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An diesem Nachmittag arbeitete er nicht mehr, und Erika selbst konnte der bedeutsamen Entscheidung, die ihr der heutige Allend bringen sollte, nicht ungeduldiger entgegenharren, al« der halb erblindete Greis, der ruhelos in seinem Zimmer auf« und nieder wanderte, um horchend stehen zu bleiben, so oft er das Geräusch von Schritten auf den Kieswegen des Gartens zu vernehmen meinte. Die abendliche Dunkelheit hatte bereits ihre Schatten über das waldumkränzte Thal geworfen, als endlich die Glocke anschlug, deren Klang den beiden sehnsüchtig wartenden Herzen nichts Anderes verkünden konnte, al« Ellesmer's Erscheinen. Erika flüchtete in ihr Giebelstübchen hinauf, und der Professor warf sich unwillkürlich ein wenig in die Brust, wie es einem Manne wohl ansteht, der solche Kostbarkeiten zu vergeben hat. Gleich darauf wurde an die Thür des Arbeitszimmers geklopft; aber es war das wohlbekannte Klopfen feiner Dieners, und im gleichgültigsten Tone meldete ihm der junge Mensch: „Der Hausdiener von der Villa Belevedere hat soeben diesen Brief für den Herrn Professor abgegeben." Eine furchtbare Ahnung legte sich centnerfchwer auf die Brust des alten Mannes. „Rufen Sie meine Tochter!" brachte er mit Anstrengung hervor. „Sagen Sie ihr, daß ich sie dringend bitten ließe, sich sogleich zu mir zu bemühen." Kaum zwei Minuten vergingen bis sie erschien. Auch ihre blauen Augen öffneten sich wett vor Ueberraschung, als sie den Vater allein fand und als sie feine verstörte Miene sah. Mit zitternder Hand hielt ihr Fabricius den noch unerbrochenen Brief entgegen. „Er ist nicht gekommen, sondern er hat geschrieben. Sage mir um Goiteswillen, Erika, was das bedeutet!" Der Umschlag, den ihre Finger gelöst hatten, fiel zu Boden, und sie las; aber nicht laut und vornehmlich, wie der Professor erwartet hatte, sondern still für fich mit einem angstvoll über die Zeilen hinirrenden Blick und einem Gesicht da« innerhalb weniger Secunden die durchsichtige Bläffe und Starrheit des Marmors angenommen hatte. Sie stieß keinen Schrei des Entsetzens aus und sie fiel auch nicht in Ohnmacht, aber als ihr Vater in fieberhafter Spannung fragte: „Nun, willst Du mit denn nicht mittheilen, Kind, was in diesem Briefe steht —" da erwiderte sie mit einer völlig tonlosen Stimme, die er kaum als die ihrige erkannte: „Es ist Alles aus, Vater! — Er wird niemals kommen. Aber diesen Brief — ich kann ihn Dir nicht vorlesen — ich kann nicht. Und es ist ja auch gleichgültig, was darin steht- Ellesmere nennt sich selbst einen Nichtswürdigen. Ist das noch nicht genug?" „Aber ist es denn möglich?" rief Fabricius, und zwei helle Thränen zitterten an feinen Wimpern. „Mein Kind — mein armes, geliebtes Kind — wie wirst Du dies Entsetzliche ertragen!" „Wie es sich für Deine Tochter geziemt!" erwiderte sie fest. „Laß mich nur diesen Abend allein auf meinem Zimmer bleiben; morgen — da« gelobe ich mir feierlich — morgen werde ich Dir mit keinem Wort der Klage oder des Jammers mehr lästig fallen." Er hätte sie zwar viel lieber bei sich behalten, umsomehr, als er noch gar nicht wußte, was in dem unglückseligen Briefs stand, aber es dünkte ihm eine Grausamkeit, ihr die Bitte zu versagen, die sie aus verzweifelndem Herzen an ihn richtete, und e« wäre das sicherlich die erste