18S«. [T| Samstag den 13. Juni Nr. 68 amilkfibläthF icKCKor UnterhaUungsblatt pim Gießener Anpiger Meneriü-Anrciger) Die Vergeltung. Novelle von F. Stöckert. ------- (Nachdruck verboten.) Erstes Capitel. Aus dem Tannendunkel einer bewaldeten Hügelkette trat an einem herrlichen Maitage ein junger Wandersmann und schaute mit hellen Künstleraugen um stch. Welch' ein Anblick bot stch ihm dar! In erster lichter Frühlingsschönheit lag die Welt vor ihm; dort unten die Häuser im Dorfe erschienen wie eingehüllt in Blüthevpracht, von den Bergen drüben stürzte der Gebirgsbach herunter und seine klaren Wellen glitzerten im Morgensonnenschein. Herbert Brand, so hieß unser Wanderer, war jung, war Künstler, und hatte jetzt zum ersten Male einen ehrenvollen, lohnenden Auftrag bekommen, der ihn nach jenem Schlößchen, das dort in der Ferne mit seinen zierlichen schlanken Thürmen auftauchte, berief. t , Es war daher kein Wunder, daß er, als er so in der berauschenden Schönheit des Frühlingsmorgens inmitten einer herrlichen Natur stand, jubelnd den breitrandigen Hut vom Kopfe nahm und Ulrich von Huttens Worte: „Es ist eine Lust zu leben!" stch jubelnd von seinen Lippen drängten. Und wer den jungen Künstler so gesehen hätte, die schlanke, elastische Gestalt, das blühende, lebensfrohe Antlitz, ein Bild heiterer Jugend, der würde gerufen haben: „Es ist eine Lust, ihn zu sehen!" It Aber Niemand sah ihn, denn die Zeit, wo Touristen aller Art dieses paradiestsche Fleckchen Erde bevölkerten, war noch nicht da; einsam zog er seine Straße, lauschte auf den Gesang der Vögel und ließ den FrühlingSwtnd mit seinen ^0^'Einsam"'«« auch das Schloß, das Ziel seiner Wanderung, vor ihm, als er jetzt um die Mittagsstunde stch demselben näherte; einsam wie das Schloß im Märchen mit seinen weißen, von Schlinggewächsen umsponnenen Säulen. Nur eine Nachtigall flötete ihm ihr süßes Willkommen. Wohnte eine böse Zauberin in diesem Märchenschloß und war die Nachtigall rhre Dienerin, die mit süßem Gesang den arglosen Wanderer heranlockte? Das Gitterthor des groben Schloßgartens war gastlich geöffnet. Der junge Maler Herbert Brand trat ein und als er jetzt seinen Fuß auf die breite Freitreppe des Schlaffes setzte, da war es ihm, als schaute aus den Fenstern die Romantik und sah ihn verwundert an mit großen, dunklen Märchenaugen, als wollte ste ihn fragen: Was willst Du hier, Du Kind einer Zeit, die alle Romantik verachtet, in der Niemand mehr nach der blauen Blume frägt. „Ach, willkommen, seien Sie herzlich willkommen, Herr Maler!" Mit diesen Worten begrüßte ihn jetzt eine freundliche alte Frau, die aus einer Seitenthür trat- Sie hatte ein weißes Häubchen auf und machte in ihrem dunklen Cattunkleide und der großen weißen Schürze durchaus keinen romantischen Eindruck. _ „Der Herr Graf sagte mir gestern, daß Sie in diesen Tagen kommen würden, ich habe Aller hergerichtet im Thurmzimmer, welches Sie bewohnen sollen," berichtete ste, indem ste Herbert in das Schloß führte. „Auch im Mustksaal ist Alles bereit, Sie können die Wände gleich bemalen." Herbert lachte- „Das geht so schn ll nicht, liebe Frau, erst müflen Pläne entworfen, Skizzen gemacht werden." „Na ja, davon versteht Unsereins ja nichts, aber der Herr Graf versteht'-, der wird's Ihnen schon sagen, wie er Alles wünscht. Er ist heute auszeritten, kommt aber zum Abend wieder. Wenn der Herr Maler es stch vielleicht bequem machen wollen, dann bitte, hier links geht es herauf." Sie stiegen eine zierliche