Unlerhaltungslrlatt ?«m Gießener Anzeiger (Genrral-Anxrigrr). 189«. ff r~7~— L.2t ' S]’=3g«u. . $ snrilisMWsk ?jUl] cy es öpteL "EEN- Sein ältester Sohn - unser Rittmeister Justus - Roman von E. v. Linden. Klae fefn^ ^m Landwirth bestimmt, doch ----- Ä6 ™ « ; * unüberwindlichen Neigung für den Soldaten- (Fortsetzung.) K*s D® ferow,b(:«' nachdem er ausdrücklich zu Gunsten ■ ®* PA f‘iw Seihmg« und übrig« Pbstsuch« zu. Nb« Nm«»» im« ÄS“?. «r,W« hm«, sammen, nickte dem Töchterchen zu und schritt ra L binein ni& «18£8 un? 1849' welche der alte Baron Ellen blickte ihm bestürzt nach, welche Bewandtnis konnte *r *r^chte und als loyaler dänischer Unterthan mit diesem Briefe haben? Zum ersten Male füMfe°ff/ !« I SS?*« e' Jejn,län9^r Sohn Hans auf seiner Seite, K £-£®»SE?s ÖÄÄÄÄÖ“ £«.ieb,e saae 8t6w *** •* b°n ÄÄWsÄiÄ ääväää' S ÄÄ- ÄJÖ Sä s ÄtfWW f«. d« E« Schwer -u„«°„«d Mr er «« bk 2 Kuta hl Wr* «”» dem sich« Augen und starrte aufs Neue auf den Namen? der mit einer Justus e? rü Ä Erstgeborenen zur Seite stand, hatte unstcheren Hand geschrieben zu sein schien. Er bem rkte S £1/ ' 1“! et nil5t enterbt und verstoßen nicht, daß der Diener, welcher vorhin die Lamve ! bra»? unheilbarer R.ß war durch die einst so glück- hatte, wieder eintrat, eine Ciaarrenktste auf den g-if* nj^ I gegangen, Zwietracht herrschte, wo sonst der LZ Sohn seiner nordischen Heimath war! 6 $ Tode^Ä^Ä Äbe? Äe* 6a"8 Joachim, der die Leider wurden die Eltern ihnen früh entrissen der Vater i»^Alti»2 benr 33kxbiLerl^aItett hatte, eines Tags ein Edelmann der alten Schulewar^ebenfalls eineS ?e„n± “(ä dänischer See-Cadett. Er war dänischer Offizier und zwa? Li dek leiner Abwesenheit zu einem schönen gewesen. Durch seine Heirath mit einer rfieinlBK S niro^fen' bem bie Uniform so prächtig Profeflor-Lochter hatte ei,stch mißttebig^^gemacht 'feinend" ö bie Mutter ihre innige Freude an Wed genommen und sein Me» Ä a«® 5 K Off?ne« derselbe liebe Junge M d-m T-d- tafcfc, »etMW I .»‘wSTÄ^fe^uÄÄ; ,Ä 402 Glück bei dem Wiedersehen der Mutter und seine Bestürzung, den Bruder nicht daheim zu finden. Dann besann er sich, daß dieser als ehemaliger dänischer Offizier der ganzen Strenge des Militärgerichts verfallen und also für immer, wie er sich überzeugt hielt, aus der schönen Heimath verbannt war. »Armer, unglücklicher Justus I" klagte Hans in aufrichtigem Schmerz, „warum folgte er den Revolutions-Helden und nicht feinem militärischen Pflichtgefühl, das in dem Fahnen-Eid und in der Disciplin wurzelt. Ich müßte ihn deshalb hasten und verachten, wenn nicht vor zwei Jahren die halbe Welt verrückt und Schleswig - Holstein seit dem Entstehen des verrätherischen meerumschlungenen Liedes nicht überhaupt schon unzurechnungsfähig gewesen wäre. Ich will ihn nicht verurthellen —* „Das würde Dir, dem unreifen Knaben, auch schlecht anstehen/ fiel ihm die Mutter streng in» Wort. „Justus that, wie ihm sein deutsches Gefühl und die Vaterlandspflicht gebot. Er muß die Verbannung, welche viele tapfere Kameraden mit ihm theilen, ruhig tragen, bis ein schönerer Morgen tagt/ Han» zuckte ungeduldig die Achseln und meinte dann, daß e» ihm leid thue um den Bruder, weil dieser Morgen niemals tagen werde, daß er aber nicht nach Kopenhagen zurückkehren wolle, ohne ihn vorher gesehen zu haben. „Justus ist augenblicklich noch in Hamburg," sagte die Baronin, welche außerordentlich