Grausamkeit gewesen, die er seit der Stunde ihrer Geburt an ihr begangen hätte. So küßte er sie zärtlich auf die Stirn und bat sie mit zitternder Stimme, tapfer zu fein. Aber als sie dann gegangen war, tastete er nach dem Briefe und machte sich daran, ihn mit Hülfe des kläglichen Restes, der ihm von seinem Augenlicht noch geblieben war, ohne fremden Beistand zu entziffern. Er mußte das Blatt hart unter die Lampe halten und mußte sich der verschiedensten Gläser und Lupen bedienen; trotzdem aber wäre ihm die mühevolle Arbeit sicherlich nicht gelungen, wenn Herbert Ellesmere's Schrift nicht fo schöne und gleichmäßige Charactere gezeigt hätte. Nach langer Qual war er endlich mit seinem Vorhaben zu Stande gekommen und hatte gelesen: „Herr Professor! Der verdammenswertheste uud zugleich 542 der unglücklichste aller Menschen ist es, der vor Sie hintritt mit dem Bekenntntß, daß er wie ein Ehrloser an Ihrer Tochter und an Ihnen gehandelt hat. Zu derselben Stunde, da man Ihnen diesen Brief übergiebt, erwarten Sie mich ohne Zweifel als Bewerber um Fräulein Erikas Hand. Sie haben ein Recht dazu, und doch kann ich Ihrer Erwartung nicht entsprechen. Ich darf meinen Arm nicht ausstrecken nach dem köstlichsten Glück; ich kann nicht mit einem Schlage die göttlichen und menschlichen Gesetze zer- trümern, die es mir verbieten. Aber ich habe auch nicht den Muth, Ihnen von Angesicht zu Angesicht zu sagen, daß Sie die Thür Ihres Hauses einem Elenden geöffnet, daß Sie Ihr großherziges Vertrauen einem Nichtswürdigen geschenkt haben. Erlaffen Sie es mir, denn an den traurigen Thal« fachen würde durch eine persönliche Besprechung nichts mehr geändert werden können. Ich bin in der verzweifelten Lage einer Menschen, der nichts zu seiner Entschuldigung anzuführen vermag; ich muß die ganze Last Ihres Abscheus und Ihrer Verachtung auf mich nehmen ohne jede Hoffnung, daß Sie jemals dahin gelangen könnten, mir zu verzeihen. Eine wie furchtbare Strafe dies Bewußtsein für mich bedeutet, können Sie nicht ahnen, und ich darf nicht versprechen, es Ihnen zu schildern, denn Sie würden es mit Recht für eine neue Beleidigung halten, wenn ich noch einmal wagen wollte, von meinen Empfinduugen für Ihre Tochter zu reden. So bleibt mir noch die Pflicht, meine verabscheuenswürdigste Persönlichkeit für immer aus Ihrem Gesichtskreis zu entfernen und der Wunsch, daß dadurch in nicht zu ferner Zeit auch mein Name in Ihrem Gedächtniß verlöschen möge? „Ah, der Erbärmliche!" rieffFabriciu«, und seine armen' blinden Augen sprühten in maßlosem Zorn. „Er zieht sich zurück, ohne daß es ihm auch nur einfiele, einen Grund für seine schändliche Handlungsweise anzugeben. Aber er täuscht sich, wenn er glaubt, daß damit Alles zu Ende sei. Er soll mir Rede stehen. Noch habe ich doch wohl Kraft genug, einen Buben zu züchtigen, der die Ehre meines Hauses zu beschimpfen wagte." - Er klingelte nach seinem Diener und befahl, ihm Hut und Stock zu bringen. Dann nahm er den Arm des jungen Mannes und sagte: „Führen Sie mich jetzt nach der Villa Belvedere — aber schnell, denn ich habe keine Zeit zu verlieren." Er war fast athemlos, und auf seiner hohen Gelehrten- stirn perlte der Schweiß, als sie das Ziel ihre» Weges erreichten. Der Diener mußte die Glocke ziehen, und sobald ihnen von innen geöffnet wurde, verlangte