LM ZRZ i» iknaMlM w ijvplW Miß ijMfaJW- ES® MM h|ii|™m ■äMT ® W» UKMDM S»MM D «i M ^■tn-iss Adieu, Madame! Wenn ich Ihrer bedarf, werde ich Sie schied, wie sie gekommen war. „Oh, Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. Tage vergingen, lange, lange Tage, in welchen der Tod über dem großen Hause zu schweben schien. Von Tag zu Tag nahm Doctor Vandines Gesicht einen ernsteren, besorgteren Ausdruck an. Von tiefster Seelenqual gefoltert, schritt Godfrey Greylock früh und spat in seiner Bibliothek auf m°d Zeder, während Tante Pamela fast wahnsinnig vor Sckmerz von Zimmer zu Zimmer lief. Noch immer ruhte Ethel Greylocks Kopf auf den gestickten Kissen ihres Elder- u Liebe, wenn sie neu, braust wie ein junger Wein; K Je mehr sie alt und klar, je stiller wird sie sein. Angelus Silesius. Wenn ich gefehlt in Haß und Lieben, Bin ost ich ungestraft geblieben, Und wo ich selber nichts verschuldet, Dort hab' ich bitt'res Leid geduldet. So gleicht sich auf der Erdenbühne Die Rechnung aus von Schuld und Sühne. holen lassen." . ,r „ «n„ „» Aergerlich und enttäuscht ging Iris ihres Weges. Die nächste Besucherin, die in dem Herrenhause eintraf, war Mercy Poole. Mit dem festen Schritt eines Grenadiers kam sie die Allee heraufmarschirt und suchte die alte Hopkms tm T.d Di.,?" «. « antwortete die alte Haushälterin. „Ihre Dienerin wird jedenfalls vorläufig bei uns bleiben müssen, «ie kann nicht fortgeschafft werden- es würde ihr sicherer Tod sem, wie Doctor Vandine Ihnen gewiß schon erklärt hat. saqte Mercy Poole mit leichtem Kopfnicken. „Großer Gott! Was hat das arme Ding nur gethan, daß Jemand daran denken konnte, sie zu ermorden? Und das bei den alten Salzgruben! Diese That ist noch tausendmal schlimmer als die, welche vor Jahren an demselben Orte (Fortsetzung.) begangen wurde." m , .. Di- di- nach d-m Herrenhaus geeilt -am, „R-d-u Sie »ich. d-»°n, M-r-h Peele. -W «Is sich die Nachricht Mn Wirlhia d-r ,,Satz-».H-ri--g-' wandle sich »lStzlich Iris. Da nur der Arzt und eine Wärterin > ö " langsam: „Wenige Stunden, ehe die Blutthat der Patientin Zutritt hatten, empfing Godfrey Greylock ^"aen wurde, befand sich ein Mann in dem Gasthof, Ex-Tänzerin in seiner Bibliothek. 9 9 ber S^gertruppe gehörte. Alle seine Gefährten Die Wittwe sah aufgeregt und angegriffen au«. ,^>h, w -y ä er allein blieb zurück und richtete alle das ist schrecklich!" rief sie ungestüm ,/Megre fe es nicht ( ü&er Blackport und seine Bewohner an - so wenig wie Sie, wie ich in Ihrem Gesichte leser^kann sich Regnault- ich mochte aber darauf Ist es möglich, daß jener Verräther, jener Schurke doch ba& dieß.nicht sein wahrer Name sei. An dem nein, ich rede Unsinn — achten Sie nicht aus meine Worte! schworen,^ ^^^rische Angriff auf Miß Greylock Sagen Sie mir, wird Ethel sterben? cRrevlock I und meine Dienerin gemacht wurde, bezahlte er sru izel ig „Gott verhüte es!" antwortete Godsrey Y I Rechnung und verschwand. Beging> dieser Mann viel- schaudernd. . b . eicht das Morvattentat auf Polly? Was führte Ethel Greylock „Allem das Gehirnfieber ist im höchsten an Lem Abend nach den alten Salzgruben?" . selten kommen die Opfer desselben mit dem Leben davo . wissen so wenig darüber, wie die Tobten m ihren fuhr Iris in