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Erzählung von Reinhold Ortmann. -----— (Nachdruck verboten.) Es war um die Mittagszeit eines schönen Sommertages, als die schlanke Gestalt eines elegant gekleideten Herrn von vielleicht dreißig und einigen Jahren auf dem Promadenweg austauchte, der aus dem Innern des reizenden süddeutschen ^-deorte» W. zu der Villa des Professor» Fabricius hinauf ' führte. Vor fünf Jahren, als er durch ein hartnäckiges Augenleiden genöthigt wurde, fein Lehramt niederzulegen, hatte sich der berühmte Gelehrte das liebliche Tusculum erbaut, um den Abend seines reichen Lebens inmitten einer herrlichen Natur still und friedlich zu verbringen. Er stand in dem Rufe, ein wenig menschenscheu zu sein, und nur selten wagte sich deshalb ein Besucher in die Villa Erika hinauf, wie traulich und anheimelnd sie auch mit ihrem weißen Gemäuer aus dem dichten Grün hervorlugen mochte. Der Fremde aber, der heute nach einem kleinen Zögern die hellklingende Glocks zog, hatte wahrlich keine Ursache, sich über eine unfreundliche Aufnahme zu beklagen. Der Diener, der ihm geöffnet, hatte kaum einen Blick auf die überreichte Visitenkarte geworfen, als er mit großer Zuvorkommenheit sagte: „Wollen Sie nur die Güte haben, hier einzutreten, mein Herri — Sie werden von dem Herrn Professor bereits erwartet-" Eine hohe Flügelthür that sich vor dem Ankömmling auf, und er sah in einen geräumigen, fast nur mit gewaltigen Bücherregalen ausgestatteten Gemache, durch dessen Fenster das Licht angenehm gedämpft hereindrang, weil draußen eine breitästige Kastanie schirmend ihren tiefgrünen Blätterreichthum davor ausbreitete. Von einem einfachen Schreibstuhl vor dem mächtigen, mit Büchern und Papieren bedeckten Arbeitstische inmitten des Zimmers, erhob sich eine mehr zierliche als kraftvolle Männergestalt mit lang herabwallendem silbergrauem Haar und feinem, bartlosen Gelehrtenantlitz, aus dem sich zwei schöne blaue Augen mit jenem rührend hilflosen Blick, der dem halb Erblindeten eigenthümlich ist, auf den Besucher richteten. „Mister Herbert Ellermere?" fragte er, und als Jener bestätigt hatte, fügte er mit gewinnender Liebenswürdigkeit hinzu: „Ich heiße Sie herzlich willkommen; denn Sie find mir von meinem Freunde Reymond empfohlen worden, und ich weiß, was eine solche Empfehlung werth ist. Sie sprechen doch deutsch?" „Ich habe meine- Studienzeit zum großen Theil in Deutschland verlebt, Herr Professor, und habe mich während der letzten drei Jahre fast ununterbrochen in Berlin aufgehalten. Es hat mir also nicht an Gelegenheit gefehlt, mich in Ihrer schönen Sprache zu vervollkommnen." „Das ist mir sehr lieb. Ich bin immer! in einiger Verlegenheit, wenn ich mich eines fremden Jdeoms bedienen soll. Sie sind also hierher gekommen, um in der Stille .dieser weltentlegenen Erdenfleckchens eine größere wissenschaftliche Arbeit zu vollenden?" „Ich wage kaum, die Frage zu bejahen. Denn ich bin eigentlich nur ein Dilettant, der ohne die großmüthige Unter- stützung gelehrter Gönner sicherlich nicht dar Geringste zu Stande brächte." „Na, wir werden ja sehen, wie viel von dieser Selbst» kritik auf Rechnung der Bescheidenheit zu setzen ist," lächelte Fabricus. „Jedenfalls stelle