UnirchaUungsblatt jum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger) ff _J < Wl w H < \r-CT* -‘ MWÄ M-M r-LKWr!« WWVWMMV^^ Der Sohn des Regiments. Erzählung von E. Heinrichs. (Fortsetzung.) V. Vierzehn Tage waren seit Otto Waldmanns Ankunft in Wien bereits vergangen. Nur ein einziges Mal hatte er Cäcilie Stern zufällig auf der Straße getroffen und mit ihr dann einen Spaziergang durch den Prater gemacht. „Wie stehen Ihre Offiziers-Actien?' war ihre erste Frage gewesen und er hatte ihr erzählt, daß er bereits auf feine» Freunde» Empfehlungen hin werthvolle Bekanntschaften in den betreffenden militärischen Kreisen angeknüpft habe und guten Muths für die Zukunft sei. Der prächtige Herbsttag an der Seite des schönen Mäd« chens, welches im Sturmschritt, wie er fich's nicht verhehlen konnte, bereits sein Herz erobert hatte, erschien ihm doppelt schön und die Alleen des Praters wie ein Elysium. „Ich sehne mich darnach, wieder die Uniform zu tragen," plauderte er im Hinblick auf seine Carriöre, „und werde nicht ehe ruhig und zufrieden sein, bis ich, einer großen Armee angehörend, wieder am rechten Platze mich fühlen werde." Cäcilie nickte zustimmend und meinte nach einer kleinen Weile: „Ich begreife es fehr wohl, daß der Mann mit dem von ihm erwählten Berufe gleichsam verwachsen ist und daß eine VerzichÜeistung darauf ihn aus dem Geleise de» Lebens schleudern, ja, sozusagen sein ganzes Sein und Wesen zerreißen muß." „So ist es, Fräulein Cäcilie, — ich würde in diesem Falle ein recht unglücklicher Mensch sein " „Aber," fuhr ste ruhig fort, „haben Sie denn niemals darüber nachgedacht, daß ein mittelloser Offizier doch stets nur die Wahl zwischen einem einsamen Leben und einer reichen Heirath haben kann, was in letzterem Falle nur zu häufig auf Betrug hinausläuft?" Der junge Mann blickte sie bestürzt an. „Ich verstehe nicht," meinte er beklommen. „Nun, er ist doch gezwungen, sich eine reiche Frau zu suchen, was will er sonst anfangen?" Waldmann war sehr blaß geworden, er zerrte an seinem hübschen Schnurrbart und nagte an der Unterlippe. * „Er kann auch allein bleiben," sprach er endlich zögernd, ohne ste anzublicken. „Allerdings," gab Cäcilie ruhig zurück, „indeffen ist es ja auch nicht ausgeschloffen, daß der Goldfisch zugleich liebens« werth ist, was ich Ihnen von Herzen wünsche. Wir müffen — und das ist immer die Hauptsache im Leben, Herr Wald« mann, — auch stets die Kehrseite der Medaille betrachten. Arm und arm giebt als Facit: Null, — der Reichthum macht sie erst zur Zahl, bringt sie zur Bedeutung im Leben. Deshalb —" „Ei, mein Fräulein," unterbrach er sie fast brüsk, „Sie scheinen ja eine ganz vortreffliche Lehrerin zu sein. Schade, daß Sie Ihre Weisheit an einen sehr verstockten Schüler ver« schwenden, der Ihnen wenig Dank für Ihre Mühe weiß. Und doch, verzeihen Sie dem armen Kameraden," setzte er nach einer kurzen Pause mit zuckenden Lippen und im schmerz« lichsten Tone hinzu, „Sie haben ja Recht, ach. so sehr Recht, ohne Geld ist und bleibt man auf Erden eine Null, verur« thetlt, im Staube zu kriechen. — Ein armer Kerl begeht deshalb eine Todsünde gegen ein geliebter Wesen, wenn er er an sein elendes Leben fesselt. Sie aber, Fräulein Cäcilie, sind zu schön, um al» Null durch'» Leben zu gehen, für Sie wird sich schon zur rechten Stunde die Bedeutung gebende Zahl finden, um Ihnen den Platz zu sichern, der Ihrer Schön« heit gebührt." „Was mich anbetrtfft," fuhr Otto Waldmann nach einer kleinen Pause fort, „so gelingt er mir vielleicht, durch eigene Kraft jene Bedeutung im Leben zu