Untrrhaltimgsbtatt ;mit Gießener Anzeiger (Generat-AnMNer). Nr. 146. ZLWStag des 12. Teeember ~ " L^MLS ümiiiskklätiek WEMDOW W^M GAMM ^MWM 01 L2L2- r" : 2T-.': WM^MOW aHDMSWW SBegs&i^^SäaSi*^ zMWM WW Die Brüder. Novelle von Reinhold Ortmann. (Fortsetzung.) Und dann — wie es eben zumeist im Leben geschieht — wurden vor dem unerwarteten Verlauf der Dinge alle ihre in langem, angstvollem Grübeln gewonnenen Vorsätze zu Schanden. Es war wieder einer jener kritischen Tage, an denen die Miene des Sanitätsraths noch ernster wurde als gewöhnlich, und auch die Diaconisstn hatte zu Margarethens namenlosem Schrecken ganz gegen ihre Gewohnheit am Morgen eine Aeußerung gethan, die sich nur mit der Absicht erklären ließ, sie sanft und schonend auf das Schlimmste vorzubereiten. Gegen Mittag hatte sich die Pflegerin dann auf kurze Zeit aus dem Zimmer entfernt, um draußen in der Küche etwas zuzubereiten, und todesbangen Herzens war Margarethe mit dem Kranken allein geblieben. Gespannter als sonst beobachtete sie heute in ihrer schrecklichen Furcht sein blasses, verfallenes Gesicht, und wie eine eiskalte Faust schnürte das Entsetzen ihr die Kehle zu» sammen, als sie plötzlich eine seltsame, nie zuvor gesehene Veränderung in Hermann Eggestorfs Zügen wahrnahm. Ihre bisherige Schlaffheit wich einem eigenthümlich gespannten und energischen, ja trotzigen Ausdruck; die Lippen verzogen sich wie zu einem zornigen oder befehlenden Wort, und die Lider der geschloffenen Augen zuckten gleich denen eines Schlafenden, dessen Antlitz von einem Hellen Lichtstrahl getroffen wurde- Margarethe glaubte nichts Anderes, als daß die» die Anzeichen des beginnenden Todeskampfes feien. Sie wollte ausspringen, um die Diaconisstn zu rufen, aber die Glieder versagten ihr den Dienst. Sie wollte schreien, aber nicht um den Preis ihres Lebens hätte sie auch nur einen einzigen armseligen Laut über die Lippen bringen können. Von dem Uebermaß des verzweifelten Schmerzes gelähmt, starrte sie regungslos auf den vermeintlich Sterbenden, und ihre wirre Gedanken vermochten das Unglaubliche kaum zu fassen, als sie plötzlich Hermann Eggestorf» Augen groß und verwundert, aber mit dem unverkennbaren Ausdruck voll geistiger Klar» heit auf sich gerichtet sah. Wie lange dies stumme Begegnen ihrer Blicke gewährt haben mochte, ob es Secunden oder Minuten gewesen waren — sie wäre nachher nimmer im Stande gewesen, es anzugeben. Sie wußte nur, daß sie in dieser winzigen Spanne Zeit an furchtbarer seelischer Erregung mehr durchlebt hatte al» in ihrem ganzen bisherigen Dasein; und von den tausend Gedanken, die sich chaotisch in ihrem Kopfe gekreuzt hatten, erinnerte sie sich später an nichts Anderes mehr als daran, daß sie unwiderruflich entschlossen gewesen war, mit ihm zu sterben. Als die barmherzige Schwester wieder in's Zimmer kam, fand sie das junge Mädchen auf den Knieen neben dem Bette, während der Kranke still da lag wie zuvor. Seine Augen waren geschloffen, aber auf seinen Lippen war ei« glückseliges Lächeln. Sie beugte sich zu ihm herab und legte für einen Moment ihre kühle, weiche Hand aus seine Stirn. „Weshalb weinen Sie? ' fragte sie mit leisem Vorwurf. „Fürchten Sie denn nicht, den Patienten dadurch aus seinem Schlummer zu wecken?" M L Margarethe erhob das thränenüberströmte Antlitz, das schmaler und älter geworden war in der Todesangst dieser letzten Minuten. „ „ „ , t , „Verzeihen Sie mir!" flüsterte sie. „Aber ich kann nicht anders. Ich glaubte ja, er stürbe." „So dürfen Sie dem Allmächtigen letzt um so inniger sür seine Gnade danken. Denn