189« Dienstag den 29 September ümilk'fitilälki’ MLMMKMsMWWWV Falsches Spiel. Roman von E. v. Linden- (Fortsetzung.) „All right, Herr Romberg," begann Sander, sich einen Stuhl an den Tisch ziehend. „Paulsen hat mir die Geschichte er« zählt, calculire, daß sie Ihnen nicht angenehm ist, aber dafür können Sie nicht. — Der Herr Hauptmann bleibt nach wie vor Ihr Vater, denn warum? Weil er Ihnen das Beste gegeben hat, das genügte, was einen Gentleman ausmacht, wohingegen der andere verdammt wenig gethan hat, von dem was den Vater erst ausmacht und was seine Pflicht und Schuldigkeit ist. Wir brauchen uns seinen jüngsten Spröß- ling nur anzusehen. Na, ich will den Lieutenant schon deshalb loben, daß er Sie in so gute Hände gab und damit Punktum, Streusand darüber, denn wir sind allzumal Sünder!" Der junge Mann nickte und drückte ihm dankbar die schwere Hand. „Und nun hören Sie zu, Herr Romberg," fuhr Sander rasch fort, „was Ihren Onkel, den Rittmeister von Alting, von dem ich Ihnen schon erzählte, nun anbelanzt, so freut es mich unbändig, daß er noch lebt und unverheirathet ist. Verstehen Sie mich recht, um Ihretwegen, derweil Sie doch nun der rechte Erbe sind —" „Eben deshalb widerstrebt mir aber die Reise, Herr Sander," fiel der junge Mann ein- „Ach was, mit solchen Feinheiten dürfen Sie einem vernünftigen Menschen nicht kommen," rief Sander, wegwerfend, „Sie sind gar kein richtiger Amerikaner, der deusche Tick steckt in Ihnen, und darum eben paffen Sie drüben in Deutschland für meinen Rittmeister. Da müßten Sie den John Alting sehen, der hatte eine amerikanische Mutter und ihr Blut hat ihn zum rechten Dankes gemacht. Meinen Sie wirklich, daß er hinüber geht, um das Erbe wegzuschnappen? Paulsen erzähle mir davon." „Ich denke, sein Plan wäre deutlich genug. Wenn ich mir vorstelle, daß er bereits hinüber, vor mir dort angekommen wäre, und ich nun als zweiter Reffe den armen Onkel überfallen müßte, — der Gedanke ist so fürchterlich, daß ich mich bereits entfchloffen habe, die Reife aufzugeben." „Hm," meinte Sander, den jungen Mann, der so trübe und verzweifelt vor sich htnschaute, theilnehmend betrachtend, „es ist heut' auch just ein so trauriger Tag, wo man an so was nicht denken kann, obschon ich's schon probirt habe, daß man dann erst recht was Andere» vornehmen muß, um drüber wegzukommen. Sehen Sie, Herr Romberg, leben muß der Mensch nun einmal und mit Grübeln und Thränen macht man keinen Tobten wieder lebendig. Da heißt's, sich gehörig zusammennehmen und sich zu fragen: was würde mein Vater dazu sagen?" _ . „Er hat bereits gesprochen, lieber Herr Sander," erwiderte der junge Mann tief aufathmend. „In dem Schreiben, das er mir hinterlaffen und worin er mir die schreckliche Enthüllung gemacht hat, richtet er die Bitte an mich, zu reisen, weil es ihm die einzige Gewähr gäbe, seinen Namen von jedem Flecken zu reinigen. Sie errathen wohl, was er damit sagen wollte." Der Rinderfarmer sah ihn erst verwundert an, und schüttelte dann unmuthig den Kopf- Lum Deuksel noch einmal, Herr Romberg, nun wird s erst eine ganz verflixte Geschichte, weil ich nun garnicht auf die Reise dringen kann, von wegen der Geldgeschichten. — Lasten Sie uns nun mal frisch von der Leber weg sprechen, wie richtige deutsche Männer- Also, der