1 * Tamsia, be» 22. August fc ♦ Vt Vee VV ammeokiKF r~-- M--—- £1 £ MnirchaUungsblatt jtnir Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Tante Doris. Novelle von Cethegus. ------- (Nachdruck verboten.) Mit welchem Rechte auch ich Frau Rector Neubauer als Tante Doris anredete, wäre schwer zu sagen. Wenn ein verwandschaftliches Verhältniß zwischen uns beständ, so war es jedenfalls von jener verwickelten und verzwickten Art, welche nur geübte Heraldiker und ältere Hansfrauen aufzu« dröseln verstehen. Ich lernte Frau Neubauer im Hause meines Vetters kennen, der mit einer Nichte der würdigen alten Dame verheirathet «ar; da sie in diesem Hause Niemand ander« als Tante Doris nannte, so fügte auch ich mich dieser bequemen Anrede, und sie hat es mir niemals verboten. Tante Dori« war Wittwe- Ihr Gatte war Leiter einer Erziehungs-Anstalt gewesen in irgend einem sagenhaft entlegenen Orte Ostdeutschlands, in welchem auch Tante Doris einst als Pastorstöchterchen das Licht der Welt erblickt hatte. In den Kreisen älterer Pädagogen lebte das Andenken des Rectors Neubauer noch fort al» eines ziemlich bärbeißigen Mannes von tiefen Keuntniffen und unbeschreiblichem Fleiße'; übrigen» munkelte man, daß dieser Fleiß in einem unter Pädagogen ungewöhnlichen Maße Frucht getragen und den groben Rector zum reichen Manne gemacht habe. Einige Zeit nach dem Tode ihre» Gatten hatte sich Tante Dori» dem Zug nach dem Westen angeschloffen und war schließlich in unserer schönen Rheinstadt angelangt, wo st« von meinem Vetter da» zweite Stockwerk seine« Hause» mtethete. Dort wohnte sie inmitten einer Ueberfülle sorgfältig geordneter Möbel, in Gesellschaft eine» altersschwachen Kanarienvogels und einer gleichfalls schon allen Versuchungen der Jugend entrückten Magd, welche nur da» Nothwendigste sprach, und die» wenige in einer polnisch, deutschen Mundart, die ich meinestheil» niemals enträthseln konnte. Uebrigens schloß sich Tante Doris keineswegs von ihren Verwandten ab. Allabendlich erschien sie freundlich nickend im Familienzimmer, von Allen zuvorkommend b-grüßt, um in ihrem weichen Polsterseffel Platz zu nehmen, mit jener zierlichen Steifheit, welche sie vor einigen sechzig Jahren in dem Honoratioren- tanzkränzchen ihrer weltfernen Heimath erlernt haben mochte. Ich sehe ihr gutmüthiges, etwas schläfriges Gesichtchen noch vor mir, mit den halbgeschloffenen Aeuglein und den sechs grauen Wickellöckchen an den Schläfen, je drei auf einer Seite. Ihre übrige Frisur verbarg sich unter einer weißen Haube, und oben auf dieser Haube wiegte sich schalkhaft ein buntes Schleifchen, für jeden Wochentag in einer anderen Farbe, man konnte danach so sicher gehen wie nach einem Wochenkalender. Das gehörte nun einmal zur ihren Eigenheiten. Sie hatte aber dieser Eigenheiten so viele, wie Löcher auf einem Fingerhut, und es waren einige recht unbequeme darunter. Mag sein, daß ich mich einmal in der ersten Zeit darüber gegen meinen Vetter unter vier Augen etwas verwundert ausließ; jedenfalls erinnere ich mich, daß er mir mit einem gswiflen trüben Lächeln sagte: „Lieber Freund, ich bin höherer Justizbeamter ohne Vermögen, muß repräsentiren, habe früh geheirathet und blicke nun auf zwei heirathsfähige Töchter; da muß man auf eine kinderlose Tante schon alle Rücksicht nehmen, abgesehen davon, daß sie die pünktlichst zahlende Mietherin ist und sich überhaupt nichts schenken läßt." Mit den zwei Töchtern hatte es seine Richtigkeit. Die ältere, Helene, galt von klein auf als Familienschönheit und wurde auch dem entsprechend