Der Majoratsherr. Semen von Nataly ». Sschstruth. (Fortsetzung.) Graf Rüdiger fuhr nach einer kleinen Pause fort: „Pia lebt immer noch bei dem Vormund, ehemals in Paris, jetzt im Haag. Auf Wunsch des Vaters aber soll sie diesen Wimer nach Hause kommen, um die hiesige Saison zu „verschönern". Ich lobte die Absicht sehr — ja ich gestehe ehrlich ein, daß ich darauf gedrungen habe, denn es wird die höchste Zett, das Ihr Euch kennen lernt! Pia wird nicht jünger — und bei ihrer Schönheit dürften sich wohl auch Freier für ein armes Mädchen finden. Du hast aber keine andere Wahl, wie diese kleine Nördlingen, und darum ist es gut, wenn dem ehemals schriftlich gemachten Antrag nun baldmöglichst der mündliche folgt." Wulff-Dietrich preßte die Lippen zusammen und blickte starr vor sich nieder. „Ich lasse mir durch das elende Erbe nun und nimmer mein Lebensglück zerstören —" sagte er ernst — „und ich gebe Dir mein heiliges Wort, wenn Fräulein von Nördlingen nicht nach meinem Geschmack ist, wenn ich sie nicht lieben kann —, werde ich sie nun und nimmermehr heirathen!" Athemlose Stille. „Und das Majorat?" Das werde ich als Junggesell übernehmen, und es Hartwig freistellen, durch eine entsprechende Heirath seinen Sohn zu meinem Erben zu machen." Graf Rüdiger lächelte so spöttisch wie immer und schnitt eine sehr erregte Einmischung seiner Gemahlin durch die Worte ab: „Gut, Du bist Dein eigener Herr und kannst handeln, wie Du willst. Ich denke aber, Pia wird Dein ffischblut auf jeden Fall in Wallung bringen, und Du wirst die Genugthuung haben, Deinen Ruf als felsenfester Ehrenmann nicht im Mindesten durch eine unmoralische Vernunfts- Heirath zu gefährden!" — Er schwieg und wandte sich nach Dienstag den 2. November. Ml iMgU IG ÄMi te Liebe, die die junge Braut an den Geliebten bindet, Ist wie ein duft'ger Rosenkranz, den Kindeshändchen windet. Die Liebe, die ein greises Paar am Lebensabend bindet, Ist wie des Schiffers stärkstes Tau, an dem der Anker gründet. der Thüre, in welcher ein Diener erschien, das Souper zu melden. Wulff - Dietrich bot auf einen Wink des Grafen der Mutter höflich den Arm und führte sie schweigend durch die lange Flucht der Salons nach dem Speisesaal. Mehr wie je empfand er es, ein Fremder in seinem Vaterhaus geworden zu sein. Capitel 10. Laune löst — was Laune knüpft. Schiller. In dem alten freiherrlich von Nördlingen'schen Hause brannte die Lampe in dem etwas altmodischen, einfachen, aber sehr behaglichen Wohnzimmer. In dem bequemen Ledersessel, welcher schräg neben den Tisch gerückt war, saß der Oberstlieutenant und studirte eifrig die Zeitungen. Draußen heulte der Schneesturm durch die enge Gasse, Hagelschauer und Eiskörnchen prasselten gegen die Scheiben und die rostigen Fensterläden greinten in den Angeln. Wie gemüthlich war es im warmen Zimmer! Der Freiherr rieb sich in bester Laune die Hände und lehnte sich nachdenklich in den Sessel zurück. Seine eigenen Angelegenheiten interessirten ihn momentan mehr, als alle Händel der fernen Außenwelt, welche die Zeitungen erörterten. Ein Gefühl innigster und glücklichster Zufriedenheit überkam ihn. Nach mancherlei Stürmen, Sorgen und Mühen war er in den Hafen glückseliger Ruhe eingelaufen, jetzt erst, nachdem