WWW ■ÄM1 g !■_ |i W ^WWM! «sgMBmEhP hägji V/HsVlX r? CT KM ft. «j"rrrraFrni;<«:ft7rnvMti*igrT LU as Glück ist ein Gast von wenig Rast. Hat einer etwas dumm gemacht, Kannst Dn darüber dann nur lachen, Wenn Du es schon bewiesen hast, Daß Du weit besser es kannst machen. Der Majoratsherr. Roman von Nataly v. Cschstruth. (Fortsetzung.) „Wer sind die Herren, die das Mahl mit uns theilen tüctbcn „© gnädigste Gräfin — sehr feine, sehr anständige Herren, nur Honoratioren der Stadt — ! ®a, ist der Herr Assessor Bärning — früher in den größten Städten gewesen, der Vater sogar Geheimrath — dann der Herr Apotheker — ein sehr vermöglicher Herr, dem das große Eckhaus drüben am Markt gehört — dann der Herr Kreissyndicus, dessen Mutter sogar vom Adel gewesen, — der Auditeur ... „Schon gut! schon gut! Das sind ja höchst re>pectable, ehrenwerthe Herren, mit 'jenen zu speisen ein Vergnügen und ein Vorzug ist, - wollen Sie das den Herren bitte sagen! und uns an ihren Tisch plaeiren, — wir kommen sofort!" Herr Simmel stolperte über die Schwelle zuruck, wie betrunken vor Entzücken. Athemlos kam er in die Gaststube und richtete seinen Auftrag aus: „Der Herr Graf und die Frau Gräfin werden hier unten bei Ihnen speisen! Wie eine Bombe wirkten diese Worte. Der Assessor bekam zwei rothe Flecken auf die Wangen, und sprang empor. Noch zehn Minuten warten! ich muß Toilette machen, wenn wir Damenbesuch erhalten —" schrie er und stürzte wie ein Blutvergießen aus dem Zimmer. Ihm nach in wilder Eile die anderen Herren, welche nicht hinter dem tonangebenden Genossen zurückstehen wollten. Fräulein Clärchen deckte währenddessen den Tisch neu um, — lauter frische Wäsche, obwohl es unter Frau Marthes Seepter überall sauber aussah. — Sogar ein Strauß von frischem Tannengrüu und Ephen schmückte die Tafel. Endlich erschienen die Herren wieder auf der Bildfläche, pomadisirt, rasirt und sonntäglich gekleidet. Der Assessor trug die goldene Uhrkette mit den vielen Berl- ques und den Diamantring am kleinen Finger, der Apotheker hatte über die linke Hand einen Handschuh angezogen, weil er einen schlimmen Finger hatte und der Lappen darum ihm nicht fein genug deuchte. Man stand voll feierlicher Spannung und erwartete die hohen Gäste. Endlich rauschten die seidenen Röcke auf der steilen Holztreppe. Am Arm ihres Gatten betrat die Gräfin das Speisezimmer. Ohne Pelz und Hut sah sie noch schöner aus und dem Assessor wallte das Blut zum Herzen, wie von süßer Erinnerung an bessere Zeilen — an eleetrisches Licht, — Professorenbälle und den ganzen Zauber großstädtischer high hfe’s! Die stahlblaue, schwere Seide umspannte tadellos die schlanke und doch üppige Figur, die blonden Haare schimmerten matt über der weißen Stirn, und wenn auch das Gesicht bei näherer Betrachtung nicht sehr frisch und nicht regelmäßig oder anziehend in seinem Ausdruck war, so wirkte es doch geradezu verblüffend vornehm. Diese letzte An war auch dem Grafen in hohem Maße eigen. Er sah aus wie ein Diplomat. Im Grunde genommen schienen seine Züge und Augen kalt, berechnend, — seelenlos wie ein Stein, — aber wenn er mit seiner lei en, einschmeichelnden Stimme sprach, legte sich das farblose Gesicht in die liebenswürdigsten Falten, und es hatte geradezu etwas Berauschendes, wenn dieser sichtlich sehr verwöhnte, kluge Mann voll gewinnendster Höflichkeit die Meinungen seiner Tischgenossen anerkannte und jedem der Herren etwas Angenehmes zu sagen wußte. Sein Haar war leicht ergraut und schon etwas gelichtet, aber der Schnurrbart noch tiefschwarz und