behandelt. Mit ihren dunklen, kunstvoll gekräuselten Haaren über der weißen Stirn, mit den schmalen, sorgfältig gepflegten Händen und der ganzen schlanken, — vielleicht etwa» überschlanken Figur war sie ohne Zweifel die interessanteste Erscheinung der Castnobälle und Abendgesellschaften. Obendrein verstand sie eine ganze Reihe weiblicher Fertigkeiten edelster Art: sie häkelte und stickte wundervoll, spielte Clavier und sang dazu, zeichnete und malte in Oel und Wasser; auch nähte sie jeder Jahr in der Adventszeit mit Hülfe des Zweitmädchens ein Dutzend Neffelhemden für arme Kinder, und auf Gesellschaften in ihrem Elternhause pflegten bei Tisch gewisse kleine Kuchen, mit eingemachten Früchten gefüllt, zu erscheinen, welche Helene laut Versicherung der Mutter ganz allein zubereitet hatte. Von all diesen Vorzügen besaß ihre jüngere Schwester Martha leider so „ gut wie garnicht». Sie war ein gutes, rundliches Blondköpfchen, ein sogenanntes Pusselchen mit einer Stulpnase und einem unverkennbar etwas breit gerathenen Munde; übrigens war sie brav und fleißig, verfügte über eine Heiterkeit des Gemüths, welche nicht einmal durch ihre beständige — 390 Unterordnung unter die schöne Schwester beeinträchtigt wurde, und hatte eine ganz merkwürdige Fähigkeit, mit Kindern und mit brummigen Junggesellen — wie ich zum Beispiel — fertig zu werden. Bei alledem wär wenig Aussicht vor» Händen, daß Martha auch nur von dem Abfall der glänzenden Aussichten ihrer Schwester etwas mitbekäme, und so hatten die Eltern schließlich nach einigen Standesbedenken seufzend darein gewilligt, daß sie sich zur Lehrerin ausblldete. Zur Zeit, als ich Tante Doris kennen lernte, stand Martha gerade am Abschluffe ihrer Studien. Sie sah etwas ausgearbeitet aus und dauerte mich ordentlich. Um so mehr fiel es mir auf, mit welcher Herzlichkeit sie Allen, der alten Tante Doris so gut wie der schönen Helene, dienstwillig und freundlich war. Auch war sie in der That die Einzige, durch welche sich Tante Doris ab und zu veranlassen ließ, an der allgemeinen Unterhaltung lebhaften Theil zu nehmen. Denn in der Regel griff Tante Dori« in das Gespräch nur auf eine Art ein, welche jedenfalls zu ihren merkwürdigsten Einzelheiten gehörte. Meist faß sie schweigend in ihrem Lehnstuhl, scheinbar halb schlafend und nur mitunter an ihrem Glase Rheinwein nippend. Plötzlich aber geschah es dann, daß sie ein paar Mal mit ihrer runzeligen Rechten die Falten ihres Kleides sanft glättete und mit niedergeschlagenen Augen ganz leise und sanft eine Bemerkung einschob, die zumeist gar nicht zum Gespräch zu paffen schien und einem Witz ohne Pointe so ähnlich sah wie ein Ei dem anderen- Eines Abends war wieder einmal die Rede auf den neuen Friedhof gekommen. Da« war damals seit einiger Zeit der beliebteste und ergiebigste Gesprächsstoff in der ganzen Stadt. Der alte, schöne Friedhof hatte nicht mehr ausgereicht, man hatte einen neuen angelegt aus mancherlei Gründen möglichst weit draußen vor der Stadt; die Gegend war dort gar nicht schön, auch fehlte dem neuen Friedhof noch^die ganze Patina des alten, es war einstweilen eine kahle und Unfreundliche Begräbnißstätte, und jede» fühlende Herz, besonders wenn es in einem weiblichen Busen schlug, hätte es vorgezoge«, dereinst auf dem alten, gartengleichen Friedhof zu ruhen. Das wurde denn nun besonder« in den befferen Familien gründlich erörtert, es gab Gelegenheit, die und die Verwandten und Freunde aufzuzählen, welche auf dem alten Friedhöfe Erbgräber und somit das Recht besäßen, sich dort