Der Majoratsherr. Roman von Rataly e. Eschstruth. (Kortfttznng.) „Schönheit ist Geschmacksache- er muß mir gefallen, ob er Anderen gefällt, ist mir gleichgültig." Fränzchen nickte triumphirend. „Muß er reich sein?" „Namen und Vermögen sind mir gleichgültig." „Darf er ein paar Jahre jünger sein wie Du?" Sie blickte die Sprecherin überrascht an, jählings schoß ihr der Gedanke durch den Kopf: „Wie alt mag Carl Hellmuth sein?" Zögernd, etwas unsicher, zuckte sie die Achseln. „Auch das dürfte wahrer Liebe gleichgültig sein, es ist ja heutzutage sehr oft der Fall, daß die Männer Frauen heimführen, welche an Jahren älter sind, im high life ist es beinahe Modesache geworden und ich glaube--" Ein lauter Juchzer ließ sie beinahe erschrocken verstummen. Mit einer unverständlichen, triumphirenden Geste gegen die Mama warf Fränzchen ihren breitrandigen Strohhut in die Luft und begleitete dieses Manöver mit besagtem Jubelschrei, welcher sicherlich am anderen Rheinufer den Leuten noch in den Ohren gellte. „Kind — um Himmelswillen!" wehrte Tante Johanna, im gleichen Moment erschien der fröhlich lachende Papa nebst dem Assessor in der Thür des Hotels. „Schreihals, wir kommen ja schon!" winkte der Graf und Beide näherten sich im Sturmschritt. Abermals entbrannte ein kurzer Kampf der Großmuth, wer auf dem Kutscherbock sitzen solle. Der junge Forstmann weigerte sich energisch, den Platz im Wagen einzunehmen, dieweil eine junge Dame kutschiren solle. Fränzchen aber schwang sich MS M % \::m Ein liebeleeres Menschenleben Ist wie ein Quell, versiegt im Sand, Weil er den Weg zum Meer nicht fand, Wohin die Quellen alle streben. er nicht gelitten, hat nur halb gelebt; Wer nicht gefehlt, hat wohl auch nicht gestrebt; Wer nie geweint, hat halb auch nur gelacht; Wer nie gezweifelt, hat wohl kaum gedacht! Julie Burow. wie der geschickteste Turner gelassen auf den Bock, nahm die Peitsche zur Hand und hob sie drohend. „Einsteigen, Majestät befehlen!" „Kommen Sie nur, Verehrtester", half der Graf energisch nach. „Sie sitzt mit ganz besonderer Vorliebe immer da oben! Reiten und Fahren sind auch Passionen, welchen sie seit Kindesbeinen huldigt!" „Zügel her!" commandirte das Backfischchen, doch der Kutscher wehrte erschrocken. „Hier in den Bergen, Fräuleinchen? Um Gotteswillen nicht!" Lames Gelächter. „Mit den Hunkepunken, welche Sie eingespannt haben, fahre ich im Galopp auf den Blocksberg!" höhnte Fränzchen und Mr. Luxor klopfte dem Kutscher auf die Schulter: „Laflen Sie das Fräulein fahren, sie ist sehr sicher und geschickt, ich gebe Ihnen ein Trinkgeld extra!" „Los dafür!" Fränzchen piekte den sehr devot dienenden Oberkellner flugs noch mit der Peitsche in den Nacken, daß er im Schrecken vollends vornüber flog, ruckte lachend die Zügel, und heidi ging die Fahrt. Pia sah reizender aus wie je. Der Zug kühler Gleichgültigkeit, welcher sonst ihr Antlitz beherrschte und höchstens von einem formellen liebenswürdigen Lächeln für kurze Minuten verdrängt wurde, war einet strahlenden Heiterkeit gewichen. Der Blick der blauen Augen war weich, seelenvoll und die Wangen schimmerten unter dem weißen Gazeschleier wie rosig überhauchter Marmor. Dabei war sie lebhaft und sehr heiter, eine Stimmung, welche Onkel Willibald besonders in seiner Umgebung liebte, und welche er durch seine eigene vortreffliche Laune aufs Beste unterstützte. Die Unterhaltung war allgemein, hie und da außerordentlich animirt durch Fränzchens hastige Einwürfe und Bemerkungen. Zum Entsetzen des biederen Rosselenkers saß die junge Dame meist halb zurückgewandt auf dem Bock, um nichts von dem Gespräch im Wagen zu verlieren, dennoch regierten ihre Fäuste die Pferde meisterlich, und selbst an schwierigen Wegestellen bedurfte es seiner eingreifenden Hülfe nicht. Als er das erste Mal, bei einer schwungvollen Körperwendung der kleinen Miß nach rückwärts erschrocken nach den Zügeln greisen wollte, fühlte er jählings einen Peitschenklapps auf der Hand: Pfoten weg! Glauben Sie etwa, ich fahre zum ersten Mal auf solch einem Katzenbuckel von einem Berg spazieren?" 