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Derselbe war vor einer Stunde mit dem Schnellzuge angekommen und hatte Dora sofort in dem ihm von Wülpern bezeichneten Hotel ausgesucht und gefunden. Nach kurzer Aussprache mit Doras Gatten war dieser, anscheinend vollkommen gleichmüthig, abgereist — ohne Abschied von Dora, der er überhaupt im Laufe des Tages nur flüchtig begegnet war. „Womit habe ich sie verdient, die Seligkeit Deines Besitzes?" fuhr Mülverstedt fort. „Was wird der Vater sagen? Und Therese?" frug Dora fich selbst. „Einerlei —" „So denke ich auch," stimmte Mülverstedt zu. „Uebrigens werden sie unsere ersten Gäste sein, selbstverständlich! . . . . Das Glück — es ist wie vom Himmel herniedergefallen!" „Was denkst Du jetzt zu thun?" »Ich gehe noch heute Abend zu meiner Schwester und setze sie von dem Vorgefallenen in Kenntniß. Zu schriftlicher Mittheilung war die Zeit zu kurz. Gestern Morgen erst erhielt ich Wülpern« Brief mit der Mittheilung, daß er entschlossen sei, in eine Scheidung zu willigen und daß er Dich selbst an den Ort bringen werde, den ich ihm bezeichnen würde. Ich nannte L. mit Rücksicht auf meine Schwester." „Es ist mir Alles wie ein Traum: Meine Heiraty, die ganze Ehe und nun' die Freiheit," meinte Dora leise weinend. „Närrchen Du! Das Leben — o, wie wollen wir es miteinander genießen! Jetzt aber rathe ich Dir, etwas zu ruhen, die Nervenaufregung der letzten Tage wirkt zerstörend — ich empfinde es selbst. Deine herrliche Blüthe — Du darfst sie nicht verlieren! Wann wirst Du mich morgen empsangen?" Dora nannte die Stunde und Mülverstedt ging. Er war wie berauscht. Die Entwickelung der Angelegenheit, die Erfüllung des heißen, aber vollkommen geheim gehegten Wunsches war zu plötzlich, zu unvorhergesehen gekommen, um nicht zu verwirren. Glücklicherweise war die nothwendigste Sammlung zurückgekehrt, als er die Glocke der Beletage zog, welche sein Schwager, Regierungsrath von Rainer, bewohnte. Zwei Minuten später stand er seiner Schwester im Salon gegenüber. „Arthur — ist's möglich!" rief diese erfreut. „Welche Ueberraschung!" Mülverstedt hatte die weiße, schönberingte Hand, die ihm die Schwester entgegenstreckte, an die Lippen gezogen und küßte sie bittend und leidenschaftlich. Die Regierungrräthin empfand seine Bewegung sofort. „Was ist Dir?" frug sie. „Was führt Dich hierher? Warum hast Du nicht geschrieben, damit wir Dich auf dem Bahnhof in Empfang nehmen konnten?" „Höre, Adelheid!" Und Mülverstedt berichtete Alles, zuerst etwas verworren, dann aber gesammelt, anschaulich und klar. „Ich wende mich an Dein Schwesterherz," schloß er mit heißer Bitte. „Arthur, welche — verzeihe mir — welche Dummheit!" rief die Regierungsräthin entsetzt. „Ist das Dein Ernst? Besinne Dich, Adelheid!" sagte Mülverstedt in erwachendem Zorn. „Verzeih', aber ich bin ganz weg über die Sache. Wie alt bist Du? Zweiunddreißig gewesen kürzlich. Und dieser Secondelieutenants-, — nein, dieser Fähnrichsstreich..... Eine verheirathete Frau zu entführen!" „Ich habe Dora nicht entführt!" warf Mülverstedt ein. „Allerdings! Es ist noch schlimmer! Der beleidigte Gatte tritt sie Dir freiwillig ab," höhnte Adelheid. „Eine eigentliche Entführung besitzt noch immer einen romantischen Reiz, es ist ein Abenteuer und zwar ein pikantes, dem zuweilen sogar die heimliche Zustimmung der jüngeren Kameraden sicher ist — natürlich bei öffentlichem Entsetzen," setzte die kluge Frau hinzu- „Dein Fall ist no h anders — schlimmer!" „Dora ist ein