Nr. 60. 1896. SamStag den 23. Mai üiuilkTil'lulkr zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) MK Pfingsten. Die Nacht entweicht I — Vom Dome klingt Der Glocken Geläut in's Kämmerlein, Dich weckend vereint mit dem Frührothschein, Der, leuchtend im Weltall, zu Dir dringt. Flugs, Sffne die Fenster dem pfingstlichen Tag Und öffne die Lider dem steigenden Licht, Das Dir entschleiert in Feld und Hag Der Erde strahlendes Angesicht! Mit Maien schmücke Dein gastlich Haus Und laffe den Geist der Liebe hinein, Es wird erst Pfingsten bei Dir sein, Wenn Du den Unfried weisest hinaus. Die Festesfreude wird Dir credenzt, Wenn heute und morgen und jederzeit An Deiner Seite veredelnd erglänzt Die Eintracht und Zufriedenheit. Wirf ab, was Dich im Leben beschwert, Verbanne des Haffe» lodernde Gluth; Zu befferem Leben faffe nur Muth, Dann wird Dir Pfingstengeist vescheert. Schau' um Dich! Predigt nicht die Natur Allüberall von göttlicher Kraft, Vom Himmelssegen in Wald und Flur, Der unergründliche Wunder schafft? D'rum, willst Deinen Gott Du recht versteh'» Und lernen, von Herzen ihm dankbar zu sein, Dann mußt Du im Pfingstensonnenschein Dich still in Feld und Wald ergeh'». Dort löst sich, was Dein Herz bedrückt, Dort findest Du wieder, was Dich verließ: Den inneren Frieden, der reich beglückt, Den Himmel auf Erden, ein Paradies! — Albert Roß- Gesühnt? Novelle von Zo« von Reuß. (Fortsetzung.) Plötzlich fiel Wülpern Doras Sprödigkeit und ihre sonderbare Angst vor seinen Liebkosungen ein, die mit ihrer früheren Hingebung im schroffen Gegensatz stand. „Dora, da steckt etwas dahinter!" keuchte er hervor. Ein Schrei Doras, mit dem sie in die Knies sank, war die Antwort. Wie in brennender Angst umklammerte sie seine Kniee. „Rede! Sprich!" befahl Wülpern. Und Dora redete — langsam — hastig — verworren. Wülpern verstand nicht viel, nur das Schuldbekenntniß hörte er heraus. Er fuhr sich mit der Hand über die heiße Stirn — dann schien er sich zu sammeln. „Steh' auf!" sagte er befehlend. Sie erhob sich, aber sie schwankte wie eine Rose im Winde. Wülpern gewahrte ihre Erregung und Schwäche und sagte ruhig: „Geh' zu Bett, Kind! Morgen — wollen wir weiter reden. Geh', ich bitte!" trieb er sie sörmlich hinweg. Und Dora ging wie eine Schlafwandelnde. Es war ihr anscheinend ein Trost, dem Gatten nicht mehr gegenüberzustehen. Die Wahrheit ihrer Natur war ihr verhängnißvoll geworden; sie vermochte weder die Liebkosungen des Gatten fernerhin zu ertragen, noch konnte sie lügen. ... Es mußte kommen, wie es gekommen war trotz aller guten Vorsätze. Ja, sie empfand sogar eine Art Triumph — blieb es nicht ein hohes Glück, für ihre Liebe zu leiden? Indem sie sich auskleidete und in's Bett schlüpfte, sang sie leise: „Besser, daß das Herz Dir bricht Von dem Kuß der Rose, Als Du kennst die Liebe nicht Und stirbst liebelose!" * * Wülpern war in sein einfaches Arbeitszimmer getreten und durchmaß es, eilig auf- und abschreitend, wie das erregte Raubthier seinen Käfig. 