verstorbene Haupt- mann hat Anleihe bei mir gemacht, nee, das ist nicht an dem, ich hab' sie ihm mit Gewalt aufgedrungen, und wer so was riskirt, der muß den Schaden tragen. Seien Sie man ruhig, ich komme nicht zu kurz, mein junger Herri Also ich lege für Sie und Paulsen das Reisegeld aus, und nehme dafür Ihre Farm in Pfand, Ihre Wirthschafterin kann hier bleiben, weil ich meinem Oberknecht und einem Jungen bis auf Weiteres das Haus übergebe. Sodann schreibe auch ich einen Brief für meinen Rittmeister, der den Willi Sander noch nicht vergessen haben wird und wenn Sie in Hamburg ankommen, telegraphiren Sie gleich an ihn. Paulsen wird sich als Schleswig. Holsteiner dort bald wieder zurechtfinden. Sehen Sie, Herr Romberg, just darum, weil der wüste, gottvergessene John Alting dort sein kann, um meinem guten Rittmeister das Leben zur Hölle zu machen, müffen Sie hmüber, 454 das ist die reine Menschenpflicht für Sie. Wenn Sie aber von mir denken können, daß ich'- von wegen der Anleihe thäte, dann bleiben Sie in Gottes Namen hier, und nehmen Sie mein Wort, daß die dumme Geldgeschichte gute Zeit und Weile hat." Der junge Fariner hatte schweigend zugehört, jetzt reichte er dem ehrlichen Sander gerührt die Hand und sagte: „Ich danke Ihnen, mein lieber wackerer Freund und werde Ihren Rathschlägen folgen. Wie sollte es mir einfallen, von Ihnen eigennützige Absichten vorauszusetzen? — Aber Sie haben recht, ganz recht, ich muß mich aufraffen, etwas beginnen, um aus dem nutzlosen Grübeln zu kommen, und wenn jener Rittmeister Alttng ein solcher Mann ist, wie Sie ihn schildern, dann ist er eine doppelte Pflicht für mich, ihn vor meinem wüsten Bruder zu schützen, der unter meinem Namen dort sich einschleichen will. Ich weiß ja nur nicht, wie ich jemals meine Schuld bei Ihnen abtragen soll, Herr Sander, da der Gedanke, nicht durch eigene Kraft, sondern nur durch ein fremdes Erbthell dazu im Stande sein zu können, mich muth- lor und verzweifelt macht." „Zum Henker noch einmal, Herr!" rief Sander, zornig mit der Faust auf den Tisch schlagend, „mit einem solchen Aeußern und einem solchen Sack voll Kenntnissen und Fein« heilen werden Sie überall Ihr Glück machen und mir die Handvoll Dollars bald wtedergeben können. Punktum, Streusand drüber, damit wären wir jetzt fertig. Wann wollen Sie reisen?" „Wäre es nicht besser, dem Onkel erst zu schreiben?" „Weiß er denn gar nichts davon?" fragte Sander stutzend. „Der Lieutenant schreibt freilich in seinem Briefe, daß er bereits an seinen Bruder geschrieben und meine Ankunst angemelde habe, ich finde das doch ein wenig voreilig von ihm." „Na, es sieht ihm ganz ähnlich," meinte der Rinder, farmer, „er wird auch wohl keine Zeit mehr dazu gehabt haben, und wenn Sie erst schreiben und seine Antwort ab- warten wollen, wirds stürmischer Herbst, also schlechte lieber« fahrt sein. Nehmen Sie die Dinge, wie sie sind und beeilen Sie sich mit der Abreise, telegraphiren aber doch von Ham- bürg lieber nicht." „Gut, ich nehme beides, Rath und Hülfe von Ihnen an, und beginne morgen mit den Zurüstungen. Wie's aber auch kommen möge mit mir, niemals werde ich vergessen, was ich Ihnen schulde, und meine Dankbarkeit gegen Sie kann nur mit meinem Leben enden." „Ach, Schnack!" brummte der wackere Rinderfarmer, sich hastig schnäuzend, um seine Rührung zu verbergen und dann der alten Frau Reimers zunickend, welche heretnkam, um den Tisch für das Abendbrot zu decken. 