Das Kind der Tänzerin. Roma» aus dein ainerikanischen Leben von Joseph Treuman». (Fortsetzung.) Ethels heraunahende Fußtritte rüttelte ihn aus seinen Träumereien auf; er sprang ihr rasch entgegen. „Gott sei Dank!" rief er; „ich fürchtete schon, daß Du nicht kommen würdest." Zitternd, tief errölhend, antwortete sic: „Es wurde mir nicht leicht, mich von Miß Hale loszumachen. Du weißt ja, welch' scharfe Augen sie hat. Doch hier bin ich endlich. Und Du, Arthur, wie ist es Dir möglich geworden, über die Mauer zu klettern?" Er lachte. „Das wurde mir leicht genug; es würde einer höheren Mauer bedurft haben, um mein Kommen zu verhindern. Du hast also das Billet gefunden, das ich gestern Nacht über die Gartenmauer warf?" //Ja," stammelte sie; „cs ist ein Wunder, daß cs nicht in Miß Hales Hände gerieth; Du bist sehr unvorsichtig. Oh, Arthur, was willst Du von mir?" Warum hast Du mich gebeten, Dich hier zu treffen?" „Was ich von Dir will?!" rief er vorwurfsvoll; „wie kannst Du nur so fragen, Ethel? Die Zeit unserer Trennung ist für uns gekommen." Ethel schauerte zusammcu. „Haben Liebende in einer solchen Stunde miteinander nichts zu sagen?" fuhr Arthur fort; „konnte ich Dich ohne ein letztes Abschiedswort, ohne e,ne letzte Umarmung gehen lassen? Wer weiß, wann wir uns Wiedersehen mögen! Und soll uns das Glück gewogen sein, was nicht wahrscheinlich, so liegen doch lange Wochen Smerftai de» 1. Juli «ff y« rogiw ÜÄ1L w Äu weit getrieben, 4 Verfehlt die Strenge ihres weisen Zwecks, Und allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen. Schiller. Was willst Du heute sorgen Auf morgen? Der Eine Steht Allem für: Der giebt auch Dir Das Deine. Fleming. der Trennung zwischen uns. Schlinge Deine holden Arme nm mich; laß Deine Wange an meinem Herzen ruhen. Oh, mein Engel, gedenkst Du noch des Tages, da ich zum ersten Male als ein bescheidener Musiklehrer in die Schule kam; als die Vorsteherin meine Schülerinnen in das Musikzimmer beorderte, wo ich zu ihrem Empfang bereit stand?" „Ja, oh ja!" „Du warst die Erste hi der Klasse. Ich stand wie geblendet bei Deinem Anblick. Du warst weiß wie der Schuee und strahleud wie die Morgensonne. Nebeu Dir sahen die übrigen Mädchen wie gemeines Unkraut aus. Und in jener Stunde schwur ich in meinem Herzen, daß ich Dich gewinnen wollte, trotz des Mißgeschicks, das mich meines Ranges und Reichthums beraubt, mich arm und elend gemacht hatte. Sage mir nun, Geliebte, wann fingst Du an, mich zu lieben?" „In derselben Stunde, da ich Dich zum ersten Male sah," stammelte sie hervor. „Du blicktest mich au — Du sprachst über Musik mit mir, und — ich sand keine Worte, Dir zu antworten. Ich wurde todteubleich vor innerer Erregtheit; selbst die Vorsteherin bemerkte es und glaubte, ich sei unwohl. Nach der ersten Lection, als Du fort warst und alle übrigen Mädchen von Deiner Schönheit und Deinem vornehmen Wesen zu sprechen begannen, vermochte ich allein nichts zu sagen." „Das war vor sechs Monaten," murmelte er trium- phircnd, „und die Liebe, die wir bei unserer ersten Begegnung für einander hegten, ist seither beständig gewachsen und erstarkt, nicht wahr?" „Ja," antwortete sie schluchzend. „Wir haben glücklicherweise unser Geheimniß so gut bewahrt, daß kein