß er noch lebt, aber der Mann durfte nicht sagen, wo er sich aufhält." „Ob er in Amerika ist?" „Ich glaube nicht. Vor drei Jahren ist er nach Indien gegangen, das ist das Letzte, was ich zuverlässig erfahren habe. Ich schrieb es Ihnen ja damals. Und jetzt —" Er wollte noch etwas hinzufügen, aber ein furchtbarer Husten unterbrach ihn, der seinen Körper erbeben machte und heiße, rothe Flecke auf den eingefallenen Backen hervortreten ließ. Doctor Jaksch stand auf, trat ans Fenster und trommelte mit den Fingern der rechten Hand an den Scheiben, bis der Anfall vorüber war. Ein Ausdruck des Ekels zeigte sich dabei auf seinem Gesicht. Als der Kranke dann erschöpft sich zurücklehnte, und nur noch ein heiseres Röcheln den Kampf in seiner wunden Brust verrieth, kam der Doctor zum Tische zurück und fragte, ihn prüfend betrachtend: „Tuberculose, was?" „Im letzten Stadium. Wissenschaftlich bin ich schon tobt, aber dieser elende Körper will immer noch nicht hinein in die Erde. Ich habe ein Leben wie eine Katze!" „Auch Katzen sterben, — wenn Ihnen das ein Trost ist. Viel Anlaß scheinen Sie mir allerdings nicht mehr zu haben, Ihr Leben zu lieben." „Es lieben — ich? Dies elende, zu Grunde gerichtete, durch Sie zu Grunde gerichtete Leben? Es lieben? Ja, wenn ich es noch einmal leben könnte, wenn ich es noch einmal von vorn anfangen könnte," — ein lautes, röchelndes Weinen drang aus seiner Brust, er legte den Kopf auf die Platte des Tisches und schluchzte verzweifelt. Dann kam der Husten wieder, ein neuer Anfall, noch heftiger als der vorige. „Sie machen zu viel Lärm. Das geht nicht," sagte Doctor Jaksch, als der Andern endlich zur Ruhe gekommen war. „Auch bin ich schon zu lange hier bei Ihnen, es kann auffallen. Sagen Sie noch schnell, was Sie von mir wollen, wie Sie auf den unsinnigen Gedanken gekommen sind, mich hier heimzusuchen? Denken Sie etwa daran, sich hier häuslich niederzulassen?" „Seien Sie ohne Sorge, ich bin unter falschem Namen hier und will Niemanden belästigen. Der Einen, die ich lieb habe, könnte ich nur Schande bringen, — bitte, sagen Sie mir, wie es ihr geht!" „Ihr, — ach so? Es geht ihr gut, aber sie will nichts mehr von Ihnen wissen. Ich würde es Ihnen in Rücksicht auf Ihren Zustand verschweigen, aber da Sie zurückgekommen sind, — allerlei unangenehme Gerüchte sind hier über Sie verbreitet. Nicht die Wahrheit natürlich, das ist ja unmöglich, aber die Leute haben sich Verschiedenes zusammengedacht, was nicht gerade ehrenvoll für Sie ist." „Und Sie glaubt es auch? Aber sie hat ja recht. Auf die That kommt es nicht an, ans die Gesinnung. Und hier in mir, da ist ja Alles zerstört, was einmal gut und ehrlich gewesen ist. Aber ich habe es gebüßt! Ich habe früher oft gelacht, mit Ihnen zusammen, über das, was die Menschen göttliche Gerechtigkeit nennen, jetzt lache ich nicht mehr! Glauben Sie mir, von der Stunde an, daß Sie mich zu dieser That verführt haben, ist kein Glück mehr in mein Leben gekommen. Ich bin arm geworden und krank und freundlos —" , „Lassen Sie diese alten Geschichten. Sagen Sie mir kurz und klar, weshalb Sie zu mir geschickt haben, was Sie von mir verlangen. Denn darauf läuft es zuletzt doch hinaus." „Sie haben recht. Ich brauche Geld, nicht viel, nur genug, um in Frieden sterben zu können. Mein letztes habe ich zur Ueberfahrt verwendet, um die Heimath noch einmal zu sehen. Ich hatte drüben keine Ruhe mehr und ich hoffte, der Tod würde kommen, wenn ich das Vaterland wieder betreten hätte. Er sucht sich Andere und geht an mir vorüber, obgleich ich ihn rufe! Aber