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Aber das ist nicht immer maßgebend, besonders bei nervösen Menschen. Halte nur den Kopf hoch! Es giebt nun einmal Dinge im Leben, unangenehme Geschichten, die durchgemacht - werden müssen. Bist ja doch auch ein Mann!" „Das bin ich und werde es beweisen," gab der Andere zur Antwort, indem er aufstand, seine Gestalt zu ihrer ganzen Höhe emporreckte und dem Doetvr mit stolzem Blick in die Augen sah. „So gehört sich's, nur immer hübsch muthig! Und wenn's einmal nicht recht gehen will, so gebrauche die Mediein, die in solchen Fällen die allerbeste ist: die Arbeit. In ihr findet man ja doch immer ein Mittel gegen üble Gedanken." „Du siehst, ich wende es bereits an," sagte Georg mit einem Blick auf den Schreibtisch. „Und es wird in nächster Zeit voraussichtlich an Arbeit nicht fehlen,- ob sie erfreulich sein wird, ist freilich eine andere Frage. Die Polizei in Berlin will einer neuen, anarchistischen Vereinigung auf die Spur gekommen sein und behauptet wunderbarerweise, daß die Geschichte bis hierher in unser solides, ruhiges Hildesheim spielt. Vielleicht, wahrscheinlich sogar ist es nur blinder Lärm, aber viel Schererei und Schreiberei wird's jedenfalls geben." Er sprach müde und gleichgültig, aber der Doetor horchte Dienstag freu 2. Februar. ‘hoF JÜUTk I'i H iik&M te ist die Welt so riesengroß! Und doch wählt selbst der größte Schmerz Zur Heimath sich ein Flecklein blos, Ein winziges — das Menschenherz. K. W. G. hoch auf bei seinen Worten. Ein eigenthümliches Wetterleuchten ging über sein Gesicht- als er dann sprach, waren die Züge wieder glatt und ruhig wie sonst. „Hör' einmal, wenn die Geschichte wahr sein sollte, — ich halte das nämlich nicht für ausgeschlossen, weißt Du, — dann kann ich Dir vielleicht einen Wink geben, der Dir nützlich ist. Ich mache Dich auf einen jungen Menschen aufmerksam, der hier im Hause wohnt, einen Schlossergesellen Namens Neuert. Er war vorhin bei mir, hatte eine eigenthümliche Wunde an der Hand, über die er mich anlog. Der Mensch ist mir verdächtig- er fing sogar in meiner Gegenwart an, socialistische Ideen auszukramen. Na, ich habe ihn schnell zur Ruhe gebracht, kannst Du Dir denken- aber soviel steht für mich fest, Soeialdemokrat ist er sicher feiner Gesinnung nach, vielleicht auch etwas Schlimmeres. Behalte ihn im Auge, laß ihn heimlich beobachten- ich glaube, es lohnt sich unter diesen Umständen. Vielleicht kannst Du Dich auszeichnen, und ein Orden für Rettung des Vaterlandes fliegt Dir noch ins Knopfloch." Georg nickte nur- er hatte mit halbem Ohr auf die Worte des Onkels gehört, aber ein unangenehmes Gefühl stieg in ihm auf bei dem Gedanken, einen Hausgenossen mit solch' häßlichem Verdacht verfolgen zu sollen. Sein Onkel schien keine weitere Antwort zu erwarten- er gab ihm die Hand und sagte: „Ich habe keine Zeit mehr, die Praxis wartet- also leb' wohl, und Kopf hoch, mein Junge!" Damit war er hinaus - wortlos schaute Sybel ihm nach. Es fuhr ihm durch den Sinn, was er vorhin selbst gesagt hatte: „Ich bin ein Mann und werde es beweisen." Erging in sein Schlafzimmer hinüber und begann, den bequemen Hausanzug mit einer besuchsmäßigeren Tracht zu vertauschen. Wie er es jetzt öfter zu thun pflegte, trat er dem Spiegel gegenüber, der am Kopfende seines Bettes hing, und wieder schaute ihm das bleiche Gesicht entgegen, in dem er damals das Antlitz des Tobten zu erblicken gemeint hatte. Seiner erregten Phantasie schien es mit mitunter, als