Gesühnt? Novelle von Zoö von Reuß. (Fortsetzung.) „Ich habe darum im Gebirge Quartier bestellt," fuhr Mülverstedt nach kurzer Pause fort. „Dort können wir uns allein angehören, was bis jetzt in Anbetracht der erschwerenden Verhältnisse noch kaum geschehen ist. Unser Brautstand mußte als Geheimniß betrachtet werden der Welt gegenüber. Nun dürfen wir die Liebe nachholen." „O, Arthur!" „Ich glaube, nur dem wohlgewahrten Geheimniß habe ich e» zu danken, daß mir der Regimentseommandeur keine Schwierigkeit bei Erlangung des Heirathrconsenses gemacht hat. Aufrichtig gesagt, möchte ich gern noch einige Jahre weiterdienen. Nun, Du wirst die entzückendste Regimentsdame werden. Vielleicht sind mir ein paar Duelle gewiß--" Dora verstand den Scherz kaum, wenigstens lächelte sie nicht. „Damit Du aber siehst, wie mir Dein Glück und Deine Ruhe am Herzen liegen, lies diesen Brief Deines Vaters. Ich habe an ihn geschrieben und um seinen Segen gebeten für Dich und mich." „Und der Vater?" rief Dora hocherfreut und angstvoll zugleich- „Lies selbst." Dora las mit stummer Andacht die schlichten väterlichen Worte de» Rendanten, in denen er dem Brautpaare alles Gute für den Lebensweg wünschte und ihm seinen Segen nicht vorenthielt. Freilich war nur allzu deutlich zwischen den Zeilen zu lesen, welchen Kampf es ihm kostete, mit den That- fachen zu rechnen. Daneben sprach aber auch aus jeder Zeile, jedem Wort dis alte, gemüthvolle Zärtlichkeit zu „Dorachen" und konnte der Inhalt nicht anders, als das beklommene Herz der Tochter erleichtern. „Wie soll ich Dir danken für das, was Du gethan hast, Arthur I" sagte Dora beglückt- „Diesmal hast Du mich ganz verstanden." Da» Weitere ward abgeschnitten durch die Meldung de» Dieners, daß der Wagen warte. Noch ein einziger dankbarer Blick Doras aus den thränenerfüllten Blauaugen, die jetzt in Wahrheit den Blaublümlein glichen, den Blaubümlein, wenn die Bachwelle darüber hinweg zittert, und sie legte ihren Arm vertrauensvoll in den Mülverstedts, um sich zur Trauung fahren zu laffen. XII. Wieder sind drei Jahre dahingeschwunden. Die Casa Forti in Nizza steht etwas abseits vom Hauptfremdenverkehr, ist aber vollständig entschädigt dafür durch den herrlichen, sie umgebenden Garten mit seinen ehrwürdigen Pinien, trauernden Cypressen und lockenden Feigen. Dazu ist der ebenmäßige graue Würfel de» Hauses von Agaven und blühendem Oleander umwuchert. Auf der Terrasse sind verschiedene kleine Frühstückstische gedeckt — sauberer und appetitlicher al» vielfach anderswo. Denn der Wirth der Casa Forti ist ein Norddeutscher, ein Westfale, der vor Jahren hier hängen geblieben ist und sein Unternehmen in deutscher Weise leitet. Die Einrichtung des Hauses entbehrt nicht wirklicher Behaglichkeit und der Mittagstisch ist vielleicht weniger fein zusammengesetzt, aber kräftig und nährend. Und zum Abendbrod giebt es sogar echten Pumpernickel. Was Wunder, daß sich Herrn Starks Landsleute wohl bei ihm sühlten und seine Zimmer während de» ganzen Jahre» besetzt waren. An einem mit feinem Bielefelder Leinendamast bedeckten Frühstückstisch saßen zwei Herren und eine Dame: Baron Mülverstedt, wie er hier hieß, Dora und ein deutscher Maler, der den Hauptverkehr des Ehepaares bildete- Mülverstedt war im Herbst gekommen und hatte hauptsächlich au» Gesundheitsrücksichten den Winter hier verbracht. Die drei Jahre hatten trotz ihres vollen Liebesglücks Mancherlei gebracht, was überwunden werden mußte. Sechs