Seekrank. Novelle von Hans Nagel von Brame. (Schluß.) Jetzt unterbrach er fast jäh seine Rede. Er sah Thränen in ihren Augen — das wollte er nicht. „In wenigen Minuten sind wir an Ort und Stelle," suhr er mit völlig verändertem Tonfalle — heiter fast — fort: „Vor uns der gothische Bau, der zwischen den Baumkronen hervorragt, das ist Horenburg. — O, Fräulein Bertha, ich weiß es, ich fühle es in tiefster Brust, — dort werden Sie mir noch heute sagen, daß ich ein glücklicher Mann bin, — nein, nicht jetzt, — später — heute Abend — o, jerst dann, wenn Sie es mit voller Ueberzeugung sagen können!" Er trieb sein Pferd zu neuer Eile an, denn schon wurde auch der Landauer sichtbar. Näher und näher rückte das Landhaus von Horenburg mit dem grünen Park und dem vergoldeten Thorwege, mit den Erkern und Thürmchen und — etwas ferner — mit den mächtigen Scheunen und Ställen, deren rothe Ziegeldächer fast bis zur Erde hinabreichten. Bertha rang mit einem Entschlüsse. Der Herr neben ihr fühlte bog; aber er schwieg und machte ein höchst frohes, zuversichtliches Gesicht. Jetzt bog das Cariol um eine Ecke, direct in die Allee, die auf daö Schlößchen zuführte. Da — im letzten Augenblicke — besiegte die junge Dame ihre Scheu. „Herr Doctor," sagte sie leise, und die sonst so melodisch Weiche Stimme bekam einen fast rauhen Klang, „Herr Doctor, Ihr Vertrauen ehrt mich — würde mich glücklich machen — J»enn, — aber — ich bin — verheirathet, — glücklich ver- heirathet!" bamSLaz de« 1. Mai. as ist ein wunderbarer Klang, Wenn Sonntags früh die Glocke schallt, Und ist ein festlich schöner Gang, Wenn still die Schaar zur Kirche wallt. Ein hohes Feiern füllt das Herz, Und ew'gen Frieden möcht' es gern, Und geht, ihn suchend, himmelwärts: Denn Sonntags ist der Tag des Herrn. Es war heraus! Erschöpft sank sie an die Lehne des Sitzes zurück und schloß unwillkürlich die Augen, — als wollte sie das Elend nicht sehen, das sie angerichtet, — aus Kurzweil, aus schnöder Koketterie angerichtet. „Das ist ja famos! — Um so besser!" — Sagte das der Doctor? War das der Ton der Zerknirschung? Ihre Wimpern hoben sich ganz langsam, durch eine ganz schmale Spalte sahen die in Thränen schwimmenden Augen hinauf zu dem Nachbar, und — wahrhaftig, er lachte! „Um so besser!" wiederholte er. „Ich verstehe Sie nicht," antwortete sie befremdet. „Mein Gott, das ist doch einfach! Als Frau werden Sie meine Fragen doch noch viel sachlicher und leichter beantworten können!" Wie Zornesröthe flammte es plötzlich auf über der Dame Augenbrauen: „Mein Herr — die Anträge, die mich als Mädchen ehren mußten, sie werden zur Beleidigung — der Frau gegenüber!" „Die Anträge?" fragte er scheinbar erstaunt. Eben fuhr das Cariol an der breiten Rampe vor. „Ah — da ist sie schon," rief der Doctor mit freudigem Ausdrucke, eine Dame gewahrend, die eben aus dem Portale trat — eine elegante, hohe Erscheinung mit dunklem Haar und jenem ganz weich in's bräunliche spielenden, fast sammetartigen Teint, den man gelegentlich bei Creolinnen bewundert. Aus ihren tiefen, großen Augen leuchteten Glück und Liebe zugleich, während sie zum Cariol hinauf sah — zum Doctor. „Meine Frau!" sagte dieser und weidete sich eine Secunde an dem Erstaunen Berthas. „Und das ist meine Patientin, von der ich Dir in diesen