562 — Der stolze Rheinländer fühlte sich im ersten Moment ein wenig verletzt, aber er gedachte des versprochenen Trinkgeldes der feinen Herrschaft und im nächsten Moment war das kleine Fräulein auch wieder so kameradschaftlich vertraut und innig mit ihm, daß Genugthuung seine Brust schwellte. Welch eine köstliche Fahrt durch den thaufrischen, sonne- durchleuchteten Morgen! Je höher man kam, desto malerischer breitete sich die Rheinebne unten aus, belebt durch den majestätischen Fluß! Seine wechselvollen Uferstädte und Dörfchen lagen malerisch in das erste Grün des Lenzes hingeschmiegt, über die Bergketten wehte ein smaragdener Schleier und Schlösser und Ruinen träumerisch dazwischen wie verkörperte märchenhafte Poesie! Dann rauschte der Wald zu beiden Seiten des Weges und spannte seinen Zauber um Herz und Seele. All die tausend holden, jubelnden Frühlingsstimmen, all der geheimnißvolle Duft verborgen blühender Blumen, all das Flüstern, Raunen und Säuseln schmolz zusammen zu wonnevoller Harmonie, zu einem Waldweben, wie es schon Jung Siegfrieds Herz mit Sehnen ahnungsvoller Lust erfüllt. In der Nähe des Denkmals stieg man aus. Der Graf führte seine Gemahlin langsam voraus und Fränzchen hing sich als zärtliche Klette wieder an Pias Arm und feffelte ihren Freund Hellmuth voll sprudelnder Laune an ihre andere Seite. Sie trug allein die Kosten der Unterhaltung und bemerkte es in ihrer Lebhaftigkeit gar nicht, wie schweigsam ihre Nachbarn waren. Wenn die beiden jungen Leute auch kein Wort fanden und finden durften, um ihre übervollen Herzen auszuschütten, so sprachen die Augen um so beredter, wenn sich verstohlen, voll heimlicher Scheu die Blicke trafen. Comteßchen musterte mit blitzenden Augen die wundervolle, heldenhafte Gestalt der Germania. „Ja, das kann mich ewig ärgern, daß ich anno siebzig nicht mit erlebt habe?" plauderte sie, ihren Hut mit kühnem Stoß in den Nacken schiebend, „wenn man da hätte mit kämpfen können! alle Donner ja, ohne das eiserne Kreuz wäre ich nicht heimgekommen, na, das nächste Mal, wenn es wieder loSgeht, gehe ich mit!" Der Assessor sah die kleine Renommistin amüstrt an: „Als barmherzige Schwester oder mit dem Marketenderwagen V Ein entrüsteter Blick sprühte zu ihm auf. „Nette Zu- muthung! Pfui Deiwel, das fehlte mir grade, nein, feste mit in die Reihen will ich! Papa hat es auch schon erlaubt, daß ich bei den Husaren . . ." „Kantinenjuste werde!" spottete die Stimme des Grafen dazwischen. Die Eltern blieben stehen und ein beinahe zorniger Blick der Mama traf das wilde Töchterchen. „Bitte, Herr Assessor, machen Sie es dem emanzipirten Fräulein doch einmal klar, wie widerwärtig es ist, wenn junge Mädchen in ihrer Sportpassion kein Maß und Ziel wissen! Die Zeiten einer Prohaska sind vornüber, heutzutage werden^ Mädchen, trotz größter Begeisterung nicht mehr in die Reihen der Krieger eingestellt!" „Gut, dann gehe ich mit der Ambulance!" grollte Fränzchen, sah dunkelroth aus und machte kurz auf den Hacken kehrt, um sich die