Monate war Dora die bewunderte, angebetete „Regimentsdame" gewesen, dann war durch Herrn von Horsten und dessen Frau, welche die Gutsnachbarn von Mülverstedt und Almenhausen waren und gleichzeitig mancherlei Verbindung im Regiment besaßen, die Geschichte von Doras Scheidung mit all' ihren näheren Umständen bekannt geworden, nicht wie sie sich zugetragen hatte, sondern al» passendes Kapitel zur chronique scandaleuse. Denn Fräulein Thekla von Horsten konnte 246 - Doras verschwenderische Geburtstagrbescheerung noch immer nicht vergessen. Und nun war ihr die verhetrathete Frau sogar bei dem vornehmen, adligen Cavalier in den Weg gekommen, auf den sie doch ganz andere Rechte besaß. So etwas verdiente durchaus an's Licht gezogen und von der Meinung aller Gutgesinnten gebührend verurtheilt zu werden. Und dis Folgen waren keineswegs ausgebliebsn. Noch in demselben Jahre sah sich Mülverstedt veranlaßt, den Abschied zu nehmen. . . . Man war darauf nach Berlin gegangen und hatte sich ein Jahr lang gut gefallen, bis sich Mülverstedts nervöse Reizbarkeit bis zu krankhaften Erscheinungen zu steigern begann. Da war man auf Reisen gegangen, weil ein Aufenthalt in Mülverstedt ausgeschlossen «ar. Ruhe und mildes Klima hatten auch wohlthätig eingewirkt, wenigstens vorübergehend. Denn ein heftiges Temperament, angeborene Leidenschaftlichkeit, Selbstsucht und Verwöhnung gaben den nervösen Krankheitszuständen leider immer wieder Nahrung. „Welcher Duft!" athmete Maler Wahlländer auf, indem er den grauen, aber noch dicht behaarten Kopf nach der Gartenseite kehrte, woher die Wohlgerüche drangen. „Der Duft ist so jung und frisch wie am ersten Schöpsungsmorgen. Athmen Sie einmal ordentlich auf, meine Herrschaften." Dora ließ die Elfenarbeit, an der die schlanken weißen Finger in fast nervöser Hast schafften, in den Schooß finken und sog lächelnd den Blumenduft ein. Mülverstedt hingegen nahm die Cigarre erst aus dem Munde, als er frug: „Apropos, Wahlländer, wie weit ist das Bild meiner Frau gediehen? Ich hörte lange nichts davon." „Ich erlaubte mir bereits verschiedentlich, Herrn Baron zu einer Besichtigung einzuladen," erwiderte der alte Maler. „Leider bis jetzt vergebens —" „Pardon, aber ich fand keine Zeit. Sind Sie zufrieden mit Ihrem Werk?" frug Mülverstedt. „Wie man's nehmen will. Ich sehe es als ein besonderer Glück an, Züge und Gestalt der Frau Baronin auf der Leinwand festhalten zu dürfen und bin dem Schicksal aufrichtig dankbar für unsere Begegnung. Ich glaube auch kaum, daß ich ohne grauen Kopf die Aufgabe besser gelöst haben würde. Mein Herz ist jung geblieben," lächelte er schalkhaft nach Dora hinüber. „Dennoch —" „Nun? Weiter, heraus mit der Beichte, Sie alter Schwerenöther," drängte Mülverstedt frivol. „Dennoch scheint mir mein Werk nur halb gelungen. Ich habe zuweilen hier in Italien das Weib aus dem Volke genommen und dreist eine Königin daraus geschaffen; der italienische Schönheitstypus ermöglicht solches. Das Bild der Frau Baronin hat mir größere Schwierigkeiten bereitet. Das Charaeteristische ist in diesem Falle Anmuth, diejenige Schönheit, welche man zu lieben sich gedrungen fühlt. Und diese bleibt der höchste und schwerste Vorwurf der Kunst. Aus diesem Grunde habe ich mir auf meine eigene Weise geholfen. Nun, die Herrschaften werden ja sehen. Im Augenblicke möchte ich mich empfehlen, um mein Bad zu nehmen. Also, auf Wiedersehen!" Der kleine, unschöne, alternde Maler ging und