gewinne er eine immer erhöhte Aehnlichkeit mit dem Verstorbenen, als verkörpere die gefürchtete Schattengestalt sich in ihm selbst und blicke ihm aus den eigenen Zügen warnend entgegen. Heute aber gab er sich dem kranken, wohllüstigen Grübeln nicht hin. Er wollte stark sein, er mußte es sein. Er hatte beschlossen, das Zaudern und Zögern hinter sich zu werfen, ein Ende zu machen, mit der Geliebten zu sprechen und Abschied von ihr zu nehmen für immer. Mit diesem Entschluß war etwas wie Ruhe über ihn gekommen- er sah den Weg vor sich, den er vom Schicksal sich vorgezeichnet glaubte, den 50 Weg der Pflicht, der steinig und rauh wär, aber auf dem er wandeln konnte ohne Qual des Gewissens, ohne Selbstvorwurf und Reue. Franz Neuert war, als er den Doctor verlassen hatte, langsam die Haupttreppe des Gebäudes hinunter gestiegen, Aerger im Herzen, ein heißes, jagendes Blut in den Adern. Als er bis zu der Thür gelangt war, die auf der Hälfte der Treppe im Erdgeschoß plötzlich den Weg unterbrach, ließ der Ton von Menschenstimmen ihn Halt machen. Es waren gedämpfte, jedoch von Heiterkeit und Frohsinn erfüllte Stimmen, weiblich die eine, männlich die andere, und sie sprachen immerhin laut genug, um durch die Thür hindurch vernommen zu werden. „Sehen Sie mich nur an, ich bin schon ganz abgemagert," sagte der Mann. Das Mädchen lachte. „Sie armer Mensch!" rief sie. „Und wie blaß Sie aussehen! Ich habe eine Rose auf meinem Hut, die hat ganz dieselbe Farbe!" „Die Rose kenne ich- die ist ja feuerroth." „Darum sieht sie Ihnen gerade so ähnlich." „Also haben Sie gar kein Mitleid mit mir?" „Nicht das mindeste." „Wissen Sie, dafür muß ich mich rächen!" „Versuchen Sie's nur." „Das lasse ich mir nicht zwei Mal sagen." „Das Geräusch eines mit Vorsicht, aber herzhaft verabreichten Kusses drang durch die Thür zu dem Lauscher, dann ein unterdrückter Ruf des Mädchens und ihre lachend gesprochenen Worte: „Ich werde einen Maulkorb für Sie machen lassen müssen." Und nun ein leiseres, nicht mehr verständliches Geflüster, das dem Horchenden das Blut noch rascher durch die Adern trieb, als die laut gesprochenen Worte vorher. Das Gefühl einer jäh erwachenden, wilden, rasenden Eifersucht erfaßte ihn. Er hatte die Stimmen der beiden Menschen erkannt, er wußte, daß nur diese schwache Thür ihn von dem Mädchen trennte, dessen Bild ihn verfolgte, er fühlte, daß er durch einen Andern dort besiegt war, wo er freiwillig zu entsagen geglaubt hatte. Für ihn gab es kein Glück, aber auch für Jenen sollte es keins geben! Ein Gedanke, durch die Eifersucht gewaltsam erzeugt, rasch ausgestaltet durch die fiebernde Phantasie, stand plötzlich vor seiner Seele. Als er nun aber die Thür langsam öffnete, verrieth sein bleiches Gesicht nichts von dem, was er eben gedacht hatte. Er begrüßte die Beiden höflich, dann wandte er sich an Köhler allein. „Haben Sie sich's überlegt mit dem Club?" „Ich möchte schon, aber es wird wohl viel Geld kosten?" „Nicht der Rede werth. In den anderen Städten, in Hannover, Berlin, sind die ärmsten Schlucker darin. Gegen die sind Sie ein Rothschild." „Na, dann kann sich der Rothschild den Luxus ja vielleicht erlauben." „Natürlich kann er's. Am Sonnabend über acht Tage ist die erste Uebung, ich sage Ihnen noch Bescheid." „Es soll ein Wort sein." „Schön also. Auf Wiedersehen. Guten Tag, Fräulein Wernicke." Sie nickte nur kurz und schaute dem weiter Hinabschreitenden nach. Als er die Hausthür hinter sich geschlossen hatte, blickte sie den jungen Goldschmied