10. Capitel. Auf dem Anstand. Der fünfte October war angebrochen und hatte sein schönstes sonnigster Herbstwetter gespendet. Ein Jagdvergnügen auf Altinghof galt immer für ein besonderes Fest, zu dem sich alle Gutsbesitzer in der Runde freuten, weshalb sich auch Niemand ohne ganz besondere Gründe davon ausschloß. Die Frage, ob der Lindenhagener mit seiner Nichte ebenfalls zu den Eingeladenen gehörte, beschäftigte Jung und Alt, ja es wurde unter der Jugend sogar darauf gewettet, weil man von einer geheimen Verlobung zwischen dem amerikanischen Neffen und der schönen Ebba Regina munkelte. Es kam in diesem Falle also ganz besonder» auf die Ein» ladung an, um die Macht des famosen Han» Justus über seinen sittenstrengen Onkel zu erproben. Setzte er da» durch, dann war auch das Unwahrscheinlichste für ihn möglich. Am verhergehenden Abend war der Notar au« F. schon eingetroffen und etwa» geschehen, wovon Han» Jusiu», der sich auf seinem Zimmer befand, keine Ahnung haben konnte. Zwei Stunden hatte der alte Baron sich mit seinem Anwalt eingeschloffen, um eine wichtige Unterredung zu halten, der ein noch wichtigeres Geschäft folgte, weil der Notar nur einen Tag auf Altinghof bleiben konnte. Hätte der Neffe die Anwesenheit desselben erfahren, er wäre sicherlich noch unruhiger gewesen. Doch war der Diener zu geschult, um ungefragt etwas zu erzählen- Es war nichts Geringeres als das Testament, da» der Notar aufgesetzt hatte, und das am nächsten Tage erst unter» zeichnet werden sollte, weil der Baron zwei seiner besten Freunde, die sich natürlich unter den eingeladenen Gästen befanden, al» Zeugen haben wollte. Man constatirte am Jagdmorgen den Ausschluß der Lindenhagener und zwar selbst abseiten der Jugend mit großer innerer Gegnugthuung, während die älteren Herren an eine Einladung dieser „Sippschaft" überhaupt nicht gedacht hatten. Daß Hans Justus, der es sich nicht nehmen ließ, mit dem Arm in der Binde die Jagdgäste, worunter sich auch mehrere junge Damen befanden, persönlich zu be- grüßen, sich selber „angeschoffen" hatte, erregte unter seinen Freunden das größte Erstaunen, da man von seiner fabelhafte« Geschicklichkeit im Schießen genug Beweise erhalten hatte. Man neckte ihn deshalb weidlich und er ließ sich Alles ruhig gefallen, beklagte seinen Unfall in elegischer Weise und betrug sich so tadellos, daß die Damen ihn einfach bezaubernd fanden. Er bemerkte es sehr wohl, daß die älteren Herren ihm äußerst kühl begegneten und sich geflissentlich von ihm fern hielten, ober sich nur kurz nach seinem Befinden erkundigten, eine Wahrnehmung, die ein ingrimmige» Lächeln bei ihm hervorrief. Baroneß Ellen blieb zu Harald Römhilds Bedauern daheim, um die häuslichen Wirthfchafts - Pflichten im Interesse der Gäste sorgfältiger als je zu erfüllen. Der junge Hirschholmer, der jetzt bestimmt wußte, das au» ihr unb Hans Justus niemals ein Paar werden konnte, nahm seine Bewerbung um die Pflegetochter des alten Baron» wieder auf und zwar einestheils aus Neigung für da» schöne, liebenswürdige Mädchen, anderntheil» aber auch in der bestimmten Vorausficht einer reichen