eiserne Wendeltreppe herauf und betraten dann das Thurmzimmer, welches eine herrliche Aussicht bot in's Gebirge. Der junge Maler warf sich, nachdem die redselige Alte ihn verlassen, auf einen Sessel am Fenster und blickte träumend hinaus in die Landschaft. Leuchtende Zukunftsbilder stiegen vor ihm auf; es war ihm, als müsse hier des Schicksals Flügelschlag ihn umrauschen, sein Leben stch um Vieles inhalt- reicher gestalten wie bisher- Am Abend kam der Graf- Er begrüßte seinen rungen Gast auf das herzlichste, ste nahmen gemeinschaftlich da« Abendessen ein und saßen dann noch lange draußen unter der Säulenhalle bei einer Flasche guten Weines. Graf Tannen theilte Herbert seins Pläne mit betreff» der Wandgemälde, die dieser malen sollte- Welche reiche ZE - L70 -» melr sträuf Bß, I ihm ( ®eh Tan Gla lorei gesa Es ami nich an zogst noch genui davo Gesa sagte Som Wei! vom Her, Kobol huschl nicht, ein e nicht« Scho soeben dann die U beten Phantasie, welche geniale Gedanken offenbarte dabei der Graf, dem jungen Künstler schwirrte der Kopf. Wieviel einfacher waren seine Pläne gewesen; dieselben kämen ihm jetzt fast kindisch diesen Entwürfen des Grafen gegenüber vor. Freilich, welch' ein reiches Leben hatte auch dieser Mann gelebt, Alles, was nur die Welt Großes und Schönes bietet, hatte er sich zu eigen machen dürfen. „Fehlte mir nicht jedes künstlerische Können, so wäre ich wohl im Stande, als Maler oder Bildhauer manches Gute zu leisten," meinte der Graf. „Künstlerische Gedanken und Phantasie, die fehlen mir nicht, manches Schöne und Große habe ich in meinem Innern ausgenommen, aber leider bin ich ohne jegliches Maler- und Bildhauertalent. Bon Ihrem Talent hoffe ich nun, daß es meine Gedanken zur Ausführung bringt. Und wissen Sie, wer mich darauf gebracht, gerade Sie unter den vielen Hunderten von Malern zu wählen? Meine Tochter Isolde I Ihr kleines Bild: „Die tanzenden Nixen" in der Kunstausstellung vorigen Jahres hatte uns ungemein gefesselt- Die Ausführung war ebenso genial wie die Schilderung dieser Elementargeister von den größten Dichtern. Ihre Nixen lachten wirklich „schauerlich, heiter und frevelhaft liebenswürdig". Wer das Bild einmal gesehen, vergißt es nie wieder, und hätte Ihr Name schon zu den berühmten gezählt, dann wäre natürlich auch viel mehr Rühmens davon gemacht worden- So aber wußte man nicht recht, ob Ihnen die Palme des Ruhmes schon zuerkannt werden durfte- Nur meine Tochter Isolde zögerte damit nicht und bestürmte mich, Sie herzurufen- Sie erklärte Sie für einen Künstler ersten Ranges I" In Herberts Antlitz stieg ein helles Roth. Der Graf hatte also eine hochbegabte Tochter, Namens Isolde. Wie romantisch dieser Name klang! „O, möchten Sie sich nicht in meinem Talente getäuscht haben, Herr Graf," stammelte der junge Künstler dann etwas verwirrt. „Ich werde all' mein Können daran setzen, Ihre und der jungen Gräfin Hoffnungen zu erfüllen und ich meine, hier in Ihrem Schlosse könnte es dem Künstler gar nicht fehlen an Inspiration." Mit leuchtenden Augen schaute er um sich; hier in dieser Umgebung, in der Gesellschaft eines so geistvollen Mannes, da mußte ja seine Kunst sich zu den besten Leistungen erheben. Der Graf hatte sich im Salon, dessen Glasthüren auf die Veranda herausgingen, an den Flügel gefetzt und bei feinem Spiel begannen die künstlerischen Gedanken desselben in Herberts Innern Wurzel zu fassen. Das war ja die berühmte Rhapsodie von Liszt, das großartige Tongemälde über Liebe