ließ das Ehepaar allein. Dora blickte ihm fast bedauernd nach; der gegenseitige Verkehr hatte entschieden zu den größten Annehmlichkeiten des Winters gehört. Er zerstreute und erheiterte den Gatten und bot auch Dora Mancherlei. Frische des Geistes und Herzensgüte machten Wahlländer nicht nur zu einem liebenswürdigen Gesellschafter, sondern auch zu einem aufrichtigen Freunde. Bald nach der ersten Bekanntschaft hatte er erkannt, daß Dora unter den wechselnden Stimmungen des Gatten litt, denen sie im Uebermaß ihres Liebesgefühls waffenlos gegenüberstand, selbst wenn sie in Launen ausarteten. Mülverstedt streckte sich bequem im Schaukelstuhl aus und schloß einen Augenblick die Augen. Als er sie öffnete, hatte der Kellner die angekommenen Postsachen vor seinem Platze niedergelegt. „Nachrichten aus der Heimath — herrlich!" sagte Dora electristrt. „Wer weiß, was es wieder fein wird," entgegnete Mülverstedt verdrießlich. „Der Jnspsctor in Mülverstedt versteht es vortrefflich, mich mit Unannehmlichkeiten zu chicaniren. Es ist haarsträubend, daß wir gezwungen sind, fern zu bleiben. Wozu Habs ich nun meine Jagd geschont? Damit Andere meine Hasen schießen! Nun, was giebt's?" brach er den ersten Brief auf. „Richtig, wieder allerlei Ansprüche und Verlangen: Ein paar neue landwirthschaftliche Maschinen und die Nothwenbigkeit eines Neubaues. Der Kerl ist unersättlich! — Donnerwetter, zum Schluß noch eins Neuigkeit, die — Dich angeht . . ." „Mich? - Nun?" „Wülpern hat sich verlobt." „Meta?" frug Dora als einzige Erwiderung. „Freilich Meta, Cousine Meta, Du — ahnungsvoller Engel," lachte Mülverstedt. „Bist Du eifersüchtig r „Was redest Du, Arthur!" wie» Dora verletzt ab. „Zuweilen vermag ich Dich gar nicht zu verstehen 1 Zweifelst Du, daß ich Freude empfinde, ihn glücklich zu wissen? Er wird, muß glücklich werden an Metas Seite; fie ist edel und gut und liebt ihn. ... Ich fühle mich plötzlich von aller Schuld befreit. . ." „Immer noch diese Sentimentalität, die hier in Italien am wenigsten verstanden wird. . . . Apropos, ich versprach Marchese Picci nach San Carlo zu begleiten; vor morgen Mittag erwarte mich nicht zurück." Dora hatte einen Augenblick erschrocken aufgesehen und saß eine ganze Weile stumm und regungslos. Sie schien ihre Worte und Handlungsweise genau überlegen zu wollen. Diese Ausflüge nach San Carlo — nichts auf der Welt haßte fie gleich ihnen! Nicht allein, daß der Gatte gewöhnlich mit geleerter Börse heimkehrte, auch seine Reizbarkeit ward immer durch sie vermehrt. Die Aufregungen des Spieles erwiesen sich jederzeit schädlich für seine Gesundheit. Und dieser Marchese Picci, den sie haßte, weil er sie aus Schritt und Tritt verfolgte, trotzdem sie ihm ihren Abscheu nicht verbarg! Instinktiv empfand sie, daß er sich an den Gatten herandränge, um zu ihr zu gelangen. Durch Erfahrung belehrt, wußte sie aber auch, daß offener Widerspruch den Gatten nur reizen werde. Besser, sie versuchte ihn abzulenken durch allerlei kleine, unschuldige Listen und sie müßte keine Evatochter gewesen sein, wenn der Erfolg ganz ausgeblieben wäre — bis ein abermaliger Einblick in den Brief des In- spectors den Gatten dennoch wieder umstimmte. „Red', was Du willst, Du wirst mich nicht zurückhalten!" sagte er endlich ärgerlich. „Auch das Pech hat ein Ende. Weil ich zuweilen Verluste gehabt habe, soll ich mein Glück überhaupt nicht wieder probiren? Unsinn! Ueberleg' Dir selbst! Das würde eine ähnliche Thorheit