UntechaltungsklaU zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). r J* _ DmrserStag den 3L Deeember , _____ ____ Nr. 153 ~T~-- -«'V V • • V V arnmeokllo ■MCrfiVK 4 WL' xMMsM In zwölfter Stunde. Eine Sylvester-Geschichte von Fritz Wold eck. ----— (Nachdruck verboten.) Wie war es doch nur gekommen?! Er starrte vor sich hin: Noch blieb ihm eine halbe Stunde, um das Entsetzliche seit seinem Anbeginn vor seinem inneren Auge vorüberziehen zu lassen. Erst halb zwölf! Wenn die Glocken das neue Jahr einläuteten, wenn frohe Menschen einander ein jubelndes „Prosit Neujahr" zuriefen, dann wollte er das alte Jahr gründlich — mit seinem Leben abschließen. Der Abschieds-Brief an seine Mutter, ein kurzes Schreiben an den Dtrector des Hotels, in dem er den Mißbrauch der Gastfreundschaft zu entschuldigen bat, während er eine stattliche Summe für Unkosten und Unannehmlichkeiten beigefügt hatte — sie lagen vor ihm, ebenso der Revolver, den er wie vorahnend bei seiner Abreise in den Koffer gepackt hatte. Beinahe drei Jahre waren verflossen, seit ihm Lilli auf einem Ball in ihrem elterlichen Hause ihr Jawort gegeben! Er hatte nicht zu hoffen gewagt, daß das schöne, liebenswürdige und reiche Mädchen gerade ihn aus der stattlichen Zahl ihrer Bewerber wählen würde. „Nur noch den Winter mit seinen zahlreichen Verpflichtungen lasse vorübergehen, lieber Otto", hatte sie gebeten; „erst wenn der Frühling in'« Land kommt, wenn wir einander alle« fein können, dann wirb um mich." Sie hatte ihn seltsam berührt, diese Bitte; aber wer konnte diesen Augen widerstehen, dem Druck dieses weichen Armes, an dem er sie in den Saal zurückführte! Im stillen und doch so berauschenden Gefühl seines Glück« wollte er nach Schluß de« Balles heimkehren; aber er konnte sich der Aufforderung guter Bekannter nicht entziehen, wie üblich, noch in'« Cafs zu kommen. Schon um sich nicht zu verrathen, willigte er ein — und nun erfüllte sich das Geschick! Man sprach von den Damen, mit denen man getanzt — auch von Lilli. „Ja, sie ist die schönste, sie hat Geist, Witz —" meinte der Assessor Menthe, einer seiner Spezial-College»; «aber ich sage Ihnen, meine Herren, sie wird noch so manche» Herz schmerzen machen — sie ist eine Erzkokette!" „Das ist eine Lüge, eine niederträchtige Verleumdung!" war Otto aufgefahren. Was darauf erfolgen mußte, war in diesen Kreisen selbstverständlich: am Morgen des nächsten Tages standen die beiden Freunde einander mit der Pistole in der Hand gegenüber. Dreimaliger Kugelwechsel war festgesetzt. Unnöthig! Schon beim ersten Schuß stürzte Menthe durch'- Herz getroffen zu Boden. Otto wurde zu drei Jahren Festung verurtheilt. Die Strafe wäre vielleicht geringer ausgefallen, wenn er sein Ver- löbniß mit Lilli als zwingenden Grund für seine Aeußerung hätte anführen dürfen. Aber sie hatte ihn so innig gebeten, davon nicht zu sprechen, ihre Beziehungen nicht au die Oeffent- lichkeit zu zerren! Ihr Leben lang wolle sie ihm danken — ihrer Treue dürfe er sich versichert halten — was Hingebung und Zärtlichkeit vermöchten, solle sein Lohn sein, nachdem er ihrethalben seine Strafe bestanden. Er schwieg ritterlich. Da — am 30. Dezember — kam seine Begnadigung! Vier Monate waren ihm erlassen worden. Jetzt rasch zu seiner Mutter, sie um ihren Segen zu bitten, und dann zu ihr, zu Lilli! Am Sylvester-Abend wollte er sie überraschen. Er wußte ja, daß Lillis Vater, der