W W-WÄ yj/W -LMEM lehefier ■-------- ~~ ' ..... • x ^ünMskrMtlsss Wnlerhaltungsblatt WM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger). Flammen aus der Asche. Novelle von L. H a i d h e i m. (Fortsetzung.) Als Signora Teresina spät erst erschien, trat ihr Paula schon entgegen, nahm sie mit sich eine ganze Strecke vom Hause weg und sagte ihr: „Lassen Sie meinen Vater nichts hören von jenen Leuten." Sie selbst aber hörte Alles, was Frau Teresina wußte. Im ersten Stock des Schlosses hatten sie Stuben; schön mit Marmor waren der Fußboden und die Wände getäfelt, Glasfenster gab es freilich nicht, ein Linnentuch für die Nacht genügte. Aber, o dio mio, diese Frau! In einer Ecke saß sie wie eine Wüthende, nichts that sie für ihr Kind, sie weinte und schalt nur und schrie, ihr Mann betrüge sie und sie sei nicht von der Art, dazu gutmüthig zu schweigen. „Und was sagt er?" fragte Paula bebend. „Er sitzt bei dem Kind und sicht bleich aus wie ein Kranker, aber er sagt nicht eine Silbe und das macht die Frau noch toller. Geld haben sie auch nicht viel," zuckte Signora Teresina die Achseln- „Er fragt bei Allem: Quanto costa? Ah, Agerala braucht keine Bettler, wir haben selbst Arme genug." „Signora, wenn es den Fremden an Dingen fehlt, die ich habe, so kommt und holt sie von mir," sagte Paula und dann fragte sie nach dem Kinde, ob es der Mutter gleiche. „O nein, nein, ein blonder, kleiner Engel. Arme Kleine! Poverina l Aber es schadet ihr nicht, daß sie nicht die Schön« heil ihrer Mutter hat, sie wird sterben und bei der heiligen Mutter Gottes besser aufgehoben sein." „Liebt das Kind den Vater?" fragte Paula weiter. „Ob es ihn liebt? Man kann es nicht sehen ohne Weinen, wie es die mageren Aermchen um seinen Hals schlingt. Das arme Ding! Es ist so matt, kann kaum einen Ton von sich geben und bittet doch kläglich: Mama mia, nicht böse werden, der Papa will gut sein." Ein Schaudern überlief Paula. Das war Erich? Sein Kind bettelte um Gnade für ihn, um die Freundlichkeit der Mutter für den Pava? O, die Schandei War er denn feig geworden? War er kein Mann mehr vor diesem, seinem wunderschönen Weibe? Und die Elende mißhandelte ihn? In großer Aufregung ging Paula nach der Klippe zurück. Vollzog das Schicksal diese grausamste Rache an ihm um ihretwillen? Und konnte es eine Strafe geben, die schrecklicher war al« diese, daß die verlassene Braut Zeugin werden mußte der Schmach, die ihm von seinem Weibe geschah? Als Paula in das Haus zurückkam, das ihr heute be» sonders eng und düster erschien, rief der Vater sie zu sich. Er lag lesend im Bett, seine Lampe brannte auf einem Tisch hinter seinem Kopfe. Durch da« offene Fenster herein kam eine balsamische Kühle und draußen spannte sich der sternbesäte Himmel über das in metallischem Glanz hier und da aufleuchtende Meer. „Wo steckst Du denn, Kind ? Du wirst mir kopfhängerisch. Wird Dir diese himmlische Stille zu viel, muß ich mit Dir nach Ravello hinauf? Dort sind Menschen genug!" sagte er lebhafter und freundlicher als gewöhnlich. „Sage Ja! Geh' fort von hier!" rief es mahnend in Paula, doch eine andere Stimme protestirte ungestüm dagegen. Dieser letzteren folgte sie. „Nein, Papa! Dir thut dieses Stillsein hier gut, das ist die Hauptsache," antwortete sie und wußte ganz gut, daß sie bleiben wollte aus Stolz und Trotz und — o — auch aus grausamer Rachsucht! „Ja, es thut mir gut, ich wußte es wohl," erwiderte der Vater, immer in diesem freudigeren Tone. „Keinen Menschen sehen, keine fragenden, neugierigen