6" üm'MMüttek ' *°* ,^G * DierrStag den 18. Februar z •'• "' *V n *^—'~-f'V" M^L^OrS WtzMM N 4A^»DLWWMZMM^^MWMM«Ä MUWMMMK- ^4« :'’■' jp.* j "*-nßS 'jf-Jtl?;. 13. V^i . ■-rnW « ■ ™ SL >< i - rj„ ^WWiSU.MMk'-DMBMiWM kWWMWMkffWMMWLWWs MUWEWW^^W^M ■ '. • . • ' ■ '■ • -■- ■ ’ " - ~ '', • -'- r - ,.-■ _p ; 4;.. . UnterlMtungsAaLt zum Gießener Anzeiger (OrneralAnMger) Flammen aus der Asche. Novelle von L. Haid heim. (Fortsetzung.) Der Präsident kehrte zu ungewohnt früher Stunde von seinem Spaziergang zurück, einen offenen Brief in der Hand; er sah äußerst verstört aus, blaß und zitternd sank er auf den ersten Stuhl und blickte die Tochter rathlos an, indem er hinter sich wies: „Ein Unglücksbote — soll ich nie Ruhe haben, Paula!" Da lehnte ein Mensch- müde und erschöpft an dem Felsen. Er hatte den Brief vom Postamt Amalfi herauf, getragen. „Schlimme Nachricht, Vater?" „Hier lies! Was soll ich thun?" Paula las zuerst die Unterschrift. „Heinrich Tornegg — Neapel — Grand Hotel." Da hatten fie ja die Erichs wegen so schmerzlich entbehrte Adresse! Wa» wollte er denn? Wußte er schon — ? „Lies! So lies doch!" rief der Vater in zorniger Ungeduld und stampfte mit seinem Stock auf. Sie gehorchte. „Excellenz! Durch meinen Bankier erfahre ich soeben, daß das Flier'sche Bankhaus in S. vor dem Bankerott steht. Ich erinnere mich, daß Sie vor Jahren dem Hause großes Vertrauen schenkten. Sollte meine Mittheilung für Sie bedeutungslos fein, so verzeihen Sie es meiner großen und un- veränderten Theilnahme, daß ich Sie mit diesen Zeilen behelligte. Im anderen Falle stelle ich mich Ew. Excellenz für jede Eventualität oder Dienstleistung zur Verfügung. Fräulein Paula die Versicherung meiner vollkommensten Ergebenheit. In größter Hochachtung Ew. Excellenz gehorsamster Heinrich von Tornegg." „Vater!" hatte Paula athemlo» ('vor Schrecken mitten in das Lesen hineingerufen. Sie wußte, beim Bankhause Flter hatte er den größten Theil feines Vermögen« deponirt. „Was soll ich thun? Ich kann nicht Hinreisen, ich —" Er fuhr stch ganz verwirrt mit dem Tuch über die Stirn. „Wir müssen hinab nach Amalfi, — telegraphiren! Du kannst Doetor Hübner beauftragen, vielleicht ist es noch Zeit." «Ja, — ja, das ist das Einzige, — Du mußt hinunter! Ich kann nicht, der Schwindel, — dieser furchtbar steile Abstieg I" „Wir nehmen Träger, Vater, Du schließest die Augen, es muß sein! Wir müssen jetzt in der Nähe des Telegraphen bleiben!" Eine halbe Stunde später hatte Paula Alles mit Signora Carducca besprochen und in's Werk gerichtet. — Der Tragkorb, in welchem die arme, kleine Pia heraufgefchafft worden war, stand noch im Wirthrhause. Der Präsident ließ sich nur schwer überreden, sich den Trägern anzuvertrauen; sein. Eigensinn, seine Reizbarkeit und der Ernst der Situation machten Paula einmal wieder schwere Stunden. Zwei Stunden später begann ei» lebhafter Depeschen« wechsel zwischen Amalfi und der fürstlichen Residenz S. Ebenso gingen Telegramme nach Neapel und kamen solche von dort. Der alte deutsche Herr, der M in der nahen Luna mit seiner Tochter einquartirt hatte, kannte die Zauberwirkung einer buona mano und erreichte damit Alle», was er wollte. Der ganze Tag ging für Paula damit hin, dem Vater bei seiner aufregenden Beschäftigung behilflich zu