mit ein wenig mißvergnügtem Gesichte an. „Was ist das für ein Club?" fragte sie. „Er will ihn hier gründen. Ein Athletenclub soll es werden." „Was wird denn da getrieben?" „Kraftübungen, Arbeiten mit Gewichten, Ringkämpfe und lauter so schöne Sachen. Es soll ganz famos sein. Da hinein kommen nur die kräftigsten jungen Leute in der Stadt, und zwei Mal in der Woche üben sie, und wenn sie Alles können, dann geben sie eine Vorstellung !" „Oeffentlich?" „Jawohl. Und da sind sie alle ganz in Tricot, — weil sie sonst nicht ordentlich arbeiten können." „Schickt sich denn das?" 1 „Na, wenn sich's in Hannover schickt, wird sich's hier wohl auch schicken." „Aber nur Tricot? Hören Sie 'mal!" „Na, so 'ne Art Gewand haben sie natürlich auch noch drüber, so ein enges Wams, ohne Aermel. Das ist dann grün oder roth oder schwarz, und es sind Blumen darauf gestickt oder so was." „Gestickt?" „Jawohl." „Hören Sie, dann könnte ich ja —" „Was meinen Sie?" „Nein, das geht doch wohl nicht." „Was denn?" „Ich dachte, ich könnte Ihnen das Ding ja vielleicht besticken." „Das wäre großartig! Das müssen Sie thun!" „Ich werde mir's überlegen." „Nein, nein, das müssen Sie thun. Und wenn ich dann nicht alle die Anderen besiege, soll mich der Teufel holen." „Der soll Sie schon auf der Liste haben," sagte sie und lachte. Zugleich entwand sie sich mit geschickter Bewegung den nach ihr greifenden Armen, die sie festhalten wollten zu neuer Bestrafung. Hurtig sprang sie ein paar Stufen hinunter: dort aber sich noch einmal umwendend, sagte sie: „Wenn ich es thue, kommen lauter Rosen darauf und alle so blaß wie Ihr Gesicht. Guten Morgen, Herr Köhler." „Guten Morgen, Fräulein." Sie verschwand in der Thür zum Goldschmiedsladen, die rechts von der Treppe am Flur lag. Der angehende Athlet reckte seine Glieder. „Meine Frau wirst du doch," sagte er halblaut. Nun ging auch er der Werkstätte zu; die beiden fröhlichen Stimmen waren verklungen, die jungen Gestalten zwischen den alten Mauern waren verschwunden, und ernst und düster, wie es seine Art gewesen war seit Jahrhunderten, lag das Haus der Schatten wieder da. Georg Shbel klopfte an die Thür von Frau Inas Zimmer. Er war noch immer sehr bleich, aber die Ruhe eines Entschlusses, den er für unwandelbar hielt, war über ihn gekommen. Um nun freilich doch gleich wieder erschüttert zu werden durch einen Laut, den er kannte, durch eine Stimme, die er liebte, durch das halblaute „Herein", das ihm aus dem Gemache entgegenklang. Frau Henninger stand mitten im Zimmer, als er eintrat. Auch ihr Gesicht war blaß und leidend, aber ihre Augen, die ihm größer schienen als sonst, waren von einem reinen Glanz erfÜflt, und um die bebenden Lippen lag ein schöner Ausdruck von Glück und Hoffnung. „Endlich," sagte sie, indem sie ihm beide Hände entgegenhielt. Es war ein einziges Wort, aber ihr ganzes Herz klang ihm daraus entgegen- all' ihre Liebe, alle die unbeantworteten Fragen der beiden letzten Tage, alle die Qual vergeblichen Wartens und Sehnens legte sie hinein in diese beiden Silben. Und als er sie nun vor sich erblickte, deren Bild er gewaltsam aus seinem Herzen hatte reißen wollen, wie sie dastand voller Demuth, Hingebung, Bangen und Hoffnung, da fühlte er für einen Augenbsick all' seine Vorsätze und Pläne verwehen und verschwinden. Es blieb nichts zurück, als die grenzenlose, in diesen Tagen des Elends nur noch mächtiger emporgewachsene Liebe, und seine Lippen sprachen nichts, als dasselbe Wort, mit dem sie ihn begrüßt