und Leidenschaft, von der vorhin die Rede war, die er im Bilde verkörpern sollte. Im wilden Tanz drehten sich auf weiter grüner Haide die braunen Haidekinder. Neben dem Geigenspieler lehnte ein wunderschönes Zigeunermädchen und sah mit strahlenden Augen zu dem jungen Künstler auf. — Das war die Liebe, welche da heiß und leidenschaftlich durch das Musikstück zitterte, klagte und jubelte. Morgen schon wollte der junge Maler Herbert Brand eine Skizze dieses Bildes entwerfen. Er liebte leuchtende, warme Farbentöne und hier durfte Alles in Farbengluth getaucht fein, die glühenden rothen Strahlen der untergehenden Sonne sollten die Haide und die tanzenden Paare beleuchten. Den blaffen Mondesschimmer, das schmachtende Liebesleid sparen wir uns für ein sanftes Rachlstück auf, hatte der Graf gemeint. „Zunächst soll volles, reiches Leben von den Wänden meines Schlosses strahlen." In den folgenden Tagen schon wurde von Herbert die Skizze entworfen, der Graf war entzückt über das Verständniß, mit welchem der Maler auf feine Pläne eingegangen war. Leicht und anmuthig schwebten die tanzenden Paare über die Haide, dem Geigenspieler hatte der Maler die interessanten Züge eines seiner Freunde, von dem er mehrere Photographien besaß, gegeben, nur sür die Geliebte desselben suchte er vergebens nach einem paffenden Modell unter seinen Studien- köpfen. „Vielleicht führt Ihnen das Leben das richtige Modell zu," sagte sein liebenswürdiger Wirth lächelnd, als der Maler ihm seine Verlegenheit klagte. „Wenn meine Tochter erst zurückkommt, dann hat die Ruhe im Schlöffe überhaupt ein Ende, denn dann fliegt das junge Volk ein und aus hier und an jungen hübschen Mädchen ist gerade kein Mangel in unserem Kreis, da können Sie Studien genug machen, Herr Brand, nur wahren Sie Ihr Herz dabei oder ist dasselbe schon gefeffelt? Sie stehen ja in dem beneidenswerthen Alter, wo einem alle Sterne des Lebens zu lächeln scheinen. Glücklich der Mensch, dem eine volle, reiche, schöne Jugendlust be- schieden ist; Sie scheinen mir zu diesen Auserwählten zu gehören!" Herbert lachte; sein Her; war nicht gefeffelt, aber trotzdem schien es ihm doch, als lächelten ihm alle Sterne des Lebens, als gehöre er zu den Auserwählten, denen ungetrübter Jugendgenuß beschieden ist- Mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Glück und Wonne begrüßte er jeden neuen Tag und ging mit Begeisterung an seine Arbeit. Wohlgefällig schaute der Graf ihm dabei zu, wenn der Maler so mit leuchtenden Augen und glühenden Wangen den Pinsel führte und freute sich von Tag zu Tag mehr der glücklichen Wahl, die er getroffen. Heute war der junge Maler einmal allein mit seiner Kunst. Gras Tannen war schon am frühen Morgen aus- gefahren. Herbert wer diese Einsamkeit sehr willkommen, denn die Gesellschaft des Grafen, so anregend dieselbe war, war ihm doch bisweilen bei seiner Arbeit störend. Jede Kunst erfordert eben zu Zeiten ein gänzliches Abschließen von der Außenwelt und ein vollständiges Vertiefen von Geist und Herz, und da kann auch der Klang der geliebtesten Stimme störend wirken. Mit Lust und Eifer war der junge Künstler an sein Werk gegangen, die Stunden gingen ihm im raschen Flug dahin und er bemerkte in seinem eifrigen Schöffen nicht, daß ein Wagen über den stillen Schloßhof rollte und sah nicht, wie bald darauf eine zierliche Mädchengestalt im hellen Kleide durch den Saal dahergeschwebt kam. Erst als ein leises loses Lachen in seiner nächsten Nähe ertönte und ein