Mitgift, die ihr trotz der hereingeschneiten Erben unzweifelhaft zu Theil wurde. Der Unfall des Amerikaners schien ihr nicht sonderlich zu Herzen zu gehen, da sie im Gegentheil ungewöhnlich heiter war. Niemand ahnte, daß ihr sein Fernbleiben von der Jagd eine wunderbare Beruhigung gegeben hatte, während die Gesellschaft ihre Heiterkeit ganz ander» auslegte unb selbst Hans Justus etwas stutzig machte. „Ach," flüsterte Charlotte Römhild einer Freundin in'» Ohr, „die Heuchlerin hat» doch auf den jungen Baron abgesehen. Sieh, wie sie sich freut, ihn hier allein zu behalten." „Das hilft ihr nichts," gab die Freundin ebenso leise zurück, „mein Bruder Kuno hat mir unter'm Siegel der Verschwiegenheit verrathen, daß er’» auf die Lindenhagenerin, die gräßliche Ebba Regina abgesehen hat." „Nicht möglich, das wäre ja ein Schimpf für uns alle, — aber ähnlich sähe es ihm immerhin. Der alte Baron müßte ihn nach Amerika zurückschicken. — Daß aber diese scheinheilige Pflegetochter sich Nicht schämt und ihre Freude so unverhohlen zeigt, ist ganz abscheulich, sie fürchtet nicht mit Unrecht, daß Hans Justus sie eines Tage» vor die Thür fetzen wird." , .. Al» die Geschmähte sich ihnen jetzt näherte, waren beide Damen, die sich ihre liebsten und intimsten Freundinnen nannten, voll überströmender Zärtlichkeit gegen sie und meinten, daß sie immer lächeln müsse, weil sie dann noch einmal so schön aursehe. . u „Nun, ein wenig Liebe, ein wenig Treu, und ein bisset — oder auch recht viel Falschheit dabei!" wie e» in der Posse heißt, da» ist der Brauch bei Arm und Reich. Es war ein buntes, fröhliches Bild, als die Jagd- Gesellschaft aufbrach und theils zu Pferde, theils zu Wagen, von der Hunde - Meute gefolgt, den Schloßhof verließ. Die Reiter waren voraus, weil sie den zweiten Wald, der at« größter und wildreichster von der Jugend bevorzugt wurde, seiner weiten Entfernung halber sonst zu spät erreichten und sie alsdann auch zur Jagd zu wenig Zeit behielten. Mu 455 ihnen ritten natürlich die Damen fort, und es schien dem alten Baron Alting, als ob seine Freunde förmlich aufathmeten, daß sein Neffe nicht unter ihnen war. „Wie, meine Gnädige, Sie sind nicht mit von der Partie?" fragte Hans Justus, als die Gesellschaft ver- schwunden war, „Sie, eine der besten Retterinnen, und unzweifelhaft auch eine kühne Jägerin?" „Ich finde keinen Gefallen an der Jagd," er widerte Ellen ruhig, „es widerstrebt mir als Dame, ein wehrlose» Geschöpf mit der Waffe zu bedrohen. Wenn ich den Vater zuweilen nach dem zweiten Walde begleitet habe, dann that ich es nur aus seine Bitte." „Hm, das wundert mich," meinte Hans Justus etwas sarkastisch, „in Amerika liebt jede wirkliche Lady diesen Sport, und wie man mir hier erzählt, huldigen besonders die Damen des Hochadels demselben ebenfalls mit Leidenschaft- Sie gehörten dieser Gesellschafts»Klaffe wohl früher nicht an, Fränlein Ellen?" Diese erblaßte, er wollte fie geflissentlich beleidigen, weßhalb? „Mein Vater gehörte zu dem besten Adel Dänemarks," versetzte fie stolz, „und was diesen Sport anbetrifft, — so wird derselbe nicht nur von den Damen des Landadels geübt, sondern auch noch von sonstigen Damen zweifelhasten Range», insofern sie durch Geld und Gut sich hier oder anderswo ein gewiffe» Ansehen