auf das Eleganteste gekräuselt, das machte ihn interessant. — Schmale, bleiche Hände mit langgebogenen Nägeln verriethen den Aristokraten. Die Gräfin war steifer und einsilbiger wie ihr Mann, aber sie ward lebhafter, als ihr Nachbar, der Assessor, alle alten Künste des Courmachens heraufbeschwor und die schöne Frau in allen Tonarten anschmachtete. Ein paar Mal stand ihm schier das Herz still, in süßer Wonne, als Frau Melanie in ihrer nachlässigen Weise ein ganz klein wenig mit ihm kokettirte und als sie schließlich einen Apfel schälte, ihn mit den diamantglitzernden Händchen graziös zertheilte und den Teller bei den Herren in die Runde schickte, wäre wohl ein Jeder für sie durch das Feuer gegangen. Namen und Wohnort hatte man noch nicht erfahren und wagte es auch selbstverständlich nicht, zu erforschen. Man erfuhr nur, daß der Graf nach einer Friseuse für die Gatten und einem Kammerjungferdienste leistenden Stubenmädchen gefragt hatte. — Umstände halber war es nicht möglich gewesen, die eigene Dienerschaft mitzunehmen. Daß die Herrschaften in der Residenz lebten und intim bei Hofe verkehrten, ging aus jedem Worte hervor. Auch große Reisen im In- und Auslande hatten sie gemacht, — und trotz all dieser gewiß namenlosen Verwöhnung waren sie die gewinnende Güte und Nachsicht! Der Graf richtete die huldvollsten Worte an Frau Marthe und lobte ihr Essen ganz außerordentlich, „es sei ein Genuß, solch meisterlich bereitete Speisen zu essen." Da hatte er die Stelle getroffen, wo die biedere Wirthin sterblich war. — Ganz geschwollen vor Stolz und Glück schritt sie einher, und all die Basen und Gevatterinnen, welche die Neugierde zu ihr in die Küche trieb, hörten eitel Begeisterung über die feinsten aller Gäste. Als sich die Tafel bereits ihrem Ende näherte, sah die Gräfin Plötzlich angestrengt aus dem Fenster, vor welchem sich, bequem zu übersehen, der holpriche, ziemlich große Marktplatz mit dem überdachten Brunnen in der Mitte, ausdehnte. Ihr Blick schärfte sich, — unbemerkt stieß sie ihren Gatten mit dem Fuße an und dieser folgte der Richtung ihres Auges. Da sah er etwas Ueberraschendes! Quer über das Pflaster stolperte eine ganz seltsame Männergestalt. Eine kleine gedrungene Figur stak in einem Schafpelz — die Haare nach innen — welcher den Eindruck eines Sackes machte und um die Taille nur einen scharfen Einschnitt aufwies, welchen ein — als Gürtel benutzter Strick gezogen. Klobige hohe Stiefel von Rindsleder machten die Füße zu wahren Monstrums und der sehr dicke Kopf mit breitem, bartlosem, starkgeröthetem Gesicht trug eine Pelzmütze, wie sie in der Kinderstube der Knecht Ruprecht vor Weihnachten als schreckenerregendes Requisite zur Schau trägt. Der seltsame Mann rannte mit vorgestrecktem Halse in stierem Eifer daher, — fuchelte mit den Händen in die Luft und schien laute Selbstgespräche zu halten. Seltsamerweise sahen ihm ein paar Straßenbuben nur grinsend nach, ohne johlend neben der auffallenden Erscheinung herzutraben. Dieselbe mußte wohl in Angerwies schon bekannt sein. — Graf und Gräfin wechselten blitzschnell einen Blick des Einverständnisses, ja der Gatte machte eine jählings zustimmende Kopfbewegung. Da nahm Frau Melanie ganz wie von ungefähr ihre langstielige Lorgnette von ciselirtem Gold zur Hand und blickte noch einmal hinaus, diesmal osficiell. Und dann stieß sie einen leisen, entsetzten Laut der Ueberraschung aus, welcher jedes Gespräch verstummen machte, wies nach der seltsamen Gestalt auf dem Marktplatze und rief mit sehr harter, lauter Stimme