Aussicht von der anderen Seite zu betrachten. Ein alter Invalide trat mit höflichem Gruße näher, und Graf Willibald redete ihn jovial an, sich diese und jene Auskunft von dem biederen Veteran zu erbitten. Pia und Carl Hellmuth schritten mechanisch weiter, und als sie das blühende, sonnige, wonnige Rheinland zu ihren Füßeu schauten, standen sie still und genossen trunkenen Blickes die Schönheit dieser Stunde. „Wie schön bist Du, mein Vaterlandl Wie schön bist Du zu schauen! Es glänzt des Fluffes Silberband Durch frühlingsgrüne Auen." Lächelnd sah er sie an. „Möchten Sie es singen?" Sie schüttelte das Köpfchen und versuchte zu scherzen. „Der Anblick dieser schönen Gotteswelt ist herrlich und würde wohl jede andere fühlende Seele zu einem Lied begeistern, ich verstockte Sünderin bedarf aber noch mehr des himmelhoch Jauchzenden, um mein Herzensglück hinaus zu singen." „Wie gern möchte ich ein einztges Lied von Ihnen hören!" Sein Blick traf aufleuchtend den Veilchenstrauß, den sie an der Brust trug und sie erröthete. „Würden Sie auch mit in den Krieg ziehen wie Ihre Fräulein Cousine?" fragte er unvermittelt. „Nein, ich würde überhaupt nichts thun, was einem weiblichen Wesen nicht zukommt." „So hat die Frauenbewegung nicht auf Ihre Unterstützung zu reLnen." „Nein. Ich sehe an Fränzchen zur Genüge, wie häßlich es ist, wenn ein Mädchen den Männern in das Hand, werk pfuscht!" „Und doch hat es seit langer Zeit keinen so freundlichen Engel gegeben, wie Miß Francis." Pta lachte. „Ein Engel auf dem Kutscherbock!?" „Ja, gerade da! ein rettender Engel! Ohne ihr energisches Eingreifen in mein Schicksal würde ich den heutigen Tag nicht so glücklich verleben, wie ich es jetzt thue!" „Sie haben recht, auch die Emanzipation kann ihr Gutes haben, ich will sie nicht mehr schelten." „Ohne darum ihre Anhängerin 'zu werden? Sie würden ja doch kein Glück als Aerztin haben, Miß Lilian!" „Bezweifeln Sie, daß ich etwas leisten würde?" „O ja, leisten würden Sie viel, ob aber gerade das Richtige?" „Ich verstehe Sie nicht?" Da sah er sie wieder mit einem unaussprechlichen Blick an und athmete tief auf. „Sie machen die Menschen krank, Miß Lilian, — aber nicht gesund!" Sie schwieg überrascht, ihre großen Augen blickten, ohne zu verstehen, in die seinen. Er lächelte und sagte leise: „Herzkrank, Miß Lilian!" Man schrit zu dem Wagen zurück. ' Fränzchen hatte zuvor voll Nengierde die Bergbahn, welche just eine fröhliche Studentenschaar zum Denkmal beförderte, besichtigt, und mochte das Außergewöhnliche ihrer Erscheinung wohl das Interesse der jungen Herren erweckt haben. Sie schienen den Frühschoppen bereits hinter sich zu haben, hakten sich in langen Reihen unter und folgten dem jungen Mädchen. Fränzchen kokettirte ersichtlich und schien sich über die Masse der Kußhändchen zu freuen, die man ihr zuwarf. Sie trat zu ihrem Vater und stieß ihn fröhlich an. „Sieh doch! sieh doch! wie ich ihnen gefalle, sie verlieben sich sämmtlich in mich!" flüsterte sie mit funkelnden Aeuglein. Der Graf ward »«begreiflicherweise nicht böse, sondern lachte. Indem nahten Pia und der Assessor, ihr Anblick schien die Studenten zu überraschen, — sie hoben galant die Spazierstöcke und salutirten der Schönheit des jungen Mädchens und dann Hub plötzlich eine tiefe Baßstimme an zu singen: „Jetzt kommt der Frühling! die Bäume schlagen aus, und ich bring meim' Schätzer! einen Veilchenstrauß" Pia ward dunkelroth, sie sah auf den Veilchenstrauß an ihrer Brust nieder und fühlte Hellmuths Blick auf sich ruhen, als er leise, wie