leidend aussah, wie Han» mit geheimer Angst bemerkte, „er wird aber in den nächsten Wochen eine überseeische Reise antreten, um die Welt kennen zu lernen. Ich hätte ihn ebenfalls noch gern gesehen, wenn meine Gesundheit e» mir gestattete —" „Du fühlst Dich nicht wohl, Mama?" fiel Han» hastig ein. „Rur äußerst schwach, mein Sohn, ich wollte, D« wärest erst soweit, um Altinghof übernehmen zu können." «Ich, Mama? — Wa» fällt Dir ein? Wie kann ich al» Seemann, als Marine-Offizier unser Gut übernehmen? Ich leiste Verzicht darauf." „Du bist noch zu jung und zu unerfahren, um eine solche Verzichtleistung begreifen zu können. Justus muß verzichten und ich bin nun erst recht nicht im Stande, für Dich einzutreten. Sprich, was soll geschehen? Das väterliche Testament nennt nur Dich als den Erben von Altinghof, während Justus ei« Baarvermögen erhält." „Dann verkaufe ich das Gut, Mama," warf Hans Joachim leicht hin. «Da» Haus, wo Eure Wiege gestanden? Das Stammgut Eurer Vorfahren?" rief die Baronin entsetzt, „niemals darf das geschehen, mein Sohn, Dein Vater würde im Grabe keine Ruhe finden. — Aber Justus wird einen Ausweg ersinnen und deshalb ist Dein Gedanke, ihn in Hamburg zu besuchen, gut. O, könnte ich den armen Jungen nur noch einmal in diesem Leben Wiedersehen," setzte sie mit hervorbrechendem Schmerze hinzu. „Aber laß nur, mein Kind, und mach' ihm da» Herz nicht schwer damit, — versprich mir aber, die leidige Politik, welche uns so viel Unglück und Wehe gebracht, nicht zu berühren, ihm keine Vorwürfe zu machen, und e» niemals zu vergessen, wie sehr er Dich, den Nachgebornen, stets geliebt und verhätschelt hat. Bedenke, daß er der Aeltere ist und daß er als deutscher Mann für sein Heimathland gekämpft hat, willst Du dies nicht vergessen, wenn Du Deinem Bruder gegenüber stehst, mein Sohn?" Hans versprach Alles. Ernst reiste am nächsten Morgen ab und traf den überraschten Justus noch in Hamburg anwesend. Der junge Cadett hielt sein Wort in Betreff der Politik, hätte es, im Vertrauen, auch nicht gewagt, dem ernsten, ihm so weit überlegenen Bruder irgend einen Vorwurf zu machen. Auch brach die alte Liebe zu mächtig hervor, um noch Raum für politischen Zwist zu gewähren, weshalb es dem stürmischen Drängen des Jünglings sogar gelang, die gewichtigen Bedenken des Bruders in Hinblick auf den Herzenswunsch der leidenden Mutter zn besiegen. Justus willigte ein, ihn heimlich in der Livröe eines Kutschers nach Altinghof zu begleiten. Hans kaufte sich in Hamburg einen leichten Wagen und ein schnelles Roß, um nicht die Bahn zu benutzen, und den Bruder, welcher das Fahren ausgezeichnet verstand, in dieser Vermummung glücklich heimzubringen. Wer jene Jahre nach dem Friedensschluß bis zum Tode Friedrich VII. von Dänemark in Schleswig-Holstein durchlebt hat, der weiß auch genugsam, welche Gefahren mit der Heimkehr eines „Insurgenten", der vordem als Offizier dem dänischen -Heere angehört hatte, verbunden waren. Die Baronin Alting erschrak deshalb auch ebenso sehr beim Anblick ihres ältesten Sohnes, wie sie sich seines Opfer- muthes freute, zumal sie es nur zu sicher empfand, daß dieses Wiedersehen auf Erden das letzte fein werde. Und doch athmete die Mutter erst wieder erleichtert auf, als ste nach seinem Scheiden die Anzeige seiner glücklichen Ankunft in Hamburg von ihm empfing. Justus hatte Alles nach