er den bunten Rock ausgezogen hatte, in Wahrheit ein Freiherr zu sein. Seine Verhältnisse waren nie glänzend gewesen und blieben auch jetzt recht bescheiden, aber die Mittel reichten für ein anständiges, genügsames Leben aus, und das war die Hauptsache. Seine beiden Söhne waren gut ausgehoben. Der Aelteste war Marineoffizier geworden, der Jüngste berechtigte in der Seleeta des Cadetteneorps zu den besten Hoffnungen, — und Pia — seine einzige Tochter — — Ein strahlendes Lächeln verklärte das Antlitz des alten Offiziers. Für Pia war nicht nur gesorgt, sondern sogar glänzend gesorgt. Vorhin hatte er Graf Rüdiger im Adelselub getroffen. In intimster und vertraulichster Weise hatte sich Niedeck erkundigt, ob denn sein künftiges Schwiegertöchterchen nun endlich bei den Eltern eingetroffen sei? Seit Weihnachten habe er sie bereits sehnlichst erwartet, denn es werde doch nun hohe Zeit, daß er das Wort einlöse, welches er für seinen Sohn dermalen an die Kleine verpfändet! 510 - Herr von Nördlingen hatte schmunzelnd erwidert, daß sein Töchterchen seit drei Tagen zu Hause angelangt sei, und daß er nicht ermangeln werde, sie in Villa Casabella zu präsentiren! Der Graf war näher zu ihm herangerückt. Am 14. dieses Monats findet der letzte Hosball statt —" hatte er geflüstert. „Ich habe Wulff-Dietrich dazu herbeordert, damit er auf die Brautschau gehe. Sorgen Sie dafür, lieber Nördlingen, daß Pia auf dem Ball anwesend ist, damit wir die Bekanntschaft der jungen Leute anbahnen! Mein Junge ist nun alt genug, um heirathen zu können, und ein Erbe ist meinem Vetter Willibald auch noch nicht geboren. Also müssen wir an die Zukunft denken! — Wulff-Dietrich ist ein absonderlicher Kauz, er nimmt es mit Liebesdingen sehr ernst und feierlich, hoffentlich ist Pia in ihrem Wesen recht ausgesprochen deutsch geblieben, trotz der langen Jahre, welche sie in Paris verlebte! Wulff-Dietrich haßt alle französische Art, und ich fürchte, er hegt in dieser Beziehung Befürchtungen! Wollen Sie und Ihre Frau Gemahlin nun nach Kräften auf die junge Dame einwirken, bester Freund, daß sie sich dem Geschmack meines Sohnes ein wenig anpaßt —! Echt weiblich! Nicht von Zolabüchern und amüsanten Erlebnissen im Chat noir erzählen! Dasür hat mein solider Sohn kein Verständniß! — Also ich verlasse mich auf Sie, lieber Nördlingen, das Glück unserer Kinder steht auf dem Spiele!" Daran dachte der Freiherr jetzt, und ein pfiffiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Pia, seine goldlockige Pia, eine Pariserin! „O, wie wird Graf Wulff - Dietrich jenen schwarzen Verdacht, welchen er hegte, vor diesem Urbild aller deutschen Sittsamkeit, Alles edlen Stolzes kniefällig abbitten!" Was wird er für Augen machen, wenn er die für ihn Auserwählte sieht! Der Oberlieutenant wiegt sich schon in den rosigsten Hoffnungen und sieht die stolzen Triumphe vor Augen, welche seine Tochter und durch sie auch er feiern wird! Er hat Pia allerdings noch nicht mit jungen Herren verkehren sehen, aber er ist überzeugt, daß ihr stolzes, selbstbewußtes Wesen nie die Grenze des Erlaubten überschreiten wird! Dennoch thut er wohl gut, ihr zu sagen, was Graf Wulff-Dietrich von jungen Mädchen verlangt, und was für sie auf dem