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December WW A WWL azrasaasaanawaMK ffaaasa Die Brüder. Novelle von Reinhold Ortmann. (Schluß.) Es schien, als ob er mit diesen ihren letzten Worten doch nicht ganz etnnverstanden sek, Margarethe aber ließ ihm nicht Zeit, Einwendungen zu erheben. Sie war mit ihrer Kraft zu Ende, und fie schämte sich, dem fremden Manne ihren Schmerz zu zeigen. Mit einem von Thränen schon halb erstickten Gruße eilte fie hinaus, und oben in dem kleinen Giebelzimmer, darinnen sie während dieser letzten Wochen schon so manche todestraurige Stunde zugebracht, lag sie lange bitterlich weinend über dem Bette, bi» sie draußen den Schritt des Dienstmädchens vernahm, das ihr wohl irgend eine Bestellung der Diaconissin aurrtchten wollte. Hastig richtete sie sich auf und trocknete ihre Thränen. »Die Schwester läßt sich erkundigen, ob das Fräulein nicht ein wenig herunterkommen wollten. Herr Eggestors hat schon wiederholt nach Ihnen gefragt." „Sagen Sie, es thäte mir sehr leid — aber ich sei für heute verhindert. Eine Nachricht, die ich soeben erhalten, nöthigt mich, auf der Stelle abzureisen. Und besorgen Sie mir, bitte, sobald al» möglich einen Dienstmann für mein Gepäck." „Jawohl," meinte die Magd gleichgültig. „Aber könnte nicht vielleicht Bendemann — „Wenn Herr Bendemann geneigt wäre, mir diese Ge» fälligkeit zu erweisen, würde ich ihm sehr dankbar sein. Es handelt sich ja auch nur darum, einen Wagen zu beschaffen und den Koffer hinunter zu tragen." Das Mädchen ging, und Margarethe machte sich mit fiebernder Hast daran, die wenigen Habseligkeiten, die fie mit hierher gebracht, zu ordnen und einzupacken. Nun war es entschieden, und in ihrer Seele stand es unerschütterlich fest, daß fie nicht nur dies Haus, sondern auch ihre Vater» stadt noch an dem heutigen Tage verlassen müsse. Irgend ein Unterkommen, irgend ein Stellung — und wäre fie auch noch so bescheiden, mußte stch ja draußen in der Welt für fie finden lassen, und selbst unter den kümmerlichsten, schimpflichsten Verhältnissen konnte fie sich nicht so namenlos elend fühlen als hier, wo sie vor Scham über die erlittene neue Demüthigung keinem Menschen mehr würde frei ins Gesicht sehen dürfen. In weniger als einer Stunde war Alles bereit, und nun kam auch das Mädchen, um ihr zu melden, daß Herr Hermann Eggestorf sie vor ihrer Abreise dringend noch einmal zu sprechen wünsche. Zwar hatte Margarethe gehofft, daß ihr diese Pein erspart bleiben würde, aber sie zögerte darum doch jetzt nicht einen Augenblick, eine zustimmende Antwort zu geben. Natürlich würde sie ihm nicht die volle Wahrheit über ihre nächsten Absichten sagen, und die fromme Lüge, mit der sie ihn zu beruhigen gedachte, indem sie ihm eine baldige Wiederkehr versprach, durfte ihr Gewissen nicht all zu sehr belasten. Schließlich war es ja auch am Besten, wenn die Trennung, die binnen Kurzem doch unvermeidlich gewesen wäre, sich auf solche Art, ohne eigentliches Lebewohl, ohne alle Erklärungen und Danksagungen vollzog. Immerhin konnte sie dem Begehren Hermanns nicht auf der Stelle entsprechen, denn fie mußte zunächst dem alte« Bendemann, der sich zu ihrer Ueberraichung wirklich einstellte ünd sogar einen in Anbetracht seiner bisher feindseligen Haltung höchst befremdlichen Diensteifer