Untrchaltungstrlatl jnm Meßmer Anzeiger (Genrral-Anpiger). Gamstag -e» 12. September 1 ~ LZ? KAK Roman von E. v. Linden. (Fortsetzung.) r, «Ra, der Herr Rittmeister war dabei, als der Fuchs o bemerkte der Kutscher, „und er versteht sich auf die Pferde und wie sie behandelt werden müssen. Das kommt nur von's dolle Reiten —“ Der Amerikaner hob mit einem Fluch die Peitsche, ließ sie dann, sich gewaltsam bezwingend, wieder finken, weil er der drohenden Mahnung des Onkels gedachte. Run, es sollte diesem anfsässtgen Gestndel später eingetränkt werden. Der Stall des Barons bestand meistens au» kräftigen Acker-Gäulen und einigen schönen Wagenpferden. Es wurden nur vier Reitpferde gehalten, von denen eine Stute besonders seschont wurde, während der Fuchs das schönste und werth. vollste Thier gewesen war- Hans Justus, derüber diese „philisterhafte Knauserei«, wie er fich ausdrückte, schon öfters in seinem Bekanntenkreise gespottet hatte, sah fich nun durch eigene Schuld in die unangenehme Lage versetzt, entweder auf ein eigenes Reitpferd verzichten zu müssen, da der Onkel ihm sicherlich kein zweites Pferd, abgesehen von der Stute, schenken werde, oder sich selber ein« anzuschaffen, was ihm allerdings in Betreff der Geldmittel keine Kleinigkeit gewesen wäre, dem mißtrauischen Onkel jedoch gegenüber sicherlich zu einer unerquicklichen Auseinändersetzung führen mußte. Wie sollte er eine solche Ausgabe mit seinem schmalen Taschengelde in Einklang bringen? Blitzschnell flogen ihm diese Gedanken durch den Kopf, S imE. E finster zusammengezogenen Brauen auf das tobte Pferd blickte. -5 „Melwig muß helfen/ mit diesem rettenden Ausweg tthrte er ins Schloß zurück, wo er sich, anstatt nach seinem Thurmzimmer zurückzukehren, ins unverschlossene Wohnzimmer begäb. Sein unruhiger Blick schweifte umher, ohne an irgend einem Gegenstände haften zu bleiben. Was wollte er hier denn eigentlich? Ja so, erhalte die Ahnen-Gallerie der Amngs sich noch nicht einmal genau angesehen und gehörte doch, wie er spöttisch dachte, zu der hochmüthigen Sippe, war der einzige legitime Erbe und Träger dieses Namens. Wie, eine Fremde sollte es wagen dürfen, ihn um fein Erbe Notlügen? Und er, Hans Justus, hatte nur einen Augen- blick denken können, diese Mondschein-Prinzessin zu heirathen? Bah, was war sie gegen jene, stolze Dänin mit der könia- uchen Haltung und dem königlichen Namen! Ebba Regina Melwig sollte die künftige Herrin auf Alting werden; um dieses Ziel zu erreichen, war er entschlossen, jenes Hinderniß aus dem Wege zu räumen. Was war es weiter als ein Kampf auf Leben und Tod mit Feinden, wie solches in jedem Kriege sanctionirt war! 1 Mit diesen ebenso fürchterlichen als sophistischen Gedanken beschäftigt, betwt er ein offenes Nebenzimmer, wo Baron Justus in der Regel feine Siesta hielt, oder sich bei einer Cigarre von Ellen die Zeitungen vorlesen ließ. Es war ein traukr Raum, mit der Aussicht auf den Garten, der besonders m Winter wie geschaffen zum Plauderwinkel und zum friedlichen Ausruhen war. °ber auch keinen Funken von Wer- N«dniß für häusliche Gemüthlichkeit und friedliches Behagen. a?re:nb einen Blick umher und meinte halblaut. „Armseliges Volk, alles weibisch von einem Ende zum * Wen md J-gd.T?