für sich wiederholte: „Ja! jetzt wird Frühling! die Bäume schlagen aus! und ich bring meim' Schätzer! einen Veilchenstrauß !z Capitel 19. Ich schritt an Deiner Seite im stillen Buchenhain, #tn störende» Geleite ließ nimmer uns allein! Und mußten wir zurück auch in's Herz die Worte pressen, Doch sagten unsere Blicke, daß wir uns nicht vetgeffen. Sechs Tage waren vergangen, seit Mr. Luxor nebst Familie und Dienerschaft in der Kuranstalt von Aßmanns- hausen Wohnung genommen. Nicht die heilkräftigen Lithion- quellen lockten ihn zu längerem Aufenthalt, sondern die wunderbar schöne Lage des kleinen Bades, welches alle Reize und poesievolle Anmuth des Rheines in sich vereinigte. Mit den amerikanischen Herrschaften zugleich war em guter Freund derselben, Assessor Hellmuth, in dem Kurhause eingekehrt, und wer den jungen Herrn beobachtete und sich ein wenig Menschenkenntniß angeeignet hatte, der merke gar bald, daß dieser weder dem Lithion, noch der herrlichen Aussicht zu Liebe Gast in Aßmannshausen geworden war. Der junge Forstmaun hatte ein Zimmer in der Dependence-Villa des Kurhauses bezogen, in welchem auch Mr. Luxor uebst den Seinen Wohnung genommen. Voll Entzücken hatte Pia ein kleines Thurmzimmer entdeckt, welches einen zauberhaften Rundblick auf den Rhein, Bergen und Burgen gewährte und dann begeistert von dem Gedanken, als modernes Rirterfräulein hier zu Hausen, hatte sie um die Erlaubniß gebeten, dieses Poetenstübchen bewohnen zu dürfen. Tante Johanna nickte lächelnd- auf ihren Befehl bezog Dorette das kleine Vorzimmer. Eine unbeschreiblich reizende Zeit begann. Obwohl sich die kleine „amerikanische Gesellschaft" von jedem Verkehr mit den anderen Kurgästen zurückzog und auch die Mahlzeiten allein servirt bekam — nur der Assessor war auf Fränzchens ungestümes Verlangen zu denselben hinzugezogen worden — verliefen doch die Tage so wechselreich und amüsant, wie nur möglich. Man unternahm vor allen Dingen die manigfachsten Wasserpartien, besuchte die umliegenden Burgen und durchstreifte die interessante Umgegend nach allen Richtungen. Flammende Purpurstreifen malten den Himmel und vergoldeten die Zinnen von Rheinstein. Schon zum zweiten Male stattete die kleine Gesellschaft dem malerischen Schlößchen einen Besuch ab, und Fränzchen hatte mit dem „Burgwart" bereits innige Freundschaft geschlossen, welche schließlich zu dem Resultat führte, daß der Getreue zu einem staubigen Horn griff, es eifrig blank rieb und dem kleinen Fräulein zu Liebe die schönsten Lieder vom Thurm herabblies. Fränzchen war begeistert, obwohl der bescheidene Künstler versichert: „Winters über bleibt die Trompete am Nagel hängen, und da käme er doch sehr aus der Uebung. Wenn er erst eine Zeitlang wieder zur Probe geblasen, dann wolle er wohl schon etwas Besseres leisten!" Fränzchen fand es äußerst verlockend, dieses Instrument, welche- ihr nächst dem Leierkasten am schönsten deuchte, auch zu erlernen, ein Vorsatz, welcher große Heiterkeit hervorrief. „Eine junge Piston-Virtuosen wäre allerdings etwas Eigenartiges!" lachte der Assessor. „Auch ist der Zweig dieser Kunst von den eitlen jungen Damen nicht allzuoft gepflegt worden. Da Sie aber gar nicht wessen, was Eitelkeit ist, und die Posaunenwänglein Ihnen in der That auch sehr gut stehen, dürfen wir von Ihnen große Leistungen erwarten, Miß Francis!" Die Kleine setzte statt aller Antwort die Trompete an den Mund blies den Spötter so gewaltig und so haarsträubend an, daß alle Hände entsetzt nach den Ohren griffen. „Hat Margaetha nicht auch auf der