Dritter es jemals ahnte; allein die Zeit ist gekommen, daß Du die Schule verlassen und zu den Deinigen zurückkehren mußt, die nie von mir gehört haben. Kannst Du es mir verdenken, daß ich um mein Glück bange bin? Du hast mir genug von Dir selbst und Deinem Großvater erzählt, um mich zu überzeugeu, daß er Himmel uud Erde aufbieteu wird, um Dich au den englischen Baronet zu verheiratheu. Ohue Zweifel ist er der Ansicht, daß selbst diese Partie noch nicht gut genug für Dich ist. Du wirst Dich sofort in die Gesellschaft stürzen — wirst Hunderte von Anbetern zu Deinen Füßen schmachten sehen — Dein Pensionsleben wird wie ein Traum aus Deiner Erinnerung schwinden, und ich werde fern von Dir fein, Dich der Liebe und Bewunderung anderer Männer überlassen müssen. - 398 Kannst Du Dich wundern, daß der Gedanke an Alles das I Bangen, mir an diesem Morgen das Herz bluten macht?" f'ni " u . „Wenn Du mich liebst — wenn Du mich je geliebt" hast, so schwöre mir, Ethel!" Und sie war wie Wachs in seinen Händen. Die Ge- Ethels Gesicht war sehr blaß, als sie es emporhob, um seine feurigen Küsse zu empfangen- sie liebte diesen theatralischen Musiklehrer mit seinem Mantel, seinem breiten Hute und seinen schmelzenden Creolen-Augen, wie nur ein romantisches, unvernünftiges Mädchen lieben kann. „Es ist grausam von Dir, so zu reden," sprach sie endlich- „kannst Du mir nicht trauen, Arthur? Großpapa ist meinSclave- er liebt mich abgöttisch — es giebt nichts, das er nicht für mich thnn würde. Er mag stolz sein, mag Rang und Retchthum lieben, allein er wünscht mich glücklich zu machen. Er wird mich nie zwingen, gegen meinen Willen zu heirathen - er wird nie zwischen mir und dem Gegenstand meiner eigenen Wahl stehen!" Arthur lächelte traurig und ungläubig. „Meine Liebe, ich fürchte, Du täuschest Dich," sprach er seufzend- „wenn er diesen Morgen kommt, um Dich von hier fortzunehmen, so sage ihm: „Ich liebe einen Mann, der sich durch Musikunterricht ernährt — einen Gentleman von guter Geburt und Familie, wie Du selbst- er war einst reich, aber jetzt ist "er arm- ich bin eine Erbin, und er besitzt nichts- dennoch liebe ich ihn, und er betet mich an. Sage ihm dies und sei überzeugt, daß er Alles in Bewegung setzen wird, uns für immer zu trennen, dafür zu sorgen, daß wir uns nie wieder sehen werden." walt, welche dieser geheimnißvolle Musiklehrer über sie erlangt hatte, war geradezu unheimlich, sie vermochte seiner Berührung, seinen Blicken, seiner Stimme so wenig zu widerstehen wie die Blätter des Baumes der Macht des Windes. Noch einen letzten schwachen Versuch machte sie. „Arthur! Habe Erbarmen!" flehte sie; „schone mich- es mag vielleicht nicht in meiner Macht stehen, zu thun, was Du von mir verlangst." „Es muß sein- es soll sein!" rief er wild auS; „mein bist Du- als mein Eigenthum werde ich Dich zu jeder Zeit und an jedem Orte kühn verlangen. Schwöre!" „Ich schwöre!" stammelte sie, halb ohnmächtig. „Ich rufe den Himmel '— ja, und auch die Hölle — zu Zeugen Deines Schwures an, Ethel!" rief er frohlockend, indem er sie an seine Brust zog und ihr die verlorene Röthe wieder auf die bleichen Lippen küßte. In diesem Moment schlug die Uhr auf dem nahen Thurme sieben. In geringer Entfernung ließ sich in