Wunsch der Mutter geordnet, indem er einen Schein - Verkauf mit dem langjährigen, erprobten Verwalter abschloß, den die Baronin als Vormünderin ihres minderjährigen Sohnes gerichtlich ausführen ließ, während ein geheimer Contract dem Käufer nur das Pachtrecht zusicherte. Baron Justus wurde darin, wie Mutter und Bruder es verlangten, als Gutsherr beglaubigt. Dieses geheime Document war durch den alten Sachwalter des verstorbenen Barons angefertigt und mit seinem Notariats-Siegel versehen dem ältesten Sohne eingehändigt worden. Ms Justus Alting, welcher in der Schleswig-Holsteinischen Armee den Rang eines Rittmeisters bekleidete, seine erste Reise übers Weltmeer gemacht und den amerikanischen Boden betreten hatte, ahnte er nicht, daß seine geliebte Mutter daheim im Sterben lag und mit einem Segenswunsch für ihre Söhne für immer die Augen schloß. Erst nach zwei Jahren, als er von seiner Amerika- Reise wohlbehalten in Hamburg wieder eintraf, fand er unter den mittlerwelle an ihn etngelaufenen Briefen, die sein Hotel- wirth für ihn aufgehoben hatte, auch ein Schreiben seiner Bruders mit der Todes-Anzeige. Diese Nachricht traf ihn wie ein Donnerschlag, well er sich in seinem Gewissen schwer bedrückt fühlte. Hatte ers doch in einer unbegreiflichen Zerstreutheit und Fahrlässigkeit, die nur mit dem Gefühl lebenslänglicher Heimathlosigkeit entschuldigt werden konnte, unterlassen, irgendwelche Nachricht übers Weltmeer gelangen zu lassen — und «un? Er nahm den Brief noch einmal zur Hand, und sah an dem Datum zur schmerzlichen Beruhigung, daß die theuere Mutter schon wenige Monate nach dem letzten Wiedersehen dem Vater in» Grab gefolgt war. Und er, der Verbannte, Heimathlose, durfte da» Vaterhaus nicht aufsuchen, nicht an der Gruft der geliebten Verblichenen seinen Schmerz ausweinen. Er schrieb an den Verwalter Petersen und legte einen Brief für Hans Joachim bei. Die Antwort erfolgte um» gehend mit einer großen Summe in Banknoten und der dazu gehörigen Abrechnung. Es hatte dem braven Verwalter viele Mühe gekostet, deutsche Kassenscheine zu erhalten, weil deutsches Geld in Schleswig-Holstein bei Confiscation und hoher Straft verboten war. Nur der Umstand, daß dieses Geld an die Adresse de» dänischen Consulats-Secretärs in Hamburg, welcher dem Verwalter Petersen zum großem Dank verpflichtet und dabei ein braver, verschwiegener Herr war, gerichtet wurde, ermöglichte den richtigen Empfang der hohen Summe. Justus Alting, der au» dem Schreiben des Verwalters ersah, daß dieser für einen getreuen Dänen gehalten und o- mit in keiner Weise belästigt wurde, daß Altinghof sich im besten Zustande befand, der junge Baron Han» aber M Lieutenant seine erste Reise auf einem großen dänischen Kriegsschiffe nach dem indischen Meere angetreten hatte, hielt sich als abgedankter Jnsurgeuten-Osfizier urplötzlich für recht überflüssig in der Welt. Er war mit 30 Jahren zum Müssiggänger, zu einem nutzlosen Menschen degradirt, welcher große Summen verbrauchte, ohne für deren Erwerb einen Finger zu rühren, während sein Bruder, ein Jüngling von 20 Jahren, im strengen Dienste einem ehrenvollen Beruft angehörte. 