während der Viertelstunde meines Fernseins ist in dem Befinden unseres Kranken unverkennbar eine Wendung zum Besseren eingetreten. Das Fieber ist erheblich zurück gegangen, und statt in tiefer Bewußtlosigkeit wie vorhin, liegt er jetzt in ruhigem Schlafe. Sicherlich ist noch nicht jede Gefahr vorüber, aber wenn mich nicht alle meine Erfahrungen täuschen, dürfen wir doch wieder hoffen." Heißer denn noch zuvor floffen Margarethens Thränen, aber ihr Herz war zugleich von einem Glücksgefühl erfüllt, wie sie es reiner und beseligender kaum je in ihrem jungen Leben empfunden. * Und die Voraussage der Diaconisstn erwies sich als berechtigt. Die gefährliche Krise war überwunden, und wie 582 tf Willigkeit. „Es hat ja auch wohl keinen Zweck mehr, es noch länger zu erhalten." Gleich darauf zag er fich zurück, einer halblaute» Mahnung der Diaconissin gehorchend, und wie nahe ihm in Wahrheit die kurze Unterhaltung mit dem Genesenden gegangen war, da» offenbarte sich erst draußen auf der Diele, wo er in den dunklen Winkel hinter der Treppe flüchtete und minutenlang in sein buntes, baumwollenes Taschentuch hineinschluchzte wie ein Kind. Werner Eggestorf hatte die Schwelle des Krankenzimmers noch immer nicht überschritten, und so schwer es ihr auch fiel, seiner Erwähnung zu thun, konnte Margarethe sich eine» Tages doch nickt mehr enthalten, die Pflegerin nach der Ursache seines auffallenden Fernbleibens zu fragen. Zu ihrem Erstaunen erhielt sie die Antwort, daß zwar der Arzt gegen Werners Besuch bei dem Bruder jetzt nichts mehr einzuwenden habe, daß aber der junge Mann selbst seine Absichten geändert zu haben scheine, da er auf das Dringendste ersucht habe, dem Reconvalenrcenten vorläufig nicht» von seiner Anwesenheit mitzutheilen. Ueber den Beweggrund, der ihn bestimmen konnte, einem Wiedersehen mit dem auf beinahe wunderbar Weise soeben vom Tode erretteten Bruder auszuweichen, hatte die Schwester keine Vermuthung, und es gehörte auch wohl nicht zu ihren Gewohnheiten, fich über die intimen Angelegenheiten anderer Leute unnütze» Kopfzerbrechen zu machen. Von dem Tage an, da Hermann Eggestorf mit Sicherheit als ein Genesender betrachtet werden konnte, hatte Margarethe fich stets mit dem Einbruch der Dunkelheit aus seinem Zimmer entfernt, die Nachtwachen, die jetzt nur noch wenig Anstrengendes hatten, ausschließlich der berufenen Pflegerin überlaffend. Weder diese noch der Arzt hatten einen Einspruch dagegen erhoben, und daß der Sanitätsrath in der jüngsten Zett merklich kühler und zurückhaltender gegen sie geworden war, schien Margarethen um so unerklärlicher, al» sie sich bewußt war, sonst wahrlich keine ihrer freiwillig übernommenen Pflichten vernachlässigt zu haben. Eine» Morgen», al» er sie wieder im Krankenzimmer angetroffen und sich beim Kommen wie beim Gehen auf einen kurzen, fast unfreundlichen Gruß beschränkt hatte, faßte Margarethe den Entschluß, sich über sein veränderte» Benehmen Aufklärung zu verschaffen. Sie folgte ihm bi» in da« Vorgemach, und fragte ihn gerade heraus, worin sie gegen ihn oder gegen den Kranken gefehlt habe. Doctor Sottet machte ein unwirrsches Gesicht und schien nicht übel geneigt, ihr eine ausweichende Antwort zu geben; aber als er dann dem bittenden Blick ihrer in voller Unbefangenheit zu ihm erhobenen Augen begegnete, änderte er seine Absicht. „Gefehlt? — Nein, mein liebe« Kind, wenn hier Einer gefehlt hat, so war ich e«, — ich allein. Ich alter Knabe hätte mehr Lebenserfahrung haben müssen als Sie und hätte nimmermehr zugeben dürfen, daß Sie sich in eine so