H Nr. 8« Samstag btt! 25 Juli 't-V-«v x/1 V e e x/v emilKfiPlaikF ki;ei;er Untechaltungsdlatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) W Die Töchter des Popen. Roman von Marguerite PoradowSka. Deutsch von M. Pillet. (Schluß.) Sofort nahmen die unzufriedenen Gesichter der Patrioten wieder einen ehrfurchtsvoll-ergebenen Ausdruck an; hatten sie doch plötzlich ihren Herrn und Meister wiedergefunden, unter dessen Uebergewicht ste fich unwillkürlich beugten. »Nun dann um so besser," stotterten ste. „Niemand soll uns anschuldigen, zum Unfrieden gerathen zu haben." „Gut, gut," sagte Vincenz, der innerlich über ihre jämmerliche Miene lachte, „ich hoffe, in vierzehn Tagen werden wir, meine Frau und ich, Sie einladen können, a pendre la cremailldre, wie der Franzose sagt." Und sachte schob er sie mit seinen großen Händen an den Schultern zur Thür hinaus. Dann rief er dem alten Reitknecht zu: „Anton soll gleich ein Pferd satteln und eine Bestellung in'« Pfarrhaus besorgen I" XXI. E« hatte zwei Uhr geschlagen auf dem viereckigen Thurm am Marktplatz. Der Wächter hatte sein einförmige« Horn- stgnal in alle vier Weltgegenden hinaurgeblasen, um der Einwohnerschaft zu zeigen, daß seine Wachsamkeit nimmer schliefe. „Schon zwei Uhr!" rief Thaddäus „Der Pope wird nicht mehr lange auf stch warten lassen. Die Zusammenkunft war ja auf halb drei Uhr festgesetzt, nicht wahr?" A Der Thierarzt nickte. „O, er wird schon pünktlich sein!" „Nun, trinken wir auf guten Erfolg, stoßen Ste an, Rayski, und Du auch, Janek!" Der Augenblick nach dem Mittagessen war gekommen, wo die Menschen mit befriedigtem Magen friedlich und heiter gestimmt find. Ein Diener brachte Kaffee und Cigaretten. „Also zweimal die Woche wurden die Bilder umgeräumt, sagen Sie?" fragte der Thierarzt den jungen Förster lachend. „Ja, Binia hat es mir erzählt. Die ganze Familie war dabeizbeschäftigt, mit Ausnahme der Dienstmägde, die man nicht in's Geheimniß ziehen wollte. Am Sonntag, Ihrem Tage, hing man die Polen auf: Stephan Batory, Korciuzko, die Königin Wanda, Mittwochs dagegen traten die Russen an ihre Stelle. Eines Sonntags war es aus Unachtsamkeit versäumt worben, Nicolaus den Unvergeßlichen herunterzunehmen und das Versehen wurde erst nach Ihrer Ankunft bemerkt. Sie können stch denken, wie die ganze Familie auf Kohlen saß. Aber Gott sei Dank, es ging noch glücklich vorüber." „Was für ein Schauspieler, dieser Thymoftäus!" sagte brr Oberförster und blies eine blaue Rauchwolke in die Höhe „Aber ich glaube, daß er noch mehr dumm als wirklich schlecht ist. Freilich verschlagen, eitel, eigennützig ist er sicher." „Und wie hart hat er fich gegen Binia gezeigt!" „O, da« soll er uns Alles bezahlen," rief der Thierarzt. „Aber er wird gleich hier fein; gehen wir in mein Arbeitszimmer." Dieses war sorgfältig in Ordnung gebracht und trug sein gewöhnliche» ernstes Aussehen. Vincenz wies dem Oberförster einen Sessel. „Setzen Sie stch, Herr Prästdent," rief er lachend, „denn Sie halten die Sitzung ab, Han« und ich, wir stellen die Kläger vor, und der Angeklagte ... ach, da kommt er!" Und wirklich hielt der Wagen Jvanickis gerade vor der Rampe; der Pope, dessen erhitzte» Gestcht große Unruhe ver- rieth, stieg aus, nachdem er dem ihn begleitenden Bauernjungen noch mit harten Worten eins Rüge erthsilt hatte. Das Zimmer war ziemlich düster, daher unterschied der ehrwürdige Herr, der von dem Lichte draußen geblendet war, die daselbst