Nr. 140 Samstag den 28 November 189«. p] KK6K6F UnlechaUungsblatL Mr Gießener Anzeiger lGeneral-Kryeiger) U L - 5^3,. Die Brüder. R»vs zwingt Sie denn auch dazu? Und wird nicht wenigsten« Ihre Hochzeitsreise sie wieder nach dem Süden bringen?" Werner Eggestorf preßte die Lipven zusammen und schwieg. Luigia aber schien ihm sein plötzliches Verstummen nicht weiter verübelt zu haben, denn, al« in der nächsten Minute der blanke Spiegel eine« kleinen See» vor ihnen auftauchte, au» dessen Mitte sich eine malerische altersdunkle Ruine erhob, rief sie mit der fröhlichen Lebhaftigkeit eines Kinde»: „Ach, wie wunderhübsch! Jetzt fehlt nicht« anderes al« ein Gondoliere, un« auf diesem Wasser spazieren zu fahren." „Haben Sie Muth genug, sich meiner Kunstfertigkeit anzuvertrauen, so will ich gern diesen Gondoliere machen," erwiderte der Bildhauer. „Die Boote liegen kaum hundert Schritte von hier entfernt." Sie willigte ohne Bedenken ein und ließ sich von ihm in eine« der kleinen, festlich geschmückten Fahrzeuge helfen, di« offenbar zu einem späteren Thelle de« Programms besonderen Zwecken dienen sollten. Mit raschen Ruderschlägen trieb er den Kahn vom Ufer hinweg, dann aber zog er die Riemen plötzlich ein und ließ ihn von der sanften Strömung weiter treiben. „Nun find wir allein," sagte er nach einem tiefen Aufathmen, „und jetzt, wo Sie mich nicht mehr fortschicken und mir nicht mehr entfliehen können, jetzt will ich Ihnen, wenn Sie'» verlangen, Antwort geben auf jede Frage'" Sein Benehmen schien sie kaum zu befremden, denn fie behielt noch immer ihre sorglos lächelnde Miene. „Nun wohl, so erzählen Sie mir etwas von Ihren Werken und von Ihren Plänen. Auch mein Vater war ein Bildhauer und wahrscheinlich erklärt e« stch daraus, daß ich von Kindheit an gerade für Ihre Kunst eine besondere Vorliebe hege." Vielleicht hatte er auf eine andere Erwiderung gehofft, doch auch diese machte sein Antlitz Heller aufleuchten." „Ich bin ein schlechter Redner und die Worte versagen mir vollend« auf der Stelle, wenn ich von meinen eigenen Entwürfen reden soll. Aber ich habe da allerlei halb und ganz Vollendeter in meinem Atelier. Wenn ich e« Ihnen morgen zeigen dürfte —" Sie wiegte mit einer Geberde de« Bedauern» den schönen Kopf. „@« ist leider unmöglich. Ich muß morgen bereit» mit dem Frühzuge die Stadt verlassen. Die Paragraphen meine» Gastspielvertrage» find unerbittlich." „Wie? — Sobald schon? — Und Sie kehren nicht hierher zurück? — Ich soll Sie nicht wiedersehen?" „Wenn Sie mich gelegentlich einmal in Mailand besuchen wollen, ist dafür allerdings wenig Ausstcht vorhanden^ Ich habe mir gelobt, nie wieder nach Deutschland zu kommen." „Und Sie sagen das so ruhig. E« giebt also hier nichts, das Sie bet diesem Abschied auf immer auch nur ein ganz klein wenig wehmüthig stimmt?" Luigia schlug für einen Moment die dunklen Augen zu ihm auf, um fie dann in kokettem Spiel zu senken. Ein vernehmlicher Seufzer hob ihren Busen. „Ich wollte allerdings, daß ich schon gestern gefahren wäre. Aber Sie dücsen nicht fragen, warum ich e« wünschte." „Und wenn ich Sie nun dennoch fragte? — Wenn ich darauf bestände, daß Sie es mir offenbaren?" Ec hatte sich mit einer so ungestümen Bewegung gegen sie vorgeneigt, daß das leichte Fahrzeug dadurch bedenklich ins Schwanken gerieth und daß stch Luigia mit einem kleinen Angstschrei an den Bordrändern festklammerte. „Um Gottes willen — wir werden Umschlägen. Und ich kann nicht schwimmen." „So