sein; sie konnte ihn nicht verlassen und hatte auf ihre Nachfrage nur erfahren, daß der Verwundete in der Luna gestern und die Tage vorher auch viele Depeschen abgesandt, aber alle vergeblich; fein Bruder, nach welchem er sehr verlangte, sei nirgends aufzufinden. Welch' glücklicher Zufall, daß fie die Adresse Heinrich» jetzt hatten. Sie sandte Erich dieselbe in sein Krankenzimmer. Die Wirthin kam aber gleich darauf mit erschrockenen Mienen zu ihr; der Signor scheine ihr kränker, er rege sich auf, wolle durchaus einen Brief an den Bruder oder sonst irgend was schreiben, könne die Feder vor Schwäche nicht halten und bestehe jetzt darauf, da» Lager zu verlassen, um zu der jungen Excellenza zu gehen. Seit dem heutigen Morgen erst war Paula gewiß, baß Erich ihr lange schon nichts mehr sei; diese Minute bestätigte ihr die große Entdeckung in ihrem eigenen Herzen. Nichts als eine Art beschützenden Erbarmens fühlte sie für ihn. So sehr sie jahrelang sich selbst betrogen, so klar war sie sich plötzlich. „Melden Sie mich bei dem Herrn!" befahl sie der Frau. Und dann ging sie unbefangen zu ihm, wie wenn es sich um Einen ihr ganz fremden, kranken Landsmann handelte. Ein letzter, röihlicher Strahl der Abendsonne fiel in Erichs Zimmer, das hoch über dem Meere gelegen, vor seiner breiten Fensierthür einen Erker hatte, dessen Dach, von zierlichen Steinsäulen getragen, weit vorsprang. Köstliche, kühle Seeluft wehte von draußen herein, das altmodische Himmelbett, dem Altan gegenüber, gab dem Kranken eine entzückende Aussicht auf das augenblicklich wie Perlmutter schillernde Meer und die von der Abendsonne roth beleuchteten Felsen. Paula sah dies Alles mit einem Blick, der zweite wandte sich schreckerfüllt von dem Verwundeten hinweg und kehrte dann doch scheu wieder zu ihm zurück. Großer Gott, welche Veränderung! Darauf war sie innerlich durchaus nicht vorbereitet gewesen- Weiß war er wie die Tücher und Kisien, zwischen denen sein Kopf ruhte; keinen Tropfen Blut schien er noch in den Adern zu haben. Seine großen, fieberhaften Augen bohrten sich auf ihr Gesicht; er wollte ihr die Hände entgegenstrecken, war aber zu schwach dazu. „Paula! Seien Sie gesegnet! Bringen Sie mir Nachricht von meinem Weibe?" rief er ihr heiser entgegen. Von seinem Weibe? Ihr war, als habe sie einen Schlag empfangen; ihr ganzes Gefühl empörte sich gegen ihn. Er las ihr die Gedanken von der Stirn. Ein unaussprechlich jammervoller Ausdruck trat in sein Gesicht; dann — mit Anstrengung — ergriff er flehend ihrs Hand, preßte dieselbe an seine heißen Augen und sie fühlte die glühenden Tropfen, die darauf fielen. »Erich! Erich! Fassen Sie sich!" stammelte sie nun doch ergriffen. „O, Paula, habe Mitleid! Laß mich klagen! Ich sterbe, wenn ich nicht sprechen soll!" So sprich, Erich! Ich will bei Dir bleiben, bis —" „Bis ich tobt bin, Paula. Versprich es mir. Sage Ja! Ich habe Niemand auf der Welt — keine Seele; mein Kind ist tobt, — „sie" hat mich verlassen. O, Paula, verachte mich nicht, Du edles, gutes Mädchen, schilt und zürne nicht! Du weißt nicht, welche Hölle ich in meiner Brust trage, weil ich die Unselige liebe, trotz Allem- Du bist ein Engel des Lichts neben diesem Geschöpf — und doch, Paula, doch — trotz Allem! — Ich liebte sie wie ein Wahnsinniger. Ja — wahnsinnig l Das war's, — das bin ich noch heute. Mein Herz brennt in wilder Sehnsucht nach einem Lächeln von ihr. Das begreifst Du nicht? Ich auch nicht! Hahaha! Ich sehe es ja selbst ein, es ist Verrücktheit! Ich bin ja krank — ich sterbe. — O, nur einmal noch möcht' ich in ihre Augen sehen! Paula, sie war im Grunde nicht schlecht — ihr Herz konnte weich sein, lieb und gut, und ihr Kind vergötterte sie. Es lag wohl an mir, Paula; ich wußte mit diesem Character nichts anzufangen, wäre ich grausam und brutal mit ihr gewesen — ich glaube —" Und so strömte aus seinem Herzen diese ganze qualvolle Verworrenheit, dieser Wahnsinn — und sie hielt seine fieberhafte Hand, hörte die an Delirium streifenden Ergüsse und fühlte dabei nichts anderes als dasselbe Mitleid, welches sie jedem anderen fchwerleidenden Menschen gegönnt haben würde. Ihr Vater schickte nach ihr und die Tischzlocke erklang. „Geh' nicht fort! O, geh' nicht fort! Du weißt nicht, was es heißt, hier allein eingefettet zu liegen und die Geier fressen das Herz aus, das lebende, zuckende Herz!" flehte und klagte er und sah aus wie ein geängstigtes Kind, das sich an die Mutter klammert. Sie legte die Hand auf feine Stirn und versprach zu bleiben. Wcnige Minuten später war er eingeschlafen. Ihr Vater empfing sie mit Vorwürfen; er fühlte sich beleidigt und hintenangesetzt. Auch hier hatte sie ein geängstigtes Herz zu beruhigen. Seine Sorge theilte sie in vollem Maße; sie waren so gar nicht daran gewöhnt, sich besondere Einschränkungen aufzuerlegen. Der Verlust der in Gefahr stehenden großen Summe veränderte ihre ganze Existenz. Endlich gelang es ihr, ihn vorläufig zu beruhigen. — Definitives konnte er erst morgen erfahren; aber Doctor Hübeners letzte Depesche klang ermuthigend. Als sie den Vater verlassen, ging sie noch einmal zu Erich. Er lag in wirren Delirien; aber die Wirthin sagte, er sei ruhiger als die anderen Rächte- Eine Nonne war bei ihm; man hatte für ihn gethan, was irgend möglich war- „Der arme Herr wird es nicht überstehen," sagte der Doctor. „Die Lunge ist schwer verletzt, es müßte ein Wunder geschehen; aber der Herr ist ein Protestant," plauderte die Nonne auf sie ein mit jenem kläglichen Gewohnheitstone, den sie für die Krankenlager hatte. Die Wirthin brachte Paula dann selbst auf ihr Zimmer. Daß Excellenza, der Herr Vater, Alles bezahlen wolle, hatte Paula ihr schon vor Tagen geschrieben; jetzt war sie dankbar und überreichte ihr eine unendlich lange Rechnung, deren Totalsumme Paula erschreckte. Auch für das flüchtige Weib und den Mordbuben sollten sie die ganze Zeche bezahlen? Sie war zu mitte, weiter zu denken; nur einer unendlichen Erleichterung ^ar sie sich noch im Einschlummern klar bewußt: „Nicht tobt — nur leer!" Noch ehe der Vater am anderen Morgen sein Bett verlassen, war die so unruhig ersehnte Gewißheit da. Hübeners Telegramm lautete kurz und bündig: „Ohne irgend welchen Verlust das Kapital bei der deutschen Reichsbank beponirt. Höchste Zeit. Gratulire!" Welche Erleichterung! „Der brave Junge I Der Heinrich I Das dürfen wir ihm nie vergessen!" sagte der Präsident ein über das andere Mak. Es schien Paula, als hätte die ausgestandene Angst ihn äus feiner Verdrossenheit glücklich aufgerüttelt. Die wenigen Gäüe, welche