Engel, eine Heilige, ich bin ihrer nicht werth!" fiel ihr Mülverstedt in's Wort. „Möglich — wenn auch kaum glaublich!" zuckte Adelheid mit den Schultern. „Aber angenommen, daß sie die — Heilige ist, die Du, ihr Liebhaber, in ihr siehst, bleibt dann 242 - der Streich vielleicht nicht ebenso unklug? Du weißt doch selbst, daß Du Deine militärische Carrisre damit auf's Spiel setzest — Du weißt es bester als ich!" „Das kommt eben auf Dich an, liebe Adelheid! Ich komme zu Dir, weil Du mir helfen kannst, wenn Du willst, Du allein! Wirst Du mich zurückweisen?" „Was meinst Du? Ich verstehe Dich nicht!" „Die Sache ist vollständig geheim — der Klatsch hat absolut noch keinen Theil an meinem Verhältniß zu Dora. Nimm die Geliebte in Dein Haus auf, bis die Scheidung vollzogen ist! Erst wenn Dora frei ist, komme ich in Dein Haus, um sie zu sehen. . . . Und unsere Hände — Du sollst sie ineinander legen! Willst Du?" schloß Mülverstedt flehend. Die Regierungsräthin blieb nicht ohne Theilnahme. Del sechs Jahre jüngere Bruder war immer ein Gegenstand ihrer Zärtlichkeit gewesen, selbst seinen Leichtsinn hatte sie ihm vergeben, obgleich sie keineswegs ohne Grundsätze war. In den Kreisen, in denen sie lebte, hatte solches nicht viel Bedeutung und kam sogar der Weltgewandtheit zu statten. Die Rouös pflegten die besten Partien zu machen. Und daß es Arthur nicht fehlen würde, zumal j-tzt, wo er als Erbe seines Onkels neben den Epauletten noch ein Rittergut besaß, war ihr unzweifelhaft. Sie hatte sogar schon eine ganze Partie gewichtiger Heirathscandidatinnen auf Lager, deren Bekanntschaft er bet seinem nächsten Weihnachtsbesuch machen sollte. Und — nun? Die Liebe, die Leidenschaft, der er verfallen war und die aus jedem Wort, aus jeder, anscheinend nur von Willenskraft gebändigten Bewegung sprach, mußte nothwendigerweise sein Verhängniß werden. Die Regierungsräthin überlegte; das kluge, scharfgeschnittene Gesicht ward dabei wohlwollender. Sie war welterfahren genug, um zu wisien, daß man im Leben für gewöhnlich beffer thut, die begangenen Thorheiten unserer Familienangehörigen in's richtige Gleis zu rücken oder ihnen unter Umständen sogar Vorschub zu leisten, als von vornherein zu verleugnen. Aber auch wirklich schwesterliche Zärtlichkeit klang aus ihren Worten, als sie sagte: „Ich möchte Dich immer wieder schelten; aber Du dauerst mich, armer Bruder. Wie konnte nur Alles so kommen, bei Dir, der solche Erfahrung und solche Erfolge bei den Frauen besitzt! Es ist ein — schweres Schicksal! Ich sehe wohl ein, wie Deine Ehre engagirt ist — wenigstens dieser „heiligen" Dora und ihrem verlassenen Gatten gegenüber. . . . Wahrhaftig, Du scheinst mir schon ganz nervös geworden!" schloß sie, als sie ein heimliches Zucken um Mülverstedts Mundwinkel bemerkte. „Du hattest immer Anlage zur Nervosität, schon als Knabe; ein ruhiges, gleichmäßiges, komfortables Leben schien mir immer Lebensbedingung für Dich." „Du findest mich - gealtert?" fühlte sich Mülverstedt gedrungen zu fragen, indem er in den Spiegel lugte und die Bartenden zwirbelte. „Ich werde wieder jung sein, wenn ich Dora besitze! Wirst Du meinen Wünschen entgegenkommen? Ich ahne, wie viel es Dich kostet; die Sache ist auch mir sehr schnell gekommen! . . . Hilf mir und ich werde es Dir ewig danken!" Die Regierungsräthin überlegte noch immer — aber ihr Entschluß fiel wirklich zu Gunsten des Bruders aus. Halb gezwungen, halb mitleidig entschloß sie sich, Dora morgen zu empfangen. Vielleicht hatte auch die