schmerzlichen Empfindung, hervorgerufen durch manch' galantes Abenteuer, hatte er sich nach Einsamkeit gesehnt. Daß sie durch einen freundlich geselligen Verkehr nach Belieben unter» brachen werden konnte, war ihm doppelt angenehm. Bernhard Wülpern war aber erfreut, durch einen angenehmen und intereflanten Gast seiner jungen Frau eine Zerstreuung zu bieten, nach der ihre Jugend und ihr Temperament verlangten. Wenn Lieutenant von Mülverstedt dann nach einem in Doras Gesellschaft angenehm verbrachten Tage nach Hause ritt, empfand er jedesmal ein Gefühl der Vereinsamung und dachte mit Neid an Wülpern, der sich seines Glücke» kaum bewußt schien. Denn nun, wo ihm Dora seit zwei Jahren angehörte und vollkommen befriedigt war, kam ihm seine Heirath keineswegs mehr als ein Wagniß vor. Im Gefühl der Sicherheit und in Verfolgung seiner geschäftlichen Pläne fing er sogar an, sie zuweilen ein wenig hintenan zu setzen. „Ob dies holde, verführerische Weib wirklich das „Bild ohne Gnade" ist, das sie scheint?" frug sich Mülverstedt. „Oder ist sie ein schlafendes Dornröschen? Dann möchte ich wohl der Prinz sein, der sie zum Leben erweckt. O, es wäre himmlisch! Dem guten Narren, den sie ihren Gatten nennt, ist es nicht gelungen. Nein, bei Gott, ich bin kein Don Juan, bin es niemals gewesen, obgleich mich die Welt zuweilen als solchen bezeichnete. Ich werde künftig weniger nach Almenhausen reiten. Ueberdies ist mein Urlaub bald vorbei!" Wirklich empfing Bernhard Wülprrn zwei Tage später einen Brief des Lieutenants, in welchem sich dieser für den ganzen Winter verabschiedete. IV. Als der Winter vergangen war, sand Dora, daß er nur so dahtngeflogen sei, obgleich er wenig Rückerinnerung hinterließ. Um den Wünschen des Gatten entgegenzukommen, suchte sie sich täglich mehr zu einer würdevollen, ihre Pflichten begreifenden Schloßherrin herauszubilden. Weihnachten hatte sie Bescheerung bei sich gehalten und Ostern den Arbeiterkindern selbst kleine Geschenke als Ostereier im Garten versteckt. So kam der Mai heran. Im aufsproffenden Grase Rr. 58 MenStag den IS. Mai <-VVee vv ,,v MmeMMek UnterlMungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). 6 Gesühnt? Novelle von Zoö von Reuß. (Fortsetzung.) Man setzte sich und die Unterhaltung ward bald allgemein. Lieutenant von Mülverstedt galt für einen der schneidigsten und glänzendsten Offiziere des Regiments und ward innerhalb desselben sehr verwöhnt- Der herausfordernde Verkehr mit einer koketten Hauptmannsfrau, die einen alten Mann geheirathet, hatte ihm schließlich ein Duell zugezogen, da» er sogar mit kurzer Festungshaft gebüßt hatte. Um über die Sache Gras wachsen zu lassen, hatte er eine Reise um die Erde gemacht. Kurz nachdem er zurückgekehrt, war ihm eine beträchtliche Erbschaft von einem Seitenverwandten zugefallen, gerade in dem Augenblick, als ihm die Mittel ausgingen und er deshalb durch seine ältere Schwester gedrängt wurde, sich durch eine reiche Partie zu retten. Gegenwärtig schien er sehr befriedigt und sogar bestrebt, den Platz aurzufüllen, wohin eine Laune des Schicksals ihn gestellt hatte. „Ich möchte Ihr Schüler werden, Herr Wülpern," sagte er im Laufe des Gesprächs. „Allenthalben im Umkreise von einigen Meilen vernehme ich Ihren Ruhm, schon damals, als