befindlichen Personen nicht sogleich. Erst al» er sich an die Dämmerung in der Stube gewöhnt hatte, sah er plötzlich die drei Männer, die er am wenigsten zusammen an- zutrcffen vermuthet halte und die ihm durch den Ernst ihrer Haltung fast den Eindruck eines Gerichtshofes machten. Be- sonders Janek» Gegenwart beunruhigte ihn. Was wollte denn der Sohn des Brunnenmachers hier, der Bursche, dessen An- blick ihm immer einen unangenehmen Zwischenfall in seinem Leben in's Gedächtniß rief? ., , Langsam hob er die Falten seines schwarzen Amtskleide», setzte stch auf eine Ecke des ihm zugeschobenen Stuhles und that so, als ob er sich lebhaft für die anatomischen Bilder, die an der Wand hingen, interesstrte. Mit seinen kleinen, tiefliegenden, furchtsamen Augen, dem — 342 De neue Ai eine Rei des ent» Ne zen über eine sol änderun Vorhand pfindunx oder Sc auch an beobacht Erkältur Ueberan QueckstlI stehung zwei A haltende! sprechen erfüllt n Die Zimmer täuschun, redete, d speisen i Verstell» Sch einsamur lichen Le besonder! Ach sich ged, mit Häm sie mit 1 es ihr I nannten! Am nach der überließ maßloser Da! auf dem de» Gar näherkov Abi vor ihr. sich und während Sofrony Dir mit der Binia a Wo Ga Di« schrei kräftige, Hey vis Pe, wegung. Da mit lusti sonderba Eir Brust b( Zeichen schmalen Munde, den herabhängenden Lippen, dem glatten Kinn sah er wie ei« in die Falle gerathener Fuchs aus. Der Thierarzt, welcher sein Mißtrauen bemerkte, sagte gutmüthig: „Sie können ruhig sein, Thymoftäu» Javanicki, wir haben keine schlechten Absichten mit Ihnen. Wenn ich Sie gebeten habe, zu mir zu kommen, anstatt mich selbst zu Ihnen zu begeben, so geschah dies, weil mir daran lag, Ihnen meine Erklärung im Beisein von Zeugen abzugeben." Thymoftäu» wich unmerklich zurück. „Uebrtgenr," fuhr Jener fort, „will ich mich kurz fassen. Vor einigen Monaten haben Sie mir die Ehre ängethan, mir die Hand Ihrer Tochter zu bewilligen. Um diese Zeit trugen Sie hohe patriotische Gesinnungen zur Schau- Sie wissen, ich bin ein Mann au» einem Guß, der Verstellung und der Winkelzüge unfähig; ich habe Ihnen daher auf'» Wort geglaubt- Dann während der ganzen Dauer unserer Verlobung sind Sie nicht einen Augenblick au» der Rolle gefallen, sondern haben im Gegenthetl einen ungeheuren Eifer für die polnische Sache an den Tag gelegt. Leider war Alle» dies nur eine Maske, die Sie ebenso leicht abzulegen verstanden, wie Sie jedesmal die Gemälde vom Nagel nahmen, wenn die Bilder Pauls I. und Alexanders II. Ihrem Interesse dienlicher schienen, al» die Stephan Batorys und der Königin Wanda." Der Pope erröthete heftig. Woher konnte der verteufelte Thierarzt alle diese Einzelheiten wissen? „Indessen, Ihre Tochter Binia liebte den Seminaristen nicht," fuhr Rayrki fort. „Verzeihung, Sie berühren jetzt ganz persönliche Dinge, und ich kann nicht dulden ..." Ä t m „Erlauben Sie, ich komme zur Hauptsache. Heute Nacht ist mit Hilfe de» Weine« und besonderer Umstände Ihr geschickt aufgebauter Plan eingestürzt und ich habe Ihr Benehmen gegen mich durchschaut. Wenn ich Ihnen meine Ansicht da. rüber ein bischen zu scharf ausgesprochen habe, so bitte ich deshalb um Vergebung. Heute, nachdem ich mir Alles überlegt habe, bin ich bereit, meinen Entschluß theilweise rückgängig zu machen, aber nur unter bestimmten Bedingungen, von denen ich entschieden nicht abgehe. Herr Thaddäus wird die Güte haben, Ihnen dieselben mitzutheilen- Und jetzt habe ich die