hatte. „Endlich, endlich!" sagte auch er, faßte die dargebotenen Hände, zog die Gestalt der Geliebten an sich, preßte sie in seine Arme und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. Hingegeben lag sie an seiner Brust mit geschlossenen Augen- der Ausdruck des Glücks aber in ihren Zügen war noch heller und leuchtender geworden. So blieb sie eine Weile, dann, sich — 81 — besinnend, gab er sie frei und schob sie mit sanften Händen von sich hinweg. „Es darf ja nicht sein!" Ein schwerer Seufzer be gleitete seine Worte, und auch ihr Gesicht verfinsterte sich, als er so zu ihr sprach. Dann aber bezwang sie sich und sagte mit der sicheren Klarheit, die all' ihr Thun und Reden auszuzeichnen Pflegte: „Nun wollen wir miteinander sprechen wie zwei vernünftige Menschenkinder. Wir haben Vernunft und Ruhe jetzt nöthig, das ist mir in diesen letzten Tagen klar geworden. Komm, setz' Dich hierher,- nein, hier in Deine Ecke. Da hast Du gesessen, als Du zum ersten Mal bei mir wärest, und da sehe ich Dich immer noch am liebsten." Er gehorchte ihr und setzte sich in den Winkel des Zimmers, wo die Palmen standen, dicht neben eine schwarze Staffelei, auf der ein Werk von Frau Inas Händen aufgestellt war. Ein fein ausgeführtes Bild, in Holz gebrannt, aber mit so wohlberechneter und sicher geübter Kunst, daß es wie eine zarte, braune Radirung wirkte. Heute sah Georg nicht darauf hin, so oft er früher das Können der Geliebten bewundert hatte,- das Feuer in sein Blicken war schnell wieder erloschen, Schwermuth und Hoffnungslosigkeit allein sprachen daraus. Ihrem scharfen Auge entging die rasche Wandlung nicht, aber sie vermied es, davon zu reden. Sie setzte sich ihm gegenüber, nur durch einen niedrigen, runden Tisch von ihm getrennt, und indem sie ihm wieder ihre Hand entgegenhielt, sagte sie: „Gieb mir noch einmal Deine Hand, ganz ruhig, zum Zeichen der Freundschaft! Denn wie zwei gute Freunde wollen wir miteinander sprechen und versuchen, über unser Geschick ins Klare zu kommen." Da er nicht antwortete, auch seine Hand, die er ihr gegeben hatte, rasch wieder aus der ihren löste, nahm sie ein Falzbein von Schildpatt vom Tisch, drehte es spielend langsam zwischen den Fingern und begann von Neuem- „Es waren zwei böse Tage, für mich gewiß ebenso wie für Dich. Aber ich habe Dir Zeit gelassen- ich wußte, Du würdest zu mir kommen, und nun bist Du ja da. Nun steht kein Dritter mehr zwischen uns, und Du sollst von mir selbst hören, was Du wissen willst und wissen mußt." Wortlos, voll Spannung schaute er zu ihr hinüber - doch bevor sie weiter sprach, erhob sie sich, von einem Plötzlich auftauchenden Gedanken getrieben, und sagte: „Ich will nur sehen, daß sie uns nicht wieder behorcht. Von ihr ist ja doch das ganze Unheil gekommen." Sie ging zu den beiden Portiören, die an den Thüren der Nebenzimmer niederhingen, und blickte hinaus. Das kleine Gemach mit der Büste des Todten war auch bei Tage verdunkelt, und sie mußte den Vorhang weit zurückschlagen, um hineinschauen zu können. Es war Niemand darin, aber Georg sah aus der Dämmerung die weiße Büste geistergleich auftauchen, und ein erneuter Schauer überlief ihn bei diesem Anblick. „Wir sind allein," sagte Frau Ina, als sie sich wieder gesetzt hatte, „und nun will ich Dir Alles sagen. Das ist der einzige Vorwurf der mich in meinen Augen trifft, daß ich Dir neulich Abends, als ich von meiner Vergangenheit erzählte, nicht auch von dem Versprechen sagte, das ich meinem Manne gegeben habe. Sieh," ihre