an den Tag legte, die erforderlichen Anweisungen ertheilen. Seine auffallende Freundlichkeit war ja ohne Zweifel nur auf den Umstand zurückzusühren, daß sie das Haus verließ, aber Margarethe ließ stch durch diese Gewißheit nicht abhalten, ihm mit einem warmen Händedruck dafür zu danken. Sie wußte ja, daß er Hermann Eggchorf fast wie einen Sohn liebte, und da» war für sie genug, um die Erinnerung an alle Unhöflichkeit und Gehässigkeit auszulöschen, die sie von ihm erfahren. Erst al» der Wagen bereits vor dem Hause hielt und der Koffer auf dem Bocke neben dem Kutscher stand, stieg sie die Treppe hinab, um auch die letzte, schwerste Aufgabe zu erfüllen. In dem Augenblick aber, da sie da» untere Stockwerk erreichte, wurde die Hausthür aufgeriffen und Werner Eggestorf stürzte mit aufgeregtem Gesicht herein. Margarethe wollte schnell an ihm vorüber, um das nächste Zimmer zu gewinnen, doch er vertrat ihr den Weg, rckd unbekümmert um ihre eisige, abweisende Miene redete er sie an. »Ich sehe, daß Sie fort,wollen, Fräulein Arnholdt, und - 888 - ich komme eben noch zur rechten Zelt, e» zu hindern. Unter allen Umständen müffen Sie mich auf wenige Minuten hören, bevor Sie irgend welche folgenschweren Entschlüsse fassen." „Nein," erwiderte ste kurz und hart. „War Sie mir auch sagen könnten, es vermöchte nicht» an meinen Entschlüssen zu ändern, und darum bitte ich Sie, mich nicht aufzuhalten. Meine Zeit ist gemessen." „Aber ich muß Sie sprechen — ich muß! Sie dürfen mir diese ^einzige — diese letzte Bitte nicht abschlagen. Es handelt sich dabei gar nicht um Sie oder um mich, sondern einzig um meinen Bruder, und um seinetwillen allein sollen Eie noch einmal das peinliche Opfer bringen, für eine winzig kurze Zeit meine verhaßte Gesellschaft zu ertragen." „Es giebt Leute genug hier im Hause, mit denen Sie über Ihren Bruder sprechen können. Sie sehen doch, daß ich außer Stande bin, Ihren Wunsch zu erfüllen." „Und wenn ich Ihnen nun sage, daß auch ich im Begriffe stehe, abzureisen — daß meine Koffer sich bereits auf dem Bahnhofe befinden — wenn ich Ihnen weiter sage, daß ich die Mittheilung, die mir auf dem Herzen liegt, nur Ihnen machen kann, Ihnen ganz allein — daß fie dazu bestimmt ist, mich vor Ihnen zu rechtfertigen — o, ich beschwöre Sie, seien Sie nur noch einmal großmüthig, wie Sie es am Tage meiner Heimkehr waren." „Sie thun nicht gut, mich an die sträfliche Schwäche zu erinnern, Herr Eggestorf, die Sie meine Großmuth nennen. Ich habe Grund genug, ste bitter zu bereuen." „Sie wissen also, daß ich mein Wort nickt gehalten habe — irgend Jemand hier im Hause hat es Ihnen ver- rathen. Nun wohl, ich leugne mein Unrecht nicht. Aber ich konnte nicht anders handeln. Es stand etwas fHöheres, Heiligeres auf dem Spiel. Und wenn Sie nur ein klein wenig Zuneigung für meinen Bruder fühlen, so müffen Sie mir verzeihen." Im Hintergrund der Diele, auf der sie ihr hastiges Gespräch geführt hatten, tauchte das neugierige Lauschennnen- gestcht der Haushälterin auf, und mit verwegener Entschlossenheit zog Werner Eggestorf plötzlich den Arm Margarethens in den seinige«. „Kommen Sie mit mir in den Garten," raunte er ihr flehend zu. „Nur auf fünf Minuten! Und Sie sollen mich den elendesten Kerl unter der Sonne nennen, wenn ich Ihnen einen Anlaß gebe, auch