ich mich Ihnen mit meinem Rath und Beistand gern zur Verfügung. Professor Reymond schreibt, daß Sie mir ein fertiges Manufcript zur Begutachtung vorlegen wollten. Sie haben es doch mitgebracht?" „Dazu hatte ich allerdings nicht den Muth. Aber wenn Sie gestatten, Herr Professor, daß ich es Ihnen in den nächsten Tagen überbringe —" „Gewiß — ich bitte darum. Zwar kann ich selber nicht mehr lesen; aber ich habe zum Glück einen Gehülfen, der hundertmal werthvoller für mich ist als zwei gesunde Augen. Vielleicht gestatten Sie mir, Sie sogleich mit diesem meinem Amanuensis bekannt zu machen." Mit der Sicherheit eines Mannes, der des Augenlichts nicht mehr bedarf, um sich in der gewohnten Umgebung zurecht zu finden, öffnete der Professor eine zweite Thür und rief: „Komm' doch einmal herein, Kind! Da ist Mister Herbert Ellesmere, von dem uns Freund Reymond so viel de» Guten geschrieben hat." 538 Der Engländer vernahm einen leichten Schritt, und seine dunklen, etwas schwermüthigen Augen öffneten sich weit in bewunderndem Erstaunen, als sie gewahrten, daß der Ge hülfe des Professor Fabricius eigentlich eine Gehülfin war, und zwar ein wunderschönes, junges Mädchen von höchstens zwanzig Jahren. Ihre anmuthige Gestalt und ihr holdes, jugendfrische» Gesichtchen konnte wahrlich jede andere Vorstellung eher erwecken, al» die der Gelehrsamkeit und der Beschäftigung mit trockenen wissenschaftlichen Dingen, wenn sie auch die schön gewölbte Stirn und die großen, sinnenden Denkeraugen ihres Vaters geerbt hatte. „Meine Tochter Erika," sagte der Professor vorstellend, „der Stab und die Stütze meines hinfälligen Alters." Eine Welt von Liebe und Zärtlichkeit war in seiner Stimme. Es bedurfte für den Fremden seiner Erklärung und keiner Beobachtung mehr, um ihn davon zu überzeugen, baß hier eines jener rührend innigen Verhältnisse obwalte, wie sie selbst zwischen Vater und Tochter nicht all' zu häufig vorkommen. Er machte Fräulein Erika seine Verbeugung und wußte ihr mit der Gewandtheit des Weltmannes einige artige Worte zu sagen, wie sie der Art der Vorstellung an« gemessen waren. Aber der bewundernde Ausdruck blieb in seinen Augen, so oft er sie zu ihrem liebreizenden Antlitz erhob, und sein ernste» Gesicht schien heiter zu werden, während er dem Klang ihrer weichen, glockenhellen Stimme lauschte. Sie erkundigte sich nach einigen Berliner Bekannten, mit denen er durch seinen Gönner, den Profeffor Reymond, in Berührung gekommen sein konnte, und sie legte dabei so viel liebenswürdige Natürlichkeit an den Tag, daß Ellesmere sehr bald zu der Gewißheit gelangen mußte, die Beschäftigung als Gehülfin ihres Vaters habe ihr noch nichts von der bezaubernden Naivetät der glücklichen Jugend zu rauben vermocht. Dann aber verstummte sie, denn Fabricius hatte das Gespräch wieder auf die wissenschaftlichen Arbeiten des Besucher» gelenkt, und die beiden Herren geriethen unmerklich in eine sehr gelehrte Auseinandersetzung hinein. Ja, e» kam sogar in Bezug auf ein geringfügiges historisches Factum zu einer kleinen Meinungsverschiedenheit zwischen ihnen. Der Professor vertrat mit Lebhaftigkeit seine Ansicht, und mit der Bescheidenheit, die dem großen Gelehrten gegenüber am Platze war, wollte der Engländer