403 Verschiedene seiner Kameraden waren nach dem Frieden in preußische Dienste getreten. Man hätte sich auch hier gern abgeschüttelt, wenn man nicht die Nothwendigkeit einer Entgegenkommens gezeigt hätte. Justus aber, den keine Lebensnoth dazu zwang, konnte sich zu einer Art Demüthigung nicht bequemen, .die er bet der verzweifelten Lage seines unglücklichen Heimathlande«, auf welchem jetzt doppelt da» ab- geschüttelte Joch lastete, nur zu bitter empfand. WÄchen Beruf aber sollte er jetzt ergreifen? Reise- Schriftsteller werden? Nein, die Feder war ihm stets verhaßt, das Schreiben ein Gräuel gewesen. So packte er schließlich aufs Neue seinen Koffer, nahm den Wanderstab und durchzog wieder als Heimathloser die Welt, diesmal aber Europa, das er nach allen Himmelsgegenden hin durchstrich, ungeduldig und ruhelos, sich nirgends eine längere Rast gönnend. Dann und wann kehrte er heim, fand Briefe von Hans, ihn selber aber nie, weil der Dienst ihn festhielt und er fast immer auf fernem Meere umherschwamm. Einmal war ein kleines Bild von dem jungen Marineoffizier beigefügt, da« Justns mit staunender Bewunderung erfüllte. War dieser wunderschöne Mann mit dem kecken Schnurrbart, dem übermüthigen Ausdruck in den dunklen Augen und dem etwas spöttischen Zug um die schwellenden Lippen sein Bruder Hans Joachim? Er betrachtete es aufmerksam, immer mehr trat die Aehnlichkeit mit der verstorbenen Mutter hervor, und doch störte ihn in dem schönen Gesichte ein unbestimmtes Etwa», dem er keinen Namen geben konnte und von dem er sich, soviel er auch dagegen kämpfen mochte, abgefloßen und unangenehm berührt fühlte. Mit einem Seufzer legte er da» Bild in sein Taschenbuch, beantwortete die verschiedenen Briefe und beschloß, um vorerst in Hamburg zu bleiben, sich einen Bekanntenkreis zu schaffen und ein seßhafter Mann zu werden. Er war immer ein guter Zeichner gewesen, hatte von seinen letzten Reisen viele Skizzen mitgebracht und wollte in dieser schönen Kunst sich unter eines tüchtigen Lehrer» Leitung zu vervollkommnen suchen, um wenigstens die Wohlthat der Arbeit zu empfinden. Wie von einer zwingenden Gewalt getrieben, kaufte er stch plötzlich die verschiedensten landwitthschaftlichen Werke zum fleißigen Studium, um stch in dieser Weise mit erwachter Energie eine ernste Arbeit zu schaffen, die ihn beruhigte und mit stiller Freude erfüllte. Daß für den stattlichen schleswig-holsteinischen Offizier und Baron sich gar bald die Thüren der stolzen hamburgischen Patricier öffneten, war nicht verwunderlich, zumal die exclusiven Kreise iber reichen Hansestadt von jeher eine große Schwäche für altadelige Namen besessen haben. I« einer Senatoren - Famflie sollte sich Justus Attings Geschick erfüllen. Die Nichte und einzige Verwandte derselben, ein schöne» Mädchen von neunzehn Jahren, schwärmte für Schleswig-Holstein und brachte dem exilirten Offizier sofort ihre Huldigung entgegen, wa« freilich ganz erklärlich erschien, da ihre Tante eine Schleswig-Holsteinerin von echt deutscher Gesinnung war. Der gute Justus war verloren, er hielt die Schwärmerei des jungen Mädchens für echte Liebe und verlobte sich mit ihr zur großen Freuds der Verwandten. Die Partie war nach ihrer Ansicht in jeder Hinsicht paffend, da der Baron erst vierunddreißig Jahre alt, ein hübscher stattlicher Mann, vermögend und Träger eines alten Namens und vom besten Adel war. Justus Alting schwamm in einem Meer von Seligkeit, die Hochzeit wurde festgesetzt und ungeduldig wartete er auf eine Nachricht von Hans, um ihm seine Verlobung mitzutheilen. Diese Nachricht kam srüher