DKEag bett 22. September Nr. 111 smiNkWtM UnterhaltungsdLatt pim Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Falsches Spiel. Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung.) 9. Capitel. Ein deutscher Farmer. Zur selben Zeit, als Hans Justus Alting am Sterbebette seines Vaters saß, desien Erinnerung ihm in dieser für ihn so furchtbaren Nacht mit gespenstischen Schattenbildern peinigte, lag in einer einsamen Farm drüben in Amerika ebenfalls ein Mann im Sterben, dessen edelgeformtes, tiefge- furchtes Antlitz, sowie die einst so weißen, wohlgepflegten, doch jetzt eisenharten Hände von einem schweren Kampf um's Dasein erzählten. Reben seinem Beite kniete ein junger Mann, der die Mitte der Zwanziger erreicht haben mochte und die Rechte des Sterbenden umfaßt hielt. Auf dem schönen, offenen, gebräunten Gesicht spiegelte sich der Ausdruck innerstes Schmerzes, während er vergebens seinen Thränen zu gebieten suchte, die des Sterbenden Hand benetzten. „Ist denn Paulsen noch immer nicht zurückgekehrt?" tönte die Stimme desselben plötzlich mit großer Unruhe. „Nein, lieber Vater," erwiderte der junge Mann, „wenn es eine so wichtige Sache betraf, dann hättest Du mich doch lieber senden sollen. Freilich hätte ich Dich nicht verlassen können, aber Paulsen ist ein bejahrter Mann, dem leicht ein Unfall zugestoßen sein könnte." Der Sterbende seufzte und schloß aufs Neue die Augen. „Betrübe Dich nicht zu sehr, mein geliebter Sohnl" flüsterte er plötzlich zärtlich, als er die Thränen desselben auf seiner Hand spürte, „fasse Dich wie ein Mann, und sage mir noch einmal zu meinem Tröste, daß ich meine Pflicht gegen Dich erfüllt, stets wie ein Vater für Dich gesorgt habe." „O, Du bester aller Väter," versetzte der junge Mann, seine Thränen zurückdrängend, „mit einem ganzen Leben von Aufopferung hätte ich Dir Deine Liebe nicht vergelten können. Nur ein einziges Mal thatest Du mir weh, als Du sagtest, daß ich Dein Sohn nicht sei, und jetzt brichst Du mir das Herz, da Du für immer von mir gehen willst." Der Sterbende brückte ihm schwach die Hand. „Du weist, daß ich, der schleswig-holsteinische Offizier, der Sohn einer alten Geschlechts, dem ein anderes Lied an der Wiege gesungen worden, als Rebell fliehen mußte, um hier in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Ich hätte ja so gut wie anders Kameraden in Deutschland bleiben können, aber ich eignete mich nicht dafür, ein bürgerliche» Gewerbe zu ergreifen, weil wir Offiziere überall in den deutschen Staaten als Rebellen angesehen und demgemäß behandelt wurden. Ich besaß nur ein winziges Vermögen, mit dem ich auswanderte." Er hielt inne, erschöpft dis Augen schließend. „Du darfst nicht mehr sprechen, mein geliebter Vater I" sprach der junge Mann, dem Sterbenden, bei dem die letzte Lebenskraft noch einmal ausflackerte, die feuchte Stirn trocknend, „was geht mich jenes kalte Land an, wo man die edelsten Söhne verstieß, — ich hasse Deutschland und will nur Dich behalten, Dich, den man hinausgetrieben in eine fremde Welt." „Sprich nicht so, mein Sohn," bat der Vater leise, „in Deinen Adern fließt deutsches Blut, und Deinem ganzen Character, ja, Deinem Empfinden nach bist Du ein echter Deutscher. — Da Du Deine Mutter nicht gekannt hast, so mußte ich beides sein, Vater und Mutter, und — Gott sei gelobt, — Du bist an Bildung des Geistes und des Herzen» ebenso reich