Fabricius in befehlendem Tone, Mr. Herbert Ellesmere zu sprechen. Aber eine unerwartete und völlig niederschmetternde Antwort wurde ihm zu Theil. „Die englischen Herrschaften sind schon vor zwei Stunden fammt und sonders nach dem Süden abgereist. Die Wärterin meinte, daß sie der kranken Dame wegen nach Nizza gingen. Aber der Entschluß muß sehr plötzlich gekommen sein, denn heute Morgen hieß er noch, daß sie den ganzen Sommer hier zubringen würden." Langsam und zum Tode ermattet, legte Fabricius den Heimweg nach der Villa Erika zurück. Der Diener mußte ihn bis in sein Arbeitszimmer führen, und dann' sofort mit einer Depesche, die ihm sein Herr in die Feder dictirt hatte, nach dem Telegraphenamt eilen. „Dazu reichen meine Kräfte freilich nicht mehr aus," murmelte der unglückliche Mann, als er wieder allein war. „Ich muß es einem Jüngeren überlasten, die Strafe zu vollstrecken. Und Gott gebe, daß er ihn findet!" Es war eine Woche später, als ein hübscher, blondbärtiger Herr, der die Mitte der Zwanzig wohl noch nicht lange überschritten hatte, an den Pförtner des Hotel des Anglais in Nizza herantrat, um tu französischer Sprache zu fragen, ob ein Reisender Namens Herbert Ellesmere in diesem Hause Wohnung genommen habe. Der Gefragte warf einen Blick auf die Fremdentafel und nickte. „Mr. und Mr». Ellesmere nebst Bedienung — zwei Salons und drei Schlafzimmer im ersten Stock. Wünschen Sie, bei dem Herrn gemeloet zu werden?" Aber der blonde junge Mann hatte schon seinen Fuß auf die erste Stufe der Marmortreppe gesetzt. „Nein, es bedarf besten nicht. Ich melde mich schon selbst." Er hatte die Zimmernummer an der Tafel gelesen, und unbedenklich klopfte er an die Flügelthür, welche eine dieser Nummern trug. Eine weiche, wohlklingende Männerstimme ließ in englischer Sprache die Aufforderung zum Eintritt ergehen, und höflich erhob sich der Bewohner des Zimmers au» seinem Fauteuil, als er einen unbekannten Besucher vor sich sah. „Mr. Herbert Ellesmere?" fragte dieser an Stelle bes Grußes, und als der Andere in sichtlichem Erstaunen bejaht hatte, fügte er, ihn mit durchdringendem Blicke messend, hinzu: „Ich bin der Gerichts - Affestor Arnold Fabricius, und Sie werden über den Zweck meines Besuche» nicht mehr im Unklaren sein, wenn Sie erfahren, daß der Professor Eduard Fabricius mein Vater ist. Ich bin gekommen, Ihnen zu sagen, daß Sie an meiner Schwester wie ein Schurke gehandelt haben, und um für den S himpf, den Sie meiner Familie angethan, Genugthuung von Ihnen zu verlangen." Weder Bestürzung noch Zorn, nur eine tiefe Traurigkeit zeigte sich auf Herbert Ellesmere» bleichem Gesicht. Ohne mit den Wimpern zu zucken, sah er dem Affestor in die Augen, und mit einer leisen, sanften Stimme erwiderte er: „Sie verlangen, daß ich mich Ihnen zum Zweikampf stelle, nicht wahr? E» ist in meinem Baterlande nicht Brauch, sich zu duelltren; aber ich bin nichtsdestoweniger bereit, mich den deutschen Sitten zu fügen. Nur daß es gleich jetzt auf der Stelle oder in der allernächsten Zukunft geschehe, dürfen Sie nicht von mir fordern. Sie müssen mir eine Frist gewähren, die aller menschlichen Voraussicht nach nicht sehr lang sein wird, wenn ich auch heute noch nicht im Stande bin, ihre Dauer zu bemessen." „Das find jämmerliche Ausflüchte, Herr!" brauste Arnold Fabricius auf. „Bekennen