nervöser Erregung fort. „Wa h wüte? I Gräbern," antwortete die Haushälterin. Ihnen zu erwarten, wenn Ethel uns entrissen . I Mercy zuckte die Achseln und schied, t Würden Sie mir mein Jahrgeld entziehen? Wurden Sie, .. . ~ meine Ansprüche an Sie als erledigt erachten. . „Madame!" erwiderte er mit Entrüstung, „ sw om um sich selbst weit besorgter zu sein als um Jh unb Ich muß es ablehnen, die Möglichkeit von E h m,,aenblick der daraus entspringenden Folgen auch nurem 9 in Betracht zu ziehen. Sie soll, sie darf mch« sterb n. JN bin jetzt ein alter Mann — ich könnte ohne s ch Sie ist das einzige Wesen in dieser weiten Welt, da 854 daUUenlagers- ihre Züge waren so verändert und eingefallen, daß selbst die Augen eines Liebenden sie kaum wieder erkannt hätten. Polly kam zuerst wieder zum Bewußtsein und kehrte langsam aber sicher zum Leben zurück. Ihre Lebenszähigkeit erwies sich jetzt eben so groß, wie in den Tagen ihrer Kindheit. Eines Morgens, als die alte Hopkins an ihrer Seite saß, schlug sie die Augen auf und sagte mit matter Stimme: „Ist Fräulein Greylock verletzt?" Ihr erster wiederkehrender Gedanke galt dem Mädchen, für das sie schon zweimal bis zu den Pforten des Todes gegangen war. „Nein," antwortete die alte Haushälterin, „Miß Ethel ist nicht verletzt, allein sie ist krank und phantasirt — wohl in Folge Ihres starken Blutverlustes. Wissen Sie, wo Sie sind? In Greylock Woods. Sie wurden mit Miß Ethel von den Salzgruben hierher gebracht. Doch nun erzählen Sie mir von jenem Abend! Es verlangt uns Alle so sehr danach, die Geschichte zu vernehmen, unser armer Liebling ist bis jetzt noch nicht im Stande gewesen, ein einziges vernünftiges Wort zu sprechen." Polly blickte die alte Hopkins mit hohlen, scheuen Augen an. Dann suchte sie sich auf ihrem Lager zu erheben und sagte mit leiser, heiserer Stimme: „Geben Sie mir meine Kleider! Warum hat man mich hierher gebracht? Ich kann nicht hier bleiben — ich muß auf der Stelle nach der „Katzen-Herberge" zurück — ich kann Ihnen nichts sagen — kein einziges Wort." Die alte Haushälterin starrte die Kranke verblüfft an. „Wer verwundete Sie bei den Salzgruben, Mädchen?" fragte sie, „und wie kam Miß Greylock mit Ihnen dort zusammen? Sie müssen mir Alles sagen, und das auf der Stelle!" Ein seltsamer Ausdruck kam über Pollys dünnes, blutloses Gesicht. „Fragen Sie mich nicht!" keuchte sie- „sich werde Ihnen nichts sagen — Sie können mich nicht zwingen ich will nicht — ich will nicht!" Die Haushälterin schickte sofort nach Doctor Vandine. „Dies erinnert mich an die alten Tage im Hospital, Polly," begann der Doctor, indem er neben dem Bette der Verwundeten Platz nahm. „Du bist wahrlich unter einem Unglücksstern geboren. Sei nun aber ein gutes Kind, Polly, und sage mir, wer der Schurke ist, der Dich und Miß Greylock bei dem Steinhaufen angriff!" Zum ersten Mal in ihrem Leben blickte sie den Doctor mißtrauisch an. „Nicht für alle Schätze der Welt würde ich auch nur ein einziges Wort über jenen Abend reden!" rief sie mit einer Heftigkeit, die Doctor Vandine besorgt machte. Seine Stimme hatte von jeher große Macht über sie gehabt- jetzt aber bat und redete er vergeblich. Sie blieb unbeweglich wie Granit. Endlich erhob sich Vandine halb ärgerlich