Neugier ihren Theil daran. X. Drei Monate waren vergangen. Die Scheidung war von Bernhard Wülpern gleich nach seiner Rückkehr eingeleitet worden wegen „unüberwindlicher Abneigung". Da die Ehe kinderlos, war das endgiltige bestätigende Urtheil des Gerichts bald zu erwarten, umsomehr, als Wülpern auf jeden Sühneversuch verzichtete und sogar für die sofortige Publikation des Erkenntnisses durch seinen Anwalt plaidiren ließ, entgegen der vielfach angewandten gerichtlichen Maßnahme, nach welcher die Publikation erst nach Jahresfrist erfolgt, um für eine Aussöhnung der Eheleute Zett W lassen. Die Zeit während des Ehescheidungsproeefles hatte Dora im Hause des Regierungsraths von Rainer verbracht, während Mülverstedt nach seiner Garnison zurückgekehrt war. Ueber Empfang und Aufnahme hatte sie kaum ein Recht, zu klagen. Der Regierungsrath war ein Schönheitskenner und schien bei Doras Anblick versöhnt, obgleich er vorher über den „dummen Streich" weidlich gescholten hatte. „Ich begreife, Arthur," hatte er gesagt, „diese Dom ist ein göttliches Weib! Juno und Hebe in einer Person! Ich glaube, daß ich es nicht anders gemacht hätte, wenn sie mir begegnet wäre." Das enthusiastische Lob war der Regierungsräthin wenig angenehm gewesen und hatte sie ihr Entgegenkommen fast bereuen lassen. Da Wülpern aber das Recht in Anspruch nahm, während der Dauer des Ehefcheidungsprocesses für Dora zu sorgen und die Summe, die er ihr auszahlen ließ, ganz bedeutend war und eine brillante Zubuße zur Wirthschaftskafle der Regierungsräthin bildete, beruhigte sie sich wieder. Von nun an galt Frau Dora Wülpern als Verwandte der Regierungsräthin. Dora saß einsam in ihrem Zimmer, dessen Einrichtung hochelegant war, aber etwas an einen Trödlerladen erinnerte. Der große Spiegel war aus verschiedenen Theilen zusammengesetzt und die seidene Couchette zeigte mannigfache Brüche und Löcher. Bei der nothwendigen Repräsentation war bet Gehalt des Regierungsrathes eben nur schwach auskömmlich, besonders seit die drei Kinder heränwuchsen. Aber Frau Adelheid war eine ausgezeichnete Wirthin. Sie verstand es vortrefflich, den Leuten Sand in die Augen zu streuen; bei ihren beiden jährlichen Diners und den fast wöchentlichen Fleischthees ahnte Niemand, wie viel Kopfzerbrechen es der Hausfrau kostete, äußerlich zu repräsentiren und dabei den Etat nicht zu überschreiten. Dorä, in kleinen, aber auskömmlichen Verhältnissen ausgewachsen, wußte nicht recht, ob sie die Schwägerin belächeln oder tadeln sollte- Ueberhaupt war ihr das Treiben der gegenwärtigen Gesellschastssaison neu und unsympathisch. Vollauf mit sich beschäftigt, das Herz mit Erinnerungen und Hoffnungen erfüllt, erschien ihr Alles langweilig und uninteressant, und die Bewunderung, die ihre Schönheit erregte, bemerkte sie kaum. Augenblicklich hielt sie einen Brief von Schwester Therese in der Hand. Er war heute gekommen und immer wieder gelesen, trotzdem sie den Inhalt sehr genau kannte. Er lautete im Wesentlichen: „Das neue Jahr hat schlecht angefangen, liebe Dora. Du lieber Gott, wie kann es aber auch unter solchen Verhältnissen anders sein? Wülpern hatte an Vater geschrieben und ihn gebeten, die dreihundert Mark vierteljährlich auch ferner von ihm anzunehmen, die er ihm bei Vaters Pensionirung ausgesetzt hatte, damit Vater im Alter keine Einbuße an seiner Bequemlichkeit erleide. Aber Vater hat das Geld sogleich zurückgesandt und will nun Mittags keinen Rothwein mehr trinken. Für's Reifen fällt nun ganz gewiß auch