|7j Nr. 33. ./jfo LöWeMag den L9. März L886. sN M UutrrhÄtimgsblatt ;»m Oirßenrr An?riger (Oeneral-AnMgcr) Schwester Ilse. Roman von Clarissa Lohde. (Fortsetzung.) Lachend wendet sich der Professor nach Ilse hin, die wie mechanisch mit dem Kopfe nickend, seine Worte wieder» holt: .Ja, Absolution für Alles!« „Sie Glücklicher, hören Sie denn nicht? Eine Perle haben Sie zur Frau, wahrhaftig eine Perle, die wirklich nicht nöthig hat, den Vergleich mit irgend einem weiblichen Wesen in der Welt zu fürchten und wäre es Aphrodite selbst, die hier au» dem Meere stiege, einen zweiten Odysseus aus den Irrfahrten feines Lebens zu erretten — ha, ha, ha!« Der gute Professor ahnte wenig, welche Wunden fein harmloser Scherz in der Seele des Mannes neben ihm auf» riß, welcher Sturm der Leidenschaft in diesem Augenblick über diesen dahinbrauste. Schon fühlte Wolf es deutlich, für ihn gab es nur noch eine Rettung: Flucht! Flucht äus dem Be» reiche ihrer Augen, ihrer Stimme, ihrer ganzen holdseligen Persönlichkeit. Ebenso wie an dem Tage, als er sie zuerst gesehen hatte, fühlte er, wie sein ganzes Wesen in heißem Begehren sich zu ihr drängte, wie ein Zauberbann ihn umwob, aus dem es keine Bssreiung mehr gab. Deshalb fort, fort, ehe er es that, was Ehre und Gewissen ihm verboten. War er sich doch voll bewußt, was er der Frau, welche seinen Namen trug, der hingebenden Genossin seiner schwersten Leidenstage schuldig war. Spät Abends noch, ehe er sich zur Ruhe legte, schickte er Georg nach dem Bureau, um zu erfahren, wann der nächste Dampfer nach Corsu abgehe. Nach zwei Tagen, lautete die Antwort. Am ersten Ostertage Abends käme ein Lloyddampfer von Athen, welcher nach Brindisi und Triest bestimmt sei, derselbe, den auch der Professor zur Rückkehr nach Deutschland benutzen wolle, „Zwei Tage noch,« stöhnte Wolf aus. „Aber da es nicht anders sein kann, müssen wir uns schon gedulden. — Bitte, Liebe, rüste Alles bis dahin zur Abreise." Ilse antwortete nicht. Kopfschmerzen vorschützend, zog sie sich sogleich in ihr Zimmer zurück. Lange noch hörte sie, wie ihr Gatte mit unregelmäßigen Schritten ruhelos auf und nieder ging. Das Haupt in dis Kiffen bergend, stöhnte sie qualvoll auf. Ihr war wie zum Sterben zu Muth, so ohne Hoffnung, ohne Trost. „O, wäre es ein Traum, Mes, Alles!« klagte sie leise. „Und gäbe es noch ein Erwachen für mich!« XVI. Es war unmöglich für Wolf, so sehr er es auch wünschte, einer Begegnung mit den Grahams aus dem Wege zu gehen: Schon bei seinem ersten Ausgange am folgenden Tage traf er sie auf der Terrasse des Hotels. Der Professor faß an demselben Tische. Ganz unbefangen streckte Mrs. Graham dem an ihr Vorübergehenden die Hand zum Gruße entgegen. „Welche Freude, hier in der Fremde einen so lieben Freund zu treffen!« Auch Adeline lächelte ihn, wenn auch mit etwas ver» schämter Befangenheit, an, die ihr aber sehr gut stand. „Wollen Sie uns nicht mit Ihrer Frau Gemahlin bekannt machen?" Wolf konnte nicht anders, als diesem Verlangen nach» kommen. Ilse verneigte sich; eine fliegende Röthe bedeckte einen Augenblick ihre Wangen, sonst verrieth nichts ihre innere Erregung. „Apropos, wie steht's heute Abend? ' rief der Professor sie an. „Die Damen wollen sich meiner Führung nach der Kathedrale von San Spiridion anvsrtrauen. Ich hoffe, Herr Baron, Sie sind mit Ihrer Frau Gemahlin auch bei der Partie.