und sagte im Gehen: „Ich kenne Dich, Polly- Du handelst gern edel und großmüthig. Mit Deinem Schweigen stichst Du Jemanden zu schonen- nicht Dich selbst, so vjel ist sicher." Eines Abends im Spätsommer stellte sich auch in Ethel's Fieber die Krisis ein. Doctor Vandine und die Wärterin befanden sich allein im Krankenzimmer. Vor der Thür desselben schritt Godfrey Greylock, von tiefster Seelenqual gefoltert, im Corridor auf und nieder. Galt es Leben oder Tod? In dieser schrecklichen Stunde empfand er es tiefer denn je, daß er seine Enkelin mehr als seinen Familienstolz, mehr als seinen Reichthum, mehr als die ganze Welt liebte. Stunde um Stunde verging. Zu dem Erkerfenster am Ende des Corridors schien des Mondes Silberlicht Hereinein Nachtvogel sang unter den Kastanienbäumen der Allee - der von dem Wohlgeruch der späteren Veilchen geschwängerte Wind drang durch das offene Fenster und wehte den unglücklichen Mann wie ein Hauch des Himmels an. Galt es Leben oder Tod? Diese Frage marterte unablässig das Gehirn des Greises, lastete mit der Wucht eines Felsens aus seinem Herzen und erschwerte ihm das Athmen. „Rette sie, oh Gott!" betete er vor sich hin, „und nimm mir statt ihrer alles Andere, was ich besitze!" Die Thür des Krankenzimmers ging auf, und Doctor Vandine trat heraus. Godfrey Greylock rang nach Fassung. „Reden Sie!" keuchte er. „Ist es Leben oder Tod?" Vandine's Gesicht erschien für einen Augenblick wahrhaft schön. „Gott sei Dank", antwortete er, „es ist Leben!" Godfrey Greylock wankte nach dem Fenster und riß den angelehnten Laden weit auf, als wäre er dem Ersticken nahe. Dann lehnte er sein graues Haupt an den Fensterpfosten und brach in Thränen aus. Sein Liebling sollte also leben! Als Ethel Greylock das Bewußtsein wieder erlangte, sah sie ihren Großvater neben ihrem Bette knieen und hörte ihn leise zärtliche Worte murmeln. Sie wurde nicht mit Fragen bestürmt wie die arme Polly- nichts wurde gestattet, was sie aufregen konnte. Ihr Leben schwebte noch immer an einem Faden. Eine geraume Weile schien sie sogar zu schwach, sich des tragischen Ereignisses bei den Salzgruben zu erinnern- allein die Tage vergingen, und die junge Erbin kam allmälig wieder zu Kräften. Eines Morgens, als Godfrey Greylock wieder in das Krankenzimmer trat, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, streckte Ethel ihm flehend ihre schneeweiße Hand entgegen und stammelte: „Großpapa, ich möchte eine Frage an Dich richten." „Sprich, mein Liebling!" „Wer fand mich an jenem schrecklichen Abend? Wer brachte mich nach Hause?" „Ich selbst fand Dich, Ethel, und brachte Dich nach Hause." Ein Ausdruck wilden Entsetzens prägte sich in ihrem eingefallenen Gesicht aus. „Allein, Großpapa?" keuchte sie. „Wie entkam ich jenem Manne lebendig? Es trat Jemand zwischen uns — Du warst es nicht!" Sein hochmüthiges, altes Herz hörte beinahe aus zu schlagen. „Welchem Manne, mein Kind?" Sie schlang ihre Arme um seinen Hals und schluchzte: „Oh, Großpapa, willst Du mir versprechen, mir zu verzeihen, wenn ich Dir Alles gestehe? Ich verdiene Deine Verzeihung nicht, Großpapa, und dennoch kann ich ohne dieselbe nicht leben." „Sprich, Ethel! Es gibt Nichts, das ich Dir nicht vergeben würde. Rede frei