Das Kind der Tänzerin. Roman aus dem amerikanischen Leben von Joseph Treumann. (Fortsetzung.) Der Wagen hatte die Eisenbahn-Station erreicht, und die Reise wurde sogleich sortgesetzt. Unter lebhafter Unterhaltung flogen Ethel und ihr Großvater in dem luxuriösen Salonwagen dem fernen Blackport zu und sahen durch das Fenster den Regen herabströmen und den Abend herannahen. Das Mädchen hatte etwas entdeckt, was Niemand, selbst die längst verstorbene Gattin des ehemaligen Bankiers nicht zn entdecken vermocht hatte, nämlich den Weg zu Godfrey's Herzen. Ihr einfacher Reiscanzug schien ihre außerordentliche Schönheit zu voller Geltung zu bringen, und die sonst so kalten und gleichgültigen Augen des alten Mannes ruhten mit zärtlicher Liebe und Bewunderung auf ihr, wie sie in ungezwungener Haltung und voll der natürlichsten Anmuth ihm gegenüber saß. Dies war die schönste Blume, die je auf dem Lüamm der Greylocks geblüht hatte. Und eine Zukunft stand ihr bevor, die ihrer Schönheit würdig war. Er hatte Vieles für sie geplant — ihre Verheirathung mit dem Verwandten sollte neuen Glanz über den Namen Greylock ergießen. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß sic dem Titel „Lady Greylock" in dem alten Stammsitz der Familie, drüben über dem Meere Ehre machen würde. Es war spät geworden, als die beiden Reisenden den Bahnhof von Blackport erreichten. Die Equipage von Greylocks Woods wartete bereits auf sie, und in wenigen Augenblicken waren sie auf dem Wege nach dem Herrenhause. Die Veränderungen, von der alle Dinge früher oder WM-ta- tat 3. Juli i Mali! ■Md* annst Du das Schöne nicht erringen, So mag das Gute Dir gelingen; Ist nicht der große Garten Dein, Wird doch für Dich ein Blümlein fein. Sorgen sind meist von der Nesseln Art, Sie brennen, rührst Du sie zu zart; — Fasse sie an nur herzhaft. So ist der Griff nicht schmerzhaft. später betroffen worden, hatte auch Blackport endlich heim- gesucht. Seit jener Nacht, in welcher die kleine, wilde Hummel als ungeladener Gast erschienen war, um bei ihrem Großvater zu speisen, hatte ein großer Umschwung stattgefunden. Die Sommerfrischler waren wie eine Armee mit fliegenden Bannern über das alte Städtchen hergefallen und hatten dasselbe in Besitz genommen. Phantastische Pillen waren allenthalben am Strande nnd auf den Felsenhügeln wie Pilze emporgeschossen, hübsche Equipagen rollten durch die einst so schläfrigen Straßen, schmucke Kaufläden zierten jede Straßenecke. Nur zwei Plätze hatten dem Anprall der Neuerung wiederstanden, Poole's Gasthof und Greylock Woods. Die Capricen der Sommerfrischler, die Invasion eines ganzen Heeres von Vergnügungssüchtigen und Erholungsbedürftigen, die Ankunft und Abfahrt der Exkursionsdampfer und Bahnzüge vermochten in keiner Weise den Glcichmuth dieser beiden so sehr verschiedenen und doch gleich konservativen Häuser zu erschüttern. Godfrey Greylock und seine Enkelin fuhren unter den Tannen- und Kastanienbäumea die Hauptallee hinauf und hielten endlich vor der Thür des Hauses. Einen Augenblick darauf stand Ethel in dem hell erleuchteten Salon, von den Armen ihrer Großtante umschlossen, die sich vom Sopha erhoben hakte, um das geliebte Kind zu bewillkommcnen. „Mein thenres Kind!" rief Miß Pamela, „so bist Du denn endlich zu uns zurückgekehrt! Ich bin herzlich froh, daß Niemand in der Rosen-Villa ist, der uns unsere Ansprüche auf Dich streitig machen könnte. Wie s tzön Du bist! Du bist ja seit den Weihnachtsfeiertagen noch viel reizender geworden! Das Herz blutete mir, da ich Godfrey