Ehre, mich zu empfehlen." r k Darauf erhob sich Vincenz mit großer Würde und ging, seine riesenhafte Figur hoch aufrichtend, hinaus, hinter ihm Hans, welcher feine Freude kaum verbergen konnte. Die kleine, mit viel Ruhe vorgebrachte Rede hatte einen tiefen Eindruck auf Thymoftäu» gemacht. Was würde von hm verlangt werden? Er wandte den Blick fragend auf den Oberförster und sah so fassungslos und zerknirscht dabei au», daß es diesem leid that. „ „Die Bedingungen Ihre« Schwiegersohnes sind nicht sehr hart," sagte er lächelnd, «er verlangt einfach, daß Sie die Verlobung Binia» mit dem Seminaristen aufheben." Der Priester bewegte den Kopf halb zustimmend. „Und daß Sie dieselbe meinem Schützling Janek zur Frau geben." , „Ntematt!" rief Thymoftäu», roth vor Entrüstung. „Wie können Sie auch nur daran denken — ein Mensch ohne Papiere, ohne Familie!" „Ein ehrlicher, fleißiger Mensch, der in der ganzen Um« gegend geachtet ist," verbesserte ihn der Oberförster. „Dar wohl, aber jeder einfache Bauer würde sich bedenken, ob er ihn zum Schwiegersohn annehmen sollte." „Sie Übertreiben, Ehrwürden; da« Landvolk hat gesunden Menschenverstand und bei uns wird das Kind nicht für die Eltern verantwortlich gemacht." „Und was werden meine Freunde und Bekannten von dieser Heirath sagen; sie werden sich lustig über mich machen, mich verachten." „Lassen Sie ste reden." „Ich verstehe den Thierarzt gar nicht, ein Mann ivon so guter Herkunft, der au« einer adeligen Familie stammt und einen solchen Schwager nicht verschmäht!" „Herr Rayrki hat ein edle« Herz, dar über solche elende Kleinigkeiten erhaben ist." „Mein Gott," stöhnte der Priester, „war wird meine arme Diotyma sagen?" „Nun, sie wird Ihnen vor Freude um den Hal» fallen und Sofrony» auch. Denken Sie doch an die Seligkeit der armen jungen Frau, die einer Scheidung aus dem Wege geht. Es ist abgemacht," fuhr der Oberförster fort, „daß der Thierarzt feine Gattin gleich, nachdem das Aufgebot Ihrer Tochter mit Jrnek erfolgt ist, abholt; deshalb bitte ich Ste, mit der Mutter des jungen Mannes sobald als möglich in Unterhandlungen zu treten." „Man traut mir also nicht," brummte der Pops zwischen den Zähnen. Thaddäus hielt es für besser, nicht zu antworten- Einige Minuten später beobachteten Vincenz und Janek, hinter den Gardinen im Speisezimmer versteckt, voller Freude die Abfahrt des Popen, der jetzt ganz demüthig und fügsam geworden war und in voller Erle der ziemlich weit entfernt liegenden Wohnung der Favronka zujagte. Vor zehn Jahren hatte er sich hartnäckig geweigert, dem armen Brunnenmacher auf demselben Wege zu Hilfe zu eilen, auf dem er jetzt sein Pferd zum Galopp antrieb. „Meine Tochter dem unrechtmäßigen Sohne eines Bauern geben I" stöhnte er, vor Wuth erstickt. Das hinderte ihn jedoch nicht, als er in der Hütte an- gekommen war, die Mutter Janek» mit abgezogenem Hut um >ie Hand ihres Sohnes für seine Tochter Binia zu bitten und seine Rede mit honigsüßen Worten, die ihm die Furcht eingab, zu würzen. Und al» die Bäuerin traurig, aber doch mit stolzer Haltung sagte: „Sie wissen, Ehrwürden, daß mein Junge ohne Papiere ist," antwortete der Priester, ein liebenswürdiges Lächeln erzwingend, Janek habe sich selbst schon einen Namen gemacht, der so ehrenhaft wäre, daß seine Frau stolz sein könnte, ihn zu tragen. XXII. E» war des Abends spät; die Sterne blitzten am klaren, mondlosen Nachthimmel. Han» und Binia saßen in ihrem Hochzeitsstaat auf