und ganz besonderem Ausdruck: „Mon. Dien, wie schrecklich, da läuft ja ein Verrückter!" Capitel 2. Fama, behende vom Schwung, wie sonst kein anderes Scheusal, Rührigkeit mehrt ihr Gedeihn, und kräftiger wird sie im Fortgehen; Anfangs klein und verzagt; bald hoch in die Lüfte sich hebend Tritt sie einher auf dem Boden und birgt in den Wolken die Scheitel! Virgil. Eine verlegene Stille entstand. Der Assessor räusperte sich mit vielsagendem Blick ringsum, der Apotheker neigte sein spitzes Kinn auf den Teller und kicherte leise auf, und als der Auditeur sogar laut in seine Serviette pruschtete, und der bedienende Simmel die breite, rothe Hand mit gespreitzten Fingern vor das Gesicht preßte, wie Einer, der halb erschrocken, halb belustigt seine Gefühle verbergen will, — da gab es kein Haltens mehr, ein lautes, wohlthuendes Gelächter erscholl. Die Gräfin machte ein sehr reizend naives Gesicht und wandte sich zutraulich zu ihrem entzückten Nachbar: „Stimmt es wirklich, Herr Assessor? Habe ich das Rechte getroffen?" Der Gefragte verneigte sich: „Gnädigste Gräfin — haben wenigstens die Ansicht von Angerwies und Umgegend ausgesprochen!" — lachte er noch immer. „Man kann ja Manches denken, was man aus Respect nicht in Worte kleiden darf." „Aus Respect?" — Der Graf nahm noch einmal die Weinkarte zur Hand und winkte dem Wirth: — „ich bitte Sie um Alles, bester Herr Assessor, wer ist jenes Monstrum im Schafpelz, daß es Respect von Menschen verlangen kann, in deren Augen es sich selber so lächerlich herabsetzt?" Abermals jubelndes Gelächter, dann kicherte der Apotheker: „Vor dem Schafpelz hat man allerdings keine Devotion — wohl aber vor dem Namen, welchen er um hüllt! Der seltsame Herr da draußen war der Reichsgraf Willibald von Niedeck, der Besitzer eines der reichsten und herrlichsten Majorate, welche das deutsche Vaterland kennt!" Ein leiser Aufschrei der Ueberraschung tönte von den Lippen der fremden Gräfin, sie preßte das spitzenbesetzte, duftende, weißseidene Taschentuch gegen die Lippen, als fürchte sie eine Ohnmacht. „Schauderhaft! Shocking!!" stöhnte sie auf. „Sie scherzen, lieber Assessor! — Wenn dieser Mensch der reichste, vornehmste Majoratsherr ist — dann gehört er entweder in seine eigene Rumpelkammer oder — in das Irrenhaus!!" Der Assessor zuckte mit vielsagendem Blick die Achseln, der Graf aber schien ganz in die Weinkarte versunken. Mit gewinnendstem Lächeln sah er jetzt auf. „Ich finde, meine sehr verehrten Herrschaften, daß wir hier äußerst gemüthlich zusammen sitzen und gar nichts Besseres thun lönnen, als diese charmante Tischstunde noch ein wenig auszudehnen! Das Regenwetter fesselt uns heute so wie so an das Zimmer, darum bitte ich die Herren, mir als liebe Gäste noch ein Weilchen Gesellschaft zu leisten. Mein bester Meister Simmel, ich lese, daß Sie auch Sect in dem Keller haben! Lassen Sie, bitte, eine Flasche sogleich herauf bringen, und vier andere auf Eis legen, — ich freue mich, die Repräsentanten der Angerwieser ersten Gesellschaft dazu einzuladen!" Welch eine Wirkung hatten diese Worte! Vater Simmel stand einen Augenblick, als traue er seinen Ohren nicht, — dann verklärte ein geradezu traumhaftes Lächeln sein Antlitz, und beide Hände ineinander schlagend, wie Einer, der sein Glück nicht fassen kann, wankte er zur Thür. Die zwölf Flaschen echt französischen Sectes, welche im Keller lagerten, beuchten ihm längst die Nägel zu seinem Sarge. Er hatte sie anläßlich der Hochzeit des reichen Brennereibesitzecs kommen lassen, aber vierzehn Tage vor der