dem Gesträuche eine weibliche Stimme, vernehmen: „Miß Grehlock, wo sind Sie?" „Es ist Miß Hale," flüsterte Ethel beunruhigt- „oh, Arthur, wenn sie Dich hier findet, so sind wir Beide verloren !" Er war sich der Gefahr wohl bewußt. Seit sechs Ihre schönen Arme schlangen sich inniger um seinen Monaten war dieser Mann das Ideal des Pensionats- Hals. „Dann will ich schweigen," seufzte sie- „wir müssen jeöeg Mädchen hatte ihn seiner dunkeln, romantischen Schön- unser Gcheimniß noch etwas länger bewahren- nichts soll s^er vorzüglichen Tenorstimme und seines bezaubernden uns von einander trennen! Ich liebe Dich um so inniger, Spieles halber angebotet, aber auch ihn seines unverschuldeten da Du sehr vom Unglück verfolgt, so verarmt bist!" „ Mißgeschickes halber bemitleidet. Und dennoch war sein Be- „Und doch," entgegnete er mit vorwurfsvoller Zärtlich- | M;men ftt dieser verlockenden Situation tadellos geblieben, feit, „wolltest Du Dich vor acht Tagen nicht mit mir trauen I toett die Vorsteherin und ihre Lehrerinnen wußten und lassen, als ich Dich auf meinen Knieen darum beschwor!" hatte Monsieur Regnault unter allen diesen reizenden „Ich konnte nicht, Arthur. Der Gedanke an Großpapa | Mädchen sich mit dem Ernst und der Würde eines dem hielt mich zurück- er war stets so gütig und edelmüthig | Greisenaltcr Nahestehenden benommen. gegen mich- ohne sein Wissen und seine Einwilligung zu drückte das geliebte Mädchen an die Brust, bedeckte heirathen schien mir eine gottlose That — schwarzer, Herz- jhx schönes, erschrockenes Gesicht mit Abschiedsküssen und loser Undank. Laß uns Geduld haben- er wird uns seinen s^ch. „Gedenke Deines Schwures! Ich bin Dein, und Segen nicht vorenthalten." I ®u hist mein - Tod und Verderben dem, der uns zu trennen „Mein armes Kind! Ich bin älter als Du- ich kenne I ^cht! Lebe wohl- auf Wiedersehen!" die Menschen besser. Wenn Du diesen Ort erst verlassen I Mit diesen Worten entrang er sich ihren Armen und verhaft, wird Deine Liebe zu mir auf eine schwere Probe ge- schwand unter den Bäumen, gerade als Miß Hale aus dem stellt werden. Ich bin von eifersüchtigen Befürchtungen er- Gesträuch hervortrat. füllt- schwöre mir Ethel, daß Du mir, komme, was da wolle, „3^ Großvater ist augekommeu, Miß Grehlock, und treu bleiben willst!" erwartet Sie," sagte die Lehrerin - „haben Sie Ihren Ring Ehe sie wußte, was er that, hatte er sie unter den I gefunden." herabhängenden Aesten eines Baumes auf die Knie gebracht. I Ethel wurde über und über roth. „Nein," antwortete Er war voll Besorgniß, dieses Mädchen zu verlieren, und sie- „es thut aber nichts- Großpapa wird mir einen anderen er war entschlossen, daß keine Macht auf Erden sie ihm ent- I kaufen." reißen sollte. Sein dunkles, südländisches Gesicht war asch- I Mit diesen mühsam hervorgestammelten Worten wandte |tc fall geworden- seine schwarzen Augen funkelten wie feurige sich um und eilte, ohne sich weiter um Miß Hale zukümmeny Kohlen. „Schwöre mir, nie vergessen zu wollen, daß Du mit brennenden Lippen und mächtig pochendem Herzen nach einzig und allein mir angehörst — trotz aller Großväter bem Hause zurück und in das Empfangszimmer. und aller englischen Baronets in der Welt!" I Godfrey Grehlock, zwar neun Jahre