zur Zeit in der Luna weilten — Engländer und Holländer — störten ihn, wie es schien, hier gar nicht. War das ein gutes Zeichen für die Kräftigung feiner Nerven? Das Leben am Strande machte ihm Spaß, er rüstete sich gleich nach dem Frühstück, hinunterzugehen. Seine Mienen waren heller, wie Paula sie feit vielen Monaten gesehen. Sie selbst eilte zu Erich hinüber. Er hatte sie schon sehnsüchtig erwartet, war aber unendlich schwach und kaum im Stande, ein paar Worte des Dankes zu sprechen- Heute, wo sie Zeit hatte, sich auch specieller um seine Pflege zu bekümmern, schien ihr nun doch, als sei sehr Vieles betreffs der Behandlung der Wunde vernachlässigt. Der Arzt aus Salerno war feit vier Tagen nicht gekommen; er fei selber erkrankt, hörte sie von der Wirthin; die Nonne war gegangen. Tagsüber hatte der Unglückliche ganz allein gelegen und nur ab und zu schaute die Hausfrau einmal hinein zu ihm. Da begriff sich fein fieberhafter Eifer, Paula festzuhalten. Ob er wohl gar nicht an feine Schuld gegen sie dachte? Es schien ihr nicht so; er sah in ihr eine barmherzige Schwester, die er vielleicht einst gekannt. Mochte er doch vor der Reue Ruhe haben! Je mehr der Tag vorrückte, um so unruhiger wurde er. Paula hatte nach Castellamare telegraphirt an Herrn Schwarze wegen eines tüchtigen Arztes. Inzwischen begann Erich von neuem ziz fiebern und ihr von seinem Weibe zu reden, bald zornige 29 bittere Verwünschungen, bald sehnsuchtsvolle Klagen, und in diese hinein trat plötzlich Heinrich Tornegg. Sie flog ihm entgegen; welchen Trost, welche Erleich» terurg brachte ihr sein Kommen! „Ich bin sofort abgereist, ein Schienenbruch vor Pompeji verzögerte uns stundenlang; ich nahm schließlich einen Wagen und dann stürzte das Pferd, abermals Aufenthalt. — Vor Stunden konnte ich hier fein I" erklärte er Paula. Er wunderte sich gar nicht, sie bei feinem Bruder als Pflegerin zu finden. Ihre Hände küssend, sah er sie mit einem ihr unverständlichen Blicke tief und lange an; dann erst trat er an das Lager des Kranken, der jetzt mit geschlossenen Augen dalag. Aber er fuhr doch in heftigem Schrecken zurück und seine Augen öffneten sich weit. Das sollte Erich sein? Sein Bruder? Dies Jammerbild? — Derselbe Erich, den er zuletzt als gesunden, blühend schönen Mann gesehen? Eine große Erschütterung überkam ihn. Paula führte ihn in den Erker. Zwischen den fein gearbeiteten Säulen hindurch schimmerte das blaue, göttliche Meer und hier berichtete sie ihm Alles, was Erich anging. Von sich sprach sie nicht; wie hätte sie dazu auch kommen sollen? Und er horchte auf ihre liebe Stimme und dachte bei allem Mitleid mit dem Bruder doch immer nur: „Ihr Herz sei tobt, sagt sie. Wie manifesttrt sich dann das Leben darin schöner, als durch ihre Liebe?" Als Erich bald darauf erwachte, trat Heinrich zu ihm und gab ihm die Hand. Viel sagen konnte er nicht, Erich verlangte das auch nicht, nahm vielmehr Heinrichs Kommen als etwa» Selbstverständliches hin. Eine unendliche Erleichterung spiegelte sich in seinen Mienen. „Das ist gut! — Das ist gut! Nun kommt Ihr doch noch zusammen!" flüsterte er und schlummerte sofort wieder weiter. Tage vergingen — eine ganze Woche. Nicht von Castellamare, aber von Neapel hatte Herr Schwarze einen erfahrenen deutschen Arzt