« „Das wollen wir später verabreden; jetzt muß ich meinen vorgeschriebenen Spaziergang antreten.« Er zog grüßend seinen Hut und Ilse den Arm bietend, ging er weiter. „Ein eigenthümlicher Herr, dieser Baron,« meinte der Professor kopfschüttelnd. „Man sagt, er soll einer der reichsten Grundbesitzer Norddeutschlands sein, dazu ein so schöner, stattlicher Mann, Gatte einer ebenso vortrefflichen al» an» muthigen Frau, und doch trotz aller Bedingungen des Glückes innerlich unbefriedigt, ohne rechte Freude am Leben. Mir unerklärlich 1" „Vielleicht," warf Adelins leichthin ein, „ist er in seiner Ehe doch nicht so glücklich, als Sie meinen." a- 130 — Der Professor schüttelte den Kopf. „Nein, nein, das kann nicht sein. Die Baronin ist ein Juwel, eine ganz seltene Frau, die muß jeden Mann glücklich machen. Und wie sie ihn gepflegt hat in seiner Krankheit mit so stiller, geduldiger Treue und Hingebung I Wir Alle hier im Hotel haben sie bewundert." „Sie ist gelernte Krankenpflegerin," warf Mrs. Graham mit etwas hochmüthigem Achselzucken ein, „da ist es kein Wunder, wenn sie das Pflegen gut versteht." „Ja, sie erzählte mir davon; aber dennoch, meine Gnädigste, das Verstehen der Pflege macht'» nicht allein, besonders nicht bei dem Baron. So für einen Kranken körperlich und geistig zugleich zu sorgen, das kann nur die Liebe, wie die Baronin sie für ihren Gatten hegt." „Und doch," meinte Adelins, den hübschen Kopf schüttelnd, „kann es auch die hingebendste Liebe unbefriedigt lasten, wenn die eigentliche Sympathie der Seelen fehlt." „Glauben Sie? Nun ja, ich gestehe, daß mir auch schon manchmal der Zweifel gekommen ist, ob der Baron wirklich seine Frau so liebt, wie sie es jedenfalls verdient. Aber ich bin überzeugt, was nicht ist, kann noch werden. An ihrer Seite muß ja der hartgesottenste Egoist und Weltverächter zum Glauben an das Gute, zur fröhlichen Erfastung des Lebens bekehrt werden. Und für gar so hartgesotten halte ich den Baron durchaus nicht." „Was sagst Du nun, Adelins?" brach Mrs. Graham mit kurzem Auflachen aus, sobald der Professor sich verabschiedet hatte- „Mit einem solchen Juwel von Frau, wie der deutsche Professor die junge Baronin eben bezeichnete, scheint es mir doch geboten, den Kampf aufzugeben. Laß un» so rasch wie möglich fort aus Corfu, das doch im Grunde, wenn man die Hauptfehenswürdigkeiten kennen gelernt hat, sehr wenig bietet. Da lobe ich mir doch mein Rom, wo Du auch am besten von Deiner bizarren Vorliebe für diesen Baron curirt werden wirst." Adeline hatte gelassen der Rede der Mutter zugehört. Nun hob sie mit einer leicht abweisenden Miene den Kopf- „Du irrst, Mama, wenn Du mich so rasch für geschlagen hältst. Gerade weil man diese Frau für ein Juwel hält, sie als solches preist, fühle ich den Reiz des Kampfes um so lebhafter und es würde mir nichts mehr Vergnügen machen, als gerade den Gatten dieser bleichen Heiligen besiegt zu meinen Füßen zu sehen." „Thorheit. Er ist immerhin noch ein Kranker," warf Mrs. Graham unmuthig ein, „und ich begreife nicht, daß Du Deine Jugend an einen Greis fesseln willst, wo Dir von anderer Seite eine so glänzende Zukunft geboten wird." „Bah, Du meinst den Russen, Mama, — nun, mag er immerhin noch ein wenig schmachten. Ob ich Wolf von Menzelen heirathe, darüber, Mama, kann ich mich heute noch nicht entscheiden. Aber seine Liebe, seine Anbetung, die will