älter, aber noch „Ich schwöre!" antwortete sie. I immer so aufrecht und gebieterisch wie zur Zeit, da wir ihn „Wohin Du gehst, werde ich Dir früher oder später nach- I zuletzt sahen, harrte auf das Erscheinen seiner einst so verfolgen- ich kann ohne Dich nicht leben. Ethel, schwöre mir, I achteten, jetzt aber angebeteten Enkelin. , . (, daß Du nicht zaudern und zagen wirst, wenn ich eines | Sie flog in seine Arme, und er drückte sie an sem Tages kommen werde, um Dich zu der Meinigen zu machen- Herz, als ob er sie seit Jahren nicht gesehen hätte. schwöre mir, daß Du mich heirathen willst — offen, wenn „Oh, Großpapa, wie freue ich mich, daß Du gekommei wenn es möglich ist, heimlich, wenn es sein muß! Schwöre I hist, mich endlich abzuholen!" rief sie, von einem plötzliche! mir, daß kein Lebendiger und kein Todter zwischen uns I nervösen Zittern überwältigt. . treten und uns von einander trennen soll, wenn ich komme, I Mr. Godfrey hielt Ethel aus Armeslänge von sich u um Dich als mein Weib heimzuführen!" j prüfte ihr Gesicht mit einer Zärtlichkeit, die nur sie m Ein eisiger Schauder durchlief das knieende Mädchen, kalten Augen zu zaubern vermochte. „Was ist Dir, Ethe eine Vorahnung künftigen Unglücks, die ihr die Lippen ver- I sagte er - „Du hast Dich in den drei Tagen sei siegelte. Unwillkürlich zog sie ihre Hände aus denen ihres Prämirung sichtlich verändert- Du bist ja lerchenblatz, Geliebten. etwas mit Dir vorgegangen!" - Allein er ergriff dieselben wieder mit eifersüchtigem j Sie küßte den alten Herrn und suchte ihre Ve g hinter einem heiteren Lachen zu verbergen. „Du irrst, I Großpapachen/ es ist jetzt hier so still wie im Grab- die Mädchen sind alle fort, auch die meisten Lehrerinnen/ seit ben letzten drei Tagen fühle ich mich schrecklich vereinsamt." I „Nun, mach' Dich zurecht, mein liebes Kind; wir werden I sofort abreisen. Doch da fällt mir eben ein, Miß Hole I sagte mir, als ich aukam, Du seiest im Garten und suchtest I einen verlorenen Ring/ hast Du ihn gefunden?" Ethel senkte den Kopf/ ihr Großvater war die einzige Person auf Erden, vor der sie wirklich Furcht hegte. „Es war der Opalring, den Du mir zu Weihnachten schicktest," I stammelte sie/ „ich habe ihn leider nicht gefunden/ es — es schmerzte mich tief." „Denke nicht weiter daran, mein Liebling/ ich werde einen anderen für Dich bestellen. Du weißt ja," fügte er mit einem Lächeln hinzu, das sein strenges, altes Gesicht um zehn Jahre jünger erscheinen ließ, „Du brauchst Deine Wünsche nur zu äußern, um sie erfüllt zu sehen." Die Vorsteherin, deren besonderer Liebling Ethel Grey- lock stets gewesen, war inzwischen anfgestanden / sie eilte jetzt die Treppe herab, um von ihrer scheidenden Schülerin Abschied zu nehmen. Auch Miß Hale kam in diesem Augenblick vom Garten zurück. Noch eiuige Thränen, einige Umarmungen, und Godfrey Grehlock geleitete seine Enkelin zu der Kutsche, die vor dem Hause wartete. An einen Laternenpfosten in der Nähe gelehnt, stand der Creole, fest entschlossen, das Mädchen, das er liebte, auf jede Gefahr hin noch einmal zu erblicken. Als Ethels Augen ihn gewahrten, nahm er kühn den Hut ab und lenkte dadurch des alten Herrn Aufmerksamkeit auf sich. „Wer ist dieser Mensch?" fragte