1896, Nr. 83. ! . JljU M Mtz WU »WW sWIp^-ES ^s7 WMM MWtzM ZffUMWMKWD KEW^^WKW E^^MKÄ^WL WMAW TÄIK* UnterhaltungsbiaU juut Gkrßrner Anzeiger (General Anzeiger). Die Töchter des Popen. Roman von Marguerite Poradowska. Deutsch von M. Pillet. (Fortsetzung.) Aber der Thierarzt blieb unerschütterlich. Seine Ehre stand nach seiner Ansicht auf dem Spiele. Er fühlte, daß er zum Gespött aller Leute werden würde, wenn er sich erweichen ließe und daß seine Partei ihm niemals eine Verbindung mit einer Familie verzeihen würde, die sich so offen mit einem Anhänger des Schismas einließ. „Nein, nein," rief er mit fester Stimme, „ich danke Gott, daß er mir ein Einsehen gegeben hat, ehe es zu spät war. Ich werde die Ehe für ungiltig erklären lassen; ich habe das Recht für mich." Bei diesen grausamen Worten machte er sich vollends von den Frauen los. und sprang mit den Brautführern in seine Brttschka. Ein allgemeiner Ausbruch der Gäste war eine Folge dieser Ereignisse. Diejenigen, welche in der Nähe wohnten, beeilten sich, einige Worte des Beileids zu murmeln und ihre Fuhrwerke zu besteigen. Bald blieben im Pfarrhause nur noch die Popenfamilien zurück, die man zu beherbergen versprochen hatte. Die braven Leute wagten nicht zu fragen, wohin sie sich zurückziehen könnten, so gedrückt fühlten sie sich bet der allgemeinen Verstimmung. Endlich ermannte sich Diotyme und wies ihnen die für sie bereitete Schlafstelle an. Halbdunkel herrschte auf dem Kornboden, der von einem an der Wand befestigten Lichtstümpfchen schwach beleuchtet war, und die Popen und Popadias krochen niedergeschlagen in die verschiedenen ihnen bezeichneten Abtheilungen, die sonst für die Aufnahme des Roggens oder Hafers u. f. w. bestimmt waren. Als Thymoftäus und seine Frau sich endlich allein in dem großen, öden Saale befanden, der noch vor einer Stunde so glänzend belebt war, sahen sie sich einen Augenblick mit stummem Entsetzen an, dann brachen sie unter der Wucht de» Kummers zusammen und warfen sich einander in die Arme. Sofronya hatte bis dahin vor Scham und Schmerz vergehend in einer Ecke gekauert, ohne sich darum zu kümmern, ob ihr neues Kleid zerdrückt wurde; jetzt trat sie, eine lebendige Anklage, vor ihre Eltern und von ihren rosigen Lippen, die an dem heutigen Hochzeitstage nur zum Lächeln und Küssen bestimmt schienen, ergoß sich eine Fluth von unzusammen- hängenden Vorwürfen und bitteren Schmähungen. Die gebeugten Eltern ließen diese Geißelhiebe ruhig über sich ergehen, denn sie fühlten, daß da» Schicksal Gerechtigkeit übte. Ja, sie waren arglistig, unklug, unüberlegt gewesen; sie hatten zwei Herren dienen wollen; welche Strafe wurde ihnen aber nun zu Theill „Ihr habt mein Leben zerstört!" stöhnte die arme, verlassene Braut. „Was bleibt mir übrig, als in's Kloster der Diaconiffen zu gehen? O, es ist schrecklich!" „Vielleicht ist noch nicht Alles verloren. Vincenz wird es sich überlegen!" „Da kennst Du ihn schlecht, Mutter. Die Politik geht ihm über Alles; was bin ich dagegen, eine Null." Die jüngsten Schwestern kauerten auf dem Boden, hatten den Kopf auf die Bank gelegt und waren vor Ermüdung ein* geschlafen. Hinten im Saal bewegte sich Pavel wie ein Schatten hin und her und verschloß da» kostbare Silberzeug sorgfältig in die Kasten. „Es ist bald zwei Uhr Morgens," murmelte die Popadia und erhob sich mit Anstrengung. „Sofronya, mein Liebling, wir müssen