Spiele steht. Die Thür im Nebenzimmer öffnet sich, ein leichter Schritt nähert sich, — dann klirrt ein Schlüsselbund an dem Credenzschrank. „Pia?" „Ja, Papachen, ich bin es!" „Was lhuft Du?" „Ich gebe noch zwei Fleischgabeln heraus, — sie fehlen auf dem Tablett. Warum rufst Du? Soll ich Dir etwas besorgen?" „Ja! besorge mir einmal mein Töchterchen hierher!" Sie lacht leise auf und tritt ein. Der Lichtschein der Lampe fällt auf ihre hohe, schlanke Gestalt in dem geschmackvollen, dunklen Hauskleide. Wie eine junge Edeltanne ist sie gewachsen, kraftvoll und dennoch biegsam und gräziös. Ihre Bewegungen sind ungezwungen, sehr sicher und anmuthig, etwas Stolzes, Eigenwilliges drückt sich in der Haltung ihres Nackens und Kopfes aus. Ein auffallend reizendes Antlitz wendet sich dem alten Herrn zu. Blondes Haar, welches aussieht, als ob grelle Goldsünkchen darauf brennen, lockt sich voll und üppig über der Stirn, und schlingt sich zu so dichtem hell glänzenden Knoten, daß sich wohl jedem Beschauer der Wunsch aufdrängt, diese goldene Pracht einmal gelöst zu schauen. Große, veilchenblaue Augen leuchten über zart rosigen Wangen, — die Nase ist grad und zierlich, der Mund gleicht frischen Kirschen. Ein Ausdruck sinnender Weichheit liegt über dem zarten Gesichtchen, und dennoch kann derselbe schnell schwinden nnd einer stolzen, spröden Kälte, einer leidenschaftlichen Erregtheit Platz machen. Ihr Onkel hat den Eltern geschrieben: „Pia ist sehr leicht zu behandeln, wenn man ihrer Eigenart gerecht wird. Sie kann dahinschmelzen in Liebe und Weichheit, wenn man ihr mit der zarten, liebevollen Rücksicht begegnet, wie sie ihr unberührtes, ich möchte beinah sagen „heiliges" Kindergemüth verlangt. Eine hohe, sittliche Reinheit prägt all ihrem Handeln und Denken den Stempel auf, sie ist fähig, sich für einen zerlumpten Bettler, welcher ihr mit Respect begegnet und eine ehrenhafte Gesinnung bezeigt, aufzuopfern, und sie ist gleichfalls fähig, einem Prinzen, welcher sie nur im Mindesten durch einen kecken Blick oder ein kühnes Wort verletzt, Krone und Purpur vor die Füße zu werfen, wollte er ihr dieselben anbieten! Ich gestehe ehrlich ein, daß wir diese, allerdings etwas schroffen Gegensätze ihres Wesens eher cultivirt wie abgeschliffen haben, denn Pia gleicht einer Rose, welche der Dornen bedarf, ihre keusche Schönheit zu schützen. — Wenn ihre große Jugend zur Zeit auch noch zuläßt, daß Pia in ihrer Mimosenhaftigkeit hie und da zu weit geht, so wird sich das „zuviel" schon ganz von selbst verlieren, wenn sie ruhige und erklärende Ansichten von Welt und Menschen erhält." Der Legationsrath war ein Menschenkenner und geistreicher Mann, er hatte die kleine Nichte, welche in seinem Hause herangewachsen war, sehr richtig geschildert, aber Herr von Nördlingen war gar nicht tm Mindesten diplomatisch beanlagt, und viel zu ungewandt in der Behandlung von Mädchenherzen, als daß obiger Brief die gewünschte Wirkung hätte auf ihn ausüben können. Er hatte in seiner Jugend kaum ideale Anschauungen gekannt, — jetzt, im Alter, nach dem schweren, sorgenvollen Kampf des Lebens, hatte er sie völlig verloren. Er dachte nur practisch, nur real und nüchtern, und wer anders zu denken wagte, den nannte er