Sie sind Arzt wie ich, sehen Sie mich an und sagen Sie sich selbst, ob ich noch lange zu leben habe. Es handelt sich um eine kleine Frist, und während dieser Zeit müssen Sie für mich sorgen." Der Doctor blickte nachdenklich einen Augenblick zu Boden, dann sagte er: „Ein Rechtsanspruch Ihrerseits liegt nicht vor. Sie haben damals Ihren Antheil erhalten und haben ihn vergeudet- das ist Ihre Sache, nicht meine. Aber Sie sollen nicht umsonst an mein gutes Herz appelliren. Ich werde Ihnen für diese letzten Wochen Ihres Lebens eine bescheidene Existenz ermöglichen. Aber ich stelle meine Bedingungen. Sie reisen noch heute ab, Sie gehen nach Berlin, dort können Sie in der Menge am leichtesten verschwinden. Mit Niemandem außer mir setzen Sie sich hier in Deutschland in Verbindung, auch mit ihr nicht, hören Sie wohl?" „Auch mit ihr nicht!" wiederholte der Fremde seufzend, resignirt, mit wehmüthigem Blick in die Ferne schauend. „Unter diesen Bedingungen will ich mich Ihrer annehmen. Hier haben Sie Geld für den Anfang." Er zog seine Brieftasche hervor und entnahm ihr einen Fünfzigmarkschein, den er vor dem Anderen auf den Tisch legte. „Sobald Sie in Berlin eine Wohnung haben, schreiben Sie mir Ihre Adresse, postlagernd, verstehen Sie? Ihre Handschrift soll mir nicht ins Haus kommen. Richten Sie sich bescheiden ein, so^be- scheiden, als möglich. Auch mir geht es nicht glänzend/ Der Kranke warf einen Blick auf den werthvollen Pelz, den der Doctor nicht abgelegt hatte, und lächelte leise. Auf diesen Blick antwortete der Arzt, als er weiter sprach: „Nein, wirklich nicht glänzend. Ich theile ja diesen alten Aberglauben von Vergeltung unserer Thaten und dergleichen nicht, aber als Sie vorhin davon sprachen, kam mir doch der Gedanke, daß es mir eigentlich ähnlich gegangen ist, wie Ihnen. Wahrhaftig, auch ich habe seit damals kein rechtes Glück mehr gehabt, meine Praxis will nicht vorwärts kommen, meine Einnahmen sind gering. Und heute erst hat mir der Bankier 59 oder nicht. (Fortsetzung folgt.) angeguckt?" Aber Hannchen schüttelte lebhaft den Kops. Nach und nach gewann sie die Sprache zurück und erzählte, was sie gesehen hatte. Das Bild hätte sie nicht erschreckt, ganz gewiß nicht! Sie kannte es jetzt ja genau und fürchtete sich nicht mehr davor- sie sähe gar nicht einmal darauf hin, wenn sie vorbei ginge. Nein, aber als sie schon vorüber gewesen sei, hätte sie durch die Scheiben der Thür zum Zimmer des seltgen Herrn Regierungsrath Licht gesehen und da sei sie neugierig geworden, was das wohl bedeuten möchte. Auf den Zehenspitzen hätte sie,,, durch einen Riß in dem grünen Vorhang hinter den Scheiben hineingelugt und da hätte sie ihn gesehen. Er sei es gewesen, gewiß und wahrhaftig, ganz genau so wie auf dem Bilde, das bei der Frau Regierungsrath in ihrem Wohnzimmer hinge, und das sie erst vor ein paar Tagen sich augeschaut hätte, als Johanne dort aufräumte. Und wie sie ihn dort gesehen hätte, da wäre es ihr gewesen, als wenn eine kalte Hand sich ihr um den Hals legte, und sie hätte laut aufschreien müssen. Wenn es aber Caroline nicht glaubte, sollte sie doch selbst hinousgehcn und nachschauen und sagen, ob sie gelogen hätte Kalte Füße als Ursache zahlreicher Erkältungskrankheiten. Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) „Kopf kühl, Füße warm!" ist eine allbekannte, sehr wahre Gesundheitsregel. Denn kalte Füße machen ihren schädlich durchkältenden Einfluß auf den ganzen Körper geltend. Sehr anschaulich hat dies Professor Winternitz durch folgendes Experiment bewiesen: Beim Gebrauch eines kalten Fußbades führte er in den äußeren Gehörgang ein Thermometer ein, und dieses zeigte schon nach 10 Minuten eine Erniedrigung der Temperatur im Ohre um reichlich einen halben Grad. Bei vielen Personen äußert sich auch der Einfluß kalter Füße auf den übrigen Körper dadurch, daß sie sofort in heftiges Niesen ausbrechen. Di- Nase erweist sich dabei gleichsam als ein Warner und Wächter der Gesundheit, indem sie uns darauf aufmerksam macht, daß eine Gesundheitsschädigung droht. Dauert diese erkältende Ursache längere Zeit an, wie es z. B. beim Fahren im Schlitten oder beim Sitzen in kalten Räumen geschehen kann, so tritt meist eine mehr oder weniger ernste Erkrankung ein: Schnupfen, Katarrh der Athmungswege, Rheumatismus u. s. w. Noch bedeutend schädlicher aber wird die Einwirkung kalter Füße auf den allgemeinen Gesundheitszustand, wenn eine Durchnässung als Ursache zu Grunde liegt. Jede Mutter weiß dies und wacht deshalb mit Argusaugen über den sofortigen Wechsel des Fußzeuges der Kinder, sobald sie mit nassen Füßen nach Hause kommen, ja am liebsten ließe sie ihre Lieblinge bei feuchtem Wetter gar nicht hinaus, vor lauter Angst, daß sie sich durch nasse Füße eine heftige Erkältung zuziehen können. Professor Rumpel hat durch genaue Untersuchungen festgestellt, daß der Wärmeverlust durch feuchte Bekleidung dreimal so groß ist, als wenn die betreffenden Gliedmaßen ganz unbekleidet wären. Wenn wir also bei naßkalter Witterung oder im Winter bei Eis und Schnee barfuß draußen herumgehen würden, so verlöre unser Körper nur ein Drittel der Wärme wie bei durchnäßter Fußbekleidung. In höchst anschaulicher Weise erläutert dies auch Professor von Pettenkofer folgendermaßen: Wenn man an der Fußbekleidung nur 3 Loth Wolle durchnäßt hat, so ist I zur Verdunstung des darin angehäuften Wassers ebenso viel Wärme erforderlich, als man nöthig haben würde, um ein halbes Pfund Wasser von 0 Grad bis zum Sieden zu erhitzen oder um mehr als ein halbes Pfund Eis zum Schmelzen zu I bringen. Diese Wärmemenge wird fast ausschließlich geliefert eröffnet, daß eine Speculation sehlgeschlagen ist, aus die ich I gehofft hatte, und daß ich einen für mich recht erheblichen Posten eingebüßt habe. Man hat ja so seine Unglückstage." Der Blick, den er dem Fremden zuwarf, sagte deutlich I genug, was er in Wahrheit für das Unglück dieses Tages halte, doch verbarg die Dämmerung, durch schwere, vom Sturmwind gepeitschte Regenwolken verfrüht und vermehrt, bereits sein Gesicht. „Also recht bescheiden einrichten," sagte er noch einmal, „ich werde thun, was ich kann, aber es wird nur wenig sein. Hub reisen Sie mit dem nächsten Zuge." Der Kranke, den die Schwäche niedergeworfen hatte, I nachdem die anfängliche Erregung geschwunden war, erhob sich mühsam und hielt ihm die abgemagerte Hand entgegen. „Ich danke Ihnen," sagte er, „es ist wohl das erste Mal im Leben, daß ich dazu in Wahrheit Anlaß habe. Ich werde Ihnen nicht lange zur Last fallen." Ungern ergriff der Doctor die dargebotene Hand- feucht und kalt lag sie in der seinen, und für einen Augenblick durchlief ihn das Gefühl, daß es die Hand eines Todten sei, die er halte. Rasch aber wies er den Dämmerungsspuk von sich hinweg. „Reisen Sie, reisen Sie," sagte er und wollte sich los machen. Der Fremde hielt jedoch seine Hand noch fest und sagte mit stockender Stimme: „Wenn es vorbei ist mit mir, — Sie werden es ja schon erfahren, — dann könnten Sie es ihr wohl sagen, daß ich hier gewesen bin und daß ich sie immer lieb gehabt habe, und daß —" „Dann vielleicht, wir