Die schönsten Augen. Novelle von Carl Teschner. (Fortsetzung.) Bella machte mit Sorgfalt Toilette und begab sich nach der ihr von der Schülerin bezeichneten Wohnung. Mr. Aoung, der Vater dieser Schülerin, besaß ein Palastartiges Haus in einem der theuersten Stadttheile Londons. Er war ein Emporkömmling, welcher durch Fabriciren und Handeln mit Seife — indem er einige Hundcrttausende für Reclamen aufwendete — binnen zehn Jahren eine Million Pfund Sterling gewann. Mrs. Uoung, eine kleine spärliche Gestalt, die trotz der theuersten Stoffe, welche sie trug, nichts weniger als einen vornehmen Eindruck machte, empfing Bella in einem mit kostbarem Prunk überladenen Boudoir. „Meine Tochter hat mir von Ihnen gesprochen," sagte sie, „und da Sie sich bei mir bewerben, toiä ich Sie annehmen. Sie werden sich freilich eine Zeit lang sehr unsicher fühlen, da wir ein vornehmes Haus machen, und ich verlange schon etwas von meinem Personal. Sie werden zum Beispiel mit meinen Kindern immer in drei Sprachen reden: englisch, französisch und deutsch. Denn wenn wir nach dem Continent reisen, sollen sie sich überall zurecht finden und sich nicht betrügen lassen. Das thut man gern mit reichen Engländern in den deutschen Hotels und Kaufläden. Meine Kinder sollen sich bloß an das allerseinste gewöhnen. Dazu ist Master Will, mein Jüngster, schon auf dem besten Wege, dem ist's angeboren, und Miß Arabella, die kennen Sie ja, ist schon eine vornehme Dame. Die will ich jetzt von Mr. Phelps wegnehmen, der ist uns doch nicht fein genug. Und wozu die sehr vielen Bücherwirthschaften! Da werden Sie mit ro«mMaß dm 2 September i ru n hi Julius Wolff. oll die Wirthschaft gut gedeihen, Alles sich am Schnürchen reihen, Daß man an des Hauses Herde Seines Lebens froh auch werde, Muß man zu den kleinsten Dingen Selber Lust und Liebe bringen, Nimmer scheuen Müh' und Last, Daß zufrieden Wirth und Gast. Miß Cläre, meiner zweiten, schon mehr Noth haben, die sitzt zu viel über Büchern, das will ich nicht. Meine Kinder brauchen keine Büchermotten zu sein. Nur vornehme Lebens- kenntniß! Sie werden immer bei den Kindern sein und auch mit ihnen speisen. Wir haben oft Gäste, da können die Kinder nicht dabei sein. Nur Sonntags speisen wir Alle zusammen. Sie können gleich bei mir antreten. Jean kann Ihre Sachen holen." Bella fühlte sich bei diesem Vortrage erkünstelter Vornehmheit bis in die innerste Seele durchkältet, aber sie biß entschlossen die Zähne zusammen. Es blieb ihr keine andere Wahl, als sich in die neue Stellung einzuleben. „Lieber sterben," sagte sie sich, „als die Leute meiner früheren Hei- math wissen lassen, daß ich nicht glücklich bin!" Sie erhielt ein kleines Zimmer neben den für die Kinder eingerichteten Gemächern angewiesen, dann wurden ihr die Kinder vorgestellt. Arabellas Dünkel und Mangel an Lernlust kannte sie bereits. „Miß" Cläre war ein kleines, blasses Mädchen von dreizehn Jahren mit großen, tiefen Augen, aus denen eine still sinnende Seele sprach. Bella erkannte schnell, daß, was sie dem Kinde abgewöhnen sollte, dessen schönste Vorzüge ausmachte. Cläre war ausnehmend wißbegierig und schloß sich mit liebender Zärrlichkeit an das schöne, fremde Fräulein. Master Will, der elf Jahre zählte, bestätigte auch nicht im Kleinsten das Zeugniß seiner Mutter von angeblich angeborener Vornehmheit. Seine hervorstechenden Characterzüge waren altklug vorlautes