überspannt und unvernünftig. Der Gedanke, daß ein Mädchen eine so glänzende Partie wie den Majoratsherrn von Niedeck nicht mit allen Fiebern des Herzens ersehnen, — ja, womöglich ausschlagen könne — dieser Gedanke kam ihm gar nicht in den Sinn, im Gegentheil, er war überzeugt, daß die Pläne des Grafen Rüdiger Pias Herz mit demselben Stolz und behaglichen Entzücken erfüllt würden, wie das seine. Und in dieser Ueberzeugung zog er das reizende Töchterchen neben sich auf einen Sessel und reichte ihr schmunzelnd ein großes, gelblich gefärbtes Cartonblatt hin. „Na, was hätte ich denn hier, Mamsellchen? —Donner und Doria noch Eins, ich hoffe, Du freust Dich!" Pia warf einen Blick auf das goldene herzogliche Wappen und die gedruckten Zeilen darunter. Ein sonniges Lächeln erhellte ihre Züge: „Ein Hofball? — am 14.?? und ich bin auch schon mit eingeladen? O, das ist reizend, ich freue mich gar zu sehr, unsere hohe Herrschaften kennen zu lernen, denn eigentlich war es doch zu toll, daß ich in der Heimath so völlig fremd geblieben!" Der Freiherr kniff mit geheimnißvollem Lächeln die Augen zusammen: „Ja, es ist zu toll, — Du bist viel zu lange weggeblieben, und hast nun gar Manches schleunigst nachzuholen, mach Dich nur ganz besonders hübsch, und nimm Deine rosigste Laune mit, mein Goldfasänchen — denn es ist eine noch viel wichtigere Persönlichkeit wie Serenissimus da, welche Dich auch kennen lernen will!" Pia blickte unbefangen auf/ die langen, dunklen Wimpern malten breite Schatten um die Augen. „Noch wichtiger, wie die herzogliche Familie? das ist ja gar nicht denkbar!" Der Oberstlieutenant kniff sie voll unverhohlener Seligkeit in die Wange: „Kleiner Aff Du! was gehen ein junges Mädel denn die verheiratheten Leute an! — Bei Euch - 511 kommt doch immer zuerst die Mhrthe und dann erst die Königskerzen!" Pias lächelndes Antlitz ward plötzlich ernst: „Ich verstehe Dich nicht, Papa!" sagte sie, unwillkürlich ein wenig zurückweichend. Da lachte Nördlingen in seiner et vas derben Manier laut und recitirte: „Du Kind mit goldenen Härchen, Wart' noch achtzehn Jährchen, Dann kommt mein Sohn Wulsf-Dietrich Und macht zu seiner Gräfin Dichl" „Hahaha — Spiritus, merkst Du etwas?!" Das junge Mädchen zuckte zusammen, hoch und stolz hob sich das goldschimmernde Haupt auf den Schultern. „Du weißt, Papa, daß ich diesen abscheulichen, frivolen Vers hasse!" stieß sie mit bebenden Lippen hervor. Nein, Herr von Nördlingen war kein Menschenkenner, sonst hätte er schleunigst seinen Schlachtplan geändert. Er verstand sich aber nicht auf den Blick aus Mädchenaugen, darum lachte er noch mehr und noch lustiger: „Du haßt ihn gewiß, mein Herzchen, weil der saumselige Freier die achtzehn Jahre verstreichen ließ, ohne sein Wort einzulösen? Na, daS war nicht seine Schuld, Vetter Willibald hat sie ja durch seine Heirath auf Wartezeit gesetzt, und jetzt erst ist wohl die Erbfolge gesichert." „Ah — die Werbung galt also nur den sechzehn Ahnen?" furchte Pia die Stirn und fuhr voll schneidender Schärfe fort: „Die Braut selber war völlig Nebensache! erhielt Graf Wulff das Majorat nicht, so war auch die lästige Ehe unnöthig. Er hielt es nicht einmal für nothwendig, sich die Zukünftige anzusehen, bis ihm