189« Nr. 14« Samstag Herr 19 December LMilisi'tl'IüktSI' UnterhüLtungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). iwKEsamgrim Das Schäfchen. Weihnachtserzählung von Zoö von Reuß. lSchluß.) Die Buchstaben tanzten Botenhanne au« Erregung vor den Augen. Das augenblickliche Glücksgefühl wog wirk» lich Jahre des Kummers auf! Also der Fritz wollte hei« rathen? . . . Jnstinctiv ahnte ste, daß es auch für sie heißen werde: »Dein Sohn, Dein Kind nur bis er gefreit, Deine Tochter, Dein Kind auf Lebenszeit!" Nun, es blieb wenigstens schön von ihm, sich vorher der Mutter noch einmal in Dankbarkeit zu erinnern! Das — viele Geld! Wa; ließe sich Alle« dafür kaufen! Sie überlegte, was das Nöthigste sei . . . Die Anna sparte für eine Kuh, anstatt der naschhaften Ziege, an der das Futter vergeudet war. Es war wohl gut, das Geld dazu zurückzulegen? Botenhanne dachte auch an ein schwarzes Kirchenkleid, als Ersatz für das vertragene Brautkleid . . . Unmöglich konnte sie die große Summe allein für sich anwenden I »Großmutter» das Christkind soll mir ein Schäfchen bringen, ein Schäfchen, ich will keine Pelzmütze!" ließ sich da» Fritzchen plötzlich vernehmen, das al« Liebling und Nesthäkchen, da« augenblickliche Vergeffensein sehr übel nahm. „Ich will ein Schäfchen!" Großmutters Gedanken kehrten zur Gegenwart zurück. Wie kam ste dazu, mit einem Male an sich, an ein schwarzes Kleid zu denken? Das alte war gut genug, sie im Sarge zu schmücken: der Gatte mußte sie darin im Himmel am ehesten wieder erkennen! Und soviel Geld es war, für die Kuh war es doch nur ein winziger Antheil. Die Ziege lieferte auch ausreichenden Milchbedarf, und Butter brauchte man nicht zu esien! . . - Aber es war Weihnachten heute und das Fritzchen, ihr Enkelsohn, ihr Liebstes auf der Welt, wollte — ein Schäfchen! Er sollte, mußte es erhalten! Sie überlegte, daß ste mit Dunkelwerden aus der Stadt zurück sein konnte, trotzdem es Mittagszeit war. Die Meile pflegte ste früher immer in anderthalb Stunde zurückzulegen. Die Anna, die sie nicht gehen laffen wollte, um die Mandeln und Rostnen der Frau Oberförsterin, brauchte gar nichts von der Sache zu erfahren. Wenn ste mit der Dunkelheit von der Arbeit vom Schulzenhofe zurückkehren würde, war Botenhanne au» der Stadt auch wieder da. Sie schickte die drei Enkelkinder für den Nachmittag zu einer Nachbarin hinüber, und gab jedem ein Stück Christsemmel mit auf den Weg. Dann machte ste stch sofort auf die Wanderung, Philax, al» Wächter, im unverschloffenen Hause zurücklassend. Es war ein heiteres Wetter, dis zehn Grad Kälte wird man droben auf dem Gebirge bald gewohnt; zwanzig sind schon schlimmer, und doch hatte Botenhanne in jungen Jahren auch dann noch ihre Gänge gemacht. Dazu schlug ihr heute das Herz so warm in der Brust, daß ste für die äußere Temperatur fast unempfindlich war. Stramm wie eine Dreißigerin, machte sie die Meile nach der Stadt wirklich wie ehemals in anderthalb Stunden. Auch der Ankauf de» Schäfchens dauerte nicht lange, am liebsten hätte die Großmutter den ganzen Spielwaarenladen für das Fritzchen mitgenommen! . . . Kaum drei Uhr Nachmittag» trat ste den Heimweg an. Die Sonne stand bereits tief am Himmel und drohte in ein Meer von Nebel und Dunst zu tauchen. Das heitere Frostwetter des Vormittags war einer feuchtkalten Laftstiö- mung gewichen, bie Botenhanne von Nordwesten