238 - hinzu. „Gedenkst Du lange hier zu bleiben?" srug Dora. „Bis morgen Abend. Auf dem Rückweg werde ich bei Mama vorsprechen. Darf ich ihr Deine Grüße bringen? „Willst Du mich nicht mitnehmen — dorthin? Wie sonderbar I" sagte Dora ein wenig verletzt. „Nein, Dora I" „Wie soll ich das Alles deuten?" „HSre, was ich Dir sagen will. Es ist die letzte Unter« redung, die wir miteinander haben, wenigstens die letzte Unter« redung unter vier Augen „Bernhard!" „Ja, es ist unsere letzte Aussprache, Kind! Nach dem Geständniß Deiner Liebe zu Mülverstedt find wir getrennt für's Leben. Oder könnte es anders sein? Sprich selbst! „Ist das Dein Ernst?" „ „Hältst Du mich aufgelegt zum Scherzen? Unmöglich! Wie fälltest Du neben mir leben, meine Liebkosungen ertragen können mit dem Bilde eines anderen Mannes im Herzen < Du wärst schlimmer daran als eine Dirne — fie hat wenig« sten» verlernt zu lieben. Und ich? Soll ich das aufgesparte heiße Gefühl einem Weibe gönnen, das es nicht versteht, miß« achtet, mißachten muß, weil es das Bild eines Anderen verlangend im Herzen trägt? Solche Ehe würde uns Beide nicht allein tief unglücklich machen, fie müßte auf die Dauer auch demoralistrend wirken. Und wir hätten noch eine lange Reihe Reinheit ihres Herzens!" „ c , Zf. , Der Brief entsinkt Wülperns Hand, ein wildes, laute» Aufschluchzen läßt stch hören. Sein Männerantlitz ist in Thränen gebadet, aber es wird allmälig unter ihnen wieder hell und die Thränen, die anfangs bitter und salzig, werden sanft und erleichternd. Zum ersten Male empfindet er die Thränenwohlthat! Tie charaktervolle Ruhe feine» Wesens kehrt zurück, er war der Leidenschaft fähig, aber er ist ihrer wieder mächtig geworden. Nein, da» Duell ist eine Rohheit und macht nicht ungeschehen, was geschah, bringt nimmermehr zurück, war verloren ist. Er weiß etwa» Besseres. Die Oberkleider von stch legend, streckt er sich lang auf dem Sopha aus und schläft in verhältnißmäßig kurzer Zeit ruhig ein, halb aus körperlicher Ermüdung, halb aus glücklich gewonnener Entschlußkraft. VIII. Am andern Morgen schien Alles wieder im Gleichmaß zu sein. Wülpern war freundlich wie immer beim Kaffee« trinken und versuchte sogar einen Scherz. Als er von einem kurzen Spaziergang aus dem Garten zurückkehrte, brachte er Dora eine letzte Rose mit und sprach: Dein Ebenbild, Kleine — ohne Schmeichelei! Wie die ein« fach« alte Eentifolie das urewige Bild der Rose bleibt trotz „Bitte, mache es Dir zuvor bequem, Kind! Die Reise hat Dich ermüdet!" bat Wülpern, freundlicher als bisher. „Du irrst — wenigstens nicht so sehr, um nicht plaudern zu können. Was thun wir hier? Hast Du Geschäfte hier, Bernhard?" „Geschäfte? Allerdings!" lächelte Wülpern schmerzlich. „Wenn sie auch ungewöhnlicher Art sind," setzte er finster Nndlick bli-b er stehen und schlug stch vor den Kopf: 1 aller Gärtnerkunststücke von Remontanten und dergleichen, so -- --»» und mW°m Seti mich Du Mr immer da« Bild d-« W-ib-, 6l«i6en, der "Ich kannte die Gefahr und wurde gewarnt von meiner holden Eva, der Eva — vor dem Sündenfall. - Apropos, Mutter am meisten von mir selbst! Dennoch - es trieb mich wir wollen morgen eine kleine Reise machen und ich rathe meinem'Schicksal entgegen! Dora, das „Kmd" - sie ist mein Dir, Dich aus längere Zeit mit Sachen zu versehen." Verbänaniß! Aber sie schien mich zu lieben, liebte mich viel« „Reisen? Schon wieder? Wohin?" frug Dora ver- St . O, ich begreift den Mohren Othello! Soll ich wundert. Sie hatte an eineAufforderung zum Reisens eilens sie au4 würgen? Vielleicht ist sie schon eingeschlafen I Nein, des Gatten in diesem Augenblicke am wenigsten gedacht, ich könnte ihr Blut nicht sehen. ... Es mußte kommen — „Wohin? Aufrichtig gesagt, ich weiß e» selbst noch nicht wie es gekommen ist!" — dennoch bitte ich, Dich auf längere Zeit