erlangen, welche ich dem Reichthum einer Frau nun und nimmer verdanken will. Dar schwöre —" „Schwören Sie nicht leichtsinnig, lieber Freund," unterbrach ihn Cäcilie, ihre Hand auf seinen Arm legend, „er könnte die Stunde kommen, wo Ste er bereuen möbten." „Niemals," sprach Waldmann fest, „muß ich auch meinem Herzensglück entsagen, die Selbstachtung will ich mir wenig- stens^bewahren." Cäcilie erwiderte nicht», sondern wandte sich, um den Heimweg anzutreten. , . „Ichhoffe," sagte sie nach einerlangen Pause, in welcher — 30 ste schweigend neben einander dahingeschritten waren, „daß Sie mich von Ihrem Erfolge benachrichtigen, Herr Wald» mann! Meine Adresse ist Ihnen ja bekannt." „Sie werden diese Mittheilung unbedingt erhalten, Fräu» lein Stern!" erwiderte er mit vibrirender Stimme. „Sollte meine Hoffnung wider Erwarten scheitern," setzte er zögernd hinzu, „dann würde ich Wien sofort verlassen. Wäre es in diesem Falle unangenehm, wenn ich mich persönlich von Ihnen verabschiedete?" „Das würde wohl nicht gut angehen," sprach ste rasch, „die Damen find in diesem Punkte sehr streng. Einige Zeilen wären alsdann genügend, um mich zu unterrichten. Ich würde Ihnen antworten, um ein letztes kameradschaftliches Lebewohl zu ermöglichen. Vielleicht könnte ich Ihnen mit irgend einem guten Rathschlag dienen, da ich auch einige vortheilhafte Ber- bindungen besttze!" Sie reichte ihm die Hand, welche er hastig ergriff und an seine Lippen sührte- Er hielt die kleine, fein behandschuhte Rechte länger, als nöthig war, in der seinen und wunderte fich unwillkürlich über das feine Veilchen Parfüm, das die mit großer Einfachheit, aber sehr chic gekleidete Lehrerin an sich trug, ein Dust, der ihn schon im Eisenbahn-Coupee berauscht hatte. Seltsam, daß ihm dies Alles erst jetzt und gerade in diesem Augenblick ausfiel. Weshalb durste er nicht persönlich in jenes Institut kommen? Waren ihre Angaben falsch? — Er blickte sie unruhig forschend an und schämte fich seines niedrigen Mißtrauens. Es war ja ganz selbstverständlich, daß ein fremder junger Mann, der fich doch nicht für ihren Bruder ausgeben konnte, ein solches Pensionat nicht betreten durfte, um eine junge Lehrerin dort zu besuchen, und auch ebenso natürlich, daß sie den vornehmen Schülerinnen in einem gewissen Grade durch die gleiche Atmosphäre sich anbequemen, ihnen gewissermaßen imponiren mußte. Diese Gedankensolge zog sich mit mechanischer Blitzesschnelle durch sein Gehirn, als ste dem Ausgang des Parkes zuschritten, wo Cäcilie einen leeren Fiaker heranwinkte und im nächsten Augenblick davonrollte. Waldmann schaute wie geistesabwesend dem Wagen nach. Da beugte fich ein süßes Antlitz noch einmal hinaus» eine Hand winkte grüßend, mechanisch zog er den Hut und blieb wie angewurzelt stehen, bis das Gefährt, welches sein Glück davon trug, dem Blick entschwunden war. Dann erst schritt er langsam in die Stadt zurück, drückte den Hut tief in die Stirn und ging immer weiter, planlos durch die Straßen wandernd, ohne nach rechts oder links zu blicken. Er fühlte sich in dem Strom der Menschen wie ein heimathloser Flüchtling, der nicht einmal das Recht besaß, zu leben, und schreckte zusammen, als eine Compagnie Soldaten an ihm vorüber- marschirte. „Verloren! Verloren! ' tönte es unablässig in seinem Innern und dabei gaukelte Cäciliens Bild vor seinen Augen, während ihre Stimme sein Ohr füllte, diese melodische Stimme, welche so schulmeisterisch das Rechenexempel von „Arm und Reich", von den Nullen und den bedeutungsvollen Zahlen aufgestellt und erklärt hatte- Das war