das zu bereuen." Wenn sie der spähenden Wirthschafterin nicht das Schauspiel eines kleinen Scandalr geben wollte, mußte sich Margarethe wohl seinem stürmischen Drängen fügen. Sie folgte ihm also schweigend über die kleine Treppe, die in den Garten hinabsührte; dann aber befreite sie ungestüm ihren Arm. „Eie werden Mühe haben, mir die» Benehmen zu erklären, Herr Eggestorf!" „Lassen Sie es mich wenigstens versuchen! Sie wissen, daß ich auf einen Ruf des alten Bendemann aus Italien hierher zurückgekehrt bin, aber Sie wissen noch nicht, was dies« goldtreue Seele bestimmt hatte, mich ohne irgend Jemandes Borwiflsn zu rufen. „Was sonst als die schwere Erkrankung Ihres Bruders? Darüber kann ein Zweifel doch wohl nicht bestehen." „So glaubte natürlich auch ich. Aber ich hatte mich getäuscht. Gewiß hat Bendemann alle Leiden des Kranken mit empfunden — so tief und mitleidsvoll als nur irgend Einer von uns. Unsere bange Sorge aber, daß er von uns genommen werden könnte, hat dieser wunderliche Alte nicht einen Augenblick getheilt. Für die Vorstellung, daß Hermann Eggestorf in der Blüthe der Jahre sterben sollte, war offenbar kein Raum in seiner Phantasie. Und wenn alle Aerzte der Welt es ihm versickert hätten — er würde darum doch unerschütterlich vom Gegentheil überzeugt geblieben sein. Wer weiß, ob e» nicht gerade die kindlich gläubige Zuversich dieses naiven, alten Menschenkindes war, die der liebe Gott in einer gnädigen Anwandlung nicht zu Schanden machen wollte. „Wenn es also nicht dehalb war, au» welchem anderen Grunde hatte Bendemann Sie gerufen?" „Mein Bruder war in dem Augenblick, da ihn die Krankheit niederwarf, damit beschäftigt gewesen, die letzte Hand an ein großes Werk zu legen, an den Entwurf z„ einem Mozartdenkmal, mit dem er sich an einer bedeutsamen Preisbewerbung zu betheiligen gedachte. Bei seiner hohen Auffassung de» künstlerischen Berufes und bet dem tiefen Ernst, mit dem er an jede Aufgabe herangeht, hatte die langwierige und klippenreiche Arbeit seine Kräfte schon fast verzehrt. Das, worauf es in erster Linie ankam, die Gestalt des großen Musikers selbst, war allerdings vollendet. Auch von den drei Figurengruppen, dis den Sockel schmücken sollten, konnten zwei als fertig gelten. Die dritte nur, die ihm zugleich als die bedeutsamste erschien, hatte ihm, nach Bendemann« Erzählung, unsägliche Schwierigkeiten bereitet, und ein tückischer Zufall hatte er gefügt, daß ihm — vielleicht schon unter der Einwirkung des blutsrhitzenden Fiebers — gerade am letzten Tage vor seiner Erkrankung die glückliche Idee gekommen war, die ihn mit einem Schlage von allen Zweifeln erlöste. Er hatte eben noch Zeit gehabt, eins Zeichnung und eins flüchtige Thonskizzs anzufertigen; dann war er zuafmmengebrochen und tiefe Bewußtlosigkeit hatte seinen armen, in langem, fruchtlosem Ringen gemarterten Geist umhüllt. Der letzte Termin für die Einlieferung der Eoncurrenzentwürfe aber stand unmittelbar bevor. Wurde er versäumt, so war die ganze ungeheuere Arbeit vergeblich gewesen, und weil er das um jeden Preis verhindern wollte, wandte sich der alte Bendemann, dem das Werk ans Herz gewachsen war, wie wenn es sein eigenes gewesen wäre, in seiner Roth und Verzweiflung an mich. Ich allein schien ihm berufen, den Entwurf zu vollenden, und wenn