voller Maiblumenstrauß gerade zu seinen Füßen niederfiel, blickte er auf und sah in ein blaffes, feines Gesicht mit großen, schwarzen Augen. Es war die jugendliche Gräfin Isolde, die Tochter der Grafen Tannen, welche vor ihm stand gerade umwoben von den rothglühenden Strahlen der untergehenden Sonne, ein Bild, so eigenartig, so feffelnd, daß Herberts Blicke wie gebannt darauf ruhten. Es schien einer jener Momente für ihn gekommen, die sich unauslöschlich emgraben im Herzen, als hätte ein Hauch der Ewigkeit sie berührt, so daß die Erinnerung daran bis über's Mab hinaus währen muffe. Warum war ihm nur noch nie eingefallen, daß das Gesicht der jungen Gräfin, obwohl er doch dasselbe schon auf verschiedenen Photographien gesehen hatte, sich vorzü.lich kzu seinem Bilde eignen müsse? Freilich, diesen lebensfrischen elfenbeinfarbenen Teint, diese leuchtenden Augen konnte eine Photographie nicht wiedergeben, das vermochte nur bet Maler. „Sie wollen mich wahrscheinlich auf einem der Wandgemälde verewigen, da Sie mein Gesicht so studiren I" rief die junge Gräfin jetzt lachend. „Denken Sie sich das aber nicht so leicht, ich bin ein Rälhsel, eine Sphinx, sagen die Leute, mein Gesicht kann Ihnen morgen schon ganz anders erscheinen wie heute, es Haden sich schon verschiedene Maler daran versucht." „Mir aber, hoffe ich, soll es gelingen, Ihr Antlitz zu malen, gnädige Comteß," rief Herbert mit leuchtenden Augen. „Ich will übrigens kein Portrait malen, sondern nur Ihre malerische Erscheinung einfügen in ein ganzes, großes Bild, das heißt, wenn es von Ihnen und Ihrem Herrn Vater gestattet wird." Fragend schaute Herbert Brand die anmuthige, so eigenartig schöne junge Gräfin an. Bild, i Ihr g' regen. ff' forscht, II ff aber t ff „O, bi suchen Farbe! können £ und b; gehabt saß er wieder saale 5 erklär! Herrn Kobol so, di Siche 271 - Falle nicht. Brand ist nach meiner Usberzeugung ein Mann, der mit seinem Herzen keine Scherze vertragen kann und dann wirst Du nur hemmend und störend auf seine Künstler- laufbahn einwirken." „Hemmend und störendI — Ich werde ihn begeistern! Seine Seele wird die Flügel entfalten und wird Großes leisten in seiner Kunst," erklärte die Comteß in plötzlicher Begeisterung. „Du vermöchtest es vielleicht, eines Künstlers Seele zum Höchsten zu entflammen," entgegnete der Graf ernst, „wenn Du selbst eine große Seele und einen festen Character besäßest, Isolde. Aber Dein Wankelmuth, Deine Launen und Dein noch zu sehr an Aeußerlichkeiten hängendes Herz richtet ja viel eher Schlimmes als Gutes an. Denke doch an Hagen!" Isolde zuckte lächelnd mit den Schultern. „Pepa wird wirklich ein rechter Philister," murmelte ste dann, als dieser sie verlassen hatte. „Ec thut ja gerade, als wäre dieser schöne Herbert B-and ein Engel, der sich auf diese böse Erde verirrt hat und über dessen Unschuld er wachen müsse. Wozu ist man denn jung, schön, reich und vornehm, wenn man sich diese Vorzüge nicht zu Nutze machen soll. Zweites Capitel. Am andern Morgen trat Comteß Isolde, kokett wie sie nun einmal war, in einem malerischen Phantasiecostüm zu dem jungen Maler in den Mustksaal, ihn fragend, ob sie vor seinen Augen Gnade fände, wenn er das Bild nach ihr malen wollte. Sie sah in dem farbenreichen Gewände und dem aufgelösten dunklen Haar, in welchem sie funkelnde Edelsteine I befestigt hatte, wunderschön aus. Herbert betrachtete ste mit prüfenden Blicken und ohne irgend welche begeisterte Beifallsbezeugungen war er nur ganz