ich und werde ich mir erobern; denn ich gestehe es Dir, Mama, noch nie Habs ich sür einen Mann gefühlt, was ich für diesen fühle. — Und sollte mir wirklich eine Zukunft an jenes Barbarenfürsten Seite blühen, wie Du es so lebhaft wünschest, so will ich wenigstens, und wäre es nur für eine Stunde, die Seligkeit wahrer Liebe genossen haben." „Um einer Stunde willen solltest Du den Frieden diesrr Leute nicht stören. Das geht zu weit." „Habe ich mich denn schon entschieden, ob es für eine Stunde, ob es sür's Leben sein wird?" entgegnete sie mit einem hochmüthigen Zurückwerfen des Kopfes. „Er kam, sah und siegte I Bitte, liebe Mutter, in diesem Punkte laß mich ganz allein mein Schicksal entscheiden. Und um offen zu sein, Fürst Naradin ist mir in der Seele zuwider. Nur der Zwang der Nothwendigkeit könnte mich bestimmen, ihm meine Hand zu reichen." „Dieser Zwang der Nothwendigkeit wird aber in wenigen Wochen eintreten- Die vom Onkel noch einmal, zum letzten Mal gewährten Mittel gehen zu Ende; dann heißt es, entweder hier festen Boden fassen oder nach New-York zurück- kehren" „Nach New-York in die Abhängigkeit des Onkels kehre ch nie zurück, darauf gebe ich Dir mein Wort. Bist Du damit zufrieden?" „Ich muß wohll Eigensinnige Kinder wollen ihren Willen haben; doch ich sehe, wie Alles kommen wird. Der Fürst wird doch schließlich Dein Gatte werden." „Wenn Dich das tröstet, nimm es an, ich sage nichts und verspreche nichts." Der Fremdenführer meldete sich, den Damen einige Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen. Dis Straßen und Plätze waren dicht belebt, dasselbe bunte Treiben entwickelte sich dort wie am Abend vorher. Ueberall in den offenen Höfen sah man Tafeln Herrichten, an denen die Gläubigen gleich nach der Verkündung der Auferstehung um Mitternacht sich für die langen Fasten zu entschädigen dachten. Osterlämmer, an den Hausthüren angebunden, warteten kläglich blöckend ihres Geschickes, zu dem kräftige Burschen, die weiten Aermel ihres weißen Hemdes zurückgeschlagen, bereits die Messer wetzten. Das Gewühl und Gedränge nahm zu, als dis Nacht herannahte und Alles nach den Kirchen drängte, sich einen guten Platz zu sichern. Nur widerwillig schloß sich Wolf dem Gange nach San Spiridion an; aber er fand keinen unauffälligen Grund, um zurückbleiben zu können. Adelinens Nähe übte einen beängstigenden Einfluß auf ihn. Er fand sie schöner als je. Die sanfte Bitte, die stets auf ihrem Antlitz lag, sobald sie sich ihm zuwandte, verlieh ihr noch einen besonderen Reiz. Ein Schauer ging durch seine Glieder, so oft er nur in ihre Nähe kam. Und nun lange Stunden neben ihr weilen zu müssen, welche unsägliche Qual! Die Cathedrale war, al« sie eintraten, bereits Kopf an Kopf gefüllt. Ein geheimnißvolles Dunkel, nur von dem Scheine einer Oellampe am Eingangs durchbrochen, erfüllte den weiten Raum. Mit leisem Gemurmel, dis Osterkerzen noch unangszündst in den Händen, schob man sich langsam vorwärts. Der Professor hatte durch Geld und gute Worte auf der Galerie für sich und seine Gesellschaft einen Platz gesichert, von dem die ganze Kirche zu übersehen war, eine schmale Bank dicht an die Brüstung gerückt sür die Damen, die Herren mußten zur Seite stehen. Wolf wußte nicht, wie es kam, baß er neben Adelins seinen Platz gefunden hatte. Halb mit Pein, halb mit Lust fühlte er ihren warmen Körper dicht neben