geschickt. Der zuckte aber, sobald er mit Heinrich Tornegg allein war, die Achseln und erklärte, da sei nicht viel zu thun; es könne sehr rasch durch einen Blutsturz enden oder aber auch noch tage-, ja wochenlang so hingehen, auf Rettung fei aber feines Erachtens nicht zu hoffen. An dem Lager eines Sterbenden zu sitzen und zu Füßen des Bettes immer den großen Würger Tod zu sehen, ist sehr schwer für fühlende Herzen. Das empfanden Paula wie Heinrich. Und doch, — welch' wundersam schöne Stunden brachte ihnen diese Pflege! Welch' reiches, glückliches Leben entspann sich zwischen ihnen in der Gemeinsamkeit ihrer Aufgabe. Hätten sie sagen sollen, was denn so schön, so heimlich und beglückend daran sei, sie würden es nicht gewußt haben; sie dachten auch Beide nicht darüber nach, sondern lebten der Pflicht des Augenblicks, die, so anstrengend sie war, ihnen doch eine Art heiliger Freude brachte. Der Ruhestunden gab es nicht viele — nur flüchtige Momente während Erichs Schlummer; dann traten sie hinaus auf den Altan, fetzten sich auf die Steinbank dort, blickten hinaus auf Himmel und Meer und plauderten leise. Wovon? Von Allem, was ihnen durch Herz und Sinn ging, vom Größten und Kleinsten; aber das, was diese Unterhaltungen so reich und fesselnd machte, das war wieder die geistige Uebereinstimmung, welche sich stets von Neuem ergab. Es war Paula, als ob sich in ihrer Seele tausend verborgen gewesene Reichthümer aufthäten durch diesen Verkehr mit Heinrich. Ein Wort von ihm machte sie oft stutzen über diese Reihe von klaren Gedanken, die sich wie ein zurück- gedämmter Quell jetzt mit nie geahnter Lebendigkeit hervor- stürztsn und ihren Worten einen Schwung, eine Beredsamkeit gaben, über welche sie selbst oft erstaunte. Mit ihm war es ähnlich. Er hatte ihr, so viel sie auch zusammen sprachen, immer noch was zu sagen, was er lange, lange stumm in der Seele herumgetragen. Seine geistigen Interessen, seine tiefe Vereinsamung, sein Sehnen nach einer verstehenden zweiten Seele, fein vergebliches Suchen danach, das Entbehren feines Herzens — das Alles sprach er ihr aus und auch ihm war, als erkenne er erst j tzt, wie arm er dahingelebt — ärmer wie der Bettler dort am Wege, der doch fein mit ihm bettelndes Weib und Kind hat. Dann kamen aber wieder Stunden über ihn, wo er an ihr ganz irre ward. Sie hatte doch gesagt, sie liebe Erich nicht mehr, ihr Herz sei tobt! Und hier war sie und pflegte Erich wie ein Engel. Jeder Puls, jeder Athemzug, jeder Farbenwechsel Paulas verrieth, daß sie mit dem Herzen bebte, daß ihr ganzes Wesen von einer heiligen, anbetungswürdigen Liebe erfüllt war und jede Stunde belehrte ihn: Sie sprach, wie sie dachte, sie gab sich durchaus, wie sie war — wie aber stimmte dazu ihre überzeugte Versicherung, daß sie für Erich keine Liebe mehr fühle, daß ihr Herz tobt fei? Derartige Gedanken unterbrachen die Pflege dann immer wieder. Zuweilen kam es über Erich, daß er sein Kind heiß beweinte; aber selbst für den Schmerz war er viel zu schwach, — gleich danach versank er schon wieder in die Apathie, die mit heftigen Fieberanfällen uno Zornesausbrüchen gegen sein Weib und ihren Entführer abwechselten. Bei solchen Anlässen sührte Heinrich Paula sofort hinaus; er dachte sie zu schützen gegen die Pein, des