Wesen, Rohheit, ungefügiger Trotz und unüberwindliche Trägheit. Fast nie that er, was von ihm verlangt wurde, gab öfter absichtlich verkehrte Antworten, kritzelte schlechte Figuren auf's Papier, wenn er schreiben sollte, und wenn Bella mit ihm deutsch oder französisch zu sprechen versuchte, sagte er übermüthig: „Ach, sprechen wir doch englisch! Wir sind ja Engländer!" Natürlich mißglückte die dreisprachige Conversation vollständig. „Sie müssen es doch nicht verstehen!" tadelte Mrs. Uoung beim ersten gemeinschaftlichen Mittagsmahle in herbem Tone die Gouvernante. „Aber Master will eben nicht Französisch sprechen, noch weniger Deutsch!" entgegnete Bella, die mit Mühe ihre Entrüstung niederkämpfte. „Da hat er recht!" mischte sich Mr. Aoung ein. „Ich kann die deutschen Stümper auch nicht leiden. Sie machen mir meine Etiketten nach, wollten ebenfalls reich werden. — 406 -- Nichts dümmeres als made in Germanyl Laß die Kinder italienisch lernen, da verstehen sie die italienische Oper!" „Können Sie denn Italienisch?" fragte Mrs. Uoung. „Nein," antwortete Bella. „Nur noch etwas Latein und Griechisch." „Griechisch ist nichts!" meinte der Hausherr. „Die Griechen sind arme Teufel, die keine Zinsen bezahlen. Und das Latein ist für den Magister in Oxford. Da lieber noch Spanisch; in Spanien, Argentinien und Brasilien haben wir Interessen!" „Aber französisch müssen die Kinder sprechen lernen!" behauptete Mrs. Aoung, „und da ist mir aufgefallen, Miß Bella, daß Sie eigentlich gar nicht richtig französisch reden. Sie haben den Nasenton nicht, den ich in Paris und Homburg gehört habe, und dann declamiren Sie auch so. Sie sollten sich selbst mehr einüben!" Bella empfing die Vorwürfe eines mit Grobheit angetünchten Geldstolzes stumm. Mit einer fast heroischen Selbstbeherrschung zwang sie sich, diesen Geldstolz zu respectiren, während sie ihn in glücklicheren Tagen selbst dann mißachtet hatte, wenn er ihr mit einer Scheinbildung abgetönt entgegengetreten war. Indessen steigerten sich noch die Prüfungen für ihre gequälte Seele. Sie mußte von Master Will, wenn sie ihn wegen irgend eines Fehlers zurecht wies, hören: „Ach, Sie verstehen es ja selbst nicht!" Eines Tages ertappte sie den Knaben dabei, wie er heimlich eine seinem Vater gestohlene Cigarrette paffte. Zornig entriß sie ihm dieselbe. Er schlug sie auf die Hand. Dafür ertheilte sie dem Frechen eine leichte Ohrfeige. „Frechheit!" rief er. „Das werde ich meiner Mama sagen!" und er lief hinweg. Arabella nahm seine Partei. „Sie werden das nicht mehr thun!" eiferte sie. „O doch!" versetzte Bella. „Immer wenn ich es nöthig finde, Ungezogenheiten zu bestrafen!" „Wir sind nicht ungezogen — Sie selbst sprechen ungezogen!" entgegnete Arabella und folgte mit hoch erhobenem Kopfe ihrem Bruder nach. Bella stand wie erstarrt da. Da kam leise die stille Cläre an sie heran und legte wie tröstend ihre Aermchen um sie. „Ja, Du bist gut!" sagte Bella bewegt. „Du bist die Einzige die ich lieben kann!" Während sie noch das Kino nmschlossen hielt, rauschte Mrs. Uoung ins Zimmer. „Ich höre sonderbare Dinge über Sie, Miß Kranzler!" herrschte mit hochrothem Gesicht sie ihr zu. „Sie wagen es, meine Kinder zu schlagen! Das untersage ich Ihnen ein für allemal! Das ist eine Impertinenz! Und auch die Cordialität mit Cläre will ich nicht! Sie dürfen keins der Kinder vor dem anderen bevorzugen!" „Clärchen ist die folgsamste und