her große Schneeflocken in« Gestcht trieb. Trotzdem Berg und Thal bereits vier Wochen lang ins winterliche Leichentuch eingebettet lagen, schüttete der Himmel abermals seine federartigen Gebilde über das Maflengebirge de« Harzes aus, unbekümmert um die ächzenden Tannen, die unter der Schneelast zu brechen drohten. Dennoch schritt Botenhanne unentwegt unter ihnen dahin — immer schneller, weil die Dunkelheit herein zu brechen drohte. Die alten Knochen stnd mürbe geworden — wirklich! gestand ste selbst ein. Einerlei, ste müssen vorhalten, damit das Fritzchen sein Schäfchen kriegt. Vom Karl werde ich nun nichts mehr haben, wenn er eine Frau hat. Den meisten Spaß hat man von den Kindern, wenn man ste auf den Schoß nehmen kann, wie das Fritzchen! Wenn ich auch nur mal ausruhen könnte! Aber alles — verschneit! Sie stampfte weiter, eilig, bis das Stampfen ein Schwanken ward. Ja, sie war wirklich alt und schwach geworden; in — 594 der alten Gewohnheit geblieben, hatte sie es kaum bemerkt; erst heute ward es ihr klar. Erschöpft lehnte sie sich an einen Baum, dann ging sie weiter. Sie wußte jetzt, daß die Anna doch früher von der Arbeit zurück sein werde, als sie heim sein konnte. Die Tochter würde ungehalten sein über die Mutter — jedenfalls. Einerlei, der Brief des Bruder« würde alles gut machen! Nur, daß das Fritzchen nun möglicherweise länger auf das versprochene Schäfchen warten mußte, macht Botenhanne Kummer. Da kommt ihr jemand entgegen. Es ist der Forstläufer, der von der Oberförsterei Kukuk kommt — er blickt die Alte an, als ob er eine Gespenst sähe. «Donnerwetter, doch die Botenhanne! Und bei dem Wedelwetter, wo man keinen Hund herausjagt! Wo kommt Ihr her?" Die alte berichtet, daß sie dennoch in der Stadt gewesen sei, um eine „notwendige Besorgung". Es geschieht fast ein wenig schamhaft. Dann schließt sie bittend: Wenn Sie doch noch einmal ins Dorf herunter müssen, Forstläufer, dann könnten Sie das Schäfchen hier mitnehmen, vom Christkind für das Fritzchen! Die Anna soll das Tannenbäumchen nur anstecken, die Kinder dürfen nicht warten! Ich muß mir Zeit nehmen---ich tauge nichts mehr!" „Um das Ding feit Ihr gegangen? Ihr seid nicht klug! . . . Nichts für ungut, Botenhanne, aber das ist noch schlimmer, als um Mandeln und Rosinen! . . . Doch gebt das Ding, ich wills besorgen! Ich habe eine Bestellung unten zu machen für den Herrn Oberförster, und wollte im Vorbeigehen hier einmal den Futterplatz des Wildes nachsehen. Das arme Vieh hat's jetzt schlimm, swenn man'« vergißt. Hier trinkt mal aus der Jagdflasche, es wärmt!" Botenhanne that wirklich ei« Schlückchen nnd fühlte auch Wärme und Stärkung. Neu belebt schritt sie weiter — bis die Kraft abermals versagte. Sie konnte sich aber nun Zeit nehmen, der Baum würde brennen, und dar Fritzchen hatte sein Schäfchen erhalten. Wie die Weihnachtsglocken aus der Ferne herüberklangen, ward ihr wunderbar friedenvoll und glücklich ums Herz — fast träumend schritt sie langsam weiter. Wie hatte sich alles so glücklich gefügt! Der Karl war brav geworden und bekam nun eine Frau, und das Fritzchen hatte sein Schäfchen erhalten. Es war ihr, als ob nach schwerer Tagesarbeit Feierabend geworden sei, und sie ruhen dürfe, nur noch schöner----------- Unten im Hirtenhause hatte die Tanne mit Anbruch der Dunkelheit gebrannt, nachdem der Forstläufer seine Bestellung gemacht