General-Director Eschborn, es liebte, an diesem Tage eine kleine Gesellschaft zum Diner zu versammeln, während alle sonstigen Freunde des Hauses ein für alle mal geladen waren, nach Schluß dieses Diner« zu erscheinen und bei Spiel und Tanz, wie e« einem Jeden behagte, den Beginn de« neuen Jahres zu erwarten. „Nichts Unbehaglicheres", hatte der Lebemann und Lebenskünstler oft gesagt, „als sich gegen zehn Uhr zu versammeln und entweder bis Mitternacht zu tafeln, wobei man sich den Magen überladet, oder von elf Uhr ab zu warten, bis das neue Jahr zu erscheinen geruht. Das muß uns mitten im Vergnügen überraschen!" Wie wollte Otto erst seine Braut, ihre Eltern und alle Uebrigen überraschen! Lilli hatte doch gewiß, nachdem die Nachricht von seiner Begnadigung ohne Zweifel auch schon zu ihnen gedrungen war, — vielleicht hatte gar der einflußreiche General-Director dieselbe veranlaßt — ihre Eltern von ihrer Verlobung mit ihm unterrichtet! Freilich, der Briefe waren in den 32 Monaten nur wenige gewechselt worden; vielleicht alle Vierteljahre. Lilli hatte ihn gebeten, i sie nicht durch zu lebhafte Correspondenz selbst vor der Freundin — 610 - zu eompronüttiren, an deren Adresse er schreiben sollte. Lilli's kleinste Bitte war ja für ihn ein unverbrüchliches Gesetz! Um 9 Uhr lief der Zug ein, der Otto aus seiner Hei« mathsstabt gebracht hatte; schnell fuhr er nach dem Kaiserhof und warf sich in den Gesellschaftsanzug; aber es war doch fast zehn Uhr geworden, als er das Eschborn'sche Haus betrat. Zu feinem Erstaunen hörte er, daß man noch bei Tische säße. Unschlüssig, ob er eintreten, oder ob er noch warten solle, wollte er doch die Geliebte sehen. Er trat näher bis in das Nebenzimmer; noch konnte er sie nicht erblicken, aber er hörte die Stimme des General-Directors, der gerade eine Rede — er sprach gern und gut — zu schließen schien: «Und so bitte ich meine verehrten Gäste, mit mir anzustoßen auf das Wohl eines Brautpaares, meiner Tochter Lilli und des Herrn Doctor Scherfling." Ja, war es denn möglich?! Lilli, feine Lilli, verlobt mit diesem Doktor Scherfling, dem Sekudanten Menthe's, der bei seinen Aussagen vor Gericht so besonders betont hatte, daß er — Otto — mit besonderem Bedacht auf das Herz des Gefallenen gezielt habe! Otto war unwillkürlich einen Schritt näher getreten; da stand Lilli, zärtlich angeschmiegt an ihren Bräutigam, wie einst an ihn, als die Gäste sie glückwünschend umdrängten; wie innig und liebevoll blickte sie zu dem Doktor auf, gerade so innig und liebevoll wie damals zu ihm selbst! / Ottos erster Gedanke war, einzutreten, Lilli an ihr Wort und all' das zu erinnen, was er für sie erduldet. Aber wozu das? I Er eilte hinaus, kaum daß er Besinnung genug hatte, um seinen Mantel umzuwerfen. Fast eine Stunde irrte er durch die Straßen; er glaubte sich beruhigen zu könne». Aber der Gedanke, Lilli ungetreu zu wissen, noch vielmehr aber die Reue, einen wackern Mann und lieben Freund — denn das war Menthe gewesen — getödtet zu haben, da er doch nur ein allzuwahres, wenn auch hartes Wort über eine Dame gesprochen, von deren Beziehungen zn ihm er doch nichts wissen konnte — alles das ließ ihm das Leben unerträglich erscheinen. Zurück ins Hotel, die nöthigen Briefe geschrieben und dann ein Ende gemacht! Otto sprang auf: Rur noch fünf Minuten! Er trat an die Thür, um sie zu verriegeln; wer konnte wissen, ob der erste Schuß