Hochzeit starb der Bräutigam, und nun gab es in Angerwies keine Gelegenheit sür französischen Champagner, der deutsche billige Schaumwein war sein Todesurtheil. In seiner Verzweiflung hatte Simmel dem Grafen Willibald Niedeck den kleinen Posten angeboten, war aber zu seinem tiefen Groll abschlägig beschieden worden! Und nun, als er das theuere Schmerzenskind Cliquot schon längst zu Grabe gelegt hatte im Keller, — kam dieser herrliche, unvergleichliche, fremde Märchengraf und sprach sein Zauberwort, welches den Sesam öffnete! — Das war eine That, welche ihn ewig zu des Fremden Schuldner machte! Und nun gar die Gesichter der umsitzenden Herren, welche heute, am simplen, werktägigen Mittwoch, für ganz umsonst echt französischen Champagner trinken sollten. Hohe Gluth stieg in Aller Wangen, — linkische Verbeugungen, unverständlich gemurmelte Worte des Dankes antworteten auf die entzückende Einladung. Der Apotheker trat in seiner Herzensfreude seinem Nachbar beinahe die Zehen unter dem Tische ab, und der Auditeur kniff und schuppte seinerseits unbemerkt, aber energisch den Postassistenten, daß diesem siedeheiß ward. 463 — Nach der ersten beglückt verlegenen Stille ergriff die unbändig geschmeichelten Herren eine wahre Quartaner- ftöhlichkeit- der Graf ließ zu allem Ueberfluß noch sein Cigarrenetui die Runde machen, aus welchem die echten Havannas einen Duft ausströmten, daß der Apotheker mit feucht Verschwimmenden Augen flüsterte: „Kinder, das sind solche „Festrüben", von denen damals unsere Deputation zum Fürsten erzählte!" Der Graf wandte sich an seine Gemahlin: „Ist es Dir unangenehm, wenn wir rauchen, liebe Melanie? Befiehltst Du, daß ich Dich in Dein Zimmer zurückführe?" Der Assessor fuhr erschreckt zusammen, sein Blick traf wie ersterbend in Schmerz die schöne Nachbarin, und die Gräfin war keine Turandot. Mit reizender, beglückender Anmuth lächelte sie ihm zu und schüttelte dann den Kopf: „Nein, Rüdiger, wenn es nicht genirt, möchte ich Euch Gesellschaft leisten. Drüben langweile ich mich allein, während hier in charmanter Weise für meine Unterhaltung gesorgt wird!" Dabei zuckte wieder ein Blick wie ein zündender Funken zu dem Assessor hinüber, weichem bei so viel Huld ganz schwindelig ward. Und dann kam der Sect und perlte in den Gläsern, und der Graf setzte aller Leutseligkeit die Krone auf und ließ noch ein Glas mitbringen, um es für den „wackeren Hausherrn" süllen zu lassen! Das war zu viel für Vater Simmel! Helle Thränen traten ihm in die Augen. Der Graf aber nahm den abgerissenen Faden der Unterhaltung wieder auf. „Wenn ich vorhin recht verstand, meine Herren, war der verrückte Mensch in der Bärenmütze der Graf Willibald Niedeck! Es iuteressirt mich auf das Lebhafteste, von diesem närrischen Kautz das Nähere zu hören! In der Residenz erzählt man sich ja schier unglaubliche Dinge von ihm, aber es scheint doch Manches unwahr und übertrieben zu sein, denn man erzählte zum Beispiel noch jüngst bei Hofe, der Graf habe die Weltordnung auf den Kopf gestellt, er schlafe am Tage und wache in der Nacht. Nun sehen wir ihn aber doch soeben in heller Mittagsstunde spazieren gehen?" — Der Apotheker hielt sein Spitzglas mit der unbehandschuhten Rechten krampfhaft umklammert. Der Wein prickelte ihm noch in der Nase. „3a, ja — der Herr Graf haben aber trotzdem recht," rief er erregt, „nur mit dem Bemerken, daß der Niedecker seine Passionen wie die Hemden wechselt! Noch vor vier Wochen lebte er ausschließlich in der Nacht. Um zwölf Uhr wurde ihm das Diner servirt, dann