hatte. Die Kinder hätten der Mutter auch schwerlich Ruhe gelassen. Nach dem Abendbrot waren ste zu Bett gegangen, weil sie morgen früh mit den neuen Wachsstöcken in die Christmette gehen wollten. Die Anna war ärgerlich auf die Mutter, hatte aber trotzdem einen guten Ctchorienkaffee für ste gekocht. Um sie zu erwarten, duckte sie sich auf'» Sofa und schlief ein, todtmüde von Weihnachtsarbeit und Mühe- Als sie erwachte, rief die Glocke schon zur Frühmette. Erschrocken trat die Frau an's Fenster, von allen Seiten kamen die Kirchengänger über den knisternden Schnee mit ihren Laternen herbei, auch von der Waldhöhe herab bewegten sich ein paar Lichtlein. Da — plötzlich — Getümmel, erregte Stimmen reden durcheinander, sie kommen auf da» Hirtevhaus zu, mit einem Holzschlitten. „Um Gotteswillen, was giebt's?" „Wir haben die Botenhanne gefunden, sie ist tobt, erfroren, oder im Wedelwettsr umgekommen," klingt es au« dem Munds der frühen Kirchengänger, „jedenfalls maufetodt!" Die Tochter weinte der Mutter heiße Thränen nach — aber die schwere Sorge ums tägliche Brot versteht selbst liebende Kindesthränen bald zu trocknen 1 Trauer und Schmerz find auch ein Luxus, wenn man drei Kindermäulchen zu füllen hat! Wenn die Mutter noch lebte, würden es bald vier Esser gewesen sein. Denn Botenhanne war allmählich doch eine schlechte, unbrauchbare „Schnellpost" geworden. Darum war ihr besser und wärmer unter dem kalte» Schnee. Der Karl war noch brav geworden, und das Fritzchen, ihr Liebltna hatte ja sein Schäfchen 1 * Die Krankenträger. Eine Jagdgeschichte vom Mittelrhein. Von Fred Vincent. (Schluß.) Allein nichts näherte stch der Ecke, an welcher Mr- Todd und ich unsere Stände hatten. Sine ganze Menge Hasen waren allerdings innerhalb des Triebes an uns vorbei gekommen, allein auf so weite Entfernungen, daß ein Schub nicht anzubringen gewesen war, denn ste alle flüchteten gleichfalls nach den Weinbergen, welche die meisten durch die sehr weitläufig aufgestellte Schützenkette auch glücklich erreichten. Fast eine Stunde war bereits auf diese Weise vorüber» gegangen, al« die Treiber den Rücktrieb begannen. Da änderte stch wie mit einem Schlage das Bild, und nun behielt Buddenberg recht, denn der Engländer hatte einen fabelhaften Anlauf. Fünf Hasen auf einmal kamen wie zu einer Cavallerie» Attake auf seinen Stand los, und Mr. Todd, wie alle Neulinge, konnte stch nicht enthalten, die Herankommenden mit zwei Schüssen zu empfangen, die natürlich weit hinter denselben den Schnee aufstäuben machten; er hatte sie einfach Überschüssen. Erstaunt über diese Fehlschüsse vergaß er anfänglich vollständig da« Wiederladen, sodaß die Hasen die Schützenlinie längst hinter sich hatten, — einer davon war durch den Stand selbst hindurchgölaufen, — bevor er wieder schußbereit war. Endlich hatte er einen der Flüchtlinge auf's Korn genommen, und obgleich derselbe mindestens sechzig Schritts entfernt war und ich lebhaft herüberrief, nicht zu feuern, gab er dennoch Feuer ab, und mit sichtbarem Erfolg. Der Hase schlenkerte den Hinterlauf, ohne sich indessen in seiner Flucht aufhalten zu lassen. Und nun erfuhr Mr. Todd, was Krankenträger find. Kaum hatte der Angeschossene die Gegend erreicht, in welcher wir vorhin die dunklen Figuren bemerkt, als urplötzlich ungefähr ein Dutzend halbwüchsige Burfchen aus Gräben und anderen Verstecken