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Der Assistent Dr. Brettschneider vom botanischen Garten zu Breslau wollte an einem Sommertage des vorigen Jahres gerade Mittagspause machen, als ein Diener des Gartens im Directionsgeböude erschien und ihm mittheilte, es fei so« eben ein fremder Herr verhaftet worden, weil er gegen die Vorschrift Blumen im Garten abgerissen habe. Brettschneider begab sich nach dem Hause, das am Eingänge de« Gartens stand und das die Wohnung des Castellans und den Aufenthaltsraum für die diensthabenden Gärtner enthielt, und fand hier einen anständig gekleideten Mann, der in dem Augenblicke verhaftet worden war, als er den Garten verlassen wollte. Einer der Gärtner, die den Aufstchtsdienst hatten, erzählte: „Ich sah diesen Herrn schon wiederholt hier int Garten, und er kam mir vor, als pflücke er jedesmal Pflanzen ab und verberge sie unter seinem Rocke. Ich habe ihn heule besonders scharf aus« Korn genommen und habe bemerkt, wie er im westlichen Theil des Gartens, als er sich unbemerkt glaubte, mit seinem Taschenmesser eine ganze Pflanze abschnitt und unter seinem Rocke verbarg. Ich ging ihm nach und verhaftete ihn, als er soeben den Garten verlassen wollte. Der Herr verweigert die Nennuig feines Namen«, und wir haben nach Ihnen geschickt, Herr Doctor, um zu erfahren, ob wir dm Herrn der Polizei übergeben sollen." „Sie hören, was der Gärtner gegen Sir aussagt", erklärte Dr. Brettschneider, „was haben Sie zu erwidern?" „Ich möchte Sie einen Augenblick allein sprechen, Herr Doctor," sagte der Verhaftete, „ich bitte Sie dringend um eine Privatunterredung." Dr. Bretlschneider überlegte einen Augenblick. „Kommen Sie in da« Nebenzimmer I" sagte er; was haben Sie mir mitzutheilen?" Als Brettfchneider mit dem Fremden allein war, verbeugte sich dieser und sagte: „Mein Name ist Brinkmann und ich bin hier in Breslau ansässig. Ich bin leidenschaftlicher Botaniker, obgleich mir meine Berufsgeschäfte dazu wenig Zeit lassen. Vor Allem habe ich mir ein Herbarium angelegt und suche dasselbe aufs Eifrigste mit werthvollen Pflanzen zu versehen- Haben Sie Mitleid und Nachsicht mit einem Menschen, der von Sammel- wuth ergriffen ist, nach seinen eigenen Neigungen zu leben. Ich bin königlicher Beamter und den ganzen Tag über an da« Bureau gefesselt. E» bleibt mir kaum in den Abend« stunden Zeit zu botanifiren, und so habe ich mich heut verleiten lassen, bei Ihnen im Garten eine Pflanze mitzunehmen, weil ich glaubte, Sie würden den Verlust nicht besonders be- merken, da ja von dieser Art noch eine ganze Anzahl anderer Pflanzen vorhanden find. Ich weiß nicht einmal, was es für eine Pflanze ist. Das größte Vergnügen bereitet mir zu Hause das Bestimmen der Pflanzen aus Büchern. Tagelang kann ich dann nachgrübeln und nachfinnen, um zu bestimmen, in welche Klaffe die Pflanze gehört, und kein Mensch, der ein Lotterieloos gewinnt, mag eine ähnliche Freude em» pfinden wie ich, wenn es mir geglückt ist, eine Pflanze in der richtigen Klasse unterzubringen." „Wollen Sie mir einmal die Pflanze zeigen." Brinkmann griff unter den Rock und holte eine Pflanze mit Blüthen hervor, die er Brettschneider zeigte. Brettschneider machte ein erstauntes Gesicht. , «Das ist digitalis purpurea," sagte er; „der Fingerhut, eine Giftpflanze." Brinkmann