Blicke, keine Stimmen hören zu müssen! Und hier dieser Frieden, diese Harmonie! Was fehlt uns auch! Die brave Signorina kocht gut und Du machst mir sogar dies Häuschen hier ganz traulich. Weißt Du, Paula, ich habe heute zum ersten Male wieder mit Genuß meinen Shakespeare gelesen. Wie der die Menschen kennt!" Und all' der Menschenhaß und die Menschenverachtung in ihm klangen sofort wieder au« seiner Stimme- „Wenn Du jetzt anfingest, Deine Erinnerungen zu schreiben, Vater?" ermunterte fie ihn. „Noch nicht, Paula, ich bin noch viel zu krank dazu- 70 standen brennen ste ganz ruhig fei, ganz ruhig. Wlirfö I Und nun hüllten die düsteren, schwer niederhängenden Wolken schon den Gipfel des Berges ein, Blitze fuhren herab, 1 " — Z z-fcz .....f .L ... ___W.u rtl UKMÄ f AM Sie fanden vor dem niederpraffelnden kalten Regen Schutz unter einem Felsvorsprung; das Gewitter dauerte nicht nur fort, sondern von allen Seiten thürmten sich drohende Wolken aus und das Bergabgehen wurde sehr beschwerlich. Ste eilten trotzdem, so schnell sie konnten, schon um der Erwärmung willen; immer von neuem umleuchteten sie die Blitze, der Donner krachte, als sollte die Welt au» den Fugen Engel hat sanft geschlafen, Hit etwa» Milch und ein wenig von dem frischen Et genosien und der Baron lachte glücklich, als ich sagte, die schönen Sternenaugen blickten weniger matt. Eme quälende Unruhe machte Paula auf die Dauer das Beschränktsein auf da» Hau» und die nächste Umgebung sehr lästig. So begleitete sie einer Tages den Vater auf einem gröberen Ausfluge; er hätte zwar auch jetzt das Alleinsem vorgezogen, aber ihm wurde doch klar, die Tochter brauche Bewegung und Anregung, Mit einem Führer bestiegen sie den Monte Sant Angelo. Es war eine anstrengende Tour; aber die großartige Wildheit de« Berges, seine Felswände und schattigen grünen Matten bildeten einen so wunderbar schönen Gegensatz zu dem in Licht und Farben leuchtenden Land und Meer, daß Vater und Tochter sich nicht genug thun konnten in freudiger Bewunderung. , . Sie hatten schon den Heimweg angetreten, als der Führer sie auf ein rasch aussteigende« Gewitter aufmerksam machte und sie veranlaßte, ihre Schritte zu beschleunigen. Doch wie hätten sie mit dem Sturm Schritt halten können, der jetzt in rasender Wuth heranbrausie, die Baumwipfel zur Erde bog und eine eisigkalte Luftströmung mit sich rief. Die Hausthür flog auf. Erich Tornegg war es mit seinem Kind auf den Armen. Und dann kam die Signora Carducca. „Hier! Hier sind wir geborgen. Im Schutz der Madonna! 0 tutti santi! 0 tutti santi!« rief und befahl und betete die Frau, zitternd und bebend vor Aufregung, ganz kreideweiß. Und ebenso blaß war der hagere, große Mann, der sein Das Erlebte muß sich erst todtgeblutet haben in nut. Aber für Dich hat der Tag vielleicht Gutes gebracht; Martin et- Mlt, im Schlöffe sei eine ganze Gesellschaft eingekehrt, eine auffallend schöne Dame mit einem kranken Kinde- Das wäre so was für Dich! Da kannst Du helfen, pflegen, plaudern. Es sollen Engländer sein." . , . , Sollte sie ihm sagen, wer es war? Er erfuhr es doch über kurz oder lang. w Fragend blickte der alte Herr die Tochter an. „Weißt Du, wer es ist? Erich Tornegg, Vater! Und sein ^^^rsuhrst^Du' das?" richtete der Präsident sich heftig" auf; seine sunkelnden Augen hatten Blicke wie Dolch- spitzen„Jch begegnete den Ankommenden und er erkannte mich QCbßtt« Endlich - endlich waren sie im Thal von Agerala. Das nächste Gebäude, die nächste Menschenwohnung war bflS Mcht'dahin! O, bitte, nicht! Noch hundert Schritte und wir sind bet der Signora Carducca," bat erschöpft Paula den ebenso sehr ermüdeten Vater. Tomaso trat ihnen dort voll Schrecken entgegen. „Santa madre di Dio! Und die Teresina ist bei den Herrschaften im Schlöffe! Das Kind —" Ein heller Blitz und zugleich ein furchtbares Krachen des Donners unterbrachen ihn. . „Misericordia! Santa Madonna! Misericordia! Ora pro nobis!