aufsprange», Knüppel durch die Luft sausten, und bevor Lampe sich von dem Schrecken dieses Ueberfallr erholen konnte, war es um ihn geschehen, und die Krankenträger wieder in ihren Verstecken verschwunden. Sprachlos vor Staunen hatte Mr. Todd dieser kurzen Episode zugeschaut, und darüber sogar das Schußfeld außer Acht gelassen, sodaß er, als er stch wieder herumwandte, mehrere Hasen in schönster Entfernung wahrnahm. Eilfertig riß er die Flinte an den Kopf, zielte sorgfältig und drückte — und drückte, allein kein Schuß krachte, «denn er hatte noch nicht wieder geladen, und die Hasen waren längst in Sicherheit, bevor er stch dieser betrübenden Thatsache bewußt wurde- Ich habe e» nie in meinem Leben mehr bedauert, kein Momentphotograph zu sein, wie in diesem Augenblick, denn der Gestchtsausdruck, mit welchem der Engländer die nicht losgehende Flinte betrachtete, war geradezu unbezahlbar. Es war übrigens, als wenn sämmtliche Hasen da« glückliche Entkommen ihrer Stammesgenoffen an dieser Stelle bemerkt hätten, so zahlreich erschienen sie jetzt auf unsrer Ecke, und ich bekam nun selbst alle Hände voll zu thun, so daß ich mich nichtjmehr viel mit meinem Nachbarn beschäftigen konnte. Da» letzte, was ich von ihm sah, war, daß er sich bemühte, die wollene Decke an seine» Beinen loszuwerden, — es war ihm offenbar warm geworden, — wobei die frisch geladene Flinte seinen Händen entglitt, beide Läufe stch entluden, sodaß die Schrote in meiner nächsten Nachbarschaft einschlugen. Da» aber schien sein letzter Unfall zu sein, denn als bald darauf abgehuppt worden war, brachte er triumphirend drei Hasen und ein Huhn zu mir an den Stand, wo sich meine Abthetlung sammeln sollte. „Nun, Mr. Todd, sind Sie jetzt dahinter gekommen, was wir unter Krankenträger verstehen V" fragte ich ihn lächelnd. - 595 „Well, yes“, entgegnen er, .ich habe drei Hasen verwundet und sie find alle drei gelaufen dort hinüber, wo die Leute stehen, was ste Krankenträger nennen. War machen Sie damit und warum nennen Sie ste so?" »Ja, sehen Ste, wenn Sie einen Hasen angeschoffen oder verwundet haben, wie fie sagen, so wird er krank, und den Kranken tragen die Leute dort hinten weg. Darum nennen wir fie Krankenträger und der Herr Major Sanität« colonne." „Yes, aber wohin tragen die Leute sie?" Ich zuckte die Achseln. »Jedenfallr nicht auf unsre Wagen." »Oh, ich sehe, aber war thun Sie dagegen?" „Wir? Wir versuchen, wenn die Krankenträger uns zu nahe kommen, ihnen eine Portion Hasenschrot auf die Beine zu schießen, aber gewöhnlich kommen sie nicht so nahe-" „Das ist doch nicht erlaubt?" fragte Mr. Todd. „Warum kommt nicht die Polizei?" Ich zuckte wieder mit den Achseln. „In einem derartigen Gelände ist die Polizei machtlos, denn die Gesellschaft kennt jeden Schleichweg und verschwindet sofort, sobald ein Polizist erscheint." Unterdessen war meine Abtheilung vollzählig zusammen» gekommen und wir waren eben im Begriff, in die Weinberge hinaufzusteigen, wo der nächste Trieb stattfinden sollte, als plötzlich Mr. Todd sagte: Oh, ich habe ganz vergessen, ich glaube, ich habe noch einen verwundet. Ich habe gesehen, wie er fich hingelegt hat, wie ich auf ihn geschossen habe, ich werde ihn holen." Und damit stieg er schon über die Felder hinweg, diesmal allerdings vorsichtigerweise mit fertig gemachter Flinte. „Hullo hier liegt er,* rief er plötzlich, „und ganz