°ph--n ww I» dK Raum ansüllen, alle meine Sportr-Geräthschaften sollen hier KgÄ Ä ”' dam' t”m 6661 Er sann einige Minuten nach. - "Dort muß des Onkels Zimmer sein, mit dem Ausgang "ach der Halle/ murmelte er, von einem plötzlichen Gedanken erfaßt. „Hier links das Speisezimmer, doch weiß ich bestimmt daß es mit dem seinigen nicht in Verbindung steht, während ^^o?/^?b"fimmer aus diesen Raum als Durchgang benutzt hat, sich hier also eine Thür befinden muß. Er wird sein äF&'fiÄ W ttu* verschlossen haben, suchen wir f ^e Verbindungswand entlang, mit Hand und und tastend, bis er mit einem triumphirenden Aa! die von ihm vorausgesetzte Tapetenthür entdeckt hatte. Im nächsten Augenblick war Re seitwärts geschoben, Hans Justus blickte in des Onkels Zimmer, das er ohne Zögern betrat und ohne nach rechts oder links zu sehen, bis zum -1 426 Schreibtisch durchschritt. Hier befand sich Aller in Muster- Hafter Ordnung. Ein aufgeschlagenes landwirthschaftliches Buch und ein geschloffener Brief unter dem marmornen Beschwerer lagen auf dem Tisch. Hans Justus zog ihn hervor und warf einen Blick auf die Adresse, die den Namen eines Rechtsanwalts und Notars Johannsen in F. enthielt. Er schob ihn wieder an seinen Platz. Sein Blick fiel aus den Papierkorb, in dem stch nur wenige zerriffene Zettel befanden. Sich rasch darnach bückend, prüfte er ihren unzusammenhängenden Inhalt, steckte dann mit sichtlicher Erregung einige in die Tasche und befand sich nach wenigen Minuten wieder im Wohnzimmer. Als er in die Halle hinaustrat, ging die alte Wirthschafterin stumm grüßend an ihm vorüber, — ihr verwunderter Blick gefiel ihm nicht. „Warte, Spionin/ dachte er, „auch Du sollst springen!" Er kehrte in sein Thurmzimmer zurück, verriegelte die Thür und zog die zerriffenen Papierstücke hervor, die er sorgfältig sortirte und zusammensetzte. Es schien der Entwurf eines Briefes von der Hand des Onkels an seinen Notar gerichtet, zu sein, der jedenfalls also den ungefähren Inhalt des Briefes unter dem Marmorbeschwerer wiedergab. Hans Justus lächefte ingrimmig, als er die sehr flüchtig hingeworfenen Zeilen las, welche also lauteten: „Mein lieber Herr Notar! Sie haben mir die Nothwendigkeit eines Testaments so ost nahegelegt, daß ich mich nun endlich dazu entschlossen habe, zumal durch die so plötzliche Dazwischenkunft meines Neffen die Lage sich zur Ungunst meiner Tochter verschoben hat, und ich es deshalb für meine Pflicht halte, ihre Zukunft testamentarisch sicher zu stellen. Der Gedanke ihrer Verheirathung mit meinem Neffen, den Sie mir nahe gelegt haben und der mir, wie ich gestehe, auch anfangs als die beste Lösung dieses Conflicts erschien, kann nicht mehr in Frage kommen, weil meine Ellen mehr Ab- als Zuneigung für ihn empfindet, was ich ihr nicht verdenken kann, da Hans Justus auch mir wenig Sympathie einflößt." Dieser ganze letzte Satz war allerdings durchstrichen, stand somit wohl nicht im Briefe, was fich übrigens für den Leser , der drohend die Hand ballte und dann mit einem grausamen Lächeln das Concept weiter entzifferte, gleich bleiben mochte. „Um Ihre Reise nach Altinghof nun auch für Sie zu einem besonderen Genuß zu gestalten," las Hans Justus weiter, „so werde ich, da ich Sie als einen leidenschastlichen Nimrod kenne, auf den fünften October eine Jagd veran- stalten, --der Wildstand ist vortrefflich, Rebhühner find auch noch zahlreich vorhanden, somit Beute genug für den Waid- mann. Wir werden unser Geschäft