artigste!" entgegnete Bella ruhig. „Nach Ihrer falschen Auffassung!" eiferte Mrs. Aoung. „Darüber vernachlässigen Sie die anderen. Heute fand ich, daß Arabella sich im Einfachsten verrechnete. Wozu sind Sie denn da? Wozu zahle ich Ihnen das viele Geld?" „Es sind obstinate Kinder!" versetzte Bella, die Achsel zuckend. „So, obstinat? Was für ein unpaffender Ausdruck! Sind wir denn Mob? Gewöhnen Sie sich den deutschen Bär ab, wenn Sie in einem feinen Hause dienen wollen! Ich yabe Nachsicht genug mit Ihnen gehabt!" Damit entfernte sich die Dame, indem sie Cläre mit sich fortriß. Bella blickte ihr mit bitterem Lächeln nach, aber aus diesem Lächeln wurde unwillkürlich die Verzerrung des Weinens. „O mein Gott!" flüsterte sie voll Schmerz. „Das ist hier noch schlimmer als bei Mrs. Phelps!" Es bemächtigte sich ihrer eine tiefe Sehnsucht, aus diesem Dienste sogleich sich wieder heraus flüchten zu können, doch war das ja unmöglich, sie hatte ja keine Mittel zum Leben! Sie mußte die Kränkungen verbeißen, und wie demüthigend war es für sie, daß sie verzogenen Kindern, die in ihrem spöttischen Lächeln den gewonnenen Triumph zur Schau trugen, eine unbefangene Dienerin sein mußte! Aber es schien, als ob sie an diesem Tage zu endloser Qual bestimmt sei. Abends spät, als Alles im Hause tief still war, setzte sie sich in ihr Zimmerchen, um an ihren Vater zu schreiben. Im geistigen Verkehr mit ihm wollte sie eine Ablenkung suchen von den Kümmernissen der Gegenwart. Doch klagte sie ihm nichts, als die nothwendige Trennung von ihm- er sollte nicht beunruhigt werden, nichts über ihre Enttäuschungen erfahren. Dies ließ auch ihr Stolz nicht zu. Da klopfte es leise an ihre Thür. Das Kammermädchen der Mrs. Aoung kam, um sie zur Gebieterin zu rufe». „Sie hat Migräne," sagte sie mit spöttisch lächelndem Gesicht, „und Sie sollen sie in Schlaf lesen." Bella konnte nicht anders als gehorchen und begvb sich sofort in das Schlafzimmer der Gebieterin. „Wie, Sie sind schon in den Kleidern?" sagte diese verwundert. „Das geht ja bei Ihnen schneller wie bei der Feuerbrigade!" „Ich war noch nicht zu Bett," erwiderte Bella. „Noch nicht zu Bett? Wozu dies Ausbleiben? Es kann doch nur die Kinder stören! Außerdem wird unnütz Licht verbrannt! Oder haben Sie etwa int Dunkeln Gespenstergeschichten ausgedacht?" „Ich schrieb an meinen Vater." „So, Sie schrieben an Ihren Vater? versetzte Mrs. Ioung in schneidendem Tone. „Ich bitte — dienen Sie mir, oder Ihrem Vater? Bezahlt er das Licht! Und ist es da ein Wunder, wenn Sie Morgens müde und mürrisch sind und dann den Kindern übel begegnen? O, schweigen Sie! Ihre Entgegnungen sind überflüssig! Ich mag Ihre Gegenwart nicht! Gehen Sie zu Bett!" Bella zerbiß sich vor Zorn fast die Lippe, sie wendete sich stumm und verließ wankenden Schrittes das Zimmer. Das Gefühl des Elendes überwältige sie, sie warf sich mit halb unterdrücktem Ausschluchzen auf ihr Bett und ihre Thränen flössen. Wie erbärmlich kam ihr diese Frau vor, die Tausende an allerlei Kram verschwendete und über ein bischen Licht eiferte, das sie verwendete, um an ihren theuren Vater zu schreiben! Konnte sie denn anders als dies Nachts thun, da ihre Dienste sie den ganzen Tag in Anspruch nahmen? Mußte sie nicht dies vornehm sein wollende Weib und alle ihresgleicheu tief verachten? Ja, verachten! Dieser Gedanke brannte in ihrer Seele. Noch nicht Herrin ihrer schmerzvollen Erregung, vernahm