nicht begleiten durste, um Dich abzuholen, allein Doctor Vandine hatte es mir verboten- er glaubte, daß oiese Reise zu an- strcugend für mich sein würde." „Pamela! Vergiß nicht, daß wir hungrig und müde sind," unterbrach Godfrey den Redestrom seiner Schwester - „g.fftatte uns nur, daß wir uns von dem Staub der Reise säubern, und dann laß uns speisen- nachher kannst Du nach Herzenslust mit der Kleine» plaudern." Ethel begab sich nach einer Reihe von Zimmern, die ihr Großvater für sie hatte neu möbliren lassen und machte Toilette- sie warf einen flüchtigen Blick auf all die Pracht und Herrlichkeit um sie her und seufzte tief auf. „Was für eine Treibhauspflanze Großpapa aus mir machen möchte!" sagte sie, „und wie mein Herz an all diesem Luxus hängt! Werde ich Selbstverleugnung genug besitzen, das Weib eines Mannes zu werden, der für sein tägliches Brod zu arbeiten hat?" 302 Als sie ihre Toilette beendigt hatte, begab sie sich hinab, um mit ihrem Großvater und mit Tante Pamela zu speisen. Um ihre Lippen spielte ein Lächeln- ihr Herz aber war von einer schweren Last niedergedrückt. Als die Mahlzeit vorüber war und Miß Pamela sich nach ihrem Zimmer begeben hatte, begann Godfrey Greylock von dem Gegenstand zu sprechen, mit dem sein Geist sich fortwährend beschäftigte. „Ethel,", sagte er, „Du weißt — denn ich habe schon früher mit Dir über diese Angelegenheit ->°>edet — wie sehr mir Deine Vermählung mit Gervase lylock am Herzen liegt - Jahrelang war dies mein höchster lisch Schon vor langer Zeit schlug ich dem Baronet e Verbindung vor, und er hatte nichts dagegen einzu- den- im Gegentheil, er erklärte sich bereit, auf alle meine nsche einzugehen." „Sehr gütig von ihm," murmelte Ethel, indem sie m; einem Anflug von Unmuth den Kopf zurückwarf. „Sir Gervase ist jung und hübsch- er hat einen Adels- - Du bist jung und mehr als hübsch, Ethel, und Du ; -?eft ein großes Vermögen - nichts könnte passender sein, eine solche Heirath." Er schien auf eine Antwort zu warten, allein Ethel blieb stumm. „Du verdienst etwas Besseres als einen gewöhnlichen . n zu Deinem Gatten," führte der Alte fort- „Du ver- . t Rang und Würden, und die sollen Dir zu Theil werden. Zeit der Erfüllung meiner Wünsche naht heran- Sir ase kommt von England herüber, um seine zukünftige ahlin zu sehen und um sie zu freien." Ethel schwieg noch immer. Rach einer Pause fuhr Mr. Greylock fort: „Gestern erst erhielt ich vom Baronet einen Brief, worin er mir uh;' >t, daß er in den nächsten Tagen von Liverpool abreisen erbt - wir können ihn wohl sehr bald hier in Blackport erwarten." Ethel sah wohl ein, daß ihr Großvater eine Antwort von ihr erwartete- sie ermannte sich daher zu dem einen Worte: „Wirklich?" Mr. Greylock blickte seine Enkelin mit großen Augen an und sagte dann: „Sir Gervase soll es begreifen — und ich glaube, ich habe es ihm deutlich genug zu verstehen gegeben — daß ich ihm, indem ich ihm meine Enkelin zur Gattin gebe, mehr Ehre erweise, als er mir durch das Eingehen auf meinen Plan erweisen kann. Du und ich sind ebenfalls Grehlocks - daß er den Adelstitel der Familie besitzt, ist einfach ein Zufall der Geburt." „Ja, Großpapa, antwortete Ethel. „Ich halte den Baronet für einen prächtigen Menschen, einen passenden Lebensgefährten für Dich, in jeder Hinsicht würdig, Dein künftiges Geschick zu leiten. In Deiner 93er- heirathung mit ihm werde ich endlich einen Trost für den Kummer finden, den Deines Vaters Heirath mir einst bereitete. Sicherlich brauche ich dem Kinde, das mich liebt und das