dem seinen. Der Professor an der anderen Seite der Bank erzählte, leise flüsternd, die Legende von dem heiligen Spiridion, dem Schutzpatron Corfu«, dessen Gebeine, hier im Altarraume in einem kostbaren vergoldeten Sarge aufbewahrt, zuweilen in feierlicher Proeesston zu Bitt- und Dankgebeten durch die Stadt getragen würden. Da faßte eine weiche warme Hand die auf die Lehne der Bank sich stützende Wolfs und wie ein Hauch tönte es zu ihm herauf: „Verzeihung, Wolf! Ich bin nicht so schuldig, als Sie glauben. Ich spielte nicht mit Ihnen, «ein, ich habe Sie geliebt, seitdem ich Sie zum ersten Mal gesehen. Aber ich hatte mein Wort bereits verpfändet und man zwang mich, öffentlich mich dazu zu bekennen. Wenn ich Axel je geliebt, so schwand diese Liebe dahin, als ich erfuhr, daß er beinahe zu Ihrem Mörder geworden war. Da schrie etwa« in mir auf gegen ihn, ich fühlte, daß ich nie die Frau eines Mannes werden konnte, der die Waffe gegen Sie erhoben und ich zerriß die Ketten, die mich fesselten, um mir zum mindesten die Freiheit zu gewinnen, Sie, wenn Gott es gefiele, von der Erde Sie abzurufen, ohne Scheu wie eine Wittwe beweinen zu dürfen. Und Sie? O Wolf, ich weiß es, wir sind getrennt für immer, die Mauer, die Sie zwischen uns aufgerichtet, ist nicht mehr nisderzureißen. Aber Eins dürfen Sie mir nicht versagen: Ihre Achtung! Darum, darum kam ich hierher, weit ich Sie hier wußte; denn ich kann nicht leben mit dem Bewußtsein, von Ihnen mißachtet, verkannt zu werden." Hatte sie wirklich diese Worte gesprochen oder war es - 131 - Sine Hallucination der Sinne gewesen, erregt durch die schwüle, von Weihrauchdüften erfüllte Atmosphäre der halbdunklen Kirche ? Heiß kochte dar Blut in ihm auf, ein Wonne- schauer durchrieselte ihn. Tiefer neigte er sich zu ihr herab, er glaubte, den schim- mernden Glanz ihres Haares unter dem Schleiergewebe hervor- leuchten zu sehen, den Duft desselben einzuathmsn. Wie Wahnsinn erfaßte es ihn. O, nur einmal feine Lippen auf dieses schöne Haupt drücken, nur einmal sie an sich Ziehen, ihr sagen: Auch ich liebe Dich, Dich allein, auch ich bin un- glücklich, wie Du es bist! Hatte er diese Worte gesprochen, hatten seine Lippen ihr Haar berührt? Er wußte es nicht; denn plötzlich zitterte ein Kanonenschlag durch die Luft, Alles schnellte von den Sitzen empor, auch Adeline, die nun hoch aufgerichtet neben ihm stand. Die Jkonostasis (Bilderwand in den griechischen Kirchen, die im Altar das Allerheiiigste verdeckt) öffnete sich, der Erzbischof trat mit einer brennenden Kerze, gefolgt von einer Schaar goldstarrender Priester, hervor. „Christos anesti! “ Christ ist erstanden. Und wie mit einem Zauberschlage hatten sich alle Kerzen in der Kirche entzündet, ein Lichtmeer wogte auf. Von dem Chor herab ertönte das Gloria, dazwischen donnerten die Böller, erklangen die Glocken hell durch die Nacht- Christos anesti! Der Ruf pflanzte sich aus der Kirche fort bis zu dem draußen harrenden Volke. Noch ein eintöniges Gebet des Erzbischofs, dann kam die wogende Menschenmenge in Bewegung, und die Kirche fing sich an zu leeren. Wieder fand sich, von den Andern getrennt, Adeline an Wolfs Seite. Ihre schlanke Gestalt schmiegte sich, wie Schutz suchend, an ihn an. Niemand im Gedränge, so glaubte er wenigstens, bemerkte, daß er sür einen Augenblick seinen Arm um sie legte, sie in aufwallender Leidenschaft