sein wie die, kein Feuer mehr im Hause anzünden zu wollen, weil es einmal darin gebrannt hatte. . . . Verzeih', ich habe Briefe zu schreiben und muß das Zimmer aufsuchen." Er ging und ließ Dora in ernsten Gedanken zurück. Ganz allmälig war ihr das Sinnen und Grübeln angekommen, so wenig sie früher davon gewußt hatte. Ehemals hatte sie heiter in den Tag hineingelebt und Andere für sich sorgen lassen, jetzt gab e» immer etwa« sorgenvoll zu bedenken für sich oder den Gatten. Sie nahm Hut und Tuch, um einen einsamen Spaziergang zu machen und schlug einen von Olivenbäumen eingefaßten Richtweg ein, der direct von der Casa Forti nach dem Strande führte. Unwillkürlich vergegenwärtigte sie sich im Gehen die Situation in Almenhausen. Meta würde sein wie die Amtsräthin, hochbeglückt. Und Wülpern? Ob er sie vergessen hatte? Nein, nein, sie wußte, daß sich die Liebe zu ihr gleich Blutadern durch sein ganzes Sein schlang trotz Allem, war geschehen war. Aber auch Cousine Meta hatte er immer geliebt und diese Liebe erschien Dora so natürlich, paffend und normal — ja, er mußte glücklich durch sie werden 1 247 - sagte Lora entgegnete Mlverstedt chkeiten zu mgen sind, geschont? giebt's?" llerlei An« thschaftliche Der Kerl noch eine nungsvoller ?" t ab- „Zu- veiselst Du, Er wird, el und gut ller Schuld in Italien h versprach or morgen esehen und schien ihre llen. Diese t haßte sie 'ich mit ge* >ard immer s erwiesen er sie aus :en Abscheu Ich an den i Erfahrung spruch den l abzulenken rüßte keine urgeblieben ief der In« Äckhalten!" ein Ende, mein Glück -erleg' Dir ie die, kein er einmal Briefe zu zurück, rübeln an» !. Ehemals ere für sich zu bedenken n Spazier- iumen ein- Forti nach tgte sie sich würde sein ? Ob er sie ie Liebe zu chlang trotz Meta hatte j natürlich, durch sie Auch nach dem Elternhause eilten die Gedanken. Sie hörte wenig von dort, Therese liebte dar Briefschreiben nicht und der Vater war während der Winters viel leidend gewesen. Auf einer Bank niedersitzend, breitete sie unwillkürlich die Arme sehnend und verlangend gen Norden aus und gewahrte kaum, daß ihr eins kleine Blumenverkäuferin ein Sträußchen in den Schooß warf. Sie preßte erfreut den Blumengruß an sich; die Märzveilchen und die im Freien erblühten Marfchall-Nielrofen dufteten wirklich frisch wie Schöpfungsodem. Dann winkte sie das kraushaarige, dunkeläugige Kind heran und ließ sich von ihm vorplaudern - von der Mutter, welche daheim Kastanien röste, von dem Bruder, der die Ziegen hüte, und von der Madonna, welche ihr im Schlafe erschienen sei und eine Korallenkette versprochen habe. In diesem Augenblicke trat eine mittelgroße, geschmeidige Männergestalt an Dora heran, etwas lauernd und tief den Hut ziehend: es war Marchese Picci. Dora erwiderte den Gruß nur leicht und überlegte, ob sie ihren Pfad zum Strande fortsetzen oder umkehren solle. Im ersteren Falle würde der Marchese unfehlbar ihr Begleiter bleiben. Aber es war besser, solcher Gefahr zu trotzen. Vielleicht gelang es ihr auch durch Marchese Picci, den Gatten von seinem Ausfluge nach San Carlo abzuhalten. Sie nahm darum den dargebotenen Arm und ließ sich den Olivenpfad entlang führen. Marchese Picci gab nicht nur viel Geld aus und war jederzeit nach der neuesten Pariser Mode gekleidet, sondern verstand es auch, moderne Conversation zu machen. Geschwätzig berichtete er von dem gestrigen Rennen, in welchem Italien durch „Garibaldi" England in Vertretung von Lord