schien erschrocken. „Eine Giftpflanze?" sagte er; „davon habe ich keine Ahnung gehabt. Sie ist doch nicht gefährlich?" „Allerdings ist sie gefährlich," erklärte Brettfchneider- „Der Fingerhut mit feinen Abarten ist eine unserer giftigsten Pflanzen. Sie finden ihn ja auch al« Zierpflanze in den Gärten; aber da« ist die ungefährlichere Art. Was Sie da in der Hand haben, ist die Abart femiginea, eine Species de« syrischen Fingerhut«, und ich muß Eie vor Allem bitten, diese Pflanze sofort zurückzugeben. Sie dürfen dieselbe nicht mit aus dem Garten nehmen. Sie sehen, wohin es führt, sich widerrechtlich in den Besitz von Pflanzen zu fetzen, die man nicht kennt." „Machen Sie mich nicht unglücklich, Herr Doctor!" sagte Brinkmann- „Denken Sie, ich bin königlicher Beamter und eine Anzeige bei der Polizei bringt mich um meine ganze - 382 - Carriöre. Ich will Ihnen auch bei Allem, was mir heilig ist, bei meinem Ehrenwort schwören, mich nie wieder an Pflanzen de» botanischen Gartens zu vergreifen. Die Pflanze sah so verlockend, so eigenthümltch au», daß ich in einem Augenblick der Unzurechnungsfähigkeit mich an ihr vergriff." Dr. Brettschneider dachte einen Augenblick nach. Er konnte den Mann, der fich an den Pflanzen vergriffen hatte, nicht ohne Weiteres laufen taffen; aber er that ihm leid. Der Mann war königlicher Beamter, und durch eine Anzeige wurde wahrscheinlich seine Stellung vernichtet. Da» hohe Interesse, das Brinkmann für Botanik hatte, machte ihn auch bei Dr. Brettschneider, der selbst ein eifriger Botaniker war und als Privatdocent der Botanik an der Universttät functionirte, recht sympathisch. Er erklärte daher: „Mein Herr, ich kann keine Entscheidung treffen, denn da» ist lediglich Sache des Herrn Dtrector». Dieser ist augenblicklich nicht da. Aber ich glaube Ihren Verstcherungen und werde die Sache in möglichst mildem Lichte dem Herrn Direetor darstellen, muß Sie aber um Ihre Adresse bitten, damit eventuell an Sie geschrieben werden kann. Ich hoffe, Sie werden mit einer Verwarnung davonkommen. Ich glaube Ihnen jetzt schon versprechen zu können, daß die Polizei fich in die Sache nicht einmischen muß. Wenn der Herr Dtrector e» verfügt, müssen Sie allerdings eventuell für den Schadenersatz aufkommen, und dürfte dieser doch 5 bis 6 Mark betragen." „Ich will den Schaden selbstverständlich recht gern tragen," erklärte Brinkmann, „wenn es sein muß, auch noch irgend ein Strafgeld für die Armenkasse zahlen, nur bitte ich Sie, mich nicht weiter zu denunciren, da Sie mich unglücklich machen würben. Ich habe eine alte Mutter, deren Tod e» sein würde, wenn ich wegen einer solchen Handlung mit Schimpf und Schande aus dem Dienst gejagt würde." „Ich verspreche Ihnen nochmal», Herr Brinkmann, möglichste Milde gegen Sie walten zu lassen und dem Herrn Dircetor die Sache in Ihrem Interesse recht harmlos darzustellen; aber bitte, schreiben Sie mir Ihre Adresse auf." Brinkmann riß ein Blatt aus seinem Notizbuch und schrieb darauf: „R. Brinkmann, Regierungsbeamter, Taschenstraße 48." „Ts ist gut," sagte Dr. Brettschneider, „ich muß Sie natürlich nun ersuchen, alle weiteren Beraubungen de» Botanischen Gartens zu lassen und kann Sie verstchern, daß unsere Gärtner Eie bei einem etwaigen weiteren Besuch des Gartens besonders scharf beobachten