als er dachte und zwar in der eigenen Person des Bruders, welcher einen kleinen Kriegs- Kutter, der im Altonaer Hafen vor Anker gegangen war, befehligte und nun mit einer Art mitleidiger Herablassung auf Justus herabsoh. Natürlich thetlte er die Freude des Wiedersehens mit dem Bruder, obwohl es diesem war, als ob sich eine Kluft zwischen ihm und dem Nachgebornen, den er al« Säugling auf den Armen getragen, gehegt und gepflegt hatte, öffnete, und ein erkäitendes Gefühl jeden Ausbruch brüderlicher Liebe zurückbämmte. Die Mittheilung der Verlobung hörte Hans Joachim mit einem ironischen Lächeln, einer beleidigenden Bewunderung an, nahm die Bemerkung, welche Art von politischer Gesinnung im Hause des Senator» herrsche, mit verächtlichem Achselzucken auf und kritisirte dann der Bruders bürgerliche Wahl mit scharfen Worten. „Du vergissest, daß unsere Mutter ebenfalls von bürgerlicher Herkunft war," schnitt Justus ihm kurz und empört das Wort ab. „Meine künftige Gattin wird den Namen Alting ebensowenig schänden, wie es unsere unvergeßliche Mutter gethan." Hans Joachim war geschlagen, er ließ sich bei dem Senator einführen, wo er einerseits als dänischer See-Qsfizier eine sehr getheilte Ausnahme fand. Doch war er zu gewandt, eine zu glänzende und sonnige Natur, um nicht bald auch in diesem Kreise zu siegen, und daß er hier gefallen, und die Herzen erobern wollte, war sichtbar genug. Der arglose Justns freute sich seines Erfolges und war dem Bruder dankbar dafür, daß er so tactvoll alle politischen Klippen zu vermeiden suchte. — Er bemerkte e« nicht, wie seltsam sich seine Braut seit des Lieutenants Anwesenheit verändert hatte, wie launisch und abwehrend sie gegen ihn geworden war. Der Arme war mit sehenden Augen blind, selbst die Frau Senator schien nichts Besonderes in der Veränderung der Braut und dem Betragen der dänischen Marine- Lieutenants seiner Schwägerin gegenüber zu finden, obwohl die beiden jungen Leute in auffällig verträultcher Weise miteinander verkehrten. Hans Joachim sollte vier Wochen lang mit seinem kleinen Kriegs-Fahrzeug in der Nordsee kreuzen, so lautete der Befehl, während er nun schon seit acht Tagen bei Altona vor Anker lag. Al» Justus eine darauf bezügliche Frage an den Bruder richtete, maß dieser ihn mit einem scheuen Blick, biß flch auf die Lippen und bemerkte- dann, daß er aus höheren Befehl noch bi» morgen hier bleiben müsse. Am selben Abend wurde ihm zu Ehren ein kleines Abschiedsfest in der Villa des Senators, welche vor dem Dammthore lag, gefeiert und am nächsten Frühmorgen hatte der dänische Kutter die Anker gelichtet. Baron Justus stand am Hafen. Er blickee dem schnellen Fahrzeug, das wie eine Möve über den im Sonnenglanz blinkenden Strom dahinschoß, so lange nach, bis es als kleiner Punkt seinen Blicken entschwundeen war, worauf er mit einem tiefen Athemzug, der wie eine Erlösung klang, nach Hamburg zurückkehrte. (Fortsetzung folgt.) Der Sandkarren. Von Lars Dilling. Ins Deutsche übertragen von G. Denwitz. ------- (Nachdruck verboten.) Die Frühlingssonne drang durch die Spiegelscheiben, spielte auf einem breiten, vergoldeten Gemälderahmen und warf einen leuchtenden Streifen auf die schwere rothe Plüschportiere. Die Hausfrau saß, mit einer Stickerei beschäftigt, am Fenster und blickte zuweilen auf die Straße hinaus. Der Herr des Hauses aber lag, ein Zeitungsblatt in der Hand, in einem Lehnstuhl hingestreckt und rauchte. Sie war eine schöne, junge Frau mit reichem, goldblondem Haar und feinem Teint; ihr Gatte erschien beträchtlich älter, er hatte ein edel geformtes, aber etwas gelangweilt dreinschauendes Gesicht und eine elegante, schlanke Figur. Die junge Frau hustete. „Könntest Du nicht etwas weniger stark rauchen, mein Lieber?" „Ich wußte nicht, daß es Dich belästigt. Du rauchst ja selbst Cigaretten." 