Sie sich doch lieber unumwunden zu Ihrer schmachvollen Feigheit, wie Sie sich zu ihrer nichtswürdigen Handlungsweise bekannt haben. Wie hätte ich auch erwarten können, noch einen Funken von Ehre bei Ihnen zu finden!" Herbert Ellesmere blickte ihm unverwandt in das erregte Antlitz, und in seinen schwermütigen, dunklen Augen war etwas, was den Assessor schon während de« Sprechen« wieder irre machte an seiner verächtlichen Meinung. „Ich bin nicht feige — wenigsten» nicht, wenn es sich nur darum handelt, meine Brust einer Pistolenkugel preiszugeben. Aber ich darf wohl zu Ihrer Ehre annehmen, Herr Assessor, daß es Ihnen nicht um eine Faxe zu thun ist, sondern daß Sir die rechtschaffene Absicht haben, mich zu tödten. Und gerade, weil ich auf einen solchen Ausgang rechne, muß ich meine Bitte um Gewährung einer kurzen Frist wiederholen. Die Pflicht, Ihnen Genugthuung zu geben, ist nicht die einzige, die ich hier auf Erden noch zu erfüllen habe. Ich muß einer anderen, älteren und heiligeren, den Vorrang einräumen. Aber ich wiederhole, daß es sich dabei nur um einen kurzen Aufschub handeln wird." Arnold Fabricius hatte sich während seiner Fahrt nach Nizza auf die verschiedenartigsten Möglichkeiten vorbereitet; darauf aber, daß ihm der Gegner eine solche Bedingung stellen könnte, war er doch nicht gefaßt gewesen. Und die ruhig würdevolle Haltung de« Engländers im Verein mit dem unverkennbaren Ausdruck eines tiefe» Schmerze» in seinen Zügen zwang ihm fast wider seinen Willen eine Mäßigung auf, die noch vor einer Viertelstunde gewiß nicht in seiner Absicht gelegen hatte. „Und was bürgt mir dafür, daß ich Ihrem Worte trauen darf?" fragte er. „Sie werden begreifen, daß alles Vorhergegangene nicht gerade darnach angethan ist, mir eine — 543 besonders hohe Meinung von der Unverbrüchlichkeit Ihrer Versprechungen beizubringen." „Ich begreife das vollkommen, mein Herr; aber ich kann Ihnen trotzdem keine andere Bürgschaft geben als mein Ehrenwort. Sie mögen ihm immerhin Glauben schenken. Wenn man sich in meiner Lage und in meiner Stimmung befindet, hat man wahrlich kein Interesse mehr daran, sich das Leben durch eine Lüge zu erkaufen. Bezeichnen Sie mir den Ort, wo ich jederzeit sicher sein kann, Sie zu finden, und ich schwöre, daß ich mich an demselben Tage, wo ich jener älteren Verpflichtung ledig geworden bin, dorthin be- begeben werde, um Ihrer Herausforderung Folge zu leisten." Der Assessor zauderte noch eine kurze Zeit; dann entnahm er seinem Portefeuille eine Visitenkarte und warf sie auf den Tisch. „Mag es denn darum sein! Ich gestehe offen, daß ich keineswegs mit Sicherheit auf Ihr Erscheinen rechne. Aber wenn Sie es jetzt über sich gewinnen können, mir eine sofortige Genugthuung zu versagen, so würde wohl auch eine öffentliche Beschimpfung nicht den Erfolg haben, Sie vor meine Pistole zwingen. Ich werde also auf Ihr Kommen warten. Lassen Sie mich in Ihrem Interesse hoffen, daß meine Geduld nicht all' zu hart auf die Probe gestellt werde." Ellesmere nahm die Karte auf und barg sie sorgfältig in seiner Brieftasche. Er hatte dem Gegner, wie es schien, nichts mehr zu sagen. Arnold Fabricius wandte sich zum Gehen. Bevor er die Thür erreicht hatte, aber kehrte er sein Gesicht noch einmal dem Andern zu. „Sie haben mir bezüglich Ihres Verhaltens gegen meine Schwester