heraus!" Die Wärterin hatte sich in ein Nebenzimmer zurückgezogen, und die Beiden befanden sich nun allein. Ethel Greylock lehnte wie eine geknickte Lilie ihr Hanpt an ihres Großvaters Schulter und erzählte ihm Alles. Er hörte ihr Geständniß ohne eine Geberde des Zornes oder Unwillens an. Er war so nahe daran gewesen, seinen Liebling zu verlieren, daß er ihr trotz ihres großen Unrechtes, welches sie begangen, nicht zu zürnen vermochte. Als sie ihre Mittheilung beendigt hatte, umarmte er sie zärtlich, küßte die Thränen von ihrer weißen Wange weg und sagte mit völlig ruhiger Stimme: „Ich will Dir keine Vorwürfe machen, Ethel- Du hast Deine Thorheit schwer genug büßen müssen, armes Kind. Indem Du den Mann, den Du liebst, von Dir triebst — denn es ist mir jetzt vollkommen klar, daß Du Sir Gervase wirklich liebst —Du hast Dein ganzes künftiges Glück zerstört. Regnault zu suchen, um ihn zur verdienten Strafe zu ziehen, ist wohl auch zwecklos geworden. Er befand sich in der Kutsche, welche an jenem Abend in der Nähe der alten Salzgruben an mir vorüberfuhr- ohne Zweifel.hat er längst schon einen sicheren Zufluchtsort gefunden. „Weißt Du auch, wer Dich vor seinem mörderischen Dolch errettete, Ethel?" „Ich weiß es nicht- es kam Alles so plötzlich. Ich erinnere mich nur des Erscheinens eines bleichen Gesichtes in der Dunkelheit und das Aufblitzen eines Dolches. Dann — 855 — vernahm ich einen entsetzlichen Aufschrei- wir wurden von einander gestoßen, und Jemand empfing den für mich bestimmten Stoß. Ich fühlte das heiße Blut auf meinem Gesicht und wurde ohnmächtig." Godfrey Greylock's Züge nahmen einen ernsten Ausdruck an, indem er ihr erzählte, wessen blutbedeckten Leib er über dem ihren liegen fand. „Wie froh bin ich, daß Du sie hierher brachtest, Großpapa", rief Ethel, „daß Du sie hier verpflegen ließest! Sicherlich habe ich die Rettung meines Lebens ihr zu verdanken!" „Nach dem, was Du mir erzähltest, kann kein Zweifel darüber herrschen.", „Sie muß in der Nähe gewesen sein und meine Gefahr bemerkt haben, worauf sie großmüthig ihr eigenes Leben preisgab, um mich zu retten. Und dazu noch eine Fremde! Edle Thaten beschränken sich auf keine Klasse oder Rangstufe, Großpapa!" „Sehr wahr, mein Kind." „Wie gut es von Polly war, trotz aller Deiner Fragen über diesen Gegenstand Schweigen zu beobachten. Es ist augenscheinlich, daß sie entschlossen war, mich nie zu ver- rathen. Ist sie völlig wieder hergestellt? Ist sie im Stande, hierher zu kommen? Ich wünsche sehr, sie zu sprechen" „Vandine sagt, sie sei immer noch sehr schwach- erkennt das Mädchen schon seit Jahren und scheint sich sehr für sie zu interessiren. Du brauchst nur zu klingeln, wenn Du sie sehen willst. Sie kehrt heute nach der „Katzen-Herberge" zurück. Ich habe die Kutsche bestellt, um sie gegen Mittag wegbringen zu lassen. Aus Gründen, die uns unbekannt sind, fühlt sie sich so unglücklich unter diesem Dach, daß der Doctor erklärte, sie müsse durchaus nach dem Gasthofe zurückkehren, wenn sie wieder völlig hergestellt werden solle." „Sie will nach der „Katzen-Herberge" zurück, ohne ein Wort mit mir gesprochen zu haben?" fragte Ethel. „Ich kann das nicht zugeben, Großpapa. Du gedenkst sie doch für ihre edle That zu