erworben." Ohne eine Erwiderung abzuwarten, verließ sie das Zimmer, um sich zu der Wirthschaftertn zu begeben. Hans Justus blickte ihr mit einem ingrimmigem Lächeln nach, murmelte etwas Unverständliche» und begab sich in sein Thurmzimmer, um seine Jagdpfeife anzuzünden und den Barbier zu erwarten, der ihm die Wunde nachsehen und wieder verbinden sollte. Er lehnte sich au» dem offenen Fenster, blie» dichte Wolken in die reine Morgenluft hinaus, und ärgerte sich, daß noch kein einziger Schuß gefallen war. Dann erfaßte ihn eine heftigen Unruhe, die ihn wieder auftrieb und zum Hin« und Herwandern zwang. „Das werden schöne Stunden für mich sein," murmelte er, „hätte ich's denn nicht felber thun können, wie Ebba Regina es wollte? Sie trifft stets da« Rechte, — aber da war's ja schon zu spät. Verdammte» Blut, da» sich nicht zur Ruhe zwingen läßt, hab' ich denn nicht warten gelernt auf dem Anstand, wenn ich dem zahmen und wilden Raubzeug mit der Büchse beizukommen suchte? Hab ich nicht im Urwald und in der Prairie stundenlang auf der Lauer gelegen, ohne diesen rasenden Hammerschlag in der Brust zu fühlen? — Bah, was ist'« weiter al« die Furcht vor einem Mißlingen, erst jetzt fühle ich, daß stch's selber hätte thun müffen —" Er legte die Pfeife bei Seite und sich selber auf'« Sopha, um die ganze Jagd an seinem inneren Blick vorüberziehen zu laffen. Wa» diese alten Burschen doch im Jagdrevier wollten! — Er lachee leise bei dem Gedanken, seinen ehrwürdigen Onkel auf dem Anstand zu sehen, wie sich die Rehe freuen würden. — Da kommt Joe Catton — halt, halt! — E« ist noch zu früh, der Esel nicht-- Han« Justus sprang mit einem wilden Fluch auf und blickte verstört umher. Hatte er geträumt oder mit wachen Sinnen eine Vision gehabt? Nein, das unruhige Blut hatte ihm den schlechten Streich gespielt, die Furcht seine Einbildungskraft mit gespenstischen Bildern bevölkert. Ec mußte das sremde Gefühl, das seine ganze Manneskraft lähmte, bestegen, um sich nicht selber zu verrathen. Al« er seine Pfeife wieder angezünbet hatte, legte er sich aufs Neue aus dem Fenster. Es war gut, wenn die Leute ihn sahen, und da kam ja auch der Barbier angetrabt. Dann schlug der dumpfe Knüll eines Schusses an sein Ohr, und bald gings: P,ff, paff! Der Barbier trat ein und bedauerte den gnädigen Herrn, nicht an dem Vergnügen theilnehmen zu können. „Und dazu ein solches Jagdwetter, na, die vornehme Gesellschaft knallt auch schon tüchtig drauf los. — Sieh, sieh, die Wunde macht sich gut, der gnädige Herr haben gesunde» Blut und eine glückliche Hand, denn sonst —" „Was meint Ihr damit, verdammter Pflasterschmierer," fuhr Han» Justus ihn roUb an, „glaubt wohl gar, ich hätt't mit Fleiß gethan?" „Gott bewahre," stotterte der Barbier tödtlich erschrocken, „ich meine ja nur, daß der gnädige Herr sich gefährlicher hätte verletzen können." „Unsinn, dazu gehört keine glückliche Hand, — ich war zu sorglos, dachte nicht an die Ladung — Zufall ist Alles im Leben." „Gewiß," stimmte der Barbier demüthig bei, hütete sich aber, ein Wort hinzuzusetzen, aus Furcht, hje böse Laune seine» Patienten noch drohender zu steigern- Er legte mit zitternden Händen den Verband an und freute sich, mit heiler Haut hinan» zu kommen. „Mög' der Herrgott den Herrn Rittmeister noch