wie an Kenntnissen, um Dir Deinen Weg in der Welt selber bahnen zu können, weil da» Unglück uns in den letzten Jahren zu schwer heimgesucht und alle Ersparnisse verschlungen hat. Versprich mir noch einmal, geliebter Sohn, den Brief, den du versiegelt in meinem Schranke finden wirst, nach meinem Begräbniß zu öffnen und meinem Rathe, wenn's nicht über Deine Kräfte gehen sollte, zu folgen." „Ich verspreche er Dir, mein theuerster Vater!" erwiderte der junge Mann, „und gelobe feierlich, diesen Brief als Deinen Willen unter allen Umständen anzusehen und auszusühren." „Ich danke Dir, — aber — wo bleibt Paulsen? Mein Gott, wenn er zu spät gekommen wäre —" Der sterbende Farmer schloß die Augen, seine letzte Kraft schien vollständig erschöpft, da» Ende ganz nahe zu sein. In diesem Augenblick öffnete die alte Wirtschafterin, - 442 - ebenfalls eine Deutsche, die Thür und winkt« dem jungen Mann herauszukommen. „Paulsen schickt einen Brief an den Vater," flüsterte sie, „wollen Sie nicht selber mit dem Manne reden, Herr Romberg ?" Dieser besann sich einen Augenblick, kehrte dann aber erst in's Krankenzimmer zurück und fand den Vater bereits bewußtlos. Nach einer halben Stunde war er ohne Kampf hinübergegangen. Von Schmerz überwältigt, warf sich der junge Mann auf die Kniee, und barg das thränenüberströmte Gesicht an der Brust des Tobte«. Es war ihm, als habe er plötzlich Alles verloren, was die Welt an Werth für ihn enthielt, und es bedurfte erst des tröstlichen Zuspruchs, sowie der gewaltsamen Aufrüttelung von Seiten der alten Wtrthschasterin, welche leise eingetreten war, um ihm seine Fassung zurückzugeben. Dem geliebten Tobten die Augen zudrückend, breitete er sorgsam ein weißes Tuch über das ruhige, unentstellte Antlitz und ging dann hinaus zu dem Boten, welcher sich mittlerweile in der Küche mit Speise und Trank erquickt hatte. Es war der Knecht von einer ungefähr eine Meile entfernten deutschen Farm. „Wie, Peter, Du bist es," sagte der junge Farmer erstaunt, „warum kommt Paulsen nicht selber? — Ist ihm was zugestoßen?" „Könnte wohl sein, Herr Romberg," erwiderte der Knecht bedächtig, „ein nichtsnutziger Strolch, so ein Lump von Jankes hat ihn niedergeschlagen und rein ausgeplündert. Ich fand ihn auf unserem Felde, er wußte von nichts und da hab' ich ihn nach der Farm geschleppt. Er wollt' natürlich, als wir ihm seine Kopfwunde ausgewaschen und zugepflastert hatten, na, und das Hamburger Pflaster ist allemal dasjenige, was hilft, wissen Sie, Herr Romberg —" „Ja, Peter, aber wie stets mit unserem Paulsen," erinnerte ihr Romberg sanft. „Richtig, als er wieder zu sich kam, wollt' er mit aller Gewalt zu Haus, aber wir litten'» nicht, von wegen, daß er viel Blut verloren hätte, und nun ganz schwach auf den Beinen war. Wissen Sie, Herr Romberg, er ist ein alter Starrkopf, und so sagt mein Herr, Peter, sagt er, nimm Deine Füße in die Hand und laus', was Du kannst, nach Rombergs Farm, denn was der Alte meinte, kann nicht wahr sein, daß nämlich Ihr Vater nicht mehr leben thät', wenn er nicht flink nach der Farm zurückkäm', Herr Romberg!" „Er hatte recht, der brave Paulsen," sagte der junge Farmer mit gepreßter Stimme, „mein Vater ist vorhin gestorben." „Den Denksel auch," stieß der Knecht erschrocken hervor, „na, denn lesen Sie man den Brief, Herr Romberg!" Dieser öffnete dar mit einer Oblate geschloffene Schreiben, dar