“ schrie der Wirth und stürzte auf die Kniee. „Das hat eingeschlagen," flüsterten Vater und Tochter $$ ^Und ehe ste noch aufathmen konnten, wieder ein Blitz und wieder einer und das Schmettern und Krachen des Donners dazu. Der Sturm fuhr wie rasend, heulend und zischend um da» Hau», die Kälte von vorhin wich einer glühenden Schwüle; es war, als könne man die tief herab- hängende Finsterniß mit Händen greifen. Und unaufhörlich ringsum blaue, rothe, grünliche Blitze. Da war es, als ob draußen eine kreischende Stimme 8 ,Mo er wagte, Dich anzureden?" „Nur was so die Ueberraschung gab- Wir plötzlich vor einander, obwohl wir Beide doch nie an eine Begegnung denken konnten." 8 a „Ich hätte nicht an seiner Stelle sein mögen. „Ich auch nicht, Vater." „Hüte Dich, Paula! Flammen aus der Asche am heißesten. Ich warne Dich!" „Ohne Sorge, Vater! Mein Herz ist tobt. Er soll es wissen, daß er mir weniger als nichts ist." „Paula, Paula! Wer kennt sein Herz?" Sie sah ihn an, als kenne sie ihr Herz genau. „Es ist nicht nöthtg sür uns, ihn zu fl-ehen, sagte ste überzeugt. Dann setzte sie sich zu ihm. „Laß mich Dir vor- lesen, ^Vater! ^uch willig und legte sich nieder. So batte sie ihm früher ost den fliehenden Schlaf herbeigelesen; dann, als er ein gestürzter Günstling war, litten seine Nerven selbst ihre sanfte Stimme nicht mehr. Ihr that diese gezwungene Ablenkung von den unruhigen Gedanken wohl. , ,, . , Sie wollte doch dazu auch sich und ihm beweisen, daß durchbohrend stell^mare Dich schon der Name allein so tief, daß wir vom Tische aufstehen mußten." „Nach Jahren so gänzlich unerwartet, Papa! Als ich ihn heute sah, war ich dadurch schon vorbereitet." 9 Wieder sagte sie nichts von ihrer leidenschaftlichen Er- So soll ich nie und nirgends Ruhe finden vor meinen Beleidigern!" rief er wild. „Wie ein tückischer Kobold hetzt mich das Schicksal! Und Du bist so ruhig oder heuchelst Du mir ru Ueb?^ Vater," war die leise Antwort. Sie wußte nicht, daß sie log; sie hatte die Aufregung des Mor- nens veraeffen, ihr war jetzt plötzlich nur bange, daß der Vater fortginge von hier und daß Erich meinen könnte, ihr Str| ■» I Mehrere Tage gingen hin. Paula wagte nicht, den Umkreis der Klipps zu verlassen; auch flüsterte der Trotz ihr zu, sie dürfe „ihn" nicht glauben lassen, daß sie ginge, ihm zu begegnen. Die Wirthtn kam jeden Tag ganz beladen mit Entrüstung über die Wtrthfchaft der Baronesse. Eine solche Frau gab es weiter nicht! neben dem Korbe, in welchem das Kind ruhte, und während zulegen und der nicht» fand, als die harte HAbank. -*-*■*' MMtrtSiÄ’IÄSXA 8U „Aber," schloß die Carducca ihren Bericht, „der kleine | Arme Paula« zu sehen. 