begraben zu taffen; auch knüpften sich zwanglos manche wehmüthig-süßen Erinnerungen an liebe Dahingeschiedene, s chöne Begräbnisse und rührende Leichen- predigten daran. Wie gesagt, der Stoff war ergiebig, und es mag sein, daß man ein wenig Raubbau damit trieb. Als wir nun damals wieder so behaglich darüber verhandelten, ließ sich auf'einmal nach kurzem Faltenglätten die leise Stimme der Tante Dori« vernehmen: „In meinem Heimathsstädtchen hatten wir auch einen Friedhof, ja. Und da waren sehr schöne Wege, einige waren schmal, ja, und andere breit. Und da waren dann Gräber links, ja, und auch recht«. Und sehr viele Denkmäler darauf, wenn man das Geld dazu hatte, ja, ja. Und wenn man so ein ganz altes Grab aufmachte, da war nichts drinn als Knochen, ja, ja. — Ja!" Ein anderes Mal faßen wir Abends um eine Bowle herum; es waren außer mir noch einige Gäste da, und der Assessor Fritz Walding war auch dabei. Er faß neben der schönen Helene und erzählte ausführlich von dem Manöver, welches er jüngst als Reserve-Lieutenant bei den Husaren mitgemacht. Ganz nett erzählte er, etwas schneidig, vielleicht auch etwas renommistisch, aber doch sehr zur Zufriedenheit der meisten Zuhörer. „Die Ritter schauten muthig drein und in den Schoß die Schönen." Da ließ sich die bewußte leise Stimme vernehmen: „In meinem kleinen Heimathsstädchen waren auch einmal ein paar Jahre lang Soldaten, ja. Und von der Cavallerie waren sie auch. Ja l Und sie erzählten auch immer so. Es waren sehr nette Leute dabet. Einer war dabei, ein Lieutenant, der ging nachher ab und wurde Jnspeetor, und es soll ein ganz ordentlicher Mann in seinem Fache geworden sein. Ja, ja!" „Weißt Du," sagte mir Fritz Walding einige Zeit nach diesem Abend, als wir einmal bei einem kleinen Frühschoppen zusammensaßen, „diese Tante Doris ist doch ein märchenhaftes Geschöpf mit ihren Geschichten, „aus meinem kleinen Heimathsstädtchen". Man sollte sie eigentlich Tante Harmlos nennen." Ich sagte nichts dagegen, obzwar ich hin und wieder gewisse Beobachtungen gemacht hatte, die mich im Stillen einige Zweifel an der Harmlosigkeit der guten Tante und ihrer Anmerkungen hegen ließen. Fritz Walding stand mir nicht so nahe, daß ich verpflichtet war, ihm diese Zweifel zu beichten. Unsere Brüderschaft rührte au« den allerletzten Stunden eines studentischen Commerses her, dem er als junger Fuchs und ich als „alter Herr" derselben Verbindung beigewohnt hatten. Später hatte er sich daran wieder erinnert, als er Jemand brauchte, der ihn in Helenes Elternhaus einführen sollte. Uebrigens konnte kein Mensch etwa» dagegen haben, wenn die Beiden ein Paar wurde«. Sie paßten jedenfalls vortrefflich zusammen, odendrein war Helene nachgerade alt genug, um ihre Wahl länger hinauszuschieben, und der Assessor war eine gute Partie, aus bester Familie, strebsam und höheren Ort« wohl empfohlen. Irgend wer will gefunden haben, daß junge Leute edler Art, wenn sie einander lieben, unter dem Einflüsse ihres neuen Glückes auch gegen Andere, insbesondere gegen ältere Verwandten ganz liebenswürdig werden. Bei dem Assessor und Helene traf die» jedenfalls auch zu; sie behandelten Tante Doris mit einer zunehmenden Aufmerksamkeit, ein schlechter Mensch würde vielleicht sagen: sie dienerten vor ihr. Die alte Dame ließ sich bas freundlich gefallen. Es fügte sich aber sehr nach Wunsch für Fritz Walding, daß just in dieser: Zeit eine neue Persönlichkeit in unseren Kreis trat, die in ihrem Benehmen zu dem höflichen Assessor die schönste Folie bildete. Die» war der Doctor