schlafen gehen; die Kleinen fallen schon um vor Müdigkeit." Zwei Stallmägde brachten mit Heu gefüllte Säcke und Stöße von Kissen herein, die sie den Wänden entlang niederlegten, da alle Betten hinausgebracht worden waren. „Wo ist Panna Binia?" fragte die Eine. „Ja, wo ist denn Binia?" wiederholte die Mutter, ganz froh über diese Ablenkung. Alle Winkel de» Pfarrhauses wurden vergeblich durchsucht; nirgends eine Spur von der kleinen Popadia! Pavel hatte eben den größten Silberkasten zugemacht und sagte mit der kalten, herablassenden Miene des gut geschulten Dieners: „Das letzte Mal habe ich Fräulein Binia im Garten mit Herrn Ptesek gesehen; ich glaube ... sie hatten sich erzürnt. Als der Herr Seminarist wieder hereinkam, war er ganz roth und Fräulein Binia war nicht bei ihm." ---- 330 suchen. XVII. Der Werbe-Agent hatte die elfte Abenstunde zu der Zu« sammenkunft mit Janek bestimmt. Es war kaum neun Uhr; der junge Mann pfiff seinen Hund herbei, nahm die Flinte und ging in den Wald. Das Herz war ihm wohl etwas schwer, aber er beeilte Knabe n alten Ta einer düi Ein ging, bot Glas Br -S> Janek?" grüßend Han Er 1 Unentschd Vaterlan! tes Gesch Verzweifl einem vi« und er fi sie ihre 6 als er fi< genugsam Er I Waldessa Unter bei wie ein L Hein gingen ui gegensettik Festes. 8 Ball! O, Und schmückten Putz, wie drehte. 8 Eifersucht Er l und das^ bitteren Plötz zu wedeln weibliche Gebühren. Soso näherte, e Sie sind i Sie I -Har Armen rol „Bin er da« zii noch vor hatte. Sans neben ihn Da Miene. „Wü! Himmels« Sie! -Ach, unhörbar, mehr in'« heirathen/ Er k Holdselige, ihm bis fti ltche Schr< mehr! „D, besser, niv Geliebte, s Ohne „Mein Gott," schrie die Mutter wie närrisch, „sie wird sich in's Wasser gestürzt haben." Der Pope kam herbei. „Ach, Frau, was sprichst Du da? Ruhig, um Himmelswillen, ruhig I" „Du weißt doch, daß sie Deinen Harasim nicht leiden konnte. Ach, Thymoftäu», was hast Du aus Deinen beiden Töchtern gemacht!« Unter Schluchzen, Jammern und gegenseitigen Vorwürfen entschloß sich die Familie endlich, sich so gut es ging, in ihre eiligst hergerichteten Betten zu legen, um, wenn möglich, einige Ruhe zu finden. XVI. Als Binta am Fuße des Hügels angekommen war, hielt sie einen Augenblick inne, um zu horchen, ob sie nicht verfolgt würde. Da sie niemand hinter sich sah, hob ein Seufzer der Erleichterung ihre Brust, und ihr gewöhnlich so resigniertes Gesicht leuchtete auf. Ein schwacher Geruch von blühender Minze stieg von den Böschungen empor. Einige Schritte von ihr floß der Stry leise mit kaum bewegtem Wasser in der Rächt dahin. Durch den unwiderstehlichen Zauber der spiegelglatten Fläche gefesselt, neigte sich Btnia darüber. Ihr Schatten bildete auf den silberglänzenden Wogen einen unbestimmten schwarzen Fleck. Auf dem Grunde dieser gähnenden Tiefe vor ihr lag das Ende jeglichen Kummers, Vergessenheit für alle Sorgen und Enttäuschungen, sür lange Marterqualen und fruchtlose Kämpfe. Und als sie so dastand, wie gebannt durch die geheimniß- volle Fluth, schien es ihr, als sähe sie auf den Wellen das Bild der tapferen Königin Wanda flüchtig vorüberztehen; diese Erscheinung flößte ihr Furcht ein. Nein, sie suchte den Tod nicht, die arme, kleine Popadia. Sie wollte nur fliehen, dem drohenden Schicksal entgehen, irgendwo Zuflucht und Rettung suchen. Aber wo und wie, das wußte sie nicht. Sie ging jetzt mit fieberhafter Hast weiter am Ufer des Flusses entlang; ein künstlicher, ans der Furcht geborener Muth hielt sie aufrecht. Plötzlich erzitterte sie und stieß einen Schrei au». Vor ihr erhob sich eine lange, schattenhafte Gestalt, welche der Figur des Seminaristen im schwarzen Amtskleide ähnlich war, und ein starker, eiserner Arm versperrte ihr den Weg. „Lassen Sie mich, lassen Sie mich," schrie sie wie wahnsinnig. „Ich liebe Sie nicht, ich will Sie nicht heirathen, lieber sterben!