ich das Glück genoß, mit der gnädigen Frau zu reisen! Es war meine erste und einzige Reise zu meinem Erbonkel — er wünschte mich zu sehen." „Sie kamen und — siegten!" scherzte Wülpern. „Auf Ihrem Besitz sind Landwirthschaft und Industrie verschwistert — die einzige Weise, durch welche die ältere Schwester ihr Leben fristet, fall» sie sich nicht zu bäuerlichem Betrieb entschließt. Und daß ich dazu keine Lust empfinde, brauche ich wohl kaum zu versichern." Wülpern sprach kurz über die Gesichtspunkte, welche ihn leiteten, und gab hier und dort seine Meinung. Lieutenant von Mülverstedt erzählte von seiner Weltreise und sah sich zum baldigen Wiederkommen eingeladen, als er nach zwei Stunden schied. Und er kam wieder, oft und bald. In einer welt —' 220 =8 lauschten duftende Veilchen und lag verstreuter Apfelblüthen» schnee, und darüber am Himmel hingen weißglänzende Lämmer» Wölkchen wie vergessens Winterschneeflscken. Dora saß mit einer feinen Handarbeit im Garten und erwartete den Gatten- Sie hatte nicht geglaubt, daß er an ihrer Seite so ganz und gar zu den alten, mühsamen Lebens» gewohnheiten zurückkehren werde. Sie schienen aber bereits übermächtig geworden zu sein. „Soll ich mein Werk halb fertig lassen?" frug er sie, wenn sie ihn bat, ihr und den Annehmlichkeiten des Lebens mehr Zeit und Muße zu widmen. „Dann würde es über» Haupt nutzlos fein! Außerdem ist das Glück vieler Anderer mit meinem Werk verflochten, die mir ihr Schicksal anvertraut haben! Laß mich erwerben, so lange ich die Kraft fühle; dann können wir uns auf einen schönen Lebensabend freuen!" Dabei blieb es und Dora hatte sich auch immer wieder befriedigt gefühlt- Sie konnte, wollte Vertrauen und Geduld haben; der Gatte war tausendmal besser als sie und alle anderen Menschen! Der Diener brachte die Kaffeemaschine, nun würde der Gatte gewiß bald kommen- Die Kaffeestunde pflegte er nicht zu versäumen. Plötzlich sah sie einen Offizier auf der Landstraße daher» gesprengt kommen, es war Lieutenant von Mülverstedt. Sie hatte ihn schon erkannt, bevor er noch in das Parkthor eingebogen war. Schon hielt der Reiter- „Ich habe mich nicht getäuscht, al» ich Sie auf der Veranda vermuthete, gnädige Frau! Der Frühling lockt mächtig hinaus, auch mich hielt'« nicht mehr in der Garnison. Drei Monate habe ich Urlaub genommen und möchte nun ein tüchtiger Agrarier werden!" „So sind Sie wieder hier? Mein Mann hat mir nichts gesagt oder weiß er nicht darum?" rief Dora von der Veranda herab. „Herrlich! Herrlich!" Lieutenant von Mülverstedt schien sehr befriedigt von dem Empfang und ließ den Schweißsuchs ein paar Mal mit Eleganz courbettiren- Dann warf er einem herbeigeeilten Stallknecht den Zügel zu und stieg ab- Der Handkuß, den er auf Doras Hand drückte, war so lang und heiß, daß sie das Brennen seiner Lippen fast als schmerzhaften Stich empfand und von einer Gluth übergossen ward, die sie sich nicht erklären konnte. Nur scheu wagte sie zu Lieutenant von Mülverstedt aufzublicken, dennoch gewahrte sie, daß er bleich aussah, nur seine Bugen glänzten und strahlten in Freude und Triumph. Er erzählte von dem Leben in der Garnison, den winterlichen Vergnügungen mit einer fast frappirenden Weltgewandtheit und Eleganz. Alle», was er sprach, zeigte Leben