medicinae Paul Henning, ein entfernter Verwandter meines Vetters, der seit Kurzem alr Assistent bei dem berühmten Leiter des städtischen Hospital» untergekommen war. Es mochte ein ganz tüchtiger Arzt sein; aber um mich des Ausdrucks meiner Vetters zu bedienen, er verstand es zu wenig, seine Pillen zu verzuckern, das heißt, er war in der Unterhaltung aufrichtig bis hart an die Grenzen der Unhöflichkeit. Auch in seiner äußeren Erscheinung konnte er gegen die glänzende Figur Fritz Walding» nicht aufkommen. Ganz besonders aber war ihm dieser überlegen in der Kunst, auf die vermuthltchen Ansichten der Tante Doris zuvorkommend einzugehen. Eines Tages hatte eine auswärtige Dame im Auftrage eine» Vereins für Frauen - Emanzipation in unserer Szadt einen Vortrag gehalten, in welchem sie die damalige Lage des weiblichen Geschlechts in ungemein düsteren Farben schilderte und sehr weitgehende Reformforderungen stellte. Tante Dori« hatte sich von Helene den Zeitungsbericht darüber vorlesen lassen, und es war Helene nicht entgangen, daß sie während des Vorlesens ein paar Mal mit dem Kopfe schüttelte. Als nun Abends das Gespräche auf diese Dinge kam, trat Fritz Walding als entschiedener Verthetdiger der „alten, gesunden Anschauungen", wie er sich ausdrückte, auf. „Was ich von einer deutschen Hausfrau verlange," erklärte er, „ist, daß sie Küche und Haus in Ordnung hält und mit den Künsten weiblicher Anmuth die Mußestunden des Mannes erheitert." Der Hausherr fand diese Ansicht sehr vernünftig, und seine Frau stimmte seufzend bei. Tante Doris aber bemerkte mit ihrer neutralen Freundlichkeit: „Mein seliger Mann hat das ja wohl auch gemeint." Diese Anmerkung rief auf Fritz Waldings Antlitz ein Lächeln höchster Befriedigung hervor. Geradezu strahlend aber wurde sein Lächeln, als der undiplomatische junge Doetor sich nun an Tante Doris wandte und trocken bemerkte: „Aber dafür genügte doch eine Haushälterin!" Tante Doris warf dem kühnen Sprecher einen ganz kleinen Seitenblick zu, dann strich sie mit sanftem Lächeln eine unsichtbare Falte an ihrem Kleide glatt und murmelte: - 391 — »In meinem kleinen HeimathsstSdtchen gab es Viele, die nur eine Haushälterin hatten, ja. Und die gingen dann Abends in die Ressource. Da fühlten sich die Herren immer wie zu Haufe. Ja!" Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich von der Wirkung dieses Gespräch» auf Tante Doris und von dem inneren Sinn ihrer paar Bemerkungen einen ganz anderen Eindruck hatte als Fritz Walding und Helene. Im weiteren Verlaufe de» Abends war ich unfreiwilliger Zeuge, wie Helene ihrem Bewerber sagte: „Wenn der Mann absolut anstoßen will, um so besser für un». Wir können da» Geld später doch besser brauchen, al» er und Martha." Ich wußte erst nicht recht, wie ich diese Anspielung deuten sollte. Martha war schon seit einigen Wochen nicht mehr im Hause; sie wirkte irgendwo in einer entfernten Stadt als Lehrerin. Aber äls ich wieder einmal mit meinem Vetter allein beim Weine faß und der Trank feine Zunge gelöst hatte, klärte er mich auch in dieser Hinsicht auf. Der Doctor hatte heimlich um Marthas Hand angehalten und auch keinen Korb bekommen; das Mädchen aber bestand darauf?, daß sie sich erst ihre Aussteuer verdienen wolle. „Weißt Du," meinte mein Vetter, „unsere Jüngste hat eben ihren eigenen Kopf. Du lieber Gott, am Ende ist es am besten so. Bis dahin hat er wohl auch eine Praxis irgendwo. Wir könnten .jetzt wirklich nichts für sie thun. Helene geht doch wirklich vor, und es macht mir Mühe genug, die Aussteuer für sie zu