einzurichten. Papa Er warf sich auf's Sopha und bedeckte das Gesicht mit in Gröpelingen wird durch mich benachrichtigt werden. Die beiden Händen. Dabei empfand er, daß ihm die Augen naß Antwort aus —" Damit nahm Wülpern einen Brief in geworden waren. Er hatte lange nicht geweint, zehn, Empfang, den ihm der Diener überreichte. „Hm, hm!" Manz'g Jahre lang nicht mehr. machte er, nachdem er ihn gelesen hatte; anscheinend stellte ihn Man redet vom Materialismus der Zeit und die Zei« der Inhalt nur halb zusrieden. „Etwas — sonderbar! In- tungen sind voll Liebestragödien," fuhr er fort. „Ich per» dessen--" Damit legte er den Brief in feine Brieftasche, stehe plötzlich die Nothwendigkeit der Duelle trotz meines Der Tag verging friedlich; dennoch lag es wie schwerer grauen Haares. Ich soll mir das Herz meiner Frau stehlen I Gewitterdruck auf den Gemüthern der Beiden. lassen, ohne den Räuber zur Rechenschaft zu ziehen? Nimmer- @8 roar roje eine Erlösung, als man am andern Morgen mehr! Ich bin ein ungeübter Schütze, habe keine Pistole n Eisenbahncoupöe saß, nicht mehr allein. Wülpern, der der Hand gehabt seit meiner Studienzeit und Münstedt ist mie qQ(, h^fig reisenden Menschen sehr schweigsam als Cavalier aus großer Schule sicherlich^ ein vortrefflicher unterwegs, war diesmal sehr mittheilsam und führte eifrige Schütze. Einer ei - das DM giebt mir die Möglichkeit, Unter^Qltung mit den Mitreisenden. Desto schweigsamer war mich zu rächen! Aus solchem Grunde hat es sich erhalten Qt6 et mit Dora später im Coupöe saß. Und als trotz oller Gründe, die dagegen sprechen. $$ jn unbestimmter Angst zu ihm flüchten wollte, mehr Wülpern trat zu einem Spind und entnahm demselben xjndlich als zärtlich, wies er sie rauh zurück. einen Pistolenkasten, der jahrelang daselbst vergraben gestanden ® z^end war das Ziel erreicht. L. ist eine elegante hatte. Die Waffen, auf Atlasgrund gebettet, waren zierlich beutcxe Mittelstadt mit einer Regierung und einem vornehmen wie Nürnberger Spielzeug, schienen aber von vorzüglicher I Regiment, welche einen hohen Comfort, aber auch den ent« Qualität. Die Hähne knacken. . . - Er vergegenwärtigt sich tpreÄenben Kastengeist erzeugt haben. Angenehme Promena« die Situation des Zweikampses. Wenn er durch Mülver« den, hübsche, freie Plätze und gute Hotels sind daselbst zu stedts Hand fallen sollte, ist wenigstens der rasende Schmerz cnbetL ersten und bestgelegensten Hotel hatte Bern« zu Ende, den er empfindet im Herzen, im Kopfe, allenthalben; Quartier bestellt der Tod durch den Tod überwunden! „Diese beiden Zimmer stehen zu Deiner Verfügung, Da plötzlich fällt Wülpern» Blick auf eine» Brief, e» Dora," fagte der Gatte, die junge Frau in einen eleganten sind Cousine Metar perlengleiche Schriftzüge. E» fällt dem @a(on geltend, „sie sind für Dich gemiethet . . ." Sohne auf, weil die Mutter sonst die regelmäßige Correspon« „Was meinst Du damit? Ich verstehe Dich nicht, Sern» dentin ist. m , , . _ _ fmrb!" Aengstlich geworden, reißt er den Brief auf. Cousine 9tuu Meta berichtet allerdings von einem erheblichen Unwohlsein der Amtsräthin, das indessen schon fast wieder gehoben ist. Aber sie empfindet in der Genesung Sehnsucht nach dem einzigen Sohne und möchte „gern Gute» von ihren Kindern hören". Der Brief schließt: „Bitte, lieber Vetter, geben Sie uns auch Nachricht über Dora. Sie war hier sehr nervös aufgeregt, so daß wir fie nicht ohne