eben seine Behauptung zurückzieyen, als in der entferntesten Ecke de« Zimmers eine glockenhelle Stimme laut wurde: „Diesmal sind Sie im Unrecht, Herr Professor! — Ich berufe mich gegen Sie auf die Autorität des berühmten Historikers Ewald Fabricius, der im fünften Band seiner Weltgeschichte auf Seite 317, zweiter Absatz, Folgendes schreibt." Sie hatte das Buch in der Hand und las die Stelle vor, die Ellesmere'» Auffassung unzweideutig bestätigte. Fabrleiu», der sich so aus seinen eigenen Werken widerlegt sah, gestand lachend den Jrrthum ein, der Andere aber blickte ehrfürchtig auf das seltsame junge Mädchen, das nur durch ein geradezu erstaunliche» Wissen in den Stand gesetzt worden sein konnte, ihm diesen unerwarteten Beistand zu leisten. Ein paar Minuten später erhob er sich zur Verabschiedung, denn die Zeitdauer, die für seinen ersten Besuch als schicklich gilt, war bereit» überschritten. „Ich erwarte Sie also recht bald mit Ihrem Manuscript," sagte der Proseffor. „Selbstverständlich ist auch meine Bibliothek ganz zu Ihrer Verfügung. Wenden Sie sich nur an meinen blonden Bibliothekar dort, wenn Sie etwas brauchen! — Uebrigens — haben Sie denn hier schon eine Wohnung?" „Ich habe die Villa Belevedere am Herzogsweg ge- miethet, Herr Professor." „Ah — eine vortreffliche Wahl! Ich kenne das reizende Häuschen wohl. Und Sie haben gleich die ganze Villa mit Beschlag belegt?" „Ich war dazu genöthigt," lautete die merkwürdig un- sichere Erwiderung, „denn ich bin nicht allein." Er verbeugt» sich abermals sehr tief gegen Erika und ging. „Ein angenehmer und liebenswürdiger Mann," meinte Fabricius, der durch den Besuch in die beste Laune versetzt worden war. „Ich werde mich freuen, wenn seine Arbeiten ihn recht lange hier festhalten." Das junge Mädchen hatte darauf nicht« zu antworten; aber der Fremde mußte doch wohl auch ihr nicht gerade mißfallen haben, wenn ander» der sonnig heitere Ausdruck des reizenden Gesichtchens ein getreuer Spiegel ihrer Gemüths- stimmung war. Am nächsten Vormittag schon sah sie Herbert Ellesmere wieder. Sie machte auf einer der abgelegenen, wenig belebten Promenaden den gewohnten Morgenspaziergang mit Ihrem Vater, al» plötzlich die schlanke, vornehme Gestalt de» Engländers au» einem Seitenwege auftauchte. Er zog grüßend seinen Hut, aber er konnte wohl nicht stehen bleiben, um eine Unterhaltung anzuknüpfen, denn er befand sich in Gesellschaft einer Dame, die offenbar noch viel gebrechlicher war als der Professor Fabricius. Sie war von kleiner, überaus schmächtiger Gestalt und hatte sich an den Arm ihres stattlichen Begleiters gehängt wie ein Kind, das in Furcht ist, es könne seinen Beschützer verlieren. Ihr Gesicht war so dicht ver« schleiert, daß Erika im Vorübergehen nichts als seine erschreckende Magerkeit wahrnehmen konnte; die beiden Haarsträhnen aber, die an den Schläfen unter dem Capotte-Hut sichtbar wurden, waren schneeweiß. So mußte es wohl die Last der Jahre sein, unter der die arme kleine Gestalt so mumienhaft zusammengeschrumpft war, und auch die liebevolle Fürsorge, mit der Herbert Ellesmere augenscheinlich jeden ihrer Schritte behütete, glich ganz jener ritterlichen Aufmerksamkeit, die ein wohlerzogener Sohn im Verkehr mit seiner