folgenden Inhalt hatte: „Lieber Herr Hauptmann! — Ich bin von einem nichtsnutzigen Kerl überfallen worden, der es jedenfalls auf einen Brief abgesehen hatte, den mir Lieutenant Alting selber übergeben hat. Ich bin schlau genug gewesen, ihn einem sicheren Mann anzuvertrauen und gar nicht selber mitzunehmen, weil mich der Lieutenant, mit dem es zu Ende geht, warnte und selber merkwürdig unruhig schien, daß der Brief mir gestohlen werden könnte. Er fragte mich, ob sein Sohn Hans Justus nicht bei uns gewesen sei; als ich das verneinte, freute er sich, daß er noch extra zu meinem Herrn geschickt habe und daß Sie mich auf seine Bitte zu ihm geschickt hätten. Ich mußte ihm viel von Ihnen und dem jungen Herrn erzählen und es that ihm furchtbar leid, daß Sie nach dem bösen Sturz vom Pferde nun schon ein halbes Jahr kränkelten. Da meinte er, dann wär's ihm schon recht, wenn Sie beide in Gesellschaft zur großen Armee abrückten, was ich aber nicht gelten ließ, denn mein Herr Hauptmann, sagte ich, ergiebt sich nicht so leicht. Na, wenn ich heim komme, will ich Alles genau erzählen, aber daß der Räuber mir meins Uhr und meinen Geldbeutel genommen hat, ist mir doch eine arge Demüthlgung. Gott tröste den Schelm, wenn er mir unter die Fäuste kommt." Romberg steckte den Brief zu sich und sagte, daß er seinen Wagen anspannen wolle, um Paulsen heimzuholen, Peter könne mit zurückfahren. Die Wirthschafterin mußte Betten in den Wagen legen und nach wenigen Minuten schon fuhr der junge Farmer, der seinem Vater soeben erst die Augen zugedrückt hatte, mit dem Knechte davon. Das Leben mit seinem ewig vorwärts treibenden Räderwerk gönnt dem Menschen keine Rast, am allerwenigsten aber Demjenigen, der mitten im Kampfe um's Dasein steht. Und ist es nicht gut so? Die Draußenstehenden brauchen den Schmerz und die- heilige Trauer, welche wir im Herzen tragen, nicht zu sehen, — die täglichen Anforderungen mit ihren Sorgen und Kämpfen dulden keine Thränen und scheuchen die Trauer erbarmungslos in die Tiefe der Brust, bis sie allmälig verblaßt zu einer Erinnerung, die nur noch von den guten Menschen in stiller Pietät gepflegt wird. Der junge Romberg wußte, daß mit dem Vater die letzte Hoffnung, sein Erbe, die kleine Farm auf ihren einstigen blühenden Zustand zurückzubringen, für immer zu Grabe getragen wurde; da ihm selber jetzt der Muth fehlte, in dieser Einsamkeit seine Jugendkräste nutzlos zu opfern. Viele Mißernten, räuberische Pferdediebstähle, Geld-Verluste, nun die letzte lange, durch einen unglücklichen Sturz verursachte Krankheit des Vaters, welche mit seinem Tode endigte, hatten die Vermözensverhältnisse der Romberg'fchen Farm derartig heruntergebracht, daß selbst ein günstiger Verkauf nicht die Hälfte der im Laufe der letzten Jahre nothwendig gewordenen Schulden decken würde. Der junge Mann sah sich am Rande eine» Abgrunds, der nicht blos seine Existenz, sondern ach was für ihn am schwersten wog, seinen ehrlichen Namen vn> schlingen würde, wenn es ihm nicht gelang, durchrastlose Arbeit nach und nach die Schulden tilgen zu können.. Sein Hauptgläubiger war der Besitzer jener großen Farm, welche sich unter dem Namen jbie „Rinder - Farm" weit und breit in der Gegend eines gewiflen Rufs erfreute. Der Besitzer, Willi Sander, war ein echter Norddeutscher aus den holstein'fchen Marschen, der mit der heimathlichen Viehzucht gründlich