Sorge scheiden sahen. Denn wir haben fie sehr lieb gewonnen wegen der Güte und 239 - von Jahren miteinander zu leben, voraussichtlich wenigstens. Stimmst Du mir zu in meinen Gesichtspunkten? ' „Bernhard, um Gotteswillen, was willst Du thun?" „Was jeder Ehrenmann in diesem Falle thut, thun müßte: Ich gebe Dich frei, Dora, so heiß ich Dich liebe." „Du wolltest? - Wirklich?" rief Dora außer sich, indem sie unwillkürlich nach seiner Hand haschte, halb freudig dankbar, halb verzeihungflehend. Wülpern hörte nur den Jubel, der aus der Sicherstimme hervorklang. Wie Todtengeläut seines irdischen Glückes tönte er in seine Ohren. „Ja, Du bist frei von diesem Augenblicke an," fuhr Wülpern fort. „Auch ist Dein neuer Lebensweg bereits ein» geleitet — Du brauchst nur weiter zu gehen. Ich hielt es für meine Pflicht, ihn Dir selbst zu ebnen, denn ich konnte es allein — wenn ich Dir das Verdammungsurtheil der Welt ersparen wollte. Und ich will es, weil Du rein bist." „Bernhard! Edler Mann!" „Bitte, keine Sentimentalität!" wies er schroff ab. „Man verlernt dergleichen, wenn man wie ich zwanzig Jahre im Kampf um's Dasein gestanden hat. Man pflegt dann eben nur seine Pflicht zu thun oder das, was man dafür erkennt. Höre, was ich Dir sagen will!" „Nun?" „Ich habe mich mit Mülverstedt in Verbindung gesetzt und ihm meine Rechte an Dich abgetreten, natürlich nach rechtlich vollzogener Scheidung. Ich frug brieflich bei ihm an. wohin ich Dich bringen solle, und er nannte mir L„ weil er daselbst eine ältere Schwester besitzt, feine einzige, die dort an einen Regierungsrath verheirathet ist- So ist L. das Ziel unserer — letzten gemeinschaftlichen Reise geworden, Dora." Die junge Frau war aus's Sopha gesunken und schluchzte heftig, aber fast lautlos in ihr Taschentuch. Das Uebermaß der Empfindung schien ihr fast die Sprache zu rauben. End» lich sagte sie etwas beruhigt: „Ich füge mich Allem, was Du beschließest, Bernhard, weil Du es bist und mein Ver» trauen zu Dir grenzenlos ist . . ." Wülpern lächelte wehmüthig, sogar etwas ironisch. Dann fuhr er fast geschäftsmäßig fort: „Mülverstedt wird morgen Abend hier eintreffen, wie er mir schreibt; ich hoffe, Du darfst ihn zuverstchtlich erwarten. Bis dahin bleibst Du unter meinem Schutz, Dora. Wollen wir unten soupiren — natürlich gemeinschaftlich? Die Reise hat mir Appetit gemacht — vielleicht ist's auch die Erregung," setzte er nicht ohne Sarkasmus hinzu- . t . Dora stand auf, gehorsam wie ein Kind. Sie trocknete ihre Thränen und trat wie eine Schlafwandelnde zu dem großen Wandspiegel, um Anzug und Haar zu ordnen. Gespensterhaft bleich blickte ihr die Spiegelgestalt entgegen. Aber indem sie ihr Ebenbild anblickte und die reizenden blonden Stirnlöckchen über den Fingern kräuselte, kam gleichzeitig ein Wonnegefühl über sie: das Gefühl der wiedererlangten Freiheit. Er gab sie frei — vorüber waren die leidenschaftlichen, schmerzlichen Seelenkäwpfe der letzten Wochen! Sie brauchte nicht mehr weiter zu sündigen in Gedanken, durfte das von heimlichem Schuldbewußtsein niedergedrückte Haupt wieder emporheben. Und im Hintergründe die Aussicht auf alle Seligkeiten einer leidenschaftlichen, verzehrenden Liebe! Und das Alles hatte er gethan, Bernhard, der edle Mann! Am liebsten wäre sie ihm zu Füßen gesunken und hätte seine Knies umklammert in stummem Dank. Aber er war ebenso freundlich als kalt ablehnend — sie wagte es nicht. Unten