würden." „Ich werde, um mich nicht in Versuchung zu bringen, gar nicht mehr den Botanischen Garten besuchen," erklärte Brinkmann, „wenn ich mich dadurch vielleicht auch um das Höchsts Vergnügen meines Lebens bringe. Ich sage Ihnen meinen herzlichsten Dank, Herr Doctor. Möge Ihnen der Himmel Ihre Güte vergelten I" Brettschnstder befahl den Gärtnern und Aufsehern, den Herrn, der seine Adresse angegeben habe, unbehindert hinausgehen zu lassen, und Brinkmann entfernte fich unter höflichem Gruße. Da die Verhaftung Brinkmanns in den Tagesrapport des Castellan» geschrieben wurde und so zur Kenntniß des Direetors kam, war Brettschneider gezwungen, von der Angelegenheit seinem Vorgesetzten Mittheilung zu machen. Der Director war geneigt, die Sache auch milde aufzufassen und aus eine gesetzliche Verfolgung Brinkmanns zu verzichten. Aber er glaubte doch, daß eine Strafe einem gebildeten Mann gegenüber am Platze sei, der fich nicht ent» blöde, sich an den Beständen des Botanischen Garten» zu vergreifen. Er schrieb daher selbst einen Brief an Brinkmann, in dem er ihn aufforderte, zur Sühne eine Summe von 20 Mark an die Unterstützungskasse der Arbeiter des Botanischen Gartens zu zahlen. Dieser Brief kam am nächsten Tage als unbestellbar zurück. Es wohnte in dem Haufe Taschenstraße 48 kein Regierungsbeamter Brinkmann. Ein solcher war nach den polizeilichen Angaben Überhaupt nicht in Breslau gemeldet und aufzufinden. Der Director ließ Dr. Brettschneider kommen und zeigte ihm die postalischen Vermerke auf dem zurückgekommenen Brief. Brettschneider machte darauf ein sehr erstauntes Gesicht, und der Director konnte nicht umhin, ihm zu bemerken: „Sie waren sehr unvorsichtig und haben sich von dem Mann belügen und betrügen lassen. Haben Sie ihm denn irgend eine Legitimation abgefordert?" „Nein!" erklärte Brettschneider; „er machte einen so glaubwürdigen Eindruck auf mich, daß ich ohne Weiteres annahm, der Mann werde mich nicht belügen." „Sie sehen, er hat es doch gethan, Herr Doctor. Lassen Sie sich das eine Warnung sein und glauben Sie nicht ohne Weiteres bloßen Versicherungen. Sin Mann, der sich an den Beständen des Botanischen Gartens vergreift, ist an und für sich ein Lump, wie Sie hierdurch sehen, und wer stiehlt, der lügt auch selbstverständlich."------------ _ II. Am Fuße der Karpathen auf österreichischem Gebiet, aber dicht an der schlesischen Grenze, liegt da» liebliche Ernst» dorf. Es hat eine schwache Soolquelle, vor Allem aber eine geschützte Lage am Fuße des Gebirges, ist im Sommer kühl, hat eine außerordentlich reine Luft und wird deshalb von Sommerfrischlern, Badegästen aus Oesterreich-Schlesien und Galizien, vor Allem aus der Provinz Schlesien sehr stark besucht. Von Breslau führt eine Fahrt durch bett interessanten oberschlestschen Jndustriebezirk und über die Grenzstation Dpieditz nach Ernstdorf. Auch der Privatdocent Dr. Brettschneider verbrachte seine Ferien in Einstdorf, allerdings nicht nur in der Absicht, seine Gesundheit zu stärken, sondern um von da aus botanische Excursionen in die Vorberge der Karpathen vorzu- nehmen, damit er sich mit der hochinteressanten Flora der Vorkarpathen vertraut mache. Dr. Brettschneider war ein strebsamer junger Botaniker, dem nicht nur daran lag, eine Professur zur erlangen, sondern der auch