belohnen?" „Gewiß, das ist längst beschlossene Sale", bestätigte "ber alte Herr. „Was sie vor allen anderen Dingen bedarf, ist wahrscheinlich Geld. Du bist von mir ermächtigt, mein Kind, ihr zu geben, was Dein Herz für gut findet." Er klingelte, und fünf Minuten später stand Polly, zur Rückkehr nach dem Gasthof gekleidet, in dem prächtigen Gemach, das mit dem größten Luxus ausgestattet war. Das grelle Licht des Tages war durch venetianische Jalousien gedämpft, während die in japanischen Töpfen blühenden Moschusrosen einen lieblichen Wohlgeruch verbreiteten. Auf ihrem mit Spitzen und Stickereien überladenen Bette lag Ethel wie eine Treibhauslilie, während der stolze, alte Gebieter des Hauses auf einem Fauteuil neben ihr saß. Polly machte einen eigenthümlichen Eindruck in dieser Umgebung. Die ärmlichen Kleider hingen lose an ihrem abgezehrten Körper herab- ihr fleischloses Gsiicht mit den großen Augen und den rabenschwarzen Haarflechten hatte einen schmerzlichen Ausdruck. Sie schien erschrocken und verlegen. Die junge Erbin streckte ihr wohlwollend die Hand entgegen. „Treten Sie näher, Polly," bat sie mit sanfter Stimme- „fürchten Sie sich nicht! Ich habe soeben erst Ihre brave, aufopfernde That vernommen, und ich danke Ihnen, daß sie mein Geheimniß so treu bewahrten. Ich habe indessen meinem Großpapa Alles mitgetheilt." Polly war nahe bei Godfrey Greylock stehen geblieben, daß ihre dürftigen Kleider seine elegante Toilette streiften. Sie ergriff indessen die ihr gebotene Hand nicht, die Ethel ihr entgegenstreckte, was dem stolzen Millionär sehr lieb war, da er Nichts so sehr haßte, wie persönliche Berührung mit Leuten untergeordneten Ranges. „Wie blaß und krank Sie aussehen!" fuhr Ethel fort. „Sie haben um meinetwillen viel gelitten! Wie kann ich Ihnen je dafür danken? Doch nun sagen Sie mir, wie kamen Sie an jenem Abend nach dem Steinhaufen?" Pollys tiefliegende Augen senkten sich. Godfrey Greylock sah, daß sie vor Schwäche zitterte, und er deutete mit dem Finger auf einen Stuhl am Fuße des Bettes. Sie ließ seine frostige Geberde unbeachtet. Es war ihr nur darum zu thun, die Unterredung so bald wie möglich zu Ende zu bringen, und indem sie darüber nachdachte, wie sie dies am besten bewerkstelligen könne, vergaß sie, Ethel's Frage zu beantworten. „Kommen Sie doch zu sich, Mädchen!" rief der alte Greylock ungeduldig. „Hören Sie nicht, was meine Enkelin sagt? Sie wünscht eine Erklärung über Ihre rechtzeitige Ankunft bei den Salzgruben an jenem Abend." Polly fuhr erschrocken zusammen. Dieser alte Mann mit seinem kalten, strengen Gesicht und seinem hochmüthigen Wesen flößte ihr eine unerklärliche Furcht ein. Sie trat einen Schritt von ihm zurück und stammelte: „Ich hatte ein Gespräch im Gasthof mit angehört und Ursache, Regnault für einen schlechten Menschen zu halten. Ich fürchtete, er möchte schlimme Absichten gegen Miß Greylock haben- ich folgte ihm dann heimlich nach den Salzgruben." „Ach so," sagte Ethel nachdenklich. „Sie überbrachten mir seinen Brief und wußten wohl um den Inhalt desselben. Warum aber setzten Sie Ihr eigenes Leben auf's Spiel, um das meinige zu retten, Polly?" Sie warf einen scheuen Blick aus den gefürchteten alten Mann, dessen stechender Blick sie zu