einer Bank im Garten- Weicher Blumenduft schwebte zitternd in der Luft und das tiefe Schweigen wurde kaum von Zeit zu Zeit durch dar Lied eines Heumachers oder das Pfeifen eines von den Wiesen heimkehrenden Hirten unterbrochen. Dicht aneinandergeschmiegt, beobachtete das junge Paar, wie in der Ferne die weißen Dünste, die vom Flusse aus- stiegen, längs den Usern emporquollen und seltsame Gestalten annahmen. Sie sprachen nicht, ihr Glück war noch so neu und jung, daß es ste fast erschreckte. War es denn kein Traum, daß Thymoftäu» vor einigen Tagen ihre Hände in Gegenwart der ganzen Familie ineinander- gelegt, Diotyma sie gerührt alle Beide geküßt hatte und daß jetzt Janek an der Familientafel neben der strahlenden Binia den Platz de» Seminaristen einnahm? Am Sonntag waren sie in der großen Kirche der Stadt aufgeboten worden und es schien ihnen, als hörten sie noch unter der holzgetäfelte« Wölbung des Gotteshauses ihre Namen erklingen, die der alte, ehrwürdige Priester den erstaunten Zuhörern als unlöslich verbunden verkündete. Und waren sie nicht heute Morgen endlich für» ganze Leben vereinigt worden? , , .. In ihrer naiven Dankbarkeit wären ste wirklich bereu, zu glauben, daß der liebe Gott, von ihrem Unglück gerührt, ganz besonders für sie ein Wunder gethan und ein Stückchen Paradies auf die Erde versetzt hätte. Im Eßzimmer waren einige wenige Gäste um den Popen und seine Familie versammelt; zuerst Janek» Mutter, dann Thaddäu», einige Förster au» der Gegend; aber ein Geladener fehlte doch: Vincenz, den Sofrony» seit dem frühen Morgen schon mit fieberhafter Ungeduld erwartete. Warum kam er nicht, um seine Gattin zu holen? Warum hielt er sei» «er 343 ™ sprechen nicht, obgleich alle von ihm gestellten Bedingungen erfüllt waren? Aus welchem Grunde zögerte er noch? Die junge Frau hatte sich scheu und einsam in ihr Zimmer zurückgezogen, wo sie sich ganz der bitteren Ent« täuschung htngab, ihren armen Kopf zermarterte und sich ein« redete, daß alle die schönen Versprechungen Rayskis nur Lockspeisen und Zwangsmittel waren, um sich für die List und Verstellung ihres Vaters zu rächen. Schon hatte sie drei Wochen in ihrer furchtbaren Vereinsamung zugebracht, drei Wochen unerhörten, unbeschreiblichen Leides, das ihr, dem verwöhnten, umschmeichelten Kinde, besonders wehe that. Ach, über diese boshaft neugierigen Blicke, die sie auf sich gerichtet fühlte! iWie sich dis Nachbarn beeilt hatten, ihr mit hämischen Worten ihr Mitleid zu versichern und wie sie sie mit besonderer Betonung „Fräulein Sofronya", nicht wie es ihr Recht war, „Frau Rayski" und „Frau Vincentowa" nannten! Am offenen Fenster lehnend, starrte Sofronya neidisch nach der Bank, wo sie die beiden Liebenden vermuthete, und überließ sich schluchzend und halb erstickt von Thränen ihrem maßlosen Schmerz. Dabei überhörte sie bas Rollen eines leichten Wagens auf dem steinigen Wegs, bemerkte nicht, wie die Umzäunung de» Gartens krachte und trockene Zweige und Blätter unter näherkommenden Schritten raschelten. Aber als sie aufsah, erhob sich ein riesenhafter Schatten vor ihr. E!» starker Arm umfaßte ihre Taille, zog sie an sich und ehe sie Zeit hatte, zu rufen, fühlte sie sich fortgetragen, während eine Stimme ihr in's Ohr flüsterte: „Ich bin es, Sofronya, mein Weib, meine Geliebte!" Die ungeheure, vorübereilende Gestalt, die »hre Beute mit der Geschwindigkeit eines Raubthieres entführte, hatte Binia aufgeschreckt. Was war das, was ging da vor sich? Ganz entsetzt stürzte sie nach Hause und tief ihre Eltern. Diese kamen mit bett Gästen und Mägden auf ihr Geschrei herbei, als plötzlich durch die Stille der Nacht eine kräftige, Allen wohlbekannte Stimme ertönte: „Via, vio! Hey vista!