UnterlMungsbLatt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger), KermerStag den 22 Oetober ,______________—-- (C| WW M WAWE WNBUWWBMWWW ' ED^D »- 7;'*r»> •x£jS* • •JHET Bfl W.^A^W MlAHk^D SgfcS] tesa ikE^-rW^AMWWAW Falsches Spiel. Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung.) Er stand auf und deckte ein feingesticktes Tuch, bar auf dem Teppich lag, über das starre Gesicht. Das Tuch, dem ein feines Parfüm entströmte, gehörte der Lady, wie Joe mit einer Anwandlung von Thetlnahme dachte. Diese Beiden hätten doch so vortrefflich für einander gepaßt I Joe Catton seufzte und setzte sich jetzt in einen bequemen Lehnsessel, um sich wieder mit seinem eigenen „Ich" zu be- fettigen, wozu nur der Lebende bekanntlich ein Recht hat. 17. Capitel. In der Falle. Mittlerweile saß Melwig bei seiner Nichte, die noch immer angekleidet auf ihrem Ruhebett lag und jetzt eine merkwürdige Fassung zeigte- „Du hast also diesem Herrn vom Adel gegenüber eine Niederlage gehabt, Onkel I" bemerkte sie, als er seine Mittheilung beendet hatte, etwas ungeduldig. „Wozu die Sache umschreiben? Dergleichen ist bei mir doch unnöthig." „Nenne er, wie Du willst, Ebba Regina I" murrte er» „ich konnte nicht anders handeln, weil ich mit den Gerichten nun einmal nicht» zu schaffen haben will. Glaubst Du vielleicht, die Sache hätte mir Spaß gemacht? — Wie hatte ich mich auf das Gaudium gespitzt, die Hand de« Gesetze» auf den Stolz des Römhild'schen Hause» zu legen, den adligen Namen mit Schanden zu bedecken." „Du hättest die Drohung nicht beachten, e» darauf ankommen lassen sollen, Onkel, nun ist der Schimpf auf uns zurückgefallen. Bedenke nur, daß wir mit einem Schlage gerächt worden wären an diesem hochmüthigen Adel." Melwig wiegte den Kopf. „Was hätten wir davon gehabt, mein Kind ? Nichts als Widerwärtigkeiten ohne Ende, vielleicht den Bettelstab." Ebba Regina sah ihn betroffen an. „Nun ja, es wäre eine Kette geworden, die mich in'» Gefängniß, oder gar ins Zuchthaus gebracht, vielleicht mein Verwögen gekostet hätte. Als der alte Herr von Römhild von dem Haftbefehl gegen feinen Sohn erfuhr — Gott mag wissen, «er ihm einen Wink davon gegeben hatte —" „Wahrscheinlich Dein Advocat fiel Ebba Regina et«. „Nein, der nicht, aber sein erster Schreiber, wie ich glaube, der Bursche ist nämlich der Sohn eines armen Adeligen, da» hängt wie Pech und Schwefel zusammen. Genug, daß der Alte Wind davon bekommen und sich hinter den Alting'schen Notar gesteckt hat, der ein ganz durchtriebener Fuchs ist. Obschon er nicht viel Zeit hatte, weil er verreisen wollte, so brachte er's doch in der Geschwindigkeit fertig, meinen Advocaten lahm zu legen, — und zwar mit Wurst wider Wurst! Haust Du meinen Juden, so hau' ich Deinen Juden! — Dem Betrug wurde das Hazardspiel in Lindenhagen, da» alle Junker bezeugen sollten, entgegengestellt, und dann wurde auch noch herauSgetiftelt, daß kein Betrug abseits« des Ulanen-Lieutenants erwiesen werden könnte, daß aber die Verhaftung mir theurer zu stehen kommen solle, weil man mir in den hohen Wechselsummen einen Betrug nachweisen und mich gerichtlich belangen werde. Was sollte ich thun, als klein beigeben?" „So verzichtest Du also auch auf die Einlösung der Wechsel?" fragte Ebba Regina