71 Ehe er Nachdenken, ehe eins von ihnen sich besinnen konnte, hielt Paula das kleine Wesen in ihren Armen, an ihre Brust geschmiegt und das erschrockene kleine Geschöpf drückte sich an sie, daß es sie durchrieselte mit seltsamer Wärme. „Das Schloß brennt. Der Blitz hat eingeschlagen," hatte die Carducca geschrieen, sobald sie zu Athem kam. Unterdeß füllte sich da« Haus mit Leuten aus der Nachbarschaft, die dasselbe riefen. „Laßt es brennen, das verwünschte Schloß!" schalt Tomaso zornig. „Die Heiligen hatten es nicht lieb von An« fang an. Laßt es brennen, es ist ein Unglückshaus." „Ja, ein Unglückshaus," murmelten die Anderen. „Stein und Mörtel brennen nicht lange," rief ein Zweiter dazwischen. Der Präsident hatte Erich kaum erkannt, als er auch schon das Zimmer verließ. Erich Tornegg sah e» nicht, erhalte nur Augen für sein Kind. „Ich hole die Mama, Pia, mein Engel," hatte er ihm zugeflüstert. „Wollen Sie sich meines Kinder annehmen, Paula? Nur eine Weile. Meine Frau ist fort, seit Mittag. Ich fürchte, sie hat sich verirrt; ich muß sie suchen; wohin kann sie nur sein? Die Aermste fürchtet sich so sehr vor dem Blitz," hatte er halb zu ihr, halb zu der Carducca gesagt, die eben einen mit Wolle gestopften Pfühl für da« Kind herzutrug. Tomaso brachte eine brennende Kerze. „Willst Du bei der lieben Signora bleiben, Pia? Oder willst Du zu der Caterina?" Das war das junge, schreckens« starre Kindermädchen, welches hinter ihm stand. „Papa will die Mama holen, die liebe Mama." Das Kind blickte mit seinen erschrockenen, krankhaft groben Augen in die Paulas, dann schlang es plötzlich die mageren Aermchen um ihren Hals. „Si, babbo!“ Wie Paula war, als sie so plötzlich Erichs Kind am Herzen hielt? — Sie dachte nicht darüber nach, fühlte nur eine wonnige Zärtlichkeit für da» arme kleine Wesen sich in ihrem Herzen regen und sah es liebevoll an, indem sie ihm in der Sprache seiner Mutter, in welcher auch Erich zu ihm geredet, Liebesnamen gab. Er war schon fort, hinaus in das noch immer fortdauernde Gewitter. Die Leute standen und knieten, Gebete murmelnd, im Zimmer umher und die Carducca flüsterte Paula zu: „Ich wette, sie ist ihm fortgelaufen, die Schlechte will nicht bei dem Bauernvolk bleiben, er soll wieder hinunter mit ihr und dem Kinde nach Amalst. Ah, als ob die Wtrthin in der Luna nicht wüßte, daß sie eine Liebschaft hat mit dem rolhbärtigen Maler! Er, der Baron, ahnt nichts. Ach, diese Männer, sie find allemal so dumm, wie ihre Weiber schlecht!" „Um Gotteswillen, das Kind versteht jedes Wort!" hatte Paula erschreckt sie abgewiesen; nun aber die Wtrthin sich nicht stören ließ, sondern in ihrer Aufregung bis zu Ende sprach, mußte sie sich hinsetzen, ihr bebten die Kntee. Erichs Frau eine Elende? „II povero poverino!“ begann die Carducca wieder. „Er sucht sie. Mag lange suchen, wenn ich ihm nicht auf die Spur helfe." „Und da» müssen Sie thun, Signora Teresina!" „Gewiß, ich will auch, Excellenza I Da» ist meine Pflicht. Die Gevatterin au» der Luna hälte e» thun müssen; längst schon! In Amalfi drunten weiß es bereits jeder Bettler am Weg und ihrer find viele. Ein Landsmann ist er von der Baronessa; aber so Einer, der auch mit jeder Stubenmagd schön thut, wenn er just keine Gräfinnen haben kann. Ich sag'» dem armen Herrn; er soll nicht zum Gelächter werden für die Buben von Amalfi! Und um so eine — so eine — ja, ich glaub'« schon, der gefällt es bei dem rechtschaffenen Bauernvolk nicht." „Dar sind ja hübsche Geschichten!" sagte mit scharfem Hohn der Präsident, der dem Sinne nach vermöge ihrer ausdrucksvollen Mimik die Wtrthin leidlich verstehen gelernt- — „Und Du machst es wie die Romanheldinnen alle, die edlen natürlich! — Du läßt Dir das Kind aufhalsen und was geht es Dich an? — Das Wetter beruhigt sich; ich will nach Haufe!" fuhr er ärgerlich drängend fort, da sie schwieg. „Gieb das Kind der Padrona, ich mag es nicht in Deinen Armen sehen. Meine Kleider sind seucht, ich bin müde und mich fröstelt, laß