tobt." Damit bückte er sich, allein Meister Lampe, der sich nur in die Furche gelegt hatte, rutschte ihm unter den Händen hinweg und ging in voller Flucht davon. Zwar hatte Mr. Todd zuerst dem Todtgeglaubten ganz verdutzt nachgeblickt, bann aber hatte er die Flinte gehoben, sorgfältig gezielt und dem Davoneilenden zuerst mit dem rechten und dann mit dem linken Lauf nach allen Regeln der Kunst — gefehlt. Kopfschüttelnd kam er zu uns zurück, die wir mit innigster Befriedigung Zeuge seines Kunststückchens gewesen, da» wohl schon mehr als einer von uns fertig gebracht haben mochte. „Schade, daß Sie kein Bajonett auf der Flinte gehabt," meinte einer der alten Jäger, „denn dann hätten Sie ihn sicher gekriegt." Während der nächsten Triebe in den Weinbergen hatte fich der Engländer, obgleich dort das Schießen schwieriger al» auf freiem Felde ist, recht gut eingewöhnt, und jedesmal mehrere Hafen zur Strecke gebracht. Im letzten Trieb vor der großen Frühstückspause war ihm jedoch ein eigenartige« Malheur zugestoßen. Er hatte auf einen zwischen den Weinpfählen hindurch schleichenden Fuchs geschossen und stcher geglaubt, denselben getroffen zu haben. Als sodann abgehuppt worden war, hatte er seine Beute nicht im Stich lassen wollen, sondern hatte, um beim Klettern nicht behindert zu werden, seine mit Eß« und Trinkbarem wohlgefüllte Jagdtasche nebst vier geschossenen Hasen auf seinem Stand zurückgelaffen und war in den Weinberg auf die Suche nach dem Fuchs gestiegen. Natürlich hatte er denselben nicht gefunden, aber ebensowenig die vier Hasen und die Jagdtasche, al» er dieselben von seinem Stande hatte abholen wollen. Dort hatten inzwischen die Krankenträger ihre» Amte» gewaltet, die wie gewöhnlich die abgetriebene« Weinberge nach Kranken abgesucht und da» Depot Mr. Todd» al» gute Beute erklärt hatten. Wuthschnaubend war er bei uns am geschützten Frühstücksplatz angelangt, wo wir schon tüchtig unter den Vorräthen und dem delicaten warmen Würzwein aufgeräumt hatten. „Oh, aber ich habe den verd. . . Kerl erwischt, der hat gestohlen meinen bag,* beendete er seinen Bericht. „Er war noch nicht fort fehr weit und ich habe gerufen: Stehen bleiben I Er ist aber nicht geblieben stehen und ich habe ihm geschossen hinten auf seine Hellen Hosen. Und ich habe ihn getroffen gut, denn ich habe gehört deutlich klatschen die Schrotei" „Wie weit war er denn?" fragte Buddenberg. „Oh, ich weiß nicht genau; e» wird gewesen sein vielleicht 60 Schritt höchstens!" „Na, das kann eine nette Geschichte werden," brummte der Major, „wenn der dem Kerl auf 60 Schritt einen guten Schuß Hasenschrot auf da» Hinterleder gebrannt hat, dann find die auch ordentlich ins Fleisch gegangen und wenn er gerade an den Richtigen gekommen ist, so zeigt der uns an und wir kriegen eine schöne Bescheerung. Aber sagen Sie, Mr. Todd, was ist denn aus dem Menschen geworden?" „Oh, ich weiß nicht genau; er war verschwunden sofort." »Na, da haben roir’s; der hat stcher eine ordentliche Portion abbekommen. Aber das nutzt jetzt nichts mehr, also sehen Sie lieber mal zu, daß Sie noch etwas zu essen und zu trinken bekommen, Mr. Todd." Von ersterem war allerdings nicht mehr viel vorhanden, dagegen fand sich in einem der mit Filz überzogenen steinernen Krüge noch ein ganz hübscher Rist Würzwein, sodaß der Engländer wenigsten» nach dieser Richtung hin nicht ganz