sie plötzlich ein leichtes Geräusch, und spürte die Nähe eines Menschen. Sie fuhr empor. Mr. Aoung stand vor ihr. Sein stark geröthetes Gesicht stach grell ab gegen die weiße Weste und Halsbinde, die er trug, und sein süßliches Lächeln machte einen abstoßenden Eindruck. Er kam aus seinem Club und hatte Weinlaune. Daß er des Guten zu viel gethan, merkte sie an seinem schweren Athem. Sie blickte ihn mit thränenfenchten Augen groß an. „O diese Augen!" sagte er mit gedämpfter Stimme. „Darin liegt eben der Zauber! Ja, der Zauber! Aber Sie haben wohl gar geweint? Kann ich Sie trösten? Welchen Kummer haben Sie? Ich helfe Ihnen gern!" Sofort hatte Bella ihre ganze Fassung wieder. „Es befremdet mich, Mr. Aoung," sagte sie hart, „daß Sie hier eindringen! Ich bedarf Ihrer Hilfe nicht und obschon Sie der Herr des Hauses sind, muß ich Sie doch ersuchen, die Rücksichten zu beobachten, die ein Gentleman jeder Dame schuldig ist." „Bscht," machte der Millionär mit eine beschwichtigenden Handbewegung. „Kein Aufsehen, lieb' Kind! Ich hörte, daß Sie noch auf waren und meine es gut mit Ihnen, nur gut! Haben Sie Herzenskummer?" — 407 — „Ich muß Sie bitten, mich zu verlassen!" entgegnete Bella entrüstet. Der Millionär trat ihr einen Schritt näher und versuchte es, ihr mit seiner dicken Hand über das Haar zu streicheln. „Stützen Sie sich ganz auf mich, Kind!" sprach er eindringlich. „Empörend!" stieß Bella dumpf hervor, indem sie zurückwich. „So? Ei!" ließ sich da Plötzlich die kreischende Stimme der Mrs. Aoung vernehmen. Sie stand in kostbarem Schlafrock im Eingang des Zimmers. Auf Dich stützen? Also ein Complott! Vermuthlich hat sich diese Mamsell über mich beklagt, und lockt die Männer Nachts in ihr Zimmer! Abscheulich! Ein Schlange im Hause, ja, eine Schlange!" Mr. Aoung war erschrocken bei Seite geprallt und zog sich scheu hinter seine energisch vorschreitende Frau zurück. „Also dies ist der Grund, weshalb Sie Nachts in voller Toilette bleiben!" fuhr Letztere heftig fort. „Man hält Rendez-vous! Wie lange treiben Sie das schon?" „Unerhörte Beschuldigung!" entgegnete Bella mit starker Stimme. „Mr. Doung wird mir bezeugen . . ." Sie blickte sich nach diesem um, doch er hatte sich bereits davongeschlichen. „Ihr Leugnen nützt nichts!" rief Mrs. Aoung. „Ich habe Ihre Gefallsucht längt erkannt! Sie passen zu sonst etwas, doch nicht zur Erzieherin!" „Nein, hier sicher nicht!" versetzte Bella heftig. „Nirgendwo bei anständigen Leuten !" rief ihre Gegnerin. „Sie selbst sind es nur, die sich dazu rechnet!" entgegnete Bella außer sich. „Ich bin nicht anständig behandelt worden und werde gehen!" „Selbstverständlich!" erklärte Mrs. Uoung. „Eine Schlange behält man nicht im Hause! Für mein Geld bekomme ich Personen, die nicht intriguiren und kokettiren. „Jetzt verlassen Sie mich, oder . . .!" Bella erhob ihre Hände in maßlosem Zorn. Mrs. Uoung wartete den Erfolg dieser Drohung nicht ab. „Morgen früh gehen Sie!" rief sie, schon vor der Thür stehend. Dann ging sie fort und Bella verschloß ihr Zimmer. Noch in der Nacht packte sie in sieberischer Hast all ihre Sachen zusammen, und als der Morgen graute, war sie damit fertig. An dem für ihren Vater bestimmten Brief änderte sie nichts; sie fügte nur eine andere Adresse hinzu, die ihrer Wäscherin, welche in einem ländlichen Kirk spiele Londons wohnte. Noch ehe die Frühstücksstunde gekommen, sandte ihr Mrs. Aoung