durchbohren schien, und daun platzte sie unwillkürlich mit der Wahrheit heraus: „Weil ich Sie liebe!" Ethel Greylock blickte das Mädchen erstaunt an. „Sie lieben mich!" sagte sie, nnd doch habe ich Sie erst zwei Mal gesehen, Polly! Was that ich denn, um Ihre Liebe zu verdienen?" „Sie brauchten gar nichts zu thun," erwiderte die Andere- „ich sah Sie und liebte Sie!" „Es ist eine ernste Sache, einem anderen Menschen sein Leben zu verdanken," meinte die Erbin. „Sie kamen nach dem Steinhaufen, um mir zu helfen, wenn es notwendig sein sollte — Sie standen nicht an, selbst den Todesstoß zu empfangen, der mir zugedacht war. Ich staune über Jyren Muth und Ihre Opferfähigkeit, ich finde keine Worte, um Ihnen meinen Dank auszudrücken." Thränen erstickten Ethels Stimme. Nach einer Pause fuhr sie fort: „Großpapa und ich wünschen sehnlichst, Sie zu belohnen, Polly! Wie können wir dies am besten thun? Sie wollen das Haus doch nicht heute schon verlassen? Sie sind noch sehr schwach, viel zu schwach, um ihre Arbeit im Gasthof wieder anzutreten." „Mercy Poole ist sehr gütig gegen mich, sie wird mir nicht mehr Arbeit zumuthen, als ich zu leisten vermag, Miß Greylock," versetzte die Andere. „Dennoch bitte ich Sie, wenigstens noch eine Zeit lang hier zu bleiben," fuhr die Enkelin des Millionärs weiter fort- „Sie haben uns unendlich verpflichtet. Wie können wir unsere Schuld am besten abtragen? Sollen wir Ihnen Geld geben? Oder sollen wir Ihnen behülflich sein, einen anderen Lebenslauf zu erwählen? Vielleicht möchten Sie gern — denn Sie haben ein ganz intelligentes Aussehen — etwas Besseres sein als eine Dienerin? Vertrauen Sie sich mir au wie — wie — eine Schwester." Polly richtete die Blicke auf den prächtigen sammetnen Teppich- ihre Züge verriethen keine Spur von dem Kampf, der in ihrem Herzen wüthete. Der stolze, alte Manu fixirte sie noch immer mit seinen kalten Augen, und ihre Furcht vor ihm nahm jeden Augenblick zu. „Sie sind sehr gütig, Miß Greylock," stammelte sie endlich - „ich muß aber heute nach dem Gasthof zurückkehren. Ich kann nicht länger hier bleiben- dies ist kein Platz für mich. Geld brauche ich kaum und ich tauge zu nichts als zu meiner gegenwärtigen Arbeit- ich war stets nur eine Dienerin." Ethel sank mit getäuschter Miene in ihr Kissen zurück. - 856 Sie sind heroisch, Polly," sagte sie mit mattem Lächeln, „aber Sie sind auch unvernünftig." Godfrey Greylock machte eine ungeduldige Geberde. „Das ist eine unangenehme Geschichte," sagte er hochmüthig- „es ist meiner Enkelin peinlich, irgend Jemandem als Schuldnerin gegenüberzustehen, namentlich einer Person, die sich in socialer Beziehung tief unter ihr befindet. Ich muß daraus bestehen, Mädchen, daß Sie etwas annehmen, was eine passende Entschädigung für den Dienst, den Sie ihr geleistet haben, genannt werden kann. Nehmen Sie das!" — mit diesen Worten schob er ihr einen Streifen Papier in die Hand. (Fortsetzung folgt.) Liebesktast. Ein« wahre Geschichte aus den kretischen Bergen. Von Heinrich Foerster. ------- (Nachdruck verboten.) In einem kleinen Dörfchen der „Weiße,, Berge" waren sie Be de aufgewachsen. Wie sich über der herrlichen Landschaft ihres wildzerklüfteten heimathlichen Hochthales der schnee- gekrönte