Stimme wurde weich, und ihre Augen fühlten sich mit Thränen, aber sie kämpfte sie tapfer hinunter, „ich wollte zuerst Deiner Liebe gewiß sein. Darum nur habe ich nichts gesagt. Ich wollte Dich nicht betrügen, gewiß nicht!" „Ina, wie war es mit dem Eid?" Schwer und mühsam, ganz leise kamen die Worte von seinen Lippen. „Es war kein Eid!" „Kein Eid?" „Nein, eüt Versprechen, kein Eid." „Ina, ist das wahr?" „Ich habe Dir noch niemals die Unwahrheit gesagt." Sie hatte stolz den Kopf erhoben und sah ihm gerade in die Augen. Ein Gefühl der Hoffnung und Freude wollte sich in seinem Herzen regen, aber er gedachte der warnenden Rede des Onkels, und eilt leiser, häßlicher Zweifel hemmte die gute, vertrauende Regung. Er meinte wieder die Worte zu hören: „Ich halte es nicht für ausgeschlossen, daß sie den Eid ableugnen wird," und wie eine trennende Schranke, durch ihre Gegenwart selbst nicht völlig beseitigt, stellte das Mißtrauen sich zwischen ihn und sie. (Fortsetzung folgt.) Mira. Von M. C. Carpenter Meyer. (Schluß.) Einen Augenblick zögert er — hat er ein Recht, eigenmächtig in das Schicksal des unschuldigen Kindes einzugreisen? Doch kein Zaudern darf sein, er tritt an die Geliebte heran und wirft ihr ein Tuch über das Gesicht. Scharfer Carbolgeruch durchdringt das Zimmer, betäubt das schwüle Sandelholz- Parfüm desselben. Fred Henrieourt nimmt die bewegungslos Schlafende auf seine Arme und verläßt mit seiner süßen Last die Behausung, birgt sie in seinem versteckt haltenden Wagen, und dahin gehts in fliegendem Galopp der kleinen versteckten Villa zu, in der er sein Glück bergen will. Jetzt sitzt er in banger Pein an ihrem Lager, rettungslos liegt sie vor ihm ein schönes, lebloses Bild. Wie wenn er sie getödet? Nur einet kann ihm Helsen — Doetor Dun. Verzweifelt eilt er zu dem Freunde. Nach vielen vergeblichen Versuchen schlägt das Mädchen die Augen auf, wirr blickt sie um sich, ein leiser Schrei entfährt ihren Lippen, als sie den Geliebten sieht. „Sie ist gerettet, Henrieourt", sagt der Doetor, „Sie haben da verteufelt übereilt gehandelt. Um den Eklat zu vermeiden, hätte vielleicht doch ihre Familie einer Heirath zugestimmt. Jetzt heißt es tiefstes Schweigen bewahren!" — „Mira, Geliebte, Du liebst mich nicht, hast mich nie geliebt!" Das Mädchen, das träumend am Fenster steht, wendet sich: „Sahib, ich liebe Dich mehr als mein Leben, ich bin bereit für Dich zu sterben, nur gib mich frei!" „Ha! sehnst Du Dich schon zurück in die Welt, ist Dir meine Liebe nichts? Weib, hast Du mich verrathen, betrogen? Sprich!" „Sahib, höre mich! Mein Vater war ein mächtiger Fürst, doch die fremden Sahibs nahmen ihm seine Macht, da erbot sich Rajah v. D., ihm zu helfen, wenn er ihm seine jüngste Tochter zum Weibe gäbe. Schwester Ari war schön, wie die Sonne, und rein, wie der junge Tag. Sie entsagte ihrer Liebe und willigte ein, das Weib des alten Rajahs zu werden. Doch noch war ein Hinderniß zu überwinden- unsere Religion verbietet, daß die jüngere Schwester vor der älteren heirathet, ich aber war noch unvermählt und liebte Niemand. Der Rajah drängte, da griff man zu dem üblichen Mittel, mich einer göttlichen Bunne anzutrauen. Die heilige Lotosblume ward mein Gemahl- diese Ehe ist unlöslich, keinen irdischen Mann darf ich lieben, ihm angehöcen- mich und ihn würde die Rache der Götter treffen und verderben. — Das ist mein Geheimniß!" Berauschender, schöner noch erschien ihm die Inderin, das Mondlicht fluthet voll herein über das Mädchen hinweg. Die