Beweise genug von meiner Liebe hat, nichts weiter zu sagen. Und nun küsse mich, Ethel, und begieb Dich zur Ruhe- Du siehst bleich und müde aus und bedarfst der Erholung." Sie küßte ihn mit eiskalten Lippen und begab sich dann nach ihrem Schlafgemach. Um ihrem gepreßten Herzen Luft zu machen, flüsterte sie auf dem Wege vor sich hin: „Oh, wenn Großpapa doch nur wüßte, wie unmöglich es für mich ist, seine Wünsche zu erfüllen- es wird ihm das Herz brechen, wenn er es erfährt, er wird mich verstoßen, wie er meinen Vater verstieß!" 16. Capitel. Vandine in Blackport. „Großpapas Geschmack ist in allen Dingen englisch," sagte Ethel Greylock, während sie sich in einem ländlichen Armstuhl zurücklehnte und ihre schönen Augen über die Rasenplätze und Gärten von Greylock Woods hinwandern ließ- „seiner Ansicht nach ist nichts, wie es sein soll, wenn es nicht im Geschmack der britischen Aristokraten ist. Was denken Sie von all diesen Dingen, Doetor?" Der Angeredete stand neben dem Stuhl des jungen Mädchens. Er war ein junger Mann mit Augen und Haaren von keiner besonderen Farbe, nebst einem borstigen, rothen Schnurrbart, in kurzen Worten, es war der ehemalige Student Dick Vandine, der schon vor einigen Jahren sein Doetor-Examen bestanden. Es war fünf Uhr Nachmittags, der schöne Park von Greylock Woods schwärmte von eleganten Gästen, Damen in den kostbarsten Kleidern und Pariser Hüten, und Herren, die aussahen, als ob sie aus einer Modezeitschrift geschnitten worden wären. Ballschlagen, Croquet und Bogenschießen bildeten die Hauptbelustigungen. Aus dem Rasen war ein Tanzboden errichtet worden und in einer Laube, von blühenden Rebengewinden verborgen, saß ein Orchester, das die Luft mit den herrlichsten Tönen erfüllte. Gewandte Aufwärter huschten mit Champagner und anderen feinen Weinen hin und her. An einem ringsum von Blumen umgebenen Buffet wurden Erfrischungen in Gestalt von Salaten und kaltem Geflügel, Gänseleberpasteten, Zuiigen-Galae, Charlotte Russe und anderen bei solchen Gelegenheiten üblichen Delieatessen servirt. „Es ist himmlisch — göttlich!" stammelte Doetor Dick, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was er sagte. Ethel lachte schalkhaft. „Sie sind ja ein sehr enthusiastischer Bewunderer von Gartenpartien, Doetor- finden Sie auch Geschmack am Ballschlagen, Croquet und Bogenschießen?" „Nein," antwortete er, indem er die Enden seines rothen Schnurrbartes über die Winkel seines unschönen Mundes herabzog. „In diesem Punkte haben wir den gleichen Geschmack," sagte Ethel lächelnd. „Schon in der Schule, wo das Maaß der Unterhaltungen uns knapp zugetheilt war, haßte ich diese einfältigen Spiele. Lieben Sie auf dem Grase ausgebreitete Matten, um empfindliche Füße vor Feuchtigkeit zu bewahren — lieben Sie die Erzeugnisse der französischen Küche, die unter den Bäumen servirt werden, während man sich weit bequemer drinnen an der Tafel niedersetzen könnte, wenn es nur der dumme englische Geschmack erlaubte? — Nein? — Sie schwärmen nicht für solche Dinge? Nun, so nennen Sie um's Himmels willen unsere Gartenpartie nicht himmlisch und göttlich." Dick erröthete bis über die Ohren. „Meine Worte lassen sich wenigstens auf einige Gesichter hier anwenden," murmelte er vor sich hin, indem er seine Blicke auf die Erbin von Greylock Woods heftete. Er war auf Miß Pamelas Einladung zu dieser Gartenpartie gekommen. Noch kaum eine Stunde war verflossen, seit er Ethels Bekanntschaft gemacht hatte, allein diese kurze Zeit war vollständig hinreichend gewesen, ihn zu ihrem