Ida, der heutige Psiloriti, erhob, immer schön, immer derselbe in allen Stürmen und Wirren, welche über die Insel dahingingen, so stand über allen Sorgen ihrer Armuth das Glück ihrer Jugend, das Gefühl, welches sie verband, immer gleich fest und innig, immer beseligend. Gabriel und Charis liebten sich seit ihren Kindertagen, sie hatten zusammen gespielt, zusammen Hirtendienste gethan, zusammen von einem guten Mönche das bischen Weisheit erlernt, welches man in den kretischen Bergen braucht. Die Klosterbrüder aus Kreta sind von jeher Anhänger der nationalen Bewegung gewesen, die Flinte in der einen, das Kreuz in der andern Hand sind sie in die Freiheitskämpfe gezogen, was Wunder, wenn auch in den jungen Herzen Gabriels und Charis von dem Lehrer Gefühle geweckt und gepflegt wurden, die den beiden als Kindern ihrer freien Berge im Blute lagen. Mit flammender Begeisterung erzählte ihnen der Mönch von dem nahen Kloster Arkadi, dessen helden- müthiger Abt Jgumeuos Gabriel mit eigener Hand Feuer an die Pulverkammer gelegt, als er dem Bombardement der Türken unter Mustafa Pascha nicht mehr Widerstand leisten konnte. Seit der Zeit hatten Gabriel und Charis, so oft sie hinunter zum Strand nach Retimo kamen, mit einem Gefühl des Hasses die trotzige Festung angeschaut, welche gleich einer rechten Zwingburg die Stadt überragt, und ost hatten sie in den Ruinen von Arkadi gesessen und an den alten Jgumenos Gabriel gedacht, der ein Mann des Friedens und doch ein Held gewesen war. Ob sie auch an ihn gedacht, wenn sie sich übten, mit der Flinte zu schießen? Charis und die Flinte — das waren die beiden, denen Gabriels Herz gehörte. Und er hatte seine helle Freude, wenn Charis es ihm gleichthat und die kleine Piastermünze traf, so lange sie dieselbe mit ihren hübschen Augen nur zu sehen vermochte. Im November 1889 kam ich zum ersten Male nach Kreta, wenige Wochen später lernte ich Charis kennen. Gabriel und Chans hatten eigentlich in jenem Herbste heirathen wollen, es war anders gekommen. Bei Beginn des Sommers war der Haß der Kreter von Neuem aufgelodert, hier und da gab es offene Aufstände, überall gährte es im Stillen. Gabriel war unter der Jugend seines Heimath- ihales der Feurigste für die Sache der Freiheit. Er glaubte schon den eigenen Herd auf freiem Boden bauen zu können. Alle Tage war er unterwegs, bald hinunter nach. Retimo, bald tiefer hinein in die Berge. Er besorgte die wichtigsten Botschaften unter den Aufständischen, er wußte um die Waffeneiukäufe, welche die Mönche machten, er fehlte bei feiner der heimlichen Versammlungen tief in der Nacht in irgend einer unwegsamen, abgelegenen Felsschlucht. Da wurden die Insurgenten bei einer solchen Zusammenkunft eines Nachts von einer starken Eseorde türkischer Gendarmerie überrascht. Die Aufrührerischen ergaben sich erst nach verzweifelter Gegenwehr; auf tückischer Seite hatte man mehrere Todte und Verwundete. Gabriel und seine Genossen wurden in das Gefängniß der Festung zu Retimo abgeführt. Lange, peinvolle Monate kamen nun für Charis. Die leise Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang schwand immer mehr in der furchtbaren Angst, daß man die Gefangenen von der Insel fort zur Verurtheilung nach Constqntinopel bringen