den Drang hatte, auf wissenschaftlichem Gebiet etwa» zu leisten. Auch der Zwang Geld, zu verdienen, veranlaßte ihn zur Herausgabe botanischer Werke. Al- Privatdocent empfing er keinen Gehalt, und die Stelle als Assistent am Botanischen Garten war sehr schlecht dotirt und betrug kaum das Einkommen eines Arbeiters. Dr. Brettschneider hatte sie angenommen, um wenigsten» ein festes Einkommen zu haben; denn feine Liebe zur Botanik und zur exacteu Naturwissenschaft waren bedeutender gewesen als die Mittel, über die er verfügte, und nachdem er unter ziemlichen Schwierigkeiten seine Uni- versitätsstudien absolvirt und da« Doctorexamen gemacht hatte, mußte er ernstlich daran denken, fich Einnahmen zu verschaffen, wollte er nicht in Roth und Schulden gerathen. In solchen kleinen Badeorten schließt man sich leicht aneinander an. Es bilden sich gewöhnlich große Gruppen, die ziemlich fest zusammenhalten und deren Mitglieder untereinander recht angenehm verkehren. Die Gesellschastrgruppe, welcher Dr. Bretlschneider angehötte, kam jeden Abend in einem der einfachen Gasthäuser zu einem gemächlichen Schoppen zusammen. Man trank einige Glas von dem billigen und schönen Ungarwein und ging dann sehr solide nach Hause, um ordentlich auszuschlafen. Als Bretlschneider eines Abends mit seiner Gesellschaft in dem Gasthause saß, entdeckte er an einem der Nebentische einen Unbekannten, der sehr eifrig die Wiener Zeitungen la». An diesem Unbekannten fiel Brettschneider irgend etwas auf, das ihn veranlaßte ihn immer wieder zu betrachten. Brettschneider wußte selbst nicht, was das sei, wie ein Blitz aber kam ihm plötzlich die Erkenntniß: dieser Mann da ist ja Brinkmann oder wenigsten» der unverschämte Mensch, der sich bei dem Diebstahl im Breslauer Botanischen Garten diesen Namen beigelegt hat. Gerade al» Brettschneider so weit war, daß er den - 383 - Menschen erkannt hatte, erhob sich dieser, bezahlte seine Zeche und verließ das Gasthaus. 3tadj einiger Zeit rief Brettschneider den Wirth heran und fragte ihn, ob er nicht wisse, wer der Gast sei. „Ich kenne ihn nicht," erklärte der Wirth, „er ist heut zum dritten Male hier, kam aber bisher nie Abends, sondern immer nur am Tage. Er sagte mir, er habe einen weiten Weg. Ich vermuthe, er wohnt gar nicht hier in Ernstdorf, sondern in der Nähe in irgend einem Gorallendorfe." Die Goralen sind Slowaken, die ächten Rastelbinder und Mausefallenhändler, die mit ihrem Kram von Draht- waaren in der ganzen Welt herumziehen und die in den Karpathen und ihren Vorbergen zu Hause sind. Es ist ein armes Volk, das in elenden Dörfern wohnt; der Fremdenverkehr in jener Gegend hat aber Geld gebracht und einzelne Dörfer fangen an sich zu cultiviren und weisen schon massive Häuser auf. Reisende, denen daran liegt, billig zu leben und sich ganz von allen sonstigen Gewohnheiten lorzulösen, nehmen wohl Privatquartier in den besseren Häusern der Gorallen, und wenn auch die Wirthschaft ein wenig lüderlich und unreinlich ist, so entschädigt dafür wieder die Liebenswürdigkeit und Biederkeit der Bewohner, die einen wirklich kindlichen Character haben. Daß sich Brettschneider für den „falschen Brinkmann" interesstrte, war selbstverständlich. Er konnte ihn hier tm Auslande in Oesterreich-Ungarn nicht wegen der Breslauer Affaire zur Rechenschaft ziehen; aber es lag ihm doch viel daran, wer der Mann war, der ihn belogen und in Ungelegenheiten wegen seiner Gutmüthigkeit gebracht hatte. Den Wirth konnte Brettschneider nicht ohne Weiteres zu seinem Vertrauten machen; er mußte es dem Zufall überlassen, etwas über den Fremden zu erfahren. Da man in Verhältnis mäßig kleinem Kreise lebte, war die Wahrscheinlichkeit ja nicht ausgeschlossen, daß Brettschneider jenem Menschen bald wieder begegnete.