UnterjMltungstrLrM Mur Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). & 1896. aKSExSfeaEse. i WS fcl < WIE KM v / Ji# ';3y. UWWW MSU WM MMHMA föy3®S^ WÄ® WEMS^^W -<- 7 <57 (Fortsetzung.) eden36erumttbermÄll^e,t ^”b ^eu unb gelangweilt in allen „Wo ist Deine Herrin?" fragte Paula und unwMürlich nahm ste einen strengen Ton an. Das Mädchen schwieg verstockt; aber sie sah sofort, es konnte Antwort geben, wenn es nur wollte. Und dabei stierte es auf ihr silbernes Armband mit einer wahrhaft unheimlichen Gier- „Sage mir, wo Deine Herrin ist und ich schenke Dir dies! drang sie in das junge Ding, sie wußte selbst kaum warum. „Hinunter nach Amalfi. Der Signor Valori hat ihr einen Brief geschrieben. Und am Felsweg hat er sie erwartet." , , Wie listig und unbekümmert die Augen des Mädchens lachten! Ein Ekel packte Paula- Es dauerte lange, eine Stunde, zwei — sie hatte die Kleine in das von der Carducca bereitete Bett getragen und saß jetzt daneben. Endlich kam „er" zurück - durchnäßt, bleich und die Augen voll äußerster Aufregung; das Haar zerzaust, tief in die Stirn hängend. Er fragte nicht: „Ist ste hier?" Mit einem Stöhnen, da« einem Wuthschrei glich, sank er neben der Thür auf einen Stuhl. Paula wußte kaum, /'b er ste sah oder nicht. Still stand ste auf. Sie war nun ihre» Hüteramte» entledigt. Er rührte sich nicht. Al« sie, da« Haupt starr!)erhoben, an ihm vorbei mußte, blickte er nicht auf, dankte ihr weder mit Wort noch Geberde. Da« verlangte sie auch nicht. Aber er war in dieser Stunde auch nicht» Milde«, Verzeihende» in ihr. Die Signora Carducca aber sah e», daß er, al« sie hinaus war, die Hände vor da» Gesicht schlug und ächzte wie Flammen aus der Asche Novelle von S. Haidheim. @i«?lerbenber' beutete die Bäuerin die« nach ihrem au?,£n unb ^te mit Matronen« Wbritt, die ihm selbst jetzt Eindruck machte: „Euer schlechtes Weib ist in Amalfi bei dem rothen Maler, Excellenza, und nur Ihr habt nicht gesehen, was dort unten alle Welt wettz. ®^ei E und sprang auf seine Füße. Alle» Blut schoß ihm m's Gesicht. Darum also ihr Zorn, ihre Wuth, baß er sie hinauf zwang! Jetzt wurde ihm mit einem Schlags Alles klar m .»Fragt doch die Caterina, was sie eben der Signora Paula erzählt hat für das Armband dort an ihrem braunen Arm!" fuhr die Carducca fort. _a Sr riß das Mädchen in den Schein der Kerze, schüttelte K..b°» es laut schrie, und donnerte es in besinnungsloser Wuth an: „Was weißt Du, Unselige?" Was wußte sie! Sie rief es ihm heulend entgegen. — Wie außer sich stürzte er aus der Thür, wieder in die Nacht hinein. Ueber dem Lärm war das Kind erschreckt erwacht und meinte und jammerte nmh dem Vater, dann, als es in dessen wuthverzerrtes Gesicht gesehen, verkroch es sich vor ihm und rief in krankhafter Angst nach der Mama. Vergebens that die brave Padrona Alles, was sie er« sinnen konnte, die Kleine zu beruhigen; Tomafo mußte pfeifen, als ihr Singen nicht half; aber das erschreckte Kind, das nun weder Vater noch Mutter sah, an deren Nähe es stets gewohnt war, regte sich immer mehr auf, begann krampfhaft zu zucken und zu schreien, und in ihrer Herzensangst sah die Carducca keinen anderen Rath, als Paula zurückrufen zu affen« Diese kam ungern, aber sie kam. Dann saß