Sie die Freude gesehen hätten, die er einzig au« diesem Grunde bei meiner Ankunft empfand, so würden Sie ihm wahrhaftig alle seine zahllosen Fehler darum gern verzeihen, obwohl ein unbesieglicher Haß gegen das weibliche Geschlecht leider der hervorstechendste von ihnen ist." Der offene Widerwille, mit welchem Margarethe ihm anfänglich zugehört hatte, war einer beinahe athemlosen Spannung gewichen. Ihre Augen hingen groß und glänzend an Werner Eggestorfs Lippen wie in jenen Tagen, da er für sie der lebendige Inbegriff alles Großen und Edlen gewesen war, und da er für einen Moment inne hielt, vielleicht von dem Anblick ihrer selbstvergessenen Holdseligkeit hingerissen, drängte ste ihn, zu vollenden: „Und dann — ? Sie haben gethan, war er erhoffte? — Das Denkmal ist fertig?" „Natürlich, habe ich'» gethan. Es war keine große Leistung, denn ich hätte er für ein Verbrechen gehalten, zu den herrlichen Ideen meiner Bruders auch nur dar Allergeringste aus meiner eigenen bescheidenen Phantasie hinzuzu- sügen. War mir zu verrichten übrig blieb, war eigentlich nur die handwerksmäßige Ausführung seiner Skizze. Jeder mittelmäßige Bildhauer hätte es genau so gut machen können wie ich — vorausgesetzt, daß er den nöthtgen Fleiß daran setzte. Denn meines Fleißes — bei Gott! darf ich mich rühmen! Tag und Nacht Habs ich.gefchafft — manchmal, ohne in achtzehn oder zwanzig Stunden mehr also einen Biflen Brod und ein Glas Wein zu mir zu nehmen. Und als dann glücklich am letzten Tage der fertige Gyprabguß vor uns stand — Sie mögen mich darum gern auslachen, Fräulein Margarethe — da haben wir Beide, der alte Bendemann und ich, uns wohl eine Viertelstunde lang in den Armen gelegen und haben unsere Thränen zusammenfließen lassen, wie es so schön in dem Hetne'schen Liede heißt. Er war eine große Kinderei, an der meine Müdigkeit vielleicht denselben Antheil hatte wie meine Rührung — aber ich möchte diese Viertelstunde doch nicht aus meinem Leben gestrichen sehen und wenn ich nur zehn Jahre angenehmen Daseins damit erkaufen könnte." Von ihrer Bewegung überwältigt, streckte Margarethe I ihm beide Hände entgegen. - 587 - „Sie Haden groß und edel gehandelt! Ich bitte Sie um Verzeihung wegen des Unrechts, das ich Ihnen in meinen Gedanken angethan." Er nahm ihre Hände, um sie ehrerbietig zu küssen, dann gab er sie sogleich wieder frei. „Als ich mich in wahnwitziger Verblendung anfchlSte, wie ein Elender gegen Sie zu handeln, Margarethe — schlug mich mein Bruder mit der geballten Faust in« Gesicht. Und damals gelobte ich mir mit einem fürchterlichen Eide, diesen Schlag dereinst an ihm zu rächen. Es mag wohl sein, daß ich in jener Stunde an eine andere Art von Rache dachte, als ich sie jetzt genommen. Aber so oder so, ich be- trachte die Schmach, die ich erfahren, nunmehr als gesühnt. Und wenn mich das Schicksal wieder mit ihm zusammenführt, können wir uns, wie ich denke, frei und offen in die Augen blicken." „Und Sie wollen jetzt reisen, ohne ihn gesprochen zu haben? — Er soll nicht erfahren, was Sie für ihngethan?" Werner Eggestorf lächelte. „Nein. Das gehört auch noch zu meiner Rache. Her« mann darf gar nicht ahnen, daß ich überhaupt hier gewesen bin — das fertige Gyprmodell erst soll es ihm verrathen. Und eine so kraffs Selbstsucht mir auch diesen Wunsch