werden sehen." Ohne Abschiedsgruß verließ der Doctor den Kranken, nachdem er den Riegel zurückgeschoben und die Thür geöffnet hatte. Im Vorübergehen sprach er noch ein paar heitere, freundliche Worte mit der Wirthin, ließ sich über die Tugenden und Fehler ihres Erstgeborenen unterrichten und lachte herzlich über einen seiner Streiche, den sie erzählte. Als sie nach dem Kranken fragte, entgegnete er: „Ich habe ihn sehr eingehend untersucht. Es ist ein schwerer Fall, er muß zu einem Specialisten. Heute Abend fährt er nach Berlin." Dann verabschiedete er sich mit einem Scherzwort und trat auf die Straße hinaus. Der Sturmwind fuhr ihm entgegen, heulte um ihn her, suchte ihn zu packen und niederzuwerfen. Aber der Doctor hatte einen festen Gang und fürchtete sich nicht vor dem Sturm. Erhobenen Hauptes schritt er dahin, gerade vor sich den Blick gerichtet, als sei dort in der Ferne ein Ziel, dem er zustrebe und das er erreichen müsse. Er schaute nicht vor sich nieder auf den dunklen Weg, er schaute nicht empor zu den dunklen Wolken. Er sah es nicht, daß die wilden Massen dort oben gerade über seinem Haupte sich zusammenballten zu einem finsteren Knäuel, so schwarz, drohend und unheilverkündend, als müsse ein Blitz daraus niederfahren und ihn zerschmettern. Er ging unbeirrt vorwärts, die Seele erfüllt von dem Gefühl eines freudigen Triumphes, den Schatten von seinem Wege entfernt zu haben, der vor ihm aufgetaucht war aus den Tiefen der Vergangenheit. Ein anderer aber stieg empor am Abend dieses selben Tages im Hause der Schatten. Seine Zeit war gekommen, und er erschien. Er war so oft gerufen worden, daß er nun endlich gehorchte. Der Geist fand einen Körper, ward sichtbar und wandelte. Und indem er wieder Menschengestalt annahm, eine Gestalt gleich jener, die schon vermodert und zu Staub geworden war, weckte er einen Schauder, der das Haus durchzitterte von der Erde bis hinauf in den Giebel. Hannchen Bäsmann war es, die ihn zuerst erblickte. Mit einem furchtbaren Angstschrei stürzte sie hinein in die Küche, die Köchin erschreckend, die allein darin schaffte. Zuerst vermochte das Kind kein Wort hervorzubringen- stammelnde, unverständliche Laute kamen aus dem Munde der Kleinen, als sei die Krankheit ihres Vaters plötzlich auf sie übergegangen. Caroline schalt sie wegen ihrer Angst und sagte: „Dem ollen Ritter hat Dich woll wieder mal schief — 60 — von der ausstrahlenden Blutwärme der Füße. So gleich» giltig nun manche Menschen gegen durchnäßte Fußbekleidung sind, so sehr würden sie sich mit Recht sträuben, wenn man ihre Füße zum Schmelzen von einem halben Pfund Eis in Anspruch nehmen wollte. Und doch ist die Gesundheitsschädlichkeit dieselbe. Es ist daher nur ganz natürlich, daß die durch nasse Fußbekleidung veranlaßte Abkühlung des ganzen Körpers sehr häufig die directe Ursache wird von vielen Katarrhen und den sogenannten rheumatischen Krankheiten. Gegen solche Durchnässung der Strümpfe von außen kann man sich aber in deWmeisten Fällen schützen durch gutes wasserdichtes Schuhwerk, und wenn man natürlich nasse Füße bekommen hat, so beugt man den Übeln Folgen in der Regel dadurch vor, daß man die Strümpfe sofort wechselt, die Füße tüchtig abtrocknet und frottirt und sich energische Bewegung verschafft, wodurch die Blutcirkulation befördert und eine wohlthuende Wärmeregulation hergestellt wird. Viel nachtheiliger aber für die Gesundheit und bedeutend schwieriger zu beseitigen, ist eine Durchkältung der Füße und Durchfeuchtung der Fußbekleidung von innen her durch Schwitzen. Der Schweiß