und Verve neben heimlicher Leidenschaft. Dora machte die Wirthin und bediente den Gast, wie sie immer zu thun pflegte — solch' entzückten Dank wie hier hatte sie aber noch niemals erhalten. „O, wenn Sie wüßten, gnädige Frau, wie mich der natürliche, freundschaftliche Verkehr in Ihrem Hause entzückt; während de» ganzen Winter« habe ich da» Vergnügen daran gemessen! Da» neroenaufregende, conventionelle Leben der Großstadt ist mir vollständig verhaßt geworden. Ich werde ein gelehriger Schüler Ihre» Gatten werden in meiner Eigenschaft al» Grundbesitzer. Wo bleibt Herr Wülpern?" Dora hatte die Abwesenheit de» Gatten fast vergessen, so sehr hatte Lieutenant von Mülverstedts Unterhaltung sie in ihren Bann gezogen. Wie um ihr Unrecht zu sühnen, flog sie dem Gatten in ungestümer Herzlichkeit entgegen, al» er endlich, müde und von Geschäften abgehetzt, erschien. Er begrüßte den Gast mit Herzlichkeit und versprach, nächstens nach Mülverstedt hinüberzukommen behufs verschiedener neuer Einrichtungen, die der junge Gutsherr zu machen gedachte. Zwei Tage später war Dora» einundzwanzigster Geburtstag und es war, als ob Wülpern wochenlang an nicht» anderes gedacht habe, al« an diese Feier. Die Bescheerung, die in dem gemeinschaftlichen Wohnzimmer aufgebaut worden war, entsprach allen irgend möglichen Wünschen und die Veranstaltung der eigentlichen Feier zeigte von zartester Rücksicht. Schon am Morgen erschien der Rendant mit der älteren Schwester als Geburtstags-Ueberraschung. Der Rendant halte sich seit Kurzem pensioniren lassen und dem Schwieger, sohn erlaubt, die materielle Einbuße zu decken. Die fast dreißigjährige Therese wuchs sich zu einer richtigen alten Jungfer mit Hund, Katze und Canarienvogel aus und konnte sich im Stillen immer noch nicht beruhigen über das Glück, welches das „Kind" gemacht hatte. Ganz unerwartet kamen auch die Amtsräthtn und Meta mit dem Mittagszuge. Die Aufmerksamkeit galt eigentlich mehr dem Sohn als der Schwiegertochter; sie wußte, daß sie Bernhard mit zarter Rücksichtnahme auf Dora am besten er. freuen konnte. Am Nachmittag erschien auch Lieutenant von Mülverstedt zur Gratulation. Auf welche Weise er von der Feier in Kenntniß gesetzt war, blieb unentdeckt. Aber die Blumengabe, die er überreichte, war mit Raffinement ausgewählt und Bezeugte eine längere Vorbereitung. Auch ein anderer Gutsnachbar, Baron Horsten nebst Frau und zwei Töchtern, war erschienen. Es war bekannt, daß die Aeltere, Thekla, ihre Netze nach Wülpern ausgeworfen gehabt, und daß der Vater, welcher in Vermögensfall gerathen war, den angesehenen, wohlhabenden Schwiegersohn gern willkommen geheißen hätte. Darum war Dora im Stillen ein Gegenstand des Hasser für die gesammte Familie und der Besuch am Geburtrtagsfeste geschah mehr wegen de» Lieutenants von Mülverstedt, den sie in Wülpern« Hause zu treffen hofften und der gegenwärtig der Gegenstand ihres Strebens und ihrer Heirathsabstchten war. „Natürlich findet man ihn hier im Hause der schönen Frau, den neuen Nachbar," sagte die Baronin Horsten spitz mit halber Wendung nach Bernhard Wülpern und dessen Mutter. „Wir haben uns vergeblich nach Ihnen gesehnt, eine volle Woche lang, um von ein paar früheren Regiment«, kameraden meines Mannes zu hören." „Pardon, gnädigste