« Unwillkürlich suchten ihre Blicke das dunkle Wasser, die letzte Zufluchtsstätte für ein verzweifeltes Herz. In ihrer Aufregung hatte sie sich losgemacht und da sich nicht» rührte, wagte sie es, ängstlich die Augen zu erheben; aber sie sah nur einen schwarzen, blattlosen Strauch, dessen gewundene Zweige sich wie lange, knöcherne Hände Über den schmalen Fußweg ausstreckten. Sie bekreuzigte sich mehrere Male und setzte, ganz beschämt Über die Täuschung, ihren tollen Lauf durch die Nacht fort. Alles um sie her flößte ihr Entsetzen ein. Jetzt nahm die moosbedeckte Rückwand einer Strohhütte in ihren Augen das phantastische Aussehen eines Ungeheuers än; dann erschreckte sie wieder ein riesenhaftes Kreuz, das sich starr von dem sternenbesäten Himmel abhob und den Ort anzeigte, wo ein Unglücklicher den Tod gefunden hatte. Endlich erblickte sie den Wald; ihr Herz zitterte vor Freude; da nur würde sie Frieden, Ruhe, Rettung finden. Noch einige Secunden und sie würde den weichen Moosteppich unter ihren Füßen fühlen, würde in vollen Zügen die balsamischen Düste ein* athmen und unter dem Schatten der alten Bäume Schutz seine Schritte, fest entschlossen, so bald al» möglich ein Ende iu machen. Heute Morgen hatte er zum ersten Male mit seiner Großmutter und Mutter von seinen Plänen gesprochen und ihnen zugleich verstchert, daß e» ihnen während seiner Abwesenheit an nichts fehlen falle. Gott, die namenlose Angst in den traurigen, auf ihn gerichteten Blicken der beiden Frauen! Dann hatte die zusammen- gefchrumpfte Greisin, die mit ihrer alten rothen Katze auf dem Arm im Winkel saß, angefangen, ihm zu widersprechen. „Drei Jahre, mein Sohn, drei Jahre! So lange kann ich nicht auf Dich warten; nein, auf dem Kirchhof wirst Du mich wiederfinden, hörst Du? Bist Du toll, war fehlt Dir denn hier? O, die Jugend!" Die Mutter hatte nichts gesagt, aber alles Blut war aus ihren sonnengebräunten Wangen zurückgetreten; lange fand sie keine Worte und betrachtete ihn nur mit herzzerreißenden Blicken. „Drei Jahre, das ist eine lange Zeit, lieber Sohn," murmelte sie endlich. Das war Alle«. Dann fragte sie ihn sanft und ergeben Über das Leben aus, da» er drüben führen würde, über feine Thätigkeit dort, über die Reife, die so maßlos weit war, daß ihre schwachen geographischen Begriffe darüber ganz in Verwirrung geriethen. Aber an der Art, wie sie sprach, errieth Hans, daß Thaddäus die Hand im Spiele gehabt hatte, daß er die arme Frau vorbereitet, sie an den Gedanken gewöhnt und von der grausamen Enttäuschung ihres Sohnes unterrichtet haben mußte. Er, der von fetten seiner Mutter eine heftige Scene, Vorwürfe und Einwendungen erwartet hatte, war ganz äußer Fassung dieser stummen Resignation gegenüber. In der ersten Verzweiflung hatte er sich mit der ganzen Heftigkeit seines Wesens auf die Idee, nach Amerika auszuwandern, geworfen, die ihm von der Vorsehung eingegeben sein mußte. Die