dann auf den sechsten October verschieben und das Vergnügen einmal vorangehen lassen. Richten Sie fich also darauf ein, auf einige Tage mein Gast zu sein." Damit endete der Brief-Entwurf, den Baron Justus etwas zu sorgenlos seinem Paplerkorbe anvertraut hatte. „Er hätte damit vorsichtiger sein sollen," dachte der Amerikaner, finster vor sich hinblickend. „Ob ich die Papier- Fetzen wieder in den Korb werfe? Es wird jedenfalls klüger fein." Er raffte sie zusammen und erhob stch, als er Pferdegetrappel vernahm. Rasch an ein Fenster tretend, sah er unb ®Öen in den Schloßhof sprengen. Sein geübtes Reiterauge konnte nicht umhin, die elegante und sichere Haltung der jungen Dame anzuerkennen. Diese Beiden waren ihm also feindlich gesinnt, er konnte fichs jetzt schon vorstellen, wie das Testament lauten würde. ... »34 «erde mit einem Bettelbrockeu vor dis Thür ge- fttzt, murmelte er, „und die Fremde wird hier Herrin sein. Aber noch ist dieses Testament nicht gemacht, — und — (joddam — wenn ich nicht einen Riegel davor schiebe." Er blickte auf das zerriffene Concept in seiner Hand und ging dann mechanisch nach dem Ofen, um es dort hineinzuwerfen, worauf er an ein Rauchtischchen trat, ein Streichholz anzündete und darüber nachsann, wozu er es gebrauchen wollte. Er hatte das Papier im Ofen verbrennen wollen und es bereits wieder vergessen, weil feine Gedanken auf lichtscheuen Wegen umherirrten. Mechanisch nahm er eine Cigarre, warf das Streichholz, welches ihm die Finger verbrannte, fort und behielt die Cigarre unangezündet zwischen den Lippen. Hans Justus befand fich, — vielleicht zum ersten Male in seinem Leben — in einer Art geistiger Abwesenheit, er war der Gegenwart vollständig entrückt und lebte in der Zukunft. „Bah, was ist's denn weiter?" sprach er nach einer Weile halblaut vor fich hin, „ich nehme mein rechtmäßiges Eigenthum, nichts mehr und nichts weniger. Still — bist Du verrückt geworden, Hans Alting? Goddam, — ich muß in die freie Luft, dieser Thurm ist ein Gefängniß, worin ich ersticke, ein tüchtiger Ritt — ja so, der elende Gaul ist crepirt — und einen anderen wird man mir verweigern. — Well, so mag ein Spaziergang es thun — aber Luft muß ich haben, sonst geht« nicht gut mit mir." Der wilde Hans Justus mochte es sich nicht eingestehen, daß er nur einer Begegnung mit dem Onkel entgehen und wenigstens vorerst seinem B>, .eiche ausweichen wolle, weil er voraussah, daß der crepirte Gaul böses Blut gemacht hatte und den alten „Knicker" zu einer großen Vorlesung veranlassen werde. Die ganze Art und Weise des deutschen Edel- mannes war dem amerikanischen Sportmann unsäglich zuwider und er hätte den Vorschlag desselben, mit einer genügend großen Geldsumme nach Amerika wieder zurückzugehen, sicherlich angenommen, wenn ihm nicht ein größerer Gewinn, eine zu verlockende Aussicht zum Bleiben bewogen hätte. Er müße Joe Catton sprechen. — Zu diesem Entschlüsse gekommen, wärf er die schöne Jagdflinte, auch ein Geschenk des Onkels, über die Schulter, nahm Hut und Jagdtasche und verließ den Thurm, um noch einigen Rebhühnern den Garaus zu machen. Als Baron Justus, welcher ihn sprechen wollte, sein Zimmer verschlossen fand, und sich bei der Dienerschaft nah ihm erkundigte, erhielt er die Nachricht, daß der junge gnädige Herr auf die Jagd gegangen sei. „Er fürchtet sich vor meinen Vorwürfen