Frau, aber ich bin erst feit vier Tagen wieder in Mülverstedt," vertheidigte sich der junge Erbe. „Das ist ja geradezu eine einzige Geburtrtagsbescheerung! Thekla, Sophiechen, seht doch! Der herrliche Seidenstoff! Magnifique! Welche Spitzen! Das Farrenkrautmuster ist ge- radezu entzückend! Und die Pariser Handschuhe!" brach die Baronin in Verherrlichung au», indem ste den im gemeinschaftlichen Wohnzimmer aufgestellten Geburtstagstisch mit kritischen Blicken musterte. „Die Handschuhnummer ist allerdings recht — groß! Finden Sie nicht auch, Fräulein Meta?" wandte sie sich leise an die Begleiterin der Amtsräthin, dis schweigend zugehört hatte. „Und das Parfüm! Eine Kiste voll Kölnisches Wasser und Mahernia — das Modeparfüm," stöberte Fräulein Thekla umher. „Und welche Confituren! Pfirsich und Ananas!" bewunderte Sophiechen. „Das Beste steht im Stalle, das Reitpferd!" fuhr Thekla fort. „Frau Wülpern wird uns künftig als Amazone besuchen. Lieutenant von Mülverstedt wird ihr Reitunterricht ertheilen!" „Wie — interessant!" bemerkte Frau von Horsten, indem sie sich nach der Amtsräthin umsah, die auf dem Sopha saß und an einem Kinderstrumpfe für ihre Wohlthätigkeitsanstalt strickte. Die Worte entgingen ihr nicht und sie sah unwillkürlich nach der Schwiegertochter hinüber, die in diesem Augenblick in's Zimmer trat. Die plastische, wunderbar graziöse Frauen- gestalt war in leichten, rosenfarbenen Sommerstoff gekleidet, da« holde Gesichtchen mit den Hellen und doch so tiefen Kinder- äugen war glücküberstrahlt. Die ganze Erscheinung war wie ein Sonnenstrahl — alle Anwesenden schienen sie al» solchen zu empfinden, am meisten Lieutenant von Mülverstedt, der wie gebannt nach Dora hinüberblickte. 281 Am Abend fand Feuerwerk im Park statt, welches ein Pyrotechniker au» der Provinzialstadt leitete. Raketen und Feuerregen prasselten in den Garten hernieder. Zuletzt erschien der Name „Dora" in Brillantfeuer. Dazu spielte die Musik Dora» Lieblingscowposttion, während die Gesellschaft die wohlgepflegten Gänge paarweise auf und ab wandelte. „Die Musik schweigt, Mitternacht ist nahe!" sagte Dora, die an Mülverstedts Arm ging, indem sie sich eilig zur Rückkehr wandte. „Man kehrt zurück und wird uns vermissen!" Mülverstedt fuhr aus tiefen Gedanken auf. „Sie haben recht, wenden wir uns eilig!" bestätigte er. „Sahen Sie die Sternschnuppe?" frug Dora, als das glänzende Himmelslicht im Aether herniederschwamm. „Allerdings!" sagte Mülverstedt. „Was dachten Sie? Wünschen Sie sich nichts?" frug Dora weiter. „Die Sternschnuppen verheißen Erfüllung!" „Ich dachte wenig, ich empfinde nur!" entgegnete Mülverstedt. „Neben Ihnen ist mein Herz wunschlos und still — so reich an Wünschen und Verlangen es ohne Sie ist! Ich wünsche nur, daß er niemals eine Trennung für uns geben möge!" Dora antwortete nur mit einem Seufzer, der sich aus gepreßter Brust emporrang. — V. „Darf ich Dich einen Augenblick stören, lieber Bernhard?" frug Dora ungefähr vier Wochen später, indem sie in das einfach bürgerlich eingerichtete Arbeitszimmer des Gatten trat. „Du störst mich niemals, Kleine!" sagte Wülpern, die eingegangenen Briefschaften von sich schiebend. „Wenn Du nur recht oft kämst I O, es wäre reizend, wenn ich Dich immer hier bei mir hätte!" Dabet