dictiren mag, Sie müssen mir die kleine Genugthuung doch vergönnen. Erst wenn er mich ruft, werde ich kommen. Und nun leben Sie wohl, denn ich möchte meinen Zug nicht gerne versäumen." Er hatte zuletzt in heiterem, leichten Tone gesprochen, aber dahinter verbarg fich auch bei ihm nur nothdürftig die mächtige Bewegung. Sie sahen fich an und reichten einander noch einmal die Hände. „Leben Sie wohl!" sagte Margarethe leise. „Und wenn — wenn es für Sie noch einen Werth hat — es zu erfahren — ich zürne Ihnen nicht mehr und werde Ihrer nur noch wie eines Freundes gedenken." „Aber wie eines verstorbenen — nicht mehr? — Nun, auch das ist ja viel, viel mehr als ich jemals erhoffen durfte, und ich weiß es Ihnen Dank, feien Sie dessen gewiß, Fräulein Margarethe! — Nur Eines noch! — Was bedeutet der Wagen mit dem Koffer vor der Thür? Bendemann sagte, es sei der Ihrige, und Sie find im Straßenanzuge. Wollen Sie denn wirklich fort?" „Ja." „Und mein Bruder — er ist davon unterrichtet?" Margarethete nickte. „Ich war im Begriff, mich von ihm zu verabschieden, als Sie kamen." „Auf kurze Zeit — nicht wahr? Ich begreife, daß Sie jetzt, wo seine Genesung schnelle Fortschritte macht, nicht gut hier bleiben können." „Ich gehe nicht auf kurze Zeit, sondern auf immer. Es ist meine Abstcht, eine Stellung als Reisebegleiterin oder als Erzieherin in irgend einem überseeischen Lande anzunehmen." Im höchsten Erstaunen starrte er sie an. „Wie — im vollen Ernst? — Ja, mein Gott, was hat sich denn seit gestern zwischen Ihnen und meinem Bruder ereignet, daß Sie ihm diesen surchtbaren Kummer anthun wollen?" Sie senkte befangen das Köpfchen und bat: „Es ist nichts geschehen — aber fragen Sie mich nicht weiter, wenn Sie mir nicht wehe thun wollen. Und Ihr Bruder wird, wie ich Hoffs, den Kummer über meine Abreise leicht überwinden." „Sie kennen ihn, wie es scheint, doch noch nicht ganz, wenn Sie das wirklich glauben. Er hatte wohl Seelenstärke und Selbstüberwindung genug, seine Liebe zu verbergen, als er glauben mußte, daß Sie einem Andern vor ihm den Vorzug gäben — j°tzt aber würde er es sicherlich nicht mehr ertrage«, Sie zu verlieren. Nein, nein, wenden Sie sich nicht so unwillig ab und bleiben Sie nur noch einen Tag. Es ist, bet Gott, seltsam genug, daß ich bei Ihnen den Fürsprecher eines Andern mache. Aber dieser Andere ist mein Bruder — mir können Sie'» schon glaube» — der beste Mensch auf Erden. Ich büße jetzt nur, wie ich'» verdient habe. Denn selbst auf die Gefahr hin, Ihre kaum gewonnene Achtung wieder zu verlieren, muß ich'» ««gestehen: ich wußte schon damals, daß er Sie liebte — und ich kam ihm mit meiner ungestümen Werbung zuvor, weil ich wußte, daß auch Sie ihn lieben mußten, sobald Sie ihn nur erst kennen gelernt hätten- Ihre Anwesenheit in diesem Hause beweist mir, daß ich mich nicht getäuscht habe. Wollen Sie nun aus falschem Stolz oder um irgend eines Mißverständnisse« willen sich und ihn dauernd unglücklich machen?" Margarethe kam nicht mehr dazu, ihm zu antworten, denn auf der Treppe, die in den Garten hinabsührte, erschien Bendemann» lange, hagere Gestalt, und er bewegte seine unendlichen Arme wie Windmühlenflügel in der Luft, anscheinend um Werner damit irgend ein Zeichen zu mache«. „Wenn mich nicht Alles täuscht, hat der alte Knabe