schiefe Stellung brachten. Die Welt und die Menschen sind eben noch viel miserabler, als man'« selbst in den schlimmsten Stunden für möglich hält." Margarethe war sehr roth geworden; aber e« war nicht die Gluth de« Schuldbewußtseins, die auf ihren Wangen brannte. „Ich wußte, daß ich die üble Nachrede der Leute herausfordern würde," erwiderte sie ruhig, „und ich war deshalb auch von vornherein entschlossen, mich nicht darum zu kümmern. Sie dürfen e« mir getrost mittheilen, Herr Sanitätsrath, was man über mich spricht." Der Doctor machte eine ärgerliche Bewegung mit den Schultern. „Was man über Sie spricht — ja, wenn ich nur einmal Gelegenheit hätte, es mit eigenen Ohren zu hören! Aber das Gesindel hütet sich sehr wohl, in meiner Gegenwart mit seinem Geklatsch und Getratsch zum Vorschein zu kommen. Da flieht es nichts al« halbe Anspielungen um allgemeine Redensarten, bei denen man sie nicht auf die langsam auch immer die Besserung fortfchreiten mochte, nahm sie doch von jenem Tage an einen durch keine bedrohlichen Zwischenfälle mehr gestörten, gleichmäßigen und stetigen Verlauf. Zunächst freilich war die Schwäche de« Patienten noch zu groß, al« daß er an Personen und Vorgängen um ihn her einen merklichen Antheil genommen hätte. Wenn er nicht schlummerte, wie es während der weitaus meisten Tagesstunden der Fall war, lag er ganz still mit offenen Augen da, und nur da» sonnige Lächeln, da« über sein bleiche« Antlitz huschte, sobald er Margarethen« ansichtig wurde, war ein sicherer Beweis für die Klarheit seines Bewußtseins. Es war fast eine Woche nach jener so überraschend eingetretenen Wendung vergangen, als er zum ersten Male eine Frage an sie richtete, und noch da begehrte er nicht zu wissen, wie sie hierher komme, sondern er sagte leise und zaghaft wie ein Kind: „Sie werden mich nicht verlassen — nicht wahr? Ich meinte, Sie wären fortgegangen, aber es war zum Glück nur ein Traum." Das Herz klopfte ihr zum Zerspringen; aber es gelang ihr, fich zu beherrschen und mit einem Lächeln erwiderte sie: „Nein, Herr Eggestorf — ich werde bei Ihnen bleiben, so lange ich Ihnen von Nutzen sein kann. Und am wenigsten würde ich mich ohne Wort des Abschieds von hier entfernen." „Wie gut Sie sind," flüsterte er, „wie gut! — Und wenn ich gesund fein werde —" Aber er vollendete den begonnenen Satz nicht. Das Leuchten in seinen Augen nur ließ errathen, eine wie beglückende Vorstellung seine Seele erfüllte. Viel langsamer als die Erkenntniß der Gegenwart, kehrte ihm offenbar die Erinnerung an jene Dinge zurück, die fich vor seiner Erkrankung zugetragen. Auch fehlte ihm ersichtlich jede Schätzung für die Zeit, die er nun schon hier auf feinem Leidenrbette zugebracht, denn eine« Tages richtete er an die Dlaconisstn die Frage, welches Datum man heute schreibe, und al» sie e« ihm arglos der Wahrheit gemäß mitgetheilt hatte, malten fich schreckhafte Ueberraschung und tief schmerzliche Enttäuschung in seinen Zügen. Mit einem Seufzer kehrte er das verdüsterte Antlitz gegen die Wand und viele Stunden vergingen, ohne daß er ein Wort gesprochen hätte. Am anderen Morgen verlangte er nach dem Diener Bendemann, und obwohl es nicht ganz unbedenklich schien, den sonderbaren Alten zu ihm zu lassen, wiederholte er doch auf die erste ausweichende Antwort hin fein Begehren mit solchem Nachdruck, daß die Schwester fich entschloß, ihm zu willfahren. Und die kleine Wiedersehensscene verlies ruhiger, als man es hatte erwarten dürfen. Der alte Mann fuhr sich zwar ein paar Mal mit dem Rücken der Hand über die Augen, bevor er das Zimmer