das Messer an der Kehle saß- nun aber, wo es ernstlich Zeit ward, an den Handel zu denken, nun kommt er wohl gar auf den Hofball, um mich zu mustern?!" Der Freiherr zuckte gleichmüthig die Achseln: „Du sprichst über Dinge, die Du nicht verstehst- Prinzessinnen und Edeldamen, welche Rücksichten auf Traditionen zu nehmen haben, müssen sich poetische Liebeswerbungen aus dem Kopf schlagen." Ich bin aber keine Prinzessin, welche sich für Land und Welt opfern muß!" „Aber Du bist ein armes, blutarmes Mädchen, welches auf seine Familie Rücksicht zu nehmen hat und Gott auf Knieen danken muß, wenn der reichste Erbe des Herzogthums es zu seiner Gattin machen will!" Pia hatte sich erhoben, ihre schlanke Gestalt bebte, ihr Antlitz war leichenblaß. „So arm ist meine Familie nicht, um ein derart sündhaftes Opfer von mir zu verlangen, und so elend, so verworfen und unmoralisch bin ich nicht, um einen derartigen Menschenhandel zu billigen, geschweige Gott dafür zu danken, daß man mich bis zur Schmach erniedrigen will! —" Zornesröthe stieg in das Gesicht des Oberstlieutenants, aber er war noch viel zu betroffen, viel zu starr über diese jähe unfaßliche Wendung der Dinge, daß er kaum zu sprechen vermochte. Er stützte die beiden Hände fest auf die Sessellehne: „Hast Du eine bessere Partie in Aussicht, als wie den Grafen Niedeck?" „Nein, Papa!" „Hast Du Dich bereits in einen Anderen verliebt?" „Nein, Papa." „Nun, dann verbitte ich mir in Zukunft alle Deine kindischen Einwände auf das strengste! Kannst Du mir einen anderen Freier zuführen, welcher sich in jeder Weise mit dem Majoratsherrn von Niedeck messen k mn, gut, so will ich Dir gern die freie Wahl zwischen Beiden gestatten, kannst Du es nicht, so hast Du Dich gehorsam dem Willen Deiner Eltern zu fügen, welche für Dich und Deine Zukunft sorgen wollen! —" „Auch die Gewalt der Eltern hat ihre Grenzen!" brauste Pia voll leidenschaftlicher Erregung auf. „Allerdings, sie hört auf, wenn sie ungehorsame und widersetzltche Kinder aus dem Vaterhaus verstoßen! — und ich versichere Dich, daß ich mich nicht von überspannten Backfischschrullen und krankhaften Sentimentalitäten tyranni- stren lasse! Fügst Du Dich nicht unserer Fürsorge, gut, so sieh, wie Du allein fertig wirst, unser Kind bist Du dann nicht mehr, das merke Dir." Er hatte mit sehr ruhiger, beinah kalter Stimme gesprochen, und das junge Mädchen wußte, was das bei dem Vater besagen wollte. Er hatte nie einen Widerspruch ertragen, er konnte maßlos heftig und jähzornig werden, wenn man sich Anordnungen, welche er getroffen, nicht fügte. Daran war jüngst auch seine militärische Carriöre gescheitert. Und ein Tropfen dieses hitzigen Blutes schäumte auch in Pias Adern. Bis in die Lippen erbleicht stand sie vor dem grausamen Sprecher. Sie kämpfte und rang gegen sich selber. Antwortete sie jetzt, so war es für ewig aus zwischen ihnen, das wußte sie. Und sie hatte den Pflegeeltern im Haag versprochen, auf die Schroffheit des Vater Rücksicht zu nehmen und keine Scenen heraufzubeschwören. Also schweigen- — Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Sie hob das Haupt stolz in den Nacken und wandte sich zur Thüre. „Noch eins!" klang die Stimme des Oberstlieutenants hinter