würde ich zum zweiten Male Ihr Retter sein," ries Werner Eggestorf, fie mit seinen Blicken fast verzehrend, „und diesmal, wahrhaftig, würde ich mich dafür zu belohnen wissen." „Aber das ist gegen die Abrede. Und wenn Sie mir so angehms Dinge in Ausstcht stellen, lassen Sie mich meine Vertrauensseligkeit bitter bereuen. Statt uns umzuwerfen, sollten Sie lieber nach jenem Inselchen dort hinüber rudern. Ich würde mir die Ruine gern in der Nähe betrachten." Ihre Augen, die verheißungsvoll in die seinigen leuchteten, straften den Vorwurf im Klarg ihrer Stimme Lügen, und so zögerte er nicht, ihrem Befehl zu gehorchen. Während der kurzen Fahrt klärte er sie darüber auf, daß e« sich auch bei dieser vermeintlichen Ruine nur um eine für das heutige Fest geschaffene Nachbildung handle und daß da» Betreten der Insel eigentlich streng verboten sei, weil in dem Thurme eine Menge von Feuerwerkskörpern aufgestapelt sei. „Ein weggeworfenes Zündhölzchen oder ein Funken von einer Ctgarrette könnte eine fürchterliche Exploston Hervorrufen, wie mir der Feuerwerker versicherte Ich sündige al» Mitglied de» Festausschusses also gegen meine eigenen Befehle, wenn ich dort lande." „Um so besser!" rief die Sängerin lachend. „Dar Verbotene hat von jeher einen besonderen Retz sür mich gehabt." In der nächsten Minute schon stieß der Kahn gegen da» Ufer der Insel, und Werner sprang auf das Land. Luigia zeigte sich beim Verlassen de» schwankenden Bootes etwa« ängstlich und wieder hielt er für die Dauer einiger Secunden die verführerische Gestalt in seinem Arm. Vielleicht war es nur das Erscheinen eines aus dem Thurme hervortretenden Mannes, das ihn bestimmte, sie so schnell wieder freizugeben. „Dar Anlegen ist hier nicht gestattet," rief ihnen der Mann zu, „ich muß die Herrschaften deshalb ersuchen, sich wieder zu entfernen." Es war einer von den Gehilfen des Feuerwerkers, den man zur Bewachung der gefährlichen Vorräihe hier stationirt hatte. Als Werner ihm aber ein Geldstück in die Hand gedrückt und Lugia ihn durch einen ihrer unwiderstehlichen Blicke in Verwirrung gesetzt hatte, gab er jeden weiteren Widerspruch gegen die Landung auf und erklärte sich sogar bereit, bei dem Kahne zurückzubleiben, während da» Paar die künstliche Ruine in Augenschein nähme. Es war im Grunds herzlich wenig daran zu sehen, aber als die Sängerin im Innern de» aus Balken roh aufgezimmerten Gerüstes eine Leiter gewahrte» verlangte fie, die Plattsorm zu erklettern, und obwohl stch das Unternehmen als keineswegs ganz gefahrlos erwies, kam es mit Werners Hülfe doch glücklich zu Stande. Aber der Raum da oben war so eng und dis Höhe bei dem Fehlen einer Brustw'hr für Luigia so schwindelerregend, daß sie sich wie unwillkürlich eng an ihren Begleiter schmiegte. „ „ „8» ist wie in einem Märchen," sagte fie leise. „Ach, - 559 - ihrem Sachwalter ernannt?" .Nicht als ihr Sachwalter rede ich zu Dir, sondern als Dein Bruder, als der Träger desselben ehrlichen Namens, den unsere Eltern Dir hinterlassen und den mit meiner Zn» Kimmung niemals eine schmachvolle Erbärmlichkeit besudeln soll. Ich habe Dich ausgesucht, um Dich zu warnen, ehe es zu spät ist. Denn noch kannst Du Dich hoffentlich von dem Verdacht reinigen, ein Feigling und ein Meineidiger zu sein. Werner hatte sich gegen einen der P!vsten gelehnt und die Arme über der Brust verschränkt. Er war bleich geworden, doch der spöttische Zug blieb beharrlich auf seinem „Was soll mir gegenüber