abenteuerliche Seite des Unternehmens verlockte seine urwüchsig gebliebene Natur. Der Schmerz macht egoistisch. Da er Binia nicht heirathen konnte, da seine bürgerliche Stellung nicht unanfechtbar schien, war e» besser, fortzugehen, wo anders Vergessenheit zu suchen. Seine Liebe, die ihn blind machte für alle» Uebrige, sowie sein immer wieder von Neuem verletzter Stolz drängten ihn zu dem Entschluß. Die Nothwendigkeit der Trennung von den Seinigen hatte ihn nicht zurückgehalten. Aber jetzt, wo er sich zu der entscheidenden Zusammenkunft begab, wo jeder seiner Schritte ihn der unabänderlichen Lösung näher brachte, verweilten seine Gedanken mit sonderbarer Hartnäckigkeit bei den armen Frauen, die er einsam zurückließ und bet seinem väterlichen Freunde. Wenn er sie nicht wiederfand bei seiner Rückkehr! Eine qualvolle Angst schnürte ihm die Kehle zusammen. Mit welchem Zartgefühl hatten seine Mutter und der gute Oberförster versucht, ihn von seinen Plänen abzubringen und ihn fast wie ein kranke» Kind behandelt, dem man nicht widersprechen darf! Und er war wohl im Stande, diese zarte Rücksicht zu verstehen, denn er war mit reiner, unberührter Seele in der Wildniß de» Walde» aufgewachsen und langsam von seinem Meister geschult worden. Dann dachte er daran, wie der Stolz seiner Mutter wohl gelitten hätte, al» sie von der verächtlichen Geringschätzung hörte, mit der der Pope von ihr und ihrem Sohne gesprochen. Mit tiefem Erröthen mußte sie e» errathen haben, daß er den Antrag hauptsächlich wegen der Ungiftigkeit ihrer Ehe ablehnte; da» war auch sicher die Ursache zu der demüthigen Haltung, die Janek so aufgefallen war. Da» Blut stieg ihm siedendheiß in'» Gesicht und hämmerte ihm in den Schläfen- „Ja, ja, besser in der Verbannung," sagte er, „hier würde ich umkommen; dort werde ich mir einen Namen machen und zu vergessen suchen." Al» er in der zu der Zusammenkunft bestimmten Herberge ankam, Überzeugte er sich voller Ungeduld, daß die Gaststube noch leer war. Im Hintergründe saß ein etwa zwölfjähriger 331 Die Beherrscher der Sahara. Das ungeheure Gebiet, welches sich unter dem Namen der Sahara von den südlichsten Ausläufern des Atlasgebiraes im Norden bis zum Nigerstrome im Süden und bis zu den egyp- tischen Oasen im Osten erstreckt, wird von einer Menge Völkerschaften bewohnt, deren Gebiet indessen nirgends scharf gegen- seitig abgegrenzt ist. Daher kommt es denn, daß die Sahara- völker fast stetig im Kampf untereinander leben, da die Angehörigen der einzelnen Völkerstämme bet ihren oft weit ausgedehnten Stretfzügen häufig in das Territorium eines anderen Stammes gerathen, woraus sich meist erbitterte Kämpfe zwischen beiden Parteien zu entspinnen pflegen. Kein Volk der Sahara aber dehnt seine Expeditionen soweit aus und betreibt sie mit solchem Nachdruck, wie die Tuareg, so daß Knabe mit abgezehrtem Gesicht und rothen Augen über einen alten Talmud gebeugt, in dem er bei dem schwachen Licht einer dünnen Kerze las. Ein hübsches Judenmädchen, welches durch das Zimmer ging, bot dem jungen Manne mit herausfordernder Miene ein Glas Branntwein an, das er aber verdrießlich zurückwies. » Sie vielleicht den Agenten Schwabe, Herr Janek? fragte ihn darauf ein alter Jude, der unterwürsia grüßend herankam. d Hans zuckte mit den Achseln, ohne zu antworten. Er litt furchtbar in diesem Augenblick. Eine entsetzliche Unentschiedenheit