Trompete geblasen?" l*agte sie alsdann triumphirend. //Gewiß I Genau mit Ihrem Talent, o Königin! welches Stein erweichend, Menschen rasend machen kann!" „Weil sie noch keinen regelrechten Unterricht gehabt hatte! — lächerlich! bei dem Trompeter Jbon Säkkingen finden alle Menschen das Tuten himmlisch, großartig, — poetisch! — Margaretha ist sogar so albern, sich deffent- halb in ihn zu verlieben, und wenn sie selber musikalisch werden will, behaupten die Zuhörer plötzlich, sie bekäme» Leibweh davon, — und es war doch ein und dieselbe Trompetei da hier, Assessor — pusten Sie mal! wollen doch sehen, ob sie es gleich im Aushieb besser können wie ich!" — sie hielt ihm mit einer ihrer derben Bewegungen das Instrument hin, — Hellmuth aber schüttelte lächelnd den Kopf: „Wenn ich es wagen wollte, würde man sofort in Bingen die Feuerglocken läuten!" „Wir können ja erst den Nachtwächterreim singen, das nimmt der musikalischen Leistung vielleicht das Schauerlich- Allarmirende!" spottete sie. Drunten an der Thurmspitze rief die Gräfin- eS war Zeit, an dem Heimweg zu denken. Fränzchen warf die Trompete auf die Bank und stürmte mit polternden Schritten die Stufen hinab. Pia stand allein neben Carl Hellmuth. Die letzten Lichtstrahlen flimmerten über ihr blondes Köpfchen und der leichte Windhauch wehte die Aermel ihres weißen Kleides zurück, daß es aussah, als seien der schlanken Mädchengestalt Engelflügel gewachsen. Wie trunken vor Entzücken hing sein Auge an ihrem Antlitz, und mit jäher Bewegung nahm Pia die Trompete und reichte sie ihm stumm mit bittendem Blick entgegen. Er griff jählings zu, aber nicht nach dem blinkenden Metall, sondern der kleinen weißen Hand, welche es darbot. Und ehe daS junge Mädchen wußte, wie ihr geschah, hatte er diese weiche Hand an die Lipprn gezogen, um sie mit heißen, leidenschaftlichen Küssen zu bedecken. „Lilian, kommt doch! wo bleibt Ihr?!" klang FränzchenS ungeduldige Stimme von unten. Die Gerufene schrak zusammen, glühende Röthe flammte über ihre Wangen. Sie wollte hastig ihre Rechte befreien und davoneilen. Carl Hellmuth aber drückte sie nur desto heißer an die Lippen. Und dann richtete er sich gewaltsam sauf und flüsterte mit halberstickter Stimme: „Nicht jetzt—-nicht jetzt! später!" Pia hörte es nur noch wie im Traum, mit glückzitterndem Herzen flog sie wie eine lichte Erscheinung an ihm vorüber zur Treppe. —--Schweigend schritten sie den Burgberg hinab, unter leis flüsterndem Waldesgezweig hinweg, in welchem liebestrunkene Vogelstimme« zarte Nachtgrüße tauschten. Die Dämmerung sank schnell, — feine Nebelschleier wehten schon über den Fluß, und längs der Bahngeleise blitzten sdie ersten Ltchtlein auf. Nachtkäfer surrten schwerfällig über den Weg und der Fliederstrauß an Pia- Brust duftete stärker wie zuvor. Fränzchen trug wieder allein die Kosten der Unterhaltung, sie ging, wie stets, Arm in Arm mit der Cousine und plauderte über diese hinweg mit dem recht einsilbigen Affeffor. Mr. Luxor folgte etwas langsam mit seiner Gemahlin. „Das Trompetenblasen hat mir bis jetzt eigentlich noch gefehlt," sagte Comteßchen plötzlich, ganz gegen Natur ein wenig schwärmerisch, und als kein „warum?" gefragt wurde, fuhr sie auch ohne Antwort eifrig fort: „Meiner Ansicht nach gehört das nämlich zum Rhein! schon um des Trompeters von Säkkingen willen! — den Schmöker .kennt doch jeder Mensch und läßt ihn sich auf die Nerven gehen — na, du lieber Gott, mir ging es auch so! — die Margaretha, süßer Balg! ich kaufte mir damals alle Illustrationen, welche ich