“ (Hü, hü! Links vorwärts!) Peitschenknall erscholl und die Räder setzten sich in Bewegung. Da rief Hans, der seiner zitternden Frau nachgeeilt war, mit lustigem Lachen: „Merkt Ihr es nicht? Das ist ja der sonderbare Kauz, der Thierarzt, der sein Weib entführt!" Ein tiefer Seufzer der Erleichterung entrang sich der Brust de» Popen. „Gottseigelobt!" sagte Diotyma und schlug dreimal das Zeichen des Kreuze». Nervenkrankheiten. Dem Kapitel der Nervenkrankheiten widmet die neue Auflage von Meyers Conversations-Lexikon eine Reihe fachmännischer Ausführungen, welchen wir folgendes entnehmen: Nervenschmerz (Neuralgie) im Gegensatz zu Schmerzen überhaupt, die ja alle durch Nerven vermittelt werden, eine solche Schmerzhaftigkeit, bei welcher anatomische Veränderungen oder nachweisbare Erkrankungen am Nerv nicht vorhanden sind. Am häufigsten werden vom N. die Empfindungsnerven des Gesichts, der Augenbrauen- und Stirnoder Schläfengegend befallen, nächstdem die Beinnerven, aber auch an allen übrigen Empfindungrnerven wird zuweilen N. beobachtet. Unter den Ursachen der eigentlichen Neuralgie ist Erkältung am häufigsten. Seltener entsteht N. infolge von Ueberanstrengung, noch seltener infolge von Vergiftungen durch Queckstlber, Blei, Kupfer, durch Sumpffieber, oft ist die Entstehung unbekannt. Bei den meisten Neuralgien kann man zwei Arten de» Schmerze» unterscheiden, nämlich einen anhaltenden, durch Druck vermehrten, auf umschriebene Punkte einer Nervenbahn beschränkten, nicht sehr heftigen, aber lästigen Schmerz und einen in Anfällen auftretenden, von jmen Punkten nach dem Verlauf de» Nerv» ausstrahlenden, überaus quälenden und fast unerträglichen Schmerz. Die Kranken geben gewöhnlich an, daß der Schmerz nicht an der Oberfläche, fordern in der Tiefe sitze; gewöhnlich sind mehrere Zweige eines Nervenstammes, aber nur selten alle Zweige eine» Nervs an der Affection betheiligt. Nicht selten breitet sich der N. von einem Nerv auf einen andern aus, welcher nicht denselben Ursprung hat. Manchmal werden im Verbreitungsbezirk des von dem N. heimgesuchten Nerv» Unregelmäßigkeiten der Blutvertheilung sowie der Sekretion und der Ernährung beobachtet, o&ne daß es bekannt wäre, wie die krankhafte Erregung der sensiblen Nerven sich auf die Gefäß- nerven Überträgt. Im Beginn neuralgischer Anfälle bemerkt man bisweilen, daß die Haut bleich wird, noch häufiger auf der Höhe der Anfälle, daß sie sich röchet, daß die Absonderung der Nasrnschleimhaut, die Thränen- und Speichelsekretion vermehrt wird. Bei manchen Neuralgien, namentlich denjenigen der Zwischenrippenneroen, entwickeln sich im Verbreitungsbezirk der kranken Nerven eigenthümltchs Ausschläge (Herbes zoster.) Der Verlauf der Neuralgien ist bis auf diejenigen Formen, welche unter dem Einfluß der Malaria entstehen, ein chronischer. Dabei ist er fast niemals gleichmäßig, sondern es wechseln Verschlimmerungen und Nachlässe der Krankheit ab. Zu Zeiten wiederholen sich die Schmerz« ansälle häufiger und erreichen eine bedeutendere Höhe, zu anderen Zeiten kehren sie seltener wieder und sind weniger heftig. Bei den durch Malaria bedingten Neuralgien (larvierte Wechselfieber) kehren die Schmerzansälle