sonst keine Erklärung zu geben? — Sie wollen keinen Versuch einer Rechtfertigung unternehmen?" „Nein! Ich bin unglücklicher Weise nicht dazu im Stande." „Nun denn: auf Wiedersehen mein Herr — auf baldiges Wiedersehen, wie ich hoffe!" Als er die teppichbelegte Marmortreppe hinabstieg, war der Assessor keineswegs zufrieden mit der Art, wie er sich seiner Aufgabe, die beleidigte Ehre der Schwester zu rächen, entledigt hatte. Aber er war jetzt durch seine Erklärung gebunden und konnte für den Augenblick nicht« mehr unter- nehmen. Nur in der Stills seine« Herzens legte er sich das Gelöbniß ab, daß es dem Engländer nicht zum zweiten Male gelingen sollte, sich unter einem leeren Vorwande der verdienten Bestrafung zu entziehen. „War dies wirklich Feigheit," dachte er, ,,fo soll die Frist, die er heute gewonnen hat, wahrhaftig nur eine Galgenfrist sein. Sie werden keinen Grund haben, Mr. Herbert Ellesmere, sich auf unser Wiedersehen zu freuen." (Fortsetzung folgt.) „Aber das hat ja nichts auf sich!" Eine kleine Plauderei für die Frauenwelt. Von Eugen Jsolani. ------- jNachdruck verboten.! Wer hätte noch nicht die Worte „Aber das hat ja nichts auf sich 1" mit jenem eigenthümlichen Gemisch von verhaltenem Aerger und Mtßmuth und doch auch liebenswürdigem Gethue von schönen Frauenlippen vernommen, wenn irgendwo ein Gast eine kostbare Vase oder sonst einen werthvollen Gegenstand zerbrach. Die unglückliche Besitzerin des vernichteten Gegenstandes möchte am liebsten den Attentäter zerreißen, sie möchte ihrem Herzen durch einen tüchtigen Wortschwall Luft machen, aber die Höflichkeit gebietet, die Gastfreundschaft verlangt Verstellung; sie muß mit den liebenswürdigsten Worten über da« angerichtete Unglück hinweggehen und flötet nur: „Aber da» hat ja nichts auf sich l" Der aufmerksame Beobachter fühlt natürlich durch die liebenswürdig erscheinende Kruste hindurch; er merkt, wie sie am liebsten dem Unglücklichen ein „Tölpel!" zurufen möchte, und es ist ja nur zu begreiflich, wenn eine echte, rechte Hausfrau, der jeder einzelne Gegenstand ihres Hauses, ihrer Welt lieb und werth ist, in Zorn geräth, wenn ihr nur da» geringste durch die Ungeschicklichkeit oder Unachtsamkeit eine» Fremden geraubt wird. Jeder noch so kleine Gegenstand hat ja seine Geschichte und ist durch dieselbe ihr ans Herz gewachsen. Da ist eine reizende Cakesbüchse, die ein Verehrer ihr zur Hochzeit spendete, ferner eine werthvolle, echt Meißner Porzellanschale, die für sie den doppelten Werth hat, weil ein berühmter Mann sie einst ihrem Gatten für einen ihm erwiesenen Dienst schenkte, ein Wandteller, den die Kunst der Freundin hervor- gebracht hat, eine Taffe, ganz unscheinbar nur und doch für sie so erinnerungsreich, denn der geliebte Mann trank daraus bei seinem ersten Besuche jm elterlichen Hause. Und selbst bei den Gegenständen, an die sich keine besondere Erinnerung knüpft, ist's ärgerlich, wenn etwas zerbricht, oft sogar sehr ärgerlich für die sorgliche Hausfrau, die da weiß, daß sie das Glas, das in Scherben ging, nun nicht mehr genau so wieder erhält und statt eines Dutzends nur deren elf noch besitzt. Ohne Zweifel hat es oftmals sehr viel auf sich, wenn etwas zerbrochen wird, und es gehört alle Geistesgegenwart und viel Tactgefühl dazu, trotzdem überzeugend auszurufen: „Aber das hat ja