bekannt, vor vielen Jahren herüber- gekommen war, um hier sein Glück auf diesen Zweig zu gründen. Er hatte sich eine junge Frau, wie auch ein genügendes Capital mitgebracht zum Ankauf eines Stück Landes, wo er sich ein Wohnhaus erbaute, nur soviel Korn säste, wie für den Haushalt nöthig war und das Uebrtge in Wiefenlans umwandelte. — Mit der Rinder- und Schafzucht beginnend, fügte er bald auch die Pferde hinzu und wurde bei rastlosem Schaffen und kluger, mit strenger Redlichkeit verbundener Umsicht, worin ihm seine Frau eine tüchtige Gehülfin war, im Laufe der Jahre ein reicher Mann, der sich der allgemeinsten Hochachtung erfreute. Als Landsmann und zwar in engerem heimathlichen Sinne, waren ihm die Rombergs sehr liebe Freunde geworden, weshalb er sie auch mit Freuden unterstützt und ihnen die Vorschüsse fast gewaltsam aufgedrängt hatte. Wie hatten dis beiden ehrliebenden Männer unter diesen Schulden gelitten und wie schwer war dem einstigen Offizier bei diesem Gedanken das Sterben geworden! In der „Rinder-Farm" hatte ihr treuer Knecht, der alte Paulsen, der in des Hauptmanns Compagnie einst gedient hatte und diesem in's Exil gefolgt war, eine Aufnahme gefunden, als Peter, einer der Sander'schen Ochsenknechte, ihn besinnungslos auf einem Feldwege gefunden hatte. Der Gedanke an die nächste Zukunft, an die Verpflichtungen, dereqLMung ihm ganz unmöglich erschien, drängte sich wie ein'Ätzendes Gift durch die dumpfe Trauer, welche des jungen Rombergs Seele gefangen hielt. Als sich fein Wagen der „Rinder-Farm" näherte, glitt ein Stöhnen über seine Lippen, und der glühende Wunsch, da» glückliche Loos des tobten Vaters zu theilen, stieg sinnverwirrend in ihm auf. ~ „Nun, da sind Sie ja selber, mein lieber junger Freund! 443 rief Willi Sander, ihm vergnügt die Hände schüttelnd. „Ihr [ alter Paulsen hat einen Negerschädel, damned, nicht zu glauben, aber weglaffen, das könnt' nicht fein, sich erst unter Mutters Hand erholen von dem harten Schlag, nicht zu glauben, Sir I — Wie stehts mit meinem alten Freund Rom- berg? gut, natürlich, wir Schleswig-Holsteiner —" „Mein Vater ist vor zwei Stunden gestorben," erwiderte Romberg mit gepreßter Stimme. Der Rinder - Farmer prallte erschrocken zurück und schüttelte verständnißlos den Kopf. „Todt, mein alter Freund, der sich nicht zu gut hielt, mit mir umzugehen, obschon ich nur ein grober Marschbauer bin- Oho, das thut mir weher, als wenn mir meine Ochsen gestohlen wären. Sie könnens gewiß und wahr glauben, Herr Romberg!" „Ja, ich bin von Ihrer Theilnahme überzeugt, Herr Sander!" erwiderte der junge Farmer, mit ihm ins Haus tretend, „seine ützte Sorge galt meiner Zukunft und — Ihnen —" „Das heißt, er dachte noch zuletzt an den alten Willi Sander als an den Mann, der für feine braven Landsleute immer zu Hause ist, mit Rath und mit Thal," fiel dieser ihm mit Nachdruck in's Wort. „Und ich hätt's dem Hauptmann bannig Nebel genommen, wenn er's vergessen hätte. Trin," rief er, worauf seine Frau erschien, eine kräftige Gestalt von hohem Wuchs, der man ihre fünfzig Jahre noch lange nicht ansah, „hier ist der junge Herr Romberg, um Paulsen heimzuholen, meinst Du, daß es geht? — Na, treten Sie man in die Stube, junger Freund, er sitzt im Lehnstuhl mit seinem Brummschädel, machen Sie nich son trauriges Gesicht, es wär' am End' besser, wenn Sie's ihm anjetzo noch nicht sagten." Romberg nickte