Künstler ihr gegenüber, und Isolde verdroß es fast, wie er so ernst und ruhig seine Anordnungen traf, als wäre sie nur em Modell und nicht dis schöne Gräfin Isolde! Ihr Vater hingegen beobachtete von einer Fensternische aus mit den Augen des idealen Kunstfreundes das junge Paar I mit innerer Genugthuung. Isolde schien schon nach der ersten halben Stunde sehr gelangweilt, während in Herberts Zugen sich die echte künstlerische Begeisterung widerspiegelte, seine Wangen rötheten stch und seine Augen strahlten. „Er ist wirklich recht hübsch," dachte Isolde und sie fragte sich dann, ob er immer so künstlerisch ernst bleiben und niemals eine Herzensregung für sein schönes Modell haben würde. Fast schien es so trotz des täglichen Zusammenseins, trotz der bezaubernden Liebenswürdigkeit der jungen Gräfin ! Herbert gegenüber. Sie blieb für ihn die hochgeborene Dame, i welcher er, der arme Beamtensohn, mit keinem Blick auszudrücken wagte, was er für sie empfand. Sie war so schön und er so jung, so unerfahren, kannte die Ge allsucht der Comteß gar nicht und da war es ja ganz natürlich, daß sein Herz in erster Liebe heiß zu Comteß Jsoloe erglühte, aber er sagte sich täglich, daß diese Liebe eine ungestandene bleiben müsse, da ste wegen des großen Rangunterschiedes zwischen der Gräfin und ihm doch hoffnungslos war. Die Tage gingen hin, das Bild näherte sich der Voll- endung, die Sitzungen der jungen Gräfin waren nicht mehr nöthig, nur dann und wann erschien sie noch tm Musiksaal, dort den jungen Künstler und sein Werk voll Jntereffe beobachtend. Bisweilen auch kam sie, um ihn seiner Muse untreu zu machen, wie ste sich lachend ausdrückte, nämlich um ihn nach dem Gesellschaftszimmer herüberzulocken, wo verschiedener Besuch angelangt war. (Fortsetzung folgt.) „Warum nicht!" erwiderte diese und ließ sich dann das | Bild, welches er den Auftrag hatte zu malen, näher erklären. Ihr größter Interesse schien der Geigenspieler darauf zu erregen. I ' „Ist es ein Portrait, ist es ein Freund von Ihnen?" forschte sie. L „ „Gewiß, es ist einer meiner besten Freunde. „Welche Liebesgluth leuchtet in seinen dunklen Augen, aber die Geliebte fehlt noch." — «Sie darf doch Ihre Züge tragen, Gräfin." „Meine Züge — ich — ich soll es sein!" rief Isolde. „O, dar ist eigentlich seltsam! Aber warum nicht? Ja, ver- suchen Sie er, mich zu malen. Wählen wir recht lebhafte Farben, dar Haar aufgelöst, nicht wahr? Morgen schon können wir damit beginnen." Lachend Herbert zunickend, schwebte sie zur Thür hinaus, und diesem war es, als hätte er einen wunderschönen Traum gehabt. Er packte Pinsel und Palette zusammen und dann saß er eine Stunde später, nachdem er stch umgekleidet, Isolde wieder gegenüber in dem mit Eichenholz getäfelten Speisesaale des Schlosses. Die junge Gräfin machte die liebenswürdige Wirthin und erklärte lachend, daß sie mit ihrer plötzlichen Ankunft ihrem Herrn Papa eine Ueberraschung nach der Art neckischer Kobolde habe bereiten wollen. Nun treffe es sich aber gerade so, daß ihr Papa in der Nachbarschaft einen Besuch mache. Sicher werde er aber zu Tisch zurückkehren. Draußen im Park flöteten die Nachtigallen, große Flieder- sträube, mit welchen die Tafel geschmückt war, dufteten so süß, berauschend. Traumverloren schaute Herbert in die schwarzen Augen I ihm gegenüber. Doch eines schwarzen Auge Gefunkel Ist stets wie Gottes Wege dunkel. Hörst Du es nicht, das Dichterwort, wie es neckffche | Kobolde, die da in den dämmerigen Ecken des