in einem geschlossenen Päckchen ihr Salair auf ein Vierteljahr hinaus. Bella ließ ein Kab herbeirufen und ihren Koffer hinabtragen. Gern hätte sie noch die kleine Cläre umarmt, doch war keins der Kinder zu sehen. Ohne Abschied mußte sie das Haus verlassen. Den Brief an ihren Vater dcponirte sie in dem nächsten Straßenbriefkasten. „O, wenn er ahnte," dachte sie, „wie tief sein stolzes Mädchen in dem freien Albion schon entwürdigt worden ist!" In dem kleinen Cottage ihrer Wäscherin fand sie willige Aufnahme. Während sie von hier aus Schritte unternahm, um eine andere Stellung zu suchen, vermochte sie sich nicht eines Schauders vor ärgeren Prüfungen zu erwehren, die ihrer in neuen Diensten harren mochten. Sie bot sich durch ein Inserat in einem aristokratischen Journal als Gesellschafterin an. Voll ängstlicher Sorge wartete sie vierzehn Tage lang auf einen Erfolg. Was stand ihr bevor, wenn ihre Versuche mißglückten und ihre Geldmittel aufgezehrt waren? Sie rechnete genau aus, wie lange diese Mittel bei ihrer neuen, bis zur Dürftigkeit bescheidenen Lebensweise reichten, und mußte unwillkürlich wehmüthig lächeln, wenn sie der früheren Tage des Glückes gedachte, in denen sie an nichts weniger als an Knickern gewöhnt gewesen war. Aber auch jetzt verleugnete die Eigenart ihres Wesens sich nicht. Sie freute sich der stillen Verborgenheit. Nie sollten Die, welche sie in Hainburg in stolzem Wohlleben gesehen hatten, einen Blick in ihr Elend thun dürfen. Deshalb wehrte sie den Gedanken der Rückkehr zu ihrem Vater weit von sich ab. „Wenn es mir nicht gelingt, eine Stellung zu finden, liebe Miß Smith," sagte sie zu ihrer Wirthin, „dann werde ich Ihnen waschen helfen," und das war ernst gemeint. In diesem heroischen Entschlüsse wurde sie noch bestärkt durch den Inhalt eines Antwortschreibens ihres Vaters. „Ich freue mich," hieß es darin, „daß Du nicht unglücklich bist, geliebte Tochter; denn ich hatte Angst um Dich, da ich doch Deine Neigung zu stolzer Unabhängigkeit kenne. Unter diesen Umstständen muß ich meine Sehnsucht danach, Dich wieder bei mir zu sehen, zurückdrängen." Im Weiteren sagte er noch: „Gestern war Sally, Dein ehemaliges Mädchen bei mir und erkundigte sich nach Deinem Befinden. Das gute Ding scheint Dir noch sehr anhänglich zu sein. Sie bat mich um Deine Adresse und sagte, sie wolle einmal an Dich schreiben. Ich habe sie ihr gegeben." Dieser Bries ihres Vaters schien ihr Segen zu bringen, denn fast gleichzeitig erhielt sie die Aufforderung, sich einer Dame vorzustellen, die eine Gesellschafterin wünsche. Bella machte mit größter Sorgfalt Toilette, stellte sich vor und wurde unter guten Bedingungen engagirt. Ihre neue Gebieterin war Lady Agnes Colt - Duffenn, jung, schön und kinderlos. Selbst arm, hatte sie aus Liebe zum Wohlleben einen reichen bürgerlichen Offizier geheirathet, behielt aber als Tochter eines Marquis das Recht des Adels bei und ließ davon einen Abglanz auf ihre bürgerliche Ehe fallen. Ihr Gemahl, Oberst in einem Infanterieregiment, war stolz auf sein schönes Weib und gestattete ihr völlig die kostspieligsten Extravaganzen. Sie gehörte nicht zu den steifleinenen britischen Edeldamen, sondern führte ein ungezwungenes, gleichwohl vornehmes Haus. Prunk war ihr etwas Selbstverständliches. Eine gewisse Ungezwungenheit, ja selbst Ungebundenheit ihrer gesellschaftlichen Veranstaltungen war Ursache, daß ihr das Haus der