betrat, dann aber verzog er fein mürrisches Gesicht zu einem vergnügten Grinsen und trat mit einer erkünstelten Unbefangenheit, die bei seinem schauspielerischen Ungeschick etwas zugleich Komisches und Rührendes hatte, an das Lager seine» Herrn. Hermann Eggestorf mußte denn auch bei seinem Anblick unwillkürlich lächeln und mit ein paar freundlichen Worten, die dem Men alle Fragen wie alle Glückwünsche abschnitten, drückte er ihm die Hand. Dann aber winkte er ihm mit den Augen, fich tiefer zu ihm herab zu neigen, wie wenn er von der im Zimmer zurückgebliebenen Diaconissin nicht gehört werden solle, und raunte ihm eine hastige Frage in» Ohr. Die Antwort de« Diener» wurde ebenso leise gegeben, und ein wehmüthige« Zucken in dem Gesicht de« Genesenden ließ erkennen, daß sie in ihrem unerfreulichen Inhalt nur seinen Erwartungen entsprach. Für eine kleine Weile verharrte er schweigend; dann stieß er rasch und mit einer gewissen Heftigkeit hervor: „Schlagen Sie da» Modell zusammen — heute noch — auf der Stelle! Wenn ich wieder in« Atelier komme, will ich nicht« mehr davon sehen!" „Jawohl, Herr Eggestorf," sagte Bendemann mit einer bei der Natur de« Auftrage« fast verwunderlichen Bereit- Lästerm schlimm daß @gi Gezische machen- „L erschreck in seine man e« zum Sk der mid Di argwöhr wurde Ralvetä! T hätte," Nachgiek es anzm eben ml jetzt abe ihn selb! seinetwll wiederhe Mi den Kop „S Stücken terrn 6 ufenthc auch fei And nid irgend 2 mich ein; „Jl nicht ein „N Umständ Sie nur ein der freit jungen j llchsten f „N schaffen edler ui obwohl § Pflicht, ° „M „Bl Gefahr I ich offen „Dl gewiß!" „N, pfehlen, scheint fi und sein, daß mai aussetzen einmal, i lieber ni Dai jäh eine Bedauert hatte; ni nicht aus „Sl und urtl ober nich Leute üb heit, der 583 Lästermäuler klopfen kann, ohne die Sache mehr zu ver- Wimmern al, zu bessern. Ich will nur von Herzen hoffen, daß Eggestorf bald soweit hergestellt ist, diesem abscheulichen Gezischel und Getuschel mit einem Schlage ein Ende zu machen." -Herr Eggestorf?« fragte Margarethe befremdet und erschreckt. „Glauben Sie denn, daß man e» wagen roiitbe, auch in seinem Beisein Schlechtes von mir zu reden? Und wenn man e« thäte, welches bessere Mittel hätte er, die Verläumder zum Schweigen zu bringen als Sie oder irgend ein Anderer, -er mich kennt?- Die scharfen Augen des Sanitätsraths musterten sie argwöhnisch. Wie herzlich er ihr auch zugethan sein mochte, wurde es ihm doch offenbar schwer, an soviel unschuldige Naivetät zu glauben, als sich in ihrer letzten Frage kundgab. „Das will ich doch meinen, daß er ein bessere» Mittel hätte," sagte er mit Nachdruck. „Und ich würde meine Nachgiebigkeit ewig bereuen müssen, wenn er etwa zögerte, es anzuwenden. Wäre er gestorben, nun, so hätten Sie sich eben mit dem Urtheil der Welt abfinden müssen. Da es jetzt aber, Gott sei Dank, anders gekommen ist, giebt es für ihn selbstverständlich keine heiligere Pfiicht al« die, Ihren um seinetwillen gefährdeten Ruf auf die einzige mögliche Weise wiederherzustellen." Mit großer Entschiedenheit schüttelte Margarethe den Kopf. „Sie irren, Herr Sanitätsrath I Da ich aus freien Stücken hierher gekommen bin, und da auf Seiten des Herrn Eggestorf nicht einmal von einer Duldung meines Aufenthalte» in seinem Haufe die Rede sein kann, find ihm auch selbstverständlich keine Pflichten gegen mich erwachsen. Und nichts würde mir schmerzlicher sein, al» wenn er von irgend Jemand veranlaßt würde, ganz unnöthiger Weise für mich ein,«treten." „Ja, da» verstehe, wer kann. Sie haben also am Ende nicht