EM li M 18971 - Re 103. ke 4 8et>te«ier ß eitlere still zufrieden Den sonnig heitern Tag: Du weißt nicht, ob hienieden Ein gleicher kommen mag. Es gießt so trübe Zeiten, Da wird das Herz uns schwer, Da wogt von allen Seiten Um uns ein Nebelmeer. Da wüchse tief im Innern Die Finsterniß mit Macht, Ging nicht ein süß' Erinnern Als Mondlicht durch die Nacht. I. Sturm. Die schönsten Augen. Novelle von Carl Teschner. (Fortsetzung.) Je tiefer noch in Jeypur der wilde asiatische Fanatismus wurzelte, desto ernster nahm es der Rajah mit der mildernden Cultur, ohne daß er sich jedoch selbst loslösen konnte von dem stolzen Sinne des Selbstherrschers, der nur der Gottheit Macht neben sich einräumt. Er prangte in einem unschätzbaren Reichthum von edlen Steinen. Er brachte einen Troß von Trabanten und Hosbeamten mit sich nach England, der auch bei der Menge des Volkes Aufsehen machte. Ein bis an die Zähne bewaffneter athletischer Leibtrabant begleitete ihn auf Tritt Schritt und bewachte ihn wie ein treuer Hund. Der Rajah war von schlanker, zarter Gestalt. Das Gesicht, broneegelb, mit schwarzen Augen, langen Wimpern und gewölbten Brauen, schön geformter Nase und schmalen Lippen war von schwachem Bart umrahmt. Er hatte tiefschwarzes, feines, seideglänzendes Haar, kleine Hände und Füße, und alle seine Bewegungen waren geschmeidig und vornehm. Die englische Sprache verstand er besser als er sie sprach. Wie er in den Kreisen des Hofes und der hohen Aristokratie Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit war, so widmete ihm auch Lady Agnes das höchste Interesse, sehr schnell aber zeigte sich, daß deren Gesellschafterin ihn mehr anzog, als die Gesellschaft. Mit der ganzen Impulsivität eines orientalischen Potentaten schien er nur für sie Sinn zu haben. Ihre Augen fesselten seine Blicke, er folgte aufmerksam allen ihren eleganten Bewegungen. Als sie sich zum Clavier setzte, ein Noeturno von Chopin sowie eine Beethoven'sche Sonate spielte, stand er dem Instrument gegenüber und beobachtete ihre Hände, und als sie dann, von einem Herrn, der sie schon gehört hatte, aufgefordert, erst ein paar englische Lieder und dann ein Lied von Schubert sang, lauschte er ihrer volltönigen Stimme mit leuchtendem Gesicht. Man hatte in anderen Gesellschaften, zu denen er eingeladen gewesen war, wiederholt einen gelangweilten Ausdruck an ihm wahrgenommen, der diesmal nicht zu bemerken war. Einige Damen der vornehmen Welt, denen dies nicht entging, fanden es unter sich „shocking“, daß eine gewöhnliche Gesellschafterin, die nach ihrer Anschauung gar nicht in den Salon gehörte, den Nab ob magnetisch anzuziehen vermochte und sie alle in den Schatten stellte. Dagegen war Lady Agnes von den gewinnenden Eigenschaften Bellas höchlich erbaut, und als der Rajah zum zweiten Male in ihr Haus kam, da war ihr dies ein seltener Triumph, denn noch niemals hatte Gora, so lange er in London verweilte, ein Haus zweimal besucht. Diesmal war bei Lady Agnes nur kleine Gesellschaft, und der Rajah konnte sich Bella leichter nähern. „Singen Sie mir das Lied von neulich, Lady," bat er mit weicher Stimme. „Sie meinen das von Ginevra?" fragte sie. „O nein," wehrte er ab. „Ich kann und mag nichts hören von Untreue! Ich meine das deutsche Lied. Es ist wahr, ich verstehe nicht Deutsch, aber ich verstehe den Sinn des Liedes." „Sie könnten doch Deutsch erlernen," sagte Bella ablenkend, „es ist nicht allzu schwer." „Wenn Sie mein Lehrer sein wollten. Wollen Sie?" versetzte er wie bittend. Bella ließ ein silberhelles Lachen hören. „Wie könnte das geschehen? Wollen Sie hier Unterrichtsstunden haben?" „Später dann in Indien," erwiderte er. „Würden Sie mit dorthin kommen?" „O nein!" antwortete