ging oder rannte er vielmehr wie ein Bürstenbinder querfeldein durch den Park. Als er bei einer solchen Promenade aber in der Dunkelheit stürzte und sich den Fuß verstauchte, har er das Nachtleben wieder aufgegeben!" , „Unerhört! er muß in ein Tollhaus!!" alterirte sich die Gräfin. „Und nun huldigt er wieder anderen Marotten?" forschte ihr Gemahl kopsschüttelnd. „Es wird alle Tage schlimmer mit ihm!" nickte der Postassistent mit fehdelustigem Blick. „Ich fuhr jüngst einmal nach Niedeck hinaus, um ein größeres Capital sicher hinzubringen, aber ich gestehe ehrlich ein, daß ich so viel Blödsinn nicht erwartet hätte!" „Unsinn — er ist überhaupt gar kein richtiger Graf! er heißt man bloß so!" grollte Vater Simmel verächtlich dazwischen. „Ah, interesstrt mich lebhaft! Was sagen Sre zum Beispiel, mein verehrter junger Freund?" Der Graf lächelte ihm zu und der Assistent erglühte vor Stolz. „Nun, hochverehrter Herr —" antwortete er hitzig und sichtlich froh, zu Worte zu kommen und die seinen Herrschaften interessant unterhalten zu können. „Wie ich zum Beispiel ankam, nahm ich an, daß man mich in das wundervolle Schloß zum Grafen führen würde. Ich sah alle Fenster erleuchtet und war überzeugt, eine größere Gesellschaft zu treffen, obwohl ja die Dienerschaft erzählt, daß der steinreiche Mann niemals eine Menschenseele zu sich einläd — —" , „I wo, er kauft ja nicht für fünf Pfennige m Anger- wies," brummte Simmel abermals dazwischen- „ja zu Lebzeiten der alten Herrschaften, da soll ein echt gräfliches Leben auf Niedeck gewesen sein! da wurden alle Geschäfte in Der Stadt reich, — aber bei dem Jetzigen da werden wir alle- sammt bankerott!" „Das ist ja sündhaft! Der Mann hat doch Verpflichtungen gegen die Kaufleute!" ereiferte sich die Gräfin, der Assistent aber fuhr nach neuem Schlucke fort: „Ich suche also den Herrn Grafen in Gedanken in seinem schönen Schloß, und wo finde ich ihn?" „Nun?" „In der Kutscherwohnung des Hosgebäudes!" „Undenkbar!" „Aber wahr, Herr Graf! Jetzt weiß es ja auch schon die ganze Stadt! Ja, da hat der Niedecker die unglaubliche Hirnverbranntheit, sich in dem niedrigsten, ärmlichsten kleinen Loche einzuquartieren, wo er doch den schönsten Prachtbau des ganzen Landes sein eigen nennt! Der Kutscher mit seiner Familie wohnt nun in den schönsten Parterresälen und der Herr Graf haust in zwei winzig kleinen Käfigen in dem Hofgebäude! Jeden Abend muß das ganze Schloß von oben bis unten glänzend erleuchtet werden, aber die Zimmer stehen öde und teer, der Majoratsherr selber setzt keinen Fuß hinein." <■. jr, < • „Nun — hat er denn einen vernünftigen, stichhaltigen Grund dafür?" „Das man nicht wüßte!" Der Graf schüttelte den Kopf. „Er ist geisteskrank, so beträgt sich kein vernünftiger Mensch!" „Ja, man sollte es wirklich annehmen, daß eine Schraube bei ihm lose ist!" lachte der Assessor mit glühender Stirn- die Gräfin hatte ihr goldenes Cigarrenetui aus dem Kleide gezogen und mit graziösen Fingerchen zwei ©garretten gedreht, eine für den Assessor, eine für sich- nun saß sie und blies die blauen Rauchwölkchen durch die feinen blaßfarbenen Lippen, — so ganz der Typus der eleganten Frau, für welche Bärning stets eine Leidenschaft gehabt. „Zum Beispiel grenzt es doch auch schon an Verrücktheit, daß er einen Marstall edelster Pferde für seine Dienerschaft hält!" „Für seine Dienerschaft?" „Gewiß, nur für Kutscher und Bediente - die elegante Equipage fährt täglich spazieren, ohne daß der Herr Graf jemals in derselben Platz genommen hätte. Bei Wind und Wetter trabt