einmal den Wunsch, sich mit ihm zu verloben?" „ -Nein, gewiß nicht — eine solche Möglichkeit ist den Umständen nach vollkommen ausgeschlossen." Sie hatte es mit fester Stimme gesprochen, ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, und der Sanitätsrath, der freilich nicht ahnen konnte, wie es dabei in ihrem armen jungen Herzen aussah, legte sein Gesicht in die alleroerdrieß. lichsten Falten. „Run, mein liebes Fräulein, wenn die Dinge so beschaffen sind, wag Ihre Handlungsweise ja noch um Vieles edler und selbstloser sein — aber ich halte e» denn doch, obwohl Sie mich nicht um Rath gefragt haben, für meine Pflicht, Sie zu warnen." „Mich zu warnen? Wovor?" „Bor Ihrer eigenen Menschenfreundlichkeit, die Sie in Gefahr bringt, sich Ihre ganze Zukunft zu verderben. Darf ich offen zu Ihnen sprechen?" „Da ich sicher bin, daß Sie e» gut mit mir meinen — gewiß!" „Run, ich darf Ihnen als Eggestorf« Arzt nicht em» Psehlen, sich schon jetzt ganz von ihm zurückzuziehen, denn er scheint sich doch sehr an Ihre Gegenwart gewöhnt zu haben, und seine Gesundheit ist noch keineswegs hinlänglich gefestigt, daß mau ihn ohne jede Gefahr neuen Gemüthsbewegungen aussetzen dürfte. Die Rächte aber — ich bitte Sie noch einmal, mir nicht böse zu sein — die Rächte sollten Sie doch lieber nicht mehr unter diesem Dache zubringen. Da» brennende Roth auf Margarethen» Wangen war jäh einer tiefen Blässe gewichen. Doctor Sottet sah mit Bedauern, daß er sie dennoch auf da» Empfindlichste gekränkt hatte; nun aber war e» heraus, und er hielt es für geboten, nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben. „Schenken Sie mir nur noch einen Augenblick Gehör, und urtheilen Sie dann, ob ich Ihren Zorn verdient habe oder nicht. Ich sagte vorhin, daß ich genau weiß, was die Leute über Sie schwatzen, und das entsprach nur der Wahrheit, denn man legt sich mir gegenüber au« begreiflichen Gründen eine gewisse Zurückhaltung auf. Schließlich aber sickert doch Manches durch, und soviel wenigsten« kann ich Ihnen mittheilen, daß man sich in erster Linie über ihr un» klares Verhältniß zu dem Bruder unseres Patienten aufhält. Man weiß, daß Ihr Verlöbniß mit Werner Eggestorf aufgehoben worden war — gemüthvolle Seelen haben sogar die Lesart verbreitet, Ihr Vater wäre aus Gram darüber gestorben — und nun sieht man, daß Sie in einem Hause, darin e» kein einziges zu Ihrem Schutze bestelltes weibliche Wesen giebt, gewissermaßen Tag und Nacht gemeinsam mit diesem ihrem ehemaligen Verlobten verweilen." „Aber das ist eine schändliche Lüge! Seit dem Abend seiner Ankunft habe ich Werner Eggestorf nicht ein einziges Mal wiedergesehen I" In ihren Augen schimmerten Helle Thränen, und freund- lich erfaßte der Sanitätsrath ihre Hand, wenn seine Miene auch noch immer eine tiefernste blieb. „Ich für meine Person glaube Ihnen das ohne Weiteres, mein verehrte« Fräulein — die böse Welt aber wird es schwerlich glauben, und der junge Mmu hätte um Ihretwillen wohl besser gethan, sich mit seinen Besuchen in diesem Hause etwa« mehr Zurückhaltung auszuerlegen, so lange Sie die Krankenpflegerin feine« Bruders machten. Ich werde mir erlauben, darüber ein Wörtchen mit ihm zu reden." „Aber er hatte doch an jenem Abend feierlich versprochen, so selten als möglich hierher zu kommen, und es kann unmögli h seine Absicht gewesen sein, mich durch einen so abscheulichen Wortbruch in den Augen der Leute bloßzustellen." „Welche Absichten er verfolgt hat, weiß ich nicht — daß er aber tagtäglich hier gewesen ist, und sich oft bi« tief in die Nacht hinein drüben