--------------- * s s Einige Tage später unternahm der junge Privatdocent einen auf mehrere Tage berechneten Botanistrausflug in die Berge. Am zweiten T age landete er hoch oben in den Bergen in einem Gorallendorfe. Er war von der Hitze sehr erschöpft und trat in ein ziemlich sauber aussehendes Haus, um sich hier gegen Bezahlung ein Glas Ziegenmilch auszubitten. Die Gorallenfrau verstand nicht, was er wollte, da sie kein Deutsch konnte; sie rief aber aus dem Inneren des Hauses einen alten Mann herbei, der ein gebrochenes Deutsch sprach und den Dolmetscher machte. Brettschneider erhielt gegen wenige Kreuzer ein Glas leichten Ungarwein, gutes Brot, Butter und Ziegenkäse, sogenannte „Brinse", und hielt ein fürstliches Mahl. Den Alten machte er sich durch die Spende von einigen Cigarren sehr geneigt, sodaß er während des Essens mit ihm eine sehr angenehme Unterhaltung machte. Der Goralle war jahrelang in Deutschland herumgezogen, hatte länger als zehn Jahre in einem Berliner Vororte sich aufgehalten, und wem er auch nicht ganz richtig und gewandt die deutsche Sprache redete, konnte man sich mit ihm ganz gut verständigen. Er war sehr redselig und kramte gern, wie alle alten Leute, Erinnerungen an seine Reisen in Deutschland aus. Während Brettschneider ihm zuhörte und tapfer schmauste, sah er plötzlich den Pseudo-Brinkmann ziemlich dicht am Hause vorübergehen. Das erregte seine Aufmerksamkeit derartig, daß er unwillkürlich ausstand nnd an das Fenster trat. Er sah den Pseudo - Brinkmann auch in ein Nachbarhaus auf der anderen Seite der unregelmäßigen Dorfgasse treten. „Ihr habt hier fremde Sommergäste im Dorfe?" fragte er den Gorallen. „Jsse Herr von Wien, sehr reiches Herr mit viele Geld. Hat kranke Schwester, war trinkt hier Thee von Blumen au» Karpathen. Arme« Freliczka*) sehr krank. Kann «ich mehr gehen urtntlich. Muß werden gesühren." , "So, so!" sagte Brettschneider. „Sind die Leute schon lange hier?" „Schon von zwei Monat. Aber Freliczka immer krank. Und geht fremder Herr immer selber in Berge, holt Pflanzen, kocht Thee. Jsse sehr kluges Herr, isse berühmte Letschnik**), wie sagt man doch in deitsche Sprache zu Mann, war giebt zu trinken Kranke, daß wieder werden gesund?" „Ihr meint wohl einen Arzt?" „Serr gut, serr gut, mein ich ein Arzt. Jsse Herr sehr berühmtes Arzt. Aber gegen Krankheit kann er nicht helfen." „Ist die Schwester noch jung?" „Sehr lieber, junger Mädchen, vielleicht von zwanzig Jahre oder etwas mehr, aber krank, sehr krank." „Das thut mir sehr leidl Wie heißen denn die Leute?" „Heißen auf Name?" „Ja, wie ihr Name ist." „Haben sie Name ungarisches, sehr schwere», aber fällt mir jetzt ein: Kecskemet. Er heißen Laszle (Ladislaus), Schwester heißen Flora." „So, so! Und wie heißt bas Dorf hier?" „Heißes Ladna." Eine halbe Stunde später verließ Brettschneiter wieder