dieser hochfahrende Ton? Die Sprache, die Du da führst, ist die Sprache de» schlechten Gewtffens. Ich aber will um Deinetwillen hoffen, daß Du bis jetzt nur leichtfertig und unbedacht, nicht auch schlecht und ehrlos gehandelt hast." m L , „Sieh Dich vor mit Deinen Ausdrücken, Hermanni Ich war vielleicht niemals weniger in der Laune als gerade heute, mich von irgend Jemandem bevormunden und schulder sie hierher gebracht hatte. Der Gehilfe des Feuerwer- ker» war gegen dar Versprechen eine» guten Trinkgeldes sofort bereit, die Dame hinüber zu rudern. „Erwarte mich drüben!" raunte Ezgestorf der Verstummten zu. „Ich darf Dich jetzt nicht begleiten, weil er nicht glauben soll, daß ich vor ihm entfliehe. In einer Viertelstnnde bin ich bei Dir. Und fürchte nichts! Solange ich athme, soll es Niemand wagen, Dich zu kränken." Luigia antwortete nicht- Hastig entzog sie ihm ihre Hand und ihr Geficht blieb beharrlich von ihm abgewendet, auch als sich da« Boot vom Gestade entfernte. Wenige Augenblicks später aber standen die beiden B-üder sich dort gegenüber. Und Werner wartete die Anrede des Andern nicht erst ab, sondern kam ihm in trotzigem, fast feindlich herausforderndem Tone zuvor: „Wen suchst Du hier? — Du weißt wohl, daß e» verboten ist, auf der Insel zu landen. " Auch die Augen der Ankömmlings sprühten im Feuer mühsam gebändigten Zornes. „Schande über den, der mich gezwungen hat, dar Verbot zu übertreten," gab er mit gedämpfter Stimme zurück. „Laß uns ein Stück weiter gehen! — S» ist nicht nöthig, daß der Bursche da uns belauscht." „Ein Spion mehr oder weniger — was liegt daran! — Vielleicht wäre es Dir später sogar erwünscht, einen Zeugen zu haben." , ,t . Aber trotz dieses höhnischen Einspruches leistete er der ! Aufforderung Folge und sie legten schweigend die kurze Strecke bis zum Tmrm zurück. Zwischen den Balken des Gerüste» < blieb der Aeltere stehen und sah dem Bruder fest in »Gesicht, i „Weißt Du, was Du angerichtet hast, Werner? Em Wesen, das Du anbeten und auf den Händen tragen solltest, hast Du in frevelhaftem Leichtsinn tödtiich beleidigt. Margarethe hat mit ihrem Vater da» Fest bereit» verlaffen. Ich bemühte mich vergeblich, sie daran zu verhindern." „Natürlich bin ich Dir für diese liebevolle Bemühung sehr verbunden, aber Du hättest sie Dir dennoch erspart. Jede unberufene Einmischung in meine Angelegenheiten ist mir I nun einmal in den Tod zuwider, und die Verantwortung für weine Handlungen trage ich am liebsten allein. Die düstere Falte auf der Stirn de« Anderen wurde Glanze entgegen. MÄ „Mein Retter!" flüsterten ihre Lippen. „Mein Held! Wild preßte er sie an sich und küßte in loderndem Ungestüm ihren rosigen Mund. „Mein Weib!" jauchzte er. „Mein herrliche» ange- betete» Weib I — Nicht ich bin dein Retter, sondern Du bist e», die mich gerettet hat — gerettet für das Glück und die Freiheit und sür meine Kunst!" Sie duldete und erwiderte seine stürmischen Liebkosungen, bi» da» plätschernde Geräusch rascher, gleichmäßiger Ruderschläge sie Beide gleichzeitig aufblicken machte. Ein zweites Boot näherte sich der Insel. ES wurde von einem Burschen , •—... im Flscheranzuge gerudert; am Steuer saß der schwarze merstern zu Men. Oder hat Dich Margarethe etwa zu Scholar, der Werner Eggestorf vorhin an seine halb ver- **•"" ‘>rnftnnt 2 gessenen Pflichten gemahnt hatte. Dunkle Zornesröthe flog bis in dis Stirn hinauf über de» jungen Bildhauers Gesicht. „Mein Bruder!" stieß er hervor. „Er