nur auftreiben konnte, — und als ich die Geschichte zum sechstenmal las, da schluckste ich doch noch mit den Th'ränen, wenn ich an die Trennung kam! — Gräßlich! ich werde doch lieber nicht die Trompete blasen lernen, denn es hat immer den wehmüthigen Beigeschmack von: „Behüt Dich Gott, es wär zu schön gewesen, Behüt Dich Gott, eS hat nicht sollen sein V* (Fortsetzung folgt.) -- 864 — Thierschuh im Winter. Me mitleidigen Freunde der Thierwelt mögen in den kalten Wintertagen folgende Mahnungen beherzigen und befolgen: Den Vögeln spende täglich frisches Futter, z. B. allerlei Körner und Sämereien (als Vogelfutter käuflich), Speisereste, nicht ganz abgelöste Knochen, zerkleinerte Fleischstückchen, zerschnittene Nußkerne, Stückchen Talg, Speck, Schinkenreste u. s. w. Diese Stoffe lege auf die Fensterbank oder auf ein Brett, welches vorher vom Schnee zu befreien ist. Solche Uebung der Barmherzigkeit übertrage den Kindern, welche große Freude daran finden. Die Thiere des Waldes vor dem Verhungern zu schützen, ist die Pflicht der Jagdliebhaber: „Ein echter Jäger — ein Wildheger." Der an der Kette liegende Hofhund ist durch ein wohlverwahrtes, gut gedecktes Häuschen vor Kälte und Schnee möglichst zu schützen. Seine Lagerstätte werde öfters mit frischem Stroh und Teppichen belegt und stets warm und reinlich gehalten. Man lasse den armen Gefangenen jeden Tag einige Stunden los, damit er sich frei bewegen und freuen kann. An Futter bedarf das Thier jetzt mehr als im Sommer. Sein Trinkgefäß werde täglich gereinigt und mehrmals frisch gefüllt. Zughunden binde man eine wärmere Decke auf und lege ihnen, wenn sie ruhen, einen Teppich unter, welcher nach dem Gebrauche vom Schnee befreit und getrocknet werden muß. Diese Gehilfen der Menschen müssen im Winter reich, ltche Nahrung bekommen und es darf ihnen die nöthige Ruhe und Erholung nicht versagt werden. Pferde lasse man bei kaltem Wetter im Freien niemals unbedeckt und lange stehen. Die Hufeisen müssen öfters geschärft werden. Es empfehlen sich solche mit eingeschraubten Stollen, welche, wenn sie abgenutzt sind, leicht durch neue ersetzt werden können. Das Geschirr bewahre man im warmen Stalle auf. Ist dasselbe dem Frost ausgesetzt und wird dann das eiskalte Gebiß dem Pferde in's Maul gelegt, wie es leider in manchen Gegenden noch geschieht, so werden dem armen Thiere schwere Verletzungen an Lippen und Zunge und große Schmerzen verursacht. Solche schreckliche Thierquälerei wird leicht vermieden, wenn die Eisentheile vor dem Gebrauche in warmes Wasser getaucht oder mit einem warmen Lappen gerieben werden. Dieses ist auch nöthig, wenn die Pferde im Freien Futter bekommen und ihnen dabei das Gebiß herausgenommen wird. Daß bei Glatteis keine zu schwere Last aufgeladen werden darf und bei Steigungen Vorspann zu nehmen ist, versteht sich für jeden verständigen Fuhrmann von selbst. Sämmtliches Vieh erhalte zur Winterszeit reichliches Futter. Die Ställe sind gegen Kälte und Zugluft gut zu verwahren, die Krippen vor jeder Fütterung zu reinigen. Soll sich das Vieh behaglich fühlen und gut gedeihen, so gebe man reichlich warme Unterstreu und wechsle dieselbe öfter, so daß sie stets locker und trocken, reinlich und weich bleibt. G-nr-innÄtzig-O. Blühende Zweige kann man im Winter haben, wenn von Kirschen, Springen, gefüllten Pflaumen Ende Novemberoder Anfangs December Zweige mit Blüthenknospen ge- geschnitten werden, die man ins Wasser stellt. Anfangs bringt man, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, da- Gefäß in ein