uns nach Haus." Sie schwieg bestürzt. Erich hatte ihr das Kind übergeben, wie konnte sie es jetzt verlassen, dies zarte Kind, das in ihren Armen eben sanft einschlief, ungestört von dem Sprechen und Durcheinander der vielen Leute? Da kam Martin; er hatte Regenschirme und Mäntel geholt. Durch die Fenster drang noch immer der Flammenschein, die Blitze ließen nach und die Bauern liefen hinaus; sie wollten jetzt sehen, was nur brennen möchte in dem Gemäuer des Schlosses. „Papa, ich bitte Dich, geh' voran! Ich habe es versprochen; ich kann das Kind nicht Anderen überlassen." „Unsinn! Da ist die Carducca, da da« Mädchen!" „Ich bitte Dich, lieber Vater, laß mich!" „Da haben wir es ja! Um dieses Menschen Kind, der sie behandelt hat wie —" „Das Alles ist nie so lebendig in mir gewesen wie in dieser Stunde, Vater! Nie fühlte ich so sehr wie eben jetzt, daß ich nur noch Mitleid für ihn haben kann." „Und dennoch! Komme mit, ich befehle e« Dir," sagte er in heftiger Erregung. „Was geht seine Brut Dich an!" Ihre Augen blitzten ihn ebenso zornig an. Jetzt hatte sie große Aehnlichkeit mit ihm. „Es ist uns Beiden besser, wenn Du jetzt allein gehst!" sagte sie trotzig. So hatte der Vater sie nie gesehen; fast bestürzt vermied er ihren Blick. Er nahm Martins Arm und ging. Sie blickte finster vor sich hin. Welche Erinnerungen waren in ihr geweckt. In ihren Armen schlief das Kind so sanft und süß, als ob es in Mutterarmen läge. So hätte sie ihr eigenes und sein Kind in den Armen gehalten, wenn er ihr nicht kurz vor der festgesetzten Hochzeit sein Wort brach. Alles stand wieder vor ihr, wie es damals gewesen. Er war in Rom bet der Gesandtschaft angestellt. Den zahlreichen Liebesbriefen folgte ein plötzliche» völliges Verstummen ; geängstigt schrieb sie, schrieb wieder und wieder — keine Antwort. Da telegraphirte ihr Vater an einen Geschäftsmann des Fürsten. Die Rückantwort lautete, der Herr Baron sei sehr wohl, man habe ihn erst heute auf der Bank gesehen, wo er eine Summe Geldes erhob. Was bedeutete sein Schweigen? Welche räthselhafte Unart gegen seine Braut! Ein Telegramm an ihn selbst wurde abgesandt. Keine Rückantwort, als die kurze: „Brieflich Erklärung." Und die Erklärung kam dann. Sie war kurz, sehr kurz. „Vergieb mir, ich flehe Dich an, oder — lieber noch, hasse mich, Paula; ich verdiene es nicht anders, lieber mir ist ein Zauber und dem ist meins Siebe zu Dir und meins Ehre erlegen. Hier Dein Ring, ich bin Deiner nicht mehr werth." Das war Alles. Und was hatte sie empfunden, als sie immer wieder diesen Brief las! Ihr Vater wußte schnell genug Alles. Stand es doch in jeder Zeitung Roms zu lesen, daß ein Deutscher, ein Cavalter der Gesandtschaft, ganz Italien, die Kirche, den Himmel beleidigt, indem er aus dem Kloster der Schwestern vom Sacrs Coeur Trintta bei Monti eine Pensionärin entführte. Der Vater hatte Recht. War sie nicht die richtige Romanheldin, daß sie hier saß und sein Kind behütete, indeß 72 et dem ehrlosen Weibe nachlief, bas ihn mit dem ersten besten Maler betrog? Und doch! Wie dar unschuldige Kind so sanft schlum* werte! Vielleicht war da« auch nur Lüge, was dis Padrona aus der Luna der Carducea gesagt. Diese ging geschäftig im Hause ab und zu. „Ich rüste die Gastkammern; im Schloß brennt Aller, war Holz ist, wie wenn dar Feuer an allen vier Enden ausgebrochen wäre," sagte sie und forderte keine Antwort von Paula, sondern lief geschäftig weiter. (Fortsetzung folgt.) Auf der Kkenthierjagd. Eine Jagderinnerung aus Livland. Von A. v. Stetten. An