lang' uns erhalten," flüsterte er draußen im Vorbeigehen dem Kutscher zu, „der drüben im Thurm ist ein Schlimmer I" „Das weiß der Himmel," murmelte der Kutscher im Weitergehen, „der Hergott wird aber wohl ein Einsehen haben." Die Stunden vergingen, der schöne Wald war belebt von Jagdlust und Hundegekläff, doch hatten die alten Herren noch nicht viele Beute erschossen und die Mehrzahl war froh, als zum Frühstück in der Försterei geblasen wurde. „Hören Sie, Freund Alting," sagte der behäbige Herr von Römhild, der dem Weine tapfer zusprach, „Sie haben mir den schönsten Rehbock mit Ihrer Unruhe verscheucht. Ich protestire dagegen, in Ihrer Nähe zu bleiben. Zum Henker, waren doch sonst ein guter Schütze, aber nun ist man seine» Leben» nicht mehr sicher, Sie hantiren ganz ge- fährlich mit Ihrer Flinte, können sich und Anderen ein Leid damit anthun, nur nicht dem Wilde,> da» Ihnen seine Dank- Adresse widmen müßte." Ein laute» Gelächter und Bravo lohnte den Redner, während Baron Alting nachdenklich im Kreise umherblickte und nach eingetretener Ruhe dem alten Freunde Recht gab. „Ich weiß nicht, ob'» an mir oder an meiner Flinte liegt, daß mir jeder Schuß Beschwerde macht," meinte er kopfschüttelnd, „mein Förster soll den Lauf mal untersuchen." (Fortsetzung folgt.) Reform der Franenkleidmg. Eine „interessante Frage" ist am vorigen Dienstag auf dem in Berlin tagenden Frauencongreß aufgerollt worden; e» handelte sich um die Reform der Kleidung. Das Thema hatte den Vortragssaal mit vielen Vertreterinnen des schönen Geschlechts angefüllt. Zuerst sprach ein Herr Dr. med. Spener. Er bezeichnete die Franenkleidung „als ein noch bedeutsame» Hinderniß für die Bewegung der Frau in der Frauenbewegung". Ja seiner nicht rein ärztlichen Betrachtung documentirt stch der Referent al» Mitkämpfer der Frau. Fast alle weiblichen Kleidungsstücke verurtheilt er aus practifchen, gesundheitlichen und moralischen Gründen; zunächst den Kleiderrock, der den freien Schritt der Beine hemmt und als Staubfänger wirkt. Er müsse nach allen Seiten fußfrei werden, mindesten» 10 Zentimeter vom Erdboden ab. Die Unterröcke, welche das 16. Jahrhundert erfunden habe, damit die Frauen leichter recht breite Hüften heucheln können, feien durchaus zu verdammen. Noch mehr da« Corfet. An einer Kreidezeichnung der mediceischen Venus demonstrirte der Redner die Schädlichkeit des Corsets. „Wer zählt die Völker, kennt die Namen, die alle zum Corfelkrieg kamen?" — und doch, wie wenig ist trotz allen Schreibens und Redens erreicht! Noch viel zu wenig wird beachtet, daß das Mieder namentlich durch die Last der Röcke enger wird. Für die jetzige Generation wird aber das Corfet doch nicht zu entbehren sein, da die Rückenmuskulatur derselben zu schwach geworden ist; wenn — 456 die weibliche Jugend durch allseitige Leibesübung gekräftigt wird, kann sie auch des Corsets entwöhnt werden. Das Hemd in seiner jetzigen Form hat wenig Berechtigung, zu empfehlen ist die englische Combtnation. Vielfach zu hoch find die Absätze der Schuhe. Dar Haar sei möglichst einfach und ohne Brenneisen zu behandeln, als Bedeckung sei ein weicher Filzhut oder ein kappenartiger Hut zu empfehlen. Endlich wendet sich der Redner noch gegen Haarnadel, Schleier und unzweckmäßige Mäntel. Die