leer aurging. Rauchend und plaudernd hatten wir uns noch eine Weile ausgeruht und wollten gerade aufbrechen — die Treiber waren schon voraus — als einer der letzteren zurückkam und — Mr. Todds neue Jagdtasche anbrachte, die er vorn im Weinbergweg gesunden habe. Freudig nahm sie ihr Eigen- thümer in Empfang und ging sofort daran, ihren Inhalt zu untersuchen. Da stellte sich denn heraus, daß der Wein gänzlich verschwunden war, ebenso die Eßwaaren zum größten Theile, denn von diesen war nur noch ein mächtiges Butterbrot) mit kaltem Braten vorhanden. Bon dem sonstgen Inhalt fehlte nichts. „Ra, da» nenne ich mir einen ehrlichen Dieb," meinte der Major, „hat Ihnen sogar noch was zu essen übrig gelassen, damit Sie nicht ganz zu kurz kommen. Na, da setzen sie sich nur wieder hin und frühstücken sie rasch; wir warten so lange auf Sie." Das ließ sich der Engländer nicht zweimal sagen, sondern nahm sofort mit einem wahren Bärenhunger da» so unerwartet wieder erlangte Frühstück in Angriff. Schon beim zweiten Biffen zog er jedoch ein unwilliges Gesicht, denn er hatte auf etwas hartes gebissen, das fich bei näherer Untersuchung als — ein Schrot herausstellte. Auch im nächsten Bissen fand sich ein solche» und in einem weiteren sogar drei der runden Bleistückchen, — die Sache fing an verdächtig zu werden. „Wie kommen Schrote hinein in roast-beefP Man schießt doch in diesem Lande nicht die Ochsen auf Treibjagden?" meinte der Erstaunte und blickte uns nach der Reihe fragend an. Niemand wußte eine zutreffende Auskunft, bi» plötzlich unser alter Schöller ausrief: „Halt, ich hab'«! Kmder, gebt mir mal die Jagdtasche her. So — na ja — da haben rott’« — so’n abgefeimter Spitzbube! Da seht nur 'mal her, hat fich der Kerl roahrhastig den edelsten Theil seine» Körper« mit der gestohlenen Tasche gedeckt, und unser hitziger Freund hier hat in seiner gerechten Entrüstung über die Unverschämtheit der Krankenträger einen ganzen Schuß Hasenschrot seiner eigenen Jagdtasche aufgebrannt ....** Weiter kam der alte Herr nicht in seiner Erklärung, denn seine Stimme ging unter in dem brausenden Sturm jubelnden Gelächter», der bei dieser rounberbaren Entdeckung losbrach und minutenlang jedes weitere Wort verschlang. „Kein Wunder, daß Sie die Schrote haben klatschen hören," sagte Buddenberg, al» er fich endlich wieder Gehör verschaffen konnte, aber der Kerl kann von Glück sagen, daß er den Schub nicht in'» Fleisch bekommen hat — und wir eigentlich auch," setzte er leiser hinzu. Dem Engländer aber blieb den ganzen Tag über fein fabelhafter Anlauf treu und die Krankenträger fern — es mochte wohl nicht jeder von ihnen mit einer Jagdtasche versehen sein. Und am Abend hatte Mr. Todd von allen Jagd- theilnehrnern die größte Strecke aufzuweisen, denn dieselbe bestand au» 43 Hasen, 1 Fuchs und 1 Hahn, und als ihn Buddenberg beim Abschied fragte, wie ihm seine erste rheinische Hasenjagd gefallen habe, erwiderte er anerkennend: 596 »Oh, kapitaler Sport! Aber Ihrs Krankenträger haben mir nicht gefallen!" Die Hochzeitsreise. Eine kleine Plauderei für die Frauenwelt. Von Julius Röhler. _______ (Nachdruck verboten.) Goethe sagt in „Wilhelm Meisters Lehrjahre" nach der ersten Dichtung des Hamlet und bei der durch ein unmäßtger Gastmahl darauf folgenden Verstimmung t der Schauspieler: „Eigentlich konnte man bei dieser Gelegenheit die Bemerkung recht