sofort tödtlich sei! Man sollte ihn nicht verhindern können, einen zweiten abzufeuern. Da klopfte es, und ohne das Herein Ottos abzuwarten, trat fein Oheim, der Oberst a- D. Wettmar schnellen Schrittes ein. Mit einem Blick übersah der alte Soldat die von seinem Neffen getroffenen Vorbereitungen. «Da bin ich gerade zur rechten Zeit gekommen! Ue« brigens mein Compliment! Du hältst auf Ordnung; keine Reste ins neue Jahr mitnehmen! Die Geschichte sollte wohl gleich losgehen? Entschuldige, wenn ich gestört habe. Es ist aber doch was eigenes um ein Mutterherz!" Damit griff der alte Herr in die Tasche: „Hier ist ein Telegramm von Deiner Mutter: „„Otto nach Berlin gereist, um sich mit Lilli Eschborn zu verloben. Halte ihn noch heute von unüberlegten Schritten zurück, wenn nicht alles nach Wunsch. Otto wohnt Kaiserhof."" Du hast mir übrigens noch nicht einmal einen Stuhl angeboten; scheinst da auf der Festung etwas verwildert zu sein." Der Oberst setzte sich behaglich in einen Fauteuil, aber so, daß er den Revolver in Armesweite hatte. Dann fuhr er fort: «S'ist ein wahres Glück, daß mein Portier fo vernünftig war, mir das Telegramm in meine Stammkneipe zu bringen. Es war erst gegen zehn Uhr, aber als dringlich, wie Du flehst, aufgegeben. Ich fuhr gleich zu Eschborns, faßte mir den alten Friedrich, der ja bei meiner Compagnie vor mehr als dreißig Jahren gedient hat, und fragte ihn, ob Du da seiest. Er wußte von nichts; aber ein Mädchen, das hinzukam, meinte, das müßte wohl der junge Herr gewesen sein, der um zehn Uhr gekommen und nach ein paar Minuten wie ein Rasender fortgelaufen sei. Jetzt war mir die Situation klar — dem Friedrich auch; dem drückte ich ein paar Thaler in die Hand, damit er dem Mädchen den Mund stopfe. Das versprach er mir denn auch und sagte mir dann noch etwas, was mich einigermaßen beruhigte." „Und das war?" fiel Otto dem Oheim in's Wort; bj- dahin hatte er fast theilnahmslos die Erzählung des Obersten angehört; „ist Lilli vielleicht gezwungen worden, sich mit dem Doctor Scherfling zu verloben? Aber was frage ich?! Ich habe den Beweis des Gegentheils gesehen!" „Na also I" meinte der Oberst trocken. Aber deßwegen wolltest Du Dich doch nicht erschießen? Das thun anämische Schneidergesellen, aber kein Mann, der eine Stellung in der Welt mit Ehren auszufüllen hat, der in seiner Haft ein volks« wirthschaftliches Werk geschrieben hat, das mir, seinem Onkel, schon die schönsten Complimente eingetragen hat, obgleich ich alter Esel gar nichts davon verstehe. Oder hast Du vielleicht etwas Ehrenrühriges begangen?" „Onkel!!" brauste Otto auf. „Nicht? Wäre mir auch am Sohn meines Bruders nicht ganz angenehm gewesen. S'ist übrigens der einzige Grund, ans dem ich dergleichen statuire. Also nur dieser Mädchens halber wolltest Du Dich erschießen?" „Und das werde ich auch und Du selbst wirst mich nicht daran verhindern, wenn ich Dir alles erzählt habe, was ich ja früher nicht durfte." „Bitte, ich bin ganz Ohr," erwiderte der Oberst. Er dachte bei sich: Wenn der Junge mir erst fein Herz ausgeschüttet hat, wird er ruhiger und vernünftigen Argumenten zugänglicher sein- In diesem Augenblick schlug es Mitternacht. „S'ist eigentlich ein wenig deplacirt", meinte der alte Herr, „aber der Anstand erfordert es doch, daß wir einander gratulieren. Prosit Neujahr, mein Junge!" Otto streckte mechanisch die Hand aus, die der Oberst kräftig