sie die ganze Nacht an- des Kindes Bett, das rebernd und phantasirend keine Minute Ruhe fand. Sie shm kalte, nasse Tücher auf das heiße Köpfchen und Senfpflaster aus der Retfe-Apotheke ihres Vaters auf die Füße; das war das Einzige, was sie zu thun wußte. Erich ließ sich nicht blicken. „Ich hab' ihm die Augen geöffnet und die Caterina hat es ihm auch gesagt," flüsterte die Carducca ihr zu. Das Kind schlief endlich gegen Morgen wieder ein. Der .74 ftittbßS ? Die Carducca gab ihm in ihrer redseligen Weise Be- scheid, während er seinen Wein trank. Wie gern hätte Paula ihn gebeten, zu bleiben, bis Alles vorüber war. Sie hatte solche Angst vor dem Ende und ihr war, als hätte sie dies kleine Geschöpf plötzlich lieb. „Mein Gott, mein Gott, was soll ich dem Vater sagen, wenn er kommt und es ist tobt!" sprach sie zu dem Arzt. Er sah ihr die Erschütterung an. ; »Ich bliebe gern, Gnädige; aber dort unten in Amalfi erwartet mich ein Schwerverwundeter. Als ich vorüberfuhr, rief mich die Padrona aus dem Hotel Luna an. — Stich in die Lunge - Eifersucht - kommt hier ost vor.« Paula horchte hoch auf. „Wer war der Herr?" fragte Re hastig. Ueberrascht blickte Doctor Varel sie an- Wie sonderbar, daß ste gleich errieth, daß er ein Herr war und nicht einer dieser Burschen von Amalfi, die stch jeden Tag aus Eifersucht mit dem Stilet zu Leibe gehen. cm weiß seinen Namen nicht, meine Gnädige- Seine eiaene Krau hat ihm ein Meffer in die Brust gestoßen, sagten fie mir, - einer dieser italienischen Quacksalber hat ihn ner- bunden: nun fie mich sahen, dachten sie, daß ch helfen könnt«; um «in Haar war er hin! Ob er s übersteht? ,Das ist Erich!« backte sie; sie wußte es ganz sicher. „Herr Doclor, es ist möglich, das ich au dem Schicksal des Verwundeten tgeilnehme! Er ist der Vater dieses Kinde«, fürchte ich,« sagte sie gefaßt. „Ich bitte Sie, fragen Sie im Hotel nach seinem Namen und schreiben Sie mir Alles, was Sie erfahren können über ihn und seins Frau mrd was da geschehen ist. Schreiben Sie mir durch einen Expreßboten noch ^ute! mit forschendem Blicke an, der ihr plötzlich klar machte, daß er sich sragte, in welchen Beziehungen sie zu dem Verwundeten stehen möchte. Aber was kümmerte fie das. Wieder saß sie neben dem Kinde; der Doctor war langst fortgegangen. «0^ ^mee starren Betäubung. Jetzt! Der schwache Athem setzte aus, dann kam er I wieder und so ging das eine ganze Weile. Und dann war es vorbei! — Das Kind regte sich nicht mehr, das kleine Herz stand still; noch bleicher wurde das bleiche, schmale Paula sah sich rings um in der kahlen Bauernstube. Wie furchtbar leer kam ihr plötzlich die Wett vor! Heftern Abend noch hatte dies Kind sie empfinden lassen, welche Wonne es wäre, fo ein kleines, geliebtes Wesen in den Armen zu halten und nun? — Wie gern hätte sie es gehegt und gepflegt! Run war ihr, als hätte sie selbst es verloren. Sein Kind, Erichs Kind! In den Zügen des lebenden hatte sie die seinigen nicht gefunden; jetzt, in der sich darüber ausbreitenden friedlichen Ruhe, entdeckte sie plötzlich dieAehn- lichkeit mit ihm — eine große Aehnlichkeit, welche wohl nur durch die strahlenden, fast schwarzen Augen, die Pia von ihrer Mutter geerbt, verdunkelt worden war. Arme, kleine