da» Gorallendorf Ladna und trat seinen Rückweg nach Ernstdorf an. Er freute sich über den merkwürdigen Zufall, der ihn in den Ort gebracht hatte, in welchem die Persönlichkeit, für die er sich interesstrte, in solcher Abgeschlossenheit wohnte. Also Kecskemet hieß der Fremde. Es fiel Brettschneider plötzlich ei«, daß Kecskemet der Name einer ungarischen Stadt sei. Wahrscheinlich führte jener sonderbare Mann auch hier einen falschen Namen, ebenso wie er sich in Breslau fälschlich Brinkmann genannt hatte. Das war ja ein ganz geheimnißvoller Bursche, der sich unter falschen Namen in der Welt Herumtrieb und sich in der Einsamkeit eine« Gorallendorfes begrub. Was machte der Mann hier, wenn er so reich war, wie der Goralle erzählte? Er suchte heilsame Kräuter für seine kranke Schwester und bereitete daraus Thee. Brettschneider blieb plötzlich auf der Straße stehen, al» wäre etwas ganz Unerwartetes vor ihm aufgetaucht. Hatte der Mann damals nicht im botanischen Garten zu Breslau eine sehr gefährliche Giftpflanze ausgerissen, um sie mit sich zu nehmen? Er hatte zwar getha«, als wisse er nicht, daß es eine sehr giftige Pflanze sei, aber dieser Mensch log und betrog. Er wurde Brettschneider plötzlich ganz unheimlich, er kam sich vor, wie ein Criminalbeamter, der plötzlich ein sehr ae- fährliches Verbrechen entdeckt hat. Am Abend kam Brettschneider sehr ermüdet in Poprad an und ging im Gasthofe zeitig zur Ruhe. III. Am nächsten Morgen in früher Stunde brach Brett- chneider wieder von Poprad auf, um Ernstdorf noch vor Abend zu erreichen. Er trug ziemlich schwer an den noth- dürftig präparirten Pflanzen und mußte sich beeilen, nach Hause zu kommen, damit die Pflanzen, die nur provisorisch verpackt waren, ordentlich bearbeitet werden konnten. Gegen Mittag machte er Halt in einem ungarischen Dorfe. Während er sich mit frugalem Mahl in der Schenke stärkte und mit Behagen das scharf papricirte Gulvasfleisch aß, das man ihm vorsetzte, trat eine Gendarmenpatrouille in die Schenke, tum hier ebenfalls Rast zu machen. E« waren drei prächtige Gestalten die beiden Gendarmen und hr Postenführer. Ihre Uniformen, bestehend au» grünen Waffenröcken nach preußischem Schnitt mit rothen Aufschlägen und Kragen, vor Allem aber ihre runden Hüte mit den an *) Fräulein. **) Arzt. ™ 380 der Unten Seite dicht herabwallenden grünen Hahnenfedern gaben ihnen etwas Eigenartiges und Achtunggebietendes. Die österreichisch' ungarische Gendarmerie kann sich rühmen, eine der tüchtigsten Polizeitruppen der ganzen Welt zu sein, und wenn man daran denkt, wie Großartiges sie unter den schwieMsten Verhältniffen und bei der vielsprachigen Be- völkerW der Monarchie leistet, kann man ihr die höchste Anerkennung nicht versagen. (Schluß folgt.) GeineinnNtziges. Reinigen von Obst und Gemüse vor dem Genüsse. Nicht dringend genug kann gewarnt werden vor dem Genuß von Obst in jenem Zustande, wie es vom Markte kommt, weil dasselbe nicht allein durch den Staub der Straßen und Gassen sondern vielleicht auch die Krankheitskeime ver- unreinigt ist. Es ist unbedingt rathsam, die Früchte vor dem Genusie stets zu reinigen, und zwar größere durch Ab- wischen, kleinere wie Kirchen, Stachel« und Johannisbeeren durch Abspülen mit Waffer. Das Gemüse soll erst unmittelbar vor dem Gebrauche in der Küche