Vernunft, Realismus! — Gewiß hatte auch sie bereits eine solche Zahl gesunden und ängstigte sich nun, daß dieser Reisekamerad, der arme, existenzlose Teufel, sich noch ferner an sie herandrängen und ihre künftige bedeutende Stellung in der Gesellschaft bedrohen könne! — Waldmann stieß ein kurzes, höhnisches Gelächter aus und eilte verstört weiter, als sich die Leute verwundert nach ihm umsahen. Plötzlich blieb er stehen und schaute auf ein großes Gebäude. Es war das Kaiserliche Haupt-Postamt. Ein hohn- volles Lächeln überflog sein Gesicht. Den Kopf verächtlich zurückwerfend, betrat er das Gebäude und schrieb die Chiffre 999 mit Bleistift auf einen Zettel. „Ist ein post-restante Brief unter dieser Chiffre hier?" fragte er, das Papier an einen der Schalter hinreichend. „Liegt halt schon vierzehn Tage da," erwiderte der Secretär, den Brief heroorsuchend. Waldmann nahm ihn, zog sich zurück und betrachtete die Zahl, welche jene verzwickte Handschrift von rechts nach links zeigte, die er nicht Mstehen konnte, hier aber offenbar verstellt war, was fein geübter Blick sofort erkannte. Der Poststempel trug den Aufgabeort Görlitz, das Datum war schon über 14 Tage alt. Er lächelte bitter, steckte den Brief zu sich und kehrte in seinen Gasthof zurück, um ihn hier in aller Gemüthsruhe, wie er sich ernsthaft vornahm, zu lesen und zu prüfen. Der Inhalt des Briefes lautete: „Von den zahlreich eingelaufenen Antworten auf meine ehrlich gemeinte Offerte hat mich die Ihrige am angenehmsten berührt," — „sehr verbunden, mein Fräulein, sie war wenigstens kurz genug," brummte er ungalant dazwischen. — „Lassen Sie uns deshalb vorerst durch eine Correspondenz jene Annäherung an- bahnen, welche uns die Gewähr eines Glückes geben soll, das nicht allein auf Reichthum, sondern vielmehr auf der Ueber- einstimmung des Herzens und Geistes gegründet fein muß. Ich bin Waise, kann frei über meine Hand und mein Verwögen verfügen und wünsche einen Mann zu heirathen, der mir nicht bloß ein Schutz und Schirm für's Leben sein soll, sondern mich geistig überragt, mit einem Wort, mir imponirt und der ehrenhaft genug ist, mir keine Liebe zu heucheln, wenn meine Person, welche nicht häßlich, aber auch nicht schön ist, ihm nicht gefällt. Vor allen Dingen also, mein Freund — ehrliches Spiel! Antworten Sie mir aufrichtig, ob Ihr Herz noch frei ist, bevor wir in einen weiteren Briefwechsel eintreten, und zwar postlagernd Wien." Waldmann starrte auf das Schreiben, welches mit der Chiffre 777 unterzeichnet war. Der Inhalt desselben nahm ihn für die Schreiberin ein und brachte feine Seele in das Gleichgewicht zurück. Nein, diese ehrliche Waise sollte sich mit ihrem Reichthum nicht in ihm, nicht in feiner Ehrenhaftigkeit getäuscht finden. Hier war die Zahl, welche einer Null zur Bedeutung verhelfen wollte, aber Otto Waldmann war nicht der Man», fich so leicht mit einer solchen Gewissensfrage abzufinden, dieser Goldfisch verdiente sicherlich die volle Liebe eines Männerherzens und so entschloß er sich sofort, der ehrlichen Frage eine ebenso ehrliche und aufrichtige Antwort folgen zu lassen. Sonderbarer Zufall, daß ihn gerade jetzt sein Geschick mit zwei Waisen zusammenführte, die beide wie ein Ver- hängniß, ja, wie eine große Versuchung sein Leben durchkreuzten. Und er, selbst das echte und rechte Waisenkind! Das Blut stieg ihm in's Antlitz bei dem Gedanken, welchen Begriff die Briefschreiberin von seiner Ehre erhalten müsse bei der Erklärung, daß sein Herz nicht mehr frei fei. „Natürlich muß ich ihr mittheilen, daß diese Liebe post- festum gekommen