an sich preßte. Und wieder kam es wie ein Hauch von ihren Lippen. „O, Wolf, diese Minute der Seligkeit wiegt ein ganzes Leben auf, voll Schmerz und Entsagung!" Ein Stöhnen entrang sich seiner Brust. „Ja, ein Leben voll Schmerz und Entsagung!" wiederholte er bitter. Sie hatten die Schwelle der Kirchthür überschritten, ein wüstes Gelärm umgab sie. Aus jedem Hause knallten Schüsse, aus den Fenstern fielen krachend irdene Topfe nieder, zum Schimpf des Judas Jscharioth und als Symbol der ehemaligen Steinigung der Juden. Auf den Straßen umarmte und küßte man sich zum Ostergruß, dann strömte Alles zu den Töpfen in den offenen Höfen, die unter der Last der Fleischgerichte fast brachen. . Auch im Hotel erwartete die Heimkehrenden eine reich besetzte Tafel; Wolf erklärte sich aber zu müde und angegriffen, um an ihr Theil nehmen zu können, und zog sich, von Ilse begleitet, in sein Zimmer zurück. XVII. Ilse nimmt den Mantel nicht ab, sondern tritt hinaus auf den Balkon und schaut lange starren Buges auf das vom Mondlicht umstrahlte herrliche Panorama, das sie so oft entzückt hat. Wie von Silber übergossen ruht bas Meer, auf dessen wallenden Spiegel die klassischen Formen und Linien der Berge ihr zitterndes Bild werfen. Dis Schneegipfel von Epirus schimmern leuchtend herüber, Schaaren fröhlicher Menschen schreiten über den Platz. Alles ist glücklich und fröhlich. Nur in ihr sieht es dunkel und traurig aus wie noch nie. O, wäre sie blind gewesen in der Kirche, hätte sie nicht sehen müssen, was sie gesehen hat! Nicht einmal geachtet hat sie den geweihten Raum, die heilige Handlung! Und wenn sie auch einer anderen Glaubensgemeinschaft angehörten, als dieses naive Volk, das noch so sehr am Aeußeren hängt, so viel Heidnisches mit in den christlichen Gottesdienst herübergenommen hat, verehren sie nicht Alle denselben Gott, denselben Heiland? Und ist nicht jede Form ehrwürdig, in der Gott angebetet wird? Ilses fromme Seele hatte der fremdartigen Ceremonie ebenso andächtig beigewohnt, als sonst daheim in ihrem Kirchlein zu Hertheim dem Ostergottesdienste. Er aber, Wolf, der sonst so vornehme Mann, hatte sich in seiner Leidenschaft so weit vergessen, in ihrer Gegenwart inmitten einer andächtigen Menge int feierlichen Augenblicke der Verkündigung der Auferstehung des Herrn seine Lippen in sündigem Verlangen auf das Haupt eines schönen, koketten Weibes zu pressen, das gleich ihm nichts achtete, nach nichts fragte, als nach Befriedigung der eigenen Wünsche und Begierden. Sie fühlt, sie ist an der Grenze ihrer Kraft angelangt. Weiter geht es nicht, sie muß ein Ende machen, ein rasches Ende, will sie nicht selbst zu Grunde gehen. Mit festem Schritte wendet sie sich dem Zimmer wieder zu. Wolf hat eben noch einige Briefschaften geordnet und faßt nach der Glocke, um Georg herbeizurufen und sich zur Ruhe zu begeben. Aber ihre rasch hervorgestoßenen Worte: „Bitte, gönne mir noch einen Augenblick," halten die schon gehobene Hand zurück. Etwas erstaunt blickt er nach ihr hin; dem sonst auf ihr Aussehen wenig Achtenden fällt die Bläffe ihrer Wangen, das seltsame Feuer in ihren Augen auf. „Du wünschest?" fragt er und rückt ihr höflich einen Stuhl an seine Seite. Eine Ahnung steigt in ihm auf, daß sie in der Kirche irgend etwas bemerkt habe und er ist sofort entschlossen, nichts zu leugnen Noch pulstrt das Blut in Erinnerung