UnterlMungsblatL nim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 6" •"> i fec t i WMMMH WM Schwester Ilse. Roman von Clarissa Lohde. (Fortsetzung.) Wolf boSte in aufwallendem Zorne die Hand. „Eie sollen sich hüten!" stieß er hervor. „Still," unterbrach ihn der Onkel, „sie werden ihre Strafe erhalten. Ihre hochmüthige Unduldsamkeit hat das Band zwischen uns zerriffen. Ich habe keinen Bruder mehr. Du bist meinem Herzen der Nächste. Der Sohn dec Frau, die ich geliebt habe, die um mich, die für Dich gelitten hat, mehr ole die kaltherzige Welt es ahnt und zu fassen vermag, soll wenigstens an äußeren Glücksgütern erhalten, was ich ihm geben kann. Ich habe mein Testament bereits gemacht, Wolf, Du bist mein einziger Erbe." „Onkel, das wird den Verwandten vielleicht noch doppel« ten Vorwand zu jener Verleumdung geben." „Sei's d'rum! Auslöschen läßt es sich nicht. So will ich Dich denn auch als Sohn betrachten, wie Du mir ja im Herzen ein Sohn bist." Und er war sein Erbe geworden. Gattersberg, bas der Onkel aus einem Lehn durch Auszahlung an die Lehnsberech» tigten zu seinem freien Etgenthum, das er durch unermüdlichen Fleiß, durch gute Bewirthschaftung und Sparsamkeit zu einem der ertragreichsten Güter der Umgegend gemacht hatte, war jetzt sein. Alle äußeren Bedingungen zum Glück waren ihm gegeben und nun lag er da, ein gebrochener Mann, bett Tod vor Augen. So jung noch und schon sterben müssen, so sterben! Niedergemäht wie eine kaum erst in Samen geschossene Aehre, und von dem, den er seit Jugend an für seinen Nebenbuhler, ja Feind betrachtet hatte, besiegt von dem lieber* milchigen int Kampf und in der Liebe, ja auch in der Liebe, und das hatte seinem Herzen den letzten, schwersten Stoß gegeben. Ein Name kam über seine L'ppen und wie ein Glanz trat es in seine müden Augen. „Adeline!" Wie er sie geliebt hatte, wie sicher er gewesen war, sie sich zu erringen. Auf einem Ball beim amerikanischen Gesandten war es gewesen, als er ihr zum ersten Male begegnet war. Niemals glaubte er etwa» Schöneres gesehen zu haben. Die große schlanke Gestalt, die unnachahmliche Gracie ihrer Haltung, der reizende, von einer Fülle aschblonden Haares gekrönte Kopf und dazu diese Augen, Rehaugen, von jenem hellen, klaren Braun, die wie Crystall glänzen und doch wieder in Augenblicken der Erregung so feucht in Sehnsucht schimmern können. Sie bewohnte mit ihrer Mutter Mrs. Graham ein Chambre garni in der Potsdamerstraße und empfing wöchentlich einmal. Daß er gleich bei seiner ersten Visite seinen Vetter Axel, der al» Hilfsarbeiter im Auswärtigen Amt beschäftigt war, wie einen alten Bekannten im Salon der Graham» installirt fand, berührte ihn nicht angenehm, störte ihn aber weiter nicht. Der kleine, zierliche, geistreichelnde Assessor bäuchte ihm kein zu fürchtender Nebenbuhler in der Gunst der Frauen. Wie sehr er sich getäuscht, hatte er zu seinem Schmerz erfahren müssen! Miß Adeline zeichnete ihn fast sichtlich aus und wenn sie auch gegen Axel sich stets liebenswürdig und zuvorkommend erwies, ja, ihre kleinen Koketterien mit ihm trieb, so fiel ihm das nicht weiter auf, da man an jungen Amerikanerinnen den freien Verkehr mit Männern gewöhnt ist. Durfte er es denn nicht als Beweis ihrer Zuneigung aufnehmen, daß sie ihm gestattete, was sonst.Keinem, fast täglich mit