hinfälligen Mutter an den Tag legt. Ein paar Stunden später wußte die Hausdame des Profeffor», die über alle Neuigkeiten von W. stets sehr genau unterrichtet war, in Bezug auf den Bewohner der Vlla Belvedere bereits Allerlei zu erzählen. Er mußte wohl ein sehr reicher Mann sein, denn er hatte für sich und für die anscheinend sehr leidende Dame, die sich in seiner Begleitung befand, eine aus drei Köpfen bestehende englische Dienerschaft mitgebracht. In der jüngsten Nummer der Fremdenliste aber standen die neue« Ankömmlinge als Mrs. und Mr. Ellesmere zu lesen. Es war also kein Zweifel mehr, daß es wirkltG. Mutter und Sohn gewesen, die Erika auf der Promenade getroffen hatte. Noch vor Ablauf dreier Tage wiederholte der Engländer seinen Besuch in des Professors Hause. Es traf sich, daß Fabricius ihn nicht sogleich empfangen konnte und daß er wohl eine halbe Stunde mit Fräulein Erika allein blieb. Von wissenschaftlichen Dingen war dabei nicht viel zwischen ihnen die Rede; Langeweile aber schien trotzdem keines von ihnen empfunden zu haben; denn Erika sah sehr heiter aus, als der Profeffor endlich erschien und Herbert Ellesmere« Augen leuchteten in einem seltsam freudigen Glanze. „Sie sind mit Ihrer Frau Mutter hier, wie ich höre," meinte der alte Herr im Verlaufe des weiteren Gesprächs, „und man hat mir erzählt, daß sie leidend sei. Hoffentlich ist es keine bedenkliche Krankheit." Der Gefragte, dessen Blick eben wieder auf Erikas holdem Gesichtchen ruhte, suhr wie in plötzlichem Erschrecken zusammen und während er den Kopf rasch nach dem Fenster wandte, kam und ging in schnellem Wechsel die Farbe auf seinen Wangen. „Sie ist vollkommen hoffnungslos, Herr Professor," sagte er mit merklich zitternder Stimme. Und zögernd, wie nach schwerem inneren Kampfe, fügte er hinzu: „Nach der Erklärung der bedeutendsten Aerzte giebt er keine Aussicht auf Rettung mehr. Die Tage der Patientin sind gezählt und die Art ihrer Krankheit macht es mir zur namenlos traurigen Pflicht, sie von allem Verkehr mit der Außenwelt abzuschlteßen." Eine peinliche Stille folgte seinen Worten. Vater und Tochter fühlten, daß hier eine wunde Stelle in Ellesmere» Herzen berührt worden sei; sie mochten keine weitere Frage thun und nahmen sich in stummem gegenseitigen Sinverständ- 539 um Erikas biegsamen Leib und zog sie ungestüm an sich, ste sträubte sich nicht ernstlich gegen seine stürmische Liebkosung. Von seiner kranken Mutter war in der That zwischen ihnen nicht mehr die Rede gewesen, und auch auf der Promenade hatte Erika die kleine verschrumpfte Dame nicht wieder- gesehen. Ihr Zustand mußte sich wohl seit der Ankunft in W. verschlimmert haben, so daß sie genöthigt war, auf weitere Spaziergänge zu verzichten. Denn auch die Haus- dame des Professors, deren scharfem Spürsinn sonst nicht so leicht etwas verborgen blieb, hatte sich bisher vergebens be- müht, sie zu Gesicht zu bekommen oder etwas Näheres über sie zu erfahren. So viel nur hatte sie festgestellt, daß in der Villa Bslevedere keinerlei Besucher empfangen wurden u*b ba& die englische Dienerschaft von einer ganz merk- würdigen Verschwiegenheit sein mußte, da doch sonst auf dem Wege des Domestikenklatsches sicherlich dieses oder jenes in ms