zur regelmäßigen Stunde wieder. Die Dauer des Schmerzes kann sich auf Jahre erstrecken, doch wird eine birecte Gefahr für das Leben durch den N. allein nicht gegeben; nut kann dauernde Schlaflosigkeit, durch den N. hervorgebracht, zur Entkräftung führen. Die Behandlung ist ableitend durch Blasenpflaster, Beratrin- salbe, Schröpfköpfe rc. ober allgemein bei rheumatischem N., wo römische Bäber, Schwitzkuren, Knetkuren empfehlenswerth sinb; bei Malaria hilft Chinin, gegen bie Schmerzen nach Vergiftungen Opium, später Schwefelbäder. Zur Betäubung wirkt vorzüglich bas Morphium- Zur dauernden Heilung wendet man neuerlich die Nervendehnung an. Schmerzen, welche durch erkennbare Krankheiten des Nervs oder Geschwülste und fremde Körper ober Druck innerhalb enger Knochenkanäle hervorgerufen werden, sind dem N sehr ähnlich, sie erfordern örtliche Behandlung, besonders Entfernung bet ben Druck ausübenden Geschwulst ober bergt, durch Operation. Nervenschwäche (lat. Nervosität, gtiech. Neurasthenie), eine in unserm Jahrhundert immer häufiger werdende Störung des gesammten Nervensystems, d. h. des Gehirns, des Rückenmarks, des peripherischen und sympathischen Nervensystems. In diesem weitesten Sinne gefaßt, sind es die „Nerven", welche bei den erhöhten Ansprüchen an dis geistige und körperliche Leistungsfähigkeit der vornehmen Gesellschaftsklassen angegriffen werden und namentlich zartere Frauen nötihigen, nach den Strapatzen einer gesellig bewegten Wmter- saison für ihre Reizbarkeit, Schwindelanfälle, Kopfschmerzen, reißenden Schmerzen in Armen ober Gesicht, Herzklopfen, Abgeschlagenheit und Unfähigkeit zu körperlichen Anstrengungen einen Arzt zu befragen ober auf eigne Verordnung an einem ruhigen Ort im Walde oder an bet See Erholung zu suchen. Aehnlich ergeht es auch ben jungen Lebemännern, welche zu viel geschwelgt unb zu wenig geschlafen haben; ähnlich aber auch zahllosen Männern, benen eine schwere Berufspflicht, eine angespannte Geistesarbeit, ein rastloser Kampf ums Dasein mehr zugemuthet hat, als Körper unb Geist auf bie Dauer ohne Schaben ertragen können. Ganz irrig ist aber bie vielbereitete Annahme, daß die N. nur ein Leiden der begüterten unb gebtlbeten Klassen fei, benn Noth und Sorgen, Entbehrung der nothwendigen Nahrung bei harter körperlicher Arbeit, Uebetteizung durch Alkohol und Tabak, Kummet und Niebergeschlagenheit führen zu der gleichen Anomalie des Nervensystems. Die N. ist eine Funktionsstörung, 344 — keine eigentliche Krankheit; sie besteht, ohne daß man im Gehirn oder in den Nerven eine Entzündung oder sonstige anatomische Veränderung nachweisen kann, wie es bei den echten Nervenkrankheiten der Fall ist. Dennoch ist die Unterscheidung oft ganz außerordentlich schwer, manche Fälle von nervöfem Zittern sind z. B. leicht mit dem Zittern beim Beginn von Gehirnlähmungen zu verwechseln, manchs Klagen über gestörte Verdauung find den Erscheinungen bei Magen- und Darmkrankheiten so ähnlich, daß nur die sorgfältigste Untersuchung eines erfahrenen Arztes hier die Grenzen ziehen kann. Auch sich allmählig und anfangs oft unmerkttch ent- wickelnde konstitutionelle Krankheiten mit chronischem Verlauf, wie z. B. die Zuckerkrankheit, sind schon eine Zeitlang mit N. verwechselt worden. Allmählich hat sich in der Lehre der Nervenkrankheiten der Name Neurasthenie eingebürgert für einen Symptomencomplcx, welcher bei aller Mannigfaltigkeit im einzelnen bei scheinbar schwerem