nichts mehr ab. Und Weihnachten war's auch sehr traurig und fast gar keine Geschenke. Voriges Jahr erhielt ich mein Corallenarmband von Dir, weißt Du's noch, Dorchen? Wie ist nur das Unglück so schnell gekommen, es war doch Alles so gut und schön. Es wird in Gröpelingen noch immer nichts Anderes gefprochen, als über Eure Scheidung, und zerbrechen sich die Leute noch immer die Köpfe über die Sache. Du hast Dir niemals viel aus dem Leutegespräch gemacht; aber Vater und ich denken anders und gehen fast nicht mehr aus dem Haufe. Das Essen schmeckt Vater auch nicht mehr. . . ." Dora ließ den Brief sinken und weinte wie ein Kind. Der ganze Inhalt des Briefes war ein Vorwurf, jedes Wort eine versteckte Anklage. Wülperns Reichthum und feine Großherzigkeit hatten den Ihrigen den Lebensweg geschmückt. Bei den bescheidenen, geordneten Verhältnissen, in denen sie lebten, hatten die zwölfhundert Mark Zuschuß, die der Schwiegersohn dem Schwiegervater gab, zu einem behaglichen und eomfortablen Leben ausgereicht. Sch zärt! künf roebi bes Ren beib baß löse» hab, irre zeiti Mü! schw Ma! chen rufei sie j men bas beffe und Heid! gena deut war Afri Phi< Sta! ergr die; die sein« ihm müh mit doch buri komi nicht »Ab Bild bemi Reg Orij schei Sie daß Die reich Far erre länp den arm rum die! 243 Das war nun Alles anders geworden — durch Doras Schuld! Das Herz that ihr weh bei dem Gedanken, baß der zärtliche, für angenehme Gemüthlichkeit so empfängliche Vater künftig irgend welche Einbuße erleiden sollte. Dazu kannten weder Vater und Schwester bis jetzt den eigentlichen Grund des Zerwürfniffes. Wülpern hatte bei seiner Rückkehr dem Rendanten nur gesagt, daß tiefliegende innere Gründe ihnen beiderseits ein gemeinsames Fortleben unmöglich machten und daß er darum Schritts gethan habe, das eheliche Band zu lösen. Ein Vorwurf treffe Dora nicht, nur sein Schicksal habe er, Wülpern, anzuklagen, weil es ihn in seiner Wahl irre geführt habe. Es war dies eine Vorflcht mit gleichzeitiger großmüthiger Rücksicht auf die Liebenden. Denn Mülverstedt war noch immer activer Offizier und würde schwerlich den Heirathsconsens erhalten, falls Dora von einem Makel getroffen war. Draußen ein leises Klopfen und das siebenjährige Töchterchen Frau Adelheids trat ein, um die Tante zum Thee zu rufen. Dora folgte thränenschluckend, — in dem Kreise, in dem sie jetzt lebte, war jede lebhafte Gefühlsäußerung als „Sentimentalität" verpönt. Man genoß das Heute in der Hoffnung, das Morgen durch kluge, richtig stimmende Berechnung noch besser genießen zu können. Die heutigen Absndgäste waren ein Regisrungsaflessor und ein junger Gelehrter, der als das Schooßkind Frau Adelheids galt. Die welterfahrene Regierungsräthin wußte ganz genau, daß heutigentags auch der Nimbus einer geistigen Bedeutung dazu gehört, um ein Haus zu machen. Demzufolge war sie immer auf der Jagd nach einem Künstler oder einem Afrikareisenden, begnügte sich im Nothfall aber auch mit einem Philosophen, falls er salonfähig war. Das Gespräch ging den gewöhnlichen Gang: Theater, Stadtklatsch, etwas Politik — bunt durcheinander. Der stark ergraute Regierungsrath sprach von ein paar Avancements, die jeder Anciennität zuwiberliefen, und der kahlköpfige blasirte Regierungsaffessor klagte über die täglichen Ball-Einladungen, die noch immer kein Ende nehmen wollten. Rur Doctor Hertel blieb schweigsam trotz aller Mühe, die sich die Regierungsräthin mit ihm gab. Dafür hingen seine Augen bewundernd an Dora — die Wissenschaft