wagt es, mir nachzuspüren und mich zu verfolgen. Nun denn — um so bester! Mag es sich in Gottes Namen auf der Stelle ent- wer doch jene goldenen Zeiten erlebt hätte, darinnen sich die | Märchen zutrugenl" „Wir erleben sie noch jetzt, wenn wir nur wollen," erwiderte er feurig. „Ein Wort von Ihnen, Luigia — und | das schöne Märchen ist mit einem Schlage tausendmal schönere Wirklichkeit geworden." Sie machte eine verneinende Geberde, aber zugleich lehnte sie ihr dunkellockiges Köpfchen an seine Schulter und schloß die Augen. Deutlich sühlte er das leichte Erbeben ihrer schlanken Gestalt. „Warum sollte es nicht sein dürfen?" fuhr er heißer und eindringlicher fort. „Würden Sie mich denn zurück- weisen, wenn ich morgen plötzlich neben Ihnen auf dem Bahnhofe stände, um mit Ihnen nach Frankfurt zu fahren | und von da weiter nach dem herrlichen, sonnigen, zauberhaften ! Süden?" Sie erhob ihren Kopf nicht und auch die langbewimperten ! Lider blieben gesenkt. Langsam, fast gehaucht, wie aus dem Munde eines Träumenden, kam die Antwort über ihre Lippen. „Ja, das wäre ein Märchen! Aber es giebt keine Märchen mehr, mein Freund! — Sind Sie denn nicht mit unzerreißbaren Banden gefeffelt?" „Nein!" rief Werner Eggestorf so laut, daß der Mann unten am Master verwundert ausschaute. „Er giebt keine Kette, die ich nicht zerreißen könnte, wenn Du mir angehören willst, wenn Du meine Göttin sein willst, meine Muße und meine Herrin! Sage mir, daß ich Dir folgen darf, und in dem nämlichen Augenblick bin ich frei." „Frage mich nicht!" lispelte sie — und noch einmal mit geschloffenen Augen, aber mit finnverwirrendem Lächeln: „Frage mich nicht!" Da streiste er den kleinen goldenen Reif von dem Ringfinger seiner linken Hand und schleuderte ihn hinab in da» Gebüsch. „Wohl — so thue ich'», ohne dich zu fragen. Und nun sage, daß Du Dich mir verweigerst — sage es, wenn Du noch sitzt im Stande bist, Luigia 1“ Dw großen dunklen Sterne leuchteten ihm in feuchtem fcheiden!" „Was bedeutet da» ? * fragte die Sängerin erschrocken. „Ich beschwöre Dich um des Himmels willen; nur keine Thorheiten — nichts, was mich compromitiren könnte!" „Sei unbesorgt!" fiel er ihr mit finsterer Entschlossen' Gesicht. in hi<> Rede weiß was ich Deinem Ruf und was I „Wie auf der Bühne! sagte er i^on.fch. ^Jch tDUBte * som”'816 “ rÄÄ’iAsss □SrÄftas sää« äwä» den Rückweg über die schwanken Leitern. Al» sie wieder den Sache vertheivige, in der mir das Verdammungsnrtheil zu entfernt. Hastig zog Werner die Italienerin zu dem Nachen, 5 bald Deine Handlungen Dich rechtfertigen. De.m •=* 560 Entschulbigungen werben in der Th-t an einem anderen Orte anvebracht sein al« hier. Wenn Du Margarethe noch in dieser Stunde um Verzeihung bittest —N „Aber ich denke nicht daran. Bin ich denn ein Knabe, daß Du mir dergleichen anzustnnen wagst! Die Erklärungen, die Margarethe nach Lage der Dinge erwarten darf, würde ste auch ohne Deine Einmischung erhalten haben. Auf ihre Verzeihung rechne ich ebensowenig als auf Dein Einoerständniß mit meinen Absichten, und ich werde eben versuchen müssen, ohne Beides fertig zu werden/ (Fortsetzung folgt.) Unsere Wmterkleidung in gesundheitlicher Beziehung. Bon Dr. Otto Gotthilf. (Nachdruck verboten.) „Unsere Kleider übernehmen für uns bi« Frieren", — mit di-sen Worten veranschaulicht recht hübsch der hygienische Proftsior von Pettenkofrr die Thätigkeit dieser unserer HM»- haut ui b erklärt von demselben G-fichtSpunkte aus als Kleid