und trat ein, während der alte Sander sich zu seiner Frau wandte, um ihr die Kodesnachricht mitzu- theilen. Paulsen, der ehemalige schleswig-holsteinische Unteroffizier, ein kräftiger Sechziger mit einem verwitterten Gesicht, saß im Lehnstuhl, seine kurze Pfeife rauchend. ..Ja, da find Sie richtig zu mir gekommen, Herr Romberg I" rief er erfreut, „was macht mein alter Herr Hauptmann? — Besser, nicht wahr?" „Viel besser, alter, Freund — er befiehlt Euch aber, hier zu bleiben, bis Alles in Ordnung ist. Könnt Ihr mir etwas Genaueres über den Räuber mittheilen?" „Ich will nicht Christian Paulsen heißen, wenn's nicht Joe Catton gewesen ist," flüsterte der Alte, „hab's dem Sander gar nicht verrathen, weil der geschworen hat, ihn an den ^Galgen zu bringen, und der Herr Hauptmann mit so was nichts zu schaffen haben mag. Diese gottvergessene Frechheit, mich niederzuschlagen und zu berauben auf Grund und Boden der Rinder-Farm. Aber den Brief hat er gottlob nicht gekriegt, und darauf war's just abgesehen. Ich war ^nämlich zuerst nicht ganz betäubt, obschon er meinen Schädel traf, daß ich die Engel int Himmel singen hörte, aber ganz deutlich sein Fluchen und Toben nach dem Briefe. Hat der Esel, der John Alting, wohl zu viel Brandy zu sich genommen, meinte er endlich, und doppelt gesehen? Diesen Esel, hier schlage ich am besten ganz tobt. Er wollt' mir just den Genickfang geben, als er Schritte hörte, da machte er sich flugs aus dem Staube. Und dann wußte ich von mir nichts mehr und kam erst hier wieder bei Sanders zu mir selber. „Und was hattet Ihr denn beim Lientenant Alling zu thun?" fragte Romberg zerstreut. „Hat der Herr Hauptmann Ihnen nichts davon gesagt, lunger Herr?" „Nein, kein Wort —" „Hm, mit Lieutenant Alting, Sie kennen ihn doch, —" „Er war einige Male auf unserer Farm, als ich just abwesend war. Gesehen habe ich ihn niemals." „Richtig, mein alter Schädel brummt mir doch noch gewaltig," meinte Paulsen, einen ingrimmigen Fluch unterdrückend, „aber den Brief müssen wir erst haben. Der Lieutenant — es sah schlecht mit ihm aus — gab mir heimlich den Brief für den Herrn Hauptmann und band mir auf die Seele, ihn gut zu verstecken von wegen seinem Sohne, den er mit versiegelten Papieren nach unserer Farm geschickt habe. — Ihr könnt überfallen werden, sagte er ganz leise und mit einer gottsjämmerlichen Angst, — mein Sohn hat einen schlimmen Anhang. — Joe Catton zum Exempel, sagte ich und er nickte mit einem tiefen Seufzer dazu. Na, ich steckte den Brief zu mir und verließ das Wirthshau». Draußen trieben einige Sander'fche Knechte ein halbes Dutzend stattliche Ochfen daher, die für die Rinderfarm bestimmt waren; wir begrüßten uns und ich sagte leise: „Nehmt Euch in Acht, Jungens, Joe Catton, der Pferdedieb, treibt sich hier wieder in der Gegend herum. Ihr wißt, daß er auch einen Mast- ochsen nicht verschmäht." — „Wollen die Augen offen halten, sollt Dank haben, old boy! Wollen nur einen Brandy hinunter- gießen und dann weiter. Geht Ihr mit uns?" Das lag nicht in meinem Plan, denn ich bat den alten Jimmy, mir einen Brief nach der Rinderfarm mitzunehmen und band's ihm auf die Seele, ihn sorgfältig zu bewahren, da er für feinen Herrn von größter Wichtigkeit wäre. Jimmy ließ den Brief zwischen das Futter seines Rockes, das oben an einer Stelle zerrissen war, gleiten und nachdem ich mich von der unteren Dichtigkeit