er zu Fuß hinter dem Wagen her, bei Hitze und Sonnengluth keucht er schweißtriefend die weitesten Wege auf Schusters Rappen, dieweil sein Marstall kaum noch die Zahl der edelsten Rosse fassen kann!" „Das ist ja einfach hirnverbrannt!" schüttelte der Graf entrüstet den Kopf. „Wenn er dann die Reitpferde wenigstens Ihnen, meine Herren, zur Verfügung stellte und die Schönen von Angerwies in dem Wagen spaziren fahren ließ!" Schallendes, ingrimmiges Gelächter. „Dieser Filz! Dieser Geizhals! Er kennt uns ja kaum, er verkehrt ja mit keinem Menschen in der Stadt!" „Und doch wäre dies seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit!" rief die Gräfin eifrig. — „Er sollte alle paar Tage ein schönes, großes Fest auf Schloß Niedeck geben und die Gesesellfchaft von Angerwies tazu einzuladen! Mon Dien — Rüdiger — wenn wir an Stelle des verrückten Menschen wären, wie wollten wir anders für das Wohl von Land und Leuten sorgen! Bester Herr Assessor, Sie würden allerdings schlecht dabei wegkommen" — fügte sie mit leisem Lachen und bezauberndem Blick hinzu, „Sie müßten Tag aus Tag ein mein Cavalier sein und mich zu Wagen und Roß begleiten!" (Fortsetzung folgt.) 464 - Genr-innütziger. Um das Odst recht lange und gut anfzndewahren, empfiehlt ein Abonnent des „Practischen Wegweisers", Würzburg, auf Grund seiner eigenen Versuche, dasselbe in Kisten mit Torfmull zu verpacken. Auf den Boden der Kiste kommt eine 5 Centim. hohe Schicht Torfmull, dann legt man die Früchte, wie sie vom Baume kommen, nebeneinander, doch so, daß sie sich nicht berühren und von den Kistenwänden 5 Centim. entfernt bleiben. Ueber jede Lage Obst wird so viel Mull gestreut, daß die Lücken zwischen demselben gefüllt und es von oben gut gedeckt ist. So fährt man fort, bis die Kiste gefüllt ist. Obenauf bringt man wieder eine 5 Centim. hohe Torfmullschicht. Auf diese Weise erhält man eine frostsichere Ucberwinteruug und es bleibt sich gleich, ob die Kiste auf dem Dachboden oder sonst in einem nicht frost- sreien Raum stehen muß. Selbst angestoßenes Obst fault langsamer und man thut gut, das tadellose mehr unten in d'e Kiste zu packen, das angestoßene aber nach oben, damit cs eher verbraucht wird. * * * Aepfel-Airflauf. Acht Stück Borsdorfer Aepfel schält und reibt man, treibt sie mit 120 Gramm Zucker, 8 Dottern, dem Saft und der abgeriebcnen Schale einer Citrone flaumig ab, mischt den Schnee von fünf Eiweiß leicht darunter und bäckt es in einer mit Butter ausgestrichenen, ausgestaubten Form. * * * Zur Herbstbepflanzung der Blumenbeete eignen sich, wie der „Praetische Wegweiser", Würzburg, schreibt, die verschiedenen Sorten Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen, Silenen und Bellis. Im Herbst ist bekanntlich mehr Zeit zum Bepflanzen vorhanden, die Pflanzen entwickeln sich schöner und blühen zeitiger und die Beete bieten einen ordentlichen Anblick. Im Winter schützt man die Pflanzung durch Bedecken mit Tannenreisig vor dem Ausfrieren. * * * Zur Düngung des Spargels im Herbste eignet sich, wie der „Praetische Wegweiser", Würzburg, schreibt, vorzüglich Abtrittsdünger. Wo dieser nicht in geeigneter Weise beschafft werden kann, wende man das stickstoffreiche Blutmehl an, welches sehr günstig auf den Ertrag des nächsten Jahres wirkt. * * ♦ Um eiserne Oefen zu putzen, entfernt man mit einer Borsten- oder Drahtbürste Staub und Schmutz von denselben und trägt in Essig aufgelösten, feingestoßenen Graphit mit einer kleinen Schmierbürste auf. Darnach wird m t einer anderen Bürste blank geputzt. Auch