ihr auf der Rouffau-Jnsel oder dem Neuen See zum Schlittschuhlaufen zusammenzukommen? Welche seligen Stunden waren es ge- wesen, wenn er so Hand in Hand mit ihr über die glatte Fläche dahinschwebte, wenn er die schöne Gestalt leise näher an sich zog und in ihren Augen die Antwort auf die stumme Frage der seinen zu lesen suchte! Er glaubte sich geliebt, glaubte, nur das entscheidende Wort sprechen zu dürfen, um das Jawort von ihren Lippen zu küssen. Aber ehe er dieses Wort sprach, mußte er des Onkel- Zustimmung sich holen. Da wurde ihm die erschreckende Nachricht, daß er in Gattersberg schwer erkrankt fei. Ein Schlaganfall hatte ihn mitten in seiner Thätigkeit auf dem Felde getroffen. Wie durfte er jetzt an sein eigener Glück denken, da da» Leben des ihm Lheverstsn auf Erden in Gefahr stand? Da machte Axel eine« Tages dem Kranken einen Besuch und beim Fortfahren schon theilte er dem Vetter wie en passant mit: „Du wirst bald eine Anzeige von mir erhalten, ich habe mich mit Miß Adeline Graham verlobt. Gern hätte ich er dem Onkel selbst mitgethetlt, aber er schien mir zu krank. Sage Du e» ihm, wenn Du einen geeigneten Moment dazu findest." Hatte der Vetter ihm angesehen, was er bei dieser Nach» richt empfunden? Er wußte er nicht. Wie ein Schwindel war eö über ihn gekommen, er hatte sich am Treppengeländer festhalten müssen, so schwarz war er ihm vor den Augen geworden. Adelme, deren Bild Tag und N^cht ihn umschwebte, die er in seinem Herzen schon als sein Eigenthum betrachtet hatte, die Braut eines Andere», dieses Axel, den er als Bewerber kaum in Betracht gezogen hatte O, dieser Heimtückische, der seine Abwesenheit am Krankenlager de» Onkels ausnutzte, um ihm die G-liebte seines Herzens zu rauben, durch schlaue Künste, vielleicht gar durch böswillige Ausstreuungen über den Character des tollen Wolf. Seine Hände ballten sich noch in Gedanken an die durchlebte furchtbare Stunde. Und dann war das Schwerste gekommen; er hatte seinem treuesten Beschützer uud väterlichen Freunde, dem geliebten Dnfet, nach langem, unsäglichen Leiden die Augen für immer zudrücken müssen. Nun war er allein, ganz allein I Keine Seele mehr auf Erden, die ihn liebte, kein Herz, in das er seinen Schmerz auszuschütten vermochte. Allein! Fürchterliches Wort! Er hatte seinen ganzen Schrecken erfahren. Er nahm seinen Abschied au« der Armer und zog sich nach Gattersberg zurück, um dort in der Stille und Arbeit de« Landlebens zu vergessen, was feine Seele mit Schmerz und Bitterkeit erfüllte. Da war er durch einen Zufall beim Grafen Wolden unerwartet mit dem Vetter zusammengetroffen, der seinerseits allen Grund hatte, mit dem im Testaments de» Onkel» gegen ihn Bevorzugten zu grollen. Groll hier und Groll dort. Die Geister waren aufeinander geplatzt, wie es ja kaum ander« möglich war. Und nun hatte Der, der ihm die Braut weggeschnappt, ihn auch noch im Duell niedergestreckt und bereitete sich vor, über seine Leiche hinweg in da« ihm vom Onkel vorenthaltene Erbe einzuziehen. Aber nein — mußte es denn sein? Noch war er ja nicht tobt, noch lebte er ja und konnte mit einem Federzuge verhindern, daß das Unerhörte zur Wahrheit wurde. War Gatterrberg denn nicht sein freies Eigenthum, über das er verfügen konnte, wie er wollte? Wenn er nur Einen, Einen gewußt hätte, den er mit einiger