im Atelier aufgehalten hat, kann ich aus eigener Wahrnehmung bestätigen. Sie sehen nun wohl, daß ich nicht den Wunsch hatte, Ihnen wehe zu thun, als ich Ihnen nahe legen wollte, dem bösartigen Geklatsch durch eine Rückkehr in Ihre Wohnung den Boden zu entziehen." „Sie meinen es gut — ich danke Ihnen- Und ich werde selbstverständlich Ihren Rath befolgen. Noch heute gehe ich fort, um nie mehr hierher zurückjukchren." (Schluß folgt.) Arbeiten für den Weihnachtstisch. Korallenkästchen. Man löst rothen Flaschenlack oder Siegellack über dem Feuer in einem Tiegel aus; vorher hat man dicke Baumwollfäden in Büschel von 15 bi« 20 Faden zusammen und an Draht gebunden, die Fäden vielleicht 3 bi» 4 Zentimeter lang. Nun taucht man sie geschwind in den rothen Lack und höngt sie mit dem Stielende nach oben auf eine Schnur, damit sie abtropfen können. Eine Papp, ober Holzschachtel, z. Beisp. eine ’/i Pfund-Zonfectschachtel, wird nun mit rother Emailfarbe angestrichen unb die Korallenbüschel mit dem Draht durch den Deckel in die Seitenwände gesteckt, sodaß die ganze äußere Seite mit den Korallenbüscheln bedeckt ist. Innen wird ein leichte« Seidenfutter ober Papier eingeklebt, daß die Drahtstiele unsichtbar werden. Zu einem Paar reizender Pantoffel find ovale und runde Häkelfarmen nöthig, weiche mit grauem Garn Rr. 14 überhäkelt und mit Goldspinnchen verziert werden- Dann schneidet man fich einen Schnitt nach einem Pantoffel au» Steifgaze, setzt die Häkelformen zusammen, bezieht die Steifgaze recht» und links mit hellblauem Seidenstoff und näht den gehäkelten Pantoffel darauf- Alsdan wird das Ganze auf eine weiße Filzsohle genäht und der Außenrand des Fußblattes mit hellblauen Seidenrüfchchen verziert. Aus Strohborde geflochtener Staubtuchkorb. In einem Str ckrahmen befugt man oben und unten in gleichen Zwischenräumen je 10 Holzvflöckchen, um diese schlingt man herauf- und heruntergehend fingerbreite Strohborde und — 584 Literarisches Für die Kleinen und zum Ausputz des Christbaumes kann man schönes Scharrmronseet leicht selbst machen. Dies empfiehlt sich namentlich für Leute, welche auf dem Lande wohnen und keinen^Conditor in der Nähe haben. Man schlägt das Weiße von 6 Eiern zu einem sehr steifen Schnee und vermischt diesen mit einen Pfund Zucker, welchen man durch ein Haarsieb aesiebt hat, so daß es eine dlcke, sehr weiße Masie wird. Diese füllt man in eine Spritze und spritzt sie in den verschiedensten Formen (Herzchen, Kränzchen, Dreiecke rc) auf ein mit Wachs bestrichenes Blech. In Ermangelung einer Spritze nimmt man feine Papierdüte, welche unten mit einer kleinen O ff»ung versehen ist. Figuren werden langsam mehr getrocknet als gebackem Bor dem Backen kann man das Confeet färben: grün mit Spmat- saft, roth mit Cochenille, gelb mit Sofftan, schwarz mrt Chocolade, blau mit aufgelöstem blauen Carmin. "oM- birquirs, in einigen Gegenden auch Gedulvbisquits genannt, sehr leicht und unschädlich für Kinder, werden folgendermaßen zubereitet: ‘/a Piund feiner Zucker wird mit 8 ganzen Eiern eine halbe Stunde gerührt, dann mit 12 Loth fernem trockenen Mehl vermischt — nach Belieben giebt man einen Zusetz von am Zucker abgeriebener Cstronenschme oder gestoßener oder gesiebter Ban'lle. Diese Masse wird in eine kleine Düte von festem Schreibpapier nach und nach emge» füllt: man setzt daraus kleine Birquits, die in der Mstte dünner sind, auf ein mit Papier belegtes Blech und bäckt sie in gelinder Atze gleichmäßig hellgelb. Delieates Weihnachtsgebäck. Ein halbes Pfund süße geriebene Mandeln, 6l6i8 8 Pfund bittere