an die letztdurchlebte Stunde wild in seinen Adern und nimmt ihm etwas von seiner sonstigen vornehm-ruhigen Haltung. Einen Augenblick athmet sie heftig auf, dann beginnt sie, den Blick fest auf sein Antlitz heftend: „Es ist der Moment gekommen, in dem es klar zwischen uns werden muß, Wolf!" Er sieht sie befremdet an. „Ich verstehe Dich nicht." „Du wirst mich verstehen," fährt sie fort und kann es nun doch nicht verhindern, daß ihre Lippe nervös zu zittern beginnt, „wenn ich jetzt dis Bitte an Dich richte, mich morgen mit dem Lloyddampfer allein abreisen und nach der Heimath zurückkehren zu laffen." Er erschrickt sichtlich, verfärbt sich. „Warum diese Umwege," fährt er ungeduldig auf. „Sage es lieber gleich, Du hast mir Miß Graham wegen Vorwürfe zu machen und ich gestehe Dir, ich habe sie verdient." „Du liebst sie -" Wie traurig und doch wie überzeugt zugleich sie das sagt. Unruhig rückt er auf seinem Stuhle hin und her. Soll er hier vielleicht die Rolle eines Angeklagten spielen, der vor seinem Richter steht? Nein, dazu wird er sich nimmermehr hergeben. „Weshalbsoll ich es leugnen?" entgegnete er daher, ohne die Augen niederzuschlagen. „Ja, ich liebe Miß Graham, liebte sie, ehe ich Dich gesehen hatte." „Dann thatest Du ein Unrecht daran, mit dieser Liebe im Herzen mich zu heirathen " „Du weißt, unter welchen Umständen das geschah. Ich habe, als ich um Dich warb, nicht von Liebe gesprochen." „Aber von Zuneigung und Achtung." „Die ich Dir gegenüber auch niemals aus den Augen gesetzt zu haben glaube." „Ich meine doch," erwidert sie leise, sich von ihm ab« wendend. „Es gab heut' einen Moment, in dem ich mich Deiner geschämt habe." Wie von einem Dolchstoß getroffln, fährt er hoch empor. Nur mühsam vermag er die ausbrechende Heftigkeit zu zügeln; aber in seinem Auge blitzt etwas Kaltes, Feindseliges auf, das ihr fremd an ihm ist. „Mache es kurz," kommt es zornig bebend von seinen Lippen, „und wenn es Dir möglich ist, suche Beleidigungen meiner Person später zu vermeiden. Was verlangst Du von mir?" Auch sie ist aufgestanden und begegnet seinem Blick ohne jegliches Zagen. - 132 Mittel gegen das Schnarchen. Sehr häufig hört man die Frage auswerfen, ob es — ein Mittel gegen das Schnarchen gebe. Ein Doctor Z. antwortet darauf im Pariser „Figaro" durch Angabe des solgenden, angeblich unfehlbaren Mittels; Sie sind gewohnt, auf der rechten Seite zu schlafen, so stecken Sie etwas Watte ins linke Ohr; pflegen Sie auf der linken Seite zu liegen, fo müsien Sie ins rechte Ohr etwas Watte stecken. Ich selbst bin durch dieses Mittel geheilt worden. Wir übernehmen selbstverständlich keine Bürgschaft für das Mittel, aber wir glauben es unseren Lesern wenig» stens bekannt geben zu sollen. Noch Blick feitti »Da hegtest, do Stimme, zieht, „w OpfermutI Jetzt nach der kommt. L »Ich «daß Du er um Di Andenken mein einst Dam einer schw Er n streng ab ziehend. Einer finkt er ai Abschluß s die, mag i pflichtet hi Die Ilse gegen Schuldner sprachen, i zu bezweif ihren tfar ersten Ma einer Fra daß sie vi zeugt. © ©ine grausame und unnöthige Menfcherv anälcrei, die sür die Gesundheit zahlreicher junger Mädchen verhängnißvoll wird, veranlaßt gegenwärtig in Berlin mit» leidige Menschenfreunde zur Stellungnahme und Abhilfe. amb» stände in der Reichshauptstadt haben nun zwar für unferen Leserkreis wenig eigentliches Jnterefle, gleichwohl