würde. Da pochte es an einem stürmischen Novemberabend an dem Fensterladen des kleinen Häuschens, tn dem Charis mit der alten Mutter wohnte. Als Charis öffnete, streckte sich ihr eine Hand entgegen und drückte ihr ein zusammengefaltenes Papier in die bebenden Finger.. Eine Stunde später war Charis auf dem Wege nach Retimo. Sie trug ihre ganze Baarschaft bei sich, die zu- sammengesparien Piaster, die zur Ausrüstung ihrer Hochzeit bestimmt gewesen- und unter dem flatternden Tuche verwahrte sie noch etwas Anderes, laug, schlank und blank, Gabriels andere L ebe. Um die Mauern von Retimo herum schlug Charis den Weg ein, der steil auf zur Festung führt. In der-chalben Höhe des Berges stieß sie auf die Straße, die birect aus den Festungsthoren sich zum Hafen hinunterzieht. Es war eine dunkle, stürmische Nacht, sie meinte aber doch unten am Strande das schwarze, große Ungethüm zu erkennen, das türkische Kriegsschiff, welches den Befehl hatte, die Gefangenen von Retimo nach dem Festland zu bringen. Charis war todtenbleich, in ihren Augen glühte ein unheimliches Feuer, aber ihre Knie wankten nicht, ihre Hand zitterte nicht, sie war bereit. Von ihrer Liebe verlangte Gabriel das größte Opfer, mehr als ihr eigenes Leben, er verlangte es, er forderte es, er wollte es — für sie gab es nur einen Willen. In ihrem Gürtel steckte sein Brief, ein abgerissener, schmutziger Zettel mit ungelenken Schriftzügen, von lebenslänglicher Zwangsarbeit sprachen sie und von der Erlösung, von ihrer Liebe und von der Treue —--bis — — in den —; — Tod! Nach Mitternacht öffnete sich das Außenthor der Festung. Die Gefangenen wurden zur Einschiffung geführt. Im phantastischen Schein der Fackeln sind die Soldaten sichtbar, die blanken Läufe ihrer Flinten, die bleichen Gesichter der Unglücklichen, die auf fremder Erde sterben sollen, im Frondienst der verhaßten Feinde. Die Gefangenen, zwei und zwei zusammengefeffelt, gehen schwankenden Schrittes, ihre glühenden Augen suchen in der sturmdurchtobten Nacht vergebens zum letzten Male die Sterne der Heimath. In der letzten Reihe, geht Gabriel. Stolz trägt er den hübschen, dunklen Kopf, und ob auch seine Wangen bleich sind, wie die der Genossen, sein Gang ist fest, seine Augen freudig und muthig, als ginge es nicht in Jahre voll Schmach und Schande, in das grauenvollste Schicksal, sondern tn den' freien-Kampf, dem der Sieg gehört. An der Biegung der Straße, dort wo der Weg ctiv mündet, der von der Stadt heraufführt, blickt Gabriel zum Himmel auf. Eben zertheilt der Sturm die Wolken, ein Sternlein schaut herab — weithin durch die Nacht, in Wind - und Meeresrauschen, tönt der Knall eines Schusses. Der Genosse, mit dem Gabriel zusammengefeffelt ist, hält sich nur mühsam aufrecht, um nicht von dem ins Herz getroffenen Gefährten. niebergeriffen zu werben, dessen erbleichenden Lippen mit seligem Lächeln leise flüstern: „Chans — — — Geliebte — — — hab' Dank — — —" Unb che man recht wußte, was eigentlich geschehen, war Gabriel ein Leiche. — Charis aber ist wieder in die Berge gegangen. Ob sie den Tod, den sie suchte, gefunden, habe ich nicht erfahren- Redaction: 8L Scheyda. — Druck und ® erlag der Brühl'scheu Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Meßen.