Saales herum- huschen, leise flüstern und spöttisch dazu lachen. Siehst Du nicht, wie um die feinen Lippen der jungen Gräfin auch so ein eigen spöttisches Lächeln zuckt. Nein, er sah und hörte nichts, er empfand nur voll und ganz all die zauberische Schönheit dieses Tages, sah Alles im idealen Lichte- Mit etwas nüchternen Augen blickte Graf Tannen, der soeben hereintrat, auf das junge, heitere Paar und begrüßte dann seins schöne Tochter ziemlich kühl. Offenbar war ihm die Ueberraschung, die ihm seine Tochter mit ihrer unangemeldeten Heimkehr bereitet, nicht ganz recht. Man saß wohl eine Weile im Gespräch zusammen, dann zog sich Herbert zurück, da er annahm, daß Vater und Tochter noch allein zu sein wünschten, ihm hatte ja auch der Tag genug des Glückes gebracht und er wollte nun ruhen und davon träumen. , t , ,,1£ .. „Ich will nicht hoffen, Isolde, daß Du in leichtfertiger Gefallsucht dem guten Maler Thorheiten in den Kopf setzest, sagte der Graf, nachdem sie allein waren, in ziemlich herbem Tone zu seiner liebreizenden Tochter. Und in sehr ernster Weise fuhr der Graf fort: „Selten ist mir eine so reine, vom Staub der Welt so wenig berührte Jünglingsseele wie Herr Herbert Brand begegnet." „Ja, aber solche Menschen sind auch ziemlich unintereffant, meinte Isolde spöttisch. !r „Es sollte mir lieb sein, wenn Du das Gegentheil Deiner oberflächlichen Behauptung fändest," bemerkte Graf Tannen streng, „denn in seiner Arglosigkeit, seinem kindlichen Glauben an die Menschheit wäre er natürlich unrettbar verloren, wenn er in die Schlingen einer hochmüthigen und gefallsüchtigen Dame fiele." „Aber Papa, welche bösen Worte läßt Du mich hören. Es wäre doch sicher sehr harmlos, wenn ich mich ein wemg amüsirte mit diesem hübschen jungen Maler. Sein Herz wird nicht gleich davon brechen, wenn er auch ein wenig Gefallen an mir findet." . ., . k. „Nein, nein, dieser Anschauung huldige ich in diesem Gesundheitspflege im Juni. Von Dr. Otto Gotthilf. —— (Nachdruck verboten.) Der Mai war diesmal im Allgemeinen ein rauher, unfreundlicher Geselle, welcher seinen Namen „Wonnemonat wahrlich keine große Ehre gemacht hat. Am unangenehmsten 272 — ff werden die», verwöhnt durch die wärmen Märztage, die frostigen Naturen empfunden haben unter denen namentlich magere Leute zahlreich vertreten sind. Denn auch die Kalte wirkt, wie alle Einflüsie, auf die Menschen je nach ihrer In- dividualität und Körperbefchaffenheit sehr verschieden ein. Wer nur ein geringer Fettpolster unter der Haut und zwischen den Geweben besitzt, ist sehr empfindlich gegen den Wechsel der Lusttemperatur, er friert viel leichter und ist zu Erkältungen geneigt, weil er der Schutzes beraubt ist, welchen das Fett als Wärmeleiter auf die von diesem bedeckten und umhüllten Gewebe, ste vor Abkühlung bewahrend, ausübt. Da nun das Fett auch noch ein Spardepot für den Organismus bildet, von welchem er in Zeiten der Ueberanstrengung oder Krank' heit zehren muß, fo ist es eine nicht zu unterschätzende Auf- gäbe der Gesundheitspflege, den Körper stets in wohlgenährtem Zustande zu erhalten, ganz abgesehen von der ästhetischen Forderung des Schönheitssinnes, welcher verlangt, daß der menschliche Körper eine gewifie Fülle besitze und abgerundete Wellenlinien zeige, wodurch den Bewegungen Anmuth und Schönheit verliehen wird. Aus letzterem Grunde versuchen ja auch immer wieder viele Damen ganz heimlich die mit Reclame angepriesenen und mit schönen Büsten verzierten Patentheilmittel, welche