wahr finden, daß man keinen Zustand, der länger dauert, ja der eigentlich ein Beruf, eine Lebenswche werden soll, mit einer Feierlichkeit anfangen dürfe. Man feiere nur, was glücklich vollendet ist eine Cermonie, allen zum Anfänge erschöpfen Lust und Kräfte, die das Streben hervor- bringen und uns bei einer fortgesetzten Mühe beistehen sollen. Unter allen Festen ist das Hochzeitsfest da« unschicklichste, keines sollte mehr in Stille, Demuth und Hoffnung begangen werden als dieses." Wie groß die Wahrheiten auch find, welche der deutsche Altmeister in seinen Werken ausspricht, so will uns doch scheinen, daß ein Urtheil von Goethe über Hochzeit und Ehestand nicht allzuschwer in das Gewicht fällt, und im Gegensatz ru den oben angesührten Worten des Dichters bekennen wir, daß wir ein solennes hübsches Hochzeltsfest sehr wohl ge- rechtfertigt und angemeffen finden. Natürlich soll das eine Familienfeier fein, welche den gesellschaftlichen Verhältnissen der Brautleute entspricht, nicht ein eitles Prunke« mit hoch, zeitlichen Kleidern oder ein Schwelgen in außergewöhnlichen Genüssen, und wer die Mittel zur Feier nicht übrig hat, der thut auch besser, wenn er die Kosten de« Hochzeitsmahles als Nothgroschen mit in die Ehe nimmt. Die besser sttuirts Minderheit aber, welche der hergebrachten Gewohnheit nach Belieben folgen kann, hat nun leider an Polterabend, Trauung und Hochzeitsmahl häufig noch nicht genug und es ist die Hochzeitsreise fashionable geworden. Diese aber möchten wir als ein modernes Uebel bezeichne«! Weshalb?" wird vielleicht manche glückliche Braut fragen, welche sich die geplante Hochzeitsreise nach der Schweiz, Tirol und dem Königssee mit jugendlicher Phantasie ausge- malt hat. Weshalb, das wollen wir in Nachfolgendem darthun. Zunächst gedenken wir des citirten Dichterwortes, daß man „einen Zustand, der dauern, der Beruf und Lebensweise werden soll, mit Ernst, Demuth und Hoffnung beginnen möge!" Wenn also ein Brautpaar mit der Hochzeit sein erwünschtes Ziel erreicht hat, dann find die Zetten des Tändelns und Spielens vorüber, und es beginnt der Ernst des Ehestandes vom ersten Tage an in den eigenen vier Pfählen; die junge Frau beginne sofort ihr Hausregiment — d. h. kein Pantoffelregiment — und zeige ihre Befähigung und Kunstsertigksit in Hau«, in Küche und Keller. „Vor der Ehe ist Alles Schein, in der Ehe kommt das Sein! ' Der Brautstand mag jahrelang gedauert haben, die Verlobten lernen fich in demselben trotzdem nicht gründlich kennen, da sich jeder nur von der besten Seite zeigt und die gegenseitigen Fehler oder Etgenthümlichkeiten mit dem Mantel der Liebe umhüllt werden. Ein langer Brautstand ist auch nicht gut; Mannräuschlein nannte man im 17. Jahrhundert den Brautstand, von einem Rausch aber kann man nur wünschen, daß er schnell vorübergeht, und ist eine Braut zudem meistens ein untaugliches und ungenießbare« Familienglied. Doch nun zur Hochzeitsreise! Wenn das junge Ehepaar manchmal mitten von der Festtafel aufsteht, um dann für Wochen oder gar Monate ein modernes Nomadenleben zu führen, so wird der unnatürliche Zustand der Brautschaft gleichsam in der Ehe fortgesetzt. „Lust und Kräfte, die da« Streben hervorbringe« und un« bei einer fortgesetzten Mühe beistehen sollen, «erden zum Anfangs erschöpft," wie der Dichter sagt, und wenn die Eheleute dann endlich, von Reise und