dazu, '/r Pfand Butter V» Pfund feinen Zucker, ein wenig Zitronenschale und 1 Pfund feinstes Mehl. Die Butter wird zu Schaum gerührt, die Zuthaten nach und nach hinzugefügt, zuletzt das Mebl- mit diesem wird ein zusammenhängender Teig gearbeitet und möglichst dünn in kleine Muscheln von Weiß- blech die jeder Klempner arbeitet, gedrückt und in mäßiger Litze hellbraun gebacken. Dieses Gebäck sieht m ferner Form genau wie eine Muschel, sehr appetitlich und hübsch aus und schmeckt vorzüglich. Niedliches und zugleich sehr wohlschmeckendes Backwerk für den Chrrstbaum läßt sich nach folgendem ReceM Herstellen. Man nimmt dazu 1'/- Pfund Mehl, 6 Eier, ein reichliches halbes Pfund Zucker und ein halbes Pfund gute Tafelbutter. Die Butter wird zuerst zu Sahne gerührt und Eier, Zucker und Mehl werden nach und nach dazu gerührt. Nachdem der Teig eine halbe Stunde stehen gelassen ist, wird er ausgerollt. Nun werden die einzelnen Stücke ausgestochsrr, mit Et bestrichen und mit buntem Zucker bestreut. Die einzelnen Figuren werden auf Blech gestellt, wobei man darauf achten muß, daß sie nicht zu nahe aneinander stehen und im Ofen gebacken. durchsticht dieses nun entstandene Flechtblatt miffgleicher Borde. Durch die Schlingen der Außenränder leitet man e ne mittelstarke rothseidene Schnur. Drei Ecken des Flechtblattes verbindet man und näht die beiden unteren Seiten zu ammen. Eine Schnur, an die vierte Ecke bescstigt, dient als Aufhängsel. Rothseidene Bällchen verzieren den Staubtuchkorb. ViKtenkartenhalter. Von mittelstarkem, beliebig farbigem Z°«°nSw vom Buchbinder drei Platten zu- schneiden, und zwar müssen diese 18, 16 und 14 lang und 12, 10 und 8 Zentimeter Breit sein. Mit hübschem 2 Zentimeter breiten Atlasband werden diese Platten e n gefaßt, die Ecken müssen eingekippt und mit passender Leide festgenäht werden. Die kleinste P.atte wird nun beliebig mit Malerei verziert, oder man klebt «in hübsches Feldbouquet darauf, wie diese ja im getrockneten Zustand käuflich sind. Die beiden größeren Platten legt man gleichmäßig aufemander und näht sie unten mit obiger Seide fest und dann die kleme ebenfalls darauf. An den oberen Ecken verbmdet man sie mit Band, und zwar so, daß di^Platten 5 Cendmeter offen st h n. Ueber die zwei Ecken der großen Platte setzt man zwei kleme Schleischen und sührt von diesen ein langes Band nach oben zum Aufhängen, daß man in der Mitte zu einer Spitze näht und ebenfalls mit einer Schleife verziert. Hinter dieser wird noch ein Rmg zum Aushängen des Halters befestigt. Eine hübsch- Zierde sür den Weihnachtsbaum ist ein grüner Rasen, aus welchem derselbe herauswächst; man mache sich ein kleines Gärtchen, die Erde braucht nur 2 brs 4 Zentimeter hoch zu sein, säe Kresse darauf oder belege Teller mit Werg, auf welchen angefeuchteter Kressesamen gestrichen wird, stelle dies hell und warm, am 10. brs 14 December ; gemacht, wird man bis zum 24. December grünen Rasen haben, der die Annehmlichkeit hat, nach den Feiertagen verspeist werden zu können. Welke Pflanzen oder Blumen werden wieder straff, wenn man sie in Wasser stellt, dem man etwas Kampfer beigeaeben hat, bezw. sie mit solchem Wasser gießt, auch halten abgeschnirtene Blumen viel länger, wenn man dem Wasser etwas Zhilisalpeter beimischt. D«r itt t>« guten GrsellsSaft. ^Buch gr SJebaction: «. Echryda. - Druck und Verlag der BrühUscherr UnivrrMtS-Buch- und Steindruckerei (Pi-is-b » ®*et,ba) Für den Weihnachtsbüchertisch für Erwachsene wollen wir nicht unterlassen, auf die Wochenschrift hivzuwersen, dre dw literansch veredelte