sie lachend. „Selbst nicht, wenn es das Paradies wäre!" „Und ein Paradies ist es!" versicherte er, und indem er die Hand auf die Brust legte, setzte er hinzu: „Sie aber würden der schönste Schmuck desselben sein, denn Sie sind die verkörperte Lieblichkeit." Sie unterbrach ihn mit leichter Zurückweisung im Tone : „Wie ist es möglich, daß ein so viel Umschmeichelter 410 selbst ein Schmeichler ist? Nun will ich singen!" und nach einer kühlen Verbeugung gegen ihn begab sie sich zum Clavier. Sie müßte kein Weib gewesen sein, wenn die Auszeichnung durch einen mächtigen Fürsten, den der Hof feierte, sie ohne Eindruck hätte lassen sollen,- gleichzeitig aber stachelte die Annahme, daß der Nabob sie zum Gegenstände einer spielerischen Schmeichelei machen wolle, ihren Stolz auf. Es befriedigte sie und genügte ihr, daß man sie als ein Glied der guten Gesellschaft behandelte. In diesem Bewußtsein kehrten ihre Gedanken lebhaft wieder zu Arno Fendler zurück, und nur mit Mühe unterdrückte sie in ihrer Seele den innigen Wunsch, daß er eines Tages kommen und seine Werbung um sie erneuern möge. Am folgenden Tage überbrachte ihr der greise Geheimschreiber des Rajah mit demüthiger Höflichkeit auf Befehl seines hohen Gebieters, mit einer achtungsvollen Begrüßung, ein kostbares Perlenhalsband mit großen vielseitig geschliffenen Diamanten. Bella betrachtete einen Moment bewundernd die prachtvolle Gabe, dann reichte sie dieselbe zurück. „Ich kann das nicht annehmen," erklärte sie mit ruhigem Ernst. „Es ist sehr gnädig von Ihrem hohen Gebieter, aber eine solche Aufmerksamkeit ist zu kostbar, als daß man sie ohne Bedeutung machte." „Mein Fürst ist ja so reich," erwiderte der Beamte- „er kann tausende solcher Geschenke machen, als wären es einfache Rosenknospen." „Dann gießt er sie wohl den Hunderten seiner Frauen, die, so viel ich gelesen habe, den Hausstand orientalischer Fürsten bilden," versetzte Bella, nicht ganz frei von Neugier. „Mein Gebieter hat kein; einzige Frau, sein Senana ist leer!" versicherte der Geheimschreiber. Bella blieb indessen beharrlich bei ihrer Ablehnung, und mit betrübtem Gesicht, betheuernd, daß er sich gewiß die Ungnade des Rajah zuziehe, entfernte sich der Ueber- bringer. Bald darauf trat Lady Agnes freudestrahlend zu ihrer Gesellschafterin. „Sehen Sie, Liebe, welch prachtvolles Präsent mir der Rajah gesandt hat!" rief sie aus und zeigte einen demjenigen ganz gleichen Schmuck, den Bella zurückgewiesen hatte. „Ich sollte vorhin einen eben solchen Schmuck erhalten," sagte Bella, „doch mußte ich ihn dankend ablehnen." Einen Augenblick war Lady Agnes über die Mittheilung frappirt, dann gewann sie ihre Unbefangenheit wieder. „Daß der Nabob gleich zwei solcher Geschenke machte, beweist, wie reich er ist!" sagte sie. „Und Sie sind so thöricht gewesen, es zurückzuweisen?" Bella zuckte die Achseln. „Ich kenne die Absichten dieses Krösus nicht." „Ich aber kenne sie!" versetzte Lady Agnes eifrig. „Wissen Sie, daß der Rajah bis zum Wahnsinn in Sie verliebt ist? Das hat er mir sub rosa gesagt! Er wäre im Stande, sein Reich mit Ihnen zu theilen. Ich an Ihrer Stelle ging muthig mit ihm nach Indien. Er ist ja ganz civilisirt." „Nie, nie werde ich nach Indien gehen!" entgegnete Bella entschieden. „Und ich bedarf einer solchen Bewerbung nicht." „Ah, ich verstehe!" versetzte die Lady lächelnd. „Ihr Herz ist bereits engagirt! Aber warum kommt der Mann, dem Sie sich ergeben, nicht und macht Sie frei aus dienender Stellung? Denn eine dienende Stellung ist es doch! Ist er arm?" „Bitte, Mylady, dringen Sie nicht in mich!" bat das junge Mädchen abwehrend. „Gewiß nicht, Liebe! Ich achte Geheimnisse des weib, lichen Herzens- doch will