schob er ihr einen schlichten Rohrsessel hin, legte das einzige, halbverblichene Sophakiffen, ein Geschenk von Cousine Meta, darauf und richtete den Sessel in richtige Plauderdistanee. „Nun, Kleine? . . . Aber Kind, wie siehst Du aus? Du erschreckst mich!" „Es ist nichts!" wies Dora herb ab. „Du bist krank — Du täuschest mich nicht!" „Nein, Bernhard, nur etwas müde von einer schlaflosen Nacht!" „Hast Du schlecht geschlafen? Nun, ich war hundemüde und schlief vortrefflich; darum gewahrte ich es nicht! Was möchtest Du haben? Welchen Wunsch kann ich Dir erfüllen? Vielleicht ein Cab, damit Du auch kutschiren kannst? Es ist ja wohl hochmodern? ... Du hast Talent zum Sport, bist eine leidliche Reiterin geworden in kurzer Zeit. Jedenfalls ist Mülverstedt ein vortrefflicher Lehrer!" Der Name traf Dora wie ein Stich — wenigstens machte sie eine Bewegung, als ob sie Schmerz empfinde. — Dann sagte sie, alle Energie zusammennehmend: „Ich — ich möchte eine Reise machen!" „Hast Du jetzt schon Reiselust? Ich glaubte, daß es mit Helgoland genug wäre und natürlich erst im August. Ich habe augenblicklich wenig Muße —" „Ich möchte allein reisen, Bernhard!" „Willst Du ein Bad besuchen? Oder soll es nur eine Vergnügungsreise sein? Dann würde ich Dir rathen, Schwester Therese mit Dir zu nehmen. Allein — nein, ich möchte es nicht!" „Nein — ich will — Deine Mutter besuchen!" „Mama willst Du besuchen? Wie mich das freut! Wie kommst Du auf den Gedanken?" konnte Wülpern nicht umhin zu fragen. Denn das Verhältniß zwischen Beiden war bei vollkommener gegenseitiger Rücksichtnahme doch kühl geblieben. Dora vermochte seine gewisse Scheu und Furcht vor der Schwiegermutter nicht zu überwinden und machte kein Hehl daraus. „Ich möchte bei ihr bleiben einige Zeit," sagte Dora langsam und anscheinend nicht vollständig offen. „Gern, mein Kind! Wann gedenkst Du zu reisen?" „Morgen!" Am Tage war keine Rede von dem Besuch «eiter. Dora war von größter Hingebung und Liebenswürdigkeit gegen den Gatten, auch der Abschied am anderen Tage war voll Zärtlichkeit. Wülpern fuhr die Gattin selbst nach dem Bahnhöfe und schied von ihr unter tausend Küssen. Die Amtsräthin war durch eine Depesche benachrichtigt worden und empfing die Schwiegertochter etwa» verwundert, aber liebevoll. Am Abend sagte sie aber zu Meta: „Da steckt etwa« dahinter! Die Reise au« dem Hause des Gatten ist wie sine Flucht! Wie denkst Du darüber, liebe Meta? Ich weiß, Du bist über Doras plötzliche Ankunft ebenso erstaunt sl» ich -° ist es nicht so?" „Allerdings!" „Eine Entzweiung der Eheleute ist es nicht; dar ist klar! Sollte Dora — vor einem Andern, vor sich — selbst geflohen sein?" Daß sich in Meta ein ähnlicher Gedanke geregt hatte, war an dem lebhaften, verständnißvollen Ausdruck ihrer Augen erkennbar. Auch die Tante las darin: So ist es! „Dann ist es nur Lieutenant von Mülverstedt," entschied die Amtsräthin. „Er ist ein häufiger, fast täglicher Gast in Almenhausen, dennoch hat ihn Dora noch nicht ein einziges Mal mit Namen genannt. Armer Bernhard!" „Dora ist herzensrein, wie sie immer gewesen ist," sagte Meta mit innerer Ueberzeugung. „Es kann noch Alles gut werden. Wir wollen sehr, sehr lieb zu ihr sein!" — Thatsächlich gestaltete sich das Zusammenleben ruhig