Sammelpunkt derjenigen vornehmen Gesellschaft war, welche gern dem Zwange steifer Formen auswich. Prinzen, Herzoge und wirkliche Lords gehörten zu ihren Gästen. Das Geld ihres Gemahls streute sie aus, wie ein fröhliches Kind spielend Sand ausstreut. Lady Agnes suchte sich eine schöne Gesellschafterin und fand in Bella Kranzler das Ideal einer solchen. Diese fühlte sich nach den schweren Leiden sclavischer Dienste wie in Hesperiens Gärten versetzt. All' ihre seelische Spannkraft kehrte wieder. Sie erblühte frisch wie eine Rose im Lenz- thau und ihre Zauberaugen leuchteten gleich den Thauperlen. Ein süßer geistiger Duft schien von ihrem Wesen auszu- strömen. Unähnlich vielen anderen Frauen, war Lady Agnes tolerant gegen ihre Vorzüge. Wie zwei schöne Blumen nebeneinander prangen können, ohne daß eine der anderen Reiz beeinträchtigt, so konnten auch diese beiden schönen Frauenwescn nebeneinander leben, wobei freilich ernste Leidenschaften nicht in's Spiel kamen. Uebrigens wollte ja Lady Agnes eine erhöhte Anziehungskraft für ihre Gesellschaften. Vielleicht hielt sie sich auch für zu vornehm, um in ihrer ersten Dienerin eine Rivalin zu sehen, sicher aber war sie dafür zu leichtsinnig. Mit wunderbarer Raschheit fand Bella sich in die neuen Verhältnisse. Sie erhielt prachtvolle Toiletten, sie lernte wieder die Fülle des Lebens kosten, sie konnte wieder fahren und reiten, da auch Lady Agnes eine leidenschaftliche Reiterin war und sich oft von ihr begleiten ließ. Eines Abends wurde durch eine Persönlichkeit aus den höchsten Regionen ein wirklicher indischer Fürst bei Lady Agnes eingeführt: der Rajah Gora von Jeypur, welcher mit England seinen Frieden gemacht hatte und gekommen war, um sich der Königin vorzustellen, die Gebräuche der großen Welt des Westens kennen zu lernen und deren Aufklärung mit in sein Land zu nehmen. (Fortsetzung folgt.) 408 Sei» Hciligthuni. Nach dem Französischen von Otto Renner. ------- (Nachdruck verboten.) Helene hatte Paul von Chavannes, einen Wittwer von 39 Jahren, geheirathet, der Vater zweier Kinder war. Das jüngste war erst wenige Monate alt, als es Waise wurde. Drei Jahre lang hatten der Vater und seine Kleinen die Gattin und Mutter betrauert- die Kinder gingen nur schwarz gekleidet und Paul schien ganz in die Erinnerung der Vergangenheit verloren An allen Wänden seiner Wohnung hingen Bilder, die sie als schönes, junges Mädchen mit tiefen, glänzenden Augen, und als junge Frau im Ballkleide oder Promenaden-Costüm in Sammet oder Pelz darstellten. Und auf allen — trotz des Lächelns der frischen Lippen — erzählten die eingesunkenen, schwarzumränderten Augen von verborgenen Leiden und kurzem, nur zu bald entschwundenem Glücke. Seit Paul die Gattin verloren, hatte er nie eine Mahlzeit fern vom Hause eingenommen oder einen Abend außerhalb desselben zugebracht. Bei Tische saß er zwischen den beiden Kinderstühlen und blickte traurig auf den leeren Platz gegenüber. Doch auch dieser Augenblick hatte seinen lindernden Trost für ihn. Er litt weit mehr, wenn er gezwungen war, dahin zu gehen, wohin die Pflicht ihn rief, wenn er hinter dem letzten „Adieu" der kleinen Stimmen die Thür schloß. Dann erinnerte er sich, daß er sie nicht einer zärtlichen Mutter zurückließ, die ihre Spiele überwachte und stets bereit war, sie in den plötzlichen Sorgen und schnell verfliegenden Kümmernissen der Kindheit zu trösten. So begann er