bestreiten, das darfst Du mir glauben. Freilich, wenn Tante Doris —I Aber darin ist sie eisen, bei Lebzeiten giebt sie nichts heraus." Ein halbes Jahr später hielten Fritz Walding und Helene Hochzeit; es war ein sehr stattliches Paar, und das Fest war glänzend. „Es giebt meinem armen Beutel den Rest," gestand mir mein Vetter seufzend; „aber dafür brauchen wir ja auch nun keine großen Gesellschaften mehr zu geben, wenn die Mädels untergebracht sind." Tante Doris hatte dem jungen Paare aus dem Schatze ihrer Familienalterthümer ein ganz seltsames Prachtstück gestiftet; eine schwere silberne Vase, angenehm beschwert mit zwei kleinen Rollen Goldstücken. Außerdem verehrte sie der jungen Frau ein prächtig ge- bundenes Exemplar von Davidis' Kochbuch, auf welche die Empfängerin etwas scheu herabschielte. Der Doctor, der mir inzwischen ein sehr lieber Bekannter geworden war, verkehrte nach wie vor weiter im Hause meines Vaters und leistete Großes an gelegentlichen Offenherzigkeiten gegen Tante Doris. Sie ließ sich auch dadurch nicht in ihrer Ruhe stören. Eines Tages über schien es, als ob es der Unvorsichtige nun doch verspielt habe. Tante Doris war unwohl und hatte sich zu ihrer Wiederherstellung einen mächtigen Topf Pflaumensuppe kochen lassen, das ganze Haus roch darnach. Es gehörte zu ihren Eigenheiten, daß sie Pflaumensuppe als Allheilmittel gegen alle inneren, theilweife auch gegen äußere Leibesschäden verehrte, anwandte und verordnete. Die Familie wußte das und fügte sich dem Dogma von der Heilkraft der Pflaumensuppe mit aller gebotenen Frömmigkeit. Leider war der Doctor von vornherein ein Feind dieses Gerichtes, und gegen dessen medicinifche Anwendung sträubte sich sein ganzes ärztliches Gewissen. Anstatt aber wenigstens in diesem Falle schicklicher Weise zu schweigen, platzte er los und hielt der armen Tante Doris eine Rede gegen ihre Selbstheilungsart mit soviel Offenheit, daß mein Vetter nahe daran war, grob dazwischenzufahren. Tante Doris meinte nur: „In meinem kleinen Heimathsstädtchen war auch ein Arzt, ja; der war aber manchmal recht freundlich ... ", worauf der Doctor nach kurzem Abschied wegging. Am folgenden Tage aber ließ ihn Tante Doris durch ihre masurische Magd zu sich bitten und ersuchte ihn, ihr ein Recept gegen Erkältung zu verschreiben. Als er dann nach einigen Tagen wiederkam, um nach seiner Patientin zu sehen, fand er sie ziemlich genesen. Er freute sich sehr über den Erfolg seiner Kunst und benutzte i die Gelegenheit, um Tante Dori» in seiner gewohnten deutlichen Art auf verschiedene gesundheitswidrige Umstände in ihrer Wohnungseinrichtung und Lebensführung nachdrücklich hinzuweisen. Sie hörte sehr freundlich und ergeben zu und bemerkte nur zuletzt mit ihrem sanftesten Lächeln, während sie ihrem alten Kanarienvogel da« Köpfchen kraute: „In meinem Heimathsstädtchen da war einmal ein junger Bürgermeister, der wollte Alle« mit Grobheiten machen. Und beinahe hätte er auch eine reiche Heirath gemacht, ja! Aber sie setzten ihn schon vorher ab, und da war es doch nichts." „Erlauben Sie," bemerkte der Doctor etwas erregt, — „ich verstehe ganz gut, was Sie meinen, — aber hoffentlich wissen Sie auch, daß Martha und ich fest entschlossen sind, uns allezeit selber zu helfen. Verstehen Eie? Ganz allein uns selber. Bitte, wollen Sie das dem Kanarienvogel nicht auch noch sagen? Er möchte Sie sonst mißverstehen." äD, mein lieber Herr Doctor, was denken Sie nur?" erwiderte Tante Doris süß lächelnd, „mein Hänschen versteht mich immer richtig. Aber Sie haben mich