ich nur wünschen, daß Ihr teutonischer Stolz nicht getäuscht wird! Männer täuschen oft genug. Ueberlasfen Sie sich nicht zu sehr den Illusionen der Jugend, sonst ist die Ernüchterung allzu schmerzlich." Damit ruhte das angeschlagene Thema. Durch den Hinweis auf Bellas dienende Stellung und schwache Aussichten war diese herb gestimmt worden. Ihr Selbstgefühl war tief verletzt, und der ganze Trotz ihres Wesens wurde lebendig. Der Rajah machte wiederholt Besuche im Hause der Lady Agnes, aber geflissentlich vermied es Bella, in ein Zwiegespräch mit ihm zu kommen. Der Mensch denkt, die Vorsehung lenkt, oft genug zu ungeahnten Verhängnissen. Oberst Colt trat eines Tages in das Boudoir seiner Gemahlin und theilte ihr mit, sein ganzes Vermögen sei durch ihr verschwenderisches Gebühren aufgezehrt, er stehe am Rande des finanziellen Abgrundes und habe sich zum Dienste in Indien gemeldet. Schon in allernächster Zeit werde er sich in Sherneß mit einem nach Indien gehenden Regiment einschiffen. Er stellte Lady Agnes frei, mit ihm zu gehen oder in England zu bleiben. Es gab eine heftige Scene, die Lady aber sah, daß ihre glänzende Rolle ausgespielt war. „Eine nette Wahl, die dem Zwange gleichsieht!" ries sie verzweifelt. „Was soll ich in England ohne Reichthum? Mich demüthig verstecken? Also was bleibt mir übrig, als den Trümmern meines Glückes den Rücken zu kehren und mit Dir als arme Soldatenfrau nach dem verhaßten indischen Bratroste zu gehen?" Eine Stunde später machte sie ihrer bestürzten Gesellschafterin die Mittheilung, daß sie ihren Hausstand auflöse und der Dienste Bellas nicht länger bedürfe. Ihr Gemahl sei nach Indien commandirt, wohin sie ihn begleite. Ein Blitz aus heiterem Himmel, der Bella mit heftigem Schlage traf! Nun wurde sie abermals auf den ungewissen Kampf um's Dasein angewiesen! O, wenn jetzt der geliebte Mann gekommen wäre, um sie von der Pein der Lebensnoth zu erlösen! Aber er wanderte ja höchst wahrscheinlich noch in den unwirthlichen Zonen des schwarzen Erdtheils und sie selbst hatte ja den Pfeil der Entsagung in seine Brust gedrückt ! Während sie noch über neue Schritte zur Aufsuchung einer Stelle nachsann, ließ sich ihre frühere Wirthin Mrs. Smith bei ihr melden und überbrachte ihr einen Brief mit dem Poststempel Hainburg. Bella erkannte an der Aufschrift die etwas ungelenkige Hand ihres ehemaligen Kammermädchens Sally. Nachdem sie die Ueberbringerin belohnt hatte, zog sie sich in eine stille Nische ihres Zimmers zurück, um Sallys Schreiben zu lesen. Sally hatte Bella viel geschrieben und wunderte sich über den glatten, unterhaltenden Stil. Ein anstelliges Mädchen war diese immer gewesen, aber eine solche Gewandtheit im Schreiben hätte sie ihr nicht zugetraut. Daß das Mädchen, infolge eines kleinen Kunststückes der Cabinets- räthin Müller, geborenen von Hertzberg, in deren Dienst getreten war, stand nicht in dem Briefe- ebensowenig, daß ihre neue Gebieterin ihr den ganzen Brief dictirt hatte. Für eine Verrätherin hielt Sally sich im Grunde nicht, aber sie wußte doch, daß ihre Gebieterin eine Feindin von Bella Kranzler gewesen war und deshalb scheute sie sich, über ihre neue Dienststellung Mittheilung zu machen. Daß die listige Dame sie als Werkzeug einer boshaften Jntrigue benutzte, dafür hatte sie keine Verständniß. „Ich hindere Dich durchaus nicht, Deiner früheren Herrin Anhänglichkeit zu bewahren," hatte sie scheinbar gütig zu Sally gefaßt; „sie ist jetzt im Unglück, da muß man Mitleid mit ihr haben. Schreibe ihr also immerhin! Aber Du bist am Ende nicht sehr geschickt mit der Feder- komme, ich werde Dir helfen und den Brief biedren!" Plötzlich, mitten im Lesen von allerlei Klatsch, erblaßte Bella