einem Spätherbsttage der Jahres 1887 erhielt ich die sehr herzlich abgefaßte schriftliche Einladung einer meiner ehemaligen Bonner Universitätsfreunde, Namens Pettrasch, eines Dmtschruflen, ihn auf seiner schönen Besitzung im nördlichen Livland zur Abhaltung von größeren Jagden zu besuchen. Da ich meinem Freunde schon längst einen Besuch in seinem baltischen Heim zugesaat hatte und es ferner für mich zu Hause gerade nichts zu versäumen gab, so beschloß ich, der liebenswürdigen Einladung trotz der herrschenden rauhen Witterung Folge zu leisten. Nach anstrengender Eisenbahn- reise, welcher eine mehrstündige Wagenfahrt auf ziemlich primitiver Straße folgte, traf ich in K., dem inmitten ausgedehnter Waldungen gelegenen Landsitze meines Freundes, ein, und fand dabei den denkbar besten Empfang. Noch am Abend des Ankunftstages ging ein tüchtiges Schneewetter nieder, und Freund Pettrasch meinte lachend, als ich mit ihm und seiner liebenswürdigen Gemahlin an der wohlbesetzten Abendtafel saß: „Das gibt einen braven Schnee, lieber/Stetten, Du hättest es gar nicht besier treffen können! Denn nunmehr stehen Dir die schönsten Jagdparthien per Schlitten, wie per Schneeschuh in Aussicht, und ich sage Dir, an Abwechselung wird es nicht fehlen. Aber, ä propos, alter Corpsbruder, vielleicht wirst Du erst ein bischen Unterricht im Schneeschuhlaufen nehmen müssen, oder hast Du Dich seit unserer Bonner Studentenzeit auch schon auf dieses Gebiet gewagt? ' „Keine Angst, alter Junge," erwiderte ich, einen kräitigen Schluck aus dem vor mir stehenden Glase voll alten Rüdesheimer nehmend, „ich glaube es im Wettlaufe selbst mit einem norwegischen Skiläufer aufnehmen zu können, und gerade hier in Euren baltischen Ebenen werden sich der Entfaltung meiner „Kunst" wohl nicht so große Hinderniffe entgegenstellen. Erlaube indeffen meinerseits eine Frage: Bei welcher Jagd sollen denn die Schneeschuhe in Thätigkeit treten?" „O, das ist ziemlich gleichgültig," meinte der Hausherr und strich, wiederum lächelnd, seinen mächtigen Bart, „Du wirst sie auf unseren Ausflügen schon brauchen, denn wir pflegen hier zu Lande mit S vnee gesegnet zu werden. Ich will Dir jedoch verrathen, daß ich im Speciellen an eine Elenthierjagd denke, womit ich Dir jedenfalls etwas Neue» bieten darf, und wollen wir an die Ausführung dieses Unternehmens gehen, sobald das Wetter nur einigermaßen dies gestattet." Das Tischgespräch wandte sich dann d-n gemeinschaftlich verlebten schönen Zeiten an den Ufern des Vater» Rhein zu, dennoch vergaß ich darüber nicht die von meinem Freund gegebene Anregung, und noch ehe ich mich zur Ruhe begab, mußte mir Pettrasch nochmals die Versicherung ertheilen, daß ich in der That das aufregende Vergnügen einer Jagd auf da« mächtige Elen genießen solle. Am zweiten Tage nach meinem Eintreffen forderte mich denn auch der Schloßherr von K. früh auf, ihn auf einer Pirsche gegen Elenthtere zu begleiten. Seine Waldläufer hatten die Spur diese« immer seltener «erdende» Wildes auf* gefunden und ihn unverzüglich von ihrer Entdeckung in Kenntniß gesetzt. Rasch waren die nöthigen Vorbereitungen getroffen und wir folgten nun auf unseren Schneeschuhen, die sich angesichts der die Gegend ringsum bedeckenden Schnee- maffen allerdings als auch sehr nöthig erwiesen, dem Forst, oder Waldaufseher nach, der die Meldung von den entdeckten Elenthierspuren ins Schloß gebracht hatte. Wir, mein Freund und ich, führten jeder einen hochbeinigen Jagdhund aus der gutbesetzten Meute des Ersteren mit