Mr. Godfrey, indem er seinen Platz in der Kutsche neben seiner Enkelin einnahm. Beunruhigt über diese Verwegenheit ihres Geliebten, antwortete diese: „Es ist Monsieur Regnault, der Musiklehrer unserer Schule, Großpapachen." „Der Mensch sieht wie ein Schauspieler aus/ ich würde ihn unter Tausenden wieder erkennen," antwortete Godfrey Grehlock und warf noch einen Blick nach der Gestalt am Laternenpfosten zurück/ „ist er ein Ausländer?" „Ich — ich — das heißt," stammelte Ethel, „Miß Hale sagte mir, daß er ein Westindier sei, daß er einst großen Reichthum besessen, denselben aber durch unglückliche Specula» Hotten verloren habe und sich jetzt durch Musikunterricht ernähren müsse." „Es ist sehr unvorsichtig von der Vorsteherin, einen solchen Lehrer für eine Schule voll romantischer Mädchen zu I halten/ er ist hübsch genug, um jedem weiblichen Wesen den Kopf zu verdrehen." Ethel lehnte sich zurück und erheuchelte ein gleichgilttges Gähnen. „Ich kann eigentlich hübsche Männer nicht leiden, Großpapa," sagte sie möglichst unbefangen, „Schönheit ist eine Gabe, die ausschließlich dem weiblichen Geschlechts vor- | behalten sein sollte. — Sage mir doch," fuhr sie fort, indem sie mit verdächtiger Hast zu einem anderen Gegenstand überging, „erwartet uns Tante Pamela in Grehlock Woods? Hatte sie kein Verlangen, mit Dir zu kommen, um mich ab- zuholen?" „Beide Fragen beantworte ich mit Ja/ ihr Gesundheitszustand verbot es ihr, mich zu begleiten, ihr neuer Arzt Protestirte gegen die Reise." „Ihr neuer Arzt? Wo ist Doctor Jarvis?" „Er starb schon vor mehreren Monaten. Ein junger Mediciner aus New-Jork, ein gewisser Doctor Richard Bau- dine, hat seinen Platz in Blackport eingenommen." „Ein junger Arzt? O, das ist ja prächtig, da habe ich Jemanden zur Unterhaltung!" rief Ethel. „Ist Tante Pamela ihm gewogen?" „So sehr, daß sie ohne seinen Rath gar nicht extsttren kann / er darf sich glücklich schätzen, daß er gleich beim Beginn seiner Laufbahn eine solche Patientin erhielt." „Dies ist mir auch um Tante Pamellas willen sehr lieb, Großpapa," sprach Ethel. „Ich werde ihn sofort zu meinem Sclaven machen," fügte sie scherzend hinzu. Und nun begann sie den Alten mit Fragen über die alte Hopkins, die Dienerschaft, die Hunde, die Pfauen, kurzum, über alle lebenden und leblosen Dinge zu Grehlock Woods , zu bestürmen. „Ich glaube zwar, ich habe schon vor drei Tagen nach all diesen Dingen gefragt," fuhr sie fort/ „allein ich weiß nicht wie es kommt, ich muß immer und immer wieder fragen. Und dann Mama — fast hätte ich sie vergessen — ist sie von Europa zurückgekehrt/ ist sie wieder in der Rosen-Villa?" Die Stirn des alten Herrn umwölkte sich, wie es stets der Fall war, wenn seine Schwiegertochter erwähnt wurde. „Nein," antwortete er/ „das Haus ist geschlossen/ sie ist noch im Ausland/ ich weiß nicht, wo sie ist/ ich stehe in keinem Briefwechsel mit ihr." „Sie schrieb mir zwei oder drei Mal das Jahr," sagte Ethel/ „ihr letzter Brief war von einer Stadt in Tyrol, wo sie die Bäder für ihr verletztes Bein gebrauchte/ sie schien keine Hoffnung auf Wiederherstellung zu hegen/ sie schrieb, sie habe ganz Europa durchreist und keine Linderung gefunden." i Grehlock zuckte die Achseln. Seit er die Sorge über seine