hatte ihn nochmals erfaßt; mußte er sein Vaterland, seine Zukunft aufgeben für ein unsicheres, unbekanntes Geschick? Und dann wieder brachte ihn der Gedanke zur Verzweiflung, daß Binia die Frau eines Anderen werden, in einem vielleicht nicht ferngelegenen Pfarrhause wohnen würde und er so gezwungen sein sollte, sie jedesmal zu sehen, wenn sie ihre Eltern besuchte. Die Qual, die er ausgestanden hatte, als er sie an der Seite des Seminaristen erblickte, hatte ihm genugsam die Augen über den Zustand seiner Seele geöffnet. Er hatte das Wirthrhaus verlassen und schritt jetzt am Waldessaume hin und her. Es war ein heiterer Abend. Unter den Bäumen tanzten grüne, glänzende Leuchtkäferchen wie ein Sternenregen auf und nieder. Heimkehrende Bauern, welche auf der Landstraße vorübergingen und jedenfalls von der Hochzeit kamen, erzählten sich gegenseitig mit bewundernden Worten von der Pracht des Festes. Welcher Luxus, was für ein Essen und dann der BallI O, da ging es lustig zu! Und gleich malte sich Janeks Phantasie den festlich ge- schmückten Saal des Pfarrhauses aus und Binia im schönsten Putz, wie sie sich in den Armen des Seminaristen im Tanze drehte. Bei dieser Vorstellung zerriß ihm eine entsetzliche Eifersucht das Herz. Er hatte sich auf einen umgestürzten Baumstamm gesetzt und das Haupt in die Hände gestützt; so überließ er sich seinen bitteren Gedanken. Plötzlich fing Komar an zu bellen und mit dem Schwänze zu wedeln. Hans hob schnell den Kopf und bemerkte eine weibliche Gestalt von jugendlichem Aussehen und seltsamem Gebühren. Sofort war er auf den Füßen und als er sich ihr näherte, entrang sich ein erstickter Schrei seiner Brust: „Binia, Sie sind es!" Sie hatte ihn auch beim Lichts des Mondes erkannt. „Hans, ach Hans!" rief sie und sank mit ausgebreiteten Armen wie außer sich an feine Brust. „Binia, mein Gott, ist es möglich?" stotterte er, indem er das zierliche Geschöpf leidenschaftlich umfing, das er sich noch vor wenigen Minuten inmitten des Tanzes vorgestellt hatte. Sanft zog er sie zu dem Baumstamm, nöthigte sie, sich neben ihn zu setzen und versuchte sie aurzufragen. Da bemerkte er erst ihre Thränen und ihre verstörte Miene. „Was haben Sie, Binia? Was ist vorgefallen? Um Himmelswillen, sprechen Sie, schnell!" Sie sah mit irren Blicken um sich. „Ach, Hans, führen Sie mich fort," murmelte sie fast unhörbar, „nehmen Sie mich mit nach Amerika! Ich will nicht mehr in's Pfarrhaus zurück, ich will den Seminaristen nicht heirathen." Er betrachtete sie ganz entzückt. Was sagte sie, die Holdselige, Theure? Sie liebte ihn also, ihn, Hans, da sie ihm bis an's Ende der Welt folgen wollte! Und das entsetzliche Schreckgespenst ihrer Heirath mit Piesek existtrte nicht mehr! „O, Binia, wenn er nur ein Traum ist, so wäre e« besser, nimmer zu erwachen. Sprich, meine Theure, einzig Geliebte, sag', daß es wahr ist, daß Du Deinen Hans liebst I" Ohne zu antworten, barg sie ihr Gesicht an seiner Schulter, aber in dem leidenschaftlichen Blick, den sie auf ihn richtete, las er, daß sie ihn liebte von ganzer Seele- Im Innersten bewegt, drückte er dar süße Geschöpf an die Brust, Binia, die für ihn verloren schien und die nun die ©einige war. „Sage mir Alles, Geliebte," flehte er. Da wagte sie zum ersten Male die Augen zu erheben und erzählte ihm, was geschehen war. Während sie sprach, mußte Janek mit geballten Fäusten Sn sich