und angenehm. Dora war nicht allein voll kindlicher Zärtlichkeit gegen die Schwiegermutter, sondern erschien in einem nur halb bewußten Reuegefühl fast wie eine Büßende. An Cousine Meta schien sie förmlich emporzublicken. Im Uebrigen genoß sie die Annehmlichkeiten der Jahreszeit und der Großstadt mit augenfälliger Hast, al« ob sie Vergessenheit suche. Daneben schrieb sie aber täglich Briefe an den Gatten und empfing solche von ihm. Und die Briefe wurden immer länger, ausführlicher, zärtlicher. Nur von einer Rückkehr sprach sie niemals; auch ward sie nach einer Verständigung zwischen der Amtsräthin und Meta keineswegs daran erinnert. (Fortsetzung folgt.) Wirtschaftlicher Nutzen der Gesundheitspflege. Von Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Die Pflege der Gesundheit muß sich jeder einzelne Mensch in hohem Maße angelegen sein lassen. Denn wird seine Gesundheit gestört oder beeinträchtigt, so erleidet nicht nur er selbst geistigen, körperlichen und materiellen Schaden, sondern auch seine Familie und der ganze Staat haben wirthschaftliche Verluste. Durch Gesundheitsstörungen verliert der Mensch die Kraft zur Arbeit und die Fähigkeit des Erwerbe«; er wird genöthigt, zur Herstellung seiner Gesundheit außergewöhnliche Kosten auszuwenden für kräftigere Nahrung und Pflege, für Arzt und Apotheker. Die Folgen davon sind dann leider nur zu oft Sorgen und Noth der ganzen Familie. Und ist die Familie nicht im Stande, diese Mittel selbst aufzubringen, so muß ihr die Gesammtheit zu Hilfe kommen; Wohlthätigkeitsvereine gewähren mit dem Gelds Anderer Unterstützung, Gemeinde und Staat verausgaben hier Mittel, die sie anderen Steuerzahlern entzogen haben. Wohl uns, daß es in jedem geordneten Staatswesen so ist! Aber man muß doch zugeben, daß dadurch das Nationalvermögen bedeutend geschädigt wird, ganz abgesehen davon, daß der Gesammtheit auch noch die Arbeitskraft des in seiner Gesundheit Gestörten verloren geht. Leidet der Kranke an einer ansteckenden Krankheit, so wird er direct gefährlich für seine nähere und weitere Umgebung und macht ost städtische und staatliche Vorsicht«- und Vvrbeugungs- maßregeln röthig, die häufig große Summen verschlingen, - W2 - bett freien Verkehr im Lande behindern, Handel und Wandel im In- und Auslands durch Quarantänen u. s. w. beeinträchtigen können. Das deutsche Kaiserliche Gesundheitsamt hat die durch Gesundheitsstörungen verursachten wirthschastlichen Verluste ziemlich genau berechnet und zwar aus den Ergebnissen einer Statistik der Arbeiterkrankenkaffen Deutschlands. Im Jahre 1891 kamen unter den damals vorhandenen 6V» Millionen Kaffenmitgliedern mehr als 2 Millionen Erkrankungen vor, jede Krankheit dauerte durchschnittlich 17 Tage. Für diese 34 Millionen Krankheitstage zahlten die Kaffen etwa 891/» Millionen Mark. Nehmen wir nun an, — was ganz gerechtfertigt ist, — daß unter den übrigen 44 Millionen Einwohnern Deutschlands die Erkrankungen nicht seltener und nicht von kürzerer Dauer als unter den Kaffenmttgliedern waren, so beträgt die Ausgabe für Krankheiten, welche im Jahre 1891 im deutschen Reiche herrschten, mindestens 500 Millionen Mark. Hierbei ist der Verlust durch Ausfall an Arbeitsleistung noch gar nicht mit in Rechnung gezogen. Daher ist eben eine