gegen seine eigenen Wünsche, sich von Neuem mit dem Gedanken, einen zweiten Ehestand zu gründen, vertraut zu machen. Seine Wahl fiel auf Helene, eine Jugendfreundin, die fast in dem gleichen Alter stand wie er. Da Helene eine Enttäuschung in der Liebe erlitten, dachte Ch wannes, wird ihr Herz anspruchsloser als das einer Andern und mehr zum Mitleid geneigt sein. Sie wird nicht erwarten, daß ich eine Leidenschaft zur Schau trage, die ich nicht mehr empfinden kann. Sie wird meine Achtung vor ihrem Geheimniß billigen und ich werde ihr dankbar sein für die Liebe, die sie meinen Kindern entgegenbringen wird. Und er heirathete Helene, ohne daß es ihm je eingefallen wäre, daran zu denken, daß er selbst der Mann war, den sie anbetete. So trat Helene in sein Haus und an die Stelle der Frau, die sie einst so sehr um ihr Glück beneidet hatte. Freude glänzte in ihren Augen und verklärte ihr Gesicht. Sie vergaß, daß Paul weniger gewünscht hatte, eine andere Frau zu nehmen, als seinen Kindern eine neue Mutter zu geben. Sie wußte ja, welche innige Liebe die beiden Gatten einst verband, und sie hoffte, daß tue Zeit die Wunde heilen würde. Beim Eintritt in das Haus hatte sie gefürchtet, überall Erinnerungen an die Verstorbene erblicken zu müssen. Doch mit einem Zartgefühl, das die Braut entzückte, hatte Chavannes aus seiner Wohnung Alles entfernt, was die 93er gangenheit ihm zurückrufen könnte. Helene hätte sich für die erste Herrin des Hauses halten können, wäre nicht Pauls Schwermuth und die Anwesenheit der beiden Kinder gewesen. Sie brachte denselben alle Liebe entgegen und behandelte sie mit doppelter Zärtlichkeit, hoffte sie doch dadurch des Vaters Herz zu gewinnen; bald war sie glücklich, die kleinen Wesen verhätscheln zu dürfen, um ihm zu gefallen, bald aber fühlte sie sich tief unglücklich in dem Gedanken, daß in ihnen die Liebe für seine verstorbene Gattin weiter fortlebe und so machte ihr Herz Chavannes bittere Vorwürfe ob seiner Traurigkeit, hinter der sie ein düsteres Geheimniß vermuthete. Des Kampfes mit einer Erinnerung, eines unfaßbaren Phantom müde, begann Helene zu wünschen, ihr Mann möchte unter irgend einen andern Einfluß fallen, der, wenn auch gefährlich, doch wenigstens angreifbarer sein würde. Dieser Wunsch verlieh ihr einigen Trost und bald fing sie an, ihn für wahr zu halten. Sie ließ ihren Gatten beobachten und fand bald heraus, daß er tagtäglich zu einer bestimmten Stunde ein Haus, immer dasselbe, besuchte. Sie ging hin. An der Thür angelangt, fragte sich Helene ängstlich, welches Geheimniß wohl die zugezogenen Vorhänge der hohen Fenster bergen könnten. Sie war des Verrathes sicher und fühlte sich so tief verletzt, daß sie einen Augenblick daran dachte, sich das Leben zu nehmen. Doch die Neugier und der Zorn blieben Sieger. Sie wurde von dem glühenden Wunsche verzehrt, das Geheimniß zu erfahren, sich für so viele im Geheimen vergossene Thränen zu rächen und — wer konnte es sagen — Paul vielleicht mit der Scham vor seinem Betragen, mit der Großherzigkeit einer Verzeihung zu zerschmettern, aus der sich dann Liebe und Dankbarkeit entwickeln würden. Sie durchschritt den Hausflur und fragte den Pförtner: „Ist Herr von Chavannes hier gewesen?" Der Mann sah Helene überrascht an. (Schluß folgt.) Gemeinnütziger. Zu einer Preisconcurrenr für Kochrecevte ladet die Liebigs Fleisch-Extract-Compagnie ein. Es gelangen 100 Preise im