aber müssen wir diese traurige Angelegenheit aufgreifen, nachdem wir zu unserem großen Bedauern erfahren mußten, daß auch hier einige, allerdings nur wenige Geschäfte bestehen, in denen die jungen Lehrmädchen und Ladnerinnen maltraitirt werden ä la Berlin- Dabei handelt es sich um die unsinnige und völlig unnöthige Vorschrift, nach welcher es den Mgen Ver, käuferinnen in den Ladengeschäften aller Art verboten ist, auf einer Bank oder einem Stuhle Platz zu nehmen, selbst wenn ste Kunden nicht zu bedienen haben. So kommt es, daß die armen, bemitleidenswerthen Geschöpfe, die in vielen Fällen noch nicht einmal anständig bezahlt werden, tagein, tagaus auf den Beinen bleiben müssen. Jeder hat sich n seinem Leben schon einmal in einer Situation befunden, die ihn zu längerem Stehen zwang, und jeder wird es daher auch d°n Soldaten glauben, wenn er sagt: „Lieber acht Stunden mar» schiren, als zwei Stunden stehen!" — denn man kann sich gar keine grausamere Ermüdung sbenken, als eben diejenige, die bei lang andauerndem Stillstehen die Glieder und den ganzen Körper befällt. Wird also schon aus diesem Grunde durch jene Vorschrift an den Ladenmädchen eine grausame Tortur verübt, so steigert sich diese bis zur Unmensch.ichkeit durch die schlimmen Folgen, die ste für die Gesundheit und sür das Leben der Unglücklichen hat. Diese letztere Serie der Angelegenheit findet eine grelle Beleuchtung in einem Aufruf, der vor wenigen- Tagen in den Berliner Blättern circulirte und der auch hier zu Lande gelesen und beherzigt zu werden verdient. Es heißt darin: „Tausende junger Mädchen sind als Verkäuferinnen in den Geschäften thätig. Ihr Gesundheitszustand ist meist sehr schlecht. Nach dem Gutachten, welches das kaiserliche Gesundheitsamt erstattet hat, ist dem Umstande, daß die Handlungsgehilfinnen „ihre Arbeit nicht anders als stehend verrichten können, in einigen Geschäften auch dann, wenn Kunden nicht zu bedienen sind, stch nicht fitzen dürfen, insbesondere die Entstehung von G°sundheitsschädigungen bei« zumessen." „Bei Personen, deren Knochenbildung in Anbetracht ihre» Lebensalters oder in Folge von Krankheit noch nicht vollendet ist, entstehen Verkrümmungen der unteren Gliedmaßen und Veränderungen am Fußgewölbe. Eine andere Fo.ge der anhaltenden - ost 12» bis 15 stündigen - Stehens äußert sich in Störungen des Blutkreislaufs im Bereiche der unteren Gliedmaßen, insbesondere in der Bildung von Krampfadern. Aus den Beobachtungen der Kassenärzte, welche die 8060 Mitglieder des Hilfsvereins sür weibliche Angest llte behandeln, zeigt fich ebenfalls die Gefahr des beständigen Stehens. Alle Versuche, diesem Uebelstande abzuhelfen, sind bisher daran gescheitert, daß die Kundschaft sich der Sache nicht angenommen hat und die Ladenbesitzer berechtigt waren, zu glauben, d Kunden verlangen als Zeichen der Höflichkeit, daß die Ver- 1 käuferinnen sie stehend bedienen. Wir sind jedoch überzeugt, die Käuferinnen werden jene Höflichkeit nicht mehr verlangen, sobald sie wissen, daß sie mit dem kostbarsten Gut des M n- schen, der Gesundheit, bezahlt wird." Auch von den hiesigen Käuferinnen ist .sicher zu Erwarten, daß sie energisch gegen eine alberne Höflichkeitsmaßregel protestiren, die vielen Hun- betten armer, zumeist schlecht genährter und deßha b wemg widerstandsfähiger Mädchen die Gesundheit und viele Jahre ihres ohnedies