mißverstanden. Ich habe ja kein Wort von Ihnen und Martha gesagt. Die liebe Martha! Grüße» Sie sie nur recht herzlich von mir, hören Sie? Sie weiß gerade so gut wie ich, daß man oft mißverstanden wird." „Was sagen Sie nun dazu?" fragte mich der Doctor, als er mir diese Unterhaltung Abends erzählt hatte. „Was ich sage?" antwortete ich. „Heirathen Sie möglichst bald. Dann sind Sie weiterer Mißverständnisse überhoben. Aber das werden Sie schon längst selber gesagt haben." Er nickte. „Ich denke, es langt jetzt für's Erste," meinte er. Bald darauf waren sie denn auch öffentlich verlobt, und ein paar Monate später hielten Sie Hochzeit, ganz still und einfach. (Schluß folgt.) Gesundheitsschädlichkeiten des Hochsominers. Von Dr. Hans Fröhlich. ------- (Nachdruck verboten.) Wie unsichtbare Geister wirken mannigfache Einflüsse der Jahreszeit auf den menschlichen Organismus ein, auf den Bestand seiner Gesundheit und auf das Entstehen von Krankheiten, meist ohne daß wir ihrer bewußt werden. Wir suchen die mächtigen Dämonen so ferne, und sie sind so nahe. Luft und Licht, die uns umgeben, der Boden, auf dem wir wohnen, üben so mächtig, so magisch ihre Gewalt auf uns aus, daß wir uns ihnen nicht entziehen können. Auch aller Pflanzen Blühen, Wachsen und Welken wird beherrscht von der Jahreszeit. Hat im Hochsommer das Wachsthum der grünen Pflanzen seinen Höhepunkt überschritten, so tritt dafür eine massenhafte und rasche Vegetation der chlorophylllosen Pflanzen, der Pilze, ein- Boden und Gundwafler haben jetzt ihre höchste Jahrestemperatur erreicht, und nun schießt und sprießt überall das ungeheure Heer der sichtbaren und unsichtbaren Pilze empor, darunter auch die dem Menschen gefährlichen Batterien und Bazillen. Unzählbar schwimmen sie im Wasser, fliegen sie in der Luft umher und fiedeln stch in des Menschen Organen an, welche ihnen erwünschte Heil- und Brutstätten darbieten. Daher bildet gerade der Spätsommer die Saison für die ansteckenden (Jnfections-) Krankheiten. Der Typhus grafstrt alsdann in Stadt und Land, und die Cholera beginnt ihren Eroberungszug. So erkrankten an Typhus in Berlin während der Jahre 1878 bis 1885 in den Monaten Juli bis September doppelt so viele Personen als in allen übrigen Monaten zusammen. Und von der Cholera ist noch in unser aller Gedächtniß, wie sie in Deutschland gerade im Monat August des Jahres 1892 so furchtbare Opfer an Menschenleben forderte. Außergewöhnliche Hitze und außergewöhnliche Trockenheit haben die Verbreitung dieser Krankheiten stets begünstigt, ob aber- 892 weil sie durch Erzeugung von Magen- und Darmkrankheiten die Zahl der dazu disponirten Personen vermehrte, oder weil sie die Entwicklung der Krankheitskeime förderte, ist schwer zu entscheiden. Wahrscheinlich ist Beides der Fall. Außerdem werden diese Infektionskrankheiten, deren Verbreitung ja wesentlich auf der Verfchleppung von Ort zu Ort beruht, durch den bedeutenden Verkehr in dieser Jahreszeit begünstigt. Viele Hunderts und Tausende von Menschen strömen jetzt zu Fahnenweihen, Congreffen, Ausstellungen», s. w.; Inländer und Ausländer, Kurgäste und Sommerfrischler, mänöverirende Soldaten und zur Landarbeit ziehende Italiener und Polen sind sehr häufig unbewußt die Träger solch mörderischer Parafiten. Dazu kommt der Umstand, daß durch die große Hitze nicht nur im Allgemeinen die Widerfiandskrast des Menschen ungünstig beeinflußt ist, sondern durch die häufigen Verdauungsstörungen finden namentlich Typhus und Cholerabaeterien bei vielen einen geeigneten Boden. Die erschlaffendes