gewaschen und gereinigt werden, und zwar durch rasches Durchschwenken derselben in reinem Waffer, ja nicht aber, wie dies häufig mit Salat und Spinat geschieht, daß man es längere Zeit im Wasser liegen läßt, da hierdurch der Geschmack bedeutend leidet, indem es, wie man sagt, ausgewässert wird und insbesondere das volle Aroma, wie bei Carfiol, Sellerie und Petersilie vollkommen verloren geht. Damit ist gewiß nicht gesagt, daß jedes Gemüse überhaupt nicht gründlich und vollkommen, selbst durch mehrmaliges Wechseln des Wassers gereinigt werden soll, um dadurch Bacterien und Unreinlichkeiten aller Art, wie solche durch die Düngung auf die Beete gebracht werden, zu entfernen, nein es soll blos gesagt sein, die Reinigung soll rasch, dabei aber gründlich geschehen. * ♦ * Das Düngen der Aurikeln geschieht am besten im Spätsommer. Von einem Düngen, so wie man Gemüse düngt, ist hier keine Rede- Sie verlangen gelindere, leicht verdauliche Kost und diese besteht in guter Composterde. Reiner Kuhdung, im Spätsommer und Herbst um die Pflanzen gebracht, ist gleichfalls ein paffender Dünger. Besser als ein Dünger ist aber ein Umpflanzen derselben auf Beete mit guter Erde. Ein Verpflanzen im Spätsommer oder Herbst ist bei ihnen zweckmäßiger ali im.Frühjahr. Die Zeit nach der Blüthe der weißen Lilie, der Monat August bis Mitte September, eignet sich vortrefflich zur Pflanzung der Zwiebeln. Hat man kein Plätzchen für sie fcei, so pflanze man sie einstweilen in nicht zu große Töpfe. Die Töpfe sind hierbei nur zur Hälfte mit Erde zu füllen, die Zwiebeln werden nur aufgefetzt, nicht mit Erde bedeckt. Das Begießen unterbleibt vollständig. Sobald es möglich ist, nimmt man im Herbst die Lilien vorsichtig aus den Töpfen und pflanzt sie so tief, daß sie völlig mit Erde bedeckt werden. Will man die weiße Lilie im Topfe cultiviren, so macht sich ein frühzeitiges Pflanzen noch viel mehr nöthig. ♦ ♦ Den Himbeeren darf man nicht alle jungen Schöffe laffen, die maffenhaft aus dem Boden kommen; nur vier bis sechs, alle anderen am Boden wegschneiden. $ $ Gartenarbeit. Die Tomatensp'tzen werden abgekneist, auch überzählige freche Ranken entfernt, um den Fruchtansatz zu beschleunigen. Die allerschönste Gurke bleibt zum Samen hängen oder liegen. Würzkräuter zum Trocknen werden vor Beginnen der Blüthe geschnitten und büschelweise an trockenluftiger, fchattiger Stelle aufgehängt. Gelbe, faulige Blätter aller Gemüse, besonders der Kohlpflanzen, sind abzunehmen und am besten auf den Compost zu bringen. Ein Abblatten gesunder Blätter, z. B. an rothen Rüben re-, hat keinen Zweck. » * ♦ Behandlung der Papageien und wie man dieselben sprechen lehrt- Das Futter der Papageien soll in öligen und mehlhalttgen Sämereien bestehen- Man gebe ihnen also besten Hanfsamen und schwach angekochten, gut getrockneten Pferdezahnmais als regelmäßiges, tägliches Futter. Dazu darf man ihnen auch täglich in Milch geweichte Semmel, etwas Obst, wie Kirsche, Weinbeere und als am Zuträglichsten ein Stückchen Apfel reichen. Dieses ist die einzige fach- und naturgemäß richtige Ernährung aller sprechenden Papageien in der Häuslichkeit. Den Papageien zum Sprechen und zur Zähmung abzurichten, wende man ja keine Gewaltkur an. Man gehe immer recht ruhig und liebevoll mit ihm um, rede ihm stets freundlich zu