spöttisch. „Nein, sie werden übermorgen zum vollen Werthe eingelöst. Dagegen habe ich mich leider verpflichten müssen —" Melwig hielt zögernd inne und strich sich mit der Rechte« über die Stirn. Eine Art wie Furcht schien über ihn zu kommen, Ebba Regina hatte es verstanden, selbst dem reichen Onkel, von dem sie doch gänzlich abhing, Respect einzuflößen. „Nun?" fragte sie kurz, als er noch immer schwieg. „Ja, liebes Kind, wenn ich die Sache recht überlege," fuhr er entschlossen fort, „so haben wir hier in dieser Gegend, umgeben von ausgesprochenen Feinden, ja eigentlich gar keinen festen Boden mehr, besonder» seit unser Freund Alting so schnell von uns gerissen worden ist. Ltndenhagen wird Dir also auch nicht mehr so sehr am Herzen liegen —" Ebba Regina hatte sich rasch aufgerichtet. „Sprich nur grad heraus, Onkel," unterbrach sie ihn finster. „Du hast Dich verpflichten müssen, Ltndenhagen M — zu verkaufen und Dich in dieser Gegend nicht wieder anzu- fiedeln." Melwig senkte den Kopf wie ein gescholtener Hund. „Ss liegt mir jetzt nicht mehr daran, hier zu bleiben," fuhr sie fort, „ich Haffe diese Gegend und auch dieses Haus. — Aber daß ste Dich dazu haben zwingen fönen«, Onkel, das könnte mich rasend machen." „Du sollst bestimmen, wohin wir ziehen, mit unserem Gelbe steht die ganze Welt uns offen," bemerkte er demüthig. „Hat man eine Frist bestimmt?" „Acht Tage — ich habe meinem Anwalt bereits den Auftrag zum Verkauf gegeben. Und nun höre, was ich dem Arzte aufgetragen habe." Er erzählte ihr die Unterredung mit demselben. Das war ein guter Gedanke von Dir, Onkel I Habs Dank im Namen des Tobten, den die Junker sonst auch feig hätten schimpfen können. Diesen Joe Cation aber müßten wir in ganz besondere Obhut nehmen. Ich traue ihm jedes Verbrechen zu." „Daran magst Du Recht haben, zumal er nun keinen Herrn mehr hat, der für ihn forgt. Ich hab' ihm für diese Nacht die Todtenwache übertragen, morgen muß er Zeugntß ablegen und dann muß ich ihm wohl das Reisegeld geben, um über'» Meer zurückzukehren." „Meinst Du, daß er damit zufrieden sein wird, Onkel?" sagte Ebba Regina unruhig, „ich taxire ihn anders. Er wird mehr haben wollen, viel mehr, sonst —" Sie schwieg, einen Schauer unterdrückend, und setzte dann anscheinend ruhig hinzu: „Ueberlaffe ihn mir, ich werde wohl am besten mit ihm fertig." „Gut, dann will ich mich auch endlich zur Ruhe begeben, es war ein rechter Unglückstag für uns, mein Kindl — Mir wäre es lieb, wenn Du vorher abreisest. Was meinst Du zu Kopenhagen?" Sie schüttelte verächtlich den Kopf. „Laß uns das Weltmeer zwischen uns und die Vergangenheit legen, Onkel," sagte sie kalt, „Amerika wird unsere rechte Heimath werden, dorthin paffen wir am besten, Du und ich." Melwig sah sie nachdenklich an- „Ja," versetzte er endlich, „Du magst Recht haben, wenn nur dieser Catton, der schlaue Yankee und gewissenlose Verbrecher, nicht ebenfalls hinübergtnge, und sich dort in seiner Heimath, wo er genug Cumpane wiederfindet, wie eine böse Klette an uns heften könnte, eine Klette, die sich so leicht nicht abschütteln ließe." „Ich sagte Dir bereits, daß Du den Burschen mir überlasten sollst, Onkel —" Er sah sie forschend an, nickte dann und ging geräuschlos hinaus und ebenso