Hotelkost übersättigt, in« eigene Heim einziehen, wird die Ernüchterung über die matte Auflösung de« reizenden Räthsel«, welches die Ehe sein soll, um so größer sei«. (Schluß folgt.) Ein prächtiges und werthvolles Weihnachtsgeschenk für Jung und Alt. Ein Leser schreibt uns: „In Ihrem geschätzten Blatte wurde kürzlich auf eine neuartige sogenannte Accordzither aufmerksam gemacht, welche die Musik- instrumentenfabrik I. T. Müller in Drerden-Striese« in den Handel bringt. Ich habe mir eine solche Zither kommen lassen und muß gestehen, daß das wirklich ein ausgezeichnetes Musik- instrument ist, welches sich bald wegen seiner leichten Erlernbarkeit und sonstigen Eigenschaften die allgemeine Gunst de« Publikums erringen dürfte. Wie viele hegen den Wunsch, „ein Instrument spielen zu können", müssen aber auf die Erfüllung desselben verzichten, weil e« ihnen an Zeit und Gelegenheit gebricht, fich die hierzu nöthige, Mühe und Aus- dauer erfordernde Notenkenntniß und manuelle Fertigkeit zu erwerben. Bei der Müller'schen Accordzither kann man sich alle Vorkenntniffe in einer Stunde aneignen, indem die hierzu beigegebene Unterrichtsschule jedem Halbwegs aufgeweckten Kinde ein sofortiges Spielen de« Instruments ermöglicht. Die leichte Erlernbarkeit dieses Instruments geht schon daraus hervor, daß nur die einfache Melodie zu spielen ist, während die begleitenden Accorde durch einfaches Drücken auf sehr finnreich angebrachte Manuals hervorgebracht werden, dabei hat diese Zither einen so schönen und vollen Ton, der von keinem andern derartigen Instrument erreicht wird. Alle diese Eigenschaften, sowie der mäßige Preis, der ja dadurch, daß ein kostspieliger und zeitraubender Unterricht zur Er- lernung nicht nothwendig ist, noch bedeutend herabgesetzt wird, machen die Müller'sche Accordzither so recht zum Familien. Instrument für jedes Haus geeignet und zu einem prächtigen, gewiß überall willkommenen Weihnachts-Gefchenk." Zubereitung des Gerstenfchleims. Die Gerste wird gewaschen, mit Fleischbrühe aufgefüllt, fleißig umgerührt und ein und eine halbe Stunde gekocht. Wenn nöthrg, wird Fleischbrühe nachgegossen. Eine Viertelstunde vor dem An- richten rührt man einen Kochlöffel Mehl mit etwas kaltem Wasser oder Milch zu einem Teig an und kocht das Gericht mit demselben fertig. Zum Schluß wird das Ganze durch ein Sieb getrieben und nach Belieben mit einem Eidotter gebunden. » * ♦ Rindfleisch (polnische Art), ein sehr kräftiges Esse« Von einem Stück mürbem Filet schneidet man zolldicke Scheiben, klopft sie mit einem naßgemachten Messer breit, wälzt sie in geschmolzener Butter, bestäubt sie mit. Mehl und Salz, läßt sie dann in einer mit Butter auegestrichenen Kasserole auf beiden Seiten dunkelbraun anbraten. Run gießt man halb Bouillon, halb weiße« Wein dazu und zwar so weit, daß e« nur eben übersteht, thut englisches Gewürz, ganzen Pfeffer, ein Lorbeerblatt, einige Wurzeln, als: eine Mohrrübe, Petersilie und eine Zwiebel daran, läßt da« Fleisch damit ganz langsam gar dämpfen, richtet e« an und gibt die Sauce, die man entfettet hat, durch ein Sieb darüber. Beim Heirathsvermittler. „Die Dame soll möglichst tiefschwarzesgHaar haben! Ich liebe so etwa«! „Ganz nach Wunsch; wir haben sie in allen Dessins! Rebaction: «. Scheyda. — Druck und »erlag der Brühl'schen UniverstStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) m