Hitze und etwaige Magenkrankheiten müffen natürlich die Constitution jedes Einzelnen schwächen und seine Empfänglichkeit (Disposition) für alle Krankheiten, also auch für die Jnfectionskrankheiten, vermehren. Aber nicht nur die mikroskopisch kleinen pflanzlichen Organismen üben im Hochsommer häufig schädliche Wirkungen auf unsere Gesundheit aus, sondern auch viele andere Pflanzen, die oft gerade durch ihre lieblichen Blüthen und prächtigen Früchte uns verführen. Wenn jetzt draußen in Feld und Flur die Kinder fröhlich herumtummeln und bald hier ein als wohlschmeckend bekanntes Beerlein verzehren, bald dort eine schön schillernde Frucht auf ihren Wohlgeschmack prüfen, dann kommt es häufig vor, daß auch giftige Pflanzentheile genossen werden und den Kindern Krankheit und Tod bringen. In jedem Spätsommer berichten die Zeitungen von derartigen Unglücksfällen, und die medicinische Literatur beweist, daß dies leider keine Erfindungen der sauren Gurkenzeit find. Hiergegen gibt es nur zweierlei Vorbeugungsmtttel: erstens müssen die Eltern ihren Kindern streng einschärfen, nur solche Früchte zu pflücken, welche sie ganz genau kennen, und zweitens müssen im Elternhaus und, da hier oft die nöthigen Kenntnisse und Hilfsmittel fehlen, namentlich in der Schule den Kindern in guten bunten Abbildungen und lebenden Exemplaren die einheimischen Giftpflanzen in jedem Jahre von Neuem vorgeführt werden. Die meisten Schulkinder können die Klassen des Linns'fchen oder natürlichen Systems, sowie alle Giftpflanzen der Reihe nach auswendig hersagen; aber zeigt man ihnen z. B. einen Zweig vom giftigen Wasserschierling oder Beeren vom Nachtschatten, so stehen sie stumm und rathlos da. Ich habe auf Reisen diese Beobachtung wiederholt in den verschiedensten Gegenden gemacht. Gerade in den Naturwissenschaften muß sich die Schule noch weit mehr ihrer practischen Aufgabe und Bestimmung bewußt werden. Jedes Kind muß doch wenigstens so viel von Botanik verstehen, daß es sagen kann, diese Pflanze ist meiner Gesundheit gefährlich, und jene, z. B. Pfeffermünze, nützlich, deshalb ist jene für mich ein Pflänzlein „Rührmichnichtan", aber diese pflücke ich, nehme sie mit nach Hause, trockne sie und gebe fie der Mutter für den Winter zum Theekochen. Solche practische Pflanzenkunde ist zehnmal mehr werth al« alle Systematik. Die Giftpflanzen einzeln hier zur Warnung aufzuzählen, hätte gar keinen Werth, nur möchte ich besonders vor zwei Gartenpflanzen warnen, durch welche häufig Vergiftungen herbeigeführt werden. Es sind dies Oleander und Goldregen. Da die Kinder im allgemeinen der Meinung find, daß alle Pflanzen, Bäume und Stäucher, welche im Garten stehen, nützlich fein müssen, oder wenigstens nicht schädlich sein können, so pflegen fie im Umhergehen bald hier ein Blättlein in den Mund zu stecken, bald dort eine Frucht zu kauen. Dies ist aber bei Oleanderblättern mit ihrem narkotisch-scharfen Saft und bei dem höchst giftigen Goldregen schon oft von verhäng- | nißvollen Folgen gewesen. Die Giftigkeit des im Goldregen enthaltenen Cytifin ifi so groß, daß schon durch Genuß eines einzigen Samens aus den Schoten oder durch Kauen von drei bis vier Blüthen erhebliche Vergiftung bewirkt werden kann. Vor mir liegt ein Zeitungsbericht, welcher aus Breslau folgendes meldet: «Eine Massenvergiftung von Kindern ist hier durch den Genuß der Blätter von Goldregensträuchern vorgekommen, die auf dem Kinderspielplatz an der Salvator- kirche angepflanzt sind. Ein Kind ist schon tobt, andere liegen hoffnungslos darnieder." Also