halten, um nicht auf der Stelle hinzugehen und die grausamen, rohen Menschen zu züchtigen, welche dieser bis zur Selbstaufopferung gehorsame Kind zu einem derartigen Widerstand gereizt hatten. Dann, nachdem sie fertig war, nahm er ihre beiden Hände, sah ihr tief in die Augen und fragte sie leise: „Binia, sag' mir, seit wann Du mich liebst?" Seit wann? Von jeher, so schien er ihr. „O nein," flüsterte er, „ich war so hart, erinnerst Du Dich?" Sie sah ihn mit ihren großen, zärtlichen Augen an. „Ich weiß es nicht mehr," sagte sie. „Und wenn Du mich jeden Sonntag in die Kirche kommen sahst," fuhr Hans fort, „hast Du da nicht geahnt, daß es um Deinetwillen geschah?" „O ja, ein bischen," antwortete sie erröthend. „Und dennoch hast Du, als ich Dir gestern in der Capelle Lebewohl sagte, geglaubt, daß ich nicht mehr an Dich dächte?" „Ich bin so wenig Haran gewöhnt, geliebt zu werden," sagte sie schüchtern, „erst als ich heute Morgen zufällig von dem Anträge des Herrn Thaddäus hörte, habe ich Alles begriffen." Jetzt, da sie einander sicher waren, gefielen sie sich darin, sich die vergangenen Mißverständniffe und Qualen in’» Ge- dächtniß zurückzurufen. Dann flüsterte sie leise, dicht an seinem Ohr: „Du nimmst mich mit nach Amerika?" Er sah sie einen Augenblick gerührt an. Ja, wirklich, sie wollte ihm dort hinüber folgen. Aber war das ausführbar, konnte er ihr die Verbannung in ein fremdes, vielleicht ungesundes Land zumuthen? Wäre es nicht möglich, jetzt, da sie Beide einig waren, in der Heimath zu bleiben? Sie folgte ängstlich der Wandlung in feinen Zügen. „SDu willst nicht," sagte sie, „Du bringst mich zurück in's Pfarrhaus, mein Gott, mein Gott!" „Binia, meine Geliebte, beruhige Dich. Ich gestehe es, ich fürchte ein so großes Unternehmen für Dich und suche nach einem anderen Ausweg, wie wir für immer vereinigt werden können. Meinst Du nicht, daß Herr Thaddäus uns am besten einen Rath geben kann? Indessen bringe ich Dich zu meiner Mutter, willst Du?" Sie schloß die Augen zum Zeichen der Zustimmung und sagte mit gefalteten Händen: „Ich thue, was Du willst." (Fortsetzung folgt.) 332 < 6 Roman vor sind die Tuareg beinahe durchgängig schlechte Schützen mit dem Feuergewehr, um so größer ist ihre Gewandtheit im Gebrauch der Lanze in Stoß und Wurf- Als Schußwaffe finden sich bei den Tuareg nicht selten noch Pfeil und Bogen vor und muß man anerkennen, daß sie ausgezeichnete Bogen» schützen sind. Hiebwaffe ist bei den Tuareg das breite Schwert, Dagog genannt, und die kurze Streitaxt, der Heme«, gebräuch. lich, die vornehmen Tuareg führen außerdem noch die Dsraya, einen haarscharfen Dolch mit gekrümmter Klinge, mit sich. Im Charakter des Targi treten tollkühne Tapferkeit in Verbindung mit wilder Raub« und Mordlust, Grausamkeit gegen den Feind und unversöhnliche Rachsucht am meisten hervor, ehrlich und edelmüthig ist er nur gegen den Freund, der Fremde aber mag sich vor der Treulosigkeit, Tücke und Hinterlist des Targi nur in Acht nehmen. Die körperlichen Sinne dieses Raubritters der Wüste sind ungemein entwickelt, namentlich sind die Schärfe der Augen und das Gehör be ihm ausgezeichnet. Auf seinen Ritten entwickelt er große Ausdauer, mit welcher seine Bebürfnißlostgkeit wetteifert, im Sattel seines Mahari oder Rsnnkameels vermag er, ohne einmal abzusteigen, ganz unglaubliche Strecken zurückzulegen, und er« trägt er hierbei, wenn es