schien ihm keineswegs den Schönheitssinn geraubt zu haben. Es entging Frau Adelheid nicht und ließ sie ihre Bemühungen einstellen. Wenn diese Dora in der Nähe, war mit den Männern einmal absolut nichts anzufangen. Und doch besaß sie außer „dem bischen Jugend und Schönheit" durchaus nichts, was ihr in der Gesellschaft Bedeutung geben konnte, wenigstens nicht in den Augen der Regierungsräthin. „Meine Cousine ist eine Augenweide für Jedermann, nicht wahr, lieber Doctor?" meinte Frau Adelheid aushorchend. „Aber im Grunde genommen ist sie doch nur ein hübsches Bild." „Allerdings pflegt die junge Dame nicht zu geistreicheln," bemerkte Doctor Hertel spitz. „Geistreicheln? Was meinen Sie damit?" frug die Regierungsräthin verletzt. „Ich möchte damit die bewußte Absicht ausdrücken, etwas Originelles, noch nicht Dagewesenes sagen zu wollen. Davon scheint mir allerdings Ihre Verwandte fern, gnädige Frau. Sie ist eben vollkommen natürlich, weil sie nicht einmal weiß, daß sie es ist. Ich möchte sie eine wurzelechte Rose nennen. Die Vorzüge derselben kennt jeder Gärtner. Sie geben duftreichere, vollere Blüthen, wenn sie auch die mannigfaltige Farbenpracht der künstlich aufgepfropsten Rosenstämme selten erreichen." Frau Adelheid biß sich auf die Lippen — sie hatte längst angefangen, ihre augenblickliche Nachgiebigkeit gegen den Bruder zu bereuen. Sie war sich bewußt, eine wohl- armirte Festung zu sein; dennoch hatte sie sich diesmal überrumpeln lassen. Ostern wurde die sechzehnjährige Hedwig eingesegnet; ehe die Tochter in die Welt eingeführt werden würde, mußte Dora aus dem Hause sein. Sie durfte ihr nicht im Wege stehen — keinensalls. Sie nahm sich vor, in diesem Sinne an den „armen, verblendeten Bruder" zu schreiben, besonders auch, weil sie durch den Gatten wußte, daß die Goldquelle der Alimentationsgelder, welche Wülpern während des Scheidungsprozesses an Dora gesetzlich zu zahlen hatte, nach erfolgter Scheidung in Wegfall kommen werde. Arthur hatte übsrdem erklärt, später die Sorge für Dors unter allen Umständen allein zu übernehmen. XI. Dora stand vor dem Spiegel, zum zweiten Hochzeltsfest geschmückt. So — noch den blühenden Orangenzweig etwas höher gerückt, daß die Wellen des herrlichen Blondhaares zum Vorschein kamen, und dis Brauttoilette war beendet. Der Blick, den sie dabei nothgedrungen in den Spiegel warf, ließ sie vor sich selbst erschrecken. Ja, sie war sehr blaß heute — fast leichenfarben. Dazu lag schwerer Ernst auf der reinen, weißen Stirn. Unwillkürlich vergegenwärtigte sie sich das Bild, das ihr vor fünf Jahren entgegengestrahlt hatte aus dem kleinen, mullumhüllten Spiegel ihres Zimmers im Vaterhause in Gröpelingen. Im Geiste hörte sie wieder bas Lachen und Scherzen draußen, alle Heiterkeit und Lustigkeit der neugierigen, theilnehmenden Freunde und Bekannten und blickte in das glückstrahlende Gesicht des Vaters. „Ich — konnte nicht anders, nein, neinl" rief sie leidenschaftlich und öffnete luftlechzend das Fenster, weil sich das Herz plötzlich zusammenkrampfte. Vielleicht dufteten die Orangenblüthen zu stark, der Duft der Myrthe war sanfter. Die hereindringende Mailuft beruhigte die erregten Nerven wieder und ließ ein paar Thränen leise die Wangen hinab« tropfen. In diesem Augenblick trat Arthur von Mülverstedt ein, um die Geliebte zur Trauung abzuholen. Auch er war blaß, sah aber schön und vornehm aus. „Endlich, Geliebte, ist der Augenblick unserer Vereinigung gekommen I" sagte er, Dora auf die Stirn küssend. „Aber was