Enkelin übernommen, war es sein Bestreben gewesen, Mutter und Tochter von einander getrennt zu halten, und da keine von Beiden sich nach dem Umgang mit der anderen zu sehnen schien, so war ihm die Lösung dieser Aufgabe nicht eben schwer geworden. Iris hatte ein schönes Einkommen. Das Leben einer Einsiedlerin war nicht nach ihrem Geschmack gewesen/ sie war auf Reisen gegangen und sehnte sich nicht in ihr Gefängniß, tote sie die Rosen-Villa nannte, zurück. So war denn die kleine Ethel zur Jungfrau herange- wachsen, ohne viel von ihrer Mutter gesehen zu haben. Von der Geschichte der Letzteren wußte sie so viel wie Godfrey Grehlock und nicht mehr. Ethel liebte ihre Tante Pamela und tyrannisirte sie/ sie fürchtete ihren Großvater und verehrte ihn zugleich. In ihren Augen war er der vortrefflichste, der edelste Mann. Daß er Iris Grehlock mied und sie nicht leiden mochte, daß er sie auf alle erdenkliche Weise von ihrer Tochter fern zu halten suchte, bereitete der Tochter nicht den geringsten Kummer, da ihre Liebe zu der Mutter nur sehr lauer Art war. (Fortsetzung folgt.) Vom „Deutschen Gretna-Green." Eine Plauderei auS Helgoland. Von Gustav Kopal. (Nachdruck verboten). Irgendwo vor längerer Zeit las ich in einem Feuilleton, das über die „Perle der Nordsee" Wahres und Falsches in buntem Durcheinander brachte, die Bezeichnung Helgolands als „Gretna-Green für deutsche Liebespaare". Mein journalistischer College meinte, wie sich aus dem Zusammenhang ergab, allen Ernstes, daß man hier gerade so prompt und ohne alle Formalitäten aus der wogenden See des Ledigseins in den Hafen der Ehe gelotset werden könne, wie in dem berühmten schottischen Grenzorte, der den Romanschriftstellern Alt-Englands so oft schon dankbaren Stoff geboten hat. Auch zu einem Operntext hat dieser gedient. Ich glaube, das unfern Großeltern noch sehr gut bekannte musikalische Werk wird heutzutage ebensowenig aufgeführt, wie in Gretna- Green selbst überhaupt noch Trauungen absonderlicher Art von dem Amtsnachfolger des biederen Mannes vollzogen werden, der, seines Zeichens ein Grobschmied, dereinst in seinen Musestunden als Magistratsperson auch die Ketten Hymens geschickt zusammenzuschweißen wußte. Aber „Der Schmied von Gretna- Green", so heißt die Oper, dankte jedenfalls seine günstige Geschäftsbonjuktur derjenigen Zeit, als es noch keine Eisen- I bahn gab. Gretna-Green war an der englisch-schottischen । Grenze die erste Poststation, wenn man an das Nordufer 300 des Tweed gelängt war. Heutzutage jedoch sausen die den etwaigen hartherzigen Eltern oder Vormündern entronnenen englischen Liebespaare per Blitzzug nach irgend einer der vielen unfern der Grenze gelegenen Städte mit Hotels ersten Ranges, die gute Table d'hote und anderen Komfort bieten, wie man ihn in dem schottischen Grenzdorse schwerlich finden dürfte. Gretna-Green besaß und besitzt nämlich nicht etwa, wie mancher glaubt, ein besonderes Privilegium. Vielmehr besteht in ganz Schottland eine so wunderbare Gesetzgebung betreffs der Eheschließungs-Formalitäten, daß jedem normalen deutschen Rechtskundigen, der zufällig davon Kenntniß nimmt, die Haare zu Berge stehen müssen. Deshalb will ich auch auf diesen Gegenstand hier nicht weiter eingehen, denn allzu