nichts auf sich!", um den ungeschickten Gast nichts von dem Aerger merken und fühlen zu lassen. Wie selten aber auch besitzt eine Frau diese Geistesgegenwart und Charakterfestigkeit! Ich könnte hier zahlreiche Geschichten erzählen von Frauen, denen diese liebenswürdigen Eigenschaften mangelten. Der italienische Tragiker Alfiri, dessen Dlchterstirne lang herabwsllende Locken umrahmten, befand sich einst bei einer Dame zum Besuch. Da pasfirte dem Dichter da» Unglück, mit einer feiner Locken von einem Tischchen, an das er sich lehnte, eine kostbare chinesische Porzellantasse Herabzusegen. Die Frau vom Hause war höchst entrüstet über diesen Unfall und konnte ihrem Unmuth so wenig Zügel anlegen, daß sie in der ersten Auswallung ihres Aerger« dem Dichter zurtes er hätte, da durch dar Fehlen der einen Tasse das ganze Service zerstückelt sei, lieber gleich Alles zerbrechen sollen. Alfiri erhob sich und warf ohne eine Silbe zu antworten, und ohne eine Miene zu verziehen, alles übrige Porzellangeschirr auf den Boden. Dann plauderte er noch mit der dadurch wieder etwas in« Gleichgewicht gebrachten Dame des Hauses ein Viertelstündchen, und empfahl sich, um nie wieder das Haus jener Dame zu betreten. Diesen Entschluß thetlte er ihr in einem Btllet mir, welche» einem ähnlichen und gleich kostbaren Porzellanservice beilag, das er ihr am anderen Tage übersandte. Wenn man in dem eben jerzählten Falle vielleicht dem lebhaften Temperament der Italienerin etwa» zu Gute halten darf, so muß leider gesagt werden, daß auch bei uns genug Fälle bekannt geworden find, in denen Frauen bei ähnlichen Gelegenheiten nicht jenen Gleichmuth zu bewahren vermochten, den eine gute Erziehung der gebildeten Frau verlangt. Bei Frau Commerzienrath X in Berlin W. war große Gesellschaft. Die kostbarsten Toilette«, in denen schöne und minder schöne Franen steckten, waren vertreten. Da reicht ein reich gallonirter Diener das Eis herum, sich eine Weile mit Geschick durch das Schleppengewirr hindurchwindend. Endlich aber übersteht er doch einen dieser Fallstricke, er stolpert, und ein ganzer Kegel Himbeereis, zum Theil schon in der Auflösung begriffen, ergießt sich über eine hellseidene Robe, um von dort auf den Teppich zu gleiten. Da stürzt sich, einer Hyäne ähnlich, die „Dame" des Hauses auf den Diener, ihn mit einer Fluth von Schimpfworten überfchüttend, unter denen „ungeschickter Tölpel" wie ein Kosenamen klingen konnte. Die begossene Dame war liebenswürdig genug, zum Schutze de» gescholtenen Dieners einzutreten, indem sie meinte: „Nun, das hat ja nicht viel auf sich! Ich würde ohnedies das Kleid nicht mehr tragen!" Da aber hatte die Frau Commerzieu- räthin ihre Geistesgegenwart so verloren, daß sie ebenso naiv wie zornig ausrief: „Run ja, Sie! Aber mein guter Smyrna- teppich!" So könnte ich zahlreiche Seschichtchen erzählen von Frauen, dis in ähnlichen Fällen Mangel an echtem weiblichen Taktgefühl und richtiger Herzensbildung erkennen ließen, aber freilich auch von anderen, die in so kritischen Fällen Beweise staunenswerther Geistesgegenwart zeigten. Ich brauchte nur von meiner eigenen Mutter hier zu plaudern, die, al« ich noch in den Kinderschuhen steckte, stets, wenn wir Kinder Besuch halten und mit unseren Spielgefährten in allen Stuben herum» tollten, fich immer erst, wenn etwa« dabei