seh' ich, Dora? Willst Du im schwarzen Kleide zur Trauung gehen?" frug er, die schwarze AÜasrobe betrachtend. „Ja, Arthur!" „Unmöglich I" „Verzeih' — aber ich kann nicht anders!" „Wieso? Du bist doch keine Wittwe, die gezwungen zum Altar tritt, weil sie deü ersten Gatten noch betrauert," sagte Mülverstedt mit Ironie. „Ich glaube — es ist in meinem Falle noch schlimmer," meinte Dora bedrückt. „Nein, nein, an Deiner Brust ist auf Erden mein einziger Platz!" verbesserte sie sich, indem sie sich leidenschaftlich an den Geliebten drängte. „Aber die Erinnerung, dies Gespenst, ich vermag es nicht zu überwinden!" „Bitte, sei nicht sentimental, auch Schwester Adelheid redet davon. Sentimentalität ist unmodern, sie paßt absolut nicht in die heutige Welt. Du warst e» doch früher nicht. Bei unserer ersten, ziemlich sonderbaren Begegnung im Eisenbahnwagen, dann als mich der Erbonkel zur ersten Bekanntschaft herancitirte, erschienst Du mir übersprudelnd lustig." „Was wußte ich damals vom Leben, vom Leid?" frug Dora. „Aber ich wußte auch nichts vom Glück. Jetzt erst kenne ich es. Lieber sterben als zurück!" rief sie jauchzend. Mülverstedt küßte sie mit heißer Inbrunst und sagte, sie prüfend betrachtend, nicht ohne Innigkeit: „Bleibe, wie Du bist, Du bist holdselig wie immer, und vergieb mir meinen Wunsch. Sieh', ich glaubte ein Recht darauf zu besitzen, das Weib meiner Liebe, das ich nach großen Kämpfen zum Altar führen darf, auch äußerlich als echte Braut zu sehen in weißem Gewands. Aber es ist gleichgiltig." Dann fuhr er fort, indem er hinauswies: „Die ganze Natur scheint unser Hochzeitsfest mitzufeiern; der Frühlingstag kann nicht herrlicher sein!" 244 — Dora nickte stumm und selig lächelnd. Ich möchte Dir Vorschlägen, al» Ziel unserer Hochzeitsreise einen schlichten Landaufenthalt zu wählen. Er würde am besten zu meinen augenblicklichen Empfindungen stimmen. Bist zu er zufrieden?" „D, herrlichI Mit tausend Freuden I' „Am liebsten ginge ich freilich mit Dir nach Mülverstedt. Aber nein, er ist unmöglich — wir müssen eine Begegnung mit Wülpern vermeiden." Gin Zusammenzucken Doras war die einzige Antwort. (Fortsetzung folgt.) Ueber den Fortgang der Bewegung für Volks- nnd Jugendspiele. Das Interesse an den Leibesübungen in freier Luft, das als ein wirkliches Bedürfniß aus den die Gesundheit schädigenden Lebens- und Culturverhältnissen unserer Zeit erwachsen ist, bewegt jetzt in Deutschland zunehmend weitere Kreise. Der Ccntralausschuß für Volks- und Jugendspiele, welcher seit Jahren die Aufgabe übernommen hat, dies Interesse in die breiteren Volksschichten hineinzutragen, das Verständmß hierfür zu verbreiten und die Wege für die Einführung selbst zu ebenen bezw. zu schaffen, giebt laufend in seinen Jahrbüchern in knappster Form einen zusammenfassenden Bericht über den Fortgang dieser lebhaft sich entwickelnden Bewegung. Gegenwärtig ist sein V. Jahrgang 1896, herausgegeben von E. von Schenckendorff und Dr. med. Schmidt (R. Voigtländer, Leipzig, 314 Seiten) erschienen, und bietet in seinen zahlreichen, von den ersten Autoritäten Deutschlands bearbeiteten Abhandlungen eine so reiche Fülle von Anregungen und thatsächlichen Mittheilungen, daß es von jedem, der an dieser für unser Volk segensreichen Bewegung nur irgend welchen Antheil nimmt, gelesen werden sollte. Von den Mitarbeitern nennen wir besonders die Namen: Director Ray dt, Professor Koch, Gymnasialdirector Eitner, Turninspector Hermann, Wirklicher Rath Weber, Professor Euler, Oberlehrer