aber nicht die Fülle ihres Körpers vermehren, sondern die Fülle ihres Geldbeutels vermindern. Fettansatz kann vielmehr nur erzeugt werden durch lebe Art von Ueberernährung, d. h. Zuführung von Nahrungrstoffen in einer die Erhaltung des Organismus bedeutend übersteigen« den Menge. Der Winter ist für solch eine Cur nicht be« sonders geeignet. Denn da in der kalten Jahreszeit dem Körper viel Wärme entzogen wird, welche von den Nahrungs« stoffen geliefert werden muß, so ist eine Ueberernährung 6e* Hufs Fettbildung nicht gut möglich. Dagegen ist die jetzt be« ginnende Saifon für alle Candidaten eines Fettbäuchleins sehr günstig. Man wähle dazu besonders solche Kost, in welcher Fette, Butter, Mehlspeisen, Kartoffeln, Süßigkeiten überwiegen; ferner fetten Braten, fetten Schinken, fette Wurst, geräucherte Gänsebrust; von Fischen Aale, Bücklinge, Häringe und Lachs; Brot mit viel Butter oder Schmalz gestrichen, süße Mehlspeisen, süßes Obst, Rahmkäse, Vollmilch, Chocolade, Cacao und malz, reiche Biere. Körperliche Bewegung vermindert zwar die Fett« bildung, ist aber doch zur ordentlichen Verdauung und Aus« Nutzung der Speisen nöthig und daher, freilich stets in sehr mäßigem Tempo, durchaus rathsam. Besonders unterstützt wird diese Cur noch durch häufige« und langen Schlaf, durch Ruhe des Geistes und Gemüthes. Setzen die mageren Per« sonen eine solche Art von Mastcur den ganzen Sommer hin« durch fort, so werden sie jedenfalls guten Erfolg haben und im nächsten Winter nicht mehr so viel unter der Kälteeinwirkung leiden brauchen. Dagegen müssen natürlich Fettleibige oder zu Fettansatz neigende Leute eine Lebensweise sühren, welche das vollständige Gegentheil zu der eben geschilderten bildet. Namentlich sollen sie jetzt im Sommer täglich kalt baden oder noch besser: schwimmen. Wer aber noch gar nicht an kaltes Wasser ge« wöhnt ist, möge zunächst mit kalten Thetlwaschungen des Oberkörpers und nachherigem Abreiben und Frottiren beginnen. Sehr empfindlichen, verweichlichten ober nervösen Personen möchte ich sogar rathen, erst einige Tage ihren Körper nur mit einem trockenen Frottirtuche energisch abzureiben, dann warmes Wasser mit kalter Nachspülung (Brause) anzuwenden und erst allmählich zum kalten Flußbade überzugehen. Auf diese überaus milde Art und Weise kann sich aber auch Jeder an kaltes Baden gewöhnen. Den großen Segen hiervon wird er sehr bald kennen lernen. Selbst in der größten Sommerhitze fühlt er sich dann immer wieder neu erfrischt, Mattig« mit und Schlappigkeit weichen von ihm, frische Lebenskraft belebt und beseelt ihn. Und wenn der Herbst mit seinen rauhen Stürmen und der kalte Winter kommt, dann ist der Körper abgehärtet und widerstandsfähig, so daß einem solchen Wafferfreunde Erkältungen, Rheumatismus und dergleichen Redaction: I. V.: Hermann ©He?— Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) 'N schöne Erfindungen unbekannte Begriffe bleiben. Noch aus einen besonderen Vortheil der kalten Waschungen möchte ich Hinweisen. Wer dem Bacchus ober Gambrinus beim Frühschoppen etwas über Gebühr gehuldigt hat, ist in der heißen Jahreszeit am Nachmittage meist zu keiner energischen Arbeit mehr fähig, weil er überhitzt, schlaff und schläfrig wird. Da thut nun eine kalte Abreibung ober Ueberspülung des ganzen Körpers wahre Wunder! Abgewaschen und weggespült ist plötzlich alle Mattigkeit und Müdigkeit, und man fühlt sich sofort zu frischer, fröhlicher Thätigkeit neu gestärkt! Dasselbe gilt nach