und ihre Hand begann zu zittern. Da stand, anscheinend ganz harmlos: „Viel Neues, was Sie interessiren könnte, ist bei uns nicht passirt, daß Herr Arno Fendler, sammt Ihrem Herrn Bruder, von seiner Afrikareise heimgekehrt ist und sich verlobt hat, werden Sie wohl schon erfahren haben. Seine Brant, Röschen Pfeil, das Moosröschen, wie sie hier wegen ihrem vielen (Selbe genannt wird, kennen Sie ja auch. Die Verlobung ist ja auf Herrn Feudlers — 411 — Wunsch nur ganz in der Familie gefeiert worden, aber die Hochzeit soll großartig werden, wie bei einer Prinzessin ..." Bella ließ die Hand mit dem Briese auf den Schooß fallen und starrte finster vor sich hin. Ihr Hoffnungstraum war zu Ende! Der Mann, den sie wahrhaft geliebt und für ein Ideal von Characterfestigkeit gehalten hatte, erwies sich als ein ganz gewöhnlicher Mensch, der den Einflüssen seiner Verwandten hatte nicht widerstehen können. Sie hatte sich in ihm getäuscht, indem sie einen Thongötzen für einen Halbgott hielt! Das war der ärgste Stoß, der sie tödtlich verwundete. Ihre reine, stolze Jugendliebe war vernichtet. „Ich hätte ja sein Weib werden können," sagte sie sich, „dann würde ich mein Leben lang an der Enttäuschung zu tragen gehabt haben. Mein thörichter Stolz, wie es die Kleinstädter nannten, hat mich vor diesem Loose bewahrt. Es ist gut so! Ich kann mich glücklich schätzen! Ein bitteres Glück! Aber ich will nicht trauern, will nicht — will nicht!" Sie stampfte trotzig mit dem Fuße und war ärgerlich über die Thränen, die ihre Augen füllten. Vorbei! — hätte sie ihren Vater nicht gehabt, so würde kein Band sie mehr an die alte Heimath gefesselt haben, aber diese war ihr verhaßt geworden und nie mehr konnte und mochte sie dahinzurückkehren. Was war sie nun? In der Fremde ein armes, trostloses Weib mit leerer Seele! Nachdem sie mit äußerster Kraftanstrengung ihre Fassung wiedergewonnen hatte, badete sie ihre Augen, um die Thränen- spuren zu verscheuchen, dann begab sie sich zu Lady Agnes. „Mylady," sagte sie, wobei ihre Stimme leise bebte, „erfüllen Sie mir eine herzliche Bitte! Lassen Sie mich mit nach Indien gehen!" Lady Agnes blickte sie erstaunt und forschend an. „Wie! Noch vor Kurzem erklärten Sie mir, daß Sie unter keinen Umständen Europa verlassen würden . . . ." „Gleichviel, wohin — ich möchte fort, weit fort!" „Aber ich kann keine Gesellschafterin mehr brauchen, nicht mehr bezahlen! Ich bin arm geworden!" sagte die Lady ablehnend. „Ich will Ihnen umsonst dienen!" betheuerte Bella. „Eine treue Dienerin müssen Sie doch haben, und ich werde Ihnen eine treue Dienerin sein!" „Wollen Sie mir nicht den Grund dieser plötzlichen Umwandlung mittheilen?" fragte Lady Agnes neugierig. „Haben Sie eine unglückliche Nachricht erhalten? Ist Ihnen Ihr Geliebter untreu geworden?" Diese Andeutung war dem stolzen Mädchen peinlich. „Ich — ich habe keinen Menschen, der solchen Namen verdiente, Mylady. Mich bindet nichts. Meinem Vater und Bruder werde ich überall ein treues Gedenken bewahren." In den Augen der Lady Agnes funkelte ein unheimliches Licht. „Nun gut," erklärte sie, „auf die Gefahr hin, daß ich Ihnen nichts bieten kann als den Tisch, den Sie mit mir theilen und das Obdach, das einer vermögenslosen Soldatenfrau beschieden ist, können Sie mich begleiten." Bella dankte für so viel Güte und zog sich zurück, um ihre Reisevorbereitungen zu treffen. Sie meldete in wenigen Zeilen ihrem Vater, daß sie mit der Familie, in welcher sie Gesellschafterin sei, nach Ostindien zu gehen habe, und ver sprach von dort weitere Nachricht zu geben. Inzwischen hatte der Rajah Gora durch einen in JeyPur zurückgelassenen Vertrauten berunruhigende Berichte erhalten. Die fanatischen