Pta! Armer Erich! Wie sich der Leichtsinn und die Leidenschast der Jugend an ihm rächten! Und wie arm war er, wie grenzenlos arm! Das Weib hatte ihn bankerott gemacht in lebem Sinne. Aller Groll in Paulas Herzen war nun doch wieder befänstiat- Ein Quell erbarmender Liebe, ganz anders al« die, welche er einst verschmäht, fluthete über die bitteren Erinnerungen hin und löschte fie au». mhhm« Wie lange ste dageseffen, wußte sie nicht. Die Wirthin kam, saßte sanft ihre Hand und sagte, sie sei wie eine Heilige, daß sie so treu und lieb das sremde Kind gepflegt und nun an dessen Bett bete und weine, wie es die Eltern nicht besser Puls war so schwach, daß man jeden Augenblick erwarten konnte, I et ^Die gute Padrona hatte Paula einen Pfühl hinter den 1 Kovf gelegt. So gestützt, war sie eingeschlafen und als sie auswachte war es Tag, ein rauher, unfreundlicher Morgen. Nicht» mehr vom tiefblauen Himmel, nur grau in grau dahin- jagenbe$2B^ wiedergekommen, der Baron I Es giebt ein Unglück, Sie sollen es sehen,« sagte unruhig die Frau und brachte Paula heißen Kaffee. . „ Das Kind lag bewußtlos, wie es schien, in dumpfer Betäubung.^ kommen. Giebt es nicht einen deutschen Arzt hier herum?« fragte sie Paula- 3 „Ja, in Salerno!« Dahin fchickten sie. Der Mann mußte den ganzen weiten Wea m Fuß machen, das Meer fei viel zu stürmisch, sagte sm$d« Um, sich mch A |U «tfmbigrn, mir weiger Schaum fu feien Dam «r. Ee er auf Paula» Fragen, sein Herr sei sehr schlechter Laune, reizbarer und finsterer al» die ganze Zeit her. Sagen Sie ihm, wie e» hier steht, Martin." „Natürlich, gnädiges Fräulein! Es ist ja reine Christenpflicht" da» arme Kind zu pflegen, wenn'» auch vergeblich ist. Da» stirbt. Sehen Sie nur, wie spitz dis Nase ist und wie ^"^Paula^erschrack heftig. „Ist das wahr?« fragte fie | fyabe nach dem prete geschickt, Excellenza,« flüsterte E» dauerte auch nicht lange, so kam der Geistliche mit dem Sacristan. Und als Beide wieder gingen, lag das Kind immer noch ganz ebenso bewußtlos und apathisch da. „Wird es sterben, Hochwürdiger? fragte Paula, hinter dem alten Mann auf den Flur tretend. „Wenn die Madonna nicht ein Wunder thut! Doch, wer weiß! Die Fürbitte der Heiligen vermag viel," sagte er sanft und freundlich, aber unendlich gleichgiltig- ~ "ttab Erich Tornegg kam nicht wieder. Der ganze Tag ging fo hin. Gegen Abend erschien der Arzt aus Salerno, ein Deutscher, Doctor Varel. 3 Er sah das Kind und sragte Paula, ob ste die Mutter sei. „Es wird sterben, es ist verloren!« erklärte er dann. Sie wurde so blaß, daß er ste ganz bestürzt anblickte. „Ich verstand doch, sie seien nicht die Mutter," rief er. Dann fah er sich um. Wo waren denn die Ellern dieses 8el°n®abm:$ entdeckte Paula erst, daß sie geweint- Herz- befreiende Tropfen waren es gewesen. Jetzt hatte sie Erich voll md ganz ^^rona legten das Kind dann zur Ruhe. Paula nähte ihm da» Todtenkleidchen, wand ihm einen Kranz von Vergißmeinnicht, die Catalina scheu und ernst berbeitrua, in die blonden Locken und schmückte das kleine Todtenlager mit allen Blumen, die ste finden konnte- Und er kam immer noch nicht, der unglückliche Mann! O. sicher, er lag dort unten schwer verwundet im Hotel! Sie durfte nun nicht länger zögern; so