ist," murmelte er, hastig das kleine Zimmer durchmessend. „Bch, die Geschichte ist an und für sich schon verächtlich," fetzte er grollend hinzu, „hätte mich nicht dazu verleiten lassen sollen, war ein Narrenstrelch von Rosenau und von mir, eine unehrenhafte Practik, die ihre Strafe in sich selber trägt. Wenn der Mensch sich doch nur von seiner inneren Stimme regieren ließe. Habe seitdem das unerträgliche Gefühl, als hätte ich mich selbst, wenn auch anonym, an den Pranger gestellt, nicht loswerden können." Er las den Brief noch einmal durch und fetzte sich dann zur sofortigen Beantwortung desselben nieder. „Mein geschätztes Fräulein!" so schrieb er. „Ich will den Inhalt Ihres Schreibens, der mich mit aufrichtiger Hochachtung für Sie erfüllt, ehrlich beantworten. Vielleicht wäre vor meiner Reife nach Wien diese Antwort für uns Beide besser ausgefallen, obgleich eine solche Heirath meinerseits wohl niemals ihren beschämenden Stachel verloren haben würde- Heute muß ich Ihnen bekennen, daß mein Herz nicht mehr frei ist, sda eine Reisegefährtin vollständig davon Besitz genommen hat, ohne mir, wie ich fürchte, Ersatz dafür bieten zu wollen. Bewahren Sie einem armen Heimathlosen ein freundliches Gedenken und zürnen Sie ihm nicht, da feine Ehre es ihm verbietet, sich Ihren Reichthum durch eine Lüge anzueignen" Er unterzeichnete mit 999, fchloß den Brief rasch in ein Hts nach links : offenbar ver- tte. Der Postum war schon den Brief zu i hier in aller t lesen und zu den zahlreich meinte Offerte — „sehr verkürz genug," Sie uns des« nnäherung angeben soll, dar luf der lieber* )et sein muß. und mein 93er« heirathen, der 3eben sein soll, , mir imponirt >e zu heucheln, : luch nicht schön , mein Freund richtig, ob Ihr en Briefwechsel velcher mit der ; desselben nahm ■ i Seele in das ! sollte sich mit L Ehrenhaftigkeit einer Null zur > rann war nicht sissensfrage ab« die volle Liebe sofort, der ehr- : chtige Antwort it sein Geschick wie ein Ber« ; t Leben durch- Waisenkind I dem Gedanken, 1 Ehre erhalten : t mehr frei sei. . lese Liebe post- ; s kleine Zimmer ) für sich schon mich nicht dazu h von Rosenau ihre Strafe in nur von seiner ■ t da» unerträg« t auch anonym, en." setzte sich dann er. „Ich will . lfrichtiger Hoch- Vielleicht wäre für uns Beide ath meinerseits verloren haben mein Herz nicht sig davon Besitz atz dafür bieten stmathlosen ein nicht, da seine durch eine Lüge rief rasch in ein Couvert und wollte ihn mit der Chiffre 777 adkesstren, als er stutzend einhielt. „Postlagernd Wien? — Was zum Kuckuck bedeutet das? — Ist sie hier in der Stadt oder das Ganze nur Spiegelfechterei? — Vielleicht gar —" Seine Augen blickten starr und drohend vor sich hin, er dachte an feinen Feind, den perfiden Klingsberg. Sollte dieser vielleicht seine Hand dabei im Spiel haben, um ihm schließlich noch den letzten Stoß zu versetzen, ihn der Lächerlichkeit preis« zugeben? Otto Waldmann athmete schwer. Er studirte die Schriftzüge der unbekannten Schreiberin, welche offenbar von »er« stellt» Hand herrührten. Weshalb denn das? — Immer sicherer schien er seiner Sache zu werden, denn schien es nicht so, als ob ste ihn kenne? Es war kein Zweifel, man hatte ihm mit dem verlockenden Inserat eine Falle gestellt und dieser ehrliche Brief war die zweite, in welche er um ein Haar wieder hineingegangen war. Er wollte die Briefe in wildem Zorn zerreißen, besann stch aber noch und schob beide in seine Brusttasche. Daß seine Stimmung nach diesem fürchterlichen Verdachte noch viel düsterer und menschenfeindlicher wurde, ist natürlich. Er