fein muß, Hunger und Durst mit erstaunlichem Stoicismus. , , Der Targi übt als Beschäftigung nur den Raub und die Jagd aus, alle häuslichen Geschäfte, sowie das Bestellen der Gärten und Felder bleiben den Weibern und den Sklaven überlasten. Bei der Jagd bedient er sich des Pferdes, aber bei seinen räuberischen Unternehmungen bevorzugt er da» Rennkameel, weil sich dasselbe durch wunderbare Schnelligk und Ausdauer auszeichnet, welche E genschaften die es Reit thieres den Tuareg bei ihren Beutezügen natürlich Mgemein zu Statten kommen. Beim Ausspähen nach einer Beute durch traben die Tuareg in Abtheilungen zu zwei oder drei Mann die Wüste nach allen Richtungen, rst dann eine Karawane aufgespürt, so geht sofort Kunde hiervon in dar Lager oder Duar und es bricht dann ein größerer Reitertrupp in der Ricktuna auf, von welcher her da» Herannahen de» Handes- zuges signalisirt worden ist. Mit großer Schlauheit und Gewandtheit hält sich die Räuberschaar vor der herankommend n und vorbeipasfirenden Karawane hinter Sandhügeln oder in Einsenkungen verborgen, um ihr ebenso unbemerkt bi» rum Platze des Nachtlagers zu folgen. Hier wird nachher die Karawane im ersten Morgengrauen von den Tuareg überfallen und so plötzlich vollziehen die Wüstenpiraten ihren Angriff, daß jeder Widerstand nutzlos und oft schon in wenigen Minuten vielleicht die Hälfte aller Karawanenmitglieder hin- Uebr irgend etv hatte, lag gebrochen Erleichtern stützen, zu Händen Arm mit fröhli« bald im bewegt. In de Hause: „H Aber berde, ohm »Der Reises" ri< Jetzt, weg finden Am < Gesicht in aufgeregt t im Pfarrh, „Dan mehr zu ft Und i von Allem, Thadt kann nie gi Schlage ha arzt thut. zu lasten, Schwiegersk sich dann i Sahara bewohnen, so streisen sie doch weit über dieses Gebiet hinaus, fie tauchen ebenso gut im äußersten Westen ir. den I Ländern der Maurenstämme auf, als tief im Süden, wo der mächtige Niger fließt, den die Tuareg häufig über i schreiten, aber man kann ihnen auch hoch oben im Norden, an ■ den Ausläufern des Atlasgebirges und wohl auch weit im Osten der Sahara begegnen. Auf ihren flinken Streit, oder^Renn Kameelen legen die Tuareg unglaubliche Strecken in emer Tour zurück, ihre wilde Tapferkeit, wie ihre ungebändigte Raublust machen fie bei den anderen Völkern der Sahara sowohl als auch bei den Karawanen-Reisenden ungemein ge- sürchtet und stellen diese kühnen Wüstenräuber darum mit Recht die wahren Beherrscher der Sahara dar. Etnographisch zu der großen Völkerfamilie gehörig, zer- fallen die Tuareg unter sich wieder in mindestens ein Dutzend Stämme, in die Asgar, Sogar, Kelowi, Jtista, Sakomaren u s w. Alle diese Stämme liegen mit einander meist immer in Streit, der Versuch, sie alle unter einen einzigen Ober- Häuptling zu vereinen, scheint überhaupt noch niemals unter« nommen worden zu sein. Doch lasten sich die Tuareg auch nach der Hautfarbe claffificiren. Die Tuareg, mit beinahe weißer Färbung, sitzen in der Sahara am weitesten nach Norden zu, doch find sie es auch, welche am meisten umherschwärmen, die auf einem einzigen Raubzuge leicht bi» zu dreihundert Stunden von ihrem zeitweiligen Wohnsitze zurückregen. Weiter südlich schließen sich die Tuareg mit brauner Hautfarbe an, sie lieben es wohl auch, weit in der Wüste umherzustreifen, indeß halten sie für gewöhnlich die schmalen Gebirgspässe im Süden der Sahara besetzt. Diese müssen die von