Wickenhagen, Dr. Schnell, Dr. Witte, v. Fichard, Professor Keßler, Realgymnasialdirector Dr. Weck, Professor Böthke, Dr. Gasch, Professor Wagner, Dr. Otto Beyer und die beiden Herausgeber des Jahrbuchs. Im ersten Theile gibt das Jahrbuch eine Reihe von Abhandlungen allgemeinen und besonderen Inhalts, von denen wir Hervorheben: die vom Centralausschuß gekrönte Preisschrift von Dr. Witte über eine zeitgemäße Reform unserer Volksfeste; den Bericht über die Sedan- Jubelfeier im Jahre 1895 nach den Berichten der deutschen Städte; den vom Centralausschuß aufgenommenen Plan der Schaffung eines Deutsch-nationalen Olympia, bezw. von Nationaltagen für deutsche Kampfspiele; den zusammenfassenden Bericht über die seitherige Thätig- keit des Centralausschusses und seine Stellung zum Sport, und den auf statistischen Erhebungen beruhenden Bericht über die angeblichen Gefahren des Fußballspiels in Deutschland. Mit den übrigen Abhandlungen dieses Theiles dürfte das Jahrbuch das Wesentlichste bieten, was auf dieser herrlich aufblühenden Bewegung für Leibesübung in freier Luft an Beweggründen und Zielen sich gegenwärtig geltend macht. Im zweiten und dritten Theile wird über Fortschritte berichtet, die im Jahre 1895 auf den verschiedenen Gebieten thatsächlich erzielt worden sind, nämlich auf denen der Spiele, der Spielplätze, der volks- thümlichen Uebungeir des Laufens, Werfens und Springens, des Ringens, des Eislaufs, des Badens und Schwimmens, des Ruderns, des Wanderns der Schuljugend wie der Erwachsenen, und der vom Centralausschuß eingeführteu Spielcourse für Studenten, sowie für Lehrer und Lehrerinnen. Dieser Theil erscheint im Jahrbuche zum ersten Male, und bildet, da er sich auf dem Gebiete der Thatsachen bewegt, naturgemäß den Schwerpunkt des Jahresberichts. Im vierten und fünften Theile folgt dann eine statistische Arbeit über einen Abschnitt des gesammten Erhebungsgebietes, das vom Centralausschuß bekanntlich als ganzes in einem fünfjährigen Turnus behandelt wird. Dieser Abschnitt ist mit Genehmigung des preußischen Ministers des Innern wie in früheren Jahren von einem Beamten des Königlich preußischen statistischen Bureaus, dem Herrn Dr. Woikowsky-Biedau, bearbeitet und behandelt diesmal die Spiele an den deutschen Lehrerinnenseminaren, höheren Mädchen- und Mädchen-Mittelschulen. Endlich folgen einige amtliche Mittheilungen des Centralausschusses. Wie man sieht, beschränken sich die Bestrebungen des Centralausschusses keineswegs aus die eigentlichen Volks- und Jugendspiele, sondern, wenn man etwa vom Radfahren, Wettrennen und dem Sport im engeren Sinne absieht, finden hier alle Leibesübungen in freier Luft, die nicht zu den eigentlichen Turn-, Geräth- und Freiübungen gehören, ihre Beachtung. Dadurch wird das Jahrbuch zum geordneten Sammelpunkt von Nachrichten über die verschiedenartigsten Leibesübungen, wie sie von der Jugend und den breiteren Volksschichten heute gepflegt werden. Von besonderem Interesse ist auch der Bericht über den Fortgang der vom Centralausschuß jährlich abgehaltenen Course zur Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen, von denen seit 1890 bereits an 4000 vorgebildet wurden, sowie der Bericht über die studentischen Course, in denen 1895 etwa 1000 Studenten an neun Hochschulen zur Ausbildung gelangten. Im laufenden Jahre werden solche Course bereits bei 23 deutschen Hochschulen eingerichtet. Einen weiteren Antrieb wird die Bewegung erhalten, wenn die aus der Mitte des Centralausschusses