Berechtigung zu feinem Erben einsetzen durfte- Ja, wenn er verheirathet wäre, eine Frau hätte! Wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zuckte Wolf plötzlich empor. Konnte er denn nicht noch, jetzt noch, da» Versäumte nachholen? Er hatte gebangt, die ihm sympathische Pflegerin zu verlieren. Wenn er sie zu seiner Frau, seiner Erbin und so allen Zweifeln und Bedenken ein Ende machte? Wonach hatte er, der dem Tode rettungslos Verfallene, denn noch ander» zu fragen, als nach seinem eigenen Wohlbehagen? Und wer würde es ihm verdenken, wenn er, der Einsame, dem keine Familie in seiner Noth und Krankheit zur Sette stand, die pflegende Hand, die seine Schmerzen linderte, an sich zu fesseln suchte bi» an'S Ende? Aber sie, Schwester Ilse, würde sie auf seine Wünsche eingehen, sich zu dem Opfer entschließen, ihm, dem Sterbenden, ihre Tage, so lange es Gott noch gefallen würde, zu widmen? Eine innere Stimme sagte ihm: Ja. Wenn Eine, so war dieses Mädchen zu solchem Opfer barmherziger Liebe fähig. Und er war ihr nicht gleichgiltig, zum mindesten hatte sie für ihn das Interesse der Pflegerin für einen Patienten, dessen Schicksal ihr Mitgefühl erregte- Und dieses Mitgefühl, §4 — wie ost hatte er es herzerquickend aus ihren Äugen sich entgegenleuchten sehen! Ja, er hoffte und er durfte das Außer» gewöhnliche wagen, da er e» ja hi der Hand hatte, ihr, war sie an ihm that, zu danken. Ec konnte sie frei, unabhängig, zur reichen Frau machen, eine gesicherte, ja äußerlich glanz, volle Zukunft war wohl ein nicht zu unterschätzendes Arqui« valent für die kurze Zeit, die sie seiner Pflege noch zu widmen haben würde. IV. „Nun, wie geht e» Deinem Patienten? Man erzählt sich ja allgemein, daß er wieder gesund werden wird, ganz gesund." Diese Frage tönte Ilse von der Matter schon entgegen, al« sie kaum die Thür des Wohnzimmers hinter sich geschloffen hatte und ihr die Hand zum Gruße entgegenstreckte. „Gottlob ja, ein wenig beffer; doch ob er ganz gesund wird, das kann heute noch Niemand wissen." Ilse rückte sich einen Stuhl an der Mutter Seite, die im Schaukelstuhl, in dem sie mit dem Lesen eines Romans beschäftigt gewesen war, sich leise hin- und herwiegte. „Nun denn, wenn e» immerhin doch besser geht, wirst Du doch hoffentlich Deine» Amte» bald entbunden werden?" „Das wohl kaum, der Baron wird noch lange einer sorgfältigen Pflege bedürfen!" „Die Du doch aber nicht weiter leisten kannst!" „Nicht leisten kannst?" wiederholte Ilse erstaunt. „Wie meinst Du das, Mama?" „Nun, ich meine, daß ein junges Mädchen Deine» Standes wohl den todtkcanken, aber nicht den wiedergenesenen Wolf von Menzelen, den tollen Wolf, pflegen darf." „Ich bitte Dich, Mama, bediene Dich nicht immer diese» Spitznamens, der für einen vom Schicksal so schwer Gebeugten wie den Baron rett häßlich klingt." „Ob häßlich oder nicht, er h eß so und hat dielen Sp'tz« namen wahrscheinlich nicht obne Grund erhalten. Weißt Du übrigens, daß auch bei dem Duell zwischen den Vettern nicht allein die tobte Mutter, sondern auch eine höchst lebendige Schöne eine Rolle gespielt haben soll?" „Ach laß das, Mama! Du weißt, ich liebe es nicht, allen Klatsch der Hertheimer zu hören," unterbrach Ilse die Mutter ein wenig schroff. Diese lachte auf. „Beim Himmel, Du vertheidigst Deinen Patienten ja, al« hättest Du