Tagen erzählte, — nun weiß ich Ihren Namen nicht einmal!" fügte er lachend hinzu. „Mein Mann heißt von Thelen und ist Geheuner Regierungsrath im Ministerium des Innern," sagte Bertha nicht ohne Verlegenheit. „Aber das ist ja mein Freund und Studiengenosse — da haben Sie ja ein unbändiges Glück erfaßt, als Sie den fesselten! Ein begnadeter Dichter nebenbei — gratulire!" Der zweite Wagen kam eben vorgefahren, das Erstaunen erneuerte sich und hob sich noch mehr, als der Doctor dann seine beiden strammen Jungen, einen Primaner und einen Feriencadeten, heranholte. Bald saß man in heiterster Laune bei wohlbesetzter Tafel, und beim ersten Glase Sect toastete Frau von Santen — 198 reichte ihm die Hand. von Thelen leise hinzu. Mit dem Wunsche auf Wiedersehen in Berlin fuhr die muntere Gesellschaft ab. „Arthur Otto" mußte noch im letzten Augenblick versprechen, einen Artikel über die Seekrankheit zu schreiben. „Aber ich muß auch darin Vorkommen!" bat Fräulein Helene Oldekopp und „bitte nicht indiscret!" rief Frau von Thelen -em Doctor noch vom Wagen aus zu. Arthur Otto war aber ein Ehrenmann. Er hat in seinem Artikel nichts davon verrathen, daß es auch eine „Seebadekrankheit" zu curiren giebt, von der junge Frauen nicht selten auch am Lande — am Strande und in den Dünen ergriffen werden. In der Curmethode gegen diese Seekrankheit schließen sich freilich nicht alle practischen Aerzte dem Heilverfahren des Doctor Arthur Otto an. eigentlichen Thema ab und bleibe die blamirte Europäerin. Deshalb fuhr ich unentwegt fort: „Ein Canarienvogel soll es sein — ein hübscher, gelber, zahmer Piepmatz, der uns das Morgenständchen bringt, Tischmusik macht unbj?or dem Schlafengehen noch einen Abendcantus steigen läßt- „Keine schlechte Idee," nickte mein Mann, „ein hübsche Bauer werde ich besorgen. Ich dächte so ä la Pavillon aus einem kleinen Tischchen in den Erker zu stellen. bezüglich des Vogels muß eine sorgfältige Auswahl 0etr°n werden. Am besten ist, Du gehst zu einem renomnnr Züchter oder in eine große Vogelhandlung. Einen solch Von Lina Fabian. ------- (Nachdruck verboten.) ( er heißt also wirklich so," hatte die Frau Regierungsräthin etwas enttäuscht geäußert) auf die lieben Gäste, die bte weite Tour nicht gescheut hätten, um den Geburtstag ihres Mannes mit ihr zu feiern. , Sie sprach etwas ausländisch, — als Havaneserm, aber „es klingt zu reizend", wiederholte Frau Bernau „'ne, das sein?/ Mein der Gattin Weibchen, bei diesen Menschen/ „Wiy //3a/ zuckte das Canarienv Gefieders voll. Das sucht und scheinbarer piepe nid): Ich Angaben waren wi konnten si welche die — ich ko In ; Da gab i — aber Vogel ha ein Thier Tischmusi gesang er „Dc „eine Ler Ent über mtd Als plötzlich mir eine Seite ur Dutzende saß ein „Lienaa, Lienaaaa ihm steh konnte a mit gros Einen S oder Ni der in s Foxterri langham Kaninchi „£ Er bra deren fr flattern dort we sang bi een wo wie der Spectakelm ich nicht hc „Aber Ahnung tii zartes Thie machen uni drückt seine auf// brun der am Tc für jede t „Sie// and immer wieder. Nach Tische Promenade durch die Umgebung und Besteigen des Thurmes. Es traf sich so, daß der Doctor und Bertha allein auf der Plattform waren. „Nun kann ich mit gutem Gewissen alle Ihre Fragen mit einem aufrichtigen „Ja" beantworten// sagte sie mit einem zutraulichen Aufblicken und dennoch erröthend. „Ja — Sie sind glücklich, haben alle Ursache es zu sein!