willenlosen Selaven zu machen. Sie trug ein reizendes Hütchen mit einer wallenden Feder und ein blaues Kleid - an ihrem Busen prangte ein duftender Blumenstrauß- ihr zarter Teint, ihr goldblondes, leicht gekräuseltes und geschmackvoll arrangirtes Haar und ihre großen, dunkelblauen Augen hatten Vandine völlig bezaubert. Es schwindelte ihm, wie er so in ihren Anblick versunken dastand. Wiederholt wandte er sich von ihr ab, doch nur um sich stets wieder zu ihr zurückzuwenden und mit fortwährend steigendem Staunen und Entzücken auf diese makellose Schönheit zu starren. Ethel halte die ihrem Großvater gegenüber im Scherz gemachte Drohung erfüllt- sie hatte Miß Pamelas jungen Arzt vollständig unter ihre Herrschaft gebracht. „Wie sich meine arme Tante in ihrer Rolle als Wwthm abrnüht!" sagte sie endlich, ohne die letzte Bemerkung de jungen Arztes zu beachten. „Kennen Sie viele von den Leuten hier, Doetor?" „N insgesar (stufen! //S indem s „5 habe ich verwuii! //« „Poolet gaben i Poole, ein voll im Hau „9 eine alt ,/3 Jugend und das ihres V c //X würdig, /A r. //_ MX Gasthof die Figi die Bek sah ich sehr toi V durch Blätter Rasenp Prangte Pavillo von all iA das O E die Lüf umher Zu sei daß de fallen 1 die Mi Wange Grupp, rasch z sonst st S //• Stimm E Leidwe geheim! wieder - Mi ii' „Wie dabei i T „berar hastig, 303 „Nein," antwortete er; „wie sollte ich auch? Sie sind insgesammt reiche Leute, und ich — nun, ich muß die Stufenleiter des Glückes erst noch erklimmen." „Ist Blackport ein günstiger Ort dazu?" fragte sie, indem sie nachlässig mit ihrem Fächer spielte. „Ich hoffe es," erwiderte er heiter; „auf alle Fälle habe ich in der Katzen-Herberge meinen Anker geworfen." „In der Katzen-Herberge?" wiederholte Ethel Grehlock verwundert- „was ist denn das für ein Platz?" „Es ist der alte Gasthof, der früher unter dem Namen „Pooles Inn" bekannt war. Die Bewohner der Stadt gaben ihm seinen neuen Namen, da die Wirthin, Miß Mercy Poole, eine besondere Vorliebe für Katzen hat- sie hält wohl ein volles Dutzend oder noch mehr von diesen Vierfüßlern im Hause." „Nicht übel- ihr Geschmack beweist deutlich, daß sie eine alte Jungfer ist." „Die Leute von Blackport erzählen sich, daß sie in ihrer Jugend eine Liebschaft gehabt, die unglücklich geendet habe, und daß sie seit jener Episode, und namentlich sei dem Tode ihres Vaters, des alten Wirthes, sehr launenhaft geworden sei." „Bitte erzählen Sie mir mehr von ihr." „Ich wage es nicht zu versuchen, denn um Mercy Poole würdigen zu können, muß man sie sehen." „Und die Katzen?" „Dasselbe läßt sich von diesen sagen." „Ich werde Großpapa bitten, mich morgen nach dem Gasthof zu bringen," sagte Ethel, indem sie nachdenklich aus die Figuren ihrers Fächers blickte- „ich brenne vor Verlangen, die Bekanntschaft dieser Katzen zu machen- in meiner Kindheit sah ich einst Mercy Poole, und ich errinere mich ihrer noch sehr wohl." Vom Westen her sandte die Sonne warme Lichtfluthen durch die Bäume'- der Südwind säuselte sanft durch (bie Blätter - buntgefiederte Vögel flatterten über die üppigen Rasenplätze hin, auf denen Palmen und Aloe - Stauden prangten- frohes Gelächter erschallte aus den Sommer- Pavillons und Rosenlauben, heitere Stimmen ließen sich von allen Seiten vernehmen. „Hören Sie!" sagte Ethel plötzlich- „was spielt denn das Orchester da?" Eine eigeuthümliche, leidenschaftliche Musik erklang durch die Lüfte. Die Blätter der Bäume und Sträucher rings umher schienen bei ihren wehmüthigen Accorden zu vibriren. Zu seiner größten Bestürzung