zerbrochen oder sonstwie vernichtet worden war, nach der Ursache erkundigte, ehe gescholten wurde. Wie oft aber habe ich bet anderen Frauen da« Gegenthetl al« Kind erlebt, wenn ich bei meinen Altersgenossen eingeladen war, und die Mütter in ähnlichen Fällen, wenn ich oder ein anderer kindlicher Gast etwas verdorben hatte, in ihrem Unmuth da« eigene Kind ausschalten, da» wohl dann, gastfreundlicher al« die Mutter, die Schuld auf sich nahm und den kleinen Attentäter nicht wenig beschämte. Und mit der Erzählung einer anderen Geschichte, die weine Frau betrifft, möchte ich meine Plauderei beschließen. Wir gaben in unserer junge« Ehe eine der ersten kleinen Gesellschaften. Meine Frau war vorher nicht wenig aufgeregt, wieder einmal zeigen zu können, war sie zu leisten vermag. Wie nett und sauber sah aber auch alles aus! Ein halbes Stündchen, bevor die Gäste erwartet wurden, rief mich meine Frau in« Eßzimmer hinein: „Sieh einmal, wie propre alle« aursieht, wie hübsch sich der Läufer ausnimmt auf der Tafel I Den habe ich heute zum ersten Male aufgedeckt! Habe ich den nicht hübsch gestickt? Den habe ich aber auch während unserer Verlobungrzeit gearbeitet! Jeder dieser vielen tausend Stiche ist mit besonderer Liebe ausgeführt. Alle meine Träume von unserem Eheglück habe ich da hineingestickt, und wenn ich an dem Läufer arbeitete, stellte ich mir vor, wie wir eine Gesellschaft geben würde«, wie Du dann die Gäste bei erhobenem Glase willkommen heißen würdest, wie nett sich die Gäste bei un« amüsiren, wie geplaudert, gelacht, gescherzt wird und wie, wenn wir wieder allein find, Du mir dann durch einen Kuß quittirst, daß Du mit mir zufrieden warft!" Die Gäste kamen, man setzte sich nieder zu einem kleinen Abendessen. Nach dem Mahle wurde Cognac und Liqueur herumgereicht. Da wirft ein kurzfichtiger Gast ein Gläschen mit Liqneur über den Tischläufer, und die grünliche Flüssigkeit ergießt sich über die schönste Blume der gerühmten Handarbeit meiner Frau! Die Gattin des unglücklichen Attentäters war selbst nicht wenig erschreckt über den angerichteten Schaden sie mochte wohl sofort ermessen, daß keine Wäsche im Stande sein würde, den Liqueursaft aus der gestickten Blume heraus- zuwafchen, und ste wollte eben dem Bedauren Ausdruck geben, über die Ungeschicklichkeit ihres Mannes, al« meine Frau ihn liebenswürdig mit dem Bemerken das Wort abschnitt: Aber das hat ja nicht« auf sich, das konnte jedem pafstren! Dann wurde die Unterhaltung schnell und gewandt auf ein andere« Gebiet geleitet, und nur ich vielleicht, der ich wußte, wie meiner Frau der zerbrochene Gegenstand am Herzen lag, konnte ahnen, waZ in ihr vorging, während ste mit größtem Gleichmuth von allen möglichen anderen Dingen sprach, konnte ermessen, welchen Heldenmuth ste bewies, indem sie so ruhigen Gemüthes fich darüber hinwegsetzte, daß ihr ein solcher Schatz verdorben worden war. Ich glaubte aber auch in diesem außerordentlichen Falle nach Schluß der Gesellschaft die übliche Quittung meiner Zufriedenheit in sehr ausführlicher Weise ausstellen zu müssen. Und noch einen anderen Lohn hatte meine Frau für die Bewährung ihres Tactgefühl«. Jedesmal, wenn der betreffende Läufer — nicht mehr zwar bei einem Gastmahl, sondern wenn wir ganz unter uns find — auf dem Tische liegt, erinnert sie der unauslöschliche Fleck