und ist mit seiner Jagdflinte davongelaufen," sagte der alte Herr, zu Ellen zurückkehrend. „Welche Feigheit bei einer solchen Ver- wilderung!" „Feigheit wird's wohl nicht sein," meinte das junge Mädchen mit nachdenklich sorgenvoller Miene, „ich denke mir, daß er bet seiner vernachlässigten Erziehung, für welche man ihn nicht verantwortlich machen kann, und der ungebundenen Freiheit, deren er sich drüben erfreut hat, weder Ermahnungen noch Vorwürfe ruhig ertragen kann und denselben also lieber aus dem Wege geht." „Du entschuldigst also seine Grausamkeit und Rohheit?" „Nein, ich setze sie nur auf Rechnung seiner amerikanischen Erziehung, für welche doch nur sein Vater verantwortlich gemacht werden könnte." „Still, er ist tobt," erwiderte Baron Justus leise, „wir wollen ihn nicht anklagen, mein Kind! — Hat man doch auch Fälle genug, daß fremde Einflüsse die beste Erziehung zu Schande gemacht und die schönsten Anlagen und Hoffnungen vernichtet haben. Mein Bruder war ein Edelmann vom Kopf bis zur Sohle, von vornehmer Eigenart, sein Sohn, der freilich seine Gefichtszüge trägt, ist da« schnur- grade Gegentheil von ihm, während er seiner Mutter auch nicht im Mindesten ähnelt." „Sie war von bürgerlicher Herkunft?" fragte Ellen zögernd. „Allerdings, wie auch meine Mutter," versetzte der Baron mit ungewöhnlicher Schärfe, „Du glaubst doch etwa nicht, daß von mütterlicher Seite eine derartige Vererbung stattgefunden hätte?" „Nein, dann würdest Du die Frau überhaupt nicht erwähnt haben," sprach Ellen ruhig. „Sie war eine Hamburger Patriziertochter von feinster Blldung und Erziehung. Der Sohn hat seine Mutter nicht 427 gekannt, das entschuldigt viel, zumal mein Bruder ihn fremden Händen überantworten mußte und er sicherlich nicht glücklich in der Auswahl derselben gewesen ist. Nun, mein Kind, ich habe die Hoffnung aufgegeben, ihn zu civilisiren und des- halb den festen Entschluß gefaßt, ihn mit hinreichenden Mitteln versehen, nach Amer'ka zurückzuschicken." „Ich glaube kaum, daß es Dir gelingen wird, mein Väterchen," bemerkte Ellen. „Du glaubst also, daß er mir Widerstand entgegensetzen, meinen Willen n.cht respeetiren würde?" fragte Baron Justus erregt. „Bitte, rege Dich nicht unnöthig auf, lieber Vater," bat Ellen erschreckt, «es ist ja nur meine Meinung, er wird am Ende froh fi'.tt, wieder in die alten, ihm vertrauten Ver- hältniffe zurückkehren zu können." „Das meine ich auch, mein Kind," sagte Baron Justus mit einem tiefen Athemzuge, „es thut mir weh, sagen zu müssen, daß der einzige Stammhalter meines Geschlechts nicht würdig ist, bas Erbe seiner Vorsahren anzutreten." „Und doch hat er es verstanden, sich so sehr beliebt zu machen," wandte Ellen ein, „man wird sagen, daß Du ihn um einer Fremden willen verstoßen hast." „Du bist keine Fremde in diesem Hause, meine Tochter, stehst meinem Herzen näher als dieser Neffe, von welchem ich bisher nichts gewußt habe. Wenn Du heirathest, wird Dein Gatte den Namen Alling mit dem seinigen verbinden." „Sprich nicht davon, Vater, ich werde Dich nie verlassen." „Sollst Du auch nicht," fiel der Baron lächelnd ein, „weil Dein künftiger Gatte Altinghof übernimmt. Doch fürchte nichts, Du sollst nur Deinem Herzen folgen, wenn dieses für Harald Römhild sprechen sollte —" „Nein, nein, Du irrst," unterbrach ihn Ellen hastig, während ihr Gesicht abwechselnd