Oeffentlichkeit gedrungen wäre. Unzweifelhaft waren es sehr vornehme Leute, diese Ellesmere's und ebenso unzweifelhaft bestand ein sehr harmonisches Verhältniß zwischen ihnen, denn abgesehen von seinen Besuchen bei Professor Fabrieius, köte Herbert nur seiner Arbeit und der Pflege seiner leidenden Mutter. Man sah ihn niemals bei den Conzerten auf der Kurpromenade oder bei den Reunions, und wieviele Angeln auch schon nach ihm ausgeworfen worden waren, noch war er Keinem gelungen, irgend welche gesellschaftlichen Beziehungen zu ihm anzuknüpfen. Da geschah es wieder eines Tages, daß Professor Fabricius fein Mittagsschläfchen noch nicht beendet hatte, als Herbert Ellesmere in der Villa erschien. Erika selbst hatte ihm geöffnet, und nun trat er mit ihr in den kleinen Empfangrsalon ein, der neben ihres Vaters Arbeitszimmer lag. Es war sehr heiß, und sie trug ein sommerlich leichte», hell- farbiges Kleid, da« ihre schöne Gestalt nur noch reizvoller und anmuthiger erscheinen ließ. Auch ihre rothen Lippen dünkten ihm heute noch frischer, ihre blauen Augen noch strahlender als sonst, Alles was weibliche Schönheit und Jugend an sinnbethörendem Zauber besitzen, schien ihm heute in ihrer holdseligen Persönlichkeit vereivigt. Die Fenster waren weit geöffnet und schwere, süße Dufte strömten von den Blumenbeeten des Gartens zu ihnen herein. Eine eigenthümliche Beklemmung kam über die Beiden, die sonst in ähnlicher Situation die Minuten de» Alleinseins so Mer, und unbefangen verplaudert hatten. Mühsam und . einsilbig schleppte sich eine Weile die Unterhaltung hin, dann griff Erika, in dem Bestreben, ein neues Gesprächsthema zu finden, nach einem illustrirten Prachtwerk, das man ihrem Vater an diesem Morgen übersandt hatte, und legte es vor Ellesmere auf den Tisch. Er fing wirklich an zu blättern und sich über die einzelnen Abbildungen zu äußern, während seine Gedanken offenbar bei ganz anderen Dingen weilten. Emer der Stiche aber fesselte doch seine Theilnahme, und Erika trat, durch sein warmes Lob neugierig gemacht, an seine Seite, um ihn ebenfalls zu betrachten. Herbert fühlte die leichte Berührung ihrer jugendwarmen Gestalt, und er athmete für einen Moment den feinen Duft ihres seidig glänzenden, goldblonden Haares. Da übermannte ihn die Leidenschaft, gegen die er so lange mit Aufbietung seiner ! ganzen Willenskraft angekämpft hatte; er schlang seinen Arm I zagender Sehnsucht entgegen; er war ihr al» der verkörperte Inbegriff edler Ritterlichkeit und stolzer Mannerkraft er- schienen, seit sie ihn zum ersten Male gesehen, und wenn er gegangen war, hatte sie die Stunden gezählt, bis er wieder- kommen würde. Woher hätte ste da in diesem Augenblick die Kraft nehmen sollen, ihm zu widerstreben! Ihr blondes Köpfchen sank schämig an seine Schulter, und dann, al» sie die blauen Augen voll zu ihm aufschlug, flog es wie ein Abglanz namenloser Glückseligkeit über ihr Antlitz. »Ja, ich liebe Dich, Herbert/ hauchte sie, und willig ließ sie's geschehen, daß seine Lippen sich leidenschaftlich heiß auf die ihrigen preßten. Da knarrte hinter ihnen die Thür, und Professor Ewald Fabricius erschien auf der Schwelle seines Arbeitszimmers. Wie traurig es auch um die Sehkraft seiner armen Augen