// Sie „Aber wer konnte das aus ihren Worten deuten?" „Das war's ja eben! Sie glauben nicht, tote ich fürchtete, Sie möchten vorzeitig hinter meine kleinen Geheimnisse kommen, wie ich ja längst das Ihre kannte'.// „Sie wußten?" rief sie erstaunt. „Na, natürlich! hätte ich denn solche Scherze mit einem jungen Mädchen treiben können?" Eine kurze Weile schien sie nachzusinnen. „Das hätte ich mir allerdings sagen können// meinte sie dann lächelnd. „Aber — so ungewöhnlich auch die Art, in der wir bekannt wurden, so geeignet wäre sie, um allerhand Auslegungen und Deutungen zuzulaffen// — sie machte eine kurze Pause — „nicht wahr, Sie kennen meinen Mann näher? Ach, wenn der wüßte, was für eine Tollheit ich Ich gestehe unumwunden zu, daß meine Kenntnisse in der Ornithologie nicht eben bedeutende sind. Aber so schlimm wie mein Mann fälschlicherweise behauptet, daß ich einen Buchfink nicht von einem Spatzen zu unterscheiden vermöchte, ist die Sache nicht. Und wenn ich mir erst eine Anzahl Stubenvögel halte, dann wird mir die Keuntniß in der Vogelkunde ganz von selbst kommen. Denn daß ich einige Vögel anschaffen mußte, war bei mir beschlossene Sache- ich ließ mir dann den ganzen Tag was Schönes Vorsingen und hatte außerdem eine hübsche lebendige Zimmerdecoratiou. Vorerst aber mußte ich mir darüber klar werden, welche Vogelrassen ich mir anschaffen wollte, denn meinem Mann mußte ich mit Thatsachen gegenübertreten, mit uferlosen Vögelankaufs- Plänen durfte ich ihm nicht kommen. — ________Ein Papagei — das war ein etwas großes Thier und mir erlaubt habe' — Aber es^hat mich dennoch sehr amüsirt I beanspruchte viel Pflege. Dann hatte ich einmal gelesen, baß — eine Badeepisode zu erleben und -" böse Schiffscapitäne die Thiere allerhand Dummheiten ern- „Und Ihr Mann wird's nicht erfahren", fuhr er gut- ten, Flüche in allen Sprachen der Welt und ungalante mütbia lächelnd, fort. „Aber nehmen Sie einen Rath: Redensarten gegen die Damen. Dann schnappten sie auch „Wenn eine Frau jung und hübsch ist ..." Worte und Redewendungen aus den Gesprächen auf, welche Spiele sie nicht mit dem Feuer, ich weiß es nun, — die Menfchen miteinander führten, — nein, einen Papaget genug davon! Doch sagen Sie, werden Sie meinen Mann lieber nicht, der brauchte meine Gespräche mit dem Dienst- fctien ?/y Mädchen nicht zu hören! „Gewiß — ich sehe ihn oft — im Club der Schriftsteller- Ich zog einen Fachmann zu Rathe, indem ich mir sämmt- Genossenschaft" I liehe Werke des bekannten Vogelkenners Dr. Carl Ruß aus- Dahin gehen auch Sie? Ich denke, Sie sind Arzt?" lieh. Ich habe sie alle durchgelesen - wenn's nach ihnen ge- Das war ich nur einmal — gegen die Seekrankheit I gangen wäre, hätte ich mir alle Vögel der Welt anschaffen einer schönen Frau, sonst Dr. juris und Hofkammerrath. — müssen. Endlich stellte ich meine Sache dem Zufall anhem, Aber das Alles wollen Sie der Bernau noch etwas vorent- ich nahm mir vor, den Vogel zu kaufen, dem das Buch gehalten, als gerechte Strafe für die Neugier." widmet war, über dessen Lectüre ich zuerst entschlafen wurde. Ehe die Gäste gegen Abend — zur Fluthwende — sich Noch am selben Mittag passtrte mrr das- als 