tvurde der Doctor gewahr, daß der bemalte Fächer den zarten Händen der Erbin entfallen war. Sie lauschte mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Musik, und heiße Thränen rollten über ihre schönen Wangen herab. In der Nähe ihres Stuhles stand eine Gruppe von Gästen. Vandine hatte die Geistesgegenwart, rasch zwischen diese und Ethel zu treten, deren Aufregung sonst sicherlich bemerkt worden wäre. Sie nickte ihm ihren Dank zu. „Blicken Sie mich nicht an," bat sie mit halb erstickter Stimme. Er wandte sich von ihr ab- doch fühlte er zu seinem Leidwesen, daß die schöne Erbin von Grehlock Woods einen geheimen Kummer nähren mußte. Sobald sie ihre Fassung wieder einigermaßen erlangt hatte, wagte er es, sie anzublicken. „Was war es?" stammelte er verlegen. „Die — die - Musik?" „Ja," antwortete sie mit erzwungener Heiterkeit. „Wie ich diese rührenden Melodien hasse- man fühlt sich dabei erregt, wie ein verliebtes Schulmädchen?" Doctor Vandime citirte halblaut die Verse Tennysons: Sie sagte nut: Der Tag ist schaurig; Er kommt nicht, sagte sie, Wie ist mein Herz so traurig, traurig „Verschonen Sie mich damit," bat sie ihn lächelnd - //derartige Poesie ist nicht nach meinem Geschmack. Wahrhaftig, Doctor, Sie sollten Tante Pamela eine Matte bringen - sie steht nicht gern auf dem Grase, und unter diesen Bäumen ist der Rasen ganz seucht- sie wird sich erkälten." Er war entlassen. In demselben Moment näherte sich Godfrey Grehlock dem Stuhle seiner Enkelin. „Wie? So traurig, liebe Ethel?" rief er, während der kalte Blick, den er dem Doctor zuwarf, zu sagen schien: „Warum vergeudest Du Deine Zeit mit diesem unbedeutenden Menschen?" Er zog ihre Hand rasch durch seinen Arm und sprach: „Komm, mein Kind, das geht nicht an, Du wirst von unseren Gästen vermißt." Im nächsten Augenblick war er mit ihr verschwunden. Der Doctor hob eine der Matten aus und begab f' damit zu Miß Pamela. „Sie haben sich mit meiner Nichte unterhalten?" sag die alte Dame, während er die orientalische Matte unt ihren Füßen ausbreitete. „Ja," erwiderte Vandine. Wiß Pamela war dem jungen Arzte aufrichtig zugethar sie hielt es daher für ihre Pflicht, ihm eine zeitige Warnun zu ertheilen. „Jedermann hier ist von ihr entzückt," sagte sie- „ic hoffe, Sie werden dem Kinde den Kopf nicht verdrehen auch hoffe ich, daß kein thörichter Schmetterling sich die Flügel an einem verbotenen Feuer versengen wird. Es ist zwar allgemein bekannt, daß Ethel schon so gut wie verlobt ist, mit einem englischen Baronet, ebenfalls einem Grehlock." Ja, es war bekannt. Vandine hatte es schon aus einem halben Dutzend Quellen vernommen- nichtsdestoweniger ging ihm bei Miß Pamelas Worten ein Stich durch's Herz. „Es ist jammerschade," rief er tief erröthend aus, „daß der Baronet keine Lebensgefährtin in seinem eigenen Lande finden kann. Betrachten Sie alle jene Herren dort, die sich um Miß Grehlock drängen- der Gedanke, daß sie bereits vergeben, ist sehr hart für sie selbst und noch mehr für die jungen Herren — diese abscheuliche englische Verlobung!" „Ich bin selbst nicht für derartige Verbindungen," erwiderte Miß Pamela- „allein wir Greylocks sind halb englisch, wie Sie wissen- mein Bruder hat sich nun einmal die Sache in den Kopf gesetzt, er meint, daß sie dem Familien- titel zur Zierde gereichen werde." „Sie würde einem Thron zur Zierde gereichen!" rief der Doctor leidenschaftlich aus. Miß Pamela betrachtete den jungen Mann mit besorgten Blicken. „Ich fürchte, Doctor, daß Sie sich hier sehr schlecht amusiren- wollen