ging sie denn nach der Klippe, nachdem sie da» tobte Klub für Erichs Kommen, — ach, fie hoffte immer noch barauf trotz ihrer besseren Einsicht — in einem kühlen Raume aufgebahrt. Schwer ermübet sank fie auf ihr Bett, ba ihr Vater i nl<^t Aus^dem Hefen Schlafe weckte ste ein laute« Klopfen. Tie richtete sich empor. Wie? War es schon Morgen? Hatte sie so viele Stunben geschlafen? Das Klopfen wieberholte sich- Martins Stimme! Er sprach mit — ? Mein Gott, bet Unglückliche verstand ja kein Wort und wie lebhaft und dringend redete man auf ei„36t müßt Excellenza wecken," sagte dann eine andere Da« war Tomaso! Sie sprang auf, an da« Fenster und I öffnete e». 75 Der Tag dämmerte herauf Blau und rein der Himmel, blau und glatt das Meer, und ein frischer, weicher Wind wehte ihr das wirre Haar aus der. Stirn. Tomaso — richtig l Und ein fremder Mensch. Ah, der Bote vom Doctor Varel. Er hatte einen Brief an ste. Sie riß denselben auf. „Mein gnädiges Fräulein! Baron Erich von Tornegg ist schwer verwundet, die Gattin des Herrn mit einem Maler entflohen. Wenig Hoffnung für das Leben des Barons. Ich habe nicht den Muth gehabt, ihm zu sagen, daß ich sein Kind sterbend verließ, meine Gnädige. Er bat mich dasselbe Ihrer Herzensgüte zu empfehlen und, sobald es wohl genug sei, es ihm zu schicken. Ueber die Scene zwischen den Gatten nichts Gewiffes; bet dem furchtbaren Gewitter haben die Baronin und der Maler nicht fort gekonnt, auch keine Verfolgung befürchtet, so sagte mir die Padrona der Luna. Ich erspare Ihnen, zu lesen, was weiter folgte. Aus Furcht „vor Weitläufigkeiten" ließen sie die Dame und ihren Galan entfliehen und die sind zu Schiffe fort. Der Wirthin Sorge, daß der Baron zu arm fei für die theure Pflege, habe ich mit dem Hinweis auf Sie, meine Gnädige, beschwichtigt. That ich recht daran?" Das war so ziemlich der Inhalt des Schreibens. Der Bote aber erzählte, er sei der Hausknecht aus dem Hotel und der Herr Baron habe die Nacht im heftigen Wundfieber gelegen; der Padrona sei sehr angst, daß er stürbe und sie wünsche Sicherheit, daß Alles bezahlt werde, auch das Be- gräbniß. Paula Neegenhart wanderte einsam und zwecklos auf der Klippe hin und her. Der Vater bedurfte ihrer nicht und fühlte sich nach wie vor am glücklichsten, wenn sie ihn sich selbst überließ; dar Kind war begraben und wie sie von Tomaso wußte, welcher gestern Abend nach Amalfi hinabgestiegen und beim Tages- grauen zurückgekehrt war, lag dort unten Erich Tornegg meist bewußtlos und rang mit dem Tode. „Wenn er nur stürbe! Ihm wäre am wohlsten!" hatte sie auf diese Nachricht geantwortet. Eine ganze Weile später hörte sie ihr eigenes Wort, nachdem es längst verklungen. Etwas Unbeschreibliches ging in ihr vor. Ihr war, als zerreiße plötzlich vor ihren Äugen ein Vorhang oder eine dichte Wolke und in blendender Klarheit sah sie eine That- fache, die sie nie erkannt und die sie doch immer in sich gefühlt: Ich liebe ihn nicht mehr, — habe ihn seit langer, langer Zeit nicht mehr geliebt! Ste sann und grübelte; aber es stand plötzlich unumstößlich fest, dies: Schon längst nicht mehr! Wann ihre Liebe erloschen war? — Sie wußte es nicht. Aber daß ihr Herz, welches sie tobt geglaubt, nun leer war, leer wie