'ch geweckt auf die Rückreise begaben, erhielten sie nach friesisch-nieder- wurde, griff ich sofort nach dem Buche, das m hellgelbem ländischem Brauche ein Gastgeschenk. — Ein Buch war's, Umschlag auf dem Tische lag. „Der Canartenvogel, seme in rothem Calico gebunden. Auf dem Umschläge las man Zucht und Pflege// las rch. „Alea jacta sunt, ctttrte tj @0“b: ° nach Büchmann, „die Würfel sind auf einen Canartenvogel „Roman von Arthur Otto// und als Widmung war gefallen . . ." . .. niedergeschrieben: Als ich Abends mit meinem Mann allem zusammensatz, Zur' Erinnerung an den Special-Arzt gegen steuerte ich ohne Umschweife auf mein Ziel los. die Seekrankheit an Bord der „Satina" „Du, Männchen// sagte ich, „ich möchte so gern einen 19. Juni 1893. I Vogel haben." Herrn resp. Frau X gewidmet Mein Mann sah mich überrascht an. Schließlich ant- vom Verfasser. wartete er, indem er mich spöttisch anlächelte und mit dem Wie electrisirt eilte jetzt Helene auf den Doctor zu. Zeigefinger mehrere Male an seine Stirn tippte: „Manchmal „Sie sind Arthur Otto —? Mein Gott, wie konnte ich ist's mir so vorgekommen, als ob Du schon einen yatlep. Sie nur so verkennen! Ach denken Sie, ich glaubte, Sie - ©ie" Ich beachtete diese Sottise gar nicht, denn wenn ich mq „Ich wäre ein alter Esel und machte der schönen erst auf seine dummen Witze einlaffe, komme tch von meinem jungen Frau ernstlich den Hof ! Nun ja, das hätte zwar 1 —- — - K-rovaerin. nicht mit Arthur Otto gestimmt, aber — der Dichter ist auch mitunter Mensch// fügte er mit einem Blicke auf Frau ISS hat in ich eine Frauen in den schließen erfahren verboten.) tnisse in i schlimm ch einen ermöchte, ! Anzahl r Vogel- ;e Vögel ich ließ lnd hatte Vorerst ^gelrassen e ich mit lankausschier und esen, daß ten lern- mgalante sie auch f, welche Papagei n Dienst- ir sämmt- Kuß aus- ihnen ge- anschaffen l anheim, Buch gern würde, h geweckt hellgelbem gel, seine citirte ich arienvogel rmmensaß, [ent einen chlich ant- > mit dem Manchmal hättest." n ich mich ,n meinem uropäerin. arienvogel >matz, der t und vor läßt." n hübsches willon auf Freilich, l getroffen nommirten aen solchen Ich war unschlüssig. Es hatte sich schon ein kleiner Kreis von Menschen um uns gebildet. Das da in dem Bauer war ein Canarienvogel, das war zweifellos. „WaS soll ein solches Thierchen kosten?" fragte ich. „In' jroßet Geschäft mit die hohen Ladenmieten kostet bet an die dreißig Mark. Bei mir dhun'S zehne. Ein Prachtvieh das, an meiner Vaterbrust jroßjezogen . . ." „Sagen Sie mir aber vor Allem, ob das ein Canarien- hahn oder eine „Sie" ist," forschte ich den Mann aus. „Madameken," antwortete der ganz entrüstet, 'ne „Sie" ? Nee, sowat lebt bei mich nicht, — die „SieS'" kenne ick. Det zweete Mal bin ick jeschieden und zwee Mal jerückt,--also die „Sie's" kenne ick. Wat Se hier vor Jbnen sehen is'n Männchen, 'n Canarienhahn, wie er im Buche steht, — den können Se jetrost nehmen, ick stehe Ihnen Jarantie in die janze Friedrichstraße." Es war inzwischen der Menschenandrang ein großer geworden. „Sie versichern mir also, daß das ein Canarienhahn ist?" erkundigte ich mich nochmals. „Uff Ehre un Jerechtigkeet," versicherte er. „Ihre Helle Freude wer'n Se haben .... Ohh, jnädigstes Freilein Jräfin, ick bitte sehr, — viel