ihr. „Glaube ja nicht, daß Du den Grafen durch ein unliebenswürdiges Benehmen zurückschrecken kannst! — Ihn abweisen oder abschrecken bleibt eins für mich. Ich werde dafür sorgen, daß Du im Verkehr mit ihm beobachtet wirst." Ein bitteres Auflachen wollte sich von den Lippen des jüngen Mädchens ringen, aber sie preßte dieselben wie unter physischem Schmerz krampfhaft zusammen und trat hastig über die Schwelle. (Fortsetzung folgt.) Londoner Modebrief. Von Mary Wood. (Nachdruck verboten.) KO. Wenn die Herbststürme brausend durch Wald und Wiesen sausen, beginnt für die Engländer die eigentliche Zeit des Vergnügens. Unbelästigt von Sonne und Hitze, geben sie sich allem nur möglichen Sport mit der nur dieser Nation eigenen Ausdauer hin. Es herrscht im Auslande die Ansicht, daß die Engländerin jeglichem Luxus abhold ist und die typische Erscheinung derselben, mag man sie nun auf die Bühne bringen oder wo immer man ein Bild einer Tochter Albions zu geben versucht, sei es in Romanen oder Beschreibungen, immer stellt dasselbe eine steife bläßliche, blondgelockte Dame vor, welche auf Plattfüßen durch's Leben zu wandeln scheint — und die, um bequem zu sein, jede Toilettenkunst verschmäht. Dem ist aber nicht so, im Gegentheil, die Engländerin ist sich vollauf des Eindruckes bewußt, welchen ihre Schönheit auf die Männerwelt ausübt und „the fair aex“ verabsäumt durchaus nichts, was geeignet ist, ihre Reize in's hellste Licht zu setzen. Nur beim Sport — und damit kehren wir nach der kleinen Abschweifung zum eigentlichen Thema zurück — huldigt sie dem Prinzip, nichts zu tragen, was nicht „comfortable“ ist und was sie in der Freiheit der Bewegungen hindern könnte. Direct „unfair“ aber wäre es, in drückenden spitzigen Schuhen, in hohen, steifen Krügen, worin man den Hals nicht bewegen kann, oder gar mit eng geschnürtem Corset am Spielplatz zu erscheinen, bei „play“ und „game‘- muß die vollste Ungezwungenheit herrschen. Also die Form ist entschieden Nebensache beim Sport, dafür wird der Farbenfreudigkeit keine Schranke gesetzt. Zum fashionabel- 512 sten aller Spiele, zum „Golf“, erscheint die ganze Gesellschaft, sowohl Herren wie Damen, in rothen Flanellhemden, wozu Letztere einen sehr kurzen, flach Plisstrten Sergerock, Erstere aber weiße Pantalons tragen, während alle Mitspielenden sozusagen unter einer Kappe stecken, d. h. Jeder und Jede erfreut sich als Kopfschmuck eines rothen Baretts. Sehr chocing als Spiel für Damen repräsentirt sich „Football“. Stellen Sie sich vor ein Spiel, wo man mit Ausnahme des ersten Ballwurfes nie die Hände, nur die Füße und die Beine benutzt! Allgemeiner Aufruhr herrschte in der prüden Damenwelt, als sich ein Damenclub constituirte, um „Football“ zu spielen und in dem dazu gehörigen Costüm, bestehend aus weißen, kurzen Flanell-Pluderhosen und Flaneühemd, seine Aufwartung machte! Dieses Spiel hat sich vorläufig noch nicht sehr verbreitet, da es jedoch ein Winterspiel ist, welches onf Asphalt ebenso wie auf weichem Rasen ausgeführt wer- den kann, hat es Chancen, gleich dem anfangs perhorres- cirtent Bicycle mit der Zeit Anklang zu finden. Was Letzteres betrifft, so hat es sich zu einem Hausgeräth wie die Nä' maschine herausgebildet, es wird aber zum