Bruders Leidenschaft für das unselige Weib bekennen zu hören. (Schluß folgt.) Auf der Glentßierjagd. Eine Jagderinnerung aus Livland. Bon A. v. Stetten. (Schluß.) Die einzige Wirkung meiner Stimme auf das Elen war höchstens die, daß es womö iltch noch feindseliger die mich verbergende Tanne anstarrte, offenbar kam es ihm jedoch gar nicht in den Sinn, sich zu trollen. Ebensowenig wollte mir Antwort auf meinen lauten Jägerruf werden, nur bas Echo meiner eigenen Stimme gab der schnee- und eisbedeckte Forst zurück. So verging eine Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, die Füße konnte ich nur dadurch einigermaßen warm halten, daß ich abwechselnd mit dem einen und dem andern Fuße den Boden stampfte, wobei ich mich in acht nehmen mußte, größeres Geräusch zu machen ober eine meiner Bewegungen den Bock sehen zu lassen. Enblich beschloß ich, meiner seltsamen Gefangenschaft um jeden Preis ein Ende zu machen und auf alle Fälle den Versuch zu unternehmen, den erwähnten andern dicken Baum noch vor dem Elen zu erreichen. Noch einen spähenden Blick warf ich dem Thiere zu und brach dann hinter der Tanne vor, mit gewaltigen Schritten meinem neuen Zufluchtsorte zustrebend. Ich wagte es nicht, mich einmal umzuschauen, ans Furcht, hierdurch ein paar kostbare Secunden zu verlieren, indessen war dies auch gar nicht nöthig, nach dem Schnauben des Bockes konnte ti> schon hinlänglich beurteilen, daß er mir folgte. Keuchend sauste ich nm die zweite Tanne, und meine verzweifelten Anstrengungen waren in der That auch sehr wohl angebracht gewesen, denn kaum befand ich mich hinter dem Baum, so prallte der Bock mit seinem Riesengeweih an die Tanne mit einer solchen Gewalt an, daß er förmlich in den Schnee zurückgefchleudert wurde. Meine Lage war indessen eigentlich um nichts gebessert. Befand ich mich doch auch hinter dem neuen Baume nicht besser daran, als vorher, höchstens den einen geringfügigen Umstand ausgenommen, daß ich mich der Richtung, in der Freund Pettrasch und sein Waldläufer vermuthet werden muhten, um eine Wenigkeit genähert hatte. Doch auch jetzt nahm der Bock nur wenige Schritte von mir wieder Stellung und sah so grimmig drohend au», wie zuvor, er war offenbar entschioffen, nicht zu weichen, bis er seinen Rachedurst an mir gekühlt haben würde. Nachdem ich mich von der Anstrengung, die mir der letzte unfreiwillige Wettlauf mit dem Elenbock verursacht hatte, wieder erholt, recognorcirte ich das Terrain für meinen wetteren Rückzug. So weit ich zu blicken vermochte, breitete sich Hochwald aus, nirgends wollte fich ein Dickicht zeigen, das mich vielleicht den Blicken meines rachedursttgen Verfolgers entzogen hätte- Wohl oder Übel sah ich mich ge- nöthigt, bet meiner bisherigen Taktik zu bleiben und mir abermals einen Baum auszusuchen, der mir vorläufigen Schutz gegen einen Angriff des Elens versprach. In einer Entfernung von vielleicht seckzig Schritt gewahrte ich einen solchen Baum, eine ungewöhnlich dicke Kiefer, und sofort setzte ich mich nach ihr hin,tn Bewegung, selbstverständlich mit den Schneeschuhen tüchtig ausgreifend. Diesmal hatte es der Bock etwas verpaßt, denn er kam erst bei der Riefer an, al« ich schon zehn bi» sü"fzehn Secunden hinter der selben weilte. Dieser kleine Ersolg machte mich