mit der Pflege die Pflicht übernommen, auch sein Tugendwächter zu sein. Ei, et, Ilse, halte Dein Herz fest, man sagt, dem tollen Wolf habe selten eine Frau widerstehen können." „Mama!" , Ilse war da« Blut bi» zur Stirn geschossen, ihre Lippen zitterten vor Erregung. „Wie kannst Du — kannst Du so etwas nur denken?' „Wie ich es kann? W-il es ganz natürlich wäre. Ein junges Mädchen von vieruavzwanzig Jahren wie Du, täglich mit einem jungen interessanten Kranken zusammen, da« ist gefährlich. Und deshalb, auch Bruno besteht darauf, wünsche ich, daß Du die Pflege in andere Hände legst." „Verzeih', Mama," entgegnete Ilse nun und ihr Gesicht hatte wieder den Ausdruck stiller Festigkeit angenommen, der ihr so charakteristisch war, „wenn ich hierin Deinen und Bruno» Wünschen nicht Nachkomme. In dem, wa« meinen Beruf anbetrifft, entscheide ich allein." „Und wirst auch weiter noch bei dem Baron bleiben? „So lange es Doctor Balzer für nöthig hält und bet Baron mich wünscht." . Es war roiebet ein Mißklaug, mit dem Mutter und Tochter von einander schieden. Ilse besonders fühlte sich tief niedergedrückt und beklommen. Bisher hatte sie noch nicht darüber nachgedacht, welcher Art ihre Gefühle für den Baron waren, den sie; wie alle ihre Patienten, mit dem Herzen pflegte, d. h. mit bet Theilnahme, die ihr menschliche» Lei» und menschliche Schmerzen jederzeit einflößten. Jetzt aber ging e» wie ein Bangen durch ihre Seele: Der Mutter Worte hatten etwa« in ihr geweckt, was unbewußt noch in ihr ge» schlummert hatte. Ja, sie gestand sich mit der ihr eigenen 9o Offenheit auch gegen sich selbst, daß ihr der Baron doch merther geworden war wie irgend sonst ein Patient, daß es ihr schwer werden würde, sich von ihm zu trennen. Aber wenn es so war, durfte der Kranke unter ihrer Schwäche leiden? Da» nimmermehr! Sie Mts sich stark genug, den Kampf mit dem eigenen Gefühl zu bestehen und ihre Pflicht weiter zu erfüllen, so lange zum mindesten, bi» ste ohne Sorge ihn anderen, mit seiner Natur nicht bekannten Händen über- geben könnte. , . ,, Ein wenig befangener und wiegt ganz mit den klaren Augen wie sonst trat sie heute an da» Bett des Barons, um feine Abendtemperatur zu messen und ihm den Nachltrunk zu bereiten. Aber auch er schaute sie heute aus anderen, seltsam glänzenden Augen an. „Ich habe Sie lange erwartet, Schwester Ilse. Setzen Sie sich zu mir, ich möchte mit Ihnen reden, vertraulich reden." „Heute noch, Herr Baron? Er ist spät, Sie werden sich aufregen —" „Nein, nein, nur keinen Aufschub, ich bitte Sie. Es würde mich mehr aufregen, wenn ich heute nicht sprechen dürfte." Dabei sah er ihr mit so warm bittendem Blick in die Augen und seine Hand suchte die ihre, daß es ganz heiß in ihr aufstieg. Um Gott, was sollte das bedeuten, was hatte er nur? Sie sitzt an seiner Seite, ihre Hand ruht noch immer in der seinen, es ist, als wollte er sie gar nicht mehr los« lassen. , , Und nun beginnt er mit einer Stimme, die auch leicht in Erregung bebt: „Meine Tage hier in Hertheim sind gezählt, Doetor Balzer hat mir erlaubt, Ende der Wache nach Gattersberg zurück,ukchren." Sein Auge ruht fragend auf ihr; er steht, wie sie er» röthet, erblaßt. Em Lächeln umspielt seine Lippen, als er fortfährt: „Schwester Ilse, Ste rotffen, was Sie mir in der Zett der Krankheit geworden sind. Ob