Brahminen, welche er im Zaume hielt, hatten seine Abwesenheit benutzt, mit Hilfe ihrer eingefleischten Anhänger die barbarischen Feste der „Göttin der Zerstörung" wieder aufleben zu lassen. Sein eigener Bruder, der ihn in der Regierung des Landes vertrat, gehörte zu den altgläubigen Parteien. Alles, was der Rajah schon gethan hatte, um Reformen durchzuführen, war bedroht. Zur Sicherung seiner eigenen Herrschaft hielt er es für geboten, ohne Zögern heimzureisen. Unter Denen, welche er mit Abschiedsbesuchen bedachte, war auch Lady Agnes; doch hatte er dabei wohl mehr die schöne Bella im Sinne. „Unsere Lebenspläne haben sich geändert," sagte ihm die Lady, „auch ich gehe nach Indien, da mein Gemahl dort ein Commando zu führen hat." Das Gesicht des Rajah hellte sich auf. „Und geht sie mit Ihnen?" fragte er gespannt. „Meinen Sie die Gesellschafterin? Nein, Sahib!" „Aber warum nehmen Sie diese nicht mit?" rief er betrübt. „Weil sie nicht will!" antwortete Agnes in hartem Tone,- nach einer Pause tiefen Schweigens führte sie lauernd hinzu: „Liegt Ihnen so viel daran, daß Bella wieder in Ihre Nähe kommt?" „Fragen Sie mich, Mylady, ob mir viel am Leuchten der Sonne liegt?" erwiderte er erregt. „Und würden Sie bereit sein, Sahib, meiner Bella für den Fall, daß ich ihren entschiedenen Willen zu beugen verstände, daß sie mit mir nach Indien und — zu Ihnen käme, eine große Summe zu verschreiben?" Der Rajah stutzte. Der Gedanke, nach orientalischem Brauche ein Weib zu kaufen, lag ihm fern. „Ist sie denn feil?" fragte er zweifelnd. „Feil? O nein!" versetzte die Lady energisch. „Sie ist so stolz wie eine Engländerin, Sir, trotz ihrer Armuth. Aber da ich eine große Verantwortung übernehme, wenn ich sie überrede, mich zu begleiten, so will ich ihre Zukunft unter allen Umständen sichern, und selbst für den Fall, daß ich sie zu Ihnen bringe, will ich das Geld für sie nehmen, um es in England anzulegen." Der Rajah schien die Dame zu durchschauen. Selbstsucht schien die Triebfeder ihres Handelns zu sein. Doch dünkte er sich zu erhaben, um mit ihr zu feilschen. Rasch trat er an ihren eleganten Schreibtisch, ergriff eine Feder und schrieb auf ein Blatt mit den Initialen der Marquise Agnes Colt-Dufferin: „Two millions Eupees payable at Jeypur to Lady Colt Gora.“ Lady Agnes streifte nur mit einem vornehmen Blicke das Blatt und ein Blitz der Genugthuung zuckte über ihr Antlitz. „In Puri machen wir Halt," sagte sie, nun in gewöhnlichem Conversationstone. „Wenn Sie dahin einen Ihrer Dienstleute senden wollen, will ich Ihnen Notiz geben." „Darf ich mich jetzt von der Lieblichen verabschieden?" fragte der Rajah. „Nein, Sahib!" entgegnete Lady Agnes fast rauh. „Ich müßte gewärtigen, Sie zerstörten meinen ganzen Plan. Reisen Sie glücklich und verlassen Sie sich auf das Wort einer Edelfrau! Auf Wiedersehen!" Sie reichte ihm ihre Hand, die er an seine Lippen zog. Dann verbeugte er sich tief und ging. Sie blickte ihm lauernd nach, dann trat sie an den Schreibtisch, faltete die Verschreibung zusammen und zuckte die Achseln. „Either all or naught! — Va banque!“ sagte sie leise mit einem Ausdrucke kalter Grausamkeit. „Wenn ich das Gold dieses närrischen Schwärmers habe, werde ich nach England zurückkehren. Thorheit, sich Bedenken zu machen!" (Fortsetzung folgt.) Sei« Heiligthum. Nach dem Französischen von Otto Renner. (Schluß.) Er ist bestochen, dachte sie im Stillen, mein Besuch ist vorgesehen worden. Man wird mir die Wahrheit nicht sagen. Doch der Pförtner versetzte, nachdem er einen Blick auf die Uhr geworfen: „Wir haben ihn heute noch nicht gesehen und jetzt wird er wohl kaum noch kommen. Trotzdem ist es nicht unmöglich. Wenn Madame warten wollen, so müssen