ist bekanntlich unter normalen Verhältnissen ein sehr nothwendiges Mittel zur Aufrechterhaltung der regelrechten Körpertempercktur, ein ungemein wichtiges Abkühlungsmittel. Er dient als eine Art Sicherheitsventil zur Verhütung einer übermäßigen Erwärmung des Körpers und des Blutes. Sobald in der Hitze die Temperatur des Körpers eine gefahrdrohende Höhe erreicht hat, wird, uns selbst unbewußt, der Schweißapparat in Thätigkeit gesetzt, wir fangen sofort an tüchtig zu schwitzen, wodurch die nöthige Abkühlung stattfindet. Die Schweißdrüsen haben also unter normalen Verhältnissen nur dann in Thätigkeit zu treten, wenn der Körper der Abkühlung wirklich bedürftig ist. Wie verhält es sich nun aber mit den bei warmer wie kalter Witterung stets schwitzenden Füßen der sogenannten Schweißfüßler? Dieser krankhafte Zustand ist durch seine Jahr aus Jahr ein anhaltende Dauer für die Gesundheit noch viel gefährlicher als die einmalige Erkältung oder Durchnässung der Füße. Wie groß die Schweißmenge ist, welche die Füße Produciren, kann man aus den Berechnungen des Dr. Krause ersehen, wonach ein Quadratzoll der Fußfläche 2685 Schweißdrüsen enthält, während z. B. ein Quadratzoll des Nackens deren nur 417, also nicht den sechsten Theil, hat. Von diesen Tausenden von Schweißdrüsen an den Füßen wird natürlich sehr viel Schweiß erzeugt und dadurch dem Körper eine ganz bedeutende Wärme entzogen. Dies muß stets früher oder später den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehen und zu den hartnäckigsten Krankheiten, namentlich zu chronischen Katarrhen und Rheumatismus Veranlassung geben. Daher sollten Personen, welche an Schweißfüßcn leiden, die Gesundheitsstörung nicht als ein leichtes liebel betrachten, sondern sich möglichst bald davon zu befreien suchen. Wenn man erst einmal sein Augenmerk auf den Gegenstand gerichtet hat, lernt man die kalten Schweißfüße nach und nach ernster be- urtheilen und als die letzte, freilich meist übersehene Ursache vieler chronischer, langdauernder Krankheiten erkennen, die solange unheilbar bleiben, als die verborgene Quelle ruhig ungestört ihre verhängnißvollen Wirkungen ausübt. Viele an chronischen Erkältungen, wie Schnupfen, Husten oder Heiserkeit Leidende gerathen schier in Verzweiflung über die Hartnäckigkeit und anscheinende Unheilbarkeit ihres Zustandes, da selbst jahrelang fortgesetzte Kuren ihnen höchstens vorübergehende Besserung bringen; ganz natürlich, weil eben die eigentliche Ursache der Krankheit, nämlich die stets kalten oder feuchtschweißigen Füße, dabei ganz unberücksichtigt bleibt und ihren u cheilvollen Einfluß fortwirken läßt. Eigentlich geschieht es den Menschen ganz recht, daß sich die Füße für die große Vernachlässigung rächen, welche ihnen von den Meisten zu Theil wird. Denn die Füße sind entschieden in Bezug auf Pflege und Reinlichkeit die vernach- lässigsten Theile des Körpers. Oder wie viele waschen sie täglich, was doch bezüglich der Hände geschieht? Und gerade bei den Füßen ist peinliche Reinlichkeit hygienisch sehr wichtig, weil sonst der Schweiß, welcher durch den nicht ventilirenden Lederpanzer, Schuh genannt, zurückgehalten wird, sich mit Hauttalg, Staub und Lederfett vermischt und in Zersetzung geräth. Die erste und Grundregel zur Verhütung und Heilung von kalten oder schwitzenden Füßen heißt daher: Reinlichkeit. Als speciellen bewährten Kurplan möchte ich dabei den folgenden aufstellen: Wöchentlich zweimal ein halbstündiges heißes Fußbad mit Seife, worauf man die Füße sofort kurze Zeit in ganz kaltes Wasser taucht, dann