ich jemals wieder genese, das liegt in eines Höheren Willen. Ich bin gefaßt auf Alles, nur nicht darauf, die sanfte Hand zu verlieren, die mich so selbstlos und hingebend in der schwersten Z-it meines Ledens gepflegt hat. Schwester Ilse, wollen, können Sie mich nach Gatter-berg begleiten? ' Ihre L PPM zittern, lange vermag sie kein Wort hervor» zubringen; dann aber sagt ste mit leiser fester Stimme: „Sie weiter pflegen zu dürfen, war auch der Wunsch meines Herzens." „So willigen Sie ein?" „Ja, konnten Ste daran zweifeln, Herr Baron?" Dabei sah sie ihn mit ihren klaren blauen Augen so vertrauensvoll an, daß es ihn wie Rührung überkam. Ja, Doctor Balzer hatte recht: In diesem schlichten Mädchen wohnt eine starke, characlervoll Seele, die sich von kleinlichen Vvrurtheilen nicht zurückschrecken läßt und nur dem eigenen Willen folgt. „Doctor Balzer," fuhr Wolf nun nach kurzer Pause fort, „hegte indessen einige Bedenken." „Bedenken?" stammelte ste jetzt doch errdthend, denn ihr fiel die Warnung der Mutter, der Wunsch de» Bruders ein. „Welche, Herr Baron? ' „Ec meinte, da Sie noch nicht in den Verband eines Diaconiffenhause» eingetreten seien, könnte es Ihrem Rufe schaden, wenn Sie mit dem unvermählten Manne unter einem Dache wohnten —" Jetzt athmet ste schwer, eine dunkle Gluth steigt in ihre Wangen. „Und Doctor Balzer ist ein erfahrener Mann," spricht Wolf hastig weiter, „und die Welt schlechter, als Ihre reine Seele es ahnt. Deshalb, Schwester Ilse, bitte ich Ste auch nicht, als Pflegerin mit mir zu gehen, sondern —" Er zögerte einen Moment, sie sieht ihm mit fragend bangem Blick in die Augen. „Sondern?" „Als mein» angetrante Gattin," fügt er leise hinzu Und seins Hand schließt sich fester um die ihre. Sie aber macht sich los, springt jäh von ihrem Sitze auf. „Herr Baroi, was — was sprechen Sie da?" „Nur Wohlüberlegtes. Ich weiß ja, es ist ein Opfer, ein unschätzbares Opfer, was Sie mir da bringen, wenn Sie sich einem kranken, dem Tods entgegensiechenden Manne antrauen lassen. Aber Sie üben als meine Gattin ja nur denselben Beruf aus, dem Sie Ihr Leben widmen wollen, ja mehr, Ste werden die Freunvin und Trösterin eines vom Leben hart Geprüften, eines Einsamen, der Niemand, Niemand auf der Welt besttzt, der ihn liebt, der sich seiner annimmt und der der Willkür feiler Seelen preirgegeben wäre, die nur an ihren irdischen Vorthsil denken, nur den Augenblick ersehnen würden, in dem ste den Todten begraben, in seinem Besitz es sich wohl sein lassen können." „Sie sind nicht verlassen, Herr Baron, chenken Sie an Ihren treuen Georg." „Ja der! — Aber hat er Macht in meinem Hause, er, der D ener? So wie meine Kräfte abnehmen, würden Andere sich zu Herren darin machen, noch ehe ich ein Todter bin. Es ist eine Christenpflicht, Schwester Ilse, die S e an einem Unglücklichen zu erfüllen haben. J»re Nähe, Ihre sanstt Sli nme, Ihr liebevolles Wort war mir die beste Medicin, so lange ich hier war; ohne Sie müßte ich elend zu Grunde gehen." „Aber ich will ja mit Ihnen gehen, Herr Baron, auch ohne — ohne —“ S>e bekommt das Wort nicht über die L'ppen. „Auch ohne meinen Namen anzunehmen. Freilich, Schwester Ilse, da« wollen Sie und ich danke Jonen für Ihre Bereitwilligkeit; aber ich kann Sie al« Eyrenmann nicht annehmen, Ihren Ruf zerstören, Sie vielleicht der