die Treppe hinunter. Als er sein Zimmer, das er unverschlossen gelassen hatte, leise öffnete, sah er aus seinem Schlafzimmer, das gegenüber lag, einen Lichtstrahl schimmern, die Thür, deren Schlüffel er bei sich trug, stand also offen. Er verschloß sie stets, weil neben seinem Bett der Geldschrank sich befand. Ein Dieb mußte also da drinnen sein. Um Melwig» breiten Mund zuckte es spöttisch. Der dicke Teppich dämpfte seine Schritte, im nächsten Augenblick schon stand et hinter Joe Catton, der den Geldschrank in Frieden gelassen, aber mit seinem Dietrich einen schmalen Eckschrank geöffnet und aus demselben eine Caffette genommen hatte, mit der er gerade im Begriffe stand, durchs geöffnete Fenster das Weite zu suchen. Es war keine schlechte Beute, die er erwischt hatte. Die Caffette war bis zum Rande mit Goldstücken angefüllt, die Melwig in F. von seinem Bankier für verkaufte Aktien erhalten und in der Eile und der Ueberraschung dieser Schreckensnacht in das Schränkchen gefetzt hatte- Letzterer wollte einige Schritte seitwärts machen, um feinen geladenen Revolver, der neben feinem Bette auf einem Tischchen lag, sich herzulangen, al» er an einen Stuhl stieß. Joe Catton wandte blitzschnell den Kopf und schwang sich auf die Fensterbank, doch Melwig kam ihm zuvor, denn bevor er den Sprung aus dem ziemlich hohen Parterre-Zimmer machen konnte, hatte jener ihn zutückgeriffen. Sie rangen lautlos mit einander, nur das schwere Athmrn der beiden Gegner war zuweilen hörbar. Es mochte Catton seltsam genug erscheinen, daß Melwig keine Hülfe herbeirief, ober hatte dieser Furcht, alsdann verloren zu sein? Der wüste, verbrecherische Amerikaner befand sich in einer schlimmen Lage, ließ er seinen Gegner los, um zu fliehen, dann hatte er eine Kugel im Rücken, beror er das Freie erreicht. Er mußte also selber diese gefährliche Waffe haben, calculirte Joe, und suchte demgemäß im Ringen Melwig vorwärts zu drängen, um in den Bereich derselben zu kommen. „Hund!" knirschte er, als der handfeste Wucherer ihm die Kehle umspannte, „also Du oder ich l" Er hatte den linken Arm freibekommen, in der nächsten Minute blitzte ein Messer in seiner Hand, Melwig taumelte mit einem heiseren Wnthschrei empor und hielt sich den rechten Arm, aus dem Blut hervorquoll. Joe Catton sprang auf und blieb dann wie erstarrt stehen. Auch Melwig, der in einen Sessel niedergesunken war, sah wie betäubt auf Ebba Regina, die geräuschlos eingetreten war, den Revolver ergriffen hatte und kaltblütig die Mündung desselben auf Catton gerichtet hielt. „Du bist es wirklich?" stöhnte Melwig, „das nenne ich zur rechten Zeit kommen, Kind, der Räuber, der Mörder, den ich unter mein Dach ausgenommen habe, hat mich gestochen- Wo hat er die Caffette?" „Geh' zum Doctor, Onkel!" sprach Ebba Regina ruhig, „wecke ihn und laß' Dich verbinden- Ich will mit diesem da schon allein fertig werden. — Geh!" setzte sie gebieterisch hinzu. Melwig gehorchte, er schlang fein Taschentuch um den Arm und wankte hinaus. Die brennende Wachskerze, die sie mitgebracht, stand im silbernen Leuchter auf dem Nachtschrank, während eine kleine sogenannte Diebes-Laterne ein Dämmerlicht verbreitete. Es war in der That ein seltsamer Zufall, daß Ebba Regina gerade im entscheidenden