mögen die Eltern besonders jetzt, wo die Samen reifen, rechtzeitig ihre warnende Stimme erheben. Hat sich jemand eine Vergiftung zugezogen, so schicke man sofort zum Arzt, suche aber vorläufig zur Herausbeförderung des Giftes Erbrechen zu erregen, indem man einen Finger tief in den Mund steckt, oder die Rachenwand mit einer Feder kitzelt. „Wo viel Sonne, ist viel Schatten." Dies Wort bewahrheitet sich überall im Leben und Weben der Natur. In den nördlichen Gegenden unserer gemäßigten Zone, wo der Mensch mit Mühe und Noth der Scholle sein täglich Brod abringt, hat er nur wenig gefährliche Feinde unter den Thieren. Je mehr man aber nach Süden kommt, wo die Natur fast ohne jede Anstrengung und Kultur dem Menschen seines Leben» Nothdurft und Nahrung darbietet, um so größer wird die Zahl dieser Gegner und um so gefährlicher ihre Feindschaft bi« in der heißen Zone da» mächtige Heer giftiger Thiers, von den unscheinbaren Mosquito» bis zu den furchtbaren Schlangen und Raubthieren, den Menschen stets mit Tod und Verderben bedroht. Bei uns gehören fast alle diejenigen Thiere, welche unsere Gesundheit gefährten können, zu den Jnsecten, mit Ausnahme von sehr wenigen, z. B. den Kreuzottern. Daher häuft sich ihre Zahl auch besonders zur Zeit des Hochsommer», wo das Leben der Jnsecten seinen Höhepunkt erreicht. Hierzu gehören namentlich verschiedene Hautflügler, wie Bienen, Hummeln, Wespen, Hornissen, welche am Hinterleibe einen Giftapparat befitzen, der in einen Stachel übergeht. Beim Einsenken dieses Stachels wird durch die sägeweise auf- und abgehenden Bewegungen desselben ein Tröpfchen wafferheller Flüssigkeit aus dem Giftbläschen in die Stichwunde hinein- gepreßt, jedoch nur von den Weibchen und Geschlechtslosen. Infolge der eigenthümlichen Richtung der am Stachelende befindlichen Sägezähne lassen einzelne Jnsecten, zumal die Bienen, den Stachel in der Wunde zurück, während Wespen und Hornissen ihn unversehrt wieder zurückziehen. Bei Bienenstichen muß man daher zunächst den Stachel entfernen und das daran haftende Giftbläschen vorsichtig beseitigen, um nicht durch Druck auf dasselbe den ganzen Inhalt in die Wunde ergießen zu lassen. In der Regel erzeugen Insektenstiche nur eine örtliche brennende Hautanschwellung. Bei besonders empfindlichen, sensitiven Personen kann allerdings auch Ohnmacht, Schüttelfrost und Fieber eintreten. Gefährlich werden Stiche in die Zunge, den Schlund oder auch am Halse in der Kehlkopfgegend, wo hochgradige Schwellung zur Erstickung führen kann. Bei derartigen Stichen, welche man sich beim Schlafen mit offenem Munde im Freien zuziehen kann, wende man schleunigst ammoniakhaltige Gurgelwasser an. Sonst schwinden Schmerzen und Geschwulst meist schnell durch kühlende Umschläge, z. B. durch Bedecken mit feuchter Erde. Am raschesten wird die örtliche Reizung beseitigt durch Betupfen der Stichstelle mit Salmiakgeist, welcher im Jnsectengift einen sich wieder auflösenden Niederschlag erzeugt, wahrscheinlich durch Neutralisation der Säure. Gefährliche Wespenstiche kann man sich auch zuziehen durch unvorsichtiges Beißen in Aepfel und Birnen dis ein Loch haben, in denen nicht selten eine fressende Wespe verborgen ist. Wird man von einem Bienenschwarm verfolgt, so hüte man sich vor allem Wehren und Schlagen, da« gar nichts nützt, sondern das Hebet nur ärger macht. Die Flucht, besonders durch ein Gebüsch, ist noch immer da« zweckmäßigste Mittel, solchen schwärmenden Bienen zu entgehen. Redaction: I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.