Unterhaltung zum Gegenstand ihrer besonderen Pflege macht. Das ist die »{RometlWeU*. Als diese Zeitschrift vor wer fahren unter den Auspicien von Hermann Sudermann, Friedrich Spielhagen, Ernst von Wrldenbruch und Ludwig Fulda gegründet wurde .erhoben sich Zweifel, ob das deutsche Publikum, soweit es Unterhaltungszeitsch l- ten liest, reif genug sein würde, um eine Wochenschrift mck so und gediegenem Programm zu unterhalten, zumal diese ^W *11 den in weiten Kreisen immer noch beliebten Schmuck von gUuftrotione Z oft zweifelhaft r Güte verzichtete. Die Zweifel sind geschwunden, denn die^Romanwelt" erfüllt noch immer ihre Ausgabe., eme »W gediegene Seetüre dem reisen Leser und der reifen Leserm darM en, mit unverminderten Kräften; ja, sie hat sich vor Kurzemisogar zuem» dankenswerthen Verbesserung ihres Formats und 'hres P«pintäna icklossen. Uns liegt jetzt das erste Heft des. neuen Quartals in gefälligen Eleganz vor. Wieder bemerken wir, daß die 3iebactton ersten und besten Namen unter unseren erzählenden Autoren u sch geschaart hat. Paul Hepse, Hans Hopfen Hermann Sudermanm Wilhelm Jensen, Ernst von Wolzogen, Rudolf Stratz, Gabriele Reuter und andere Namen ähnlichen Klanges stehen auf Programm dieses Jahrgangs und das vorliegende erste Heft vri g allem den Anfang eines neuen Romans von Wilhelm ^emen. , ! Nachbar", in welchem die ganze wilde Poesie des dreißigjährigen g ' auslebt. Die „Romanwelt" schildert nicht die Weist wie sie m Roman l ist, sondern sie bringt Romane, die schildern, wie d,e Welt ist- । ! das beste Zeugniß, das wir ihr auf den Weg mitgeben können- Lebensart und feine Sitten von Alban von Hahn- - Octav Inhalt: Besuche. — Gesellschaften. — Essen und Trinken ^amilieniestlichkeiten. - Der Verkehr auf der Straße. — Verkehr im Mater - Coneert u. s. w. - Sprache, Gespräch und Unterhaltung. -Wetten, Vielliebchen und Geschenke überhaupt - Ehrenangelegen beiten. - Conoentionelle Lügen. Geheftet 2 Mk. oO Pfg vornehm nZnhen 3 Mk. 50 Pfg. Leipzig, Otto Spam er. — Em Mann der guten Gesellschaft" unternimmt eS hier, andere in die Gepflogenhecken derselben ein »führen. Von Jugend auf gewohnt, auf sich und sem äußeres Gebaren zu achten, legt er besondere Sorgfalt darauf aus die vielen Kleinigkeiten aufmerksam zu machen, dre m feinem der land läufigen Bucher des guten Tones angegeben sind, die man aber so- leicht versieht und deren Beachtung doch eben für den guten Ton als kennzeichnend erachtet werden. Die Reichhaltigkeck des Inhalts zeigt die obige Uebersicht. Kenntniß und U-bung der Gebrauche welche die güte Gesellschaft beherrschen, sind in unserer vorwärts und aufwärts strebenden Zeit eine unabweisbare Nothwendlgkeck. Erne zuverlässige Anweisung h-erzu ist eine der nützlichsten Mitgaben Leben welche Eltern und Erzieher ihren Zöglingen darbieten können. Aber nicht der Jugend allein sollen diese Rathschläge empfohlen sem, sondern allen Lebensaltern, denn nicht selten kommt es vor daß man erstspat dazu gelangt oder durch die Verhältmfse genoth'gt wird den. Umgang mck der guten Gesellschaft auszusuchen und zu pflegen. Die Ausstattung ist dem ^Inhalt angepaßt: gewählt und fein, so daß das Merkchen recht ' wohl auch als Geschenk dienen kann. * Er j doch nicht nicht Zeit Kraft zu ihren Sch halb erstil kleinen G Wochen j< lag ste l draußen i wohl irgen Hastig rich »Die nicht ein hat schon »Sag heute verh nöthigt mli mir, bitte, Gepäck." »Jaw Nicht viellei „Wen Weit z Es handelt schaffen un Das ' fiebernder mit hierhei es entfchie! sest, daß st stadt noch ein Unterkc noch so be sie finden li