rationelle Gesundheitspflege nicht nur für jeden Einzelnen, der ein möglichst glückliches Leben führen will, durchaus «othwendig, sondern auch Gemeinde und Staat müffen in ihrem eigenen Jntereffe alles anwenden zur Erhaltung und Verlängerung der Arbeitsfähigkeit und des Lebens ihrer Angehörigen. Welche Vortheile bei einer guten Durchführung dieser Bestrebungen erreicht werden können, ersteht man besonders aus der deutschen militärärztlichen Statistik. Darnach erkrankten 1868 noch jährlich 1496 unter je 1000 Mannschaften, jedoch besserten sich die Verhältniffe allmählich so sehr, daß 1888 nur noch 750 (also ungefähr die Hälfte) unter je 1000 erkrankten und 2 V» Millionen Krankenverpflegungstage weniger nothwendig waren als 1868. Das ist doch wahrlich ein großer nationalöeonomischer Vortheil, der allen Steuerzahlenden zu gute kommt. Fast noch deutlicher zeigt sich bei den einzelnen bürger- lichen Gemeinwesen der wirtschaftliche Gewinn, den diese bei geordneter Gesundheitspflege .durch Verminderung der Krank- heits- und Sterbefälle erzielen. Dies ist namentlich der Fall in denjenigen großen Städten, welche durch Einführung der Canalisation und Beseitigung der Abfallstoffe aus der Umgebung der Häuser, ferner durch beffere Wasserversorgung, weitläufigere Bauart, überhaupt durch sanitäre Maßregeln verschiedener Art ihren Gesundheitszustand auf eine vorher nicht gekannte Stufe gehoben haben. Rach Professor von Pettenkofer starben in München im Jahre 1877 von je 1000 Einwohnern 33, im Jahre 1892 nur «och 26, also 7 weniger. Demnach hat München 1892 bei seiner Einwohnerzahl von 373 000 Personen 2611 Todesfälle weniger gehabt, als dem früheren Sterblichkeiisverhältniffe entsprochen haben würde. Da nun 1877 auf einen Sterbefall mindestens 34 Erkrankungen mit rund 20 Krankheitstagen kamen, so find 1892 den Einwohnern 2611x34x20 gleich rund l3/4 Millionen Krankheitstage erspart worden. Nimmt man nun an, daß jeder Krankheitstag für Verpflegung, Arznei u. s. w. eine Ausgabe von l1/» Mark bedingt, so hat München durch seine hygienischen Einrichtungen allein im Jahre 1892 eine Ersparntß von mehr als 21/» Millionen Mark gemacht, wovon bei der Durchschnittsberechnung auf jeden Einwohner 7 Mark 80 Pfennig, auf eine Familie von 5 Köpfen 39 Mark entfallen. Auf dieselbe Art und Weise kann man die großen wirth- schaftlichen Vortheile bei anderen Städten berechnen, wo die Verminderung der Erkrankungs« und SterblichkeitsMe oft genau Hand in Hand mit der Verbefferung der sanitären Verhältniffe geht. Als in Berlin in den siebziger Jahren die Canalisation durchgesührt wurde, sank die Sterblichkeit von 29 unter 1000 Einwohnern im Jahre 1876 allmählich auf 24 im Jahre 1885. Namentlich verminderte sich die Sterblichkeit an Typhus von 4 Procent aller Gestorbenen bis auf 0,8 Proeent. In Hamburg sanken 1872 bi» 1874 die Typhus- erkrankungen in den neu eanalistrten Theileu der Stadt sofort auf beinahe die Hälfte der Erkrankungen in den nicht eanali- sirten Theilen. Neustadt-Magdeburg wies eine der höchsten Sterblichkeitsziffern der deutschen Städte auf, so lange dar Trinkwasser aus der unreinen Elbe entnommen wurde, diese Ziffer sank plötzlich um mehr als ein Drittel, als mit dem 1. Januar 1886 eine durchgreifende Verbesserung