brutalen Behandlung ftenber Eindringlinge aussetzen, wenn je bet Moment eintreten sollte, wo ich nicht mehr im Stande wäre, Sie zu schützen, nein. Schwester Ilse, das geht gegen mein Gewffen, gegen mem Gesühl. Dann lieber diesem Wunsch, von dessen Erfüllung mehr für mich abhängt al« Sie ahnen, wie so manchem andern schon in meinem Leben entsagen. Dann lassen Sie un» scheiden, Schwester Ilse, so schwer er mir auch fällt." „O, Herr Baron, er wird, e» muß sich ein Ausweg finden" Er schüttelt den Kopf. „Sprechen wir nicht mehr darüber. Hier giebt e« nur Ja ober Nein- Ueberlegen Sie es stch, geben Sie mir morgen eine entscheidende Antwort — j tzt 'st meine Kraft zu Ende." Sie erschrickt. Der Baron sieht wirklich ganz erschöpft aus. Em kurzer Husten erschüttert ab und zu seine Brust. Er schließt die Augen und menget sich zur Seite. „Eist diesen beruhigenden Trank, Herr Baron, ich bitte." Sie hat einige stä kende Tropfen in Wasser gelöst und hält sie ihm an die Lippen. Er schlürft sie mechanisch, spricht aber kein Wort mehr. Leise zog Ilse sich in ihr Zimmer zurück und schickte Georg hinein, der die Nacht bei ihm schlief. M>t einem leisen Siöhnen warf sie sich auf ihr Bett und barg ihr Antlitz in den Händen. So lag sie lange, lange regungslos, immer denselben Gedanken im Hirne wälzend. „Was soll, wa» darf ich thun?" Eines stand fest in ihr- Sie war zu jung, zu unerfahren, um in einer so fellsamen Sache selbst entscheiden zu körnen- Ihr Herz, ach, das hä-te ja gleich am liebsten das entscheidende Ja ausgesprochen. W s konnte ste Besseres wünschen, als den geliebten Mann zu pflegen, feine Leiden erleichtern, ihn vielleicht dem Leben mieoer gewinnen zu helfen? Aber burite ste ihrem Herzen folgen, burfle sie überhaupt dem Herzen allem die Entscheidung anheimgsben? Der Baron hatte ji nicht von Liebe zu ihr gesprochen und was ste für ihn empfaad. das ahme er kaum. (Fortsetzung folgt.) --- W Unsere Dienstboten. Bon Frau Professor Barthel», Bonn?) Fast bei jedem Kaffeekränzchen, Gesellschaft ober sonstigen gewüthlicken beziehungsweise ungemüthlichen Zusammenkunft verheirotbiter Frauen, kommt die stereotype Klage über Dienstmädchen, Köchinnen, Zimmermädchen u. s. w. zum Ausdruck. Jede ehrsame Hausfrau weiß einen Beitrag zu diesem „Elend", wie man sich auözudrücken beliebt, zu liefern. Alle diese Klagen erkenne ich als berechtigt an; unsere Dienstboten sind unsere P age, ich behaupte sogar, baß durch die schlechten Eigenschaften unseres Personals in mancher Haushaltung oft die Behaglichkeit, Ordnung und der Fcleds, wenn nicht ganz abhanden ko nmt, so doch recht fühlbar beeinträchtigt wird. Es wird mir iodann zur besonderen Befriedigung gereichen, au» dem Schatze meiner Erfahrungen zur Lösung der die Frauen bewegenden Dienstbotenfrage beitragen zu können. Meine Erfahrungen und Beobachtungen belebren mich nun, daß vornehmlich folgende drei Punkte die Ursache sind, daß unsere Dienstmädchen schlecht gezogen, wenn ich so sagen darf, und damit zum Gegenstand unserer ständigen Klage und Unzufriedenheit werden. Was nun den ersten Punkt anbetrifft, so ist es wohl jedem klar, daß die Dienstmädchen nur dann Achtung und Respect vor ihrer Herrin und deren Hmshaltungssührung Haden können, wenn diese, was meines Erachtens trotz der zur Zeit so breit getretenen Frauenfrage, ihrs