Augenbuck erschienen war. Eine seltsame Angst hatte ste nach ihres Onkel Entsernung p'ötziich erfaßt, eine Angst vor Joe Catton, der mit Ihnen unter einem Dache und zu jedem Verbrechen fähig war. Sie wußte dies selber am besten. Und dieser Mensch war in ihrer Nähe, dort Im Todtenzimmer, nur bur b einen langen Corridor, der nach einem angebauten Flügel führte, von ihr geschieden. Hatte man jetzt, wo Altlng tobt war, nicht Alles von ihm zu befürchten? — Diese Idee, die ihr plötzlich durch'» Gehirn fuhr, jagte ste empor. Sie warf einen Mantel über, nahm da» Licht und eilte, wie von einem gespenstischen Schreck.n gejagt, zum Onkel, um diese fürchterliche Nacht in seinem Zimmer zu durchwachen. So erschien ste plötzlich und wurde seine Retterin. Joe Catton kannte Furcht im Grunde nur von Hörensagen, da» heißt, was man eigentlich unter Furcht versteht- In diesem Augenblicke, angestchts dieser wie aus dem Fußboden entstiegenen Erscheinung fürchtete er sich wirklich- Sein gemeines Gesicht war weiß bis an die Lippen, der kräftige Mann zitterte wie ein Kind. Er hatte vor der „Lady" einen fast abergläubischen Respekt, mehr als vor der geladenen Waffe. „Ihr seid ein Dummkopf!" begann sie, den Revolver sinken laffend, da Ebba Regina nur Furcht vor einer unsichtbaren Gefahr hatte, „weshalb habt Ihr Euch nicht an mich gewandt, wenn Ihr Geld brauchtet? Um Eures Herrn willen hättet Ihr zur Reife und noch darüber von mir erhalten. So aber verathe ich Euch und werde Euch dem Richter übergeben." „Das werden Sie nicht thun, meine gnädigste Lady! murmelte Catton, „mein armer Herr halte Sie unmenschlich lieb -" - 495 — „Ihr seid in meiner Gewalt," unterbrach sie ihn, „ein Fluchtversuch und Ihr seid ein tobtet Mann. - Doch sollt Ihr gerettet werden, wenn Ihr mir folgt, ich bringe Euch in ein Versteck. Nehmt Eure Leuchte und geht voran zur Hausthür." Catton gehorchte. Ebbs Regina nahm einen Schlüssel, der im Schlafzimmer an einem Haken hing. Es war des Onkels Haupifchlüssel. Sie ließ den Verbrecher mit der Laterne vorangehen. .Nach der Grotte!" befahl sie leise. Der wilde Joe Catton gehorchte willenlos, sie hätte, wie es schien, auch ohne Waffe ihn bezwungen. Als sie die Grotte betraten, mußte er auf ihr Geheiß die Blende der Laterne schließen. — In diesem Augenblick öffnete sich geräuschloß die Wand der Eremitage. „Licht!" befahl sie gebieterisch. Er gehorchte. „Tretet dort ein, das Versteck ist sicher," fuhr sie fort. „Memme! es ist nur eine Puppe!" Catton hatte bei dem Anblick des Eremiten einen ent« setzten Schrei ausgestoßen. Ebba Regina lachte verächtlich. „Ich komme gleich noch einmal wieder, um Euch eine Flasche Wein zu bringen. Vor Tagesanbruch sollt Ihr Geld haben, verfolgt werdet Ihr nicht, dafür sorge ich." Joe Catton murmelte etwas, das .rote Dank klang, — es konnte aber auch ein Fluch gewesen sein. — Er grollte und bewunderte die Lady in einem Athemzug, — welch' ein Esel war John Alting doch gewesen, sein Pferd zu mißhandeln und mit einem Schlage Alles zu verlieren. „Ein solches Weib!" murmelte er vor sich hin. Ebba Regina kehrte erst nach einer geraumen Weile zurück. Sie schob ein Körbchen mit Wein, Fleisch und Brod durch die nur spaltweise geöffnete Wand, die sich ^geräuschlos