hevvorgegangene Anregung zur Schaffung von Nationaltagen für deutsche Kampfspiele zur Durchführung gelangen wird. Dieser Plan ist erwachsen aus einer vom Centralausschuß im Jahre 1894 ausgeschriebenen Preisschrift, von welcher 42 einliefen, und von denen wir am Eingang dieses Artikels die mit dem ersten Preise gekrönte Schrift von Dr. Witte bereits erwähnten. Während des Druckes des Jahrbuchs ist eine besondere Denkschrift „Die Nationaltage für deutsche Kampfspiele" (R. Voigtländer, Leipzig) vom Geschäftsführer des Centralausschusses Director Professor Raydt erschienen, die in volksthümlicher Weise über die Entstehung, Bedeutung und den gegenwärtigen Stand der Sache eingehend berichtet. Angesichts der Tragweite dieser Bewegung für die Jugenderziehung hat der preußische Cultusminister Dr. Bosse 1200 Exemplare des Jahrbuchs 1896 zur Vertheilung an Schulen und Bibliotheken beschafft, und steht ein gleiches Vorgehen auch von einer Reihe anderer deutschen Unterrichtsverwaltungen zu erwarten. Da die Bewegung auch in die breiten Schichten des Volkes eingedrungen ist, sollte das Jahrbuch, daß stetig verbessert und vervollständigt worden ist, die allgemeinste Verbreitung auch in den breiten Volksschichten, für die es in erster Linie geschrieben ist, finden. Schließlich sei noch des lebhaften Interesses gedacht, das die deutschen Städte an diesen Bestrebungen nehmen. Von den etwa 750 betragenden Städten des deutschen Reichs, die mehr wie 5000 Einwohner haben, hat sich, wie eine dem Jahrbuch Beigefügte Uebersicht angiebt, bereits der vierte Theil mit einem Jahresbeiträge von beinahe 5000 Mk. dem Centralausschuß angeschlossen. Von den deutschen Staatsverwaltungen hat, wie wir sehen, für diese hochwichtige Bewegung im Jahre 1895 nur das preußische Cultusministerium einen Jahresbeitrag von 3000 Wk. gewährt. Es folgen in der Uebersicht dann mehrere Vereine, leider aber bisher nur wenige Privatpersonen. Eine Sache, wie diese, verdiente aber die weitgehendste Unterstützung.*) *) Der Schatzmeister des Centralausschusses ist Professor Dr Koch in Braunschweig. Die Beiträge können in beliebiger Höhe bezahlt werden. Die Redaction. Der treue Geselle. Es kehrten drei junge Gesellen In dem „grünen Kranze" wohl ein, Zwei waren so heiter und sangen Von Lenz und von Liebe und Wein. „Was sing ich zum Preise des Lenzes?" „So tönt es dem Ersten vom Mund — „Er bringt uns die Jugend und Liebe „Und Freude zu jeglicher Stund'." „Ich lob' mir die Blume des Weines" — „Von des Zweiten Lippen es klang, — „Erhöht uns die Freuden des Lebens „Und würzt uns die Lieb' und den Sang." Doch der Dritte inmitten saß schweigend Und stützte sich sinnend das Haupt — Es hatte vor wenigen Jahren Der Tod ihm fein Liebstes geraubt. „Richt preis' ich den Lenz Euch in Liedern, „Nicht des Weines lieblichen Duft, „Denn sie, die so glühend ich liebte, „Längst ruht sie in dunkler Gruft. „Ihr hab' ich die Treue bewahret „Im Herzen ihr Bildniß so rein — „Das ist mir viel lieber und theurer, „Als Lenz und Lieder und Wein. „D'rum kann ich nicht fingen und rühmen „Die Freuden, die Gott mir noch gab, „Denn Jugend und Liebe und Lieder „Versenkt' ich mit ihr in das Grab." So sprach er. Es rann ihm die Thräne Vom Auge herab in den Sand — Die Lieder der Andern verstummten, Sie drückten bewegt ihm die Hand. * Das Höchste und Schönste auf Erden, Das uns preiset des Sängers Mund: Es ist doch die irdische Liebe Mit himmlischer Treue im Bund. Satyr. Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.