uns, und die Ungeduld, mit welcher die klugen Thiere an der Leine zerrten, bewies hinlänglich, daß sie zu wissen schienen, an welch' besonderem Unternehmen sie heute mitwirken sollten. Nach etwa einstündigem schnellen Dahinschlürfen auf dem prächtig tragenden Schnee erreichten wir den Fleck, an welchem der Forstläufer am Tage vorher zuerst auf die Spuren der Elenthtere gestoßen war. Zunächst zeigte sich allerdings nur eine Spur, diejenige eines alten Bocke», wie mein Freund behauptete, nach etwa halbstündigem Äeitermarschiren er* blickten wir jedoch eine dritte und vierte, und vereinigten sich sämmtliche letztere Spuren dann mit der zuerst ausgefundenen Fährte. Die drei zuletzt entdeckten Spuren characteri- sirte Pettrasch al» von einer Kuh und zwei Kälbern herrührend und fuhr dann in seinen Erläuterungen fort, indem er sich auf den Schnee niederbückte und die Fährten der Elenthtere einer nähern Untersuchung unterwarf. ■ „Es ist so, wie ich sagte, ein Bock, der ein recht stattlicher Bursche sein muß, sowie eine Kuh sind hier vorübergegangen, und zwar kann dies kaum erst vor einer Stunde geschehen sein, die Spuren sind ja noch ganz frisch. Möglicher weise sind die Thiere gar nicht weit entfernt — ah, wahrlich, da drüben sind sie — still!" Mein Freund hatte sich bei den letzten Worten wieder emporgerichtet und deutete nach einem etwa dreihundert Schritt entfernten Dickicht hin. Ich verfolgte mit den Augen die angegebene Richtung und sah nun zwischen den bereiften Zweigen die dunkeln Umrisse des Rückens eines großen Thiere» mit ungeheuerem schaufelartigen Geweih, welche» über da» Unterholz herausragte. In der Nähe entdeckte ich dann bei schärferem Zusehen noch drei andere kleinere Thiergestalten, kein Zweifel, wir hatten den Elenbock und die drei weiblichen Thiere vor uns. Wir hielten rasch entschlossen Kriegsrath, zu dem auch der Waldläufer beigezogen wurde, und das Ergebniß der Conferenz bestand in dem Beschlüsse, die Hunde auf das erspähte Wild loszulassen und ihnen mit möglichster Schnelligkeit zu folgen. Wüthend Laut gebend schoflen dis beiden Köter auf das Dickicht los, während wir drei Jäger auf unseren Schneeschuhen hinter den Hunden dreinsausten. Die Elenthiere warteten natürlich dar Herankommen der Hunde nicht ab, sondern stürmten auf der uns abgewendeten Seite des Gebüsches heraus und auf einen Hochwald zu, welcher in einiger Entfernung von dem erwähnten Dickicht begann. Rasch umliefen wir dasselbe, als wir jedoch die Haidefläche erreichten, welche sich bis zum Saume des Hochwaldes htn- zog, da waren die Elenthiere unseren Blicken entschwunden, nur ihre Fährten und das immer eifriger ertönende Gebell der Hunde deuteten die ungefähre Richtung an, in welcher sich das verschwundene Rudel befinden mußte. Ohne Zeitverlust eilten wir indeflen nach der Gegend de» Waldes zu, von welcher her das Gekläff immer lauter und schärfer erscholl, und bald erreichten wir eine kleine Lichtung, auf welcher sich das männliche Elen nit Hufen und Geweih energisch gegen seine ihn hart bedrängenden vierfüßigen Verfolger zur Wehr setzte; von den drei weiblichen Eienthieren war dagegen nichts mehr zu bemerken. Als wir uns der kämpfenden Gruppe näherten, setzte sich der Bock in eine« schwerfälligen, aber trotzdem rasch fördernden Trab und war mit den ihm folgenden Hunden bald auf» Neue unseren Blicken entschwunden. (Fortsetzung folgt.) Redaktion: A. Gcheyd«. — Druck und Verlag der Brühl'sch«, UniversikSts-Buch- und Steindruckerei (PietsH & Scheyda) in Gießen.