wieder schloß und war lautlos verschwunden. Der Arzt, der soeben mit dem Verbinden des verletzten Onkels fertig geworden war, erklärte die Wunde für unge« fährlich. Er war ganz entsetzt von diesem nächtlichen lieber» soll und fand es unverzeihlich von Melwig, daß er den Räuber hatte entkommen lassen- „So ein Erzbandit," zeterte er, „die Todtenwache bei seinem armen Herrn zu benutzen, um eine solche schändliche That auszuführen, Himmel!" fetzte er erschreckt hinzu, „wer kann wissen, ob er nicht auch bei diesem Unglück seine verruchte Hand im Spiel gehabt hat —" „Nein," et klärte Ebba Regina bestimmt, „das ist nicht der Fall, und zwar schon deshalb nicht, weil er keinen Nutzen davon hatte. Im Gegentheil I", „Gleichviel, ich traue einem solchen Menschen Alles zu," beharrte der Arzt. „Nehmen Sie sich in Acht, Herr Melwig, der ist im Stande, Ihnen den rothen Hahn aufs Dach zu setzen." Letzterer warf einen besorgten Blick zu der Nichte hinüber, die unmerklich den Kopf schüttelte. „Beruhigen Sie sich, Herr Doctor" sagte er dann, „der Bursche ist zu klug, um sich hier wieder in die Nähe zu wagen. Legen Sie sich noch einige Stunden nieder- Mem Diener wird Sie rechtzeitig wecken-" Er entfernte sich mit der Nichte, die ihm auf sein Zimmer folgte, wo beide noch eine lange, geheime Unterredung mit einander hatten. Harald Römhild war mit einem Secundanten und einem jungen Mediciner, worauf jener fest bestanden hatte, bereits am Grenzteich, als der Arzt, der nach der Station fuhr, dort eintraf. Mit feierlichem Ernste überbrachte' er die Trauerbotschaft, die besonders auf den jungen Römhild einen fast lähmenden Eindruck machte. „Gott hat unsere Sache im Voraus entschieden," sprach er endlich mit einem tiefen Athernzuge, den Hut wie zum Gebete abnehmend und still vor sich hlnbllckend. „Wenn Sie die Güte haben möchten, die Familie zu benachrichtigen," begann der Arzt nach einer Weile aufs Neue, „Herr Melwig läßt sehr darum bitten, da ich mich beeilen, um früh genug nach der Station zu kommen. Die Leiche wird von Altlnghof aus wohl abgeholt werden." „Ich werde selber dorthin fahren und das Nöthige veranlassen," erwiderte Römhild," „Sie wissen doch, daß der alte Herr Baron krank im Forsthause liegt?" „Jawohl, wenn Sie es der Baronesse und dem Arzte mittheilen, das wird genügend sein- Sehen Sie nur, meine Herren, dies wird hier die Stells fein, wo das Unglück geschehen ist. Das Pferd muß durch den Teich geschwommen sein und ihn dann abgeworfen haben, einen solchen Reiter! — Sehen Sie, das wird hier der Stein gewesen fein, der seinen Tod veranlaßt hat- Richtig, er ist ganz blutig und auch der grüne Rasen ist mit Blut getränkt." Schwelgend betrachteten Römhild und sein Freund diesen Schlußstein eines abenteuerlichen Lebens, das auch Ihnen verhängnißvoll geworden, während der Mediciner, ein Student im achten Semester, der bei dem Secundanten zum Besuch war und mit den „Duell-Kisten", wie er zu dem Herrn Collegen sagte, hinreichend bekannt war, sich halblaut mit diesem über die Todeswunde des Herrn von Alting unterhielt. „Was ich noch sagen wollte, meine Herren," bemerkte der Arzt, als er schon Abschied genommen hatte, „ein Unglück kommt selten allein, hören Sie zu." Er erzählte nun in Kürze