roth und blaß wurde, „Harald Römhild ist mir völlig gleichgültig und auch kein guter Mensch." „Woraus folgerst Du diese schwere Behauptung?" fragte der Baron ernst. „Ach, das war dis Geschichte, welche ich Dir an jenem Abend, als der Brief aus Amerika eintraf, erzählte wollte, Du wirst Dich dessen nicht mehr entsinnen, lieber Vater!" Baron Justus suchte in seiner Erinnerung. «Ja, ja, ganz recht, wir sprachen von den Vorzügen des Landlebens und Du behauptest, daß nur wir und unseresgleichen den vollen Genuß davon hätten. Ach, liebes Kind, Du hast keine Ahnung davon, mit welchen Sorgen der Großgrundbesitzer oft zu kämpfen hat, und wie manch' kleiner Hofbesitzer nicht mit ihm tauschen möchte." „O, das ist mir nicht unbekannt," erwiderte Ellen, „der alte Herr von Römhild hat mir dieses Lied häufig genug vorgesungen. Ich glaube aber, daß seine Söhne zu viel ge« brauchen und dadurch die Sorgenlast des alten Herrn verursachen." „Nun, Harald ist doch der solideste junge Mann, der mir jemals vorgekommen ist." „Sein Vater ist jetzt auch auf ihn nicht gut zu sprechen, und was ich jüngst von Laura Erlbeck über ihn hörte, konnte nur meine schlechte Meinung über Harald Römhild bestätigen." „Erkläre Dich deutlicher, mein Kind," bat der Baron unruhig. „Ich will's durchaus nicht ableugnen, daß ich Harald von Herzen gut gewesen bin," sagte Ellen leise, „ob es aber die Liebe war, von welcher die Dichter singen, möchte ich doch bezweifeln, weil meine Zuneigung alsdann wohl nicht so gänzlich auf den Gefrierpunkt gesunken wäre, als ich seinen grausamen Character erkannte. — Wenn ich an die armen Bauern, und an die Taglöhner von Hirschholm denke, welch' letztere so gut wie Leibeigene find, dann werde ich von tiefer Traurigkeit erfüllt. Ich war bei Charlotte Römhild zum Besuch, wir machten einen Spaziergang durchs Dorf, und da sah ich mit Entsetzen, wie Harald einen alten Mann grausam mit der Hetzpeitsche schlug, weil der Unglückliche, der sich matt und unwohl fühlen mochte, zu früh Feierabend gemacht hatte." „Das ist empörend," rief der Baron, „fein Vater wird nichts davon wissen, mein alter Freund Römhild ist nicht hart gegen feine Leute. Und was sagte Charlotte dazu?" „Sie lachte mich aus, als ich meiner Empörung Ausdruck gab. Ich habe sie seitdem nicht wiedergesehen." „Ach, diese Jemand," seufzte der alte Herr, „wie so ganz anders ist sie heute als zu meiner Zett. Aber auch die Römhilds haben die Mutter zu früh verloren, das bleibt ein Unrecht für's ganze Lben. Ich sage Dir, Ellen, genau so, vielleicht noch um einige Grad schlimmer, würde mein Neffe Hans Justus als Gutsherr von Altinghof werden. Nein, vor diesem Unglück muß ich meine armen Leute bewahren." „Würdest Du noch meine Heirath mit Harald Römhild befürworten, lieber Vater?" fragte Ellen. „Nimmermehr, meine Tochter, lieber ledig bleiben, als an einen Mann ohne Herz und Character zeitlebens gekettet sein. Apropos, was ich Dir noch mittheilen muß, wir werden am fünften, also in drei Tagen, eine Jagd-Gesellschaft haben, zu welcher ich morgen die Einladungen ergehen lassen will. Natürlich werden die Römhild's auch dabei sein, Charlotte ist eine eifrige Jägerin, ich kann sie und den Bruder nicht gut übergehen." „Nein, nein, Vater, thue das auch um keinen Preis," rief Ellen erschrocken, „ich kenne meine gesellschaftlichen Pflichten, es ist