mir etwas zu sagen" unterbrach sich der Bildhauer, dessen hübsches Gesicht plötzlich dunkelroth geworden war, „aber ich habe nicht Courage genug, ihn darum zu befragen. Vielleicht thun Sie's an meiner Stelle, Fräulein Margarethe! Das Ding, das er da in der Hand hat, steht nämlich aus, wie ein Telegramm — und ich habe fett gestern Abend aus triftigen Gründen eine heillose Furcht vor Telegrammen." Ahnungslos entsprach sie seinem Verlangen. Der Alte sah sie wohl mißtrauisch an, aber er händigte ihr doch nach einem kleinen Zögern die verschlossene Depesche ein, die an den „Bildhauer Ezgestorf" adresstrt war. „Ist das nun für Sie oder für Ihren Bruder?" fragte sie, nachdem sie diese Aufschrift gelesen. Werner aber sagte mit ganz merkwürdig veränderter, beinahe klangloser Stimme: „Erbrechen Sie in Gottes Namen — aus meine Verantwortung hin — und wenn — wenn etwas Gutes darin steht, so theilen Sie mir's mit — im andern Fall brauchen Sie sie nur ganz stille wieder zusammenzufalten." Zaudernd und befremdet löste Margarethe den leichten Verschluß. Dann ging es mit einem Mal wie lichter Sonnenschein über ihr ernstes Gesichtchen, ein jubelnder Aufschrei kam von ihren Lippen, und gemeinsam mit Werner, der in einem einzigen gewalttze» Satze an ihre Seite gesprungen war, las sie zum zweiten Mal: „„Ihrem Entwurf für das Mozartdenkmal wurde soeben einstimmig der erste Preis zuerkannt und es wurde ebenso einmüthig beschlossen, Ihnen die Ausführung in Marmor zu übertragen. Ich schätze mich glücklich, Ihnen im Namen der Jury als der Erste zu dem schönen Erfolge zu gratuliren. Staatsminister von Berger-"" Was sie in ihren ersten, überschwenglichen Herzensfreude an närrischen Dingen trieben, sie selber wußten e» wohl kaum. Eines nahm dem Andern die inhaltsschwere Depesche aus der Hand, um sie wieder und wieder zu lesen; dazwischen gab es Lachen und Weinen, halbe Worte und zuletzt einen schallenden Jauchzer aus Werners Munde, daß Margarethe erschrocken zusammenfuhr, weil sie nicht zweifeln konnte, daß er bis in das Zimmer des Genesenden gedrungen sei. „Um Gotterwillen — Ihr Bruder! — Und auf solche Art gedenken Sie Ihre Anwesenheit vor ihm zu verheimlichen?" Nun lachten sie wieder Beide wie zwei Kinder. Werner Eggestorf aber entfaltete da» Telegramm zum fünfzigsten Male und reichte es Margarethen. „Das ist die Stunde, die Sie für alle Ihrs Nachtwachen, für Ihre Sorgen und Aengste bezahlen soll. Befördern Sie diese Depesche an ihren Adressaten und gehen Sie dabei so schonend zu Werke, als Sie's sür noth wendig halten. All' zu viel Vorsicht aber wird kaum von Nöthen sein, denn wen« man an der Freude sterben könnte, hätte mich in dieser Stunde sicherlich der Schlag gerührt." Er ließ stch's nicht nehmen, sie bis an die Thür des Vorgemachs zu führen. Als sie an dem dunklen Winkel hinter der Treppe vorübergingen, au» dem höchst sonderbare, «w 588 M unariiculirte Töne drangen, legte er den Finger an die Lippen und flüsterte: , , ,, „Still! Der alte Bendemann heult allen Jubel seines Herzens in sein blaue« Taschentuch hinein. Da« kenne ich! — Und in solchen weihevollen Augenblicken dars man ihn um Gotte«willen nicht stören." • •' e Eine halbe Stunde später war e«, als sich auch für Werner Eggestorf die Thür des Krankenzimmers öffnete. Sein Bruder