Verjnügm mit det echt Harzer Erzeugniß —" Ich hatte ein blankes Zehnmarkstück abgeladen und schlängelte mich aus dem Menschenhaufen hinaus, das Holzbauer mit dem herzigen Vögelchen unter I dem Mantel bergend. * „Ein ganz netter Vogel," sagte mein Mann, als er die Umquartierung desselben in sein elegantes Bauer besorgt hatte. Der Canarienhahn saß oben auf der Sprosse und sah uns mit seinen großen schwarzen Augen seelenvergnügt an. „Das Thier muß schon ans Bauer gewöhnt gewesen sein," definirte mein Mann weiter. „Das ist nicht von heute oder gestern .... Siehst Du, jetzt sitzt er schon am Freßnapf.. ." Und richtig, das Thier war herunter gesprungen und deleetirte sich an dem Sommerrübsen, an dem Eifutter und dem Vogelbisquit. Den Rübsen warf er rechts, das Eifutter links, den Bisquit in der Mitte hinaus. „Das ist ein alter eingerichteter Herr," erklärte mir mein Mann von Neuem, „wahrscheinlich ein verhärteter Junggeselle, — „na, mach Dich morgen früh auf was gefaßt, der wird uns einen ordentlichen Ton vorschmettern. Stell' die Weckeruhr auf fünf, — dann kommen wir zu dem Früheoneert gerade zurecht." Um fünf früh fuhr ich erschreckt aus den Federn empor, — der Wecker klirrte mit lautem Getöse. Aha, — jetzt mußte der Vogelgesang beginnen. Ich richtete mich er« ! wartungsvoll empor, — nichts war zu hören. Ich wartete fünf Minuten, zehn Minuten, — ich wartete, bis mir die Sache etwas langweilig wurde. Da muß ich wieder eingeschlafen sein. Als ich um acht Uhr aufstand, versicherte mich das Dienstmädchen, daß der Vogel bis dahin noch keinen Ton von sich gegeben habe. Er that das auch während des Morgenkaffees nicht- als ich frühstückte, saß er auf der oberen Stange und hielt ein Schlummerstündchen, als wir zu Mittag aßen, plünderte er seinen Freßnapf und dann gab's ein geräuschvolles Baden in dem großen Waflernapf. I So ging's etwa vierzehn Tage fort. Schlafen, fressen, baden und nicht singen, — das waren die hervorragendsten I Eigenschaften dieses immerhin merkwürdigen Thieres. Hatte das einen Appetit, — was das fraß ... ich mußte immer I für 50 bis 60 Pfennig Futter pro Woche kaufen. Und dabei war das Vögelchen zutraulich, es nahm mir Zucker I aus der Hand, es kam auf den Frühstückstisch geflogen. I Mein Mann protestiere. Er wollte nicht haben, daß so etwas Uneivilisirtes frei in der Wohnung umherfliege. So etwas I sei rücksichtslos, das benutzte die sauberste Tischdecke als-- „Nun ja, das that das Vögelchen. Aber das kann I man doch diesem reizenden Gescköpfchen verzeihen. Das hat | „Knigges Umgang mit Menschen" nie gelesen. Zudem ift'S Speetakelmacher, der früh und spät gröhlt wie besessen, mag I ich nicht haben." „Aber ich bitte Dich," unterbrach ich ihn, „hast Du 'ne Ahnung von einem Canarienvogel. Das ist doch ein so I zartes Thierchen, bei dem darf man doch nicht von Speetakel- machen und Gröhlen reden. Das singt, flöthet, jubelt, es drückt seine zarten Gefühle in himmlischen Tönen aus . . ." „Na ja, rege doch Deine musikalische Ader nicht so auf," brummte mein Mann, „kaufe also einen Canarienvogel, der am Tage hübsch singt und am Abend schläft, wie sich's I für jede vernünftige Creatur geziemt. Und laß Dir keine „Sie" andrehen." Ich sah ihn erwartungsvoll an. „'ne „Sie" ?" fragte ich dann zögernd. „Was soll