Wyndhams „Königin Mab" geschlagen habe. Dann folgten ein paar pikante Klatschgeschichten, die gerade die müßiggängerische Bevölkerung der Fremdencolonie in Nizza beschäftigten ; zuletzt erwähnte er auch den beabsichtigten Ausflug zu den Spielsälen Monaco». Hier griff Dora kurz entschlossen in seine Rede ein, indem sie ihn bat, den Ausflug aufzugeben. „Madame haben nur zu befehlen," sagte er im geläufigsten Französisch. „Ich bin hochentzückt, in Madames Gesell- schäft bleiben zu dürfen, anstatt mit Monsieur le baron nach Monaco gehen zu müssen — wirklich hochentzückt l" „Mein Herr, was denken Sie?" fiel Dora empört ein, indem sie den Arm freigab, „Monsieur, mein Gatte, wird meine einzige Gesellschaft sein oder ich werde allein bleiben." „Quelle betise! Pardon! Aber — Madame ist ganz anders, als, als--Ja, Madame ist sehr streng!" seufzte ihr Cavalier. Doras Blick war unwillkürlich auf das offene Meer hinausgeschweift, auf dem sich in blauer Ferne sehnsuchtweckend die leichten Rauchwölkchen der Dampfschiffe kräuselten, während an der Küste weiße Segelboote stolz und leise rote Schwäne auf der azurnen Fläche dahinglitten. Sonnendurchfunkelte, südlich-farbenprächtige Gewässer brachen sich sterbend als Wellen am Lande wie wesenlose Schaumseelen, die ihr Werk vollendet haben. Dora liebte das Meer leidenschaftlich und empfand plötzlich Lust zu einer Bootfahrt am Nachmittag. Dazu waren Segelbootfahrten dem Gatten ärztlich verordnet. Auch würde eine Verabredung ihrerseits mit Marchese Picci den Gatten vermuthlich vom Spieltisch zurückhalten, denn er ging nicht gern ohne den Italiener, der ihm bei größeren Spielverlusten schon häufig seine Börse zur Verfügung gestellt hatte. Darum sagte sie: „Wollen Sie unser Gefährte sein bei einer Bootfahrt am Nachmittag, Marchese Picci? Ich möchte hinaus." „O, Madame! — Mit Ihnen? Herrlich I" Dora ignorirte das Wort in dem Bestreben, die Sachs zu Stande zu bringen, nur um den Gatten vor Schlimmerem zu bewahren, und sagte fast entgegenkommend: „Gut, dann suchen Sie Monsieur auf, Marchese Picci — er ist auf seinem Zimmer. Verabreden Sie die Partie. Und gehen Sie gleich," setzte sie eifrig hinzu in der Hoffnung, den lästigen Begleiter endlich los zu werden. Der Marchese war auch sogleich bereit und griff nur nach ihrer Hand, um einen Kuß darauf zu drücken, fast anbetend wie auf den Kleidersaum der Madonna. XIII. Nördlich von Nizza liegt eine schon baufällige Villa, die, einst von Reichthum und Vornehmheit erbaut, im Laufe der Zeit wie manchs anders in bett Besitz von Industrie und Gewerbe übergegangen ist. Die Scheiben der imponirenden Fenster sind staubblind und stellenweise zertrümmert und durch die Oeffnungen gewahrt man das Haspeln und Spulen einer Seidenweberei. Im Parterregeschoß sind einzelne Zimmer zu vsrmtethen an Unbemittelte, die ihre Verpflegung in der Hauptsache selbst besorgen, weil ihnen die Hotels und Pensionen zu theuer sind: Lehrer, kleinere, in der Tretmühle des Lebens krank- und wundgeschundene Beamte und brustschwache Erzieherinnen finden daselbst ein einsames, aber durch bett Fabrikbetrieb keinesfalls stilles Heim. Auch fließt es hier und da einen Künstler, entweder einen unbsrühmtsn ober einen Naturalisten unb Philosophen. . , So hatte auch Maler Wahllänber hier Unterkunft ge- funbsn, indem er ein größeres, zum Atelier eingerichtetes Zimmer nebst Cabinst fein eigen nannte. Des gleichmäßigen Lichtes wegen war es nach Norden