kaltes Zimmer, später in die warme Wohnstube oder Küche, wo sich die Knospen entwickeln können und auch richtig aufblühen. Das Wasser muß immer die Wärme des Zimmers haben. * * * Daß Gänseschmalz sich neben vielen anderen Zwecken, als ganz besonders schmackhaft und vortheilhafter wie Butter, als Zuthat beim Backen von Kuchen und Weißbrod verwenden läßt, ist wohl hinlänglich bekannt. Allgemein bekannt dürfte es aber nicht sein, daß man, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, Gänseschmalz um diese Zeit in Flaschen gefüllt und gut verkorkt, nicht nur Sommer über, sondern bis es wieder frisches Schmalz gibt, vollständig wohlschmeckend erhält, während es auf die gewöhnliche Art, z. B. im Steintopf ausbewahrt, schon gegen Anfang des Sommers einen unangenehmen öligen, fast ranzigen Beigeschmack hat. * . * Anisbrod (zu Thee, Wein rc.). 125 Gramm Zucker mit 7 Eigelb gerührt, das Gelbe einer Citrone, etwas Anis und 50 Gramm Pomeranzenschalen, 150 Gramm Mehl und den Schnee von 7 Eiern. Die Masse wird in eine längliche Blechform gefüllt und langsam gebacken, wenn erkaltet, in Schnitten geschnitten und gebäht. ♦ * • Mandelzwiebaök. 200 Gramm Zucker werden mit fünf ganzen Eiern, etwas Zimmt und 375 Gramm Mehl zu einem Teig gewirkt. Von diesem Teig werden fingerlange Stängel geschnitten, dieselben in geschälten, kleingeschnittenen Mandeln gerollt und auf mit Butter bestrichenem Blech im mittelheißen Ofen gebacken. * * * Punsch-Effenz. Man nimmt, um 1 i/t Flaschen Essenz zu erhalten, 4 Citronen, reibt die Schalen etwas an 370 Gr. Zucker ab, klopft diesen klein, thut ihn in eine Messingpfanne und preßt allen Citronensaft darüber aus. Auf gelindem Feuer unter stetem Umrühren läßt man den Zucker vergehen und bis zum Kochgrad kommen. Hierauf wird die Pfanne vom Feuer entfernt und unter weiterem Umrühren V, Liter Arac zugesetzt. Sobald der Saft sich damit verbunden hat, füllt man die Essenz in Flaschen und verkorkt sie gut. Der Geschmack derselben ist ein vorzüglicher und hat vor den käuflichen Essenzen bedeutende Vorzüge: er schmeckt besser und hinterläßt kein Kopfweh am anderen Tage. Hrrinsvistisch-r. Sachverständig. Im Hause eines sehr reichen Emporkömmlings sollte eine äußerst reichhaltige Münzen- und Medaillensammlung bestehen. Ich eilte hin, um all die antiken Dinge zu bewundern. Der Herr des Hauses empfing mich ehr liebenswürdig und wies mit Stolz auf die glänzenden Münzen und Medaillen, die er besaß. „Aber ich möchte die alten Medaillen sehen," sagte ich etwas ungeduldig. — „Das md die alten," erwiderte, sich stolz in die Brust werfend, der Mann des Geldes, „wenn ich eine sehr alte Münze kaufe, so lasse ich sie immer gleich vergolden." * * e Seltsame Annoncen. „Wegen Mangel an Raum ist ein Siegelring zu verkaufen." — „Ein Kegelbub, welcher bereits bei den bedeutendsten Bahnen angestellt war, sucht eine ähnliche Stellung." - „Agenten, welche in Thierhäuten reisen, werden sofort ausgenommen." * * * Nach der Verheirathung. Junge Frau: „Mein Mann ist doch zu gut; täglich überhäuft er mich mit den Beweisen seiner Liebe. Erst gestern hat er mich wieder in die Lebensversicherung eingekauft." * * * Er weiß es besser. „Station Rawitsch," ruft der Schaffner ins Coupee beim Halten des Zuges, „fünf Minuten Aufenthalt." — „Das werden Sie wissen," antwortet der soeben angekommene Zuchthaussträfling, „Acht Jahr und drei Monate dauerts." dackion: SL Echeyda. - Druck uub »erlag der Brühl'schen Univerfitürr-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Echeyda) in Gießen.