längerer abendlicher Sitzung im Stammlocale oder bei festlichen Gelegenheiten; vor dem Zubettegehen eine kalte Ueberspülung. Schlafen bet offenen Fenstern mit nur leichter Bettbedeckung, morgens wieder eine kalte Waschung — und verflogen ist aller Alcoholdunst au» Kopf und Gliedern! Hierbei sei jedoch besonders bemerkt, daß der viele Genuß von alcoholtschen Getränken, namentlich im Sommer, keinesweg« vertheidigt ober gar empfohlen werben soll; aber eine vernünftige GesunbheitSpflege hat ' eben nicht mit ibealen Ver- hältnissen zu rechnen, sondern muß die thatsächliche Leben«' weise der Menschen in Betracht ziehen und daran anknüpfend ihre Verbefferungsvorschläge darthun. Dann erst wird und kann sie williges Gehör finden, wirklichen Erfolg haben und ihre hehre Aufgabe richtig lösen, die Gesundheit der Menschen zu erhalten und das Leben zu verlängern. Bei der sommerlichen Hitze ist es sogar sehr rathsam, den größeren Flüsstgkeitsbedarf des Körpers nicht durch er- hitzende alkoholische Getränke zu decken, sondern durch kühlend« und durstlöschende, wie Wasser, Sodawasser, kalten Kaffee, kalten Thee ober Limonabe. Da Wasser allein von de« meisten Menschen wegen seines „wässerigen Geschmackes nichi gern getrunken wird, und dis Limonabe unb Fruchtsäfte noch viel zu theuer find, so möchte ich folgenbes Getränk W Selbstbereitung für den häuslichen Gebrauch und auf Fch touren empfehlen. Man kaufe sich gepulverte Citronensäure, von welcher ein Gramm nur einen Pfennig kostet, löse diese in etwas Wasser auf und thue ziemlich viel Zucker hinzu. Dadurch erhält man einen Extract von Citronenlimonade, von dem man eine beliebige Menge jedem Glase frische« Wassers beimengen kann. Das Umrühren geschieht mit einem hölzernen Löffel ober mit einem einfachen Holzstäbchen, ein bestimmtes Mifchungsverhältniß ber beiden Substanzen anzugeben, ist nicht gut möglich, weil Damen und Kinder dasselbr süßer wünschen als Herren; Jeder muß es eben nach feinem Geschmacke Herstellen. Der Vortheil dieses Getränkes bestehl außer seiner großen Billigkeit noch darin, daß man durch »„gießen des Extractes sofort ein fertiges Getränk hat unb nicht erst lange auf das Schmelzen des Zuckers u. f. w. warten braucht. Ferner wird man jedesmal nur soviel Wasser nehmen, als man gleich trinken will, hat also stets ein frisches, kühle«, nicht abgestandenes und warmes Getränk. Außerdem ist Citronensäure dem Organismus sehr zuträglich. Sie enMl allein an den für den Körper sehr nützlichen organ schen Salm zwei Procent. Daher wird sie auch vielfach als Henmilm angewendet, namentlich gegen Skorbut, Diphtheritis, Gelenkrheumatismus, Gicht, Leberleiden und Wassersucht. Ferner ft noch bemerkt, daß, was Viele nicht wissen, Zucker nahrhaft ist, wodurch die, Getränk also vor den kohlensäurehaltig Wassern einen großen Vortheil hat. Eine Flasche Wen selbstbereiteten, äußerst billigen Extractes sollte daher Jeder in seiner Häuslichkeit stets vorräthig haben. Als Letztes, aber wahrlich nicht der Bedeutung nach, ft auch für diesen Monat Allen dringend empfohlen, Nachts w Fenster im Schlafzimmer offen zu lassen. Die beste gesundheil« gemäße Lebensweise am Tage wird null und nichtig gemaq, wenn man die ganze Nacht hindurch dieselbe verpestete M dünstungrlust, welche schon wiederholt die eigenen Lungen un die der Schlafgenossen passirt hat, immer wieder einatyme ■ Jetzt im Sommer ist die geeignetste Jahreszeit, sich an ge ! sundes Schlafen bei geöffneten Fenstern zu gewöhnen.