kühn; nach ganz kurzer Ruhepause wählte ich einen neuen zu meiner Deckung geeigneten Baum und „segelte" auf ihn los, und in der Folge kamen noch acht oder zehn weitere Bäume an die Reihe, die ich mir sämmtl.ch als „Rothhafen" erkor. Stet» war ich hierbei bemüht, die auf meinem eigenartigen Rückzüge ursprünglich eingeschlagene Richtungslinie beizubehalten, da ich überzeugt war, daß ich in ihrer Verfolgung ans die Spuren meine» Freunde« und seines Begleiter« stoßen würde, freilich folgte mir auch das Elen getreulich, immer eine drohende Angriffsstellung annehmend, sobald ich mich nur ein wenig hinter einem der mir zum augenblicklichen ZufluchtS« orte dienenden Waldriesen sehen ließ. Mit einem Male lichtete sich indessen der Hochwald und eine ausgedehnte Hatdefläche, nur hie und da kleine, verkümmerte Bäume aufwetsend, zog fich nach der Gegend hin, auf welche ich bisher zugehalten hatte. Ich durfte es nicht riskiren, den Schutz des letzten dicken Baumstammes am Saume des Hochwaldes zu verlassen und mich auf die freie Fläche hinaurzuwagen, es war fast zweifellos, daß der Bock mich hier schließlich doch einholen würde, denn er schien noch nicht im Mindesten ermattet zu sein, ich jedoch begann die seelischen Aufregungen, wie die körperlichen Anstrengungen meines ungewöhnlichen Jagdabenteuers allmählich immer mehr zu empfinden. Dennoch blieb mir kaum eine andere Wahl, als hinter der dicken Fichte, Hintes der ich zuletzt vor dem mich drohenden Geweih des erzürnten Beherrschers des livländischen Walde» eine Zuflucht gefunden, zu verweilen, bi» mich mein Freund endlich erlöste, denn ich setzte al» gewiß voraus, daß er den von mir hinterlassenen Spuren im Schnee folgen und mich aussuchen würde, sobald seine specielle Jagd auf die drei weiblichen Elenthiere beendet war. Mit dieser zweifelhaften Hoffnung hielt ich Stand, obgleich ich nahe daran war, vor Erschöpfung umzusinken, und um meine mißliche Lage noch zu verschlimmern, begann es jetzt zu schneien. Ein plötzlicher Schrecken überfiel mich, als ich dies sah, denn der fallende Schnee mußte bald alle Fährten verwehen, wie sollte dann mein Freund mir folgen und mich ausstnden können? Noch immer stand das Elen in seiner bisherigen drohenden Haltung vor mir, von Zeit zu Zeit grimmig schnaubend und kampfbegierig mit den Hufen den Schnee stampsend, offenbar bereit, sich sofort auf mich zu stürzen, sobald ich mich hinter meiner Fichte sehen lassen würde. Ich brauchte nur etwas Geräusch zu verursachen, und mein Belagerer kam so nahe heran, daß ich seinen Leib bequem mit der Mündung der Büchse hätte erreichen können. Diese Beobachtung brachte mich indessen auf einen ganz 8S - neuen Gedanken, ta mir s» praktisch erschien, daß ich mich fast wunderte, warum er mir nicht schon früher gekommen war. Ich führte nämlich einen sogenannten Hirschfänger mit mir; er war zwar nicht besonder« lang, aber dafür au- bestem Stahl und auf beiden Seiten haarscharf geschliffen; noch ehe wir zu der Elenjagd aufgebrochen waren, hatte ich mir den Hirschfänger aus der Waffensammlung meine» Freundes ausgelesen. Diese von mir eigentlich ohne besondere Absicht mitgenommere Waffe zog ich jetzt aus der einfachen Scheide und befestigte sie mittelst einiger fester Schnüre, die sich glücklicher Weise in