bestellt sein mochte — daß hier etwas ganz Außergewöhnliches vorging, erkannte er doch, und erschrocken rief er den Namen seines Kindes. Erika machte lsich aus Herberts Armen frei und warf fich halb lachend, halb weinend an die Brust des bestürzten alten Herrn. So sah sie es nicht, eine wie erschreckende Veränderung plötzlich in Ellemere's Zügen vor fich ging. Er war todtenbletch geworden, seine L ppen zuckten und mit unheimlich düsterem, verzwetflungsvollem Ausdruck starrten feine Angen in'« Leere. Dann aber, als Fabricius in rührendem Tone fragte, ob er denn gar nicht erfahren solle, was hier geschehen sei, schien ihm doch da« Bewußtsein zu kommen, daß er nicht länger stumm und fassungslos dastshen dürfe. Und nun stieß er in hastigen, fich überstürzenden Worten hervor: , «Ich bin Ihnen allerdings eine Erklärung schuldig, Herr Professor; aber ich fühle mich in diesem Augenblick nicht fähig, ste Ihnen zu geben. Vergönnen Sie mir nur eine kurze Frist — nur ein paar Stunden I — Heute Abend noch sollen Sie Alles erfahren." Erika wandte sich überrascht nach ihm um; aber sie sah nur, daß Herbert Ellesmere, ohne einen Blick auf sie zu werfen, gleich einem Verfolgten aus dem Zimmer stürmte. | Mr einen Moment wohl machte diese seltsame Aufführung auch sie betroffen; aber ihre junge Glückseligkeit ließ doch keinen ernstlichen Zweifel auskommen in ihrem Herzen. Dies Alles' hatte sich ja wie nach einer höheren Fügung so rasch und unerwartet vollzogen. Auch ihn hatte offenbar eine nnwiderstehliche Gewalt getrieben, sich früher zu entdecke», als es ursprünglich in seinem Plane gelegen, und Erika glaubte zu verstehen, daß es dem feinfühligen, in den strengen englischen Schicklichkeitsbegriffen ausgewachsenen Manne peinlich sein müsse, unter dem Zwange einer Ueberrumpelung seinen Antrag bei ihrem Vater vorzubringen. So erklärte sie auch dem Professor das scheinbar so befremdliche Verhalten Herbert», und er ließ sich leicht genug überreden, daß dies in der That die einzige richtige Deutung sei. Und nun wurde er nicht müde, sein geliebter Kind mit halb web- müthigen, halb beglückten Zärtlichkeiten zu überhäufen. „Es wird mir wohl nicht« Anderes übrig bleiben, al» Dich ihm zu geben," meinte er. „Wir wissen ja im Grunde nur sehr wenig von ihm; aber seine Liebenswürdigkeit hat ihm meine Zuneigung gewonnen, und ich zweifle nicht, daß ein Mann, den Professor Reymond nach zweijähriger Bekanntschaft so warm empfehlen konnte, auch meine Achtung und mein Vertrauen verdient. Er wird mich ja voraus- sichtlich heute Abend genauer über seine Verhältnisse unter- richten, und wenn die Prüfung auch da zu seinen Gunsten ausfällt so will ich in Gotte« Namen da« schwerste Opfer «eines Lebens bringen, um Dich, mein Kleinod, glücklich zu (Fortsetzung folgt.) S®»-’ SS I ■-.S'-Ä a SM es.- s .Ätt n.’