im Speisezimmer war eine elegante Gesellschaft versammelt, Offiziere, höhere Regierungsbeamte und ein paar Rittergutsbesitzer aus der Umgegend saßen gruppenweise durcheinander, zechend und plaudernd. Trotzdem blieb Doras Helle Schönheit nicht unbemerkt, als sie Wülpern an ihnen vorüber» führte, um an einem gedeckten Seitentische mit ihr Platz zu nehmen. Es entging ihm auch keineswegs; dennoch aß er mit gutem Appetit und trank mehrere Glas Wein, während Dora, von unbestimmter Angst bedrückt, heute wie ein Vögelchen aß. Als die Mahlzeit vorüber, sagte Wülpern in einem Tons, der keinen Widerspruch zuließ und so laut, daß es dieNächst- itzenden vernehmen konnten: „Ich möchte noch meine Zeitung esen, Kind, ich habe es bis jetzt versäumt. Du aber thuft besser, zu Bette zu gehen und auszuschlafen, Kind!" Dann winkte er einen Kellner heran und als derselbe geschmeidig wie ein Aal und seroiettenbeflügelt herbeikam, raunte er demselben gleichfalls lauter als nothwendig in'» Ohr: „Geleiten Sie das Fräulein, meine Tochter, in ihre Zimmer. Apropos, das Frühstück wünsche ich allein einzunehmen." (Fortsetzung folgt.) Der alte Andreas. Auch eine Pfmgstgeschichte von E. Fahrow. (Schluß.) „Sonderbar," murmelte Vollrath. „Es scheint, daß hier nur der Glück hat, dem nichts daran liegt, und zu denen gehöre ich- Dagegen da drüben der alte Mann, der hier viel« eicht mit dem letzten Goldstück das Unheil verjagen will, das hn gewiß Jahre lang verfolgt hat, der wird stcher verlieren." So war es, das letzte Goldstück, welches der arme alte Mann mit zitternden Händen gesetzt hatte, wurde soeben von ,er Harke des Croupiers hinweggeholt. Asckbleich lehnte der Unglückliche sich in seinen Stuhl zurück. Vollrath aber griff blitzschnell hinüber, indem er zwei Goldstücke scheinbar im Rollen aushielt. „Dies ist Ihr Geld, Monsieur," sagte er höflich. „Ich sah, wie es Ihnen fortrollte." „Mais non, mais non,“ murmelte der Alte. „Pardon, — ich weiß es bestimmt," fagtze Vollrath, und fügte dann in einem Moment des Aberglaubens hinzu: „Setzen Sie auf Roth, — aber fchnell." Mechanisch legte nun der alte Herr ein Goldstück auf Roth. Er gewann. „Schwarz I" rieth Vollrath. Abermals ein Gewinn. „La mässe!“ rieth Vollrath nochmals. Zitternd vor Erregung beobachtete der alte Mann den Croupier. „Noir gagne, rouge perdel“ rief er. „O Gott! Welches Glück!" sagte der Spieler. „La mässe — rouge!“ flüsterte Vollrath. „Folgen Sie mir!" herrschte Vollrath. „Rouge gagne, noir perde!“ rief der Croupier. Ein Aufruhr entstand. Der alte Mann hatte eine ungeheuere Summe gewonnen. Lachend vor Freude half Vollrath ihm die Haufen Goldes 6er8e",hnt) jetzt gehen Sie! Sofort, — auf der Stelle!" sagte er, indem er mit dem Alten den Saal verließ. Monsieur — monsienr,“ stammelte der Aermste, der vom Kopf bis zu den Füßen bebte „wie soll ich Ihnen danken! Sie haben mir das Leben gerettet — ja, ja, ich reife ab, jetzt sofort, und komme niemals wieder hierher. Es war ein letzter Versuch — ich habe überall so viel Unglück gehabt. Gott segne Sie, junger Herr — und nehmen Sie einen Rath: Wenn Sie spielen wollen, so spielen Sie heute, nur heute. Morgen würden Sie vielleicht verlieren, aber heut haben Sie Glück. Adieu, ich reise." Schwindelig und erschüttert von den ungewohnten Ein« drücken begab stch Vollrath zunächst in sein Hotel, um eine Stunde auszuruhen. Wie er aber sein Zimmer betrat, begrüßte