Nachtigall singt ihr Liebeslied und im Herzen regen sich tausend Wünsche, verborgenes Sehnen wird wach, heiß lodert die Flamme des Herzens — und sie sinkt in seine Arme. Welt, Menschen und Haß und Rache sind vergessen. Die Nachtigall schweigt und geheimnißvoll leuchten und schimmern die wunderbaren, weißen Blüthenkelche dort unten am Ufer des Flusses und ein leises Klingen und Rauschen ertönt über den Wassern. — — — — — — — — — Monate waren vergangen, die kleine Villa umschloß ein Paradies von Glückseligkeit. „Mira, warum bist Du traurig, was umflort Dein Auge? Entbehrst Du die Welt? O gedulde Dich nur noch wenige Wochen und ich führe Dich fort in meine ferne Heimath- und entrückt der Macht Deiner Götter, dem Haß Deiner Familie wirst Du als Christin mein angebetetes, geliebtes Weib vor Gott und der Welt! Meine schöne Mira!" In Miras Augen liegt Todestraurigkeit, unendliche Liebe zu dem vergötterten Manne klingt aus jedem Wort heraus. „Fred, die Götter werden mich niemals freigeben, mein Glück ist zu groß, es kann nicht sein---" Capitän Henricourt wirst achtlos die TPortmütze auf einen Sessel. „Fred!" Unendliche Qual liegt in dem einen Wort. „Eine Lotosblume — Du, Du konntest sie brechen, um sie achtlos verwelken zu lassen, o Fred, sie wird sich rächen!" „Thorheit, Kind, es ist das Zeichen unserer Partei, Du weißt, morgen ist der große Match in den Pologrounds. * * * Das Polo, einer der gefährlichsten und aufregendsten Sports, ist bei den in Indien garnisonirenden Regimentern außerordentlich beliebt. Die Poloreiter erscheinen ohne Kopfbedeckung und Jacket, in Reithosen und hohen Stiefeln auf kleinen, kräftigen Pferden in der Bahn. Die Grounds sind weite Rasenflächen, auf zwei gegenüber liegenden Seiten derselben befinden sich in einer Entfernung von 300 bis 400 Metern die durch Flaggen gesteckten Ziele. Inmitten der Bahn liegt ein großer Ball, den jede Partei bemüht ist, auf ihre Seite zu bringen. Sie bedienen sich hierzu langer Hammer, die, unter dem Arm geführt, stets zum Schlage bereit sind. Die Partei nun, der es gelingt, den Ball während einer Spieldauer, das ist 20 Minuten, durch ihr Ziel zu treiben, ist Siegerin. Jedes Spiel erfordert der schnellen Wendungen und heftigen Paraden wegen einen Pferdewechsel, und selbst der passionirteste Poloplayer ist nicht im Stande, mehr als drei Touren zu reiten. Schroffe Zusammenstöße sind in der Hitze des Gefechts unvermeidlich, Arm- und Beinbrüche durchaus keine Seltenheiten, ja manch tapferer Poloreiter hauchte auf ben Grounds sein junges Leben aus — doch höher nur blüht der Sport auf. Der Reitplatz ist gerüstet, das glänzende Publikum versammelt, die Reiter eilen von allen Seiten herbei, auch Capitän Henricourt steht, Abschied nehmend, vor der schönen Mira. „O Sahib, Fred, bleibe heute, geh nicht, die Lotosblumen werden sich rächen, die Nixen des Ganges haben es mir vertraut, sie warnten mich, o Sahib, verlaß mich nicht !" Das junge Weib sieht thronenden Auges zu ihm auf. Ungeduld liegt in des Capiläns Stimme, als er sie liebkosend, dann leise von sich schiebend sagt: „Mira, es geht nicht \" Und die sanfte, sonst so ruhige Mira sinkt verzweifelt vor ihm ins Knie, flehend, umklammert sie ihn: „Bleibe, Fred, um meiner Liebe willen!" Ein heftiger Kampf malt sich auf Fred Henricourts Zügen, doch er ist ein Ehrenmann, sein Offizierswort bindet ihn, es geht nicht — — — „Mira, geliebtes Mädchen, vertraue mir, es wird das letzte Mal sein, Dir zu Liebe werde ich nie wieder