ließ stch sein Mittagessen aus's Zimmer bringen, berührte es aber kaum und verließ nach einer Stunde, die er im einsamen Grübeln verbracht, aus's neue den Gasthof, um sich wieder nach dem Postgebäude, wo ihm vorhin der Brief ausgehändigt worben war, zu begeben. Zufällig traf er bett freundlichen Secretär ganz allein hinter feinem Schalter. „Möchten Sie die Güte haben, mir eins Frage zu beantworten, Herr Secretär?" begann er höflich. „Fragen'» nur immer zu, kann mich halt grab' ein biffel verschnaufen," meinte ber Secretär schmunzelnd. „Hat vielleicht Jemand in diesen letzten vierzehn Tagen nach einem post-restante-S8rief unter der Chiffre 777 gefragt?" Der Secretär strich sich nachdenklich da» Kinn und schüttelte den Kopf. „Wsi's wirkli nit, — schaun's, was tüt Alles post restante hier liegt, da kann man sich nicht aus's Einzelne besinnen. Am End' woi's mein College von der Chiffre, wie war's, 777?" Waldmann bejahte. Der freundliche Beamte winkte einem College», welcher im Begriff stand, das Zimmer zu verlassen, und legte ihm die Frage vor. „Na, gewiß, und noch dazu ein bildsauberes Madel war's, ist, wie ich mein', schon mehrmals hier geweßt, um nach 777 zu fragen, war aber allemal nix da und 's schien sich auch nicht darüber zu grämen." Waldmann dankte und ging. Draußen überlegte er, ob sein Argwohn doch vielleicht ungerecht sei, zumal sein Feind mit seiner Entlaffung im Grunde ja seinen Zweck erreicht hatte. Er war ja doch nun einmal auf das Inserat hineingefallen, so mochte das Verderben denn mit diesem Schreiben, das ihn in einem gewissen Sinne rehabilitirte, seinen Abschluß erhalten, da ihm im Grunde augenblicklich Alles gleichgiltig erschien. Kurz entschlossen warf er seinen Brief in den Kasten und eilte mit raschen Schritten davon, als ob er ein Verbrechen begangen und die Häscher auf der Ferse habe. Ruhelos schweifte der arme Heimathlose, denn da» war er jetzt noch in der That, in der großen, fremden Stadt umher, bis er beim Lampenlicht vor jenem Institute sich befand, in welchem sie lebte und wirkte und sich als Lehrerin ihr Brod verdiente. Hatte sie ihm nicht ein Gleiches gerathen, wenn seine Hoffnung auf die militärische Carriere fehlschlagen sollte? — Und konnte er stch alsdann nicht einen eigenen Herd gründen und das Glück mit fester Hand ergreifen, das ihm als armer Offizier für immer unerreichbar blieb? — Wie ein Fieber ergriff ihn dieser Gedanke, der Wunsch, daß man ihm den Eintritt in die österreichische Armee versagen möge, wurde in ihm lebendig und eine schier unbezwingliche Gewalt trieb ihn hinüber in jene» Haus, hin zu ihr, um einen Entschluß ihr mitzutheilen und mit einem Schlage die »rücke hinter stch abzubrechen. Scho« stand er im Begriff, zu klingeln, al» ihm ihr Verbot wieder einfiel und ihre Stimme ihm in'» Ohr zu raunen schien: „Arm zu arm giebt al« Fazit: Null, — der Reichthum ihr erst die rechte Bedeutung." Er blickte verstört zur Seite und eilte dann, als dis Thür von innen geöffnet wurde, im Geschwindschritt davon. „Wenn mich Han» Rosenau hier sehen könnte," dachte er, ingrimmig vor sich hinlachend, „würde sich wundern über den Ausreißer, der sich durch ein paar Mädchenaugen, durch sie Weisheit einer Schulmeisterin —" Er sprang erschreckt zur Seite, weil er im Handumdrehen von einem um die Ecke biegenden Fiaker angerannt worden wäre. Zwei Damen saßen darin, von welchen die eine sich jetzt vorneigte, weil der Kutscher die Pferde anhielt. Im Hellen Gaslicht glaubte er Cäciliens Antlitz zu erkennen, — war ste es wirklich oder sah er überall nur ihr Bild? Den