eiserne Ofen- thüren werden, so behandelt, schön blank. * * * Esfigkürbis. Der Kürbis wird geschält, geschnitten und nachdem man alles Weichliche entfernt hat, auf 24 Stunden in Küchenessig gelegt. Anderen Tag's kocht man Weinessig mit Zucker (1 Liter Essig, 500 Gramm Zucker), gießt ihn kochend über den Kürbis und läßt ihn zwei Tage so stehen. Darauf gießt man den Essig ab, läßt ihn kochen, schäumt ihn ab, schüttet den Kürbis hinein und läßt ihn gläsern kochen. Er wird nun in Töpfe gethan, Zimmt und Nelken darauf und andern Tages zugebunden. » * * Birneu-Compot (warm). Gute Birnen schält man, bestreut sie mit Mehl und bäckt sie goldbraun aus Rindsschmalz. Man kocht sie nun in Wein mit Zucker und Zimmt weich. Wenn sie angerichtet werden, läßt man den Saft allein noch etwas einkochen und gießt ihn darüber. Blut vei Schnittwunden wird schnell gestillt, wenn man, wie der „Praetische Wegweiser", Würzburg, schreibt, Watte in heißes Wasser taucht und schnell tuf die Wunde legt. VeriiEehtes. Die Radlerin. Aus der Schweiz sendet dem „B. G.-A." eine academische Freundin folgendes niedliche Gcdicht- chen über ihren neuesten Sport: Die Radlerin. Anfangs hab' ich's auch getadelt. Und ich schwur, ich führe nie — Und nun hab' ich doch geradelt, Aber fragt mich nur nicht — wie? Als ich neulich pfeilgeschwinde Steil herab gefahren bin, Flog mein Zweirad gleich dem Winde, Aber fragt mich nicht — wohin? Ach, da gab es großen Schrecken Und mein Körper schmerzt mich so Von den vielen blauen Flecken, Aber fragt mich nur nicht — wo? Und mein Rad, das arg ruinirte, Trug die Eisenbahn an's Ziel, Und der Radarzt liquidirte, Aber fragt mich nicht — wie viel? Daß ich ausglitt, wenn's geregnet, Leute anfuhr unverhofft, Ist mir gleichfalls schon begegnet, Aber fragt mich nicht — wie oft? Angstvoll les' ich in den Sternen, " Ob ich jemals fahren kann — Ja, gewiß! Ich werd' es lernen, Aber fragt mich nur nicht — wann? Schlechtes Zeugniß. Professor (eine Schwabe in der Suppe bemerkend: „Sie, was ist denn das für ein Thier, was in der Suppe herumschwimmt?"—Dienstmädchen: „Und der ist nun Professor der Zoologie?" * * • Verplappert. Frau (die verreist war): „Dafür, daß Sie mich während meiner Abwesenheit so gut vertreten haben, können Sie sich eins von meinen seidenen Kleidern auswählen- welches wollen Sie?" — Dienstmädchen: „Na, dann schenken Sie mir das gelbe ... in dem blauen bin ich schon zu bekannt!" * * * Bettlerfrechheit. „Gnäd'ge, schenken's mir was!" — Ja, können Sie denn nicht arbeiten?" — „Na, bis man von so schmutzigen Leuten was herauskriegt, das ist schon Arbeit genug!" * * * Immer im Geschäft. Edith: „Mosesleben, heut' wird gegeben im Theater der „Kaufmann von Venedig!" — Der schwerhörige Moses: „Wie heißt de Firma?" Literarisches Die „Wiener SWo&e" veranstaltet bekanntlich eine große internationale Preis-Concurrenz für alle Arten weiblicher Kunstfertigkeit; unter den Mitgliedern der Jury für die Abthcilung A (Handarbeiten) finden wir auch Frau Tina Freiberger, Vorsteherin der Düsseldorfer Kunststickereischule, was für die zahlreichen kunstbefliffenen Damen aus unserer Gegend von besonderem Interesse sein dürfte. Heft 1 des elften Jahrganges der „Wiener Mode", welches das Programm dieser Preis- Concurrenz und die Liste der Jury-Mitglieder enthält, ist in jeder Buchhandlung erhältlich und wird auch aus Verlangen vom Verlage der „Wiener Mode", Wien, Wienstrahe, zugesendet. Nedaction: 8L Scheyda. ■ Druck und Verlag der Brsthl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Gieße«.