der Naht überzeugt hatte, ging ich meiner Wege. Da prallte ich an der Stallecke mit einem Gentleman zusammen, der mich scharf ansah. Es war der Sohn des dänischen Lieutenants, ein wüster Geselle, der ganz darnach aussah, daß er gleich mit Revolver und Messer bei der Hand war. Er sah mich scharf an und fragte, ob ich auf Rombergs Farm zu Hause sei und ob ich —" „Hört, alter Freund, Ihr seid verwundet und ich bin zornig auf mich selber, Euch die lange Geschichte nicht geschenkt zu haben," unterbrach Romberg ihn hastig, „was gehen mich jene fremden Menschen an, die Euch armen Kerl erst hlngeloctt und dann nach Banditenart niedergeschlagen haben? — Es muß eine nette Gesellschaft fein und ich danke (Sott, nichts damit zu thun zu haben." „Aber ich muß dem Herrn Hauptmann den Brief abliefern!" stöhnte Paulsen, beide Hände an den Kopf legend. „Wenn nun der alte Jimmy ihn verloren hätte, was sollte dann aus mir werden?" „Der Brief war doch von diesem kranken Alting, dem Vater des wüsten Sohnes, für meinen Vater geschrieben?" „Na, gewiß, Herr Romberg, haben Sie denn mein Schreiben, das ich durch den Peter schickte, nicht gelesen?" „Versteht sich, man wird ganz wirr im Kopfe, da ich nicht begreife, was wir mit diesem Gelichter zu thun haben." Der Verwundete sah ihn nachdenklich an. „Der Hauptmann wird's Ihnen schon sagen," meinte er dann, einen Seufzer unterdrückend. „Na, dann beruhigt Euch nur darüber, alter Freund!" sagte Romberg, sich erhebend, „denn was den Jimmy an» betrifft, so kann er doch nicht eher kommen als die Andern, — weil die Ochsen oft verzweifelt störrisch sind und nicht von der Stelle wollen." „Das stimmt," nickte Paulsen, dessen Gesicht sich ein wenig ausheiterte, „dachte gar nicht an die störrischen Ochsen." Romberg drückte ihm die Hand und verließ die Stube, während Paulsen vor sich hinmurmelte: „Entweder — ober! — Herr ober bankerott! Das ist mein Prinzip. Der Hauptmann hätt's ihm nicht sagen sollen, baß er nicht zu ihm gehörte. Das muß ich ihm auch noch klar machen. Ich kenne ihn, wird sich hüten, seinen Namen mit bem anbern zu vertauschen. Was wird's nun geben?" Der junge Farmer mußte noch draußen in der Küche der Frau Sauber stanbhalteu, ble nicht miibe würbe, ihm in ihrer Weise Trost einzusprechen, was ihm plötzlich so unerträglich würbe, baß er Kopfschmerzen vorschützte, um nur hinaus in bie frische Luft zu kommen. (Fortsetzung folgt.) — 444 Lind wir gesunder und kräftiger als unsere Vorfahren. Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Obgleich die Gesundheitspflege erst seit wenigen Jahrzehnten von der medicinischen Wiflenschast und von den staatlichen Organen wirklich gefördert und practisch ausgeübt wird, erstehen doch schon hier und da Schwarzseher, welche dem Menschengeschlechte eine allmähliche körperliche Entartung, eine stetig zunehmende Degeneration prophezeien, weil durch die Thätigkeit der Gesundheitspfleger eine große Menge schwächlicher und kränklicher Existenzen am Leben erhalten werde, die dann nach dem Gesetze der Vererbung ihre körperlich un- günstigen Eigenschaften auf ihre Nachkommen übertrage. Dadurch müsse unsere Rasse, wenn auch langsam, so doch sicher degeneriren und die Menschheit von Generation zu Generation immer ungesunder und schwächer werden. Als Ideal schwebt diesen Unheil verkündenden Propheten der alte spartanische Staat mit seiner Auslese der