Hut in die Stirn ziehend, entfernte er sich rasch und durcheilte planlos mehrere Straßen, bis er endlich anhielt, um sich nach seinem Gasthof zurechtzufragen. Hier angelangt, sagte ihm der Kellner, daß ein Schreiben ür ihn abgegeben sei und oben auf seinem Zimmer liege. Ein plötzlicher Schreck durchfuhr ihn, gewiß war's die Entscheidung der Militärbehörde — er stieg langsam die Treppe hinauf und wunderte stch, wie das Unglück den Menschen so verzagt und schreckhaft machen könne. Der Kellner folgte ihm mit der brennenden Lampe, die er au? den Tisch stellte. Waldmann sah mit einem Blick, daß seine Ahnung richtig gewesen, die Entscheidung über seine Zukunft angekommen sei. Als der dienstbare Geist sich entfernt hatte, öffnete er das große Couvert, zog den zusammengefalteten Bogen heraus und schlug ihn mit zitternden Händen auseinander. Er ent« hielt nur wenige Zeilen und doch gebrauchte er lange Zeit, bis er sie gelesen hatte. — Sein Gesuch war abgeschlagen worden und zwar ohne jegliche Begründung. Das Couvert enthielt außerdem noch seinen Abschied, da» ehrenvolle Zeugniß seiner militärischen Tüchtigkeit, welches er natürlich dem Gesuch hatte beifügen müssen. Laut aufächzend, wie von einem tödtliche» Schlage getroffen, sank der Unglückliche auf einen Stuhl, beide Hände vor'» Antlitz pressend, um die Thränen zu verbergen, die sich gewaltsam hervordrängten. Lange, lange saß er so, von der Verzweiflung übermannt, bis er sich endlich mit einem Ruck aufrichtete, den unmännlichen Schmerz abschüttelte und mit der Vernunft zu Rathe ging. E» war für ihn keine Kleinigkeit, einem Berufe zu entsagen, der mit ihm von Kindesbeine» an verwachsen war. Mit der Uniform auch zugleich sein eigenes Ich auszuzieh-n, mit neuen, unbekannten Factoren des Lebens zu rechnen und wie ein Lehrling von vorn anzufange» mit dem A-B-C einer anderen Berussthätigkeit, das war sein Loos von nun an. Wenn er nur die Mittel zur Auswanderung besäße, dort unten in Südamerika lagen die verschiedenen Republtken sich ja fortwährend in den Haaren und mußten sicherlich froh sein, tüchtige Anführer zu bekommen. Gewiß hatte man sich von hier an die Militärbehörde seiner früheren Garnisonstadt gewandt, um sich genauer über ihn zu informiren und man hatte dort nicht unterlassen, ihm feine fernere Sintere abzuschneiden. Er unterdrückte jede nutzlose Erbitterung und sann, da er nun einmal das Geld zur Auswanderung nicht besaß, darüber nach, was nun zu machen sei. Hier in Wien bleiben, wo sie weilte, unter ihren Augen vielleicht von Stufe zu Stufe sinken — ihn fröstelte bei dem Gedanke». Nein, dann lieber sein Glück an einem anderen Ort versuchen. Schreiben mußte er ihr aber doch, das hatte er versprochen, so mochte e» denn sogleich geschehen, da er schon morgen Wien im Rücken haben wollte, vielleicht reichte fein Geld bis nach Konstantinopel, der Türks würde am Ende seinen Abschied ohne jede Nachforschung respectiren. Unverweilt setzte er sich hi», um zwei Briefe zu schreiben, einen kurzen an Cäcilie Stern und einen langen, ausführlichen an Hans Rosenau, dem er sein ganzes Herz ausschüttete und weder die Liebe zu der schönen Reisegefährtin, noch das Resultat mit der Nummer 777 verhehlte. Der Brief an C.