denn das sein?" Mein Mann lachte laut auf. „'ne „Ste" tst dte eine der Gattinnen des Canarien-„Er", also eines der hübschen Weibchen, die sich dieser Türke in seinem Harem hält. Aber bei diesen Canarienvögeln ist's gerade umgekehrt wie bei uns Menschen." „Wieso denn?" fragte ich voll Interesse. „Ja, siehst Du," erklärte mir mein Mann und wieder zuckte das spöttische Lächeln um seinen Mund, „bei den Canarienvögeln erfreut sich das Männchen des glänzendsten Gefieders und das Männchen nimmt den Schnabel immer sehr voll. Das Weibchen dagegen kennt weder Putz- noch Prunksucht und es hat gar keinen großen Schnabel, — es ist unscheinbarer im Gefieder und kommt über ein klägliches Ge- piepe nicht hinaus. Also keine „Sie", wenn ich bitten darf!" Ich las noch einmal das Canarienvogelbuch und fand die Angaben meines Mannes bestätigt. Die Kanarienweibchen waren wirklich so bescheiden und so anspruchslos und singen konnten sie auch nicht! Ich Prägte mir all' die Merkmale, welche die „Ers" und die „Sies" unterschieden, genau ein, — ich konnte sie aus dem Gedächtniß herzählen. In der ersten Vogelhandlung fand sich nichts Paffendes. Da gab es Gluckroller, Knarrroller, Hohlroller, Klingelroller, — aber ich erklärte auf das Bestimmteste, daß ich keinen Vogel haben wolle, der hohl oder gluck rolle. Ich brauchte ein Thierchen, das uns Morgens ein Ständchen bringe, uns Tischmusik mache und vor dem Schlafengehen einen Abendgesang ertönen lasse. „Da würde ich empfehlen," sagte der Vogelhändler, „eine Lerche, eine Musikkapelle und eine Nachtigall zu wählen." Entrüstet verließ ich das Geschäft, dieser Kerl schien sich über mich lustig zu machen! Als ich in die Friedrichstraße einbog, hörte ich mich Plötzlich angerufen. „Madame, immer ran," schnarrte mir eine Stimme ins Ohr. Ich wandte mich erstaunt zur | Seite und sah einen jener „fliegenden" Händler, wie sie zu Dutzenden den Bürgersteig besetzt halten. Auf seiner Schulter saß ein Graupapagei, der allerhand eonfuse Reden führte. „Lienaa, — aaa, — aaaa, — Lienaaaa, — Kuß, Lienaaaaa, . . . ." trompetete er, als er sah, daß ich vor ihm stehen blieb. Ich war ganz „baff" über diese Frechheit, konnte aber von dem Händler nicht gleich loskommen, da er mit großer Zungenfertigkeit all seine Herrlichkeiten anpries. Einen Kreuzschnabel, der auf Commando Glücksnummern oder Nieten aus einem Kästchen zog, einen jungen Hund, der in seiner Ueberrocktasche wohnte und von dem berühmten Foxterrier-Paar Nell und Well abstammte, eine Angora-Katze, langhaarig, mit langen Ohren, eine Kreuzung von Albin- Kaninchen und Kater und schließlich: „Oho, Madameken, so wat von Canarienhähnchen." Er brachte zwei Reihen kleiner Holzkäfige hervor, durch deren dicke Stäbe ich ein gelbes Thier verschüchtert umherflattern sah. „Det is nu birecter Import aus Andreasberg, dort werben bie besten von die Thiere erzeugt und in'n Je- sang dressirt. Det Morjens fein wie 'ne Harfe, Mittags een wohlthuender jeräuschloser Jlockenton, Abends so wat wie der Trauermarsch von Schoppäng . . ." so zutraulich, so lieb, so nett, - hätte ich das gewußt, hätte ich darauf gedrungen, daß mir mein Mann zwischen der standesamtlichen und kirchlichen Trauung einen Canarien- vogel gekauft hätte. Oder vielleicht als Hochzeitsgeschenk meiner