ihn mit gelaffener Würde — Andrea«. „Entschuldigen der junge Herr," sagte er ernsthaft — „ich dachte das Hotelgeld in Nizza könnten wir auf diese Tage sparen und da bin ich lieber nachgefahren. „Du bist unverbesserlich," sprach Vollrath, der dem Alte» nie zürnen konnte, „Du tyrannisirst mich täglich mehr. Nun, da Du einmal hier bist, steh, was ich gewonnen habe! 240 dann persönlich auf die Stube der Alten. Sie war leer, die Kassette verschwunden! Schreckensbleich eilte er zum Portier. — Jawohl, der alte Diener wäre abgereist, — gleich mit dem ersten Frühzug Der Portier glaube, nach Frankreich. Vollrath eilte auf sein Zimmer zurück und sank aus einen Stuhl. War es möglich! Diese treue, alte Seele hatte der Versuchung nicht widerstehen können und war durchgebrannt! Fort, das ganze schöne Geld fort! Und der Glaube an die Menschheit natürlich auch heidi! — O, e« war schrecklich! Vollrath brauchte mehrere Stunden, um sich von diesem Schlage zu erholen. Endlich sagte er sich, daß Jammern nichts nütze, und daß er am besten thäte, nach Hause zu reisen. Er setzte sich also hin und schrieb seinem Vater einen aufgeregten ausführlichen Brief. Darauf ging er noch einmal in's Casino, setzte noch einige Goldstücke, verlor sie, und reiste Abends tief bedrückt ab. Selbstverständlich war die Polizei gleich am frühen Morgen davon in Kenntniß gefetzt worden, aber Vollrath machte sich wenig Hoffnung auf die Ergreifung des alten Sünders. Als er nach zweitägiger, ununterbrochener Reife aus dem heimathlichen Gute anlangte, wartete seiner eine neue Ueberraschung. Mit wehenden Tüchern und Blumensträußen standen seine Angehörigen auf der Freitreppe. In ihrer Mitte aber, stolz erhobenen Haupte« — der alte Andreas mit der Kaffette unter dem Arm. „Hurrah l Hurrah!" schrie die Versammlung, als Vollrath vor fuhr. Der alte Andreas trat vor. „Entschuldigen der junge Herr," sagte er bescheiden, - „ich bin vorausgefahren, weil ich Angst wegen dem vielen Gelbe hatte. Hier in Pommern ist es ja wohl sicher — und da ist es nun, junger Herr." Vollrath platzte halb lachend mit einem fürchterlichen D onnerwetter heraus. Seine Kinderfrau hatte natürlich nur Angst davor gehabt, daß er das ganze Vermögen wieder verspielen würde! Und hatte Andreas etwa nicht recht gehabt? Kurze Zeit darauf wurde ein herrliches Pfingstfest mit Verlobung gefeiert. Denn Vollrath hatte dem jungen Trends! Schloß Trauta vor der Rase weggekauft und auf diesem Hintergrund bei dem alten Commerzienrath formell um Karolai Hand geworben. Und jetzt erhielt er sie, obgleich er so recht eigentlich noch nicht bewiesen hatte, daß er „Geld halten könne." Das konnte nur der alte Andreas. Rebaction: S. Schcyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmversttRS-Bnch- und Steindruckerei (Pietsch & ®($et)ba) in ©kfitn. Kopfschüttelnd betrachtete Andreas das Gold, dann streckte er die Hand danach aus. „Halt!" rief Vollrath. „Hände weg! Dies Geld geht Dich durchaus nichts an. Ich werde Nachmittags weiter spielen." Der Alte sagte nicht» mehr. Innerlich beschloß er, eine dringliche Depesche vom pommerschen Heimathsherd zu veran- laffen, sobald der Spielteufel etwa seinen lieben jungen Herrn zu arg packen würde. , ,, Vollrath verbrachte einige Stunden in genußrerchem Umherfchlendern auf jenem paradiesischen Fleckchen Erde, welches der Teufel ganz wie zu Evas Zeiten, nur in anderer Gestalt, vergiftet. t „ Schon