ein seines Heiligthums beraubter Tempel, das wußte ste jetzt. Und diese jammervoll klägliche Verödung hatte sie „Tod" genannt. Ja, so war es! Die Begegnung mit Erich, sein Anblick, seine Stimme hatten in ihr nichts von einem Widerhall geweckt, kein wärmeres Empfinden, keinen Hauch der alten Zärtlichkeit! Er war ihr unsympathisch geworden, ganz fremd; Alle», was sie für ihn empfand, war ein Mitleid, da» jede weitere Gemeinschaft ablehnt. Welche Offenbarung ihre» eigenen Ich»? Wie hatte sie jahrelang einhergehen können mit solcher Selbsttäuschung, freudlos, leidend unter dem steten nagenden Schmerz? Nein, so durfte ste e» nicht einmal nennen. Ein tiefe» Unbehagen war e» gewesen, ein unerträglicher Fehlen, ein unbestimmtes, trostloses Kältegefühl. Jetzt plötzlich wußte ste es und kam darauf immer wieder zurück. „Leer und öde" war ihr zu Muthe und nicht einmal von fern war ihr der Gedanke gekommen, daß ihre Qual „Sehnsucht" hieß. Sehnsucht! Wonach? Sie hatte keine Antwort. Sie hatte ja nicht gewußt, daß ihr Herz nur leer war. Wie sonderbar, wie unbegreiflich, daß ste dies so verkannte! Und doch — als Heinrich sie neulich fragte: Also Sie lieber. Erich noch immer? wie klar und fest hatte damals ihre Antwort gelautet: Lieben? Nein! Und wie gewß chatte ste in jener Stunde gewußt, daß sie keinen Funken jener Liebe mehr in sich trug. Sie wurde sich selbst über all' dem Grübeln und Erkennen ein Räthsel. Heinrich! — Er sagte, fie sei so kalt gewesen. Erich hatte sich damit entschuldigt. Und Heinrich sagte weiter: Hätten Sie ihm doch die Wahrheit gesagt! Immer aufgeregter und verwirrter dachte fie weiter. Es kam ihr aus jener Zeit Manches in den Sinn, auf das sie seither nicht geachtet. Ihre eigene Geschichte erschien ihr plötzlich in einem neuen Lichte. Sie war damals noch sehr jung gewesen. Heinrich hatte sie gesiebt und sie war ihm sehr gut, sie hatten große Sympathieen für einander. Aber Heinrich war Student, ein schwärmerischer, unfertiger, liebenswürdiger Jüngling. Und dann erst lernte sie Erich kennen, den glänzenden, vornehmen, schönen Mann, den Helden der Hofgesellschaft. Ec warb um sie und sie gab sich ihm mit tausend Freuden hin; fie war unsäglich stolz, seine Braut zu heißen. Und heute? — Heute wurde ihr klar, jetzt erst, daß fie damals neben ihm stand wie ein Instrument, welche» er nicht zu spielen wußte. Er schlug niemals den richtigen Ton für ste an. Was in ihrer Seele lag, in ihrem Herzen nach Ausdruck rang» das blieb stumm neben ihm. Aber er war ja der glänzende, gefeierte Mann, zu dem ste in glühender Anbetung aufschaute, nie daran denkend, daß ihr schweigsames Lieben und Anbeten, ihre demüthige Beklommenheit ihn unbefriedigt ließ. O, wie viel hätte ste ihm damals sagen mögen, wie gern den ganzen Reichthum ihres Empfindens ih n enthüllt, wenn er nur den Schlüssel zu ihrer Seele gefunden! Als er dann treulos wurde, da sagte fie stch auch nicht, daß die verwundete Selbstliebe, die Eitelkeit ebensoviel Theil hatten an ihrem Jammer, wie ihre verschmähte, wortarme, vergötternde Liebe. Heute erst wußte sie e»; alle diese Zeit her rang e» in ihrer Seele zur Klarheit — Selbsttäuschung, Jrrthum, Verblendung waren der größere Theil ihres Leider gewesen. Der