schüttelte. „Aber so trocken geht das doch nicht," fuhr der alte Soldat fort; „Du erlaubst doch?" Damit drückte er auf die Klingel und steckte gleichzeitig den Revolver in seine Rocktasche. Otto wollte aufbrausen, wie üblich; aber in diesem Augen« blick erschien der Zimmerkellner. „Kellner, eine Flasche Röderer Carte noire! Entschuldige nur, lieber Otto", fuhr der Oberst fort, als der Kellner gegangen war, „daß ich Dir das alte Schießeisen fortgenommen habe- Du kannst es sofort zurück haben; der Kellner sollte es nur nicht sehen. Nun möchte ich aber gerne Deine Geschichte hören; noch einen Augenblick — da ist der Sect." Der Oberst winkte dem Kellner zu verschwinden; dann entkorkte er die Flasche, schenkte die Gläser voll und sagte ernsthaft: „Das Glas wollen wir der armen Mutter bringen, die jetzt in ihrem Kämmerlein um das Glück ihrer einzigen Sohnes bangt." Da mußte Otto schon anstoßen und auch austrinken wie der Oberst. „Und nun los mit der Geschichte!" sagte dieser. Otto hatte somit Gelegenheit, die ganze betrübte Affaire, die er sich selbst vor seinem beabsichtigten gewaltsamen Ende recapitulirt hatte, nochmals vorzutragen. Es beruhigt das ungemein, wenn man seinen Schmerz ausspricht, besonder«, wenn einem dabei fleißig Sekt eingeschenkt wird, und wenn man ihn dann mechanisch austrinkt, nur um die innere Hitze zu dämpfen. Otto hatte seinen Bericht vollendet. Der Oberst saß nachdenkend da. „Freilich!" meinte er endlich; „ich kann es mir wohl vorstellen, daß ein junger Mensch, der nichts Besseres zu thun weiß, nach der Pistole greift und der Sache innerhalb zwei Stunden ein Ende macht. S'ist auch ganz richtig! Wenn er sich die Sache länger überlegte, so würde er am Ende zu Verstand kommen und sich des schönen Heine'schen Verses erinnern: Oh, König Wiswamitra et cetera." „Onkel, ich muß bitten!" „Willst Du mir gefälligst auseinandersetzen, weshalb Du - SIL - X Hsn wieder aufbrausest? Etwa der Dams halber, die stch derartig gegen Dich benommen hat, und die Du trotz alledem noch immer liebst?" „J4 ste lieben? Jetzt nach alledem?!" „Run also! Mithin ist es nichts als beleidigte Eitelkeit." „Nein, das ist es nicht; wenigstens nicht an erster Stelle." „Also doch an zweiter — und welches ist die erste?" „Daß ich den Menthe erschossen habe und das nur, weil er sie besser erkannte al« ich." Dem ist fein Recht widerfahren, obgleich zugestandener' maßen die Strafe etwas hart war. Wenn Du ihn nur an« geschossen hättest, wäre es auch genug gewesen." „Mehr habe ich — mein Wort darauf I — auch nicht beabfichtigt." „Ja, wenn die Kugel aus dem Lauf ist, dann hat sie ihren eigenen Willen. Aber ich wiederhole: ihm ist fein Recht geworden! Was hatte er so von einer Dame zu sprechen, in deren elterlichem Hause ihm noch soeben die liebenswürdigste Aufnahme zu Theil geworden war! Das ist nicht anständig! — — Klatscht Ihr nicht über die Mädchen und Frauen, denen Ihr vor einer Stunde noch alle erdenklichen Liebenswürdigkeiten gesagt habt, nachher beim Glase Bier! Ueberlaßt das den Weibern! Bei Gott, s'ist kein Sect mehr da I" Der Oberst klingelte; am Sylvesterabend sind die Zimmerkellner auch um ein Uhr noch auf dem Posten. „Roch so eine!" Als der Kellner die zweite Flasche gebracht hatte, meinte der Oberst ganz ernsthaft: „Entschuldige, lieber Otto, wenn ich Dich so lange aufhalte; aber es schadet ja nichts, wenn Du Dich ein paar Stunden später