wollte er tugendhaft an dem Casino vorbeigehen, äls ihm die Mahnung des abgereisten Spieler» einfiel, — heute hatte er Glück — gut, probiren wollte er die Sache noch einmal. Er ging hinein und setzte sich an den Kartentisch. Gleich der erste Einsatz brachte ihm einen Gewinn. Vollrath lachte hellauf, was ihm das verwunderte Kopsschütteln mehrerer Mitspieler einbrachte, welche mit eiserner Gleichgiltigkeit Gewinn und Verlust trugen. Er setzte und setzte und wurde immer kühner, während vor ihm kleine Berge von Gold sich anhäuften. Schon längst hatten sich Zuschauer um ihn gesammelt, und der Croupier sah mit gleichgültigem Lächeln dem ver- gnügten Spiele zu. Jetzt beschloß Vollrath zehnmal hintereinander Roth zu setzen. Schlag auf Schlag gewann. „Eine Serie, eine Serie!" flüsterten erregt die Spieler ringsum, während einige sich an Vollrath's Sätzen festklammerten und ihm mechanisch folgten. Plötzlich ein allgemeiner Aufruhr — die Bank war gesprengt. Das heißt, es mußten neue Geldladungen vom Hauptdepot geholt werden, weil Vollrath alle vorhandenen Mittel gewonnen hatte- , , . Taumelnd wie ein Betrunkener erhob sich der junge Avisiert. „Einhundertachtzigtausend Mark hatte er eingestrichen! Welch unerhörtes Glück! — Ah, Karola!" dachte er, „jetzt können wir Hochzeit machen. Mein Gott, welch' unerwarteter Zufall! Morgen spiele ich natürlich weiter! Man muß sein Glück festhalten." ,, , , .. Der alte Andreas wurde ganz blaß, als sein junger Herr ihm die Haufen Banknoten und Gold zeigte. Eilig holte er die kleine Kassette herbei und schloß mit zitternden Fingern das Geld ein. , , , „Für die Nacht nehme ich es mit in mein Zimmer, junger Herr! Das Heidengeld sucht bet mir Keiner, und dem jungen Herrn könne es gar am Ende gestohlen werden." „Ja ja, nimm's nur," sagte Vollrath. „Morgen bringe ich Dir vielleicht noch solch einen Haufen. Jetzt gieb mir aber wenigstens tausend Mark her, ich will noch soupiren gehen." „Dazu brauchen doch der junge Herr keine tausend Mark I" rief entrüstet der Alte. „Kann man nicht wiffen. Donnerwetter, Andreas, mach' mich nicht wüthend, oder ich nehme Dir die ganze Kaffette." Schweigend, aber mit einem merkwürdigen Ausdruck um die schmalen Lippen, gab Andreas die verlangte Summe hin, und Vollrath begab sich zu einem luxuriösen Seet-Abend- effen, zu welchem er einen dort entdeckten deutschen Bekannten einlud. Mit schwerem Kopf ging er endlich schlafen und erwachte erst spät am anderen Vormittag. „Andreas!" rief er, gewohnt, seinen alten Diener vor der Thür zu finden. Niemand antwortete. Verwundert kleidete sich Vollrath allein an und ging Vermischtes. Alte Bekannte. Ein auffallend elegant gekleideter Herr trifft in einem Badeort eine ebenso auffallend gekleidete junge Dame, die ihm bekannt vorkommt. Er tritt auf sie zu, nimmt nachlässig den Hut ab und näselt: „Aeh — mein Fräulein — mir ist, als hätten wir uns schon einmal gesehen!' — „Stimmt!" ist die resolute Antwort. „Im Hotel Mansch in Wien; — ich war dort Stubenmädchen und Sie — brannten mit der Hotelzeche durch 1" Cordial. Richter: „Ah, Sie find ja schon ein alter Bekannter! Wir kennen uns schon lange!" — Angeklagter: „Ganz recht, Herr Präsident, was macht denn Ihre liebe Frau?" Humane Behandlung. Profeffor (zum Studenten): „Wenn Sie zu einem Patienten kommen und er klagt über Kopfschmerzen, was werden Sie zunächst thun?" — Student: „Ihn erst ausklagen taffen!"