Schwiegermutter, — da wär' die billig weggekommen. Kurz und gut, der Bogel und ich waren bald die besten Freunde. Ich redete ihm gut zu, — er that den Schnabel nicht auf- ich erzählte ihm, daß er nur unter der Bedingung gekauft sei, daß er Früh, Mittags und Abends mit einem niedlichen Singsang aufzuwarten habe, — er blinzelte mich vergnügt an und schleuderte mit kräftigem Schnabelhieb eine Wolke leergefressener Mbsenschalen ins Zimmer. Ein Ton war nicht aus ihm herauszukriegen. Wir hielten Familieneonferenzen ab, ich wandte mich an meine beste Freundin, mein Mann sicherte mir jeden Tag zu, er werde morgen den Thierarzt mitbringen, — dem Bogel war das vollkommen gleichgültig, er fraß und — sang nicht. Aber lieb war er, zutraulich, beinahe aufdringlich, er zerzauste mir das Haar und — — —, ich habe daS vor meinem Mann nie sehen lassen, — er küßte mich. Wahrhaftig, er setzte sich auf die Schulter und wartete nur auf den Augenblick, in welchem meine Lippen unbeschäftigt waren. Zwei Verliebte! Der Vogel in mich und ich ... .? Da kam 'mal mein Schwager zum Mittagessen. Wir saßen eben beim „Nachtisch mit Knackmandeln und Apfelstrudel". Es war später geworden denn sonst und deshalb glaubte ich, der Bogel würde jetzt anfangen, sich auSzuschlafen. Aber plötzlich — schwirrrr — saß er auf meiner Schulter, im nächsten Augenblick auf dem Tisch, da pickte er Brotkrumen auf und dann unternahm er einen Angriff auf das Apfelgebäck. „Habt Ihr denn auch so'n zahmes Canarien-Mädchen?" fragte mein Schwager. „Wenn die erst mal alte Jungfern sind, dann sind sie geradezu aufdringlich." „Ich muß sehr bitten," fiel ich ihm ins Wort, „das ist weder ein Canarien-Mädchen, noch eine alte Canarien- Jungfrau, das ist ein Canarien - Herrchen, wie er im Buche steht." „So, Jo," meinte mein Schwager nachdenklich, „das glaube ich nicht so recht. Ein Canarien-Herrchen — singt er denn?" Diese Frage brachte mich etwas in Verlegenheit. „Nein," erklärte ich dann schlankweg," „der Bogel hat noch nie gesungen, 'ne Indisposition, man kann ja nicht wissen ...." Da kam das Thierchen schon wieder angeflattert und ließ sich dicht vor meinen Schwager nieder. Der betrachtete genau das Gefieder, die Augen, den Kopf. „Das ist 'ne „Sie," erklärte er dann mit tödtlicher Sicherheit, — „so faul, so dumm, so gefräßig ist ein Männchen nie." „Ich will von den anderen Eigenschaften dieses Thieres ganz absehen," mischte sich mein Mann ins Gespräch, „aber ich bin auch der Ueberzeugung, daß das was Weibliches ist, denn . . . „Piep, piep," — machte da der Bogel mit heiserer Stimme,--der erste und der letzte Laut, denn ich von ihm gehört habe. * ♦ * Seit langen Jahren ist die Canarienvögelin meine Familiengenossin. Ich habe nicht zugegeben, daß man sie in eine „Hecke" steckt. Ich Haffe jeden Zwang und will auch meine Thierchen zu einer Ehe nicht zwingen. „Jetzt ist meine „Sie" in die „Mauser" gekommen. Schwanzfedern, — pfutsch, — rechte Flügelschwinge, — pfutsch, — Kopftolle, — pfutsch. Von Federn ist bald an dem ganzen Thier nichts mehr dran. Ich werde verspottet ob der sorgfältigen Pflege, die ich meinem Gelblinge angedeihen lasse. „Himmel," sagte mir gestern ein Herr von der geschäftlichen Facultät meines Mannes, „so was halten Sie im Käfig? Das hat ja überhaupt keine Federn mehr —." Und ein Anderer mischte sich sofort ein: „Ich würde, gnädige Frau," meinte er bedächtig, „nicht Frösche fangen, die nackt ausziehen, und dann ins Vogelbauer setzen. Ein Frosch ist doch noch kein Canarienvogel, am allerwenigsten eine Canarien-„Sie"!" Dem Menschen habe ich gar nicht geantwortet, — aber wenn ich auch Zeit meines Lebens den Gesang eines Canarienhahnes vermissen sollte, ich bin schon zufrieden mit meiner „Sie"!" Gemeinnütziges. Geflügelzucht. Wenn die warme Witternng zunimmt, so muß den Hühnern genügend Grünzeug gegeben werden. Die Ställe des Geflügels sind gut zu lüften und ganz besonders rein zu halten, da bei zunehmender warmer Witterung Ungeziefer leichter entsteht und sich rasch vermehrt. Die Märzkücken, welche jetzt nach dem Geschlecht gesondert werden, eignen sich am besten zur Zucht, denn sie legen frühzeitig, die späteren verwende man zum Schlachten. Hühner sind jetzt auf Krätzbeine zu untersuchen. Junge Enten läßt man jetzt nicht mehr ausbrüten. — Den Canarienbruten ist die größte Aufmerksamkeit zu schenken. Die früh eingerichteten Hecken können jetzt, nachdem die dritte Brut beendet ist, aufgehoben werden. Die fremdländischen Vögel nisten im größten Eifer, es ist auch für die zarten Arten jetzt der glücklichste Monat, um die Jungen aufziehen zu können. Gedörrte Ameiseneier werden in Vorrath beschafft. * * ♦ Dar beste Mastfutter für Truthühner ist grob ge- schrotener, in Magermilch geweichter Mais. Mehl von Bohnen, Gerste, Buchweizen, ungekochte Kartoffeln, zu einem lauen Brei vermischt, sind auch recht dienlich. In den letzten Wochen stopft man den Thieren außer dem freiwillig genommenen Futter noch täglich einige Nudeln von Gerstenmehl oder gekochtem ganzem Mais ein. * * * Sauerampfersuppe. Vorzugsweise ist der Sauerampfer als Gemüse und Suppenkraut in Frankreich beliebt, wo man seinen erfrischenden, angenehmen Geschmack sehr zu schätzen weiß. Gleich dem Spinat ist der Sauerampfer am besten im zeitigen Frühjahr. Zu einer wohlschmeckenden Suppe Pflückt man drei reichliche Hand voll von den Stielen, wäscht die Blätter gut, läßt sie trocken ablaufen, dünstet sie mit Butter in ihrem eigenen Saft weich, streicht sie durch ein Sieb, vermischt sie mit zwei Löffeln Mehl, gießt zwei Liter kräftige Fleischbrühe an, kocht die Suppe unter fleißigem Umrühren kurze Zeit durch, würzt sie mit Salz und einer Messerspitze Muscatnuß und richtet sie über gerösteten Weckwürfeln an. * * * Gedämpfter Häring. In einer genügend großen Bratpfanne macht man Backfett heiß, legt ein großes Stück Pergamentpapier hinein, auf dieses die vorbereiteten Fische und schlägt es über den gesalzenen Häringen zusammen, so daß sie ganz davon eingehüllt sind. Man stelle die Pfanne in einen Backofen und bäckt die Fische 10 bis 15 Minuten. Jndeß röstet man Mehl in Butter gelb, verkocht dies mit leichter Fleischbrühe, etwas Weißwein und Citronensaft zu seimiger Sauce, fügt eine Messerspitze Fleischeptract hinzu, würzt mit Paprika und gewiegter Petersilie und läßt in ihr die aus dem Papier genommenen Häringe noch einige Minuten dämpfen. Sie werden mit Salzkartoffeln gereicht. Redaktion: 8L Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen llniversitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schcyda) in Hiejen.