Ausführungen fanden lebhaften Beifall. Noch reicher indeß gestaltete sich der Applaus, als die Correferentin Frau Sera Prölß geendet. Sie gab zu, die jetzige Frauenkleidung sei weder praktisch, noch gesund, noch schön. Der Kleiderrock werde stets ein Symbol der weiblichen Hilflosigkeit und Abhängigkeit bleiben. Habe ihr doch ein Arzt gesagt, er glaube an keine Frauen- emancipation, so lange die Frau noch „rumkrabbeln" müsse, um ihre Tasche zu finden. Die heutige Mode verursache eine solche Steishaltung der Glieder, daß man schließlich, der Darwinschen Theorie zufolge, an die Geburt steisarmiger Kinder glauben könne. Die Männertracht sei ja entschieden practi- scher, schön und ästhetisch aber sei sie nicht. Darum dürfe auch die neue Frauentracht nicht nach Art der jetzigen Männertracht gestaltet werden. Das Costüm der Radlerin erscheine ja ganz practisch und chic, es sei aber auf den corrumpirten Corsetgeschmack zugeschnitten. Als die gesundeste und ent- sprechendste Tracht sei die sogenannte Königin-Luisen-Tracht anzusehen, abgesehen von der Decolletirung. Die Rednerin empfiehlt die Errichtung eines Ateliers als Versuchsstation für eine vernünftige Frauentracht. • In der Discussion wandte sich Frau Dr. med. Krajewrka- Bosnien gegen das Corfet. Herr Staatrrath Chatiseian- Tiflis beleuchtete die Kleidungsfrage von der klimatologischen Seite. Frl. Bona Peiser-Berlin empfahl die moderne Radfahrhose, sie ersetze jeden Unterrock und mache das Corset überflüssig. Frau Marie Günther-Brauer - Schwerin forderte die Bühnengrößen Haberland und Elmenreich auf, durch die That kleidungsreformatorisch vorzugehen; die letzte Sprecherin Frl. Karsten-Berlin gab wehmüthig zu, daß die Frau doch allzusehr Sclavin — der Schneiderin sei. Schließlich schien die Versammlung den Vorschlag der Frau Sera Prölß bezüglich der Errichtung eines „Versuchs-Ateliers" für das Beste zu halten und es ward als vorbildlichen Typus einer künftigen Kleidertracht auf eine anwesende Dame, Frl- Dr. Möller- Kopenhagen, hingewiesen, die sich in einer der Königin-Luisen- Tracht ähnlichen Robe allerdings sehr vortheilhaft präsentirte. Geändert wird aber vorläufig trotz allen Disputs an der Frauenkleidung sehr wenig werden. Hnnrovistisches. Theorie und Praxis. Arthur: „Ich habe die Wahl zwischen einem armen Mädchen, welches ich liebe, und einer reichen Wittwe, welche ich nicht liebe. Wozu würdest Du mir rathen, Fritz?" — Fritz: „Die Liebe ist das Salz des Lebens, Freund. Ohne sie ist alles Andere ein Quark. Die Liebe macht die Armuth zum Reichthum, die Mühe zum Genuß, die Erde zum Himmelreich." — Arthur: „Genug, genug! Ich werde das arme Mädchen heirathen, das ich liebe." — Fritz: „Brav gesprochen. Bei der Gelegenheit gieb mir doch die Adresse der reichen Wittwe, die Du nicht liebst." Genügsam. Junger Mann: „Darf ich, mein werthes Fräulein, mir erlauben, meinen Arm Ihnen anzutragen? ' — Dame: „Ach, mein Herr, ich bin schon zufrieden, wenn Sie mir Ihre Hand antragen.". Abgekürztes Verfahren. Reisender (dem Kutscher den aufgeschlagenen Baedeker hinhaltend): „Kutscher, fahren Sie mal die ersten vier Seiten hier ab! ' Erklärliche Erscheinung. Pipa: „Ich erfahre so- eben, mein lieber Fritz, daß Du fast alle Tage in der Schule geschlagen wirst. Ich kann mir diese