todtschießest." Damit legte er den Revolver wieder auf den Tisch. Otto machte ein Gesicht wie Jemand, der an eine Schuld gemahnt wird, die er nicht gern bezahlen möchte. Der Oberst lächelte still vor sich hin. „Nun, mein Junge, zu dem zweiten Punkt: der verletzten Eitelkeit. Wer weiß noch außer Euch Beiden von Deiner — mit Respekt zu sagen — Verlobung?" „Nur die Freundin, an welche die Briefe gingen." „Glaubst Du, daß die etwas sagen wird?" „Behüte! Dafür wird Lil — Fräulein Eschborn schon sorgen, von der sie pecuniär abhängig ist." Der Oberst merkte die Bezeichnung „Fräulein Eschborn" beisällig an; also mit „Lilli" war es vorbei. „Nun gut! Jedenfalls machst Du bereits morgen bei Eschborn» und natürlich auch bei anderen Bekannten Besuch, um Dich „von Festung zurück" zu melden." „Das sällt mir nicht ein!" „Ganz richtig, Du mußt Dich ja todtschießen; das hatte ich ja ganz vergessen!" Otto erwiderte gar nichts und schenkte stch ein Glas Sect ein; bisher hatte das stets der Oberst gethan. Dieser sah nach der Uhr. „Er ist zwar schon halb zwei, meinelSchlafenszeit, aber Dir zu Liebe will ich mal durchgehen." „Bitte, Onkel, derangire Dich nicht!" „Ach was, da» schadet mir altem Kerl nicht! Man muß sich ab und zu mal 'nen Stoß geben! Wo glaubst Du heute Nacht noch recht viele Bekannte zu finden.?' Der Todes-Candidat dachte ernsthaft nach: „Das Safe Bauer ist wie immer am Sylvester-Abend aus polizeilichen Gründen geschloffen, aber im Case Groß in der Potsdamer Straße--" „Abgemacht! Wirf dich in Bummel-Civil — wir fahren in'« Eafö Groß. Wenn Du da mit Deinen Bekannten vergnügt kneipst--" „Onkel, wie kann ich das?!" „Dann merkt kein Mensch, daß Du Dir um Lilli Eschborn graue Haare wachsen lässest" „Dazu wird es nicht kommen," entgegnete der Affeffor, wieder in seine Selbstmord-Ansichten zurückfallend. „Glaube ich auch: Du siehst Deinem Vater so ähnlich; der hatte mit 40 Jahren überhaupt kein Haar mehr, da« grau werden konnte." „Bet aller schuldigen Ehrfurcht, Onkel, aber Deine Scherze sind etwas deplacirt!" „Bitte um Verzeihung, Herr Affeffor! Aber nun los mit dem Bummel-Civil!" Otto rührte sich nicht. Der Oberst sah sich auf dem Tisch um: „Du erlaubst mir doch, Tinte, Papier und Feder zu benutzen?" „Gewiß, Onkel i" Der Oberst schrieb einige Zeilen: „Otto, ich habe hier ein Telegramm an Deine Mutter aufgesetzt: bist Du damit einverstanden? Also höre: „„Frau Justizrath Wettwar rc. Otto trotz allem Zureden meinerseits sich soeben erschossen.""." „Onkel, das kannst Du nicht absenden! Bedenke den Schreck von Mama!" „Wegen des Telegramms? Pah, Kleinigkeit! Wenn sich ihr einziger Sohn erschossen hat, ist e« ganz gleichgültig, wie sie es erfährt. Vielleicht bekommt sie 'nen Nervenschlag und ist auch gleich tobt. Das Beste wäre es freilich!" Otto blickte vor sich hin; der Oberst sah, wie er mit mit sich selbst kämpfte. Er mußte lächeln — oder war es nur der Widerschein de« schwachen Lächeln», da» — zum ersten Mal am heutigen Abend — um Otto'» Lippen spielte? Der Assessor nahm den halben Bogen, den der sparsame Oberst von seinem Telegramm abgerissen hatte. Auch er schrieb ein solche» und reichte es dem Obersten über den Tisch. Der la» e» laut: „Gehe soeben mit Onkel in'« Cafö. Brieflich mehr." „Das bringen wir erst nach der Französischen Straße," meinte der vorsorgliche alte Herr, indem er feinem Neffen die Hand reichte. Und nun will ich Dir erzählen, was