von dem Uebecfall in Linden« Hagen abselten des amerikanischen Dieners, der glücklich entkommen fei. „Bedenken Sie wohl, meine Herren," setzte er, den rechten Fuß bereits auf dem Wagentritt, noch eiligst hinzu, „dieser amerikanische Räuber war im Grunde der einzige Zeuge von der ersten Auffindung des Verunglückten und den hat Herr Melwig ohne jegliche Verfolgung ruhig entkommen lassen. — Ich wünfche Ihnen einen guten Morgen, meine Herren!" Die Herren lüfteten die Hüte und sahen dem davon- rollenden Wagen nach. „Alle Wetter," meinte der Mediciner, „das ist nicht angenehm, einen solchen Räuberhauptmann in dieser Gegend zu wissen. Da heißt es, aus der Wacht sein!" Harald Römhild nickte gedankenvoll und blickte seinen Freund an. Der L bende mochte ihnen noch immer ungefährlicher erscheinen, als fein tobtet Herr es gewesen roari „Nach AltinAofl" rief er dem Kutscher zu, als sie ihren Wagen bestiegen. Jedenfalls fuhren Harald und sein Freund leichteren Herzens von bannen, als sie gekommen waren. (Schluß folgt.) Wodurch wird die Zimmerluft beim Heizen verdorben? Von Dr. Hans Fröhlich. ------- (Nachdruck verboten.) Wenn das Fsuerungsmaterial im Ofen ordentlich brennt, wenn der Ofen genügend „zieht", so findet fortwährend eine so starke Luftaufnahme von der Stube her durch die Ofen« thüre statt, daß z. B. die Flamme eines vor die Oeffnungen der Ofenthüre gehaltenen brennenden Streichholzes weit hinein- gezogen wird. Dieser stundenlange mächtige Luftverbrauch muß natürlich durch die Stubenluft ersetzt werden, und diese bezieht ihren Bedarf von außen durch Fußboden, Thüren und Fenster. In dem Zwifchendeckmaterlal unserer bekanntlich sehr undichten Fußböden häuft sich nun aber allmählich eine große Menge Schmutz an, welcher sich von Jahr zu Jahr vermehrt: Es enlroicksln sich darin verschiedene Gährungs- und Fäulniß- prozeffe, reichlich unterhalten durch das eindringende Schmutz« wasser vom Scheuern und durch dis Exkremente von Mäusen und anderem Ungeziefer. Strömt nun die Luft durch solch einen verpesteten Fußboden, so wird sie natürlich bedeutend verunreinigt. Auch durch die Thüren bringt nur sehr selten wirklich reine Luft ein, ba sie aus den Hausflur münden, welcher meist den Sammelpunkt aller Gerüche aus Küche, Kammer und Klofet bildet. Die einzig rationelle Lüftung kann also nur durch geöffnete Fenster geschehen. Daher lasse - 496 — man, namentlich beim Beginne der Heizung, die Fenster einige Zeit offen stehen, damit noch ein genügender Vorrath an frischer Luft ins Zimmer eindringt. Es wird dies auch bedeutend innen zum ordentlichen „Ziehen" des Feuers beitragen. Ist die Feuerung erst längere Zeit im Gange, dann kann auch nicht mehr so leicht ein Austritt der höchst giftigen Verbrennungsgase (Kohlenoxydgas) erfolgen. Dieser findet eben statt, wenn es im Ofen nicht ordentlich zieht, wenn die Gase vom Luftzuge nicht sofort in den Schornstein mit fort- geführt werden. Hat freilich der Ofen Risse und Sprünge, so können auch durch diese die giftigen Gase austreten. Daher sollte stets zu Anfang des Winters jeder Ofen daraufhin innen und außen genau untersucht werden. Ein weiteres sehr wichtiges Vorbeugungsmittel gegen schlechte Zimmerluft ist das tägliche Reinigen der Röhre und Oberfläche