tüchtiges Reiben (Frottiren), bis die Haut sich röthet, und energisches längeres Herumstampfen im Zimmer oder im Freien. Außerdem, was sehr wichtig ist, tagtäglich gleich nach dem Verlassen des Bettes Eintauchen in recht kaltes Wasser mit nachfolgendem Frottiren. Die Strümpfe, nur wollene, müssen stets ganz trocken sein und sollen täglich drei- bis viermal, mindestens nach jedem Ausgange, gewechselt werden. Die ausgezogenen Paare werden bis zum nächsten Anziehen im Winter an den Ofen, im Sommer an die Sonne gehängt. Von großem Vortheil ist namentlich auch die Beförderung des Blutkreislaufes in den unteren Gliedmaßen durch häufiges Springen, Tanzen, Laufen ober weite Spaziergänge in schnellem Tempo. Das übliche Spazierenschleichen auf Promenaden von vielleicht halbstündiger Dauer nützt gar nichts. Am Besten wirkt Bergsteigen. Ich habe dies an mir selbst, als ich früher sehr an kalten Füßen litt, durch ein wahrhaft klassisches Experiment feststellen können. Ich machte damals Sommer und Winter fast jeden Sonntag eine Tagestour in die Schwarzwaldberge. Da hatte ich denn jedesmal noch am Montag und Dienstag wohlig warme Füße, während sich von Mittwoch an wieder bisweilen Kälte einstellte, die gegen Ende der Woche an Intensität und Dauer mehr und mehr zunahm. Machte ich aber einen mehrtägigen Marsch, so hielt die Erwärmung der Füße immer einige Tage länger vor. Auch von Damen, die an kalten Füßen leiden, habe ich wiederholt gehört, daß sie am Tage nach einem Balle, wenn sie nicht gerade die Rolle von Mauerblümchen spielen mußten, stets warme Füße haben. Energische, häufige Bewegung und kaltes Waschen bei peinlichster Reinlichkeit sind also die Hauptheilmittel gegen kalte und schweißige Füße, welche nicht nur ein sehr unangenehmes Hebei, sondern auch unstreitig die häufige Ursache von zahlreichen chronischen Erkältungskrankheiten bilden. Literarisches Im glänzenden Gewände, sowohl was die Ausstattung als den Inhalt der Nummer anbelangt, präsentirt sich uns Nr. 1 des Jahrganges 1897 der »Sraifetta*, Blätter für Damenradfahren, die mit dem neuen Jahre in den Verlag von Ernst Heinrich Meyer, Dresden-A., Poppitz 18, übergegangen ist. Die Redaction liegt in den Händen der bekannten Schriftstellerin und Sport-Autorität, Frau Dr. Wettstein-Adelt. Die Zeitung enthält eine reiche Zahl sehr guter Abbildungen aus allen Gebieten des Sportes und der sportlichen Mode, Bilder bedeutender Fahrerinnen rc. Neu und originell ist die Ein- theilung des Blattes in einzelne Rubriken, wie: Sport, Hygieine und Schönheitspflege (unter Leitung eines Arztes), Sportlicher Fragekasten, Tauschkasten, Sportsmode, Brief- und Sprechecks u. s. w. Dazu kommt ein Roman oder eine größere Novelle, in der uns z. B. vorliegenden Nummer die Novelle „Licht" von Doris Freiin von Spaettgen. Sehr bemerkenswerth und zutreffend gehalten ist der Aufruf „Was wir wollen", der das Radfahren der Frauen endlich an die richtige Stelle setzt und ihm die Exclusivität des Sportes in seinen Ausführungen nimmt. Beachtenswerth sind ferner die Artikel „Unsere Signalglocken", „Selbsthilfe der Radfahrerin", die köstliche Satyrs „Alles radelt", „Das Radfahren in Bezug auf die Gesundheit", die Rubrik „Von Ueberall" und viele andere Arbeiten des 16 Seiten starken Heftes. Die „Draisena" erscheint je am 8. und 22. jeden Monats und kostet pro Jahr nur Mk. 6,—. Man abonrürt bei allen Postanstalten, Buchhandlungen und Zeitung sspediteuren. Redaction: «. Scheyda. — Druck und Verlag der Brübl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gieße«-