im wetteren Sinne das Oadach unserer vier Wände. Denn da die atmosphärische Luft sich in beständiger Bewegung be« findet, so geht der Zweck sowohl der Wohnung al« der Kleidung nur dahin, einmal da» regellose, stoßweise Anprallen der wetterwendischen Luftbewegung nach Art eine» Wehre« zu brachen und dann überhaupt im Weichbilds unseres Leibe« Windstille und Zuglustlostgkeit zu unterhalten. Daß dabei von vollkommener Windstille nicht die Rede sein kann, leuchtet au« dem Gesetze der stetigen Luftbewegurg ein. Immer nur kann e» sich um ein Mehr ober Weniger handeln, das je nach der persönlichen Gewöhnung al» „Zag" oder „erkältend" empfunden wird. Wer schon al« Jüngling au« Furcht vor Erkältung nur bedeckten Haupte« über den Flur gehen mag, wird al« Mann womöglich Bedenken tragen, seinen Siegelring mal abzulegen, und wer sich schon o!« Mann an eine Pelzhülle gewöhnt, wird im Alter bereit» nach Zuglust wittern, wenn er nur die Schrankthüre oder eine Commodenschublade offen stehen sieht- Hieraus folgt also die praktische Lehre: der Kleidung da« Frieren nur bi« zu einer gewiffen Grenze zu üoertragen, d. h. sich nicht zu verweichlichen. Wenn e» immer heißt, die Kleidung „erwärme" den Frierenden, so ist das nicht etwa so zu versteden, al» wirke der Kleiderstoff al« eine Art von selbftMtiger Wärmequelle; thatiächlich entwickelt die Kleidung gar keine Wärme, sondern verhindert nur das rasche Entweichen der von nnserem Körper selbst hervoraebrachten Wärme. Richtiger würde e» also heißen: die Kleidung „hält warm", b. h hält unsere Körperwärme mehr beisammen. Daher wüffen dem Körper solche Stoffe den besten Schutz gegen Kälte gewähren, welche die Wärme schlecht leiten, also langsam nach außen abgeben. Nun ist es nicht etwa gleichgiltiq, ob man den Körper nur mir einer einzigen Kleidungrschicht, ober mit mehreren über einander angelegten Gewändern umgiebt, da die zwischen den einzelnen Schicht-n der Kleidung befindliche Luft ebenfalls als schlechter Wärmeleiter wirkt und einen un mittelbaren Wärmeaustausch zwischen der Haut und der kühleren Außenlust nicht zuläßt. Folglich tragen auch poröse Gewebe durch die in ihren Poren eingeschloffene Luft mehr zur Erhaltung der Körperwärme bei ols dichte Stoffe. Es erklärt sich hierdurch, daß Hände und Füße zur Winterszeit in engen ledernen Handschuhen oder Stiefeln, welche die Bildung einer warmen Luftschicht zwischen Haut und Bekleidungsstück nicht gestatten, leicht frieren. Die Polarthiere sind zum Ertragen strenger Kälte besonder« deßhalb befähigt, weit sie — die Säugethiere in ihrem Pelzwerk, die Vögel in ihrem Federkleid — auf ihrer Körperoberfläche eine reichliche Luftschicht mit sich führen, deren Umfang sie durch Sträuben der Haare und Feder« noch zeitweise zu vermehren im Stande sind. Gerade solche Kleidung«- flösse, welche al« besonder« „warmhaltend" gelten, bestehen, roumlich betrachtet, wesentlich au» Luft. Die wärmsten und lockersten Gewebe sind Flanelle, welche nur zu 9 Raumtheilen aus Wollstoff und zu 91 Raumtheilen aus Luft sich zusammensetzen ; am Geringsten ist der Luftgehalt in glattgewebter Baumwolle und Leinwand, nämlich 52 Raumtheile neben 48 R mmtheilen fester Substanz, und diese halten auch am wenigsten warm. Da die Kleidung dem Körper Wärme erspart, so muß sie ihm natürlich auch Nahrung ersparen, denn unsere Eigenwärme wird eben durch Nahrungsaufnahme erzeugt Zchl- reiche Veisuche an Thieren haben die» bewiesen. Geschoiene, also