Mann, der dort unten in Amalfi sterbend lag, war ihr nichts als ein Unglücklicher, dem ste helfen mußte; fie wollte auch helfen. Aber wie? — Und wie konnte ste ihren Vater bewegen, ihr mit Rath und That beizustehen? (Fortsetzung folgt.) Auf der Mmthierjagd. Eine Jagderinnerung aus Livland. Bon A. v. Stetten. (Fortsetzung.) Bei näherer Besichtigung des Terrains zeigte es stch, daß die Kuh und die Kälber in einer ganz anderen Richtung davongezogen waren, als der Bock, und ohne Weiteres nahm mein Freund die erstere Spur auf, mir schon aus der Ferne noch einige Worte zurufend, die mir jedoch völlig unverständlich blieben. Der Waldläufer schien einige Augenblicke zu schwanken, was er thun solle, dann aber schlürfte er hinter seinem Herrn drein, so daß mir eigentlich nichts weiter übrig blieb, als der Fährte des Bockes zu folgen, was ich auch that, obwohl mir ja das ganze Jagdterrain noch völlig unbekannt war. Als ich der Spur des Bockes etwa eine halbe Stunde lang gefolgt war, drang das Gebell der Hunde wiederum mit grimmem Kampfeston an mein Ohr, der »errieth, daß 76 ztvifchen dem »erfolgten Wild und bett beiden Hunden abermals ein scharfer Kampf toben mußte. Beschleunigten Schrittes wandte ich mich der Richtung zu, von welcher her der Lärm ertönte, noch aber hatte ich die Stelle des muthmaßlichsn Kampfe« nicht erreicht, als das wüthende Gebell der Hunde mit einem Male schwächer wurde, um dann ganz aufzuhören. Befremdet arbeitete ich mich mit möglichster Schnelligkeit durch das mir entgegenstehende Unterholz hindurch und erreichte jetzt eine Waldblöße, in deren Mitte der Elenbock stand, mit Geweih und Hufen den Körper de« einen Hundes bearbeitend, der offenbar schon verendet, vor dem zur höchsten Wuth gereizten König des Waldes lag, der andere Hund schlich sich eben mit eingezogener Ruthe durch das Holz davon, die Blutspur, welche er hinterließ, bewies, daß auch er Wunden in der Schlacht mit dem siegreich gebliebenen Feinde davongetragen hatte. Bei meinem Erscheinen auf dem Plane stutzte der Bock einen Moment und trottete dann langsam in den Wald hinein, ebenfalls Blutspuren htnterlaffend. Ich prüfte meine Lefaucheux-Doppelbüchse, machte sie zum sofortigen Gebrauch fertig, lockerte das Patronen-Etui in der äußern Brusttasche de» Jagdrockes und folgte dem durch die Bisse der Hunde augenscheinlich verletzten Wilde. Bi« auf etwa siebzig Schritt war ich ihm nahe gekommen und schwenkte dann etwa« zur Seite ab, um ihm meine Kugeln auf» Blatt setzen zu können, da wandte sich das Thier herum und bot mir gerade die Brust dar. Ich feuerte zuerst den linken Lauf ab, fehlte aber in Folge meiner Erregung, die zweite Kugel traf allerdings, ich hatte jedoch zu tief gezielt und das Elen nicht in die Brust getroffen, sondern dasselbe an der Schulter verletzt. Durch diese Schußwunde wurde der Bock jedoch in unbändigen Grimm versetzt, er legte das schwere Geweih zurück und kam auf mich mit einer Schnelligkeit losgestürmt, die ich dem plumpen Thtere nimmermehr zugetraut hätte. Ich war durch die unerwartete Offensivbewegung des Gegners völlig überrascht worden, so daß ich nicht mehr die Zeit fand, neue Patronen in die abgefeuerten Läufe des Gewehres einzuschieben. Vorerst mußte ich