äcilie lautete: „Mein verehrtes Fräulein I Ich habe auf mein Gesuch einen abschlägigen Bescheid erhalten und werde morgen Wien verlassen. Darf ich hoffen, Sie morgen Vormittag zehn Uhr am Prater-Eingang, wo Sie mir heute den letzten Gruß zuwinkten, noch einmal wiederzusehen, um Ihnen ein Lebewohl zu sagen. Es hofft darauf Otto Waldmann." (Fortsetzung folgt ) Gemeinnütziges. Ein Schatzkästletn im Haushalte. Wer kennt nicht den Namen „Maggi"? Die Specialitäten der Firma dieser Namens haben sich allerwärts durch ihre Vorzüglichkeit wie durch ihre billigen Preise rasch Eingang verschafft und erwerben sich täglich neue Anhänger. Während Maggi- Suppenwürze es der klugen Hausfrau ermöglicht, jede schwache Suppe oder Fleischbrühe nur mit wenigen Tropfen augenblicklich gut und kräftig zu machen, geben ihr Maggis Bouillon-Kapseln das Mittel in die Hand, rasch ohne jeden weiteren Zusatz, nur mit siedendem Wasser, eine vorzügliche, stärkende Kraftbrühe für Gesunde und Kranke herzustellen. Durch ihre anerkennenswerth billigen Preise sind diese Products auch den weniger bemittelten Ständen dienstbar gemacht und dürfen daher jedem Haushalte wärmstens empfohlen werden. • * Leberklötze. Zwiebel* und Petersilie (feingehackte) werden in Butter gedämpft und die feingewiegte Kalbsleber, drei eingeweichte und fest aurgedrückte Semmeln, sowie 2 bis 3 Eier darunter gemengt und schließlich mit Salz und Pfeffer, Majoran und Muskatnuß gewürzt, sowie etwas Mehl daruntergerührt. Alsdann lasse man dis Masse eine zeitlang an einem kühlen Ort stehen. Mit einem Löffel lege man die Klöße in kochendes Salzwaffer und lasse sie eine Viertelstunde darin kochen. Hieraus werden sie angerichtet und mit in Butter geröstetem Semmelmehl oder Zwiebeln begossen. Zuerst probiert man einen Klos; zerfährt derselbe, so menge man etwas Mehl darunter und wenn er zu fest ist, so Hebe man zerlassene Butter dazu. Gefüllte Pfanrrerikuche«. Uebrig gebliebener Fleisch wiege man sehr fein, dämpfe fein geschnittene Petersilie und Zwiebel in Butter, gebe es an's gewiegte Fleisch, gieße ein wenig Bratensauce daran, würze das Ganze mit Salz, Pseffer, Nelken und Majoran und schlage nach Belieben Eier in die Masse und zwar so viel, bis sie saftig genug ist und zusammenhält. Hierauf backe man ganz dünne Pfannkuchen, bestreiche sie mit obiger Masse, rolle sie zusammen, schneide handbreite Stücke ab, tauche sie in verrührte Eier, paniere sie in Weckmehl und backe sie in schwimmendem Schmalz. Vermischtes. Der Winter ist ein harter Man«. — Wenn sman die neueste Serie der von der Liebig's Fleisch-Extract- Compagnie herausgegebenen Buntdruckkarten zur Hand nimmt, die unter dem Titel „Wintersport" eine internationale Zusammenstellung der beliebtesten winterlichen Vergnügungen bieten, so möchte man das Gegentheil behaupten, weil der Winter für seine Anhänger die schönsten Amüsements mit sich bringt. Das auf den beiden ersten Kärtchen geschilderte „norwegische Skylanfen," wie das Fahren mit der „holländischen Eisyacht" beginnt sich neuerdings auch in Deutschland einzu- ühren; ein drittes Kärtchen macht mit dem „Sailskaten in Dänemark" bekannt, und Has vierte Bildchen versetzt uns in die Alpenregion und zeigt uns den interessanten, winterlichen Sport der dortigen Bevölkerung, das „Eisschießen." Das „schottische Curlingspiel" verdeutlicht die fünfte. Am amüsantesten und nachahmungswerthesten jedoch erscheint uns das „Tobaggoning in Eanada," das Fahren in zweisitzigen Schlitten, Berg und Thalsenkungen hinunter. — Die hübsch aurgesührteu Kärtchen dürften Sportfreunden eine willkommene Anregung bieten. Boshaft Frau: „Nun sehe nur Einer diesen JungenI Glaubst Du, daß iL ihm seinen Jähzorn brechen kann? Alles nutzt nichts! Ich möchte denn doch wirklich einmal wissen, woher er diese Wuth geerbt hat! Von mir doch sicherlich nicht!" — Mann: „Ganz gewiß nicht; denn Du hast die Deinige noch." * ♦ Erkannt. „Sagen Sie