der Wasser- Versorgung eingeführt wurde. Diese Beispiele mögen genügen. Wir sehen daraus, daß besonders viele Großstädte zur Verbesserung der sanitären Verhältniffe und zur Hebung der allgemeinen Gesundheitspflege in den letzten Decennien sehr viel gethan haben. Sie haben eben erkannt, daß die dafür verausgabten Kosten sich stets durch wirthschastliche Vortheile überreichlich bezahlt werden. Möge man dies immer mehr, namentlich auch in den mittleren und kleineren Gemeinwesen einsehen, durch welche noch Jahr aus Jahr ein Epidemieen, Typhus, Diphtherie, Scharlach u. s. w. ihren durch Leichensteine bezeichneten Siegeszug halten. Gemeinnütziges. Ei« neues Verfahren zum Couferviren der Eier. Die Spaltpilze, welche das Verderben der Eier verursachen, brauchen alle zu ihrer Entwickelung sauerstoffhaltige Luft; hält man diese fern, so kann im Ei selbst keine Zersetzung stattfinden, da die betreffenden Bacterien sich nicht entwickeln können. Dr. Zörkendörfer hat darauf hingewiesen, daß zum Conserviren von Eiern Ueberziehen derselben mit Lack oder Firniß genüge; allein es mußte gleichzeitig festgestellt werden, daß der Geschmack der Eier bei einem derartigen Ueberzuge leide. Auch konnte es keinem Zweifel unterliegen, daß erst ein völliges Abtödten der Bazillen Sicherheit für die Haltbarkeit der Eier böte. — Auf diesen Erfahrungen baut sich ein neues, zum Patent angemeldetes Verfahren auf, das von Otto Leupold in Stuttgart erfunden ist. Leupold wendet eine Conservirungsflüssigkeit an, der ein fäulnißwidriger, antiseptisches Mittel zugesetzt ist, mittels deffen die in der Schale vorhandenen Bacterien abgetödtet werden sollen, wodurch, wie gesagt, die Sicherung der Eier vor Berderbniß bedeutend erhöht wird. — Mit diesem Apparat consrrvirte Eier können nach Monaten roh oder gekocht verwendet werden; sie zeigen dabei ein ähnliches Verhalten wie srische. In einem Gutachten des Chemischen Laboratoriums für gewerbliche Untersuchungen an der königlichen Cmtralstelle für Gewerbe und Handel in Stuttgart heißt es u- A.: „Ein an das Con- servirungsmittel erinnernder Geruch oder Geschmack konnte beim Genuß derselben nicht wahrgenommen werden; ebensowenig ließ sich durch die chemische Untersuchung der Eier ein Durchdringen des Conservirungsmittels in das Innere derselben constatiren." — Diese neue Methode der Eierconservirung ist im practischen Leben in der That al« volkswirthschaftlicher Gewinn zweifellos sehr groß, abgesehen von der Annehmlichkeit, auch im Winter srische und wohlschmeckende Eier zur Verfügung zu haben- (S- Inserat im Hauptblatt.) Hoffnung. Die Hoffnung ist ein rosig Kind, Das mitten unter Blumen lebt. Dann eine Mutter, thränenblind, Die ihre Tobten still begräbt; Als Ahne sorget sie und bebt Für ihrer Enkel Wohl und Glück, Und stürbe sie — als Schatten schtbebt' Die Gute in ihr Haus zurück. Satyr. MebacHon: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverMtS-Buch- und Steindrnckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen. Dü Gatte t seiner u Fünfzig« „I er nach Dich wi Do sie, daß hing sie sie ihn i reisen w Do Garten, zuletzt fr „M und wir Rückkehr häufig. Gute. $ Onkel, d Sammln Alle» vei enthalten weiß. S besitzende Schooß { eine Fan am Sam Dor tag al» 1 Wä ooll Hebe Metar @