404 — „Aber niemals hier im Zimmer." „Du lieber Gott, da will ich mich sofort in mein Zimmer zurückziehen, dann bist Du vom Cigarrenrauch und von mir zugleich befreit, das ist ja dann eine doppelte Annehmlichkeit." „Aber lieber Freund, wir wollen uns doch nicht immer zanken; zanken ist ja so gewöhnlich. Wir wollen lieber gleichgültig bleiben, wie sonst. Das steht gebildeter aus. Sind wir doch beide wohlerzogene Menschen- Du bist Kammerjunker und stammst aus vornehmer Famllie, ich dagegen bin zwar nur eine Großhändlerstochter aus Kopenhagen, aber mein Vater besaß genug Geld, um mir sowohl eine feine Erziehung angedeihen zu lassen, als auch einen feinen —" „Warum fährst Du nicht fort? „Einen feinen Mann" wolltest Du sagen." „Es war Dein Wort, mein Herr, und nicht das meine, wie Königin Thyra sagte, aber es ist wahr." „Diese Art Luxus kann man heutzutage billig haben. Es gtfct so viele arme Edelleute." Die Frau des Kammerjunkers seufzte leicht. „Er ist oft zu theuer erkauft worden," murmelte fie. Der Kammerjunker legte seine Cigarre fort, ließ dar Zeitungsblatt sinken und schloß die Augen, um ein wenig zu träumen. Die junge Frau nähte an ihrer Handarbeit weiter. Es war still im Zimmer. Man hörte nur das Läuten eines vorüberfahrenden Frachtwagens. Dann wurde das Schweigen durch eine Männerstimme unterbrochen, welche auf der Straße Scheuersand ausrief. Der Kammerjunker wandte sich ungeduldig im Lehnstuhle herum. Jetzt ertönte eine durchdringliche Weiberstimme: „Sand, Sand, Scheuersand." „Sich' mal, nun' kommen auch noch Sandweiber, um den Leuten die Ohren voll zu schreien," bemerkte der Gatte, „ich glaubte, es existirten nur Sandmänner." Seine Frau sah zum Fenster hinaus. „Die Frau zieht auch den Schubkarren." „Um ihn desto schneller umzuwerfen." „Nein," erwiderte die Frau des Kammerjunkers mit ernstem Blick, „weil die Last sich leichter tragen läßt, wenn Mann und Frau einander helfen" Sie legte ihre Stickerei bei Seite und blickte wieder auf die Straße hinab. Der Schubkarren blieb im Schatten auf dem gegenüberliegenden Bürgersteige stehen. Der Mann füllte den Sand in ein Viertelmaß, während die Frau auf einem Arm des Gefährtes sitzend, sich ausruhte. Es war ein altes Ehepaar. Der Mann mit von Arbeit und Alter gebeugtem Rücken und graumelirtem Haar hatte einen von der Sonne ausgezogenen Ueberzieher an; seine Frau, die wettergebräunt und eingetrocknet wie eine Mumie aursah, war mit einem verschoffenen, baumwollenen Rocke bekleidet und trug einen großen, schwarzen Strohhut auf dem Kopfe. Er schüttete den Viertelkorb in einen Sack, sie lud denselben auf seine Schulter und wartete, während er in das gegenüberliegende Haus ging. Die junge Frau blieb, in tiefes Nachdenken versunken, am Fenster sitzen. „Die Sandmenschen scheinen Dich in hohem Grade zu interesstren. Sind sie es, dis Du so unverwandt betrachtest?" fragte ihr Gatte. »Ja. Ich sinne darüber