unwahrscheinliche Dinge, wenn sie auch zehntausendmal nachweislich wahr sind, soll ein auf Reputation haltender Schriftsteller seinen Lesern lieber gar nicht erzählen. Wer Helgoland als „Deutsches Gretna Green" bezeichnet, der hat recht und unrecht, je nachdem. Durchaus feststehend ist die Thatsache, daß alljährlich so und soviel Paare hier anlangen, um sich trauen zu lassen und denen, nach Ableistung eines Eides und Erlegung von 200 Reichsmark bar, die Erfüllung ihres Wunsches binnen kürzester Zeit beschafft wird, unter Umständen schon binnen einer Stunde nach Ankunft des Dampfers! Das klingt fabelhaft, aber es ist wahr, absolut wahr- der wackere Herr Pastor Schröder hierorts, den ich zufällig zu interviewen Anlaß nahm, hat es mich selbst versichert. Und wohl zu merken, richtig und bindend, gesetzlich und kirchlich gültig überall, durchaus unanfechtbar ist die Trauung hier auf dem rothen Felsen. Das war sie schon, als Helgoland noch unter englischem Scepter stand. Vollends jetzt, da hier Deutschlands Schwarz- weiß - roth weht, sollten diejenigen Zweifler, die eine Trauung auf Helgoland als irgend etwas Minderwerthiges anzusehen geneigt wären, doch gütigst in Betracht ziehen, daß das löbliche Deutsche Reich, in dem Ordnung, Gesetz und Sitte gilt, sicherlich einen Zustand nicht dulden würde, der gegen jene wesentlichen Erfordernisse eines modernen Culturstaates irgendwie zu verstoßen geeignet sein könnte. Das ist aber keineswegs der Fall. Deßhalb ist auch nach der Angliederung Helgolands an das Deutsche Reich am 10. August 1890 der hinsichtlich der Trauungen ohne Aufgebot bestehende Ausnahmezustand unverändert in Kraft geblieben. Viele Leute nahmen damals an, daß das nicht der Fall sei, und deßhalb verminderte sich in der ersten Zeit nach der Besitzergreifung die Zahl der Trauungen merklich. Diese Uebergangsperiode aber ist, so meinte Herr Pastor Schröder, längst überwunden,- gegenwärtig ist die frühere Durchschnittsziffer wiederum überschritten und, beispielsweise im laufenden Jahre haben bis Ende Juli schon etwa 50 Paare hierorts die Trauung ohne Aufgebot vollziehen lassen. „Ohne Aufgebot!" Darin liegt das Hauptkriterium des hier geltenden Ausnahmezustandes. Im Uebrigen aber unterscheidet sich, wie man gleich bemerken wird, diese Helgoländer Eheschließung wirklich äußerst wenig von demjenigen, was im Allgemeinen im deutschen Vaterlande Brauch ist. Deßhalb trifft auch, wie vorhin schon angedeutet, der Vergleich mit den wundersamen Zuständen in Schottland in specie Gretna- Green, in sehr vielen Punkten, ja, in den meisten, ganz und gar nicht zu. Gründlich im Jrrthum befinden sich namentlich diejenigen schwärmerischen Liebesleute, die gelesen haben oder sich haben erzählen lassen, die Sache mache sich auf Helgoland etwa in ähnlicher Weise, wie in den Vereinigten Staaten Nordamerikas, wo neben den Geistlichen der verschiedensten Sekten auch Friedensrichter, Notare und sonstige juristische Respectspersonen aller Art im Handumdrehen Männlein und Weiblein zusammenfügen, gegen Erlegung der üblichen Gebühren etwa nach folgendem Recept: „Willst ihn?" - „Ja." - „Willst sie?" — „Ja." — „Seid Mann und Frau- kostet vier Dollars." Da gibt es denn, ganz abgesehen von der hierorts immerhin recht respektablen Höhe der erwachsenden Unkosten, sehr häufig einen Moment unangenehmer Enttäuschung, wenn der heirathslustige Jüngling auf hochachtungsvoll ergebene briefliche Anfrage von der zuständigen Stelle (das ist das Pastorat, dem alle solche Zuschriften überwiesen werden) folgende gedruckte Antwort erhält: „Helgoland, den .... 