ja genug, daß wir uns verständigt haben. Wirst Du Melwig und feine Nichte ebenfalls einladen?" setzte sie zögernd hinzu. „Nein, erwiderte der Baron sehr kurz und mit ungewöhnlicher Festlichkeit, „diese Menschen gehören nicht zu uns, ich wäre der Letzte, ihnen mein Haus zu öffnen. — Du wirst so freundlich sein, liebe Ellen, die Einladungsliste aufzusetzen," setzte er dann, sich gewalsam fassend, hinzu. „Ja, Papa — doch hätte ich eine Bitte —" „Nun, mein Kind?" „Gieb Deinem Neffen nicht die braune Stute, er würde auch dieses liebe, treue Thier nicht schonen." „Meine Alraune, die mir durch ihre Fixigkeit schon mal das Leben gerettet hat? — Wo denkst Du hin, Kind! Lieber würde ich das Thier erschießen, als es solchen Barbaren-Händen anvertrauen. — Hans Justus bekommt kein Pferd mehr von mir, wir sind miteinander fertig." „Du wirst ihm das nicht sagen, Papa!" bat Ellen mit einem seltsam flehenden Blick, wenigstens nicht vor dem Jagdtage." Der alte Herr sah sie forschend an und erschrak dann sichtlich. (Fortsetzung folgt.) Gesundheitspflege im September. Bon Dr. Otto Gotthilf. ------- (Nachdruck verboten.) Der September in seiner Eigenschaft als Spätsommermonat und auch wieder als Frühherbstmonat legt uns die Verpflichtung auf, einerseits die etwa noch kommenden schönen Sommertage recht fleißig durch Bewegung im Freien zur Kräftigung des Körpers auszunutzen, damit wir einen möglichst großen Gesundheitsvorrath für den Winter in uns ansammeln, andrerseits an den schon herbstlich kühlen Tagen und Abenden uns durch warme Kleidung vor Erkältung zu schützen. Es ist eine ganz falsche Bravour, recht abgehärtet erscheinen zu wollen, indem man die dünne Sommerkleidung bis in den Spätherbst hinein trägt. Dadurch entzieht man dem Körper eine übergroße Wärmemenge, beeinträchtigt die Thätigkeit der Haut, bewirkt eine Verlangsamung der Blut- und Säftecircu- lation, besonders in den entfernteren Körpertheilen, also Händen und Füßen, so daß dieselben leicht kalt werden und im Winter eher erfrieren. Vermehrt werden diese Uebelstände noch durch eucht-neblige oder regnerische Witterung. Daher ist warme wollene Unterkleidung jetzt oft nöthiger als im trockenen.kalten — 428 Winter. Diese ist auch bedeutend zweckmäßiger, als ein dicker Ueberzieher, da sie wärmer hält und Athmung und Brust weder beschwert noch belästigt. Will man sich zum Schutze gegen die Niederschläge einen Regenmantel anschaffen, so achte man ja darauf, daß derselbe porös ist; sonst wird die Ausdünstung der Haut verhindert, es entsteht unter der Kleidung eine schwüle, feuchte Treibhausluft, welche für die Hautathmung höchst nachtheilig ist. Wohl verwahrt und warm gekleidet möge man dann aber getrost dem Herbstwind und -Wetter Trotz bieten und täglich bei jeder Witterung fpaziren gehen, um seinen Körper allmählich an des Winters Kälte und Stürme zu gewöhnen und nicht frühzeitig ein „Stubenhocker" zu werden. Je ungünstiger das Wetter ist, um so schneller marschire man, namentlich gleich nach Verlassen der Behausung. Wer in einer hügeligen oder bergigen Gegend wohnt, möge dort tüchtig herumklettern, was jetzt nur Annehmlichkeiten bereitet, da das lästige Schwitzen fast ganz fortfällt; das ist dann die beste Gymnastik für Muskeln und Lungen! Besonderes Augenmerk ist auf die Bekleidung der Füße zu richten. Wollene Strümpfe und bequeme Schuhe