gelegen. Die Thür zum Balkon geöffnet, faß er an der Staffelei und hielt die Palette in der Hand. Dis zartesten Farbentöne waren daselbst aufgetragen. Das Bild dort war das Portrait der Bäronin Mülverstedt. Es war längst vollendet für Andere, nur der Künstler selbst hatte sich immer noch nicht genug gethan und verbesserte noch fortwährend. Er war lange über dis beste Auffassung feines Vorwurfs mit sich zu Rathe gegangen, glaubte aber nur im Allgemeinen das Richtige getroffen zu haben. Das Bild Doras war nur zur Hälfte Portrait, auch das Genre hatte feinen Antheil daran. Die junge Frau stand, rosig wie die Morgenröthe, im einfachsten weißen Kleide in einem südlich-üppigen, mit marmornen Kunst- denkmälern geschmückten Garten und hielt eine einzige voll- erblühte Rose in der Hand. Darunter standen dis Worte: „Sie hundertblätt'rige im grünen Moose Bleibt ewig doch das Bild der Rose!" Ein Klopfen an der Thüre versprach Besuch: Baron Mülverstedt mit Dora trat ein. Er hatte das Bild seiner Gattin bald nach seiner Ankunft in Nizza bestellt, aber bis jetzt keine Gelegenheit gefunden, es in Augenschein zu nehmen. Er verbarg sein Entzücken nicht; da» Bild mußte Sensation machen. Zwar war Dora» Liebreiz anerkannt und bildete längst einen interessanten Gesprächsstoff der gelangweilten, vornehmen Nizzaer Kreise. Doch mußte däS Bild das Interesse an ihrer Persönlichkeit noch erhöhen, was der Eitelkeit Mülverstedts schmeichelte. Seit sie seinen Namen trug, sah er sie als sein Geschöpf an und hielt sie verpflichtet, ihm die „großen Opfer zu vergelten", die er ihr gebracht hatte. Und aus diesem Grunde vor Allem kam er auch dem Wunsche de» alten Malers, das Bild auszustellen, enthusiastisch entgegen, obgleich Dora demselben abgeneigt war. „Närrchen Du!" tadelte er sie halb scherzhaft, halb ernst. „Du müßtest stolz darauf sein, daß Du öffentlich bewundert werden wirst." „O, nein! Das Bild — es ist für Dich bestimmt, Arthur! Für Dich allein," wies Dora bittend ab. „Unsinn! Ich bin großmüthig, mein Glück mit Allen zu theilen, welche guten Geschmack besitzen. Vielleicht verliebt sich noch irgend ein englischer Nabob in Dich, wie ich einst vor — wie lange ist'», daß wir miteinander Bekanntschaft gemacht haben? Wahrhaftig schon fünf Jahre!" Dora schwieg, innerlich tief verletzt. (Fortsetzung folgt.) -s 248 =B KsMeinnütziges. Bessere Erhaltung des Schuhwerkes durch praettsche Behandlung. Das Schuhwerk spielt im wirthschaftlichen Leben der Familien eine so große Rolle, daß es uns recht nützlich erscheint, die Frage der besseren Erhaltung des Schuhwerkes einmal näher zu erörtern- Zunächst ist es unbedingt zur besseren Erhaltung des Schuhwerker nothwendig, daß man dieselben Schuhe oder Stiefeln nicht jeden Tag trägt, sondern mit einem anderen Paare wechselt- Dadurch dunstet der Schweiß wieder langsam aus dem Leder und nach der Reinigung und dem Wichsen oder Einschmieren erhält das Leder das ein* oder zwei Tage ruhenden Schuh Werkes annähernd seine frühere Beschaffenheit wieder. Wie wir einer Mittheilung der Schuhfabrik Dorndorf in Berlin vernehmen, ist ferner ein zu plötzliches Trocknen des Schuhwerkes zu vermeiden, denn dadurch wird das Leder hart und bricht leicht- Es giebt noch immer Leute, welche nach einem tüchtigen Marsch oder nach Regenwetter den durchnäßten Schuh auf den Ofen zum Trocknen stellen. Dabei wird dem Leder allerdings die aufgesogene Feuchtigkeit schnell und gründlich entzogen, gleichzeitig