und reiche ihm jeden Lscker- biffen aus der Hand. Dann wird er bald zahm werden und ganz von selber Worte nachsprechen lernen. Man spreche ihm Morgens früh und Abends vor dem Einschlafen zunächst nur ein Wort klar und deutlich und in immer gleicher Betonung etwa zehn- bis fünfzehn Mal vor, und erst dann, wenn er es nachspricht, beginne man mit einem zweiten. Bei dieser Behandlung werden die hierzu veranlagten Arten bald sprechen lernen. Humoristisches. Der richtige Berliner. Drei Bekannte begegnen sich an einem kalten Wintertage. Erster: „Verflucht, heute ist's kalt!" — Zweiter: „Ja, es sind aber auch 12 Grad." — Dritter: „Jott, wat is denn bet for 'ne Stadt, wie Berlin!?" ♦ ♦ ♦ Anzeichen. Mutter: „Denkst Du, daß der Affessor sich bald erklären wird?" — Tochter: „O ja, er fängt schon an, über Dich zu schimpfen." Literarisches Handbuch de« praktischen Aimmergärtnerei. Von Max Hesdörffer. Neber 500 Seiten mit 328 Textbil-ern und 16 Blumentafeln. Geheftet Mk. 7,50, gebunden Mk. 9,—. Verlag von Robert Oppenheim (Gustav Schmidt), Berlin SW. 46. Die Pflege der Blumen im Hause ist in allen Volskreisen vielleicht die verbreitetste und mit Recht die beliebteste aller Liebhabereien, denn keine andere bereitet dem Ausübenden so viel Freude und führt ihm die Erfolge seiner Mühe so dankbar vor Augen als gerade die Blumenpflege. Von nicht zu unterschätzendem Werthe ist die Blumenpslege auch in erzieherischer Hinsicht, was auch in unseren Schulkreisen schon längst erkannt und in letzter Zeit in der Schule schon vielfach practisch erprobt worden ist. So kommt das vorliegende Werk Hesdörffers den Bedürfnissen der Zeit in mehr als einer Hinsicht entgegen und es seien alle Freunde des Zimmer- und Hausgartens auf dieses Buch hingewiesen. Es ist in gemeinverständlicher Sprache geschrieben, übersichtlich in der Anordnung und reich an practischen Handgriffen, Winken und Rathschlägen. Der Inhalt zerfällt in drei Theile, von denen der erste sich mit allgemeinen Regeln befaßt. In ebenso origineller wie anschaulicher Weise erleichtern eine große Anzahl bildlicher Darstellungen das Ver- ständniß der Anweisungen. Der zweite Theil gibt eine Uebersicht über die besten Zimmerpflanzen, ihre Kultur und ge-ignetste Verwendung je nach ihren zeitlichen und örtlichen Eigenschaften und Lebensbedingungen oder ihrer decorativen Verwendbarkeit. Hier finden auch die für Aquarien und Terrarien geeigneten Sumpf- und Wasserpflanzen eingehendste Behandlung. Der dritte Theil enthält Anleitungen für die Blumentreiberei im Hause und eine Schilderung der zu diesem Zweck empfehlens- werthesten Pflanzen. Ein Monatskalender und ein ausführliches alphabethisches Sachregister beschließen das Buch. Auch der zweite und dritte Theil sind mit einer Fülle von künstlerischen Blumenzeichnungen geschmückt. 328 Textabbildungen und 16 Tafeln erfreuen das Auge des Lesers und geben dem Buche auch äußerlich em werthvolles und künstlerisches Gepräge. So sei diese aus reichen practischen Erfahrungen hervorgegangene Arbeit Hesdörffers überall da empfohlen, wo die Blumenpflege eine Stätte hat, und wo dies noch nicht der Fall ist, wird ihr die Seetüre dieses trefflichen Buches neue Freunde und Anhänger gewinnen. Redaktion! I. V.: Hermann Elle. - Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.