Leiden innerer Organe doch dadurch ausgezeichnet ist, daß diese Leiden nicht auf wirklichen anatomisch nachweisbaren Veränderungen beruhen, son- dern auf Ernährungsstörungen des Nervensystems, woraus dann als wichtigste Schlußfolgerung heroorgeht, daß alle jene verschiedenartigen Klagen lediglich durch eine geeignete Behandlung der N- verschwinden können. Diese Neurasthenie im enger» Sinne ist vorwiegend beim männlichen Geschlecht zu beobachten, obwohl auch Frauen, welche den gleichen Schädlichkeiten ausgesetzt sind, davon befallen werden; im allgemeinen leiden dagegen Frauen mehr an jenem gleichfalls auf N- zu beziehenden Complex von Erscheinungen, welche die Neuropathologie als Hysterie zu bezeichnen pflegt. Die Ursache der Neurasthenie ist außer der erwähnten Ueberanstrengung ausschweifender Lebenswandel, zuweilen schließt sich der Prozeß an schwere Krankheiten, namentlich Unterleibstyphus, an, zuweilen führen gewaltsame Kuren, welche zur schnellen Entfettung eingeschlagen werden, jenen Schwächezustand herbei, zuweilen forcirte Schwitz-, Trink-, Hunger- oder Kaltwafler- kuren, welche zu den modernen „Heilmitteln" gehören und welche sehr zum Schaden der Patienten oft ohne ärztliche Vorschrift und Ueberwachung auf eigne Hand unternommen und durchgeführt werden. Vorzugsweise betroffen werden die geistig arbeitenden Klaffen und naturgemäß in höherem Maße in dem lebhaften Treiben der großen Städte als auf dem Land; Beamte, Offiziere, Aerzte, Gelehrte und Künstler stellen das größte Kontingent. Bei der verwirrenden Man- nigfaltigkeit der Symptome fei hier an einem Beispiel dar- gethan, wie bei einem ehrgeizigen Mann die N. aus Ueberanstrengung sich zu entwickeln pflegt: Im besten Mannesalter stehend, bisher gesund und kräftig, hat er 10 Stunden und darüber angestrengt arbeiten können, ohne an Frische dabei einzubüßen. Unter dem Einfluß einer Gemüthsaufregung fühlt er sich plötzlich bei der Arbeit unruhig und zerstreut, zeitweise schwinden die Gedanken, indeffen rafft er sie zusammen und arbeitet weiter, bis er wiederum von Aufregung und Angstgefühl befallen wird. Anfangs wird der Schwäche- zustand gewaltsam überwunden, allmählich versagen die Kräfte, es tritt Unfähigkeit zur Arbeit ein, die Zeit wird mit Grü- beln über den krankhaften Zustand ausgefüllt, es stellt sich ein Gefühl von Druck im Kopf ein, welche» den Kränkelnden zwingt, sich in den stillsten Winkel seiner Wohnung zurückzuziehen. Dabei wird er leicht erregbar, schreckhaft über jedes Geräusch (nervöse Hyperakusie), der Schlaf ist unruhig, gleicht mehr einem unerquicklichen Halbschlummer. Am Morgen erwacht er wieder, es gelingt ihm nicht, Zeitung oder Bücher zu lesen (nervöse Asthenopie), er leidet an nervösem Herzklopfen, fühlt sich beängstigt, die Brust zusammengeschnürt. Der Appetit fehlt, die Zunge wird belegt, gegen Speisen stellt sich Widerwillen ein, nach dem Effen folgt Uebelkeit und Ausstößen, Magenschmerzen (nervöse Kardialgie) und Stuhl- verstopfung (spastische Obstipation). Die Gemüthsverstlm- mung känn sich zur Hypochondrie und zu voller Schwermuth steigern. Alle diese Symptome hängen vom Gehirn ab (cerebrale Neurasthenie). Das Herzklopfen, Blutwallungen und rasch folgende Bläffe, übertriebene oder fehlende Schweiß- und Speichelsekretion deuten auf Störungen im sympathifchen Nervengeflecht hin. Daran schließt sich zuweilen als drittes Glied eine Reihe von krankhaften Störungen des Rückenmark» (spinale