an den Augenblick, wo sie ihre Tapferkeit bewies. So wurde der Fleck zu einem Orden für ste, für den sie wohl gar dem Urheber noch dankbar ist. Und ich zog die Lehre daraus, daß es manchmal wirklich „nichts 640 — auf fich hat", wenn eine« lieben Gaste mit unseren Sachen ein derartiger Unfall pasfirt. Vergriffe«. Nach jahrelangem vergeblichen Arbeiten hatte Peter Mißlich nun endlich für feinen neuesten Roman „Dar schwarze Berhängniß" einen Verleger gefunden und fchwelgte ein paar Wochen lang in Wonne und Erwartung von Gold und Ruhm. Aber er wurde schrecklich enttäuscht; denn sämmtliche Kritiken, welche er über sein Werk zu lesen bekam, riffen dasselbe fürchterlich herunter, sodaß natürlich nicht ein Exemplar davon abgesetzt wurde. Menschenscheu und mit fich und aller Welt zerfallen, brütete er tagelang in seinem Dachstübchen, bi« er fich endlich doch auftaffte und entschloß, sein Herz seinem Jugendfreunde Fopphauser auszuschütten, der ein äußerst schlauer Mensch war und fich infolge dessen auch längst eine gute Stellung in einem Bankhause erworben hatte. Fopphauser hörte die Jeremiade seine« unglücklichen Freunde« schweigend an, legte dann beide Beine behaglich auf'« Sopha, schloß die Augen und schien seinem ungeduldigen Besucher bereit« eingeschlafen zu sein, als er plötzlich aufsprang, in ein fröhliches Lachen ausbrach und rief: „Hör' mal, alter Schwede, was kriegst Du denn, wenn die ganze Auflage ab- gesetzt wird?" „Die ganze Auflage?" stotterte Mißlich. „Tausend Mark bekomme ich da!" „Topp!" chf der Andere. „Gilt'« einen Korb Seet! Die haft Du in einer Woche!" „Es gilt!" murmelte der Dichter verwirrt. „Aber Du willst mich wohl blo« foppen?" „Ah pah!" wehrte fein Freund ab und griff nach dem Hute. „Doch noch Ein«: In Deinem Buche kommt jedenfalls auch eine Heldin vor — jung, blühend, geistreich — nicht wahr? Wie heißt fte denn?" „Olga Fein!" stammelte Mißlich. „Aber ich begreife nicht —" „Hast auch nicht nöthig!" lachte der Andere. „Es lebe Olga Fein! — Nun komm'!"-- Am anderen Tage la« alle Welt in fämmtlichen größeren Zeitungen der Stadt folgende fettgedruckte Annonce: „Gutsbefitzer — mehrfacher Millionär — jung und hübsch, wünscht fich zu verehelichen und sucht auf diesem Wege da« Ideal, welche« er ander« nicht zu finden vermochte. Die Auserwählte feines Herzen« braucht nichts weiter al« jene Eigenschaften zu bsfltzsn, welche Olga Fein in dem Roman „Das schwarze Berhängniß" von Peter Mißlich aufweist. Briefe — Photographie erwünscht — bef. die Exped." Drei Tage später prangte an allen Buchhandlungen der Anschlag: „Da« schwarze Berhängniß — erste Auflage vollkommen vergriffen — zweite in Vorbereitung," — denn jede Dame — ob jung, ob älter — hatte fich da« Buch gekauft. VermEchtes. Ausgeglichen. „Sieh 'mal, da geht Oskar Schulz in'« Wirthshaus, und vor kaum vierzehn Tagen ist erst feine Frau begraben! In so tiefer Trauer!" — „Weshalb nicht? Er trinkt jedenfalls nur dunkle« Bier!" • e • Was ein Häkchen werden will. Lieschen bekommt einen Käfer in die Hand, der fich bei der Berührung tobt stellt. „Mama," tönt's aus dem Mündchen der Kleinen, „will das Käferchen auch einen neuen Hut haben, daß es in Ohnmacht fällt—?" Webaction; N. S-Heyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiMS-Bucb- und Stcindruckerei (Pietsch & Sch-Yda) in Gießen.