find die erste Bedingung. Enges Schuh werk preßt die Adern zusammen, verdrängt bas Blut aus den Füßen und vermindert daselbst die Säfte- und Blutcirculation. Dadurch werden die Füße leicht kalt, sind oft wie „abgestorben" und „eingeschlafen", werden auch im Winter infolge der Blutstauung leichter von Frostbeulen befallen. Nach der Rückkehr vom Spaziergange sind trockene Strümpfe anzuziehen, auch wenn die anderen nicht fühlbar »aß waren, da sie doch stets vom Schweiß etwas feucht und schmutzig find. Des Herbstes Wind, Regen und Nebel schadet unserem Körper gar nichts, wohl aber ist der sogenannte „Zug" schädlich, welcher unser« Körper theilweise trifft, wenn wir im Zimmer am offenen Fenster sitzen. Dadurch tritt eine Erkältung des vom Winde hauptsächlich getroffenen Körpertheiles ein, welche meist Rheumatismus oder einen Katarrh nach sich zieht. Fühlt man an einer solchen durch „Zug" erkälteten Stells Reißen eintreten, so halte man sie vor allem recht warm und lasse sie nach Etnreiben mit irgend einem Oels von Angehörigen öfters maffiren, d. h. streichen und drücken. Auf eine besonders Kunstfertigkeit in der Technik der Massage kommt es dabei zunächst nicht so genau an- Dadurch wird man das liebel llleich in der Wurzel unterdrücken und sich viele Schmerzen für bett Winter ersparen. Da unser Organismus jetzt wieder mehr Wärme braucht als im heißen Sommer, so muß man natürlich den wärmebildenden Nahrungsstoffsn in höherem Maße zusprechen. Vom Vegetarismus gehen wir zum Animalismus über. Fleisch und fette Speisen, Abends Thee und Kaffee kommen wieder mehr zu Ehren. Dabei dürfen wir aber jenes pflanzliche Product nicht vernachlässigen, welches gerade in der jetzigen Jahreszeit von der fürsorglichen Mutter Natur in Hülle und Fülle uns dargeboten wird: das Obst. In neuerer Zeit allerdings hat man den Wert des Obste» immer mehr kennen und schätzen gelernt, aber doch wird es in manchen Kreisen noch nicht so geachtet, wie es seiner Natur nach verdient; denn ganz entschieden ist es unserem Organismus höchst zuträglich uud gesund. Von Nahrungsstoffen enthält das Obst fast nur Zucker und organische Salze, während die Säuren ihm den charac- teristischen Geschmack und das eigenthümliche Aroma verleihen. Wir fragen beim Obste vor Allem nach seinem Wohlgeschmack, und schätzen und bezahlen es mehr nach diesem al» nach seinem Mhrwerthe. Der Wohlgeschmack aber wird bedingt durch das Verhaltniß zwischen löslichen und unlöslichen Substanzen, so zergeht einem förmlich auf der Zange der Pfirsich und die Reineclaude, weil dtess Früchte verhältnißmäßig arm sind an unlösltcher Cellulose, während z. B. dis daran reiche Heidelbeere ein entgegengesetztes Verhalten zeigt. Von den physiologischen Wirkungen des Obstes auf unfern Organismus gilt im Allgemeinen, daß die säuern und säuerlichen Arten, wie Johannisbeeren und Pflaumen, eine eröff, «ende, abführende Eigenschaft besitzen, während die süßen, wie Erdbeeren, Birnen und die süßen aufklaffenden Weinbeeren leicht verstopfen. Wir besitzen also in den säuerlichen Früchten ein höchst angenehmes, sehr milde wirkendes Abführmittel. Wohl merke man sich aber, daß Obst um so schwerer zu verdauen ist, je mehr Hülsen, Kerne und Zellstoff mit demselben genossen werden. Von den Aerzten hat namentlich Professor Uffelmann immer wieder darauf hingewiesen, welch