Unterschied von den Französinnen nur im Straßenkleid Bicycle gefahren, nicht einmal mehr wie fnßfrei ist das dress, nur aus feinem guten Wollstoff und tadellosem Schnitt, welch' letzterer eine große Rolle spielt, denn ein schlecht geschnittener Rock läßt die Freiheit der Bewegungen nicht aufkommen. Wie gut die Radfahikunst selbst bei Hof angeschrieben ist, erhellt dadurch, daß b:e Königin von England unter ihren zahlreichen Jubiläumsgeschenken auch zwei kostbare, kunstvoll gearbeitete Fahrräder erhielr. Nebst dem Radsport erfreut sich aber auch der Laufsport großer Beliebtheit, dieser ist besonders bei der männlichen Jugend sehr im Schwünge, bedarf aber besonderer Hebung, und des Abends nach der Arbeit sieht man zahllose Jünglinge an den Ufern der Themse, welche sich trainiren. Dec Samstag ist der Tag des Sportes. Die, welche selbst keinen betreiben, wohnen den „events“ bei und an Tagen, wo wichtige Meetings, Meisterschaften u. s. w. ausgetragen werden, und das ist stets Samstags, geben Alle die active Rolle auf, um die Champions ihres Clubs, ihrer Grafschaft oder ihres Landes anzufeuern. Wir könnten unseren verehrten Leserinnen noch viel von Jagd-, Reit- und Schwimmsport erzählen, jedoch giebt es immerhin noch eine große Anzahl Damen, die kein Interesse für derlei Dinge haben, so heben wir uns denn dieses Thema für das nächste Mal auf, um auch den usuellen Modeneuigkeiten einige Zeilen widmen zu können. Um die von uns bereits erwähnte Vorliebe der Engländerinnen für Toilettenluxus zu betonen, wollen wir nicht unerwähnt lassen, welch' köstliche Spitzensammlungen sich in den Schränken Einzelner befinden. Man erzählt sich von einer Sammlung von Spitzen im Werth von 10,000 Pfd. Sterl., welche die Frau eines reichen „Stokbrokers“ wegen unglücklicher Spekulation ihres Mannes in amerikanischen Werthen, zu verkaufen gezwungen war. Da man befürchtete, die kostbare Sammlung, welche die ausgesuchtesten Stücke auswies, könnte in's Ausland gelangen, einigten sich die Damen des Highlifs zu einer gemeinsamen Action und brachten den seltenen Schatz in ihren Besitz. Ob derselbe bei der Theilung nicht Anlaß zu Zwistigkeiten geben wird? Spitzen, Juwelen und Parfüm sind die treuen Begleiterinnen der Engländerin für den Salon, anläßlich des Jubiläums feierte die Goldschmiedekunst wahre Triumphe. Tausend und abertausende Medaillons, Anhängsel und Löffel wurden in schwerem Gold mit den nationalen Abzeichen von England, Irland und Schottland, d. i. mit der Rose, dem Steinklee und der Distel geschmückt, und von den zahllosen Fremden als Geschenk in die weite Welt mitgenommen. Nirgends auch wird der Frau so viel Gelegenheit geboten, Toilette zu machen, wie hier in England, da in jedem besseren Familienkreis das „Dinner" der Zeitpunkt ist, wo man der Tagessorgen sowie des Werktagkleides sich entledigt, um im geselligen Zusammensein den Abend zu verbringen. Und wählt die Engländerin noch so puritanisch in matten Nüancen ihre Straßenkleider, im Salor und selbst im Haus liebt sie es, in glänzenden Farben zu erscheinen. Die Mode, Seide zu tragen, hat sich daher auch nirgends so intensiv verbreitet wie bei uns, jedes Mädchen, welches eingeführt wird, bekommt genau so ein schwarzes