Marokko und Tripolis nach den reichen Gegenden am Niger ziehenden oder aus letzteren kommenden Karawanen passiren, und keiner von diesen Handelszügen der Sahara kommt hi» durch, ohne den Tuareg hohen Zoll entrichtet zu haben. Dieser Tribut wird auch jenen Karawanen abgenommen, welche sich mit den Tuareg vorher auf freundschaftlichen Fuß gesetzt haben. Wehe aber solchen Karawanen, die, vielleicht ihrer Stärks vertrauend, vor dem Durchzug durch das Gebiet der braunen Tuareg nicht mit den Stammeshäuptlingen unterhandelt haben, fämmt- Hege Maaren sind dann den Wüstenräubern vsrsallen, die Mst- «lieber der betreffenden Karawane jedoch erwartet ein schreck- liche» Sklavenleben, sofern es ihnen gelingt, bei dem Ueber falle ihres Handelszuge» durch die Tuareg mit dem Leben davonzukommen. Ganz im Süden der Sahara endlich finden sich schwarze Tuareg, sie dienen theilweise den Sultanen der Niger- und Hauffaländer al» todtesmuthige Leibgarde. In der Sprache sind sich die Tuaregstämme zwar nicht alle gleich, dagegen stimmen sie im Allgemeinen in Sitten und Gewohnheiten, in ihren Characterzügen u. s. w. überein- Seiner äußeren Erscheinung nach dars der Targi — wie der Singular de» Wortes Tuareg lautet - als der schönste Menschenschlag der Wüste Sahara gelten, die Männer von hohem muskulösem Wuchs, die Frauen von schlanker, äußerst regelmäßiger Gestalt, mit oft klassisch ßeformte« Gesichtszügen. In der Kleidung der Tuareg ist das Mundtuch charakteristisch, der schwarze Schleier, welcher von der Kopfbedeckung herabwallt und vom Gesicht des Targi nur die Augen und ein Stück Wange sehen läßt. E» hängt diese Sitte wohl mit dem Stolze zusammen, der diesen Wüstensohn auszeichnet und es ihm nicht erlaubt, anderen Sterblichen, selbst die eigenen Stammesgenossen nicht ausgenommen, sein Antlitz sehen zu lassen. Vielleicht liegen aber dem Mundtuche der Tuareg auch praktische Erwägungen zu Grunde, jedenfalls scheint es recht geeignet, Mund und Nase vor der direkten Einathmung des Wüstenstaubes zu schützen. Die Hauptwaffe bei den Tuareg bildet noch immer die aut sieben Fuß lange Lanze aus elastischem Holz, die an der eisernen Spitze mit breiten, nach rückwärts gekrümmten Eisenzähnen versehen ist. Die Flinte fand man früher nur bei 0e|$Ue6er die ungefähre Stärks der Tuareg weichen die Angaben der Sahara-Reisenden, soweit sie über diesen Punkt Studien gemacht haben, mehr oder weniger von einander ab- Freilich ist eine auch nur annähernd richtige Schätzung der Kopfzahl der Tuareg sehr schwierig, ia, vielleicht unmöglich, erwägt man, daß die Krieger der Tuareg meistentheils unter, weg» sind und dabei gewaltige Flächen durchstreifen. Indessen bleibt die wahrscheinlichste Schätzung jene- der zufolge alle Tuaregstämme zusammen höchstens an 400000 Köpfe zählen sollen, Alle», Krieger, Weiber und Kinder eingerechnet; a r der volkreichste Stamm gilt derjenige der Asgar im Westen der Sahara. Humoristisches. Beim Examen. Ein junger Mann wurde von seinem Examinator gefragt, ob er auch recht bibelfest sei. Er am. wortete, daß er sich eben nur auf zwei Verse erinnern könne, der erstere wäre: „Er ging hinaus und erhing flch. „Nun, und wie heißt der zweite?" fragte der Examinator- — „Gehe hin und thue desgleichen!" war die Antwort. Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverstkStS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & in ® ®