nach, wie lange sie wohl ver- heirathet sein mögen." „So?" „Sie sind gewiß länger verheirathet, als wir, — länger als zwei Jahre." „Das ist schon möglich." „Und denke nur, sie scheinen einander noch lieb zu haben." „Das thun solche Leute fast immer." „Die Armen verstehen er nicht besser," sagte fie mit spötischem Lächeln. Der Kammerjunker hatte stch erhoben, er stand über seine Frau gebeugt und blickte ebenfalls auf die Straße hinunter, indem er sich mit einer Hand auf die Stuhllehne stützte. Der Mann kam soeben zurück. Seine Frau trocknete mit ihrer carrirten baumwollenen Schürze den Schweiß von der gefurchten Stirn, zog eine Flasche Weißbier aus dem Sande hervor und ein Päckchen Butterschnitten aus ihrer Kleidertaschs. Hierauf setzten sie sich, jeder auf einen Arm des Karrenr und begannen ihre Mahlzeit. Der Kammerjunker und seine Frau amüstrten sich damit, die Beiden, besonders die Frau, vom Fenster aus zu beobachten. Er sah dabei aber mehr auf feines Weibes reiches blondes Haar und auf ihren fchönen Nacken, und indem er sich tiefer auf sie herabbeugt«, athmete er die berauschende Atmosphäre des französischen Parfüms ein, welches fie umgab. „Sieh, Ludwig, jetzt streiten sie mit einander um ei« Stück Fettbrod mit Aufschnitt." „Das ist alles lauter Zärtlichkeit. Keins von ihnen will das beste Stück allein essen." „Nun theilen fie es." r „ , „Ja, es ist wirklich reizend, |foj etwas mit anzusehen." Er beugte stch weiter vor, so daß er fast den Arm um seine Frau schlingen konnte. Es war wirklich ganz sonderbar, daß er nie vorher bemerkt hatte, welch schönen Nacken sie besaß. „Ludwig, glaubst Du, daß Sie einander nach dem Esse« küssen werden?" „Vielleicht." Er fühlte das glühendste Verlangen, einen Kuß auf d» zarten rosigen Nacken zu drücken, der aus den weißen Spitze« hervorschaute, und seine Hand über die goldenen Locken gleite» zu lassen. Aber so etwas ist ja nur in der Zeit der Flitterwochen gebräuchlich. „Sieh, nun zündet er nach dem Essen sich seine Pfeife an." „Und die Frau hustet trotzdem nicht vor dem Tabaksrauch." „Ludwig I" ~, Es lag etwas so Flehendes, so Mildes in ihrer Stimme, etwäs, was er noch nie vernommen hatie. Er wußte nicht recht, wie es kam, aber seine Lippen weilten plötzlich in einem langen Kusse auf dem rosigen Nacken. „Aber Ludwig, was fällt Dir ein?" „Möchten — möchten wir nicht versuchen, einander ein wenig lieb zu haben?" Er war aus ein Tabouret an ihrer Seite niedergesunken und hielt sie in inniger Umarmung. „Mir fällt das nicht schwer, Ludwig; ich habe Dich immer geliebt." „So werde ich von nun an desto leichter den ehelichen Sandkarren ziehen. Es war mir anfangs, nach einem freien Junggesellenleben etwas ungewohnt und schwer." „Und dann kam eine andere Frau des Weges, welche an den Kärren stieß — sodaß er beinahe umgeworfen worden wäre." „Aber von nun an sollst Du mir helfen, da wird die Last leichter werden." Der Sandmann und seine Fran zogen mit ihrem Karren weiter und riefen abwechselnd: „Sand, Sand, Scheuersand!" — Der Kammerjunker aber und seine Gemahlin standen nicht mehr am Fenster, um ihnen zuzusehen, sie saßen dicht aneinander geschmiegt, schauten sich in die Augen, und »as sie darin sahen, waren strahlende Zukunftsbilder. Redaction I- V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der BrKhl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.