Friedrich zu mir sagte, als er mich so erschrocken sah." „Was denn, lieber Onkel?" „Herr Oberst, janz im Vertrauen un nur zu Ihnen Der Herr Affeffor sollen man froh sein; wer se kennt, der nimmt se nich!" GeM srnniWges» Was soll man zur Hautpflege thun? Dis Haut bedarf der sorgfältigsten Pflege; dieselbe ist durch eine Million Poren eines unserer wichtigsten Ausscheidungsorgane. Man wasche deßhalb täglich einmal (früh ober Abend») den ganzen Körper mit 18 bis 22° R. warmen Wasser und reibe beim Abtrocknen die Haut tüchtig. Nach jeder solchen Waschung muß eine vollständige Wiedererwärmung des Körpers stattfinden, weshalb man nach jeder Waschung entweder sich warm läuft oder die Wiedererwärmung im Bett abwartet. Außerdem fördern die Hautthätigkeit: Bäder, reine Wäsche rc , Wannenbäder nehme man 25 bi» 27° R. warm (10 bi» 15 Minuten lang) mit darauf folgender etwa» kühlerer Douche; Flußbäder ca-15 Minuten lang. Ein ab und zu genommene» leichte» Dampfbad (Rohrbank- oder Kastendampfbad) mit nachfolgendem kühlenden Rumpfbad und Douche ist ein vorzügliche» Mittel zur Stoffwechselsteigerung und Säftereinigung. Die Schleimhäute de» Munde» reinige man durch Gurgelungen (Morgens, vor Tische und vor dem Schlafengehen). ♦ Russischer Salat. Kalbsbraten, gekochten Hecht und weichgekochtes Ochsenmaul zu gleichen Theilen zerschneidet oder zerpflückt man. Mehrere gewässerte Heringe und Pfeffergurken zertheilt man, vermischt Alles und mengt mehrere Löffel Kapern und Perlzwiebeln darunter. Zwei hartgekochte Eigelb zerrührt man mit einem rohen Eidotter und 2/a Liter feinem Speiseöl und fügt 3 Löffel Bouillon von Liebigs Fleischextract bereitet, 2 Löffel Weinessig, Citronensaft, Pfeffer, Mostrich und eine Prise Zucker hinzu- Mit der Sauce werden die Zuthaten gemischt und einige Zeit ziehen gelaffen. 612 *a Apfelwetubowle. Von vielen Kennern wird der Apfelwein zur Bereitung von Bowlen dem Moselwein oder anderen leichten Weinen vorgezogen, weil hierbei das feine Fruchtaroma und die angenehme, durch den Zusatz von Zucker gemilderte Fruchtsäure so recht zur Geltung kommt. Eine vorzügliche Bowle von Apfelwein bereitet man, indem man ’/j bi» 8/i Wund Zucker in 3 Liter Apfelwein auflöbt, den Saft einer Apfelsine hinzufügt und das Ganze einige Minuten bedeckt ziehen läßt. Kurz vor dem Servirsn gießt man noch zwei Flaschen Selterswasser hinzlu Rirrder-Coteletts auf Wiener Art. Aus einem Rippenstück werden 3 bis 4 zwei Finger dicke Scheiben geschnitten und, nachdem der Knochen ausgelöst ist, mit der flachen Seite des Hackmesser» breit geklopft. In Mehl gewälzt, mit Pfeffer und Salz bestreut, brät man sie in einer Eier- kuchenpfanne mit Butter schnell auf beide« Seiten braun, legt sie in einen breiten Topf nebeneinander und füllt soviel mit Liebig« Fleisch-Extract hergestellte Brühe darüber, daß sie von von dieser bedeckt sind. Weiter fließt man einige geschnittene Zwiebeln, Wurzelwerk nebst einem Peterstlienbündel hinzu, schließt den Topf und läßt die Coteletts langsam dämpfen. Sobald sie weich find, nimmt man sie au« dem Fand, entfettet denselben und verkocht ihn mit Mehl, einem Glase Weißwein, einigen Löffeln voll Kapern und Liter guter, saurer Sahne zu einer seimigen Sauce, mit der die in Scheiben tranchirten Coteletts, von einem Kranze gebratener Kartoffeln umgeben, angerichtet werden. Um das lästige Ausdünsten der Vogelkäfige zu verhiuderu, streue