günstigen Einfluß die Obstkuren haben bei hochgradig darniederliegender Verdauung, bei chronischem Magencatarrh, besonders nach übermäßigem Genuß geistiger Getränke, bei Hämorrhoiden, bei Blutandrang zum Gehirn, bei Skorbut und bei gewissen Er- krankungen der Leber und der Milz. In allen diesen Fällen sind die organischen Säuren der Früchte mit ihrer gelind abführenden Wirkung von sehr günstigem Einfluß. Rament- j?u,*e5 hat die Obstkur bei den Hämorrhoidariern, die bei sitzender Lebensweise an gestörter Verdauung, Con- gestitionen und hypochondrischer Gemüthrstimmung leiden. Schon der Arzt Stolpertus sagt: „Van Switen heilete den schwarzen Milzbruder mithäufigen Kirschen." Für fiebernde Kranke ist die kalte Brühe von gekochtem Obst ein wahres Labsal, und für Jedermann bilden Obstkaltschalen, oder Wasser mit Fruchtsaft ein erquickendes und angenehme» Getränk. Auch der Apfelwein sollte viel mehr Anerkennung finden, besonder» bei Vieltrinkern und Vielessern. Geradezu medicinische Wirkung hat er bei Steinkranken. In ärztlichen Kreisen ist es allgemein bekannt, daß in Apfelweingegenden Steinoperationen sehr selten sind. Dr. Denis-Dumont, Arzt in der obstreichen französischen Normandie, hat mit zuerst hierauf hingewiesen und als Grund angegeben, daß durch den regelmäßigen Genuß dieses Cider (Obstwein) kohlensaurer Alkali im Organismus gebildet werde und er daher in gleicher Weise wirke, wie die kurgemäße Anwendung der Mineralwasser von Vichy, Vals rc. Eine regelmäßige Obstkur wird fast nur mit Weintrauben durchgeführt; denn einerseits wird hartes Obst, wie Aepfel und Birnen, nur in geringer Menge vertragen, andrerseits find die weichen Früchte, z. B. alle Beerenarten, nur für die kurze Zeit ihrer Reife verwendbar. Es ist nicht rathfam, die Trauben frisch von den Stöcken zum Essen zu nehmen. Namentlich Morgens find die Weinberge zu feucht und die Träuben zu kalt. Zudem weiß man dann nicht genau die Menge, die man ißt. Die Trauben, welche ein bis zwei Tage liegen, sind besser temperirt und nachgereift, als die frischen. Die Diät, welche bei der Traubenkur zu beobachten ist, richtet sich besonders nach dem Zwecke, den man zu erreichen trebt, d. h. danach, ob die Kur eine nährende oder eine die Ernährung schmälernde sein soll. Im ersten Falle sind zu empfehlen süße Trauben und viel mageres Fletsch, im letzten saure Trauben und wenig Fleisch. Ganz zu vermeiden sind aber stets alle Substanzen, welche den Magen irgendwie beschweren, z. B. harte, fette, dichte oder rohe Speisen (Schweinefleisch, Käse, schweres Backwerk, fette Mehlspeisen, Schwarz- brod). Waffergenuß ist einzuschränken, etwas Wein erlaubt. Milch kurz vor oder bald nach dem Traubengenuß ist nicht zuträglich. Bewegung im Freien trägt bedeutend zur schnelleren Verdauung bei. Wir können also mit Recht sagen, daß wir im Obste da» beste und angenehmste Naturheilmittel besitzen. Möge dies immer mehr anerkannt und gewürdigt werden. Zur Reifezeit sollte in jedem Hause auf dem Tische von früh bi» spät ein Teller frischen Obstes stehen zu Nutz und Frommen für Jung und Alt. Denn stet» wird wahr bleiben, was schon vor zweiundeinhalb Jahrhunderten der Breslauer Dichter Lozau sang: „Wie ist es doch gesund, auf Speisen, die da nähren, zu Zeiten frisches Obst erquicklich zu verzehren!" Redaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.