Ä s »I durste er au» dem Munde des berühmten Gelehrten die schmeichelhaftesten Dinge über seine Arbeit vernehmen. Fabricms behandelte ihn schon ganz wie einen guten Freund des Hauses; er interessirte sich lebhaft für sein neue», in der Vollendung begriffenes Werk und wünschte von jedem weiteren Fortschritt desselben unterrichtet zu werden. So geschah es auf die natürlichste Art von der Welt, daß Herbert Ellesmere kV™»! täglichen Besucher der Villa Erika wurde und daß sich auch sein Verkehr mit dem liebreizenden Töchterchen des Professors immer mehr zu einem kameradschaftlich vertraulichen gestaltete. ■ — 636 — GeineinirrWges. Die Winterlevkoje lirbt im Winter nur mäßige Wä.me und ei« spärlicher G. ßen. Man stelle ste der- Haid nicht in stark geheiztem, sondern mäßig warmem Zimmer auf. Geschloffene Luft sagt ihr nur wenig zu, weßhalb die Häuser oder Zimmer bei milder Witterung stets reichlich zu lüftm iutb. AllznhSnfiges »egietze« der Zimmerpflanzen im Winter vermeide man. Man überzeuge sich zuerst, ob wirklich die Trockenheit der Topferds eine derartige ist, daß ste eine Bewässerung nöthig hat. Dies läßt fich dadurch prüfen, daß man ein wenig Erde zwischen den Fingern zerreibt, die fich wie trockener Staub anfühlen muß, wenn ste wirklich ausge- trocknet tfL Das Grau-Aussehen ist kein stcheres Merkmal bafüv, M ste gänzlich trocken geworden ist, denn ein sehr sand^er, überhaupt mehr leichter Topfpflanzenboden bekommt sehr leicht, wenn seine oberste Schicht bereits trocken zu werden beginnt, eins graue Farbe. Bei frisch verpflanzten oder neu eingetopften Gewächsen verwende man nur eine feinlöcherige Gießkannenbrausö, außerdem würde die noch feinkrümelige Erde sehr bald durch da« boxte Aufprallen de« au« dem Gießkannenrohre hervorsprudelnden Wasserstrahls zusammen« gedrückt werden, eine bindige undurchlässtge oberste Schicht bllde«. • * • Gardinen können rahmgelb gefärbt werden am einfachsten durch Anwendung der für diesen Zweck mit entsprechender Farbe zugerichteten Stärke, die in den betreffenden Geschäften käuflich zu haben ist. Andernfalls durch Eintauchen in eine verdünnte Abkochung von Kaffee, Cichorien, gebräuntem Zucker, Gerberlohe oder dergleichen, nach voraus angestsllter Probe. Einen überraschend zarten FarbentoN ver- leiht den Gardinen das Färben mit Rhabarberwurzeln. Für 10 bi» 20 Pfennig Rhabarber (etwa 10 Gramm) mit einem halben »er ochendem Wasser aufgebrübt, durchgeseiht und der ->ewöhnl e- Stärke zugesetzt, gibt sür ein Paar Gardinen die vMÜnschtc stich mfarbe^ * Fleckw gegen Rostsl ^en in Wäsche. Man mischt in einem Glase 1 Theil O läace, 1 Thetl Cttronen- fSure, 1 Theil Kochsalz und 8 Tb»ile reines Wasser- Mit einigen Tropfen der hinaus erhaltenen Lösung überstreicht w-n den Fleck und hält oie betreffende Stelle sodann an ein mit heißem' Wasser gefüllte« zinnerne« Gesäß, worauf der Fleck alsbald verschwindet. Die ursprünglich befleckte Stelle wäscht man zuletzt mit Seifenwaffer ab. • Hühnersuppe. Eine alte Hmne wird sauber geputzt und ^ewasch-n mtl Pfund Ochfinst'iä» und ebenso viel Kfib- fleisch, dann Peterfiue, Porree und 1 Z orebel in 4 bi« 6 Liter Wasser und dem nöthigen Salz zugesetzt und so lange langsam g-kocht, bi« die Henne weich ist. Nun schneidet man das Brustfleisch des Huhnes in kleine Stücke und legt es in die Suppenschüssel, alle» übrige Fleisch von der Henne, Rind- und Kalbfleisch wird mit 3 hartgekochten Eiern fein gewiegt. 