des Ofen». Denn besonders bei eisernen Oefen ge< rathen die organischen Substanzen des aufgelagerten Staubes ins Glühen und verbreiten höchst schädliche brenzliche Gase. Ueberhaupt vermeide man in den Zimmern möglichst jede Verstaubung, welche stet» zu heftigem Husten reizt oder schon bestehenden Husten bis zur Unerträglichkeit steigert. In diesem Punkte sündigen namentlich die Dienstmädchen sehr, wenn ste beim Herausnehmrn der Asche mächtige Staubwolken zum Aufwirbeln bringen- Da muß die Hausfrau eine unermüdliche Eontrole ausüben. Sehr unangenehm, ja geradezu schädlich für den menschlichen Organismus wird die Zimmerluft auch dann, wenn sie einen zu geringen Feuchtigkeitsgehalt besitzt, was bei der erwärmten Btnnenluft oft der Fall ist. Allerdings muß es zunächst merkwürdig erscheinen, daß dieselbe Luft, welche doch draußen feucht genug ist, nun auf einmal, wenn sie ins Zimmer gekommen, zu trocken sein soll. Der Grund liegt darin, daß warme Luft bedeutend mehr Feuchtigkeit aufnimmt al» kalte. Es vermag z. B. ein Tubtkmeter Luft bei —20° C. nur 1,06 Gramm Wasser aufzunehmen, während er bei +20° C. 17,23 Gramm, also fast 17 mal so viel Wasser enthalten kann. Daher trägt es zum Wohlbefinden der Stubeninsassen bei, stets durch Wasserschalen, Springbrunnen, Aquarien , oder durch Bespritzen von Blatt- und Schlingpflanzen der Zimmerlust den genügenden Feuchtigkeitsgehalt zu verschaffen. Einen weiteren Fehler bei der Heizung begehen nicht Wenige durch ein „Zuviel". Unser Blut hat bekanntlich eine Temperatur von ungefähr 37° C. und verträgt ohne Schaden weder einen höheren noch einen niedrigeren Grad der Erwärmung. Man sollte nun glauben, daß man in einem Zimmer von 37° C sich so recht behaglich fühlen müßte: dem ist jedoch nicht so. Unser Körper ist einmal so eingerichtet, daß er fortwährend eine ziemlich bedeutende Menge Wärme abgeben muß, wenn wir uns behaglich fühlen sollen. In einem Zimmer von 37° C würden wir gewissermaßen in unserer eigenen Wärme umkommen. Man hat nun gefunden, daß ein gesunder Mensch sich am wohlsten befindet bei einer Luft- wärme von ungefähr 18° C. Wer in einem Zimmer von 18° C fröstelt, der ist entweder krank oder er versetzt sich augenblicklich durch Unthätigkeit und Trägheit in einen krankhaften Zustand; in letzterem Falle bedarf es nur einiger Leibesbewegung, einer leichten körperlichen Thättgkeit, um das richtige Gleichgewicht herzustellen. Die Eltern haben daher die Pflicht, darauf zu achten, daß die Zimmer, namentlich diejenigen der Kinder, nie wärmer find als 180 C. Wer den Kindern eine höhere Stubentemperatur verschafft, stimmt dadurch ihre natürliche innere Thätigkeit herab und macht sie träge und schläfrig. Geringere Wärme dagegen erhält sie rege und munter und fördert ihre geistige und körperliche Gesundheit. Ueberhaupt erzeugen Mädchen und Knaben durch regeren Stoffwechsel und schneller pulsire,rdes Blut schon an und für sich mehr Wärme, als sie bei 18° C im Zimmer verlieren. Man darf es ihnen daher nicht als Sonderbarkeit und Laune auslegen, wenn es ihnen zu heiß ist, wo ältere Personen ein Frösteln empfinden. Ste befinden sich wohler bei einem weit mäßigeren Grad der äußeren Äärme, und man erzeugt ihnen mehr Wohlbehagen, wenn man ste