kräftigsten Individuen vor. Bekanntlich gehörte gemäß der Lykurgischen Gesetzgebung jeder Spartaner sofort nach der Geburt dem Staate an, der darüber entschied, ob der Neugeborene gesund und kräftig war und daher zu der Hoffnung berechtigte, ein nützliches Mitglied der Gemeinde zu werden, oder ob er, weil er schwächlich und kränklich, dem Staatswesen mehr zur Last als zum Nutzen gereichen würde, in welchem Falle dann sein Leben durch Aussetzen in eine Schlucht des Berges Taygetos zerstört wurde. Aber die Weltgeschichte hat zur Genüge bewiesen, daß die Lykurgische Gesetzgebung den Spartanischen Staat keineswegs vor dem Untergange bewahren konnte, und daß dieser auserlesene Volksstamm .weder körperlich noch geistig solche ruhmreiche und herrliche Thaten vollbracht hat, wie sein ganz ohne Zuchtwahl dahinlebender Rivale, das alte Athen. Was nun die Degeneration unserer Rasse betrifft, so mag wohl zugegeben werden, daß bisweilen dann allmählich eine Entartung sich bemerkbar machen kann, wenn nur Heirathen in streng abgeschlossenen Familien oder Gemeinden stattfinden und nie eine Aufnahme von frischem gesundem Blute aus andern Kreisen eintritt. Dann häufen und vermehren sich immer wieder dieselben angeborenen kleinen Erbfehler zu wirklichen großen Leiden, wenn nicht durch „Mesallianzen" dem Nebel bei Zeiten abgeholfen wird. Man trifft dies in einzelnen streng aristrokratischen Familien, in wohlhabenden unter ärmeren Leuten lebenden Bauerngeschlechtern oder bei Kolonisten, welche mitten zwischen uneivtlistrten Völkern leben. Das sind aber nur sehr seltene Ausnahmen; im allgemeinen rege- nerirt sich das Menschengeschlecht dank dem unberechenbaren Schalk Amor stets wieder durch Heirathen von Personen der verschiedensten Constitutionen und Anlagen. Ja, unsere Generation ist sogar gerade mit Hilfe der Göttin Hygiea gesunder und kräftiger geworden, als unsere Vorfahren waren. Der große Münchener Hygieniker, Professor von Pettenkofer, hat dies wiederholt hervorgehoben. So waren nach den Schilderungen Homers die damaligen Helden viel kleiner und schwächer als wir. Wenn man in Burgen und Museen die Rüstungen der Ritter des Mittelalters sieht, so erscheinen diese aus ihren Consolen zwar sehr imposant und riesig, aber in Wirklichkeit passen unsere Reiter und Soldaten nicht mehr in diese Rüstungen. Als bei der Hochzeitsreise der jetzigen Königin Victoria von England die schottischen Edelleute ihr ein nationales Fest geben wollten und dazu, um die Sache mögachst „echt" zu machen, die alten, in den Schlössern verwahrten Kleidungsstücke und Rüstungen hervorsuchten, zeigte es sich zur allgemeinen Ueberraschung, daß die Nachkommen viel größer und stärker waren als ihre Vorfahren; Männer und Frauen mußten auf das Anlegen der echten Gewänder verzichten und sich neue anfertigen lassen. Der Anthropologe Ammon, welcher speciell für das Großherzogthum Baden Messungen über die körperlichen Größenverhältnisse zu den verschiedensten Zeiten vörgenommen hat, stellte fest, daß voll 1840 bis 1878 die Wehrpflichtigen um ein bis eineinhalb Centimeter größer geworden sind. Also von einem körperlichen Rückgänge, von einer Entartung der Menschheit kann absolut nicht die Rede sein. Auch unser Gesundheitszustand ist ein viel besserer als derjenige unserer Vorfahren. Dies beweist namentlich die ganz sicher gestellte Thatfache, daß sich die mittlere