Sie nicht am Ballspiel theilnehmen, oder sich einer der Spielpartien auf der Piazza anschließen? Es sind Dutzende von prächtigen Mädchen unter meinen Gästen- soll ich Sie nicht einigen derselben vorstellen? Vielleicht tanzen Sie gern- das Orchester beginnt eben einen Walzer zu spielen." „Danke!" antwortete Dick traurig. Wie konnte er, mit Ethels herrlicher Gestalt vor Augen, an andere Mädchen denken? Um seinen Frohsinn war es geschehen. Sie war von jungen Männern förmlich umschwärmt. Er sah keine Möglichkeit, sich ihr zu nähern. Jedermann machte ihr, wie einer Königin, den Hof. Was hatte er noch zu hoffen? Ethel hatte ihn augenscheinlich ganz vergessen - sie hatte seinem Herzen eine tiefe Wunde beigebracht und war dann unbekümmert um seinen Schmerz ihren Weg weiter gewandelt. Miß Pamela konnte sich als Wirthin nicht ausschließlich mit ihm beschäftigen, und so fand sich der Doctor bald allein unter Leuten, an denen ihm nichts lag und die sich nicht um ihm kümmerten. Er faßte daher einen kühnen Entschluß und schlug den Weg nach Hause ein, der ihn an der Rosen-Villa vorbeibrachte. (Fortsetzung folgt.) 304 Vom „Deutschen Gretna-Green." Eine Plauderei aus Helgoland. Von Gustav Kopal. (Schluß.) Doch, um aus unser Thema zurückzukommen, vermeiden wir Conjcctural-Politik und beschäftigen uns nicht mit denen, die nach erhaltenem Bescheide seufzend verzichten müssen. Interessanter dürfte der Versuch einer Forschung sein, welche Beweggründe wohl die 50 Brautpaare des laufenden Jahres gerade nach Helgoland geführt haben. Wie aus dem Schema des Pastorats ersichtlich, hätten zweifellos sehr viele unter ihnen die Trauung auf dem deutschen Festlande gleichfalls haben können, wenn sie nur gewollt hätten, denn viel mehr Papiere, als hier verlangt werden, nimmt ja auch der deutsche Standesbeamte von der Etsch bis zu dem Belt schwerlich in Anspruch. .. Meine Ermittelungen hierüber sind naturgemäß lückenhaft, denn die indiskrete Frage, wie man überhaupt dazu komme, sich gerade aus Helgoland trauen zu lassen, wird selbstverständlich von den Helgoländern nicht gestellt; die stellen überhaupt keine überflüssigen Fragen, das überlassen sie den zahlreichen wißbegierigen Badegästen, denen sie mit unerschöpflicher Geduld zu antworten gewöhnt sind. — Also zunächst stellen die sogenannten „Ueberseer" ein starkes Contingent. Es ist, so schmerzlich es auch ein deutsch-staatsbürgerliches Gemüth berühren muß, eine traurige Thatsache, daß man an sehr vielen Orten jenseits des Oceans von solchen Papieren, die dem biederen Germanen so unerläßlich scheinen, wie die Lebenslust, gar nichts weiß; Imps-, Confirmations-, Militärbefreiungs- ünd so manche andere Scheine, für die ein reich mit Nachwuchs gesegneter Familienvater sich füglich einen eigenen Schrank ansckaffen kann, hält man in transatlantischen Gegenden für entbehrlichen Luxus. Nun kommt so ein unglücklicher Amerikaner, Asiate, Afrikaner rc. nach Deutschland, verliebt sich in blonde Locken nebst Zubehör, möchte heirathen und will mit dem nächsten Steamer wieder hinüber. Für ihn ist der Umstand, daß man in Helgoland wirklich nur die durchaus nothwendigen Documente verlangt, ganz unschätzbar und mit 200 Mark sehr billig bezahlt. Eine zweite Kategorie entgeht duich die Helgoländer Trauung den noch bedeutenderen Kosten und Umständen, sowie dem Zeitverluste, die durch das Aufgebot verursacht werden. Hiervon können namentlich Bühnenkünstler ein Lied fingen. Ich habe einmal in Hamburg einen derartigen Aushang gelesen, der die Proklamirung des