zu Leibesübungen anregt, als wenn man ihnen ein zu «armer Zimmer bereitet. Ander» freilich ist es bei bejahrten Menschen. Im Alter producirt man naturgemäß nicht so viel Wärme, als man bei 18° 0 verliert. Alte Leute frösteln daher bei solcher Temperatur und fühlen sich nur in dickerer Kleidung behaglich, welche die Leibeswärme nicht fortströmen läßt. Aber auch diese sollten sich das Zimmer nie wärmer als 20° C machen, denn sine höhere Temperatur erzeugt zu große Trockenheit der Luft und entzieht der Lunge und dem Blute zu viel Feuchtigkeit, weshalb wir auch im heißen Zimmer größeren Durst haben als im kühlen. Ein Gleiches gilt von solchen Personen, welche ein Lungenleiden haben. Sie em- pfinden in mäßiger Wärme ein Frösteln, weil infolge des Leidens ihr Stoffwechsel behindert ist und sie daher nicht die nöthigs Eigenwärme erzeugen. Durch größere Erwärmung glauben sie sich Wohlbehagen zu bereiten; allein die dadurch hervorgerufene Trockenheit der Luft ist ihrer Lunge höchst schädlich, da sie derselben beim Athmen zu viel Feuchtigkeit entzieht. Ein wärmeres Kleidungsstück ist ihnen zuträglicher als ein wärmeres Zimmer. Ungefähr ein halbes Jahr lang, den ganzen langen Winter hindurch, sind wir auf unsere geheizten Räume, aus unser Binnenklima, angewiesen. Daher lohnt es sich wohl der Mühe, der Zimmerheizung, diesem so wichtigen Factor sür unser Wohlbefinden, all unsere Aufmerksamkeit zu widmen. Wer in diesem Sinne häusliche Klimakunde treibt, der wird sich durch die kalte Jahreszeit nicht hüstelnd und stubenstech hinschleppen, sondern wird am Ende des Winters sich noch weit mehr gestählt und gekräftigt fühlen, als nach des Sommers erschlaffender Hitze! Zehn Gesnndheitsregeln beim Lesen und Schreibe». Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) 1. Setze dich möglichst in die Nähe de« Fensters (der Lampe) und zwar so, daß du das Licht stets von der linken Seite her bekommst. 2. Das Auge sei immer 35 cm von der Schrift entfernt; kann das Auge in dieser Entfernung nicht deutlich sehen, so muß der Arzt eine Brille verordnen. 3. Der Stuhl sei so hoch, daß du bei gebeugtem, aber am Körper anliegenden Arm mit dem Ellenbogen gerade die Tischplatte berührst. 4. Da die gewöhnlichen Stühle für Kinder meist zu niedrig sind, ist es nöthig, den Sitz des Stuhles zu erhöhen. Es geschieht dies am besten durch ein Lederkissen, welches auf dem Sitz befestigt wird. 5. Beim Sitzen müssen deine Füße mit der ganzen Sohle ren Fußboden berühren; ist dies nicht der Fall, so stelle eine breite Fußbank unter. 6. Setze Dich so auf den Stuhl, daß die Brust parallel mit der Tischkante ist, und lege den unteren Theil de» Rückens (vas Kreuz) während des Schreibens an die Lehne. 7. Da die gewöhnlichen Stühle für Kinder meist zu ief sind, so mußt du auch an der Rückenlehne ein Kissen befestigen. 8. Rücke den Stuhl so weit unter den Tisch, daß seine Kante noch 5 cm unter der Kante des Tisches steht. Der Arbeitstisch soll nie rund sein. 9. Die Ellenbogen müssen beim Schreiben dem Körper als Stütze dienen, lege sie daher am Körper an. 10. Das Buch lege immer mitten vor den Körper. gledaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm UniverfiKts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.