dornenvollen Lebens kostet. Röthigen Faller werden sie der unmenschlichen Grausamkeit dadurch entgegen treten, daß sie alle ohne Ausnahme jene Geschäfte meiden, in denen die christliche Nächstenliebe einer Lappalie wegen mit Füßen getreten wird. Möge jede Dame von Herz undi Gemmy dazu beitragen, daß dieser Schinderei ein Ende bereitet mir - „Ich sagte er ja vorhin schon: Trennung unserer Ehe, die auf fo ungesunder Grundlage aufgebaut ist. Als ich da» mals Deinem Wunsche nachgab, mich Dir zu vermählen, war es in der sicheren Hoffnung, wenn Gott Dir die Gesundheit wiederschenken sollte, mir auch Deine Liebe gewinnen zu können. Ich sehe jetzt ein, daß mir da» nicht gelungen ist, niemals gelingen wird. Schon als wir von Gattersberg abreisten, stand der Entschluß in mir fest, sobald ich diese Ueberzeugung gewonnen hätte, ein Band, das unter diesen Umständen nur zur drückenden Fessel werden kann, wieder zu lösen." „Die Freiheit, die mein Tod Dir gegeben hat, wäre Dir sicher erwünschter gewesen," stößt er jetzt bitter, seiner selbst nicht mehr mächtig, hervor. „Wolf!" Ihr Auge flammt auf, ste ist nicht mehr die liebevolle Gattin, die hingebende selbstlose Pflegerin, nein, das ferner Würde, seines Werthes sich voll bewußte Weib. „Das — das geht zu weit," stammelte sie garz außer sich. „Du zwingst mich, Dir zu sagen, was sonst nie über meine Lippen gekommen wäre. Wolf, ich weiß Alles. Ich kenne die Gründe, die Dich zu dem Wunsche, mich zu hei- rathen, bewogen haben, lernte sie leider zu spät kennen." „Nun?" wirst er, als sie einen Augenblick zögert, mit herausfordernder Kopfbewegung ein. „Hätte ich sie früher auch nur geahnt, so sehr auch mein Herz für Dich sprach, nie wäre ich die Deine geworden. Eine» aber stand seit der schmerzlichen Stunde, da mir diese grausame Enthüllung gemacht wurde, fest in mein« Seete.Jffiäre e» anders gekommen, wie es gekommen ist, hätte Gott Dich, wie Du damals sicher glaubtest, wirklich abgerufen, eine Erbschaft, die andere ältere Rechte schädigten, hätte ich niemals angetreten." ________ (Fortsetzung folgt.) G-in-innNtziges. Znr Vorsicht beim Benutzen von Bleistiften wird gegenwärtig wieder in verschiedenen Lehrerzeitungen gemahnt. Und zwar wird namentlich die größte Sorgfalt beim Anspitzen der Bleistifte empfohlen, sowie vor dem Anfeuchten mit den Lippen gewarnt. Als abschreckende Beispiele aber werden besonders folgende Fälle angeführt- Vor einiger Zeit starb im Augustahofpltal in Berlin der 18 Jahre alte Kunst- chlosser R. A. Er hatte sich beim An spitzen einer Bleistiftes in den Finger geschnitten und achtete der Wunde, in welche etwas Graphit gerathen war, nicht weiter. Am nächsten Tage stellte fich eine schmerzhafte Entzündung de» verletzten Fingers ein, die Hand, ja der Arm, schwollen bedeutend an. Erst al» die Vergiftung auf die linke Brustseite und Schulter übergegangen war, wurde ärztliche Hilfe in Anspruch genommen — aber zu spät. — In einem andern Falle konsta- ttrte der Arzt als Ursache eines langwierigen, chronischen Darmcatarrhs bei einem jungen Manne die Gewohnheit, den Bleistift vor dem Gebrauche mit dem Munde anzufeuchten. Die Lehrer werden daher in den betreffenden Zeitungen aufgefordert, diese üble Gewohnheit zu bekämpfen. glebactlon: St. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UmverMls-Buch- und Stemdruckerei (Pietsch & @$et)t>ci) m G 6