beim Polo reiten." Noch einmal küßt er das angebetete Weib, noch einmal drückt er die Verzweifelte an sein Herz, dann geht er froh, siegesbewußt, nicht ahnend, wie nah sein Schicksal, wie wahr seine Worte! — — — Das Spiel ist im vollen Gange, Henricourts Partei ist im Verlieren, die Kugel ist fernab vom Ziel schon, ist er der berühmte Spieler nicht mehr? „Hurrah, Henricourt besiegt!" schreit ein vorschneller Zuschauer von der Tribüne herab. Fred Henricourt, der sich absichtlich abseits gehalten, trifft der höhnische Ruf wie ein Peitschenhieb — er reißt das Pferd herum, und die Kugel, die fast schon das feindliche Ziel erreicht, fliegt im weiten Bogen zurück. Der Feind wehrt sich verzweifelt, Henricourt ist ein gewichtiger Gegner. Da ein Schrei! Die Hammer ruhen, Fred Henricourts Ponny jagt wild, reiterlos durch die Bahn, sein Herr liegt von einem Hammerschlag an die Stirn getroffen, von Pferdehufen zertreten, tobt auf dem grünen Rasen. — — — Man bettet den Todten auf eine Bahre, und schweigend naht unter Doctor Duns Führung der kleine Zug der Villa Henricourts. Alle Räume sind leer, der Todte wird in den Salon gebracht, Doctor Dun hat es übernommen, die Ehrenwache bei dem Freunde zu halten. Doctor Dun ist allein mit der Leiche, seine Gedanken fliegen zurück zu jener Nacht, als er die Inderin zum Leben erweckte. Wo mag sie weilen? Da hebt sich die Portiöre und die, deren er eben gedacht, tritt herein. Schwebend ist ihr Gang, nichts Irdisches scheint ihr anzuhaften, der Glanz ihrer Augen ist tobt, bleich ihr Gesicht. Sie tritt an die Bahre und legt einen Strauß blühender, duftender Lotosblumen auf die Brust des Geliebten und küßt seine erblaßten Lippen, seine blut bedeckte Stirn. Schweigend, wie sie gekommen, verläßt sie wieder den Salon. Doctor Dun wagte sie nicht mit einem Wort zu bannen, Alles versank wieder in Todesstille, nur von unten herauf, von der Wasserseite tönt ein dumpfer Fall und hochauf spritzen die Fluthen des Ganges und die Lotosblumen schimmern und leuchten, düsten und flüstern wie immer. Ueber den Wassern wölbt sich der ewige Himmelsdom mit seinen glänzenden Sternen, und als der Morgen heraufdämmerte, spülten die Wogen des Ganges die Leiche der schönen Mira ans Land. Hrrinsvistische». No tch wendige Vorbereitung. „Der Herr Oberförster erzählt ja in den letzten Tagen so glaubhafte Geschichten?" — „Ja, der muß nächstens als Zeuge vor Gericht und da trainirt er sich bei Zeilen auf die Wahrheit sagen." * * * Schön gesagt. Barbier (schwärmerisch): „Ach, Fräulein Laura, Sie haben mein Herz mit Ihrem Liebreiz total eingeseist!" * * * Immer im Beruf. Vater (Richter): „War das nicht der junge Referendar Krüger, der soeben das Haus verließ, als ich kam?" — Tochter: „Jawohl, Papa!" — Vater: „Aber ich habe sein Gesuch doch abschläglich beschicken. — Tochter: „Ja, aber er hat an eine höhere Instanz appellirl und Mama hat die Entscheidung des Vorderrichters aufgehoben/ * * * Zurücksetzung. Schusterjunge: Seit drei Tagen keene eenzije Ohrfeije --- wat der Meester blos jejen mir hat?!" * * * Der unbra uchbare Lehrling. Chef: „Ich schenke Ihnen ein Jahr von Ihrer Lehrzeit, von morgen an sind sie Commis, — aber nicht bei mir!" * * Schlechte Beleuchtung. Doctor Ulk (zu Apollo): „Die Morgenbeleuchtung wird ja alle Tage mangelhafter. Sie sollten sich statt Ihrer jämmerlichen Petroleumfunzeln auch lieber Auer'sches Glühlicht anschaffen." Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerci (Pietsch & Scheyda) m Gießen.