18 . . P. P. In Beantwortung Ihres Geehrten vom .... ermangele ich nicht, Ihnen nachstehend die gesetzlichen Bedingungen mit» zutheilen, welche von Auswärtigen, die hier getraut werden wollen, zu erfüllen sind. 1. Es ist ein Taufschein zu produciren, da Israeliten nicht getraut werden können. Auch muß mindestens ein Theil evangelisch sein. 2. Bisher Unverehelichte, welche das 25. Lebensjahr noch nicht zurückgelegt haben, müssen den obrigkeitlich oder notariell beglaubigten Coscns der Eltern zu der beabsichtigten Ehe beibringen. Minderjährige, d. h. solche, welche das 22. Lebensjahr noch nicht erreicht haben, müssen mit den Todesschcinen auch die Einwilligung der Vormünder beibringen. 3. Verwittwete haben den Totenschein des verstorbenen Gatten vorzulegen und, falls unmündige Kinder aus der früheren Ehe vorhanden sind, auch eine Bescheinigung, daß die Erbansprüche dieser Kinder gesichert sind. 4. Geschiedene müssen das Scheidungserkenntniß produciren, aus dessen Gründen sich kein Hinderniß gegen die beabsichtigte Eheschließung ergeben darf. 5. Alle haben hier vor der zuständigen Behörde, bei welcher ich einen diesbezügliche Antrag einreichc, zu beschwören, daß sie ledig sind, worauf dann die Erlaubniß zur Trauung ohne Aufgebot ertheilt wird. 6. Die erforderlichen Documente sind vorher einzusenden, solche, die in einer anderen als der deutschen, englischen oder französischen Sprache abgefaßt sind, in beglaubigter Uebersetzung. 7. Die Gesammtgebühren für alle betheiligten Beamten und öffentlichen Kassen sind auf 200 Mark festgesetzt. 8. Können die vorstehend angegebenen Bedingungen erfüllt werden, so steht der Trauung Hierselbst nichts entgegen. Meistens kann dieselbe schon am Tage der Ankunft vollzogen werden. Hochachtungsvoll ergcbenft Pastor H. Schröder." In sehr, sehr vielen Fällen wirkt diese recht prosaische Antwort äußerst vernichtend auf das entflammte Strohfeucr poetischer Gefühle. Wie manche jugendliche Leute mögen in ihrem Licbesrausche den „Konsens der Eltern" gerade für dasjenige überflüssige Beiwerk erachtet haben, auf das die braven Einwohner der romantischen Klippe keinen Wert legen dürften — und nun schmettert eine so grausame Enttäuschung den Hagel auf die junge grüne Saat ihres Herzensbüudnisses! Das kommt davon, wenn man sich nicht gehörig informirt. Jeder ältere Badegast — und deren gibt's doch genug in Deutschland — würde ihnen auf Befragen gern erfahrungsgemäß mitgetheilt haben, daß die Helgoländer durchaus nicht romantisch veranlagt, vielmehr nüchtern-practische Geschäftsleute sind, und kein Vernünftiger wird ihnen das verdenken. (Schluß folgt.) Humoristisches. Ein echter Parvenü. „ . . Ich sag' Ihnen, Frau Gräfin, meiner Tochter habe ich eine Erziehung genießen lassen, die manchen anderen Vater bankerott gemacht hätte! Rcdactüm: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Sch-Yda) in Gießen.