faß, nur leicht gestützt, aufrecht im Bette, ver- klärten Antlitzes und mit fast überirdisch leuchtenden Augen. Er streckte ihm die Hände entgegen; Werner aber warf sich, gleich ihm keiner Wortes mächtig, neben dem Lager in die Knies. Da streichelten die mageren Finger des Genesenden liebevoll sein Gesicht und plötzlich neigte er sich zu ihm herab, um ihn zu küffen. „Ist es nun ausgelöscht, Werner?" fragte er leise. „Ausgelöscht bis auf die letzte Erinnerung, so wahr mir Gott helfeI" brach es mit Schluchzen und Jubeln aus der Brust des Andern. Und dann hielten sie sich lange, lange in dem stummen Glücksgefühl dieses seligen Wiederfindens umschlungen. , Als Werner sich endlich wieder aufrichtete, fügte er die Hand der noch leise widerstrebenden Margarethe mit der seines Bruders zusammen: »Zum Abschied!* sagte er mit erkünstelter Traurigkeit. „Da Fräulein Arnholdt doch einmal unwiderruflich beschlossen hat, als Gouvernante nach Madagaskar zu gehen. — Oder sollte sich etwa neuerdings an diesem Entschluß Einiges geändert haben?" Eine gesprochene Antwort erhielt er zwar nicht; aber die Diakonissin hielt es für angebracht, stille hinaus zn gehen. Sie war nicht gerne zugegen, wenn zwei Menschen verschiedenen Geschlechts einander küßten. GE-innÄtziges» Weihnachtseonfeet. V- Psimd Butter, 3/* Pfund Zucker, eine Wallnuß dicke Hefe, etwas feines Salz, 2 Eier, etwas gestoßene Vanille; Alle« gut durcheinander gemengt und Mehl soviel, als es bis zum Ausrollen annimmt. Dann rollt man den Teig wie einen Messerrücken dick auf, sticht mit Figuren refp- Förmchen und Gläsern Theilchen daraus, bestreicht dieselben mit Eigelb und streut bunten Streuzucker darauf. Bet gelinder Hitze backt man dieselben hellgelb. • Zimmtsierne. 3 Eier werden klar zu dickem Schnee geschlagen, 250 Gramm Zucker darein gerührt und wenn Beides gut vermischt ist, nimmt man 250 Gramm ungeschälte, mit einem Tuch sauber abgertebene, gestoßene Mandeln und thut 10 Gramm Ztmmt darunter. Nun wird Alles wohl durcheinander gemengt und auf einem mit halb Mehl und halb Zucker bestreuten Nudelbrette ganz leicht ausgewtrkt, dick aufgervllt, mit einem Sternmodell ausgkstoßen, auf ein mit Butter dünn bestrichene» Blech gelegt und gebacken. Diese Ztmmtsterne lassen sich sehr» gut aufheben. Pflastersteine. In *einem i/i Liter Wasser wird 1 Pfund Zucker und 1 Pfund Honig aufgekocht und nachdem die Masse etweS erkaltet ist, kommen hierzu Corinthen (>/, Pfund), CUronat (125 Gramm) und fein gestoßener Z mmt (3 Gramm). Jetzt wird die Masse mit 21/a Pfund Mehl und Hirschhornsalz zu einem Teig geknetet, aus welchem kleine Kugeln bereitet werden, die auf ein mit Butter bestctchenes Blech gefetzt und im mäßig heißen Ofen gebacken werden. Nach dem Backen werden die Kugeln oder Pflastersteine mit Zuckerguß übergossen- Ampel für den Chriftbanrn. Man nimmt z« diesen reizenden Ampeln möglichst große Eier, die man au«, bläst und von denen man die Spitze glatt abschneidet. Dann bemalt man sie mit Emaillefarben recht leuchtend oder broncirt sie in den verschiedensten Metallfarben, sticht mit spitziger Scheere Sterne, Mond oder Sonne aus und hinterklebt diese Stellen mit Gelatinepapier. Auf dem Boden des Eies befestigt man ein kleines Wachslicht und gießt den Raum bis zur Höhe der Lichtes mit Wachs