ihrer natürlichen Bekleidung beraubte Kaninchen verlieren trotz beträchtlich gesteigerter Nahrungsaufnahme rasch an Köipergemicht; Schafe setzen nach dem Scheeren viel wenige: F.eisch au» dem Futter an als vor dem Scheeren. Ei« Pelz von nur mäßiger Dicke setzt den Nahrungtbevarf eine» Thierer um mehr al« 20 Prozent herab- Daher sagt auch Liebig in seinen chemischen Briefen: „Unsere Kleider find in Beziehung auf die Temperatur de» Körper» Aeqrivalente süc die Speisen; je wärmer wir uv» kleiden, desto mehr vermindert sich bi« zu einem gewiffen Grade da» Bedürfniß zu effen, eben weit der Wärmeoer tust, die Abkühlung und damit der Ersatz an Speisen kleiner wirb. Gingen wir im Wmt?r nackt, wie bie J mianer, ober wären wir beim Jagen und Fischen benfelben Kältegraden ausgesetzt wie bie Samojeden, so würden wir ein halbes Kalb und noch obendrein ein Dutzend Talglichter verzehren können." Ein schlecht Gekleideter, der auch nur 5 bi« 10 Prozent mehr Wäme abgeben muß al» ein gut Gekleideter, würde daher weit bester daran thun und billiger wegkommen, wenn er einen Theil seine» Einkommen« nicht auf da« Esten, sondern auf Verbeflerung der Kleidung anlegte. Eine unpractische Bekleidungweise gehört auch zu den alltäglichen Ursachen von Erkältung und anderen Erkrankungen, während hygienisch zweckmäßig gewählte Kleidung ein Hauptmoment des „ost wunderbar heilkräftigen Tarieren»" bildet- (Schluß folgt.) Literarisches Für jede Gattin und Mutter in gesunden Tagen der beste Bewahrer vor Krankheit, in Krankheit der sicherste Berather ist: »Da« Krauenbuch^. ein ärztlicher Rathgeber in der Familie und bei Frauenkrankheiten, von Frau H. B. Adams, Dr. med., practische Aerztin an der Lungenheilanstall in Nordrach. Von diesem bereits vor etwa Jahresfrist einmal in diesen Blättern besprochenen Werke liegt nunmehr der zweite Band vor. Was diesem mit Hunderten von Abbildungen geschmückten, schön ausgestatteten Werke den Weg in die Hände unserer Frauen ebnen wird, ist wohl in erster Linie die That- sache, daß hier die Frau zur Frau spricht und zwar spricht in schlichter, leicht verständlicher Form, so erschöpfend und eingehend, daß wir von einer Wiedergabe des Inhaltsverzeichnisses absehen können Es ist begreiflich, daß schon die Ankündigung dieses Werkes im In- und Ausland sensationelles Aufsehen hervorgerufen hat. Tausende von Frauen und Mädchen leiden, weil ihr Schamgefühl sie hindert, mit einem Arzte Rücksprache zu nehmen, und finden nun auf einmal eine, mit den Kenntnissen eines Arztes ausgestattete Frau als Beratherin, deren Ruf durch langjährige Praxis in weite Kreise gedrungen ist. Dem Mangel an einer von berufener Frauenhand geschriebenen Lectüre, aus welchen der traurige Einfluß der unter den Frauen herrschenden Unwiffenheit auf das Familienleben zurückzuführen ist, ist mit einem Male abgeholfen. Die Verfasserin gibt aber auch eingehend Aufklärungen darüber, wie die Krankheiten zu verhüten sind; sie macht in einer Weise, in welcher nur die Frau zur Frau sprechen kann, auf die Gefahren aufmerksam, deren Nichtbeachtung der Thiwgkeit der Hausfrau und Mutter leider so oft vor der Zeit ein Ziel setze. Möge das Buch in vielen Familien Eingang finden. Dasselbe ist für Diejenigen, denen die Anschaffung auf einmal zu kostspielig,, in Heften zu 50 Psg. durch jede Buchhandlung zu beziehen. Nedaetion: X. Scheyda. — Druck und Berka« der Brühl'schrn UniverfiKtS-Buch. und Steindruckerei (Pietsch & Sch et, da) in Dießen.