aber auch das im Leder enthaltene und ihm unentbehrliche Fett; das Oberleder wird in Folge dessen hart und brüchig, es fei vom feinsten oder vom stärksten Leder. Weiter ist es von Wichtigkeit, jeden Stiefel oder Schuh wenigstens jede Woche einmal gut einzufetten. Genaue Versuche haben ergeben, daß von derart behandeltem Schuhwerk 2 Paare, wechselweise getragen, so lange gehalten haben, als 3 Paare, eines nach dem andern ausgenutzt. Ein besonderes Augenmerk ist auf die im Handel befindlichen Sorten Wichsen zu richten, die ausnahmslos theils mehr, theils weniger Schwefelsäure enthalten. Das jetzt im Handel befindliche Karnobin ist ein empfehlenswerthes Wichsmittel. Beachtung verdient noch der Umstand, daß bei starker Transpiration des Fußes alaungare Ledersorten (Glacskid, Gerns« und Chevreauxleder) nur künzeste Zeit dem zerstörenden Einfluß der Ausdünstung Stand halten, während fetthaltige Ledersorten (Roßleder, Kalbleder rc.) sich als widerstandsfähiger erwiesen haben- Alles Schuhwerk von feineren Ledersorten wie Gemsleder, Wiener Ziege, Chevreaux, russisches Glanzkalbleder wird am Besten mit einem wollenen oder Lederlappen abgerieben und alsdann mit Glycerole oder Peelaß-Gloß behandelt, dagegen find Wichsen, Fette und Oele bei Schuhwerk aus diesem Leder zu vermeiden. * , Gefettetes Leder schimmelt bei längerem Lagern in feuchten und dumpfen Räumen. Solches Leder muß deßhalb von Zeit zu Zeit gründlich abgebürstet und dann wieder leicht gefettet werden. Zu letzterem Zwecke eignen sich am besten Mineralschmieröle. Beim Aufbewahren des Leders in trockenen, luftigen Räumen wird der gerügte Uebelstand verschwinden- ♦ Flecken ans Marmor zu entfernen. Fettflecken sollen aus Marmor laut dem „D. Steinbildh." durch wiederholtes Behandeln mit Salmiakgeist beseitigt werden. Wenn dieselben nicht alt find, soll es sogar nicht schwer sein, mit diesem Mittel schnell einen Erfolg zu erreichen. Weiter wird empfohlen, eine ziemlich dicke Schicht gepulverter französischer Kreide auf den Flecken aufzutragen und tüchtig mit Benzin zu befeuchten. Um das rasche Verdunsten des Benzins zu verhindern, bedeckt man die Schicht mit einem wollenen Lappen- Rach 5 bis 6 Stunden wird die Schicht erneuert und damit fortgefahren, bis die Flecken verschwunden sind. Wirkt Benzin nicht, so nehme man eine Mischung von Chloroform und Benzin oder Chloroform allein. — Auch Rostflecken lassen sich aus Marmor entfernen und zwar auf die Weise, daß man die verunreinigend wirkenden Metalloxyde in Schwefelver- bindungen überführt und diese löst. Zu diesem Behufe wird Schwefelammonium mit Thon zu einem Brei angerührt und dann auf den Fleck aufgetragen, wobei die Vorsicht gebraucht werden muß, daß der Teig nicht über den Fleck hinaus gedeckt wird, weil der Marmor, hauptsächlich der weiße, durch Schwefelammon grün gefärbt wird. Der Teig wird 10 Minuten liegen gelassen, dann abgewaschen und wenn die Stelle noch etwa» roth schimmern sollte, noch einmal Schwefelammon aufgetragen, das nach 5 Minuten entfernt wird. Die Stelle wird abgewaschen, getrocknet und dann ein Teig von weißem Bolus und einer Cyancalilösung 1:4 aufgetragen. * # * Bei Fächerpalmen kommt es nicht selten vor, daß die Stiele der neu erscheinenden Blätter sitzen bleiben, d. h. sie erreichen bei weitem nicht die Länge der übrigen Stengel. Diese Erscheinung hat gewöhnlich in einem unrichtigen Standort der Pflanze ihren Grund. Ist derselbe nicht warm und sonnig genug, so