Erscheinung nicht er- klären. Wie kommt denn das?" — Fritz: „Ja, Papa, das kommt daher, weil der Herr Lehrer viel stärker ist als ich." • Schwieriges Zeugenamt. „Sie sehen ja furchtbar ermattet und abgespannt aus, Herr Forstgehilfe?" — „Der Herr Oberförster hat heute am Stammtisch wieder allerlei Geschichten erzählt, welche ich miterlebt haben mußte." ♦ Ausgleich. Meister: „Warum heulst denn, Bub?" — Lehrbub: „Ja, de Meisterin hat mich gehau'n und ich laß mich nimmer von einer Frau hau'n!" — Meister: „Ra, sei nur zufrieden, da hast Du,von mir a Paar!" Schwer zu befolg en* Arzt: „Dieses Nackengeschwür, lieber Herr Schwalbe, ist nicht gerade gefährlich, Sie werden aber doch gut thun, e» im Auge zu behalten." * Beim Examen. „Aber, Herr Candidat, Sie sind ja vollständig unvorbereitet. • . • Nun, was glauben Sie, welche Eigenschaften muß ich als Professor der Chirurgischen Ab- theilung besitzen?!' — Candidat (schwitzend): „Ein gutes Herz, Herr Professor!" Literarisches ,3Ött«tiele MLdch«N-3eitur»g", Wochenschrift für junge Mädchen. Im Verlage von Max Schmidt in Lübeck erscheint mit 1 October dieses Jahres eine neue, reich illustrirte Zeitung für tit Mädchenwelt. Trotz des großen Reichthums an illustrirten Blättern fehlte es bisher an einer Zeitschrift, in der jungen Mädchen im Alter von 13 bis 20 Jahren belehrender und anregender Unterhaltungsstotz und gleichzeitig Anleitung zu allen Arten von nützlichen Handarbeiten, Kunstfertigkeiten und Liebhaberkünsten geboten worden wäre. Die ersten deutschen Schriftsteller und Maler, Lehrer und Jugendfreunde haben ihr- Mitarbeiterschaft zugesagt und Beiträge geliefert, so daß das neue Unternehmen, das eine Lücke in unserer Zeitschristenliteratur ausfullt, unter den günstigsten Auspicien in's Leben tritt. Die uns vorliegende vornehm ausgestattete Nummer ist reich an Text und Illustrationen und so gehalten, daß sie auch von Erwachsenen mit Vergnügen gelesen werden wird Der billige Preis (vierteljährl. 1,80 Mk.) und der gediegene Inhalt wird die „Jllustrirte Mädchen-Zeitung" bald zu einem Lieblings- blatte der jungen Mädchen inachen, was um so wünschenswerther er: scheint, als die Herausgeber mit Recht di-landläufige, seichte und faden: scheinige Jugendliteratur bekämpfen und von dem Grundsätze ausgehen: „Für die Jugend ist das Beste gerade gut genug 1" Der „schöne" Herbst. Der sogen. Wetterprophet Prof. Habenicht in Halle hatte bekanntlich noch vor einigen Wochen uns einen schönen Herbst in Aussicht gestellt, der bis in den October hinein andauern sollte. Ihm widmet ein Freund unseres Blatter folgenden Stammbuch-Vers: O w-tterkundiger Hab-nicht, Mit Deiner Weisheit prahle nicht! Einen schönen Herbst ließt Du uns hoffen — Im Regen sind wir bald ersoffen. Abwechselnd windig, kalt und naß Seit Wochen schon ohn' Unterlaß, Kaum eine Stunde Sonnenschein — Das soll der schöne Herbst wohl sein? O nein, geehrter Herr Professor, Da weiß Kalendermann es besser! „Ist der September feucht und naß, So füllt er dem Bauer das Regenfaß." So schreibt er und der Mann hat Recht, Doch Deine Kunst bewährt sich schlechtl Wer prophezeih'n nicht besser kann, Der thu's ä la Kalenvermann. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverstMS-Buch- und Steindruckerei (PietsL &■ ©tfienba)