vornehmliche Aufgabe ist, die ganze Haushaltung ständig überwacht, jede Anweisung klar, bestimmt, sachgemäß und auch richtig gibt und diese in allen Fällen gesch ckt, wenigsten« mit V-rständniß selbst ausiühren kann. Da« Dienstmädchen kommt dadurch zu der Ueberzeugung, daß olles, was er thut und unterläßt, bemerkt wird, und daß es seiner Herrin nicht« vorschwindeln kann, die in ollen Arbeiten und Handgriffen erfahren ist. Tein Ehrgeiz wird dann angeregt und es will zeigen, was es gelernt hat und kann. Nun hätten wir von der Art und Weife der Behandlung der Drenstooten zu sprechen, in welcher Beziehung nicht nur von jungen, sondern auch von ältern Frauen viel gesündigt wird. Bei Letzteren erscheint dieie» um so unverständlicher, als man doch w nehmen sollte, daß sie im Laufe ihres Lebens diesbe^üflieh eine giohe Reihe von Eriahrungen gesammelt haben sollten und man gerade in diesem Falle mit Reckt sagen kann: die Praxi» ist die größte Lehrmeisterin. Doch zur Sache! Man behandele die Untergebenen stet« gerecht und freundlich, und bestehe immer auf pünklicken Gehorsam und Wahrheitsliebe. Jede Unwahrbeit, Lüge, muß streng gerügt werden und bei mehrmaliger Wiederholung, wenn man kerne Aussicht aus Besserung hat, unnackstchtlrch Entlastung erfolgen mit betr.ffendem Vermerk im Dienstbuch. Eoenso schreitet man bei Ungehorsam ein und darf sich nicht von der lächerlichen Scheu mancher Hausfrauen abhfllen lasten, da» Personal öfter zu wechseln. Ein solcher Wechsel gibt tüchtigen Hausfrauen ein befriedigendes Gefühl der Unabhängigkeit von ihrem Mädchen, was allerdings leider selten zu finden ist. Stet« sei man gerecht, indem man Ungeschicklichkeit, unverschuldete Vergeßlichkeit und kleinere Fehler nicht zu Vergeh n ambauscht, sondern sie mit Nachfichr beurtheilt. Man soll sie zwar nt t ganz übergehen, sondern ruhig darauf aufmerksam machen Und das Unzuträgliche zum Bewußtsein de» Mädchen» bringen. Hilst da» nicht, zerbricht da» Mädchen z B wiederholt Gegenstände, so läßt man e» einmal einen solchen neu an*) Obige Ausführungen, die wir der wohlwollenden Beachtung unserer werihen Leserinnen angelegenlichst empfehlen, wurden in der bekannten Wochenschrift für die Frauenwelt „Von Haus zu Haus 1892 Nr. 30 und 32" zuerst veröffentlicht und fanden ungetheilten Beifall. Die Verfasserin, welche einer hiesigen Familie entstammt, stellte uns die Arbeit gütigst zur Verfügung. Die Red. schaffen und zwar au» seiner eigenen lasche und man wird erstaunt sein, wie vorsichtig da» Mädchen nun ist, und wie sobald keine Scherben mehr vorkommen. Dabei darf eine gebildete Frau, was eigentlich selbstverständlich, sich nie verleiten lasten zu schimpfen oder ungerechte Beschuldigungen an- zustoßen, wie die Laune sie eingibt, oder gar vielleicht einige Z-it später einem besonder» und vermeintlich unentbehrlichen Dienstboten zu schmeicheln- Solche» kommt ja auch hier und da vor und bestärkt die Mädchen in ihren Unarten und in dem ohnehin vorhandenen Gefühle, daß sie unersetzlich sind, immer mehr, e» macht sie trotzig md Heu t ierisch, abgesehen davon, daß ein derartiges unkluges und unwürdiges Verhalten die Herrschaft verächtlich macht. Ferner sei e» da» Bestreben der Hausfrau, deren Pflicht e« ist, ihrer Familie gegenüber stets freundlich zu fehl, dieses im Verkehr mit