3 altgebackene, abgeriehene Mundbrödchen eingeweicht, ausgedrückt, mit dem Gewiegten an die inzwischen abgeseihte Fletschsuppe gerührt und aufgekocht. Dann verquirlt man 2 bis 3 Eigelb, treibt die Si ppe durch ein Haarsteb und gibt ste unter fortwährendem Rühren an die Eidotter und die Hühnerstückchen. • • e Pelzwaaren aufzufrischen So manche Hausfrau möchte, bevor ste die Pelzwaaren zum Sommerschlafs einpackt, dieselben von den Strapazen de« Winter« etwa« auffrtschen. Die» kann man gar leicht bewerkstelligen, indem man Roggenkleie in einem irdenen Topfe zu Feuer bringt und so erhitzen läßt, daß man ste an der Hand gerade noch dulden kann. Hierauf schütte man die heiße Kleie auf den Pelz und reibt letzteren mit Kräften damit ein. Klopft man dann die Kleie wieder heraus, so glänzt der Pelz, wie neu. Ein erprobtes Mittel, Durchfall der Hunde zu eurireu, besteht in Kamillenthee, au« 90 Gramm Wasser, und 4 Gramm Kamillenblumen, nebst 4 Gramm Eatechusast und 15 Tropfen tinctura opii crocata. Davon gebe man dem Patienten 3 mal täglich einen Eßlöffel voll ein. Ist der Durchfall gehoben, so soll der Hund noch eine Woche hindurch einen Tag nm den andern einen Eßlöffel voll Medieinalleber- thran bekommen. Humoristisches. Radfahrer: „Man sagt, da» Belocipedfahren sei gesund?" — „Ganz gewiß." — „Aber erst seitdem ich radle, muß ich unaufhörlich Doctorrechnungen zahlen." — „Ist nicht möglich." — „Ja wohl 1 Für die Leute, die mir unter» Rad laufen." * e * Höchste Kaltblütigkeit. Engländer zu einem Löwen, der eben zum Sprung auf ihn ansetzt: „Mahlzeit! l" Allerding». Gast (im Hotel): Die Rechnung kann nicht so hoch sein, Sie müssen stchjgeirrt haben. Oberkellner : Da» ist unmöglich, ich rechne immer zweimal. Nett. Pocker-Spieler (in einer sehr „westlichen" Stadt Nordamerika» zu einem Bekannten): „Spielst Du ein» mit, Piet?" Piet: „Kann nicht." Pocker-Spieler: „Warum denn nicht? Kein Geld — he?" Piet: „Nee, ich hab meinen Revolver zu Hause gelassen." • Bedientenlogik. Diener: „Ich habe jetzt einen komischen Herrn. Der geniert fich, mir direct ein Trinkgeld zu geben. Ec läßt e« immer in der Westentasche stecken und da muß ich es mir beim Kleiderreinigen herausnehmen" Herzensgüte. Hausfrau: „Bitte nehmen Sie doch da« Stückchen Kuchen noch Ihren Kindern mit!" — Besuch: „Danke, danke, das kann ich doch nicht verlangen." — Weshalb nicht, er ist doch nicht der Mühe werth, was Sie übrig gelassen haben." , * ♦ Der dürfte genug haben! Junger Laste (der bei einem Fceiconcert durchaus mit seiner jungen Sltznachbarin ein Gespräch anknüpfen möchte): „Wissen Sie vielleicht, wie spät es ist, mein Fräulein ?" Junge Dame: „Bedaure." Junger Laste: „Aber Sie haben doch eben Ihre Uhr herausgezogen und nachgesehen." Junge Dame: „Otch sah blos nach, ob ich ste noch hätte." • Regenpoesie. In einem Fremdenbuch der sächstschen Schweiz sprechen folgende Reime für den diesjährigen „verpfuschten" Sommer und — sür fich selbst: Ich, de Jungen und de Kleene Sitzen hier mit miede Beene Oben öffn Liljenschdeene; Aber Aussicht hat merr keene, Denn es nieselt ganz gemeene! „Vater", sagte da der eene — Karle war'sch von meine Sehne: „Wenn de Luft e bissel reene, Js de säck'sche Schweiz ganz scheene!" „I woher denn?" meente Lene, „Nischt als Felsen, Berge, Bceme — Nee, derheeme is derheeme!" Steindrucken« (Pietsch & Scheyda) in GHegen. Nrdactiou: 8. Schehdu. — Druck und Verlag der Brühl'scheu UuiderMkS-Buch- und