aufrichtig, haben Sie Vertrauen zu mir?" — „O, gewiß, aber heute habe ich meine Börse vergessen 1" e Rücksichtsvoll. Richter: „Sie wollen also ganz ohne Absicht in der Nacht in'- Zimmer gekommen fein? Warum haben Sie aber die Stiefeln ausgezogen?" — Einbrecher: „Wissen'», Herr Richter, i' hab' g'hvrt, 's ir Jemand krank drin." ______ Literarisches Von der Volksausgabe von Biedermann's „Dreißig Jahre deutsche« Geschichte" (Breslgu, Schlesische Buchdruckerei, Kunst- und Verlags-Anstalt v. S. Schottlaender) sind soeben Lieferung 2 bis 6 erschienen. Diese neue Ausgabe des vortrefflichen, von den Blättern der verschiedensten Parteien mit größter Anerkennung begrüßten Werkes macht dieses nicht nur für Gelehrte und Hochgebildete, sondern für weitere Kreise bestimmte Buch auch äußerlich durch den bedeutend ermäßigten Preis (6 Mark statt 10 Mark) zu einem Volksbuch. Die Lieferungsausgabe (12 Lieferungen ä 50 Pfg.) erleichtert in dankenswerther Weise die Anschaffung des Werkes, das in seinem Haupttheile die Zeit von 1840 bis 1870 behandelt, aber durch einen Rückblick auf die Zeit von 1815 bis 1840 und durch die der neuen Ausgabe beigefügte Uebersicht der 25 Jahre des neuen deutschen Reiches die deutsche Geschichte von 1815 bis zur Gegenwart bietet und in jedem deutschen Hause eine Heimstätte zu finden würdig ist. -i- -i- Da» Wohl des »indes. Die häusliche Pflege des Säuglings und der Kinder im ersten Lebensalter. Von Univ. med. Dr. I. K. Verlag der „Wiener Mode," Wien, Leipzig, Berlin, Stuttgart. Preis Mk.1.50 —Dieses Büchleinistein wahrer Schatz für Mütter und eifrige Pflegerinnen. Sie werden darin eine fachkundige, auf Erfahrungen der modernen Medicin gebaute Anleitung zur Pflege und Wartung des Kindes finden, sie werden daraus lernen, den Wust der laienhaften Erfahrungen und der Afterweisheit aus der Kinderstube zu verbannen und dadurch in der Lage fein, ihre kleinen Pfleglinge rationell und gesund zu erziehen. Das Merkchen ist ohne Weitschweifigkeit, präcis und sachlich geschrieben, daher leicht verständlich; dabei ist es um einen solch' bescheidenen Betrag zu haben, daß seine Anschaffung wohl jeder Mutter leicht möglich ist. Sie kommt dadurch in die Lage, über die Gesundheit des Theuersten, das sie besitzt, entsprechend zu wachen und was eben so wichtig ist, genau beurtheilen zu können, wann die Hilfe des Arztes in Anspruch zu nehmen ist. Denn noch schädlicher als allzugroße Aengstlichkeit wirkt jedes Versäumniß in Bezug auf Heranziehung des Arztes und gar manches theure Leben ist verloren gegangen, weil der ärztliche Rath zu spät eingeholt wurde. -k- * ♦ Etiquetlefragen. Die Gesetze der Etiquette für die bürgerliche Gesellschaft. Vom Briefkastenmanne der „Wiener Mode." Verlag der „Wiener Mode," Wien, Leipzig, Berlin, Sutttgart. Preis broch. Mk. 1.50 — Der Verfasser, welcher die Wünsche und Anschauungen der Frauenwelt so genau kennt, hat in „Etiquettefragen" ein Werk geschaffen, wie es in gleicher Vollständigkeit und Eigenart nicht existirt. Die Regeln des guten Tones, ohne deren Kenntniß sich Niemand in der modernen Gesellschaft bewegen kann, werden ohne Pedanterie, aber unter genauer Abwägung des Zulässigen und des Verbotenen dargestellt. Das Büchlein enthält alles Wissenswerthe für den gesellschaftlichen I Verkehr und vermeidet jede überflüssige Phrase, so daß es für den geringen Preis sachlich eben so viel bietet als voluminöse, kostspielige Werke. Aedactivn: A. Scheyda, — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverstkUts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Ließen.