vielmehr mein Heil in der Flucht suchen, weshalb ich mich umwandte, um auf einer nicht weit von mir entfernt stehenden starken Tanne, deren Aeste glücklicher Weise etwa einen halben Meter über dem Boden begannen, Schutz vor meinem zornigen Verfolger zu suchen. Auf dem Wege nach dem rettenden Baume strauchelte ich über den Stumpf eines Baumstammes, den der Schnee zugeveckt hatte und ich schoß kopfüber-in eine mit Schnee dicht gefüllte Niederung hinein. Mit merkwürdiger Geschwindigkeit raffte ich mich wieder in die Höge, die abge- schossens Büchse krampfhaft in der Rechten haltend, sprang in wahren Riesensätzen durch den Schnee und erreichte den Tannenbaum, während ich hinter mir da« Schnauben des Elen« vernahm. Den Riemen der Büchse mir jetzt um die eine Achsel werfend, ergriff ich mit beiden Händen einen der untersten Aeste des Baumes, um mich an dem Baume in die Höhe zu schwingen, trotzdem daß mir hierbei die langen Schneeschuhe sehr hinderlich waren. Aber meine starr gewordenen Hände glitten an dem eisbedeckten Aste ab und einen nochmaligen Versuch durste ich nicht wagen, das Elen war schon so nahe hinter mir, daß es mich noch während meine« Emporklettern» an dem Baume mit dem Geweih sicher erreicht haben würde. E« blieb mir also nichts übrig, als hinter der Tanne einstweilige Deckung zu suchen, und kaum war die» geschehen, so erzitterten auch die Zweige des Baumes infolge des wuchtigen Anpralles, mit welchem da» jetzt gesenkte Geweih des Bockes an den Stamm streß. Ein feiner Regen von Etsnadeln und Schnee riefelte aus den Aesten auf mich herab und verhinderte mich, zunächst die Situation zu Übersetzen. Als sich der Schneestaub verzogen hatte, erblickte ich das Elen in einer Entfernung von drei ober vier Schritt von der Tanne stehen, den Baum mit wuthfunkelnden Augen betrachtend, inbeß sich da» lang«, steife Haar des Thiers» vor Grimm zu sträuben schien. Flink griff ich nach dem Patronen-Etui, um wieder zu laden und den Bock in dieser Nähe niederzustrecken, aber tiefer Schreck erfaßte mich, denn die Brusttasche des Jagdrockes war leer, das Patronentäschchen mußte herausgeglitten fein, als ich vorhin in dis Schneegrube gestürzt war. Was sollte ich nun thun, da ich doch mit der ungeladenen Büchse dem wüthenden Elen unmöglich zu Leibe gehen konnte? Ich überlegte hin und her und kam zu dem Entschluß, mich „nach rückwärts" zu „con- centriren," nur war es mir noch einigermaßen unklar, wie ich dies bewerkstelligen sollte, ohne von meinem Feinde sofort bemerkt zu werden. Der nächste dicke Baum, der mich vor einem Geweihstoß meines Gegners schützen konnte, war von meinem Standort mindesten« dreißig 'Schritt entfernt, und es erschien mir zweifelhaft, ob e» mir gelingen würde, diese Strecke mit meinen Schneeschuhen zurückzulegen, ehe mich der Bock zu erreichen vermochte. Die Situation begann mir allmählich unangenehm zu werden, zumal das Elen keine Miene machte, seine mich förmlich blockirende Stellung aufzugeben. Höchsten» schüttelte e« sich ein paar Mal unter starkem Schnauben, und warf dann den Schnee mit den Hufen feiner Hinterbeine mit solcher Kraft empor, daß er in hohem Bogen durch die Lust sauste, aber dabei blieb der Bock vor dem Baume stehen, hinter