einer der Taschen meine« Jagdrockes vorsanden, dergestalt an die Mündung der Büchse, daß letztere den Character einer Bajonnettge- wehre« erhielt. Nunmehr besaß ich mit einem Male eine Waffe, mit der ich nicht nur den Angriff meines Feindes erfolgreich abzuwehren vermochte, sondern mit deren Hitfe ich auch noch die Offensive zu ergreifen vermochte. Noch einmal überzeugte ich mich, daß der Griff des Hirschfängers genügend sicher am untersten Ende der Büchse befestigt war, dann trat ich voll hinter der Fichte hervor, die improvistrte Lanze zum sofortigem Gebrauch bereit haltend. Kaum hatte mich der Elenbock erblickt, al» er da» colossale Geweih zum vernichtenden Stoße senkte und unter grimmigem Schnauben auf mich zustürzte. Rasch sprang ich jedoch zur Seite, um im nächsten Augenblick dem wüthenden Thier den Hirschfänger bi» zum Griff in die Rippen zu stoßen, worauf ich die Waffe schnell wieder aus dem Rörper de« offenbar zum Tode getroffenen Thieres herauszog. Denn dasselbe stürmte zwar weiter, aber schon nach wenigen Sätzen brach es verendend zusammen, den Schnee ringsherum mit seinem Blute purpurroth färbend. Bei der Au»waidung des Elenbockes zeigte sich dann allerdings auch, daß ihm die Spitze des Hirschfängers gerade ins Her, gefahren war, sonst würde mir mein grimmiger Feind wohl noch etwa» zu schaffen gemacht haben. . Kaum war mein so schwer errungener Sieg über den Fürsten de» livländer Waldes errungen, so ertönte der Jagdruf meine« Freundes aus dem Walde zu mir hervor, und bald erschien er, gefolgt von dem Waldläufer, auf der Stätte, auf welcher ich endlich über den Elenbock triumphtrt hatte. Staunend nahm er meinen Bericht über den Verlauf meine» seltsamen Jagdabenteuers entgegen, sich selbst wiederholt scheltend, daß er mich meinem eigenen Wege überlassen hatte; glückücher Weise hatte aber meine Elenthierjagd ja den bent- bar besten Ausgang genommen, und so stärkten wir uns denn fröhlich aus den Vorräthen, die Freund Pettrasch den Waldläufer versorgltch aus Schloß R. hatte mitnehmen lassen. Mein Freund hatte übrigens die drei weiblichen Elenthiere, deren Spuren er gefolgt war, fämmtlich erlegt; sie waren mit frischen „Brüchen," d. h mit Zweigen und Aeüen der zunächst befindlichen Waldbäume bedeckt worden, welche Maßregel verhinderte, daß sich Füchse oder sonstiges Raubzeug an das erlegte Wild heranmachte. Die gleiche einfache Schutzmaßregel wurde auch bei meinem Bock getroffen; noch im Laufe des Jagdtages wurde die gesummte Jagdb ute nach unserer Rückkehr in« Schloß von einigen Leuten meine» Freunde« hereingeholt. Noch zwei Wochen verlebte ich dann in dem gastlichen Heim meine« Freunde», worauf ich nach Deutschland zurückreiste. Pettrasch hatte mir dos Geweih als Geschenk machen wollen, ich lehnte diese großmüihige Widmung aber au« verschiedenen Erwägungen ab, und begnügte mich dafür mit den zwei Vorderläufen de» besiegten Feinde»; sie prangen heute als eigenartiger Wandschmuck in meinem Arbeitszimmer. Vermmchtes. Ein practischer Vater. Börseaner: „Ich gebe Ihnen die Hand meiner ältesten Tochter, aber ich bitte Sie, empfehlen Sie meine übrigen vier im Rreise Ihrer Bekannten!" Redaktion: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniversiMs-Buch- und Steindruck-r-i (Pietsch & Scheyda) in