Lebensdauer der Menschen, vom Tage der Geburt an gerechnet, im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte beinahe verdoppelt hat, d. h. daß der einzelne Mensch, welcher heutzutage zur Welt kommt, eins fast doppelt so große Aussicht hat alt zu werden, wie sie der vor mehreren hundert Jahren Geborene hatte. Während man die mittlere Lebensdauer im Mittelalter mit der ungefähren Zahl von 21 Jahren annimmt, wird sie für die Jetztzeit mit 40 Jahren angenommen. Dies gilt allerdings nur für die civilisirten Völker, für die Bevölkerung der ganzen Erde veranschlagt man sie ungefähr nur auf 33 Jahre. Die zuverlässigsten statistischen Angaben aus älterer Zett über diese Verhältnisse besitzen wir aus dem Canton Genf, von wo seit beinahe 400 Jahren genaue Todtenregister vorliegen. Dort betrug im Jahre 1560 die mittlere Lebensdauer 22Vs Jahre, wärend sie 1833 bereits auf 40Vs Jahre, also beinahe auf das Doppelte gestiegen war. In der Riesenstadt London starben zur Zett der Königin Elisabeth (1533 bis 1603) von eintausend Menschen jährlich 42, während tm Jahre 1846 sich die Zahl auf 25, und im Jahre 1891 auf 19 verminderte. Diese Beispiele mögen genügen, um statistisch zu beweisen, daß wir nicht nur, wie vorhin gezeigt wurde, kräftiger, sondern auch gesunder und damit langlebiger geworden find als unsere Vorfahren. Es ist also ganz falsch, von einer zunehmenden körperlichen Schwächung des Menschengeschlechtes zu sprechen, vielmehr findet sogar das Gegentheil statt, bewirkt durch dir hygienische Besserung unserer Lebensumstände, wie sie Civili- sation, Wissenschaft und steigender Wohlstand im Gefolge haben. Daher sprechen manche Natwnalöconomen und Hygieniker schon die Hoffnung aus, daß sich aller Voraussicht nach die mittlere Lebensdauer in ein bis zwei Jahrhunderten auf 50 Jahre erhöhen werde. Dann würde allerdings die schwierige Frage entstehen, wie für so große Menschenmengen genügender Raum und Lebensunterhalt auf unserer kleinen Erbe zu beschaffen sein dürfte. Aber darüber brauchen wir «ns jetzt noch nicht den Kopf zu zerbrechen. Wie unzählig viele Möglichkeiten gibt es, die in Zukunft das Menschengeschlecht decimiren können, bli wiederholt Zehntausend« und Hunderttausende plötzlich dahk« raffen können. Männermordende Kriege, ganze Landstrichs verwüstende Ueberschwemmungen, Städte und Länder deci- mirende Epidemien, Erdbeben, Feuers- und Hungersnoth, sie alle können, wie besonders die letzten Jahre gezeigt haben, in ganz kurzer Zeit Hunderttausende von Menschenleben vernichten und Gesundheit, Wohlergehen und Lebenskraft ganzer Völker für mehrere Jahrzehnte untergraben. Die Vorsehung sorgt eben auch hierin dafür, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen I Humoristisches. Falsch verstanden. „Wie geht'« Ihrer Frau?" — „Schlechter, Herr Doctor." — „Haben Sie ihr denn die Medicin gegeben?" - „Freilich." - „Und sie nach Vor- schrift geschüttelt?" — „Daß ihr Hören und Sehen verging! Nie dagewesen. Huber: „Wenn i Durscht hab', trink' i a Bier; wenn i recht lusti sei'will, trink' i an Wein, wenn's mer net recht extra is, trink' i an Schnapp Meyer: „Wenn trinken S' denn nach« a Wasser? Huber (verblüfft): „Ja so a Fall is mer no net fur- kommal" Stebaction: 8t. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UuiverstMS-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch & Scheyda) in ®it6eItl