ich auf den Boden zuerst eine Schicht Gpps und darauf den Sand. Dieser Verfahren hat sich auch bei Hühnerställen und Taubenschlägen vorzüglich bewährt. Zugleich erhöht es auch den Werth de» Düngers. Eiu altes, aber sehr gutes Reeept zur Anfertigung einer Geschirr» und Lederschwärze ist folgende»: Hammeltalg 60 Gramm, Bienenwachs 180Gramm, weißer Zucker 180 Gramm, weiche Seifen 60 Gramm, ge« pulverter Indigo 30 Gramm. Ist Alles zusammengeschmolzen und gut durcheinandergemischt, so fügt man 120 Gramm Terpentin hinzu. Verhaltungsmaßregeln für den Winter. Eine immer winterlichere Beschaffenheit nimmt das Wetter an, und immer gemüthlicher wird es am warmen Ofen im Zimmer. Aber gerade, wenn die Zimmertemperatur wirklich gemüthlich und auch gesund erhalten werden soll, dann ist es nöthig, die Befolgung zweier Regeln sich zur Pflicht zu machen: Erstens nicht zu viel zu Heizen, und zum andern die Wohnung oft, womöglich ständig, zu lüften. Die Zimmerwärme soll nie 15 Grad übersteigen; eine Wärme von 14 bis 15 Grad ist für Jedermann ausreichend. Was darüber ist, das ist vom Nebel. Sodann, das ist die andere Bedingung des Wohlbefindens, sorge man für genügende Zufuhr von frischer, reiner Luft, indem man ein oberes, kleines Fenster dauernd offen hält oder doch öfter des Tages die Luft im Zimmer erneuert. Es ist sehr empfehlenswerth» bei neben einand er liegenden Wohnräumen die Zwischenthüren ständig offen zu lassen, um die Zimmer gleichmäßig warm zu bekommen. Auch in dem Schlafzimmer halte man die Fenster den Tag über offen, und wenn man, was sehr empfehlenswerth ist, zwischen Schlaf« und Wohnzimmer de» Nachts die Thüre offen läßt, dann lüfte man das Wohnzimmer, ehe man zu Bette geht, noch einmal recht gründlich. In einem kühlen, gut gelüfteten Schlafzimmer ist der Schlaf doppelt erquicklich und gesund. Man braucht kein Abhärtungsfanatiker zu sein; man bewahre aber stch und die ©einigen vor Verzärtelung und Verweichlichung; denn das ist der beste Schutz gegen da- leichte Erkälten und gegen Krankheit. Moderne Erziehung. Mutter: „O glauben Sie, mein bester Herr von Tann, was meine Clementine alles kann, da« ist enorm - ich sag es ohne Prahlen! Fürs erste kann ste singen, fechten, malen, kann dichten, rudern, spielt auch gut Clavier, fitzt stolz im Sattel wie ein Cavalier, und kann auch sieben Sprachen fließend sprechen!" — Herr von Tann: „Sonst hat das Fräulein weiter kein Gebrechen?" Passender Name. Bummel: „O, diese herrlichen Römerhelden! Schade, daß mir mein Alter nicht irgend einen altrömischen Namen gegeben hat!" Spund: „Zum Beispiel Pumpejus, nicht wahr?" Offenes Geständniß. Erster Kannibale: „Du kriegst jetzt doch einen Europäer zum Schwiegersohn, vor fünfundzwanzig Jahren haben wir diese Kerls alle noch aus« gefressen." — Zweiter Kannibale: „Offen gesagt, mir wäre er auch gebraten lieber." Literarisches Jubiläums-Preisausschreibung für Damen. Wie wir schon berichteten, eröffnet die »tßiettet Mode» zur Feier ihres 10jährigen Bestandes eine Preisausschreibung mit Preisen im Gesammt- werthe von 10,000 Kronen. Das Programm zur Concurrenz für weibliche Handarbeiten (Preise 4000 Kronen) ist im eben erschienenen Heft 7 publizirt worden. Auch die mit großen Preisen dotirten Con- currenzen literarischer und artistischer Natur sind ausschließlich Frauen zugänglich. Sogar die wirthschastlichen Fähigkeiten der Damen sollen zu einer Preisbewerbung