Neurasthenie), schnelles Ermüden von Arm und Beinen, Z ttern der Hände beim Ausstrecken mit gespreizten Fingern (tremor), krampfartige Muskelzuckungen und ein Gefühl von unaufhörlichen oder zeitweise ausfetzenden flatternden Bewegungen. Störungen der Empfindung äußern sich in Taubsein, Eingeschlafensein oder Ameisenlaufen, besonders in den Füßen, Schmerzen in der Wirbelsäule, welche im Verlauf der Nerven auf die Extremitäten ausstrahlen. Zuweilen ist die sexuelle Erregbarkeit gesteigert (Satyriasis), zuweilen erloschen (Azoospermie), namentlich bei bestehenden chronischen Krankheiten dieser Sphäre. Die Behandlung erfordert die größte Umsicht eines Nervenarztes, welche sich in jedem Fall zunächst auf die Beseitigung etwa vorhandener Organleiden, alsdann aber auf die N. als solche richten muß. Vor allem bedarf es eines tröstenden, den Kranken ermuthi- genden Zuspruchs. Es muß für einen geeigneten Aufenthalt in reiner Wald-, Gebirgs- oder Seeluft gesorgt werden; unter Umständen find Bäder, Kaltwasserkuren, Massage mit electrischer Reizung der Nerven, nervenstärkende Mittel, Bromkalium, Chinin, Eisen am Platz. Die Ernährung muß geregelt werden, und unter allen Umständen muß für die Zukunft den Schädlichkeiten, welche die N. hervorgebracht haben, vorgebeugt werden. Die Heilung ist gewöhnlich langsam, aber bei rationeller Behandlung und gutem Willen der Kranken ost von vollkommenem Erfolg, fl Humoristisches. Ein Haupthinderntß. Richter (beim letzten Versöhnungsversuche): „Nachdem Ihr Mann sein Unrecht einsteht und Ihnen gern wieder die Hand bietet, was für einen Grund haben Sie da noch, auf der Scheidung zu beharren?" - „Ach, ich kann jetzt nicht mehr zurück, Herr Richter — ich habe schon all' meine Sachen so schön gepackt I" Gut aufgefaßt. Hauswirth (zum elnziehenden Stu- denten): „Ich habe Ihnen doch schon gesagt, daß die Miethe pränumerando bezahlt wird?" — Student: „Selbstverständlich! Die bin ich Ihnen bereits schuldig!" Verschnappt. „Mein theurer Alfred, wir müffen den Hochzeitstag verschieben!" — „Da muß ich aber erst meine — Gläubiger fragen!" Unverzagt. Papa: „DiermalDast Du ein schlechter Zeugniß. Ich hoffe, daß das nächstes besser sein wird!" — Söhnchen: „So ist's recht, Papa, nurZden Muth nicht sinken lassen!" • Gaunerstolz. Richter: „Angeklagter, haben Sie etwas zu Ihrer Vertheidigung zu sagen?" — Einbrecher: „Ja, i' bitt' um mildernde Nmständ' . . . schau'n S' nur g'rad die saubere Arbeit bei dem Einbruch!" Zweideutig. Richter* „Angeklagter, der Zeuge behauptet, Sie hätten zu ihm gesagt, er sähe aus wie ein Affe.' — Angeklagter: „Ich kann mich wirklich nicht besinnen, Herr Richter, aber ich muß gestehen, Recht kann der Mann schon haben!" * « * Auf Commando. Pfarrer: „Herr Hauptmann, die Leute werden doch bei der Leichenparade die nöthige Rührung zur Schau tragen?" — Hauptmann: „Gewiß, ich werde im geeigneten Moment „Rührt Euch" commandiren I" „Und einen Aus: Sieh' zu, i Apropos, mir neulifl bad reisen bad wie in eine Geleg nicht etwa hübsch, abe rathe ich 5 ja auf mids unangenehn von Jckstäd Junge! W wäre, dam brauchen; ( Das i Rheinsberg Herabhänger Der ju seinen Kam wirklich ein blondem ©d stand. Daz gefälliger Kc erfreute. U verlassen, di seines Vater gekommen, den ihn alle die Verhüllt ging, sich zu Allerdir Redactton: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniverstMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Sch eh da) in Gießen.