au». Aus Silberfiltgran fertigt man ein zierliches Gehänge, welches man mit bunten Seidenfäden an dem Ei befestigt, oben zusammenfaßt und so die Ampel am Baum aufhängt. Unverbrennbarer Steindocht für Petroleum- Lampen. Um das Petroleum im Coneurrenzkampf mit dem Gas zu unterstützen, hat man einen porösen Steindocht sür Petroleumlampen construirt, welcher alle Uebelstände, mit dem» diese Lampen bis jetzt behaftet sind, beseitigen soll. Die Masse desselben besteht aus Asbestmehl, vermengt mit feinem Holz, mehl; sie wird geformt und bet 1000° gebrannt, so daß die vegetabilische Substanz verbrennt und ein rein mineralischer, sehr poröser Körper zurückbleibt, der die Vergasung de« Pe« troleums in ausgezeichneter Weise vermittelt. Hierzu gehört allerdings ein Oel von besonderer Feinheit- Bei dieser Lampe ist kein Ersatz des Dochtes und auch kein Abschneiden desselben nöthig; die Lampe soll stets rein bleiben und die Explostonr« gefahr vermieden sein. Infolge der vollständigeren Verbrennung stellt sich eine ganz erhebliche Ersparniß an Petroleum ein. Da die Flamme sich langsam über die Brennerfläche ausdehnt, sollen die Lampencylinder seltener zerspringen, als bei gewöhn, lichen Dochten, und Ruß oder übeler Geruch weder bei höchstem noch beim tiefsten Stand des Dochtes auftreten. • ■ ♦ ♦ Der Gummibaum im Winter. Im Winter geht« ihm, wie allen anderen Topfpflanzen, schlecht, es ist eben Winter und trockene Zimmerlust, Ofen- und Lampemauch. trübe Tage und kalte Nächte paffen nicht zur Freundschaft der Pflanzen, ebenso das bald zu knappe, bald allzu reichliche Gießen nicht- Der Gummibaum verräth seinen Mißmuth dadurch, daß er kleinere Blätter macht und sich sehr lange besinnt, ehe er überhaupt ein neuer Blatt treibt. Man muß nun suchen, ihm das Leben, so gut es nur geht, erträglicher zu machen, ihn nicht am Fenster zu großer Kälte aussetzen, ihn lieber ein Stückchen davon stellen, ihn nicht von der Hitze leiden kaffen, den Zimmerstaub öfterer mit einem weichen, feuchten Schwamm sanft abwischen, ihn nicht kaltem Zug aussetzen und ihn nicht allzu feucht halten. Bei Vermeidung aller Extreme und Jnnehalten von Sorgsamkeit, wird er sich im Winter auch so ziemlich leidlich fühlen, so daß man ihm im Frühjahr nur wenig von Winterleid ansehen wird. * ♦ * Aufbewahren von Seidenkleidern. Da Seiden« kleider leicht fleckig werden, wenn man sie hinlegt, so muß man sie in Schränken hängend aufbewahren. ♦ ♦ ♦ Große Preisausschreibung für die Damen. Im Jahre 1897 wird eine der größten Concurrenzen für alle weiblichen Fertigkeiten mit Preisen im Werthe von 10 000 Kronen veranstaltet u- zw. für die Abonnentinnen der „Wiener Mode" zur Feier des 10jährigen Bestandes dieser beliebten Modezeitschrift. Ein Jahres - Abonnement der „Wiener Mode" (10 Mk ) bildet demnach das dankbarste Weihnachtsgeschenk, denn es bietet außer dieser Preis-Con- currenz 24 Hefts in farbigem Umschlag, 12 Schnittmuster- unö Handarbeitsbeilagsn, die „Wiener Kmder-Mode" und die Unterhaltungsbeilage „Im Boudoir" mit Beiträgen hervor- ragender Schriftsteller. Das eben erschienene Heft 6 enthält die Voranzeige der Concurrenz, über die wir nächstens berichten werden. Reboetion: Ä. Schryda. — Druck und vertag der Brühl'schen UntverfiMS-Buch- und Stembruckerei (Pietsch & Echeyba) in Wetze«.