den Dienstmädchen auch nicht außer Acht zu losten. Eine ruhige, gütige Behandlung wird nie ihre gute Wirkung versagen, ein freundliche» Wort verfehlt selten seinen Zweck! Zeigt man Theilnahme für die Freuden und Leiden unb kleinen Sorgen der Mädchen, so werden diese zutraulich und verlieren ihr oft so unangenehmes verschloffenes Wesen. Man hüte sich aber wohl, vertraulich mit den Mädchen zu verkehren, sie über andere Leute und Familienoerhältniffe auszufragen und mit ober vor ihnen über anbere Personen loszuziehen (wie ja wohl ber technische Ausdruck lautet), zu kci'isiren, sich die Liebschaften der Mädchen ober anderen, manchmal recht zweideutigen Stadtktatsch erzählen zu lasstn. Dadurch weiden die Dienstboten nur vorlaut und dreist und kommen öfter zu einem sehr abfälligen Urtheil über ihre naive Herrin, al« diese e« sich träumen läßt. Eine sich ihrer Würde bewußte, tactvolle Frau sollte hier stets die Grenze zu finden misten, aber oft, selbst in Kreisen, wo man e« am wenigsten erwarten sollte, überwinden Neugierde und Klatschsucht alle Bedenken. (Schluß folgt.) VeruEehtes. Daran liegt'». „Aber, Herr Trinkler, Sie schlafen noch unb dabei scheint Ihnen die Mittagssonne in'» Gesicht?" — „Daran sind Sie schuld!" — „Ich? Na wie käme ich dazu?" — „Jawohl — Sie! -- Sie haben den Vorhang nicht heruntergelasten 1" Literarisches Der Sieht der Weise«. Das soeben versendete 5. Heft hat nachstehenden Inhalt: Die Befruchtung der Orchideen durch Jnsecten (mit Tafelt; Das Holz als Brennmaterial; Die „Propeller-Insel" (eine I. Verne'sche Zukunftsphantasie mit vielen interessanten Abbildungen); lieber leuchtende Electrodemnaterie (mit 9 Abbildungen, die Entwicklungsgeschichte der Roenigen'schen X-Strahlen behandelnd, eine sehr lesenswerthe Abhandlung, welche den Zusammenhang der diesbezüglichen Exverimente behandelt). Ferner die illustrierten Notizen: Merkwürdiger Eisenbahnunfall, Schiffe im Eis, Lachsfang, am Fraser River, Vorn Kutschiren, Astronomischer Kalender für den Monat März (mit Sternkarte), Notizen für Haus und Hof u. s. w. „Der Stein der Weisen" ^A. Hartlebens Verlag, Wien) erscheint in reich illustrirten halbmonatlichen Heften und ist in jeder Buchhandlung erhältlich. * * * Die Röutgen'schen X-Strahlen haben die ganze gebildete Welt in Erregung versetzt. Eine Reibe hochinteressanter Aufnahmen, die mittelst der Röntgen'schen X-Strahlen eigens für sie von Herrn Paul Spies in der Berliner Urania gemacht sind, sowie ein wohlgetroffener Bildniß Röntgens, bringt die Moderne fttttsfl (Verlag von Rich. Bong-Berlin, Wien und Leipzig) in ihrem soeben heransgegebenen zwölften Heft des zehnten Jahrganges. Daß die „Moderne Kunst" mit überraschender Geschwindigkeit den Ereignissen folgt und überhaupt in allen Dingen aus der Höhe der Zeit steht, beweist sie mit dem Inhalt des zwölften Heftes wieder in erfreulicher Weise. Das Heft enthält einen solchen Reichthum an vorzüglich ausgeführtem Bilderschmuck, an ausgezeichneten Kunstbeilagen und an interessantem Text, daß sich über diese Leistungen nur die wärmste Anerkennung aus>prechen läßt, und um so mehr, als der Preis wie gewöhnlich nicht mehr wie 60 Pf. beträgt. Redaktion: A. Echeyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniversitätS-Buch- unb Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.