Seidenkleid wie etwa in Deutschland das erste weiße Ballkleid ; es wird durchaus nicht als prätentiös angesehen, wenn Mädchen in Seide erscheinen, es ist das Attribut der Selbstständigkeit. Wir müffen dem noch hinzusügen, daß das Toilettenbudget in London ein weit höheres ist, als was sich die Damen in bürgerlichen Kreisen nach deutschen Begriffen gewähren. Schuhe, Kleider, Hüte, Alles kostet in England fast das Doppelte und auf die Erscheinung des äußeren Menschen wird sehr viel Werth gelegt. Besonders kostbar ist Alles, was dem Bereich der Confection angehört. Den berühmten Sealpelz, welchen die Engländerin zuerst als elegantes, unübertrefflich warmes, unverwüstliches Kleidungsstück in die Welt einsührte, schließen sich die weichen, warmen, kostbaren Abendmäntel an, welche mit Eiderdaunen gefüttert, federleicht sind und wie alle Toilettestücke, die man hier des Abends trägt, reich geputzt werden. Bei Robinson, eines der ersten Ateliers, bewunderte man zwei Modelle, welche sür zwei hochstehende Damen bestimmt waren. DaS erste Modell, „Alcyon“ genannt, war aus nilgrünem Seiden-Bengaline, sehr weit und faltenreich, ohne Aermel in Kragenform geschnitten und kragenartig mit einer Rüsche von schwarzen Straußfedern geputzt, während das Futter aus schwerem rosa Damast bestand. Das zweite Modell „Radzimal“ repräsen- tirte einen Abendmantel mit halbweiten Aermeln, welche sich beim Handgelenk bauschig schlossen, und war aus dem neuartigen moirirten Sammet in heliotrop Farbe. Den Sattel umgaben breite Garnirungen aus weißem Musseline-Chiffon, aus demselben Material und kostbaren weißen Federköpfchen bestand die weit über die Ohren reichende Halskrause. DaS Futter dieses, ein kleines Capital repräsentirenden Mantels war aus weißem Brocat. Noch wäre zu erwähnen, daß das bisherige Modeparfüm „Rhino Violet“ von einem unglaublich wohlduftenden „Rhine Gold“ verdrängt wurde, und selbst die geübtesten Kenner wissen dem Ursprung des Duftes nicht auf die Spur zu kommen und die Fabrikanten erfreuen sich ihres Monopoles und hüten ihr Geheimniß sorglicher denn je. Gemeinnütziges. Couserviruug der Zwiebel«. Um die Zwiebeln vor dem Auswachsen im Frühjahr zu schützen, hängt man sie, nachdem sie gut abgedreht sind, in einem Netze drei bis vier Tage in schwachen Rauch. Der Rauch nimmt ihnen nichts von ihrem Wohlgeschmack, trägt aber viel zu ihrer Conser- virung bei und verhindert das Auswachsen. Aufbewahrt werden sie sodann, in dem Netze belaffen, an einem trockenen, luftigen Orte. * * * Zum Aufsetzen der Blumenzwiebel« auf Wafser- gläser ist jetzt die beste Zeit. In das Wasser kann man, wie der „Practische Wegweiser", Würzburg, schreibt, etwas Salz und Holzkohlen thun, damit es nicht riechend wird. Man darf nur feste und kräftige Zwiebeln verwenden. Einfach blühende Sorten liefern bessere Resultate als gefüllte. Der Wurzelboden der aufgesetzten Zwiebeln darf nicht in das Wasser reichen, er muß knapp über dem Wasserrand stehen. So vorbereitet, stellt man die Gläser an einem dunklen Orte auf, bis sie sich vollkommen bewurzelt haben. Erst dann können sie zum Treiben aufgestellt werden. Webaction: K. Ccheydg. — Druck und Perlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda) in Gießen,