zugelassen werden und zwar durch Einsendung von Kochrecepten, Haushaltungsvortheilen rc. Das Programm dieser Concurrenzen erscheint in den nächsten Heften der „Wiener Mode". Mit dem eben erschienenen Heft 7 der „Wiener Mode", das in allen Buchhandlungen zum Preise von 45 Pfg. sammt der Gratisbeilage „Wiener Kinder-Mode" und einem Schnittmusterbogen erhältlich ist, beginnt ein neues Quartal. Preis 2,50 Mk. „Reform" ist das Schlagwort unserer Zeit! Die Reformkleidung der Frau hat denn auch in dem eleganten Modenjournal Modenwrtt» mit bunter Fächervignette (Verlag: John Henry Schwerin, Berlin W. 35) gerechte Würdigung gefunden, nicht in den jetzt beliebten Extremen, sondern in den Grenzen eines gewählten Geschmacks. Auch findet man da: Eislauf- und Masken- costüme, Gesellschaftsroben, auch farbig als Stahlstich-Modencolorits, Morgen- und Hausröcke, Matinäes, Jupons (u. a. Mieder-Corset mit anzuknöpfendem getheilten Unterrock), Hüte, Fächer,. Wäsche und Häkeleien rc. Eine Extra-Handarbeitenbeilage, eine illustrirte Belletristik (Heiberg, Kretzer, Nataly von Eschstruth, E. Vely u. a.), illustrirte, practische Hausfrauenbeilage „Frauen-Leben und Wirken", ein großer, doppelseitiger Schnittbogen zu jeder 14tägigen Nummer liegen demselben bei. Neu hinzutretende Abonnenten erhalten gegen Einsendung der Abonnementsquittung pro 1. Quartal 1897 schon jetzt die herrlichsten Festgeschenke zu Vergünstigungsprcisen, als: Jllustrirtes Prachtwerk „Weibliche Hände" (mit 50 farbigen Bildern über Stickereien und Liebhaberkünste) für nur 60 Pfg., „Monogramm-Album" (552 Monogramme) für nur 50 Pfg., „Selbstanfertigung des Christbaumschmucks" (mit ca. 100 Bildern) für nur 30 Pfg. Abonnements auf die „Große Modenwelt" für nur 1 Mk. vierteljährlich bei allen Buchhandlungen und Post- anstalten. Erstere und der Verlag liefern auch Gratisprobenummern. Mexikanische Lederarbeit. Noch sehr wenig beachtet und angewandt ist die mexikanische Art der Leder-Bearbeitung, wie wir sie auf Reitsätteln, Kleidungsstücken und vielem Anderen, in größeren Museen bewundern können. Sie stellt jedenfalls die einfachste Welse dar, aus dem Leder gefällige Muster herauszuarbeiten und sie muß daher unbedingt als eine der dankbarsten Kunst-Beschäftigungen empfohlen werden. Die mexikanische Lederarbeit besteht in nichts Anderem als m dem Niederdrücken des Grundes um ein vorher ausgezeichnetes Muster herum, so daß letzteres, ohne modellirt zu werden, sich plastisch vom Grunde abhebt. Die Arbeit ist so einfach, daß sie unbedingt Jedem gut gelingt. Immerhin kann man sich an einem kleinen Gegenstand, vielleicht einem Servietten-Ring rc., erst versuchen, bevor man ani eine größere Aufgabe denkt. Das Verfahren selbst findet eine genaue, durch besondere Illustration anschaulich gemachte Beschreibung in dem neuesten Hefte der weitverbreiteten und in ihren Bestrebungen täglich wachsenden illustrirten Familienzeitschrift »Zur Sitten Stunde» (Berlin W. 57, Deutsches Verlagshaus Vong & Co., Preis des Vierzehntagsheftes 40 Pfg.), welche durch die Fülle und unerreichte Vielseitigkeit ihrer Darbietungen sich den ersten Platz in der deutschen Journalliteratw errungen hat. Auch dieses neueste Heft legt wiederum beredtes Zeugmß für den Werth der Zeitschrift ab. Redaktion: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverstkRS.Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Gießen.