Gesainmtbetrage von Viertausend Mark in Baar zur Auszahlung und zwar: 1 erster Preis zu 250 Mk. (250 3)11.), 3 zweite Preise zu 150 M. (450 Mk.), 6 dritte Preise zu 100 Mk. (600 Mk.), 20 vierte Preise zu 50 Mk. (1000 Mk.), 30 fünfte Preise zu 30 Mk. (900 Mk.), 40 sechste Preise zu 20 Mk. (800 Mk.), zusammen 100 Preise im Ge- sammtbetrage von 4000 Mk. Das Preisausschreiben erstreckt sich nur auf das Deutsche Reich. Die Gesellschaft bezweckt mit demselben, dem aufrichtigsten Danke für die von Jahr zu Jahr steigende Anerkennung, deren sich ihr Fleisch-Extract zu erfreuen hat, Ausdruck zu geben, damit den berechtigten Wunsch verbindend, ihrem Fabrikate, das in jedem Haushalt nach einem ernstlich gemachten Versuch zum unentbehrlichen Freunde wird, in immer weiteren Kreisen Anhänger zu verschaffen. Bei der Einsendung von Kochrecepten, in welchen Liebigs Fleisch-Extract practische Verwendung finden muß, sind die folgenden Bedingungen zu berücksichtigen: In erster Linie kommt die einfache Küche des bürgerlichen Mittelstandes (Hausmannskost) in Betracht, doch ist daneben die Küche für die feine Tafel nicht ganz ausgeschlossen. Entsprechend den entwickelten Grundsätzen sollen alle in das Gebiet der rationellen Volksernährung einschlagenden Beiträge in Form von Kochrecepten, auch die für den bescheidensten Tisch geeigneten, willkommen sein. Jedem Bewerbenden wird die Einsendung von Kochrecepten bis zur Höchstzahl von vier freigestellt; in keinem Falle aber mehr als eins für die feinere Küche. Auf die allgemein verständliche und übersichtliche Abfassung der Kochrecepte, sowie auf deren practische Ausführbarkeit wird besonderer Werth gelegt; erforderlich sind in den für je fünf Personen (kleine Familie) zu berechnenden Recepten folgende Angaben: 1) die Zeitdauer der Zubereitung, 2) die am Kopfe jeden Kochreceptes aufzu- führenden Zuthaten. Folgende Punkte sind noch zu beachten: 1) Alle nicht zur Prämiirung gelangenden Kochrecepte werden den Einsendern zurückgesandt, weshalb um Angabe der genauen Adresse gebeten wird. Eine Betheiligung ohne Namensnennung ist nicht statthaft; die Namen der Einsender werden indessen dem Preisgericht nicht bekannt gegeben. Die Kochrecepte werden der Reihenfolge ihres Eingangs gemäß mit Nummern versehen, so daß für volle Unparteilichkeit Garantie geboten ist. Die Recepte dürfen Kennzeichen und Namen nicht enthalten, sondern sind auf Separat-Blatt einzureichen. 2) Es ist unthunlich, etwaige weitere Anfragen an die unten Angegebenen zu richten, da diese sich nur auf die hier vorliegenden ausführlichen Bedingungen beziehen können. 3) Das Preisrichter-Amt auszuüben haben sich gütigst bereit erklärt: Der Vorstand des Lette-Vereins zu Berlin: Frau Schepeler- Lette, Vorsitzende, Frau E. Kaselowsky, Schriftführerin; die Vorsitzende der Küchen-Commission des Lette-Vereins: Frau Havemann; die Lehrerin der Kochschule des Lette-Vereins: Frl Hannemann. 4) Die Einsendungen müssen bis zum 15. October 1897 in Händen der Herren Schlüter & Maack, Hamburg, Dovenfleth 44, sein. Ungefähr zwei Monate später dürfte dann voraussichtlich die Preisvertheilung stattfinden. 5) Das Haupt-Ergebniß (die zuerkannten ersten 10 Preise) wird in illustrirten Blättern, Familien- und Frauenzeitungen bekannt gemacht, deren Auswahl die Gesellschaft sich vorbehält. Redaction: 8. Ech-hda. — Druck und «erlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.