Aufgebots in Wien, Riga und noch einem Viertel Dutzend anderer Städte verfügte, als an denjenigen Orten, wo die Brautleute innerhalb der letzten Jahre „gewohnt haben", d. h. engagirt gewesen waren. Deshalb wissen auch die Herrschaften vom Theater die „Trauung ohne Aufgebot" zu schätzen. Das wären die Haupt-Kategorien. Zu ihnen gesellen sich noch vereinzelte Paare, die besondere Gründe haben, sich in der Hcimath nicht trauen zu lassen. Beispielsweise verweigern in Mecklenburg die orthodoxen Geistlichen die Trauung zwischen Vetter und Base; den Grund weiß ich wahrhaftig nicht, denn in manchen anderen lutherischen Ländern Deutschlands nimmt kein Pastor hieran Anstoß. In England darf man die Schwester der verstorbenen Gattin nicht heirathen; auch das ist mir unerklärlich, weshalb trotz der Bestrebungen vieler Jahrzehnte die vielbesprochene „deceased wife’s sister- bill“ noch nicht durchgedrungen ist. — Ferner gibt es Brautpaare, in deren Familiengeschichte irgend ein dunkler Punkt vorhanden ist, von dem man nicht gern spricht, selbst nicht vor dem Standesbeamten und vor dem Geistlichen, denn neben diesen Respectspersonen, deren Diskretion man sicher ist oder doch sein sollte, gibt es Hilfskräfte als da sind Schreiber, Kirchenbeamte re., die man nicht gern im Stammbaum- Geheimniß einweihen möchte. Schließlich — last not least — bin ich der festen Ueber- zeugung, daß es selbst in unserer nüchternen Zeit noch Brautpaare gibt, denen es Freude macht, nicht auf dem allgemein üblichen Wege, vielmehr auf hochromantische Art den Herzensbund zu schließen. Wer unabhängig von Erbtanten und Amtsvorgesetztcn, Geschäftsrücksichten und allen sonstigen leichteren oder schwereren Fesseln, die Lebensstellung oder Convenienz auferlegen, die Eheschließung ohne Polterabend- und Hochzeitsfeststrapazen geschehen lassen möchte, welchen herrlicheren Ort könnte er finden, als dieses wundervolle Eiland, das ein Zauber der Poesie umgibt, wie er einzig in seiner Art ist! Hier mit der Neuvermählten zur Düne zu fahren, auf dem Oberlande die gigantischen Felsmassen zu bewundern, am Strande der dröhnenden Brandung zu lauschen — welcher Rahmen wäre schöner, das junge Eheglück zu umfassen! Nun ja, es gibt Alpen, Riviera re., die gewiß auch nicht zu verachten sind, aber die vortreffliche Küche, die Sauberkeit in den Logierhäusern und die vielen sonstigen schätzbaren Eigenschaften Helgolands sind doch auch kein leerer Wahn. Deshalb halte ich dafür: Es haben sich ganz gewiß hier auch Leutchen trauen lassen, die es nicht nöthig gehabt hätten, nur, weil cs doch sicherlich etwas Eigenartiges ist. Schließlich möge noch erwähnt sein, daß meiner lieber« zeugung nach die „Trauung ohne Aufgebot" noch ein Ueber- bleibsel aus dänischer Zeit ist. Nach früheren dänischen Gesetzen war die Trauung ohne Formalitäten auf sogenanntem „Königsbrief" auch in Schleswig-Holstein zulässig, und es mag namentlich in Hamburg noch alte Ehepaare geben, die sich aus diese Weise in Altona haben trauen lassen. Eine berühmte und hochverehrte Hamburgerin, deren Andenken noch lange in einem von ihr gegründeten Stift fortleben wird, erzählte mir vor etwa vierzig Jahren persönlich, wie sie mit ihrem Verlobten zu einem Altonar Pastor gefahren war, der sie nach anfänglicher Weigerung seufzend und sehr ärgerlich sofort traute, nachdem sie den „Köuigsbries" aus der Tasche gezogen hatte. Literarisches. Man abountre kein Modenblatt, ehe man beim nächsten Buchhändler eine Probe des in kurzer Zeit so beliebt gewordenen Moden- Journals ,®