welchem er mich verborgen wußte. Ich versuchte jetzt, durch laute» Schreien den Bock zu veranlassen, den Rückzug anzutreten, außerdem hegte ich die leise Hoffnung, daß meine beiden Gefährten mein Rufen vielleicht hören und mir antworten würden. Leider hatte mein Rufen weder nach der einen noch nach der anderen Richtung hin Erfolg. (Schluß folgt.)' Literarisches Die weiten Röcke. Wie aus Modekreisen berichtet wird, verdrängt der Zwickelschnitt den Glockenrock immer mehr, weil dieser nach wenigem Tragen trotz aller Unterlagen die Faoon verliert. Die »Giene« Mode* hat daher viele in ihrem eben erschienenen Heft Nr. 10 veröffentlichten Modelle nach diesem System componirt und jede Abonnentin erhält hierzu Gratisschnitte eingesandt. Diese Gratisschnitte nach Maß und die gewählten originellen und practischen Toiletten haben der „Wiener Mode" eine führende Stellung auf dem Modegebicte verschafft, daher die intelligenten Fachkreise und besseren Familien die „Wiener Mode" den meisten anderen Modejournalen vorziehen. Bonder Zeitschrift für häusliche Kunst: „Liebhaberkünste" (Verlag R. Oldenbourg, München) liegt uns das neue, wiederum äußerst inhaltsreiche und gediegen ausgestattete Heft vor. — Das eine der großen Kunstblätter ist den in zartem Kobaltblau gehaltenen Vorlagen für Delfter Malerei gewidmet, die neuerdings so in Aufnahme kommt. Stille Wafferbilder, Windmühlen, sanftgleitende Boote — alles an die alten holländischen Originale sich anlehnend, aber in freier moderner Pinselführung. Modern auch die Umrandung von stylisirten Wasserrosen, Seetang, Schilfkolben und Binsen. Das zweite Blatt enthält die sehr huinorvolle Vorlage zur Ausschmückung einer Hausapotheke in Brandmalerei, event. theilweiser Schnitzarbeit. Im Text fesselt zuerst die anregend geschriebene Studie über Lampenschirme, welche uns zugleich die historische Entwicklung des gesammten häuslichen Beleuchtungswesens vorführt. Reich mit erläuternden Illustrationen versehen, beweist sie, daß dies einst anspruchslose „Nichts", welches uns bei der blendenden Helle der jetzigen electrischen und Gasglühlicht- Lampen unentbehrlich geworden ist, gleichfalls zum reizenden Kunstwerk gestaltet werden kann, wenn Phantasie und guter Geschmack die geschickten Hände dirigiren. Anweisung zur italienisch en Netzstickerei, eine neue, anscheinend sehr wirksame Brennarbeit auf Leder, Fächertaschen, die vielseitige Verwendung der kleinen Bildchen des Abreiß-Städtekalenders als Vorlagen werden allen Dilettantinnen hoch willkommen fein. Für diejenigen unter den Leserinnen, die „mehr Künstler als Liebhaber" sind, ist auch wobl die Farbentafel — eine äußerst, naturgetreu aus- geführte blühende Begonie — bestimmt. Dieselbe für Gebrauchsgegenstände zu „stylisiren", dürfte eine zwar dankbare, aber keine leichte Aufgabe sein. Jedenfalls können allen Damen, welche Freude am Schönen haben und die häusliche Kunst pflegen — einerlei ob zum Erwerb, zum Unterricht oder zum Schmuck des eigenen Heims — die „Liebhaberkünste" warm empfohlen rden. Der verhältnißmäßig geringe Preis ermöglicht wohl Jeder das Abonnement. Redaction: A. Scheyda. — Druck und 8erlag der Brühl'schen UrnverMtS-Bnch- und Gteindrnckerei (Pietsch & Scheydal in Gieß«»-