tritt der "erwähnte Uebelstand ein. Man sehe daher auf genügend warmen Standort der Pflanze. V-vnMeht-s. Fachgemäßes Urtheil. Dame: „Da fährt wieder der reich gewordene Metzgermeister! . . . Was sagen Sie zu seiner neuen Equipage?" — Artillerielieutenant: „Feudaler Protzkastenl" » * In der Leihbibliothek. Zimmermädchen: „Ich wünsche ein Buch. - . . Haben Sie für meine Gnädige nicht was recht passendes Unpassendes?" Literarisches Von Dr. Ottos universal HauS'LexttiM, '.diesem hervorragend nützlichen und in jebent Haushalt unentbehrlichen Werke, liegt nunmehr Band 1 (umfassend Heft 1 bis 15) vollständig vor. Wir heben aus dem so überaus-reichen Inhalt der letzterschienenen Hefte folgende beachtenswerthe Artikel hervor: Harzfirniß, Hasen, Hausapotheke, Hausfriedensbruch, Hausgymnastik, Hausmittel, Hauspomade, Hausschwamm, Hausseife, Hautpflege, Hecht, Heizung, Heizen, Heilpflaster, Hectograph, Hering, Herrengarderobe, Herzklopfen, Heuschnupfen, Hexenschuß, Himbeere, Hirschbraten, Hirse, Hitze, Hitzschlag, Hochzeit, Hoss- mannstropfen, Holzarbeiten, Honig, Honigbier, Honigpslaster, Honigseife, Hopfen, Hortensie, Huchen, Hüftweh, Hühner, Hühneraugen, Hühnerhabicht, Hülsenfrüchte, Hufsalbe, Hummer, Hunde, Hundswuth, Husten, Hüte, Hyazinthen, Hypochondrie, Jagdregeln, Jagdzeiten, Jmmatriculation, Impfung, Jmprägnirung, Ingwer, Jnlet, Insektenpulver, Insektenstiche, Jnvaliditäts- und Altersversicherung, Johannisbeeren, Jrrthum bei strafbaren Handlungen, Isländisches Moos, Jubiläum, Jucken, Jugendliche Verbrechen. Jugendspiele, Justizdienst, Kabeljau, Käfig, Kälte, Kämme, Käsebereitung, Käsestangen, Kaffee, Kaffeevisite, Kahlköpfigkeit, Kaiserbrod, Kakadu, Kaktus, Kalbfleisch, Kali, Kalmus, Kaltes Büffet, Kaltschale, Kamelie, Kamille, Kampfer, Kanarienvogel, Kaninchen, Kantharidensalbe, Kapaun, Kapern, Karausche, Karbunkel, Karbolsäure, Karotten, Karpfenzucht, Karthäuserlikör, Kartoffeln, Kaschmir, Kastanien,?Katarrh, Kattun, Katze, Kaviar, Kefyr, Kegelspiel, Kehlkopfkrankheiten, Kellerungeziefer, Kerbel, Kesselstein, Keuchhusten, Kindbettfieber, Kinderpflege, Kindererziehung, Kirschbaum, Kitt rc. rc. — Der zweite Band bringt weitere Kittrezepte sür alle möglichen Gegenstände und ferner Artikel über Kitzeln, Klärung, Klage, Klauenfett, Klauenseuche, Klebstoff, Kleidung, Kleienthee, Klettenwurzelpomade, Klöße, Klops, Klystier, Knochenbruch, Knödel, Knüpfen, Knüppelkuchen, Knurrhahn, Kochsalz, Kochtöpfe, Kölnisches Wasser, Kohl, Kraut, Königskuchen, Körperhaltung, Körperverletzung, Kognak, Kohlenpulver, Kohlensäurehaltige Bäder, Kohlmeise, Kohlrabi, Kolik, Kollodium, Kompaß, Konfekt, Konkursverfahren, Kon- serviren, Kopfschmerz, Kraftsuppe, Krampf, Krankenpflege, Krankenspeise, Krankenversicherung, Krebse, Krebskrankheit, Kresse, Kreuzschnabel, Kriebelkrankheit, Kronentritt, Kuchen, Küchengeschirr, Küchenhygieine, Küchenkräuter, Kündigung, Kühlende Getränke, Kümmel, Kürbis, Kuheuter, Kummerfeld'sches Waschwasser, Kumys